Bullwais Bericht 24
Goooood Moorning Wettersteiiiin!!!
Burg Wetterstein. Der Zwinger vor dem innersten Bereich der Burg. Das erste Licht der Morgensonne taucht den Burghof in ein kaltes Herbstlicht. Der Beginn von etwas, das die Oberweltler als einen strahlend schönen Tag bezeichnen. Statt Vogelgezwitscher ertönt entferntes unmelodisches Wildtrudengekreische. Ich bin wach und mir tut einfach alles weh von den gestrigen Strapazen und einer unbequemen Nacht auf der Seilwinde der Zugbrücke, auf der ich wie ein totes Eichhörnchen, bäuchlings liegend geschlafen habe. Ich muss erstmal pissen und gehe vor das Wachhaus um meine Notdurft an der Mauer zu verrichten. Zitternder, unsteter Strahl. Streut ein wenig, die alte Flinte… das werte ich mal als schlechtes Omen für den kommenden Tag. Während ich so mein Wasser abschlage, beobachte ich den immer noch umherwandernden toten Wächter, der weiterhin stoisch seine Runden vor dem großen Portal dreht, das noch tiefer in die Festung führt. Wir ignorieren uns gegenseitig. Ich pisse, er läuft im Kreis.
Der Zwinger ist teilweise in den Fels geschlagen. Wie ein kleines Plateau, die linke Seite wird durch den Abgrund begrenzt, die ehemalige Brüstung ist bereits in die Tiefe gestürzt, und der Rest des Hofes sieht so aus, als würde er ihr bald folgen wollen. Viele der verlegten steinernen Bodenplatten sehen für meine Augen echt fragwürdig aus. Menschliche Schlamperei!
Ich schüttle ab und marschiere zu den anderen zurück ins Torhaus. Die Luft in dem engen Raum könnte man schneiden. Es stinkt nach Blut, Schweiß, ungewaschenen Körpern, Waffenöl. Erinnert mich an Zuhause, nach einem harten Arbeitstag in den Mienen oder den Schmieden. Mich trifft ein klitzekleiner Anflug von Heimweh, aber das geht schnell vorbei. Nach den paar Stunden Schlaf sind wir alle halbwegs ausgeruht und genehmigen uns erstmal ein schnelles Frühstück. Ramir fördert aus seinem Knappsack ein paar angeschimmelte Scheiben Brot zu Tage und legt sie angewidert bei Seite, kramt weiter, bis er eine essbare Scheibe und etwas Trockenfleisch gefunden hat.
Tja, hättest Du mal so wie ich auf das unverwüstliche zwergische Schwarzbrot von Jarmusch und Belltrog gesetzt, denke ich. Das hält ein Jahrzehnt und zur Not kann man es dann später auch noch als Brennstoff verwenden oder als Wurfgeschoss.
Ich throne wieder bequem auf meiner Zugbrückenseilwinde und grabe die Blechdose mit meiner Käse-Notration von ganz unten aus meinem Rucksack hervor. Schnuppere misstrauisch… Die Maden im Käse leben noch… wirken aber schon recht fett. Nicht mehr lange und sie verpuppen sich. Besser ich esse sie jetzt. Während ich die weiche Käsemasse inklusive Fleischeinlage auf mein Schwarzbrot schmiere, beobachte ich die untote Wache draußen…
Ich frage mich, ob er noch irgendeine Erinnerung an sein altes Leben hat. Oder ist er einfach nur eine Art Autoamt, der unablässig seine ihm vorbestimmte Aufgabe wiederholt? Egal ob bei Sonne oder Regen, ob es stürmt oder schneit…
Der herrlich würzige Duft des Madenkäses erfüllt die eh schon ranzige Luft und Handon springt auf um die Tür zu öffnen. Irgendwie wirkt er leicht grün um die Nase. Diese Menschen… keine Ahnung von guter Küche. Bei mir Zuhause würde man den Madenkäse schön in der Pfanne braten, die käsegefüllten Maden ploppen in der Hitze fröhlich auseinander, alles umgeben von noch mehr cremigem Käse… mir läuft das Wasser im Mund zusammen und ich beisse schnell in mein Madenkäsebrot, bevor die sich immer noch appetitlich windenden Maden herunterfallen oder ich einem meiner gierigen Begleiter noch was abgeben muss…
Ramir war wirklich in der komplette restlichen Nacht wach und hat aufgepasst. Trotz seiner traumatischen Verletzung. Das ist bemerkenswert, finde ich, denn jeder andere hätte Wochen gebraucht, bis diese schreckliche Wunde ordentlich verheilt wäre. Der blutige, nun nutzlose Ärmel hängt vom Ellenbogen an leer und traurig herab. Sieht immer noch total falsch aus, wie ein einbeiniges Huhn oder ein zweiköpfiger Nacktmull. Werd ich mich wohl nie daran gewöhnen. Also beschließe ich, diese Asymmetrie einfach stur zu ignorieren. Mein Volk hat das sture Ignorieren ja quasi erfunden und ich kann behaupten, dass ich es darin zur Meisterschaft gebracht habe. Was man ausblendet ist ganz einfach nicht da! So ein Mist! Das klappt nicht! Wie soll man was ignorieren was garnicht mehr da ist!
