Uvils Erinnerungen – 25

Yfel – Juli 25

Im Turm

Was für ein Pfusch, das alles. Aber so richtig beschissene Qualität.

Bullwai klopft mit dem Fingerknöchel gegen die Wand.

Ein Stück Putz bricht aus. Kalk rieselt.

Hätten Zwerge den Scheiß hier gebaut, das würde nicht mal nach tausend Jahren so aussehen.

Überall Schutt. Haufen aus herausgebrochenem Gestein. Irgendwelches verrottende organische Material. Überzogen von einer milchig weißen Schicht feinsten Kalkstaubs.

An der gegenüberliegenden Wand. Ein riesiger Wandteppich. Feucht. Schimmelig. Stockflecken. Aber immerhin bestickt.

Reiter. Krone. Schwert. Offensichtlich ein König.

Dahinter eine Frau. Schlank. Dunkelhaarig. Reitet hinter dem König.

Sie trägt einen Stab. Mit Ketten. Im Teppich sind an dieser Stelle zwei glitzernde Punkte eingenäht.

Die Steine, sagt Ramir, ich werd mir das mal näher ansehen.

Er packt das Falchion. Hechtet zum Teppich. Guckt. Den Kopf weit in den Nacken gelegt.

Vor dem riesigen Teppich.

Nur zwei stinknormale Edelsteine glaub ich, sagt er. Nix besonderes.

Ich trete neben ihn. Ob ich irgendwelche Magie wahrnehme.

Tatsache, sage ich. Nur scheiß stinknormale Steine.

Paar Schritt neben dem Teppich führt die Treppe an der Wand hinauf ins obere Stockwerk. Steinstufen. Ragen aus dem Mauerwerk. Hölzerne Balustrade. Natürlich völlig morsch.

Die Treppe macht genau zwei Runden im Karree. Schraubt sich an den Wänden des viereckigen Turms in die Höhe. Zack-zack-zack-zack. Genau zwei mal. Zack-zack-zack-zack.

Obendrüber Gewölbedecke.

Da, sagt Bullwai. Sein Arm schnellt in die Höhe.

Was denn jetzt schon wieder, sagen wir.

Da oben ist gerade ein Fuß verschwunden.

Bullwai zeigt nach oben, wo die Treppe in das Gewölbe übergeht.

Wir folgen seinem Blick. Starren lange nach oben.

Bullwais Arm sinkt herab.

Kam mir auf jeden Fall irgendwie so vor, sagt er.

Macht ja nix, sage ich. Lege Bullwai freundlich meine Hand auf den Helm.

Aus den Augenwinkeln sehe ich Handon. Der zieht den Bogen aus. Pfeil auf der Sehne.

Behutsam tastend geht er auf die Treppe zu. Lässt den Durchgang im Gewölbe nicht aus den Augen.

Frische Fußabdrücke auf dem Boden, sagt er.

Hektische Spuren, sagt Handon. Eher kleine Füße. Könnten von einer Frau stammen. Ziehen sich die Treppe rauf. Immer zwei Stufen auf einmal.

Handon macht sich auf den Weg nach oben.

Hier ändert sich das Muster, sagt er. Mehrere Spuren auf der gleichen Stufe. Offensichtlich hat die Gute hier ein kleines Päuschen eingelegt. Auf jeden Fall ist Blut am Geländer.

Er schnüffelt daran. Dann tastet er sich weiter.

Bullwai und Ramir folgen ihm.

Nach einer Umdrehung im Karree, zack-zack-zack-zack, erreichen sie die halbe Höhe. Dort oben befindet sich ein vergittertes Fenster in der Wand.

Ramir schaut raus.

Nanu, sagt er, da draußen ist Dalb.

Natürlich, sagt Bullwai. Dalb. Schwebt direkt vorm Fenster, ja.

Schnauze, Blecheimer, sagt Ramir, schon unten im Tal. Mindestens dreihundert Schritt wie die Krähe scheißt.

Dalb Redet mit paar Rittern.

Mit Rittern …, sagt Handon, ohne den Blick von der Luke zu lassen. Die ausgezogene Bogensehne an der Wange.

Ja, sowas in der Art, sagt Ramir. Acht Mann vielleicht. Alle in Rot. Massive Rüstungen. Schwerter. Doppeläxte. Rostige Ketten statt Gürtel. Und…

Ramir stockt.

Sei einfach ruhig, sagt Handon. Ich hab keinen Bock mehr auf Rostbrüder.

Ramir starrt mit weit aufgerissenen Augen schweigend aus dem Fenster.

Alles klar bei dir, Ramir, sagt Handon.

Was´s denn los, sagt Bullwai auf Zehenspitzen. Er versucht verzweifelt, einen Blick über die Fensterbank zu erhaschen. Jetzt mach´s nicht so spannend.

Ich dachte immer, die verarschen uns, sagt Ramir.

Er atmet stoßweise.

Wer verarscht uns, sagt Bullwai, haben die jetzt vier Arme, oder irgend sowas.

Nicht nur vier, sagt Ramir. Die meisten schon. Aber ein paar…. Ein paar sogar noch mehr.

Scheiß drauf. Ich setze zwei Silber auf Dalb, sagt Handon, ohne den Blick von der Öffnung am Treppenabsatz zu wenden. Den Pfeil auf der Sehne.

Zwei Silber, sagt Ramir. Gegen diese Typen da unten. Du bist ja nicht ganz dicht.

Kannst ja dagegen wetten, sagt Handon. Zwei Silber. Mein Wort steht.

Dabei schiebt er sich, die ausgezogene Bogensehne an der Wange, die nächste Stufe aufwärts.

Ramir starrt aus dem Fenster.

Dalb spricht jetzt mit denen, als wären das alte Freunde. Breitet die Arme aus. Kommt doch zum Hasenbraten, ihr Lieben. Ich bitte euch, meine Freunde. Fast höre ich ihn das sagen. Genauso guckt er. Zeigt auf seinen Turm. Und jetzt….

Ramir wirft sich zur Seite. Drückt sich keuchend an die Mauer neben dem Fenster. Hält den Atem an.

Wirklich alles in Ordnung bei dir, sagt Handon. Sichert die Luke am Ende der Treppe.

Und jetzt hat er mich angesehen, sagt Ramir. Er hat genau zu mir hoch gegrinst. Ich schwör´s. Der hat mir direkt in die Augen geguckt. Aus dieser Entfernung. Der weiß ganz genau, wo wir gerade sind und was wir machen. Der weiß das alles. Ganz. Genau.

Ist ja auch n Dämon, sage ich von unten aus dem Saal. Irgendwas muss so ein Dämon ja können, außer Hasenbraten.

Aber irgendetwas an dem Wandteppich stimmt nicht. Eine innere Stimme sagt mir, dass er ein Geheimnis verbirgt.

Jetzt lass den Scheiß Wandteppich, sagt Ramir. Immer noch an die Wand gedrückt. Wir haben hier grad echt andere Sorgen.

Ich komme gleich nach, sage ich. Ich guck nur mal eben kurz.

Ich untersuche den steinalten Wandbehang.

Das uralte Textil hängt nicht direkt an der Wand. Zwischen Mauerwerk und Stoff befindet sich gut eine Handbreit Luft.

Ich begutachte die Lücke von der Seite. Zwänge mich dahinter.

Und werde fündig.

Eine Tür, sage ich. Hier ist eine Tür hinter dem Vorhang.

Eichentür. Erstaunlich guter Zustand.

Echt, sagt Bullwai, und gibt seine sinnbefreiten Bemühungen auf, aus dem Fenster schauen zu wollen.

Er eilt die Treppe herab. Zwängt sich in den modrig riechenden Spalt hinter dem Vorhang.

Wo ist sie. Zeig her.

Hier, sage ich. Tür.

Kommt man sogar dran ohne hochhopsen.

Bullwai rollt die Augen. Geht immer schief, wenn ein Todesmagier versucht, witzig zu sein.

Er rempelt mich zur Seite. Hebelt die Axt in die Tür.

Ich halten den Vorhang auf Abstand.

Bullwai wirft sich gegen den Axtstiel.

Zum Krachen von Bullwais Axt dringt Ramirs Stimme dumpf durch das dicke Gewebe.

Die Eisengarde schwärmt aus, sagt Ramir, sie suchen Holz. Sieht zumindest schwer danach aus.

Bullwais Axt reißt derweil ein paar lange Splitter aus dem Türblatt. Der Zwerg taumelt einen Schritt zurück. Fällt mit einem sanften Schmatzen in den schlammig weichen Vorhang. Pilzsporen stäuben über ihm in die Luft.

Sag mal, Handon, höre ich Ramirs Stimme dumpf durch den dicken Stoff. Willst du eigentlich meinen Langbogen haben. Eigentlich brauche ich den ja jetzt nicht mehr.

Klar doch. sagt, Handon. Gerne. Warum. Hat der Dalb die Eisenmänner denn schon platt gemacht, oder was.

Quatsch, sagt Ramir. Klingt genervt. Weil mir eine Hand fehlt. Deshalb.

Ach so, sagt Handon. Gut. Na dann. Und ihr zwei da unten. Was läuft denn da jetzt hinter dem Vorhang. Oder macht ihr euch da einfach nur ne schöne Zeit.

Bullwai wirft sich erneut gegen den Axtstiel. Die Tür bricht krachend aus den Angeln und springt mir entgegen. Ich ducke mich weg. Das herausfliegende Türblatt trifft mich trotzdem schmerzhaft an der Schulter.

Ich reibe meine Schulter. Schaue Bullwai vorwurfsvoll an.

Hier läuft alles nach Plan, sagt Bullwai. Er grinst breit.

Und hinter der Tür befindet sich übrigens eine Mauer.

Oha, sagt Handon dumpf durch den Stoff. Eine Mauer.

Ich betaste die Steine.

Eine Trockenmauer sage ich. Ohne Mörtel. Die Steine sind nur lose aufgeschichtet.

Tatsächlich?, sagt Bullwai. Die Fäuste in die Hüfte gestemmt.

Ich nehme ein paar Steine heraus. Gleißendes Licht blendet mich. Ich muss die Augen zusammenkneifen. Dahinter strahlend blauer Himmel.

Bullwai packt mit an. Zusammen entfernen wir weitere Steine.

Die Tür führt ins Nichts. Unter uns geht es senkrecht in die Tiefe. Weit unten ein kleines Plateau mit einem Kran. Danach geht es noch weiter in die Tiefe.

Ich habe ein flaues Gefühl im Magen.