Zur Zeit bastelt der Elf irgendwelche Lederriemen und Stoffstreifen an seinen leichten Schild, um diesen mehr schlecht als recht an seinem Arm-Stumpf zu befestigen. Lächerlich! Als wenn das irgendeinen heftigen Schlag abhalten könnte. Aber zumindest verdeckt es den Stumpf und mein Ordnungssinn ist erstmal befriedigt.
Ich beobachte Ramir noch einige Zeit lang, kratze mir nachdenklich am Kopf und frage dann mal vorsichtig in die Runde: „Sagt mal, nur um das nochmal festzuhalten… warum genau sind wir nochmal hier und lassen uns für keinerlei Sold unsere diversen Körperteile abschlagen?“
Ramir: „Es geht um das Szepter von Nehaka!“
Ich: „Nicht um das Schwert von Algoroth? Nur ein blödes Szepter?“
Ramir: „Kein Schwert – das Szepter von Nehaka!“
Ufil: „Ich dachte es waren irgendwelche Elfenedelsteine und eine Krone.“
Ramir: „Nein, wir sind wegen des Szepters hier, das Algoroth irgendwo hier versteckt hat.“
Handon: „Aber war da nicht die Rede von dem Schwert, das Riesen tötet?“
Ich: „Genau, dieser Dalb sagte doch, dass wir mit Algoroths Schwert „Roststich“ einen viel leichteren Rückweg hätten, weil es Monster tötet.“
Ramir verdreht die Augen und wendet sich genervt ab. Diskussion beendet. Auch gut! Dann suchen wir eben so ein blödes Szepter.
Ufil humpelt mühselig rüber zur Alarmglocke neben dem Tor. Betrachtet das alte, angelaufene Bronzeding, das da an einem Holzbalken hängt. Dann geht er weiter zur Zugbrücke, Ramirs verschimmelte Brotstücke in der Hand. Den in Kreisen torkelnden Untoten ignoriert er geflissentlich. Der ihn auch…
Ufil blickt hinüber zum Harpyenturm. Entfernt kann man die Schreie der Bewohnerinnen hören. Wie schrille Krähenrufe an einem Herbstmorgen. Der Todesmagier schmeißt das schimmelige Brot von der wackeligen Zugbrücke hinab in die tiefe Kluft vor der inneren Burg. Beobachtet wie es fällt. Verflucht, denke ich, er hat die Sache mit Ramirs Arm noch immer nicht aufgegeben. Dann humpelt er zurück und meint „Wir sollten die Brücke besser hochziehen, damit uns niemand folgen und von hinten überraschen kann. Wir müssen ja nicht den gleichen Fehler machen wie die Idioten vor uns.“ Leuchtet mir einerseits ein, andererseits versperren wir uns damit auch einen schnellen Fluchtweg, falls wir schnell verschwinden müssen. Ufil ignoriert meinen Einwand und scheucht mich von meinem erhöhten Sitzplatz auf der Seilwinde herunter. Dann beginnt er die Winde zu drehen und mit einem lauten protestierenden Quietschen, begleitet vom Ächzen der morschen Seile und Balken, hebt sich die Zugbrücke langsam an, bis der Torgang wieder verschlossen ist. Ufil wischt sich den Schweiß aus dem rot angelaufenen Gesicht: „Du hättest mir ruhig helfen können!“ Ich schüttle den Kopf und verweise auf das halb-aufgegessene Madenkäseschwarzbrot in meiner Hand. Ging nicht! Hatte keine Hand frei. Dann schiebe ich es am Stück in den Mund und Grinse Ufil mit schwarzbrotkrümeligen Zähnen breit an.
Danach widme ich mich erstmal meinem Gepäck, überprüfe, dass alles sicher, ordentlich und am richtigen Platz verstaut ist, nichts klappert und die wichtigen Teile schnell griffbereit sind. Ich habe da mein ganz eigenes, perfektioniertes System…
Handon hat währenddessen praktischere Gedanken. Er beschäftigt sich mit der untoten Wache, betrachtet ihren unablässigen Wachgang. Der Wächter hat nun als die Zugbrücke sich langsam anhebt gestoppt und beobachtet wankend mit eingeschrumpelten Augen den sich schließenden Torgang. Schließlich dreht er sich wieder um und nimmt den Marsch vor dem Tor in die Innerer Burg wieder auf. Handon kniet sich im Schutz des Torhauses nieder, greift sich einen Stein vom Boden und wirft ihn in Richtung des wandelnden Leichnams. Der Stein klackert über das Pflaster des Zwingers. Die Wache verharrt und beobachtet den Stein. Handon grinst breit und wirft noch einen Stein. Diesmal in die Nähe der zerstörten Brüstung, hinter der es steil in die Tiefe geht. Der Rand des kleinen Plateaus. Wieder lautes Klackern. Die Leiche wandert schlurfend auf die Geräuschquelle zu. Handon ist ein schlauer Fuchs! Er lockt die Wache mit seinen Steinen an die Abbruchkante und schleicht sich vorsichtig hinter sie um ihr einen langen Sturz in die Tiefe zu bescheren. Ich mag Handon! Ein strategisch denkender Mensch, der immer mit Bedacht das Notwendige tut… dann gibt es plötzlich ein lautes Knacken und eine der Bodenplatten bricht unter der Wache weg und stürzt in die Tiefe. Der Wächter bricht in das entstandene Loch ein und bleibt mit den Schultern stecken. Arme, Schultern und Kopf ragen noch heraus. Handon bleibt schlagartig stehen und betrachtet misstrauisch die restlichen Steinplatten. War das eine Falle? Nein! Altersschwache Steine, gepaart mit minderwertiger menschlicher Handwerkskunst. Gut möglich, dass hier auch noch andere Platten wegbrechen könnten… Ich betrachte misstrauisch diese Bodenplatten: Kein wirkliches Muster, einfach kreuz und quer verlegt, ohne Sinn, Verstand und Konzept. Das stört mich echt und lenkt mich auch ab, weil mein Verstand die ganze Zeit versucht irgendwie einen kleinen Fetzen Ordnung in diesem Steinplatten-Chaos zu finden…
Wir anderen haben uns nun auch hinter Handon versammelt und beobachten den Untoten, der sich wild in seinem Loch windet. Handon fackelt nicht lange, setzt ein höhnisches Grinsen auf und schlägt mit dem Falschion kurzerhand die Arme vom zappelnden Körper… Schulter und Kopf verschwinden prompt im Loch und stürzen in die Tiefe. Die Arme bleiben zurück, zucken noch ein wenig herum, bis Handon sie mit dem Falchion dem restlichen Körper durchs Loch hinterherschickt. Schöne Aktion, da sind wir uns alle einig. Jetzt ist der weitere Weg für uns frei. War irgendwie fast schon zu leicht. Aber mich lenken immer noch diese sinnlos verlegten Steinplatten ab. Chaos! Ich hasse Unordnung!
Tot, untot und noch untöter
Der weitere Weg führt nun vom Burgzwinger ein paar Stufen die weite Außentreppe hinauf zu einem düsteren, türlosen Portal in der Felswand. Dahinter beginnt ein schattiger Gang. Das harte Morgenlicht sendet seine Lichtstrahlen durch Schächte in den Gang. Säulen aus Licht, in denen der Staub von Jahrhunderten tanzt. Der Gang führt aufwärts, immer wieder von niedrigen Treppenstufen unterbrochen, und biegt nach rechts ab, so dass es Angreifer schwerer haben, weil sie dem Verteidiger die ungeschützte Schwertschulter statt des Schildes präsentieren müssen. Schlaue Zwergentechnik, aber ganz schlecht von Menschen kopiert, weil die Biegung einfach zu flach ist. So flach das man sogar einen Rammbock leicht hindurchbringen könnte. Besser wäre eine scharfe Rechtskurve, aber was will man von Menschen schon erwarten. Wir nehmen Aufstellung. Ich vorne, hinter meinem großen Rundschild geduckt. Ramir mit seinem lächerlichen, an die Schulter geschnallten kleinen Schild schräg hinter mir. Dann Handon mit schußbereitem Kurzbogen. Ufil bildet mit gezogenem Langschwert die Nachhut. Dann rücken wir in dem Gang Schritt für Schritt vor.
„Verdammt großer Schild“ meint Handon von schräg hinten, über mir, so als hätte er meinen Rundschild zum ersten mal gesehen. Dabei habe ich ihn im Kampf schon viele Male eingesetzt und schleppe ihn seit Dutzenden Schichten mit. Mein Schild ist wirklich nichts Besonderes, nur die Standardversion eines schweren Kampfschildes der Eisenmeute. Groß, rund, zwei dicke Lagen Eichenholz, dazwischen eine Lage Leder, alles fest verleimt, mit einem Eisenbuckel in der Mitte, fest vernietet mit dem Holz. Kreuzförmig angeordnete Eisenbänder und ein umlaufender Eisenrand geben ihm zusätzlich Stabilität. Ideal um damit Pfeile, Bolzen und jede Art von Waffe abzuwehren, wenn der Träger stark genug ist. Und wenn man grundsätzlich davon ausgehen kann, dass nahezu jeder Gegner (die paar kämpfenden Hobbits und Goblins mal außen vor gelassen) einfach längere Beine hat und schneller laufen kann, als man selber, dann ist es einfach besser, wenn man beide Beine erstmal fest auf den Boden stemmt und den Feind kommen und gegen den eigene Schild anrennen lässt. Nichts ist peinlicher, als hinter einem schnelleren Gegner herzuhecheln bis einem die Puste ausgeht und der einfach umdreht, um dir den Rest zu geben. Also kommen lassen, Angriff mit dem Schild abfangen, abgleiten lassen, Schildkante auf den Fuß schmettern, Fuß brechen, Schild nach oben reißen, Kiefer brechen, und dann war es das auch schon. Hab ich schon viele Male genau so gemacht. Funktioniert immer… zumindest bei Gegnern mit zwei Beinen, Armen und einem Kopf.