Bullwai steckt seinen Kopf durch die Tür.

Hier draußen ist eine Leiter, sagt er.

Naja, sage ich. Leiter.

Es ist weniger eine Leiter als eher ein Gestell aus dürrem, verrosteten Draht. Beginnend bei dem Plateau mit dem Kran unter uns. Dann außen an der Turmwand hoch, an unserer Tür vorbei, über uns zwischen zwei Fenstern hindurch, bis oben zum Zinnenkranz.

Mich schaudert.

Ich hasse, „das Oben“, sage ich.

Bullwai schaut mich verwirrt an.

Aus der Ferne hören wir Äxte. Das Splittern von Holz. Weit weit unter uns in der Tiefe.

Unser Besuch scheint ja schwer was vorzuhaben, sagt Bullwai.

Hinter uns reißt jemand den schmatzenden Vorhang zur Seite.

Ramir taucht vor uns auf.

Eine Leiter, sagt er. Die ist definitiv mein Revier. Ihr könnt ja gerne die Treppe nehmen, wenn ihr´s komfortabel mögt. Aber  ich werde im rechten Moment aus dem Hinterhalt auftauchen. Verblüffender Überraschungsangriff aus dem Nichts.

Weiß ja nicht, sagt Bullwai, ob die noch hält. Sollte man vielleicht erst mal gucken.

Aber Ramir ist schon durch die Tür nach draußen verschwunden.

Bullwai grinst schräg. Vor allem mit nur einem Arm. Schon verwegen, der Ramir.

Zuckt die Schultern. Macht sich auf den Weg zur Treppe.

Ich stehe alleine hinter dem Vorhang. Zaudere. Ringe mit mir selbst.

  1. Ich nehme auch die Leiter, sage ich schließlich – völlig verblüfft über meine eigene Entscheidung.

Auf der Treppe

Bullwai und Handon auf der Treppe.

Der Zwerg die Axt im Anschlag. Der Mensch einen Pfeil auf der Sehne.

Der Durchgang von der Treppe ins Gewölbe.

Aus der Öffnung dringen Geräusche.

Ein Schwingen.

Heftige Schritte.

Das Pfeifen von Stahl.

Eine Klinge flattert durch die Luft.

Ein Schrei. Eindeutig weiblich.

Holz birst.

Ein Möbelstück.

Etwas poltert zu Boden.

Handon beschleunigt. Die Treppe hinauf.

Den Bogen ausgezogen.

Stahlharter Blick.

Zügig aber zugleich taktisch bedacht nimmt Handon Stufe um Stufe.

Bullwai hoppelt hintendrein.

Nicht minder zügig und taktisch.

Scheiß Menschen-Architektur. Völlig falsch proportioniert das alles.

Handon hält inne. Gibt Bullwai Zeichen zu warten.

Sie erhaschen schräg über sich einen Blick in ein prunkvolles Gemach.

Die Dolchfrau erscheint im Durchgang. Das Gesicht schmerzverzerrt. Klaffende Schnittwunden an Armen und Beinen. Blut tritt aus.

Sie humpelt. Versucht zu fliehen.

Hält inne.

Ihre Augen weiten sich.

Ein verwirrter Ausdruck tritt auf ihr Gesicht.

Ihr Hemd reißt vorne auf. Eine rostige Stahlspitze schiebt sich aus ihrer Brust.

Ruckt zweimal hin und her.

Verschwindet dann wieder.

Die Frau kippt vorwärts Richtung Handon.

Stürzt krachend auf die Stufen. Rutscht bäuchlings ein paar Stufen abwärts. Kopf voran. Bleibt direkt vor Handons Füßen liegen.

Der Staub von Jahrhunderten wirbelt auf und glitzert im goldenen Schein der einfallenden Sonnenstrahlen.

Die gefallene Messerfrau gibt den Blick frei auf einen gewaltigen Untoten.

Umspielt vom goldenen Tanz des aufgewirbelten Glimmers.

In der Hand einen blutigen Zweihänder.

Der Kopf mit einer wuchtigen und fein ziselierten Krone.

Um die Schultern den purpurroten Mantel eines Königs.

Die toten Augen richten sich auf Handon.

Scheinen ihn festnageln zu wollen.

Da seid ihr ja Männer, grunzt der tote König.

Doch noch zu was zu gebrauchen, was?

Handon und Bullwai starren ihn wortlos an.

Zu ihren Füßen die tote Frau in einer größer werdenden Blutlache.

Nun steht nicht da rum, wie die Ölgötzen, sagt der König.

Kommt rein.

Handon nimmt zögerlich den Bogen runter.

Schaut aus den Augenwinkeln Bullwai an. Der nickt unmerklich.

Sie folgen dem Leichnam in das Prunkgemach.

Diese verrottete, alte Schlampe, knarrt der König. Dachte wohl, sie kann mir mein Schwert rauben. Aber da hat sie zu einfach gedacht.

Der König gibt ein klapperndes Geräusch von sich, das man für eine Art Lachen halten könnte.

Handon und Bullwai treten über die Schwelle ins Gemach.

Hinten an der Wand eine Bettstatt. Unter einem Himmel aus samtrotem, mottenzerfressenem Stoff eine völlig durchgelegene und verschimmelte Matratze in einem abgewetzten, mit Schnitzereien, schon lange verblassten Intarsien und bröselndem Blattgold verzierten Holzgestell.

An der Wand dahinter ein gewaltiges Gemälde.

Das Bild einer bemerkenswert schönen Frau.

Sie hält das Szepter mit beiden Armen in die Höhe.

Die Leiter

Derweil Ramir und ich.

Draußen an der Mauer.

In Höhen, die man schon längst nicht mehr als schwindelerregend bezeichnen könnte.

Zu abstrakt für die Wahrnehmung. Zu gewaltig der Eindruck.

In weiter Ferne, rings unter uns, spannt sich ein gewaltiger Horizont im Halbkreis.

Darüber ein endloser, strahlend blauer Himmel.

Wabbelige Wölkchen purzeln übers Firmament.

Vor mir der rohe, unbearbeitete Fels.

Eher aufgeschichtetes Bruchgestein als Mauerwerk.

Unter mir das gewaltige Nichts.

Leere unter den Fußsohlen.

Tief unten, winzig klein zu erkennen, der hölzerne Kran.

Allein vom Hinsehen spürt man die Fallbeschleunigung.

Nur gebremst durch das armselige Drahtgestell, an das wir uns krallen.

Rostig. Verbogen. Fragil.

Ja, überhaupt. Diese Leiter.

Falls man sie so nennen darf.

Mal liegen die Sprossen straff gezurrt fest an der Mauer. Man sucht verzweifelt nach einer Lücke zwischen Fels und dem rostigen Draht. Irgendetwas, in das du deine Finger quetschen könntest. Was dich am Absturz hindern könnte.

Dann wieder gelockerte Maueranker. Die Witterung von Jahrhunderten. Sobald sie Gewicht spüren, gleiten sie wie selbstverständlich aus der Wand.

Das Klappern von losem Metall in Gestein. Niederrieselnder Kalk.

Du krallst dich fest. Das Gestänge kippt weit hinaus ins Nichts. Bleibt mit einem Ruck schlingernd im Wind stehen. Mehr als Armeslänge von der Wand entfernt.

Du kannst sie nicht mehr erreichen.

So nah und doch so fern, flatterst du freischwebend in der Unendlichkeit.

Nichts unter den Füßen.

Du zerrst dich, mit zitternden Fingern, Sprosse um Sprosse nach oben.

Der Wind zerzaust deine Haare.

Dein Mantel weht über dir wie ein Segel. Wirft dich samt Leiter umher wie ein führerloses Boot.

Die hektisch schlingernden Sprossen torkeln unter deinen Fußsohlen auf und nieder.

Aber irgendwann.

Irgendwann klappt die Leiter völlig unvermittelt einfach wieder zurück an die Wand.

Und du hast Ruhe.

So lange, bis der nächste Maueranker über dir ausbricht.

Kalk herab rieselt.

Eine Leiter, die nicht wirkt, als habe man sie hier angebracht, sondern eher, als habe der letzte Herbststurm sie herangeweht.

Als habe sie sich nur versehentlich hier verfangen.

Diese Schlampe, sagt Algoroth, diese Fotze.

Ramir und ich schlingern soeben frei pendelnd an den Fenstern aus Butzenglas vorbei.

Ein paar  Glasscheibchen fehlen. Im Vorbeischwingen hören wir Fetzen von dem, was drinnen gesprochen wird.

Ich packe nach dem rostigen Draht vor meinem Gesicht. Der Maueranker über mir quietscht schrill.

Besser einfach nicht drauf achten.

Ich ziehe mich eine Sprosse höher.

Hier. Trinkt das, röchelt die Stimme des toten Königs durch das Butzenglasfenster direkt in meinen Schritt.

Ein Krug schlägt trocken gegen ein metallenes Trinkgefäß.

Pock.

Klingt ebenso leer wie der Becher von James unten in der Halle.

Danke sehr, höre ich Bullwai piepsen. Es ist mir … wirklich, … also schon … ja also doch …wie soll ich es sagen, ja, also wirklich eine große Ehre.

Der König grunzt eine Weile rhythmisch vor sich hin.

Aaaah, seufzt er schließlich und rülpst.

Ein Metallgefäß schlägt scheppernd auf den Fliesenboden.

Aber ziemlich fades Gesöff, wenn ihr mich fragt. Den scheiß Wein bestell ich nicht nochmal.

Aber dennoch, höre ich Handons heitere Stimme, dennoch möchte ich einen Toast auf Eure ungebrochene Mannes- und Kampfkraft bringen.

Ach, Handon, denke ich. Mittlerweile kenne ich unseren Händler ja schon ein bisschen. Er kann´s einfach nicht lassen, alles und jeden zu manipulieren.

Ein feiner Knall. Ein Ruck.

Das Metall in meinen Händen erbebt.

Kalk rieselt.

Ramir keucht.

Ich schaue nach oben.

Über mir fuchtelt Ramir einhändig Richtung Mauerkrone.

Ein Rätsel, wie der sich ohne zweite Hand überhaupt an der Leiter halten kann.

Ramir fuchtelt.

Findet Halt. Packt zu.

Zerrt sich einarmig in die Höhe.

Zwei, drei strampelnde Schritte über mir.

Ich sehe seine zappelnden Beine über die Mauerkrone verschwinden.

Ich pendle an der sich langsam beruhigenden Leiter sanft vor und zurück.