Wir rücken also im Gang langsam vor, ganz vorsichtig, immer damit rechnend, dass wir auf einen Gegner stoßen könnten. Da ist ja auch immer noch diese flinke kleine Frau, deren Gruppe wir auf dem Weg in die Burg kennen lernten. Nun ja, zumindest das was noch von ihnen übrig war. Die sollten wir echt nicht unterschätzen. Statt nach dem Verlust ihrer Freunde auf dem schnellsten Weg Wetterstein zu verlassen, hat die sich ganz alleine tiefer in dieses gefährliche Gemäuer gewagt. Und das wohl wissend, dass wir ihr auf den Fersen sind. Das ist entweder verdammt mutig oder total verrückt. Ich tippe ja eher auf letzteres. Und Verrückte sind gefährlich…
Der viel zu flach abknickende Gang (eine flaumbärtige Jungzwergtruppe hätte diese Burg mit einem Holzbalken und etwas Anlauf einnehmen können) endet vor einem Portal mit einer großen, geschlossenen mit Eisenbändern verstärkten Tür. Die wirkt allerdings schon etwas morsch. Der fahle Lichtschimmer aus einem Lichtschacht enthüllt rechts und links neben der Tür, die zusammengesunkenen Überreste zweier Wachsoldaten in rostigem Rüstzeug. Einer hat noch eine Schild neben sich liegen. Der andere umklammert immer noch den Schaft einer alten verrosteten Hellebarde. Die sehen ziemlich hin aus, denke ich mir. Nur noch Knochen und vertrocknete Hautfetzen.
Ich trete an die Tür und drücke. Ich drücke fester… stemme mich dann dagegen… von innen blockiert! Nicht schon wieder! Diese dürre, türenverriegelnde Menschenschlampe darf sich in Einzelteilen nach unten zu Ramirs Arm gesellen, sobald ich sie in die Finger bekomme!!! Ich spüre, wie die Wut sich in meinem Inneren immer mehr aufstaut. Diese völlig gestörte, planlos errichtete, chaotische Scheiß-Burg macht mich wirklich aggressiv, Maaaaaaaan!!! Wütend knirsche ich mit den Zähnen.
Und dann trifft mich die Erkenntnis wie ein Vorschlaghammer in die Fresse und lässt mich in der Bewegung erstarren: Dieses ständige Unwohlsein hat garnichts mit den Monstern und Untoten zu tun, die hier herumlungern. Die kann man kaputtschlagen… nein, es ist diese verdammte Burg selber! Völlig planlos konstruiert! Keine gerade Wand, alles irgendwie krumm, schräg und unkontrolliert. Mauer folgt auf Hof, dann ein Turm, mal eckig, mal rund, dann wieder ein Hof, schiefe Platten, schräge Gänge… und alles so angelegt, wie es die Natur gerade zulässt… und dreckig. Keine Kontrolle, kein Plan, keine Baukunst, einfach ein wildes von Menschen verursachtes Durcheinander aus bröckeligem, verrottendem Stein. Fast schon ein Spiegelbild unserer kaputten Welt, wie sie von den Menschen, ihrer verdammten Rostkirche, Zygofer und seinen verlotterten Magier-Helfern hinterlassen wurde… KNACK! Direkt neben mir trennt Handons Falchion einer der skelettierten Wachen den Schädel von den knöchrigen Schultern und reisst mich schlagartig aus meiner Gedankenstarre. Der Schädel kullert fröhlich den leicht geneigten Gang hinab. Der Rest der Wache rührt sich nicht. Handon wollte da wohl auf Nummer sicher gehen, hat Bogen gegen Klinge getauscht und nicht lange gefackelt. Ist uns anderen immer einen Gedanken voraus, dieser schlaue Handon.
Ufil hat es derweil auf den morschen alten Schild der zweiten Wache abgesehen, bückt sich danach, überlegt es sich dann aber anders und greift sein Langschwert fester um auch erst den Leichnam sicher zur allerletzten Ruhe zu geleiten. Das ist auch besser so, denn plötzlich bewegt sich der Tote! Und zwar nicht diese „Skellet-fällt-gänzlich-in-sich-zusammen-Bewegung“ sonder eine völlig unnatürliche „Skelett-rappelt-sich-auf-und-zieht-Schwert-Bewegung“! Ufil ist ganz der erfahrene Todesmagier, stößt sein Schwert wie beiläufig durch den Schädel sowie durch das darin herumeiernde, auf Erbsengröße verschrumpelte, schimmelige Hirn des Erwachenden und schickt ihn für immer schlafen. Zwar kann er nun den ollen Schild an sich nehmen sieht aber irgendwie trotzdem nicht glücklich aus. Vermutlich trauert er den todesmagischen Forschungen nach, die er an dem nun gänzlich verstorbenen Untoten hätte vornehmen können. Kann ich echt nicht nachvollziehen! Das ist für mich alles nur laufendes, stinkendes Gerümpel ohne viel Verstand. Ein bisschen wie mein Großonkel Orban. Seit seinem 113ten Geburtstag wäscht er sich nicht mehr, torkelt sinnlos brabbelnd durch die Stollen und man muss aufpassen, das man nicht über seinen Bart stolpert, den er wie eine schmierige Schleppe zwischen den Beinen hinter sich herschleift.