Über mir kullern kugelige Wölkchen über den strahlend blauen Himmel.

Nur noch ein paar Züge.

Dann greife auch ich nach der Mauerkrone und ziehe mich ebenfalls über die Kante.

Ich liege flach auf dem Bauch.

Ramir ragt hoch gegen die Sonne auf.

In der Hand den Ring einer geöffneten Dachluke.

Von unten Handons Stimme.

Der König

Schließlich stehen wir alle im Halbkreis in Algoroths Gemach.

Der tote König marschiert unablässig durch den Raum.

Sein zerschlissener Umhang weht bauchig hinter ihm her.

Ihr wisst, sagt Algoroth, während er mit hinter dem Rücken verschränkten Händen vor uns auf und ab läuft. Ihr wisst, sagt er, ihr müsst euch vorbereiten auf den großen Kriegszug. Es wird nicht einfach werden. Nur die…

Er bleibt stehen. Betrachtet uns nachdenklich. Hätte er nur noch einen Fetzen Haut auf der Stirn, ich würde schwören, dass sie sich runzelt.

Seid ihr denn überhaupt solche Männer, sagt er.

Hmmm…. Er fährt sich mehrmals mit den Fingern über den freiliegenden Knochen seines Unterkiefers.

Es sind  schon viele vor euch gekommen, die glaubten, der Herausforderung gewachsen zu sein.

Aber sie waren Waschlappen. Alle. Jämmerliche Versager. Einer wie der andere.

Der tote König schüttelt angewidert den bekrönten Schädel.

Ach was! Er winkt unwirsch ab. Er weist auf das große Bild über seinem Bett.

Das Bild hat sich zwischenzeitlich verändert. Statt der schönen Frau sieht man darauf nun eine schlanke Zitadelle, die aus einer gläsernen Ebene emporragt. Sie ist von einem gläsernen Labyrinth umgeben.

Algoroths Kopf hebt sich. Sein steinalter Blick senkt sich von oben auf uns herab. Ruht schwer lastend. Auf uns.

Algoroths mumifizierte Stimmbänder kratzen, quetschen, würgen ein einziges Wort heraus: Quetzel.

Der König schüttelt sich angewidert

Quetzel war einst meine Geliebte. Das elende Stück. Hat einen Fluch auf mich gelegt. Diese vermaledeite Schlampe.

Er tritt sehr nah ans uns heran. Sein ranziger Atem trägt den Geruch von Verwesung direkt in unsere Nasen.

Ihr müsst sie ausschalten. Versteht ihr. Endgültig. Sie muss weg.

Er tritt einen Schritt zurück. Betrachtet uns. wie man ein Gemälde betrachten würde.

Erst wenn dieses Stück endgültig erledigt ist, dann ist der Weg frei, gen Zygofer zu ziehen. Das ist der Plan, Männer.

Aber, sagt Handon, die Frau da unten auf der Treppe. Hättet Ihr die nicht auch in Eure Pläne einbinden können.

Diese Schlampe. Der König fuchtelt cholerisch und schlägt mit der Faust in die Luft. Dieses elende Miststück. Die hatte nun wirklich gar keine Eier. Nein, meine Freunde. Nur Männer können das Labyrinth betreten.

Verstehe ich das richtig, sage ich, man muss also – in – dieses Bild hinein?

Der König bleibt abrupt stehen. Reglos. Zur Statue erstarrt.

Einige Wimpernschläge lang passiert nichts.

Dann rotiert sein Kopf wie an einem Elektromotor in meine Richtung. Fast glaube ich das Reiben schlecht geölter Wirbel zu hören.

Mit einem Ruck rastet sein Gesicht vor meinem ein. Pendelt sachte nach.

Seine Wangenmuskulatur gibt ein ledriges Quietschen von sich, als sich sein Gesicht zu einem Grinsen verzieht.

So ist es, sagt der König. So ist es.

Ich nicke. Lächle zurück.

Aber wir haben keine Zeit für sowas. Ramir springt, mit seinem verbliebenen Arm gestikulierend, zwischen den König und mich. Ein Gruppe von Rostbrüdern ist uns direkt auf den Fersen. Seine Hand zuckt vom Fenster zur Treppe und zurück.

Sie fällen Bäume, bauen Belagerungsmaschinen und werden bald hier sein.

Algoroths bekröntes Haupt schnappt herum zu Ramir.

Wie viele sind es, sagt der König.

Acht Mann, sagt Ramir. Und es sind diese Krieger mit den vier Armen, oder sogar noch mit mehr.

Was, sagt der König, nur acht Mann. Na dann. Keine Sorge. Ich werde meine Armee gegen sie werfen.

Ihr kümmert euch unterdessen um diese Quetzel.

Und dass mir das Miststück ja nicht entkommt.

Er wendet sich ab. Sein Mantel plustert sich hinter ihm. Er stakst die Treppe hinab. Schleift den großen Zweihänder hinter sich her. Wir hören die mächtig Klinge von Stufe zu Stufe fallen. Klack. Klack. Klack. Klack…

Ich spüre die Macht, die dieses Schwert ausstrahlt. Wild. Düster. Es ist ein ungeheuer starkes magische Artefakt. Es muss eine gewaltige Bürde für seinen Träger sein.

Das Bild

Das Bild, sagt Bullwai.

Das Bild hat sich abermals verändert. Die Zitadelle ist nach wie vor zu sehen. Aber das Bild ist zunehmend ein Zerrbild. Es scheint in den Raum zu greifen. Die Realität zu verzerren. Man kann diese Verzerrung nicht mit Worten beschreiben. Doch auf eine seltsame Weise fühlt man sie.

Das Bild übt einen unwiderstehlichen Sog auf mich aus. Ich krieche auf Knien auf die mottenzerfressene Bettstatt. Modergeruch von Jahrhunderten steigt um mich herum auf.

Meine Fingerspitzen nähern sich dem Bild. Ich berühre vorsichtig die Oberfläche.

Meine Finger gleiten glatt hindurch. Als wäre da gar kein Bild.

Sondern ein Durchgang.

Kälte umfasst meine Fingerspitzen.

Es knistert kühl und frostig.

Ich zögere kurz. Dann strecke ich auch meinen Kopf in das Bild hinein.

Es ist kalt.

Die Luft riecht anders hier.

Ich blicke über die Ebene.

Keine Berge. Keine Täler. Eine Welt mit offenem Horizont.

Über mir am Himmel gleißende Strudel aus Licht. Rechts ein gewaltiger Wirbel. Links ein ebenso großer. Dazwischen ein Netzwerk ineinandergreifender, sich gegenseitig berührender, mit einander tanzender Wirbel aus farbigem Licht, überziehen das Firmament mit einem psychedelischen Muster.

Auf der Fläche vor mir Bebauung. Ein gläsernes Labyrinth. Oder doch eher ein Dorf.

Eine Mauer aus Glas. Wehrgänge aus durchsichtigem Kristall. Die geöffneten Torflügel durchsichtig und transparent wie alles andere.

In der Mitte erhebt sich ein Turm. Ragt in die funkelnden Wirbel über ihm auf.

Die Luft ist unfassbar kalt.

Mein Atem gefriert. Schwebt als kristallene Wolke vor meine Gesicht. Ich grimassiere. Spüre die gefrorene Feuchtigkeit auf meinen Wangen.

Ich ziehe den Kopf aus dem Bilderrahmen zurück ins Gemach des toten Königs.

Von meinem Kopf rieseln Flocken aus Eis. Meine Haare dampfen.

5W6 Gold, sagt Handon. Das ist schon mal gar nicht schlecht.

Ich reibe mir die Wangen. Sie brennen bei jeder Berührung. Ohrläppchen. Nase. Alles schmerzt vor Kälte.

Handons Kppf taucht hinter dem geöffneten Deckel einer Truhe auf.

Er hebt die Hand und lässt Goldstücke herabrieseln.

Sind schon ein paar ganz nette Schätze hier versteckt.

Wir beschließen, mit dem Plündern einstweilen zu warten. Aktuell beschützt Algoroth uns. Man muss seinen Beschützer ja nicht um jeden Preis anpissen.

Also gut, sagt Ramir. Meinetwegen wird er am Ende sogar noch unser Verbündeter.

Aber jetzt das Bild. Wer steigt zuerst rein.

Niemand steigt zuerst rein, sagt Bullwai. Die letzten Stunden waren kein Spaziergang. Wir müssen uns ausruhen.

Wir sind schon geschwächt und die Kälte da drin wir Kälteschaden auslösen. Da muss gar nicht mehr viel passieren, und jemand von uns ist gebrochen.

Ramir ist massivst unzufrieden.

Wir setzen uns zusammen und diskutieren.

Die Flucht nach vorne ist also erstmal ausgeschlossen.

Der Weg zurück. Versperrt durch eine Horde vielarmiger Fanatiker.

Uns bleibt uns nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass Algoroths Panoptikum die Eisenmänner aufhält. Dass seine tote Freakshow uns genug Zeit verschafft um zu ruhen.

Bullwai hält Wache.

Er sitzt in der Kammer des toten Königs. Lauscht dem Schmatzen und Schnarchen seiner ruhenden Gefährten.

Bullwai hört die Schritte. Im Stockwerk unter sich. Schlurfen rhythmisch auf und ab. Das beständige Scharren der großen Klinge.

Er betrachtet das Bild.

Irgendwie hat er das Gefühl, dass es sich wieder verändert hat.

Er steht auf.

Schaut es sich näher an.

Legt den Kopf schräg.

Ein gewaltiger, gläserner Katzenschädel schiebt sich in den Bilderrahmen.

Bullwai zuckt zurück.

Dann ist der Kopf verschwunden. Stattdessen schiebt sich der Leib eines riesigen gläsernen Tigers von rechts hinter dem Rahmen entlang.

Zuletzt peitscht eine zuckende Schwanzspitze durchs Bild.

Dann erhebt sich wieder die gläserne Zitadelle friedlich unter den psychedelischen Strudeln aus Licht.

Als wir erwachen, sind wir klamm. Feucht. Aber auch bestens erholt.

Da war eine Katze, sagt Bullwai, einen Glaskatze.

Eine Katze, sagt Handon. Eine Katze aus richtigem Glas.

Ja, und sie war groß, sagt Bullwai. Und sie war aus echtem Glas.

Aha, sagt Handon, und hat sie auch irgendwas gemacht, diese Glaskatze. War sie vielleicht irgendwie gefährlich, oder …  irgendwie…

Nein. Ich glaube, eigentlich nicht, sagt Bullwai.

Aha. Und warum genau glaubst du eigentlich nicht …, sagt Handon.

Naja, sagt Bullwai, sie kam von rechts. Und das ist immer ein gutes Zeichen, bei den Katzen, wenn sie von rechts kommen.

Von draußen Kampflärm.

Schilde. Schwerter. Geschrei. Das Stöhnen aus hunderten untoten Kehlen.

Handon sucht den Raum nach zertrümmertem Mobiliar ab. Holz, das sich eignet, eine Fackel daraus zu machen.

Er findet auch eine alte Planke. Von einer zertrümmerten Truhe, die in der Ecke liegt.

Wir suchen Decken. Umhänge. Basteln uns notdürftig Ponchos gegen die Kälte.

Plus ein Ausrüstungswürfel auf Kälte, hallt die Stimme des Spielleiters durchs Gemach. Immerhin.

Handon entzündet seine Fackel. Klemmt sich zusätzlich die Holzplanke unter den Arm.

Eins muss ich an dieser Stelle jetzt aber wirklich mal loswerden.

Also, vielleicht gehört das im Grunde gar nicht hierhin.

Aber Ich habe wirklich verdammt schlechte Erinnerungen an Handons ständiges Rumgefuchtel mit irgendwelchen qualmenden scheiß Fackeln. Egal was auch immer passiert. In jeder Lebenslage. Immer muss der das machen. Das ist schon eine richtige Obsession bei dem.

Also, das geht mir wirklich auf den Sack.

Alles klar, sagt Handon und fuchtelt mit der Fackel durch den Raum.

Alle bereit. Kanns losgehen.

Jo, sagen wir. Bereit.

Dann hebt Handon seine scheiß Fuckel, und wir marschieren durch das Bild.

Im Eis

Auf der anderen Seite ist es schrecklich kalt.

Es gibt nichts, was man irgendwie als Landschaft bezeichnen könnte. Eine gerade Ebene, bis zum Horizont. Irgendwie schwarz. Aber zugleich mit weißem Reif überzogen.

Über uns die gewaltigen Spiralnebel. Glitzernde Mühlräder, die sich an unsichtbaren Achsen über den Himmel wälzen, angetrieben durch Lichtjahre lange Riemen aus purer Energie. Scheinen das Firmament umzuwälzen. Im beständigen Schauer aus funkenstiebenden Lichtpunkten.

Sie tauchen die Nicht-Landschaft in diffuses Licht, gespeist aus Myriaden bunter Pixel.

Die Kälte ist brutal. Hart. Trocken.

Vermutlich erbarmungslos.

Das Atmen schmerzt. Auf der Haut bilden sich Eiskristalle.

Vor uns das Dorf. Rund 500 Schritt, wie der Pfeil fliegt.

Auf dem Weg dorthin zwei Erhebungen. Rechts und links. Wie Schneewehen. Oder eingeschneite Wegsteine.

Ich wende mich um. Der Durchgang hinter uns ein durchsichtiger Spiegel. Eine Dampfwolke quillt aus dem Bilderrahmen und umgibt ihn mit einer Aura aus Regenbogenfarben.

Das Rechteck verblasst langsam. Ist kaum noch zu erkennen. Fraglich, ob wir den Durchgang wiederfinden werden.

Handon drückt seine mitgebrachte Holzplanke auf die Erde.

Öffnet seinen Wasserschlauch. Dampfendes Wasser gluckert an die Stelle, wo die Planke auf dem Boden steht.

Sie friert umgehend fest.

Der Dampf aus Algoroths Gemach legt sich in einer flauschigen Schicht aus weißem Reif darum. Wenige Augenblicke später ist die Planke vollständig weiß. Verschwimmt mit dem Hintergrund. Bleibt aber immerhin stehen.

Na gut, sagt Ramir und tritt von einem Bein auf das andere, dann mal…

Ramir läuft los.

Ich bin mir nicht sicher. Aber ich glaube, im Dorf eine gleitende Bewegung zu erkennen.

Ramir läuft auf das Tor zu.

Bleibt vor dem ersten der beiden Hügel stehen. Etwa so hoch wie Bullwai.

Schlieren von Dampf beginnen von der Erhebung aufzusteigen.

Als sich die Schicht aus Reif auflöst, wird darunter eine Gestalt erkennbar.

Ein Mensch, sagt Ramir, es ist ein Krieger.

Der Krieger kauert in einer Art Schneidersitz. Vornüber gesackt.

Hat offensichtlich nicht soweit gedacht, eine Planke mitzunehmen, sagt Handon. Er dreht sich nach dem Eingang um. Der ist praktisch nicht mehr zu erkennen. Nur die von Handon errichtete Markierung steht deutlich sichtbar in der Gegend. Angefroren für alle Ewigkeit.

So ein Penner, sagt Handon.

Ich öffne mich, dem Weben der Magie an diesem Ort zu lauschen.

Die pure Intensität, die glasklare Wucht der Schwingungen trifft mich wie ein Hammerschlag. Die silbrig schillernden Mühlräder am Himmel – wie das Brüllen kosmischer Wasserfälle aus reiner Macht.

Die flache und scheinbar so schlichte Ebene – wummert in tiefstem Dröhnen, das mir die Eingeweide zerknetet und den Verstand aus dem Hirn zu treiben droht.

Die gläserne Stadt selbst. Eine Manifestation aus schrillem Kreischen, schreiend splitterndem Glas.

Entsetzt verrammele ich die spirituellen Sinne meiner Seele. Der Herzschlag dröhnt in meinem Schädel. Meine Knie drohen nachzugeben.

Ich bleibe stehen. Atme schwer.

Die Magie an diesem Ort ist um ein Vielfaches intensiver, dichter und fremdartiger alles, was ich in meinem ganzen Leben erlebt habe.

Es ist eine unbeschreibliche, andere Art von Magie.

Ich schaue mich verstört um. Die Kälte kriecht unter meine Gewänder, fließt an meiner Haut entlang, beißt sich durch mein Fleisch und gleitet wie ein Parasit ins Innere meines Leibes.

Der Krieger hat lange Haare, sagt Ramir.

Und ein Loch hinterm Ohr, sagt Bullwai.

Vermutlich ist es Ramirs Körperwärme, sagt Handon, die ihn auftaut.

Nein, es sogar zwei Löcher, sagt Bullwai, fast so, als hätte ihn irgendwas gebissen.

Und beide Löcher fangen gleichzeitig an zu bluten, sagt Ramir.

Ich höre meine Kollegen wie durch einen Nebel. Ich kann das Dröhnen dieser Landschaft nicht aus meinem Bewusstsein aussperren. Es schwächt mich. Es raubt Lebenskraft.

Macht schutzlos gegen die Kälte, die von meinem Inneren Besitz ergreift.

Meine Zähne fangen an zu klappern.

Ich beiße sie hart aufeinander.

Niemand scheint es gehört zu haben. Gut so.

Ich vergrabe die zitternden Hände in meinen Ärmeln.

Ufil, hallt die Stimme des Spielleiters körperlos über die endlose, gefrorene Ebene, einen Schaden auf Verstand und einen auf Stärke.

Ich sage, was soll das. So eine Scheiße.

Da sind Schritte. Handon reißt die Fackel in die Höhe. Dreht sich um seine eigene Achse.

Sie kamen von dort. Ich habe es genau gehört.

Er weist mit der Fackel auf eine leere Stelle.

Da war es. Ich bin mir völlig sicher.

Er dreht sich abermals um seinen eigene Achse. Stößt die Fackel in verschiedene Richtungen.

Klingt wie Körner, sagt er, die auf Glas fallen. Hört ihr das nicht.

Da.

Er weist mit der Fackel in eine Richtung.

Wir alle sehen etwas wie die Idee einer Bewegung. Kaum wahrnehmbar. Wie ein leichtes Flimmern der Luft.

Dazu Schritte.

Kampfhähne, sagt Ramir, klingen so. Wenn sie auf den Steinplatten kratzen.

Handon reißt den Bogen von der Schulter. Legt den Pfeil auf. Die Spitze ragt neben der brennenden Fackel heraus.

Handon lässt den Pfeil von der Sehne ins Nichts schwirren.

Er fliegt.

Wird langsamer.

Bleibt in der Luft stehen.

Wie groß war die Katze in dem Bild nochmal, sagt Handon.

Sehr groß, sagt Bullwai. Und sie hatte Tigerstreifen und ist von rechts nach links durchs Bild gelaufen.

Tigerstreifen, sagt Handon, gut das endlich auch mal zu erfahren.

Sein Atem steht als Dampfwolke vor seinem Gesicht.

Um uns hören wir die Schritte der gläsernen Tiger.

Aus zwei Richtungen gleichzeitig.

Es sind mindestens zwei, sagt Ramir.

Wir ziehen unsere Waffen. Bereit für den Nahkampf. Wir rücken vor. Auf die gläserne Stadt.

Die zweite Schneewehe erweist sich ebenfalls als Krieger. Sein Kopf fehlt. Als er taut, träufelt ein Rinnsal von Blut über seinen Hals.

Als wir uns von ihnen entfernen, gefrieren die Leichname wieder. Packt der glitzernde Reif sie sanft wieder ein.

Die gläserne Stadt

Ohne es recht bemerkt zu haben, stehen wir in der Stadt.

Rechts und links gläserne Wände.

Glaswände in hintereinander gestaffelten Schichten. Schimmernde Glasflächen in der Tiefe. Suggerieren weite Räume, Wände, Wege. Ohne je klar zu verorten zu sein.

Die Lagen verschwimmen in grünlichem Schimmern. Unmöglich, einen Weg oder eine Richtung zu bestimmen.

Ein Irrgarten, sage ich. Ein Irrgarten aus Glas.

Rechts und links über uns. Das silbrige Kratzen gläserner Tigerkrallen auf gläsernen Flächen.

Vor uns eine T-Kreuzung.

Rechts oder links, sagen wir.

Links, sagt Bullwai.

Warum links, sagen wir.

In fremden Stollen immer links, dann findet man den Ausgang schneller, sagt Bullwai. Aber das ist noch nicht alles.

Bullwai kramt ein ledernes Säckchen hervor.

Hier. Hab ich bei Algoroth gefunden. Er feixt. Zuckt die Schultern.

Greift in das Säckchen. Holt ein Goldstück heraus.

Ihr wisst ja, die alten Legenden und Märchen der Zwerge, sagt er. Auf der ganzen Welt ohne Parallele und berühmt für ihre tiefe Weisheit.