Aber auf Burg Wetterstein sind diese wandelnden Toten ja fast schon Normalität. Überall wo man hinschaut liegt, steht oder sitzt eine eingetrocknete Leiche, bereit sich aus ihrem Jahrhunderte andauernden Todesschlaf zu erheben. Man gewöhnt sich irgendwie an den Anblick von umherschlurfenden Kadavern, die irgendeiner Aufgabe nachgehen, die sie scheinbar zum Zeitpunkt ihres Todes verrichteten. Ufil muss sich echt im Paradis für Todesmagier wähnen. Er betrachtet die Leichen intensiv als wäre er gerade aus einem beglückenden feuchten Traum erwacht und ich bin mir sicher, er plant einen längeren Aufenthalt um alles hier ganz genau zu studieren. Aber das kann er vergessen! Schließlich haben wir beide noch einen Termin bei meinen Leuten in den Steingärten einzuhalten um unsere Lebensschuld prüfen und eintragen zu lassen.
Die beiden Toten sind also nun noch toter… oder heißt es noch töter? Memo an mich selbst: ich muss Ufil mal fragen, wie man einen total toten Untoten nennt.
Also die beiden Wachen sind halt endlich so richtig und gänzlich tot. Von denen geht keine Gefahr mehr aus. Zeit diese verdammte Tür einzurennen. Handon, Ufil und Ich nehmen also Anlauf, krachen gegen die verrammelte Tür und mit ohrenbetäubendem Gekrache, umherfliegenden Trümmerteilen und einer Staubwolke brechen wir hindurch und stolpern in den Raum dahinter. Eine große Halle, wie es scheint. Verdammt groß! Wie in Zeitlupe sehe ich ein Teil des zerborstenen hölzernen Sperrriegels in die Dunkelheit davontrudeln… vorbei an verstaubten Tischen, Bänke, Stühlen und Betten… vertrockneten Leichen… vertrockneten, gerüsteten und bis an das verschrumpelte Zahnfleisch schwer bewaffnete Leichen! Die ganze verdammte Halle ist voll mit denen. Und der Krach, den wir beim durchbrechen der Tür verursacht haben, sowie die herunterregnenden Trümmerteile bleiben natürlich nicht unbemerkt. Die Toten beginnen sich zu regen. Ein Zittern durchläuft die Körper. Zuerst die in der Nähe der Tür, dann nach und nach immer weitere, wie Schläfer, deren Bewusstsein aus tiefsten Traumtiefen langsam an die Oberfläche der Realität hinauftreibt. Als hätte man einen Stein in einen stillen unterirdischen See geworfen und beobachtet nun, wie die Wellenringe sich an der Oberfläche ausbreiten. Ausnahmsweise agieren wir mal wie ein Mann und erstarren alle fast gleichzeitig in der Bewegung… und ziehen uns langsam und vorsichtig rückwärts in den Gang zurück, ohne die erwachenden Toten aus den Augen zu lassen. Ein rascher Seitenblick offenbart mir Uvils entzückten Gesichtsausdruck. Weit aufgerissene Augen, die gierig jede Nuance dieser morbiden Szenerie verfolgen. Dem Todesmagie-Spinner geht beim Anblick dieser synchronen Toten-Choreographie bestimmt einer ab. Wir anderen verspüren eher blankes Entsetzen, denn zwei bis drei dutzend gerüstete Kämpfer, egal ob untot oder lebendig, würden uns hier schlichtweg überrennen.
Sobald wir uns koordiniert weit genug in den Gang zurück gezogen haben, dass die Untoten uns nicht mehr sehen und hören können, kehrt bei denen wieder Ruhe ein und sie dämmern wieder weg in ihren Todesschlaf. Mein Herz hämmert immer noch wie ein Schmiedehammer und ich kann garnicht fassen, dass wir wirklich soviel Glück hatten. Leise murmle ich ein Dankesgebet an Huhne, den Gott meines Volkes und verspreche ihm eine Doppelschicht in der Tempelschmiede, sobald ich zurück bin.