Ramir rollt die Augen.

Zum Beispiel das Märchen von Hanzi und Greti. Zwei Zwergenkinder. Werden von ihren Eltern in einen dunklen Stollen geführt.

Und dann kommt diese typisch zwergische Pfiffigkeit ins Spiel, sagt Bullwai, Hanzi nämlich, zwar klein, aber trotzdem von Kopf bis Fuß ein waschechter Zwerg, nimmt einen Beutel mit Goldstücken mit. Und damit…

Bist du wirklich sicher, dass das ursprünglich ein zwergisches Märchen ist, sagt Ramir.

Aber natürlich, sagt Bullwai. Ein Kleinod zwergischer Erzählkunst. Für jemanden wie dich vielleicht exotisch und fremdartig.

Für uns aber, er lässt das Goldstück auf den Boden fallen, sind unsere Märchen vertraute Wegweiser für alle praktischen Lebenslagen.

Das Goldstück fällt klingend zu Boden. Springt einmal in die Luft. Dreht sich auf der Stelle immer schneller und bleibt schließlich liegen.

Einem verstorbenen König einen Sack Gold klauen, und den dann in einer fremden Stadt auf die Straße schütten, sagt Handon. Du hast Recht. Das ist exotisch.

Sag ich doch, sagt Bullwai. Mit stolzgeschwellter Brust schreitet er voran und lässt alle paar Schritte eine Goldmünze fallen.

Wir folgen ihm.

Der Weg führt zwischen hohen Glaswänden hindurch. Beide Seiten völlig identisch.

Auf der linken Seite kratzt und schabt es über uns.

Rechts kommt das gleiche Geräusch von weiter unten.

Ich berühre die Wand. Sie ist so kalt, dass es an den Fingern brennt.

Handon schabt mit dem Messerknauf am Glas.

Bullwai mit dem Blatt seiner Axt.

Das Schaben am Glas klirrt, wie die Tigerkrallen, die uns zu beiden Seiten verfolgen.

Der Boden auch hier schwarz mit einem weißen Überzug aus Reif. Wie überall in dieser seltsamen Welt.

Stopp, sagt Bullwai nach wenigen Schritten.

Er hält die ausgestreckte Hand in die Höhe.

Hier müssen wir nachdenken.

Wir haben seit der T-Kreuzung vielleicht zwanzig oder dreißig Schritt zurück gelegt.

Quer über der Straße befindet sich etwa in Brusthöhe ein blass schimmernder Streifen.

Bullwai passt bequem darunter.

Klopft mit dem Axtstiel über sich. Ein hohles Klingen ertönt.

Aha, sagt Bullwai. Hier beginnt eine komplett neue Ebene aus Glas. Praktisch eine Weggabelung. Nur eben nicht waagrecht, sondern senkrecht. So müsst ihr euch das vorstellen.

Wie kurios, sage ich, vor Kälte bebend. Ich betaste die Glasfläche.

Eiskalt. Scheint aber einigermaßen stabil zu sein.

Bullwai schnalzt mit der Zunge. Ist nichts Besonderes, Bei uns in den Stollen gibt es sowas dauernd.

Er grinst eigentümlich arrogant.

Für einen Zwergen im Grunde also was völlig normales.

Bullwai wirft ein Goldstück in den unteren Gang. Ich glaube, hier unten ist gut. Wir gehen hier unten lang.

Gehen wir oben lang, sagt Ramir.

Wieso oben, sagt Bullwai. Also ich finde, aus meiner lebenslangen Erfahrung in den Höhlensystem der Steingärten, wir sollten auf jeden Fall den unteren Weg nehmen. Ich weiß gar nicht…

Wir entscheiden uns für den oberen Weg.

Handon und Ramir springen behände auf die Glasplatte.

Ich mache die Gaunerleiter, damit Bullwai sich unter Protest, dies sei ganz sicher der falsche Weg und nur Narren würden jemals auf die Idee kommen, einen solchen einzuschlagen, schnaufend und mit hochrotem Kopf über die Kante der Glasplatte zerren kann.

Ich schiebe noch etwas nach.

Dann folge ich den anderen auf die obere Ebene.

Handon und Ramir sind schon ein gutes Stück voraus.

Sie haben einen ordentlichen Laufschritt eingeschlagen.

Ich hinke eilends hintendrein.

Vor mir hoppelt Bullwai auf seinen kurzen Beinchen.

Er spiegelt sich auf den Glasflächen rechts und links.

Immer wieder ein amüsantes Schauspiel, dieser Bullwai.

Ich mag das.

Grinsend schaue ich auf mein eigenes Spiegelbild.

Die spiegelnden Glaswände zu beiden Seiten vervielfältigen mein hektisches Humpeln wie zum Hohn in die Unendlichkeit. Eine lächerliche, mit ruckartigen Bewegungen würdelos voranzappelnde Armee hinkender Todesmagier begleitet mich in einer langen, gebogenen Reihe.

Ich wende die Augen ab. Fokussiere allein auf die vor mir rennenden Gefährten.

Ist ja lächerlich. Als würde sowas für einen Mann von meinem Format irgendeine Rolle spielen.

Bullwai ist bereits weit voraus.

Dieser scheiß Dreckszwerg. Möge er verrecken.

Da ist ein Glastiger rechts oben, sagt Handon.

Bin mir da nicht so sicher, sagt Ramir.

Schien mir auf jeden Fall irgendwie sowas wie ne Bewegung zu sein, sagt Handon.

Ich komme vor Kälte bebend und mit schmerzendem Beinstumpf bei meinen Gefährten an.

Sie sind stehen geblieben.

Was hast du denn für blaue Lippen, Ufil, sagt Handon.

Ist doch n Todesmagier, sagt Ramir. Die sehen immer so aus.

Stimmt, sagt Handon.

Sie starren in die Tiefe. Abgrund. Schwärze. Sonst nichts.

Ich bebe am ganzen Leib.

Seht ihr, quiekt der Zwerg, ich habe es euch gesagt. Das war der falsche Weg.

Lasst mich mal durch, sage ich. Trete einen Schritt vor. Nehme den Kampfstab von der Schulter. Kann ihn mit meinen zitternden Händen kaum festhalten.

Ich gehe auf die Knie. Packe den Stab am einen Ende und taste mit dem anderen Ende in die Tiefe, so weit ich kann.

Und, sagt Ramir. Was spürst du.

Nichts, sage ich. Keinen Grund.

Ist ja auch viel zu kurz, dein scheiß Stab, sagt Bullwai.

Mit letzter Kraft stemme ich mich auf die Füße.

Der scheiß Zwerg steht breit grinsend zwischen den beiden anderen.

Aber wann hat man schon mal das Glück, einen waschechten Zwerg dabei zu haben … sagt er.

Er hält eine weitere Goldmünze in der Hand. Tritt an den Abgrund heran. Federt ein paar Mal in den Knien. Schnippt die Münze mit einem leicht Pendeln seines Armes in die Tiefe.

Federt in den Knien noch etwas nach.

Dann richtet er sich auf.

Wir lauschen.

Ping.

Bullwai wiegt den Kopf.

Acht Meter soviel, sagt der Zwerg. Maximal acht zwanzig. Plusminus drei Fingerbreit.

Bullwai kramt ein zweites Goldstück aus Algoroths Säckchen. Wieder dieses Federn in den Knien. Das Pendeln des Armes aus dem Schultergelenk.

Pling.

Titscht auf. Rutscht schräg abwärts.

Acht dreizehn, sagt Bullwai. Ich leg mich fest.

Aber das ging da doch schräg runter, oder nicht, sagt Ramir. Ich hab´s doch gehört, wie es runtergerutscht ist.

Ja. Schräg. Genau, sagt Bullwai.

Aber dann kann das doch nicht genau acht dreizehn sein, sagt Ramir. Weil, wenn das schräg ist, dann muss das doch überall unterschiedlich sein.

Doch, sagt Bullwai. Genau acht dreizehn.

Er schaut von einem zum anderen.

Also quasi so schräg unter uns drunter durch. So unter unseren Füßen. Aber acht dreizehn, versteht ihr.

Lass gut sein, Bullwai, sagt Handon. Auf jeden Fall müssen wir umkehren.

Ich will es ja eigentlich nicht sagen, sagt Bullwai, aber ich muss es sagen, weil ich hab es ja vorhin schon gesagt. Wir hätten nämlich doch den anderen Weg nehmen sollen.

Über uns Fauchen und Kratzen.

Ein gewaltiger gläserner Tiger springt hinter uns auf den Weg. Riesig und wunderschön. Wie ein geschliffener Edelstein. Das Licht bricht sich spielerisch in den spiegelnden Facetten. Zieht sich in perlenden Regenbogenfarben durch den majestätischen Leib der Raubkatze.

Wir stehen zwischen der schillernden Kreatur und dem Abgrund.

Sie schneidet uns den Fluchtweg ab.

Gut, sagt Handon, dann,… Dann lassen wir uns jetzt was einfallen.

Der gläserne Tiger duckt sich. Zum Sprung bereit.

Wir packen die Waffen fester.

Bullwai macht drei verblüffend lange Sätze. Dann ist er bei der Kreatur. Er hebt die Axt zum Schlag.

Ramir läuft los.

Aaaaaaaaah, schreit er. Ich frage mich, ob er auch angreifen oder einfach an dem Tier vorbei rennen will.

Bullwai hämmert mit einem wuchtigen beidhändigen Schlag die Axt nach unten.

Als das Blatt auf das gläserne Wesen trifft, hebt der Aufprall Bullwais Füße für einen Augenblick in die Luft.

Pling.

Die Axt springt ab.

Reißt Bullwais Arme zurück. Hinter den Kopf.

Mit der Axt hinter seinem Rücken taumelt Bullwai einige Male um seine eigene Achse. Versucht, das Gleichgewicht zu halten.

Jawoll. Eine Kerbe, sagt Ramir. Er weist auf die Schulter der Kreatur. Da ist ein kleiner Splitter abgeplatzt.

Ich lasse Sturmhauch mit aller Kraft niederfahren.

Ziele in die gleiche Kerbe.

Schlage aber vorbei und treffe das Gesicht der Bestie.

Ein kurzes Knirschen.

Eine langer Riss zieht sich von meinem Treffer zu Bullwais Kerbe. Bildet eine neue, schillernde Spiegelfläche im Inneren der Kreatur.

Das Tier springt mich an und reißt mich zu Boden.

Setzt seine Tatze auf meine Brust.

Etwas riesiges dringt in mich ein.

Ich spüre rasenden Schmerz in der Brust.

Erinnerungen an den Beginn meiner Beziehung zu Sturmhauch werden wach.

Nicht schon wieder die Lunge, keuche ich.

Dann das riesige offene Maul.

Senkt sich auf mich herab. Reißt mich in die Höhe.

Ich schaue direkt in einen kristallklaren, regenbogenfarben schillernden Schlund.

Dahinter unscharf und in gebrochenen Prismen die Silhouetten meiner drei Gefährten. Hundertfach vervielfältigt in einem irrwitzigen Kaleidoskop unzähliger spiegelnder Farbflächen.

Im Inneren der Kristallhöhle breitet sich Blut aus.

Mein Blut.

Trübt die Sicht.

Nicht schon wieder sterben denke ich, während das gläserne Maul mich wie eine Wäschetrommel vor und zurück schleudert.

Ein lauter Knall.

Die kristallene Höhle zerplatzt in tausend funkelnde, auseinanderstiebende Teilchen.

Sie geben den Blick auf Ramir frei.

Ramir steht direkt vor mir. Mit seinem Falchion in der Faust. Den puren Wahnsinn im Blick.

Ich stürze.

Pralle auf der gläsernen Ebene auf.

Eine Regen aus Glassplittern geht auf mich nieder.

Über mir ragt der kopflose Leib aus Glas empor.

Mit einem dumpfen Klonk kracht ein halbes Katzengesicht neben mir auf den Boden.

Ein erloschenes Prisma mit toten Augen schaut mich an, wie einst das aus Eis geschnitzte Pferd auf der Inaugurationsfeier des jungen Fürsten Waldomir.

Ich kann nicht atmen. Ringe um Luft.

Handon springt herbei.

Schlägt mit seiner Klinge schreiend auf den gläsernen Leib ein, der wie ein Standbild über mir steht.

Nicht, will ich rufen. Nicht, du Idiot. Der ist doch schon tot.

Aber ich kann weder atmen noch sprechen.

Von der anderen Seite rast Bullwai mit erhobener Axt heran.

Schlägt zu.

Ein splitterndes Knirschen durchfährt den mächtigen gläsernen Leib über mir.

Dann bricht ein gewaltiger Sturzbach funkelnder Glassplitter über mich herein wie ein Wasserfall. Begräbt mich unter einem tonnenschweren Grabhügel aus knirschendem Glas.

Diese Vollidioten.

Diese hirnverbrannten Arschlöcher.

Die Flucht

Ich will aufstehen.

Kann mich nicht bewegen.

Jemand schiebt über mir Glas zur Seite.

Zerrt mich an den Beinen aus dem verbliebenen Haufen.

Handons Gesicht über mir.

Wie durch einen Schleier.

Dreht mich. Wendet mich.

Behandelt mich.

Durchbohrte Lunge, sagt er. Auf seiner Stirn diese sorgenschwere Falte, die er je nach Gesprächssituation mühelos an- und ausknipsen kann.

Handon gelingt die Heilung. Von letal in 3 Tagen und minus Zwei auf Beweglichkeit verändert sich mein Status auf minus 3W6 auf alle Ausdauerwürfe.

Ich überlege, ob ich das wirklich als nennenswerte Verbesserung betrachten sollte.

Wir diskutieren, was wir jetzt machen sollen.

Ramir will weiter. Das Zepter finden.

Ich will nur hier raus.

Bullwai pflichtet mir bei. Er sagt, Der Yfel, der ist ja quasi schon tot. Also der schafft das nicht mehr.

Guckt den doch an, das arme Schwein. Bei der Kälte stirbt ganz von selbst. Da braucht der gar keine Kämpfe mehr für.

Ramir ist richtig angepisst. Aber Handon sagt auch, wir gehen raus.

Wir stolpern durch die beißende Kälte zurück in Algoroths Gemach, so schnell es eben geht.

An den gefrorenen Kriegern vorbei. Auf die Latte zu, die noch immer festgefroren in der Landschaft steht.

Hechten förmlich durch den Rahmen aus der Kälte hinein ins modrig-warme Gemach des toten Königs.

Schimmel katapultiert Sporen in die Luft, als wir einer nach dem anderen auf Algoroths verrottete Matratze plumpsen.

Wir sitzen völlig erschöpft da.

Wasserdampf steigt von unserer Kleidung auf. Aus unseren Haaren.

Meine Wunde taut langsam auf.

Ich blute wieder

Erfrieren ist auch eine Methode, den Blutfluss zu stoppen, sage ich.

Das Portal ist wieder zu dem Bild geworden, das es am Anfang war.

Quetzel.

Das Zepter über ihren Kopf haltend.

Lachend.

Triumphierend.

Verdammte Scheiße, sagt Ramir. Ich habs gesagt. Lasst uns weiter gehen.

Wir hatten nur diese eine Chance. Und jetzt. Was ist passiert. Das Bild ist wieder verschlossen.

Danke Ufil. Schönen herzlichen Dank, du Arsch.

Ich schaue mich um. Suche nach irgendwelchem Beistand.

Handon starrt konzentriert die von mir abgewandte Zimmerwand an.

Bullwai pult Eis aus seinem Bart. Vermeidet dabei sorgsam, meine Anwesenheit auch nur zu bemerken.

Siehst du, sagt Ramir. Wir sind gescheitert. Und nur, wegen dir Ufil, du Arsch.

Bullwai springt auf.

Verdammt, was soll das. So eine Scheiße.

In der Hand eine dicke Strähne seines Bartes.

Abgebrochen, schrillt der Zwerg, einfach ab-ge-bro-chen. Ist denn das zu fassen.

Er reckt die Arme gegen die Decke und beklagt sein Schicksal als heimatloser Zwerg – unwürdig, sich jemals wieder unters seinesgleichen blicken zu lassen.

In der Halle unten Schritte.

Algoroth wahrscheinlich, sage ich.

Die Schritte entfernen sich.

Pause.

Die Schritte nähern sich.

Pause.

Die Schritte entfernen sich.

Pause.

Ich wärme meine steifen Finger unter den Achseln.

Als ich sie leidlich wieder bewegen kann, krümele ich mir Glassplitter aus den Haaren. Aus der Kleidung. Aus jeder Ritze meiner Ausrüstung.

Ramir geht mit geballten Fäusten an der gegenüberliegenden Wand auf und ab.

Er kommt am Ausgang vorbei.

Das ist Algoroth, sagt er, da unten.

Ramir läuft weiter hin und her. Das Gesicht zu einer Grimasse des Zorns verzerrt. Fletscht immer wieder die Zähne. Scheint nach irgendetwas in der Luft beißen, schnappen zu wollen.

Ich betrachte Ramir, wedele dabei Splitter aus meiner Kleidung.

Hätten dich Penner damals ja auch einfach bei dem Mantikor liegen lassen können, sage ich. Oder hätten dich einfach dem scheiß Drachen geschenkt. So ist das nämlich, du Depp.

Zu meinen Füßen das leise Klirren rieselnden Glases.

Schnauze, Freak, sagt Ramir. Wenn ich nur noch einen Fuß hätte, würde ich das Maul besser nicht so weit aufreißen.

Ramir erreicht wieder den Türrahmen. Schaut die Treppe hinab.

Algoroth läuft die ganze Zeit immer nur hin und her, sagt Ramir, wie die anderen Untoten. Immer auf seiner festgelegten Bahn.

Aber manchmal ist er dann plötzlich doch gar nicht mehr so mechanisch. Macht einen spontanen Umweg. Wischt sich mit dem Ärmel über den Mund. Sowas.

Achtung, er kommt.

Wir hören Algoroths schlurfende Schritte auf der Treppe.

Das Vermächtnis des Königs

Algoroths Kopf erscheint in der Türöffnung.

Roststich in der Hand.

Er sieht uns. Zuckt zurück.

Was macht ihr denn hier.

Wir nicken. Versuchen, einen gefassten Eindruck zu vermitteln.

Was ihr hier wollt. Der Fluch ist nicht gebrochen. Ihr Schwächlinge. Habt ihr versagt.

Er schlurft an uns vorbei durch den Raum.

Ramir löst sich vom Türrahmen. Es gab Schwierigkeiten. Wir mussten uns aus taktischen Gründen zurückziehen. Aber wir sind bereit für die nächste Runde.

Nächste Runde. Der König bleibt stehen. Richtet seinen Schädel auf Ramir aus.

Seine Augen ruhen lange auf dem Elben.

Tiefe Verachtung im Blick.

Es gibt keine nächste Runde, sagt Algoroth.

Aber warum denn nicht, sagt Ramir. Wir warten, bis sich das Bild wieder öffnet. Dann gehen wir einfach wieder rein.

Wieder öffnet, hm, knarzt der tote König. Dann einfach rein.

Er wendet sich an uns andere drei, die im Raum verteilt herumsitzen.

Was glaubt ihr Schwachköpfe eigentlich, was ihr hier tut.

Er betrachtet uns der Reihe nach.

Es gibt keine nächstes Mal. Jeder Mann …

Er macht eine bedeutungsschwere Pause. Mustert einen nach dem anderen eingehend.

Bullwai setzt sich aufrecht hin. Ein Riemen seiner Rüstung quietscht.

Algoroths finstere Blick durchbohrt den Zwerg.

Dann wendet er sich wieder uns anderen zu.

Jeder Mann.

Hat nur einen Versuch.

Schweigen.

Nach einer Weile räuspert sich Handon.

Aber was, sagt Handon, was wäre, wenn wir noch einen Mann hätten, der heute nur nicht dabei war. Würde sich das Bild dann nächstes Mal für ihn öffnen. Und dann könnten wir ihn vielleicht begleiten.

Algoroth krault sein verwesendes Kinn.

Er schaut sich lange im Raum um.

Hm. Gar nicht mal so dumm, dieser Knecht. Das könnte sogar funktionieren.

Aber dann, sagt Handon, dann wird es eben doch ein nächstes Mal geben. Und dann lösen wir das Rätsel.

Algoroth setzt sich schwer auf die Matratze. Sie gibt eine Wolke von Pilzsporen ab.

Der König nickt nachdenklich.

Ich werde müde, sagt er.

Handon sagt, mein Herr, es war ein aufregender Tag. Ihr habt Euren Schlaf gewiss verdient.

Doch zuvor sollten wir noch über eine Sache sprechen.

Sprecht, sagt der Untote müde.