Wir starren und lauschen alle den Gang zurück in Richtung Halle. Es bleibt ruhig. Also schleichen wir wieder ganz vorsichtig vorwärts, diesmal um uns erstmal einen besseren Überblick über den Saal zu verschaffen. Gibt es weitere Ausgänge? Wo sind die? Gibt es einen sicheren Weg zwischen den ganzen Leichen hindurch? Einen, der sie nicht weckt. Ufil ist natürlich der erste an der Türöffnung. Wir lassen ihm gerne den Vortritt. Ich halte mich aber in seiner Nähe, schließlich muss ich ja auch noch meine Lebensschulden bei ihm begleichen. Andererseits ist er ein Todesmagier. Die Untoten müssten ihn doch eigentlich in Ruhe lassen. Ufil flüstert: „Da sind Fußabdrücke vor uns im Staub. Irgendjemand ist hier vor kurzem durchgeschlichen. Kleine, schmale Füße.“ Die verdammte Messerfrau, denke ich. Die ist hier durchgeschlichen. Und sie hat auch die Tür verschlossen und von innen verriegelt. Wie hat die elende Schlampe das nur angestellt, ohne dass die Untoten erwacht sind?
Linker Hand kann Uvil einen Torbogen erkennen, durch den das klare Morgenlicht in den großen Wachsaal fällt. Vielleicht ist da ein Balkon oder eine Galerie. Aber der weitere Weg, tiefer in die Burg, führt uns anscheinend durch die Halle und durch die kleine Armee von nicht ganz toten Wachen, denn in der Wand gegenüber prangt ein weiterer Durchgang, fast schon ein Portal, hinter dem man weitere Treppenstufen erkennen kann, die nach oben und tiefer in den Felsen führen…
War ja klar! Kann es nicht mal schön einfach sein. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit einer netten Treppe, direkt neben dem Eingang. Aber nein, wir müssen uns erst durch einen Raum voller untoter Bewaffneter kämpfen. Langsam kommt mir das ganze wie eine gewaltige Aneinanderreihung von kranken Prüfungen vor. Ob hier irgendwo jemand sitzt, uns zuschaut und dabei Tränen lacht, wie wir Gliedmaßen verlieren, halbtot vorankriechen, über Abgründe schwingen und uns gegenseitig töten? Aber dafür die ganze Wachmannschaft und alle sonstigen Bewohner der Burg in jahrhundertelangen Todesschlaf versetzen? Andererseits: Warum sollte man sowas überhaupt tun? Oder wurden sie alle verzaubert? Ich flüstere zu Ufil hoch: „Sag mal, woran sind diese ganzen Kerle hier eigentlich gestorben? Sieht nicht so aus, als hätte die jemand erschlagen.“ Ufil scheint darüber bereits nachgedacht zu haben. Er hat die Augen geschlossen und erspürt die Magie, die hier wirkt und die Toten am Halbleben hält. „Die sind alle zusammen mit Algoroth eingeschlafen. Ich spüre einen Fluch. Starke Magie. Schwer zu beschreiben… als würden die Toten wie Fische tief unter der Wasseroberfläche schlummern. Erst durch Geräusche oder Bewegungen treiben sie nach oben zur Oberfläche und wachen schließlich auf.“ Ich verzeihe angewidert das Gesicht. Ich mag Fische nicht! Bis auf die blinden, schleimigen, weißen Höhlenfische. Die schmecken gebraten ganz gut. Die anderen, also die mit den Augen, finde ich eklig. Die starren einen so kalt und leblos an.
Wenn wir weiter wollen, sollten wir wohl besser lautlos zwischen den ganzen Wachen hindurch schleichen… aber dazu kommt es garnicht erst, denn hinter uns ertönt ein metallisches, schleifendes Geräusch. Wir blicken alle zurück in den Gang, durch den wir gekommen sind. Direkt hinter Handon, ragt eine der Wachen auf. Groß, in verrotteter Rüstung und ein schweres Breitschwert hoch über den Kopf erhoben, bereit es auf den völlig überraschten und unvorbereiteten Handon runterkrachen zu lassen. Mein erster Gedanke ist: Wo kommt die denn her? Und wie konnte die sich mit dem ganzen rostigen Rüstungsgelumpe unbemerkt an uns anpirschen? Die andern, inklusive Handon denken vermutlich das gleiche. Der Einzige, der noch irgendwie sinnvoll reagiert ist Ramir. Verdammt ist der Elf schnell! Der Verlust seines Arms hat daran nichts geändert. Noch in der Drehung wirbelt sein Falchion vor, beschreibt einen glatten horizontalen Bogen und trifft den wandelnden Leichnam in Bauchhöhe. Kettenglieder der Rüstung fliegen in alle Richtungen davon und ein lebendiger Mensch wäre jetzt über Teile seiner Innereien gestolpert. Aber das hält die bereits tote Wache nicht auf. Doch zumindest erkauft es Handon noch die Zeit, seinen kleinen Schild hochzureißen um die tödlich herabsausende schwere Breitschwertklinge mit einem lauten Krachen