Unser Magier, sagt Handon, ist verwundet. Er braucht zwei Tage bis zur vollständigen Ausheilung. So lange müssen wir warten.

Es wird außerdem Zeit brauchen, den zusätzlichen Mann für die nächste Expedition zu besorgen.

Aber Zeit haben wir nicht. Die Rostbruderschaft kämpft sich in diesem Augenblick auf diesen Turm vor.

Deshalb meine Frage.

Gibt es noch einen anderen Fluchtweg.

Und könnten wir das Bild vielleicht mitnehmen.

Algoroth schaut von seiner Bettstatt zu Handon auf.

Das ist aber keine gute Idee, sagt er, seid Euch gewiss, dass ihr mit dem Bild auch den Fluch mit Euch nehmen würdet.

Ich trete dazu.

Ich stimme Handon völlig zu, sage ich. Wir könnten das Bild mit nach Turm Olse nehmen und dort unter kontrollierten Laborbedingungen an der Lösung des Fluchs arbeiten.

Und danach würdet Ihr endlich Frieden finden, sagt Handon.

Der König strafft sich. Na gut. Nehmt das Bild meinetwegen mit. Ihr wollt das Zepter. Ich will Rache an Zygofer. Beides trifft sich ja in der Mitte.

Der König sitzt auf dem Rand seines Bettes. Blickt auf das Bild an der Wand hinter sich. Nickt uns zu.

Na los, Männer.

Handon und ich zögern einen Augenblick. Wir steigen an dem König vorbei auf das Bett. Klettern über die Matratze zu dem Bild.

Durch die Erschütterung der Matratze wippt Algoroth sachte auf und ab.

Wir nehmen das Bild von der Wand. Zirkeln es vorsichtig an dem auf der Bettkante sitzenden König vorbei.

Dann stehen wir vor ihm. Das Bild in der Hand.

Danke für Euer Vertrauen, sagt Handon. Wir werden uns als würdig erweisen.

Gibt es noch etwas, sagt der König. Er klingt schläfrig.

Wir werden den Fluch brechen und Euch befreien, sagt Handon. Allerdings gibt es da noch ein winzig kleines Problem.

Handons Augen verengen sich etwas. Die Schultern straffen sich unmerklich. Ich kenne das. Er gleitet sachte in den Manipulationsmodus.

Wir können das Bild natürlich mitnehmen und unter Laborbedingungen den Fluch lösen. Aber der Legende nach, sagt Handon, benötigt man für die Lösung des Fluchs auch Euer Schwert Roststich.

Der König runzelt die Stirn. Und wie soll das gehen.

Ich bin hier. Roststich ist auch hier.

Und ihr seid dort. Und ebenso auch das Bild.

Handon breitet die Hände zu einer vertrauenserweckenden Geste aus.

Natürlich könntet Ihr die Bürde auf Euch nehmen, Eure Festung im Stich lassen und uns begleiten. Aber das will Euch natürlich niemand zumuten.

Stattdessen könntet Ihr uns für gewisse Zeit einfach Euer Schwert zur Verfügung stellen. Wir nutzen es, lösen den Fluch für Euch und bringen Euch das Schwert anschließend ganz unkompliziert wieder hierher zurück.

Handons Manipulation gelingt mit fünf Erfolgen.

Bullwai tritt neben Handon, Aber sag mal Handon, wollten wir den Fluch nicht eigentlich sowieso …

Handon haut Bullwai auf den Helm.

Algoroth erhebt sich von seinem Bettgestell. Er strafft das Schwertgehänge. Wirft sich stolz den Umhang über die verwesende Schulter.

Ich, sagt der tote König, ich habe entschieden.

Mein König. Handon neigt das Haupt.

Ich werde mit euch kommen.

Handon schaut sich entgeistert um.

Und ich werde euch anführen.

Handon sieht sich hilfesuchend nach uns um.

Ich werde es mir nicht nehmen lassen, sagt Algoroth, meine Truppe selbst in die Schlacht zu führen. Ich habe sie immer verachtet, diese feigen Schweine, Befehlshaber, die sich auf ihrem Hügel weit abseits des Schlachtfeldes verkrochen und versteckt haben.

Nein. Erhobenen Hauptes wischt sich der tote König ein paar Staubkörner von seinem faserigen, mit Stockflecken übersäten Ärmel.

Ich selbst werde diese Expedition höchstpersönlich anführen.

Dann wendet er sich zu Handon.

Wie war gleich Euer Name, Knecht?

Handon.

Handon. Der tote König legt Handon die knöchrige Hand auf die Schulter. Euch ernenne ich hiermit zu meinem persönlichen Bildträger.

Handon lächelt gezwungen.

Sagt, dürfte ich das Bild dann vielleicht aus dem Rahmen lösen und zusammenrollen. Dann lässt es sich leichter transportieren.

Algoroth schaut desinteressiert an Handon vorbei. Rahmen, sagt er, Rahmen sind Schall und Rauch. Ihr müsst lernen, eigene Entscheidungen zu treffen, Handon. Schließlich seid Ihr jetzt der Bildträger.

Handon und Bullwai zücken ihre Dolche. Beginnen die rückseitigen Klammern und Nägelchen aus dem Rahmen zu pulen.

Der tote König nimmt seinen ruhelosen Marsch durch das Gemach wieder auf. Und was ist mit den anderen Knechten hier im Saal.

Ich erhebe mich. Mein König, habt Ihr vielleicht irgendeinen persönlichen Gegenstand von dieser… Quetzel. Etwas, das Ihr mir überlassen könntet.

Algoroths untote Augen mustern mich eingehend.

Wofür. Seid Ihr denn ein Perverser. Ein Lüstling, der sich an den Überbleibseln der verfluchten Mätresse eines verstorbenen Königs zu erfreuen gedenkt.

Keinesfalls. Ich breite die Hände zur Unschuldsgeste aus.

Ich bin Magier. Ein Artefakt könnte in Zukunft vielleicht nützlich sein.

Ah. Der König ruckt herum. Ein Artefakt. Er nimmt seinen Marsch durch das Gemach wieder auf.

Weist mit einer fahrigen Handbewegung auf die Truhen an den Wänden.

Wählt, was Ihr braucht. Kleidung. Haarspangen. Bürsten. Alles da.

Der nächste, bitte.

Ramir tritt vor den König.

Ihr wünscht, sagt Algoroth.

Ich hätte eine Frage. Wisst Ihr auch etwas über den Aufenthaltsort der anderen Steine von Stranengist.

Zwei Steine befinden sich im Zepter. So viel wissen wir. Aber wo sind die übrigen Steine.

Der König bleibt stehen. Mustert Ramir. Runzelt die Stirn.

Leerer Blick.

Hm, sagt er. Gute Frage. Ich werde darüber nachdenken.

Der nächst, bitte.

Ramir bleibt einfach stehen.

Euer begehr, bellt der König.

Und was ist mit den Tigern, sagt Ramir. Wie viele davon gibt es. Und gibt es irgendeine Möglichkeit zu verhindern, dass sie einen angreifen.

Tiger. Der tote König schaut sinnierend durch das Butzenglasfenster.

Wir mussten einen von ihnen töten, sagt Ramir. Aber es war kein leichter Kampf. Und der – Ramir nickt unmerklich in meine Richtung – hat uns dann letztlich zum Rückzug gezwungen.

Algoroth schüttelt den Kopf.

Diese Ti-ger. Was soll das sein. Ich habe keine Ahnung, von was Ihr da sprecht.

Der König wendet sich von dem Butzenfenster ab und nimmt seinen Marsch durch den Raum wieder auf.

Er tritt an ein freiliegendes Stück Mauer. Schwere, aufeinander gestapelte Steinquader.

Er legt seine der Hand auf den Fels.

Streicht mit erstaunlicher Zärtlichkeit über den kühlen Stein.

Drückt seine modernde Stirn daran.

Küsst den Stein.

Streichelt ihn sanft.

Hab keine Angst, meine Liebe. Ich komme wieder zurück. Zu dir. Ich verspreche es.

Dann wendet er sich um.

Und jetzt, Männer.

Er blickt uns der Reihe nach an.

Marschgepäck aufnehmen. Wir brechen auf.

Aber mein Lord, Handon stürzt ihm entgegen, die Burg wird angegriffen. In den Hallen Schlachtgetümmel. Wollt Ihr Euch da durchkämpfen.

Der tote König gibt ein keckerndes Geräusch von sich. Haltet Ihr mich für so dumm.

Denkt Ihr ernsthaft, Euer alter König wäre ein Narr.

Bild-Träger.

Er grinst Handon an.

Ein listiges Glitzern in seinen Augen.

Nein mein Lieber.

Er hebt den Zeigefinger.

Wir nehmen die Winde.

Er wendet sich zum Gehen. Sein Umhang plustert sich.

Folgt mir.

Wir folgen die schmale Leiter hinauf aufs Dach des Turmes.

Der gewaltige Umhang des Königs weht über dem Burgturm wie eine mächtige Flagge.

Der König steigt über die Mauerkante auf die Leiter.

Los Männer. Mir nach.

Ramir und ich blicken uns an.

Wir klettern die Leiter herab. Außen am Turm.

Wuschelige Wölkchen wuseln über den strahlend blauen Himmel.

Quietschende Mauerhaken.

Kalk rieselt auf uns herab.

Mal frei schwebend, mal auf der verzweifelten Suche  nach einem Quadratzentimeter Halt.

Schließlich erreichen wir auf halber Höhe das Plateau mit dem Lastenkran.

Der feste Boden unter den Füßen tut gut.

Über uns erhebt sich das Gemäuer in irrsinnige Höhen. Die Leiter schlängelt sich als dürre Linie daran empor.

Unter uns klaffender Abgrund.

Darüber zeigt der Ausleger des Krans in die weite Landschaft.

Daran, über dem Nichts, pendeln die Reste einer Art hölzernen Palette an einer rostschwärenden Kette sanft im Wind.

Ich schaue mir die Konstruktion näher an. Der Kran macht trotzt der Jahre einen erstaunlich robusten Eindruck.

Die hölzerne Plattform dagegen ist bestenfalls als Ruine zu bezeichnen. Unter ihrem Boden die restliche Kette der Länge nach aufgerollt. Schwer zu sagen, inwiefern die Kettenglieder sich noch abrollen lassen oder ob sie zu einem einzigen Klumpen Rost verbacken sind.

Eine Art Kurbel suggeriert, man könne die Kette von der Plattform aus abrollen.

Los Männer.

Algoroth marschiert mit schlafwandlerischer Sicherheit auf die Konstruktion morscher und schräg herabhängender Planken.