abzuwehren. Sie gleitet vom Schild ab, trifft auf Handons Kettenrüstung, gleitet auch daran ab, und trifft auf den ungeschützten Unterschenkel des alten Kämpfers. Blut spritzt in den Staub und dass Bein gibt nach, so dass Handon schreiend zu Boden geht. Mein erster Gedanke war blöderweise: Und genau deshalb habe ich einen richtig großen Schild! Ist doch war! Wenn man schon mit so einem kleinen modischen Minnischildchen rumläuft, sollte man zumindest in Arm und Beinschienen investieren. Memo an mich selber: meine Arm- und Beinschienen ins Reisegepäck einpacken, wenn ich wieder zuhause bin. Denn wie meine Mutter immer sagt: Doppelt geschützt is besser. Ich bin mir nur nicht so sicher ob sie das in Bezug auf Rüstungen meinte…
Handon liegt also schnaufend am Boden, Ramir versucht den schwertschwingenden Toten zu flankieren, Ufil steht hinter mir, sein Langschwert Sturmhauch in der Hand und er weiß, dass wir die Sache sofort beenden müssen, denn der Lärm wird die Toten wecken. Schon beginnen die ersten in der Nähe der Tür wieder zu zucken. Also schlägt Ufil zu. Ein spektakulär aussehender Schlag, eigenartig wirbelnd und flatternd über meinen Kopf hinweg und auf den Hals der Kreatur gezielt um sie schnell unschädlich zu machen. Aber irgendwo im schimmeligen Hirn des wandelnden Leichnam scheint noch ein Rest Intelligenz zu hausen und so bringt er sein eigenes Schwert in einer ebenfalls spektakulären Parade nach oben und wehrt Ufils Hieb perfekt und kraftvoll ab. Irgendetwas in Ufils Arm knackt laut und vernehmlich. Wie hat der Tote das nur hinbekommen? Was bewegt diese morschen Knochen und vertrockneten Sehnen und lässt sie Dinge vollbringen, die manch Lebender nicht zu schaffen vermag? Ich muss Ufil unbedingt dazu fragen, wenn ich das hier überstehe und wir nicht unter einer Stampede von erwachten und wütenden Wächterleichen begraben werden. Auf alle Fälle hat sich Ufil bei der heftigen Aktion blöderweise die Schulter ausgekugelt. Er verzieht schmerzerfüllt das Gesicht und hält sich den Arm.
Also muss ich rann. Und ich mache es im Gegensatz zu den anderen auf die effiziente, schnörkllose, zwergische Art: Ein Axthieb in Kniehöhe und der Kerl stürzt vor mir herab, wie ein gefällter Baum, ein Rückhandschlag mit der Axt spaltet ihm die Schläfe bis zum Nasenbein. Erledigt! Jetzt aber nichts wie weg, bevor die Toten uns erwischen und in Ihre Wachmannschaft eingliedern. Ich lasse die Axt am Fangriemen vom Handgelenk baumeln, in der Linken halte ich immer noch den Schild, packe Handon am Kragen und schleife ihn hinter mir her, den Gang hinunter. Hinter uns taumeln einige der Toten schon unkontrolliert durch die Halle. Vielleicht haben sie den Ursprung des Geräuschs noch nicht richtig lokalisiert. Glück gehabt, denke ich, doch dann sehe ich eine der verrotteten Wachen zielstrebig in unsere Richtung wanken. Mit jedem Schritt wird sie in ihren Bewegungen sicherer. Verdammt! Also raus in den Hof und Richtung Torhaus. Da können wir uns auf alle Fälle besser verteidigen. Ich schleppe Handon in den Wachraum und lehne ihn gegen die Wand. Er ist ganz bleich. Hat auf dem Weg eine ganze Menge Blut verloren. Die anderen stellen sich in die Tür und spähen hinaus. Zur Not können wir die Tür noch von innen verrammeln. Dann taucht der Verfolger im Portal auf und läuft mit sicheren Schritten und vorgereckten Armen direkt auf das Wachhaus zu… und daran und an uns vorbei in Richtung Tor… schnurstracks zu der Alarmglocke…
Das gibt es doch nicht! Damit hat nun keiner von uns gerechnet. Der vertrocknete Kerl will Alarm schlagen! Unsere beiden Krüppel, der einarmige Ramir, und der holzfüßige Ufil und ich reagieren alle gleichzeitig, quetschen uns zu dritt durch die Tür des Wachhauses und stürzen hinter dem wandelnden Toten her. Ramir ist wie immer der Schnellste und erreicht ihn als erster… das Falchion in der Rechten… und macht etwas total unvorhergesehenes: Er schlägt zu, aber mit links! Hat anscheinend total vergessen, dass dort vom Ellbogen abwärts nur noch amputierte Leere herrscht. Der Schwung trägt ihn an dem Toten vorbei, der einen weiteren Schritt auf die Glocke zumacht. Ufil ist noch zu weit weg, als das er mit dem Langschwert etwas erreichen könnte. Und ich bilde mit meinen kurzen Beinen wieder mal das Schlusslicht. Noch 7 Meter, keine Chance den toten Scheißkerl noch rechtzeitig zu erwischen, bevor er die Glocke schlägt. Wir sind erledigt…