Worauf wartet ihr. Es gilt, eine Welt zu befreien.

Bullwai tastet sich als erster auf die Plattform vor. Behutsam. Schritt um Schritt. Auf krachende Planken von ausbrechendem Holz reagierend.

Er erreicht die Kurbel mit einem letzten Satz. Packt den Griff, wie um sich daran festzuklammern.

Lost geht´s, Männer quietscht Bullwai in einem Tonfall, den man zugleich als Triumphgeheul aber auch als panische Hysterie deuten könnte.

Wir anderen betreten die krachende und Stück für Stück auseinanderfallende Plattform.

Bullwai betätigt die Kurbel.

Verdammt, schreit er. Eingerostet. Sie klemmt.

Brüllend wirft er sich gegen den Hebel. Der bewegt sich ein paar Fingerbreit. Die Plattform sackt einen Fuß in die Tiefe, bleibt mit einem Krachen hängen. Wippt sachte auf und ab. Aus der Unterkonstruktion lösen sich Balken und stürzen in die Tiefe.

So eine Scheiße, sagt Bullwai. Beschissen gewartete Kurbeln sind was absolut nerviges.

Er wirft sich erneut gegen die Kurbel.

Wieder gibt die Plattform schaukelnd nach.

Mit einem Schrei versucht es Bullwai erneut. Wieder ruckt die Plattform ein Stück abwärts.

Zugleich hören wir aus der Tiefe den Aufprall der zuvor herabgefallenen Balken.

Bullwai wirft sich wieder und wieder brüllend gegen die Kurbel. Stück um Stück ruckelt die Plattform in die Tiefe.

Algoroth steht am Rande der auseinanderfallenden Konstruktion. Schaut mit stolzem Blick über die Landschaft.

Brauchst du Hilfe, irgendwie, fragt Handon.

Lass mich, brüllt Bullwai, während er sich gegen die Kurbel wirft.

Kurbeltechnik der Zwergenminen. Erprobt in Jahrtausenden. Du würdest mich nur aus dem Takt bringen.

Eine gefühlte Ewigkeit später ruckeln wir Handbreit um Handbreit an den Baumkronen vorüber. Die weite Landschaft verschwindet hinter Laub und dem Geäst de Waldes.

Algoroth wendet sich ab. Betrachtet unruhig die über uns in die Höhe strebende Festungsmauer.

Schließlich senkt sich das hölzerne Gestell knirschend auf den Kies am Rande des schaumig blubbernden Burggrabens.

Algoroth packt Roststich.

Springt von der Palette.

Folgt mir, sagt er. Die Zugbrücke ist drüben auf der anderen Seite.

Begegnungen

Als wir um die Mauerecke kommen sehen wir die Brücke, die die Rostbrüder über dem Graben errichtet haben. Eigentlich ist es nur ein Baumstamm.

Sauber entastet, entrindet und akkurat zu einem plan abgehobelten Kantholz verarbeitet zwar, aber im Grunde doch nur ein Baumstamm.

Auf der Brücke sitzt ein Rostbruder.

Das Helmvisier mit einer schaurigen Fratze darauf hochgeklappt. Ein Fuß hängt entspannt herab. Den anderen neben sich auf das Holz gestellt. Fast würde man erwarten, dass einer in dieser Pose eine Zigarette raucht.

Nur zwei Arme, tuschelt Ramir, scheinbar keiner von den ganz harten.

Ein mächtiges Breitschwert liegt auf dem Bein des Mannes. Auf der anderen Seite eine Armbrust.

Noch nie einen so gut ausgerüsteten Mann gesehen, wispert Handon. Allein der Kettenpanzer ist ein Vermögen wert.

Algoroth drängt sich nach vorne.

Sei´s drum, sagt er lauthals, der hat vor meiner Burg nichts zu suchen. Machen wir ihm den Garaus.

Er läuft schnurstracks auf den Mann zu.

Der klappt das Helmvisier runter. Richtet sich auf.

Greift nach der Armbrust.

Tritt von dem Balken auf feste Erde.

Legt den Bolzen ein. Spannt.

Warum müssen wir denn schon wieder kämpfen, sagt Bullwai, können wir uns nicht einfach außen rum schleichen.

Bitte, sagt Handon, geh einfach auf die Brücke und schleich dich außen rum.

Er rollt das Bild aus. Geht dahinter in Deckung.

So ein verblödeter Zwerg, sagt Handon hinter dem Bildnis.

Direkt vor ihm reckt Quetzel triumphieren das Zepter in die Höhe.

Ramir sucht Deckung hinter Algoroth. Versucht den vorwärts schreitenden König zwischen sich und die Armbrust zu bringen.

Das Schloss der Waffe löst aus.

Katapultiert den Bolzen heraus.

Der schlägt in Algoroths Brust ein.

Ein kurzer Knall.

Der König taumelt.

Dann zieht er den Bolzen aus seiner Brust.

Wirft ihn achtlos zur Seite.

Marschiert weiter.

Die Luft um ihn herum beginnt zu flirren.

Ein magisches Flimmern umgibt die marschierende Gestalt. Als würden unterschiedliche Ebenen der Wirklichkeit ineinander verschmelzen.

Roststich leuchtet hell in seiner Hand auf.

Aus Algoroths Schädel dringt ein intensives blaues Glühen.

Der Schädel scheint sich fortwährend zu verformen wie eine amorphe Masse.

Der pure Anblick dieses Racheengels löst Grauen aus.

Dann…

Startet der tote König einen gewaltigen Furchtangriff.

Als würde dem Universum für einen Augenblick der Atem stocken.

Als würden die Gestirne innehalten und sich vor Grauen zusammenballen.

Ein Furchtangriff mit acht W6 und der Wucht einer der großen Gestalten der Sagen und Legenden dieses Kontinents bricht sich Bahn. Ergießt sich über die Landschaft.

Wir halten die Luft an.

Warten, was passiert.

Ich sehe das schlammige Wasser des Burggrabens. Kräuselt sich etwas.

Eine schaumige Blase steigt auf.

Ein paar Wildkräuter wiegen sich in der sanften Brise.

In der Ferne kräht ein Rabe.

Die Schäfchenwolken hoppeln noch immer über den Himmel.

Der tote König gibt ein Grunzen von sich.

Verschränkt seine Finger. Lässt die Gelenke knacken.

Na gut, sagt er.

Er schaut sich um.

Eine Brise weht ihm die verbliebenen Strähnen seines schütteren Haarkranzes ins Gesicht.

Naja. War aber trotzdem nicht so schlecht, sagt er.

Nach all den Jahren.

Lässt die Schultern abwechselnd kreisen.

Bullwai rennt mit gezogener Axt an Algoroth vorbei.

Rast auf den Rostbruder zu, der soeben den nächsten Bolzen in die Armbrust friemelt.

Ramir folgt Bullwai auf den Fersen.

Ich wirke einen Zauber der Lähmung. Der Rostbruder wird in dieser Runde seine schnelle Aktion einbüßen.

Bullwai wirft sich vor dem Rostbruder auf die Knie. Rutscht durch den Schwung auf Knien weiter. Hält den Schild zur Deckung über sich. Schwingt die Axt in weitem Kreis nach vorn.

Kracht in den Rostbruder und trennt ihm ein Bein ab.

Der stürzt zu Boden. Windet sich im Staub.

Bullwai erhebt sich wie ein Rachengel.

Grinst den zuckenden Mann an.

Ich schätze Feinde auf Augenhöhe, sagt er.

Der Rostbruder. Zuckend an der Kante des blubbernden Burggrabens.

Versucht sich zu erheben. Rutscht mit dem verbliebenen Bein über die Böschung.

Paddelt mit den Händen nach Halt.

Findet keinen, rutscht weiter ab. Plumpst in den schleimigen Morast.

Nach dem Blubb breiten sich in der zähen Brühe nicht mal Wellen aus.

Nur eine Blase steigt auf.

Zerplatzt an der Oberfläche.

Bildet ein Krönchen aus Schaum.

Wird langsam vom Wind fortgetrieben.

Gut gemacht, Recken, sagt Algoroth.

Er steht stolz vor seiner Burg.

Die Arme in die Hüften gestemmt.

Vor allem der Knirps da. Er nickt mit dem knochigen Kinn in Richtung Bullwai.

Kann mal was draus werden, aus dem Kleinen.

Und jetzt folgt mir.

Einer nach dem anderen schreiten wir hinter Algoroth über die Brücke, wie Entlein hinter ihrer Mutter.

Burg Wetterstein im Rücken.

Am anderen Ufer erwartet uns Dalb.

Er verbeugt sich vor Algoroth. Tief.

Mein Herr, sagt Dalb, willkommen in den Rabenlanden.

Der tote König tätschelt milde lächelnd den Kopf des Dämons.

Er wendet sich zu uns.

Auf geht´s, Männer. Weitere Verbündete warten auf uns.

Bildträger. Hol schon mal den Wagen.

Handon geht murrend den Wagen holen.

Bullwai, Ramir und ich zerren den Holzbalken auf unsere Seite des Grabens.

Verstecken ihn in einem kleinen, schluchtartigen Seitental zwischen schroffen Felsen.

Handon rumpelt mit Lutz und dem Karren heran.

Na dann, Männer, sagt Algoroth.

Er steigt behände auf den Karren und nimmt neben Handon Platz.

Kutscher, das hat aber ein bisschen lange gedauert. Nächstes mal geht das etwas schneller, so wir denn Freunde bleiben wollen.

Selbstverständlich. Handon wirft uns einen genervten Blick zu.

Und ihr, Algoroth weist auf Ramir, Bullwai und mich, ihr drei bildet die Nachhut. Hinter dem Wagen herlaufen.

Mit einer wedelnden Bewegung seiner knochigen Hand deutet er an, wie er sich das genau vorstellt. Eine Zweierreihe hier vorne. Dahinter ein Mann zur Absicherung.

Hüa, Kutscher. Los geht´s. Wir sind abfahrtbereit.

Der Karren macht sich rumpelnd auf den Weg.

Vorne zerrt Lutz lustlos an der Deichsel.

Bullwai, Ramir und ich schlurfen lustlos hintendrein.

Der tote König stimmt Wanderlieder aus seiner Jugend an.

Höchst fremdartige Melodien.

Kaum nachvollziehbare Texte.

In einer seltsam gurgelnden Gesangstechnik.

Ich atme tief durch.

Ich hoffe wirklich, wir sind schnell auf Olse.