Aber es heißt doch, Verzweiflung macht erfinderisch. Ich kann nur hoffen, dass mein Opa in der Totenwelt niemals mitbekommen wird, was ich jetzt tue. Er würde mich in meinen Träumen heimsuchen und mir die Abreibung meines Lebens verpassen…
Ich greife meinen schweren Schild an der Kante, so wie eines dieser runden flachen Kinderspielzeuge zum Werfen aus Leichtholz, die bei den Hobbits und interessanterweise auch bei jungen Wölflingen so beliebt sind. Und dann schleudere ich ihn mit einer Körperdrehung in Richtung des Untoten. Das Teil hat so ungefähr die gleichen miesen Flugeigenschaften wie ein geworfener Fensterladen… und es ist verdammt schwer! Ich hatte auf den Hals gezielt, treffe den Kerl aber lediglich in Höhe der Oberschenkel. Das reicht aber immerhin, um ihn ins taumeln zu bringen, so dass er mit Schwung an der Glocke vorbeirennt. Er braucht ein paar Schritte, bis sein von Maden zerfressenes Gehirn ihn dazu bring abzubremsen und die Richtung zu wechseln, vorbei an Ramir, der diesmal aber mit dem richtigen Arm und seinem schweren Falchion zuschlägt… und bei Huhne und allen geheiligten Werkzeugen, der verdammte taumelnde Leichnam eiert plötzlich nach links weg, irgendwie vorbei an Ramirs Hiebklinge und direkt hinein in Ufils Langschwert, das ihn vom Schädelansatz bis zum Brustbein spaltet. Nur noch drei Schritte und er hätte die Alarmglocke erreicht und was dann passiert wäre, will sich keiner von uns wirklich ausmahlen.
Stöhnen aus dem Torhaus… Oh Mist! Wir haben Handon ganz vergessen. Der hat sich mit dem Rücken an der Wand hingesetzt, die Beine am Boden ausgestreckt und drückt mit verkrampften Fingern die Adern am Bein ab. Ramir eilt direkt zu ihm und versucht die Beinwunde auszuwaschen und zu verbinden. Aber mit einem Arm kommt er da an seine Grenzen. Hätte ich ihm gleich sagen können. Schon mal versucht einen Verband mit nur einer Hand anzulegen? Ich bekomme das ja schon mit zwei Händen nicht ordentlich hin. Na, zum Glück für Handon, hat Ufil noch beide Hände, auch wenn ihn seine verletzte Schulter immer noch stark schmerzt und er den Arm entlastet. Sein Holzfuß ist da kein Hindernis. Er ist zwar kein geschickter Heiler, aber mit Körpern, besonders mit toten, kennt er sich trotzdem aus. Es reicht um die Blutung erstmal zu stoppen. Handon ist mittlerweile ohnmächtig geworden. Leider kenne ich Ufils eigenartiges Verhalten, wenn es um Verletzungen und Schmerzen anderer geht. Sein Wissensdurst lässt ihn da manchmal widerliche Dinge tun. Deshalb habe ich ein Auge auf ihn und das, was er tut. Schließlich haben wir einen Ruf zu verlieren und alles was er anstellt fällt ja auch auf mich als seinen Lebensschuldner zurück. Aber bei Handon macht er nichts komisches. Er blickt mir direkt in die Augen und meint: „Wenn Handon wieder aufwacht, sag ihm, dass ich ihn mit Respekt verarztet habe!“
Ja klar… mit Respekt. Bei Quro und Ramir war das damals ganz anders. Und wenn ich mal mit verarztet werden dran bin? Darüber will ich jetzt lieber nicht nachdenken. Handon beginnt laut zu schnarchen. Ich gehe raus, um meinen Schild zurückzuholen. Der hat glücklicherweise nichts abbekommen, außer ein paar neuen Kratzern im schwarzen Lack. Entschuldige Opa, ich mache das auch nie wieder! Versprochen!
Wir lagern erstmal bis zum Mittag im Wachhaus. Solange dauert es, bis Handon wieder wach wird und sich selber ordentlich verarzten kann. Er wickelt den Verband mit gerunzelter Stirn ab, näht die Wunde dann gekonnt zu, schmiert noch irgendwas darauf und legt einen neuen, sauberen Verband an. „Alles halb so wild. Hat nur stark geblutet, aber in ein paar Tagen ist das sauber verheilt.“ sagt er zu sich selber. „Ufil hat Dich mit Respekt verarztet!“ werfe ich ein. „Er wollte, dass Du das weißt.“ Er nickt nur, wickelt die Fußlappen fest um das Bein und zieht den vollgebluteten Stiefel wieder an. Dann steht er auf, belastet vorsichtig das Bein und humpelt ein bisschen auf der Stelle. „Das wird gehen. Jetzt renke ich erstmal Ufils Schulter ein.“ Zäher alter Kerl denke ich. Fast wie ein zu lang gewachsener Zwerg.
Ich mag Handon irgendwie. Hatte ich schonmal früher erwähnt. Ich wüsste echt gerne mehr über ihn und seine Vergangenheit. Wo kommt er her, was hat er erlebt? Für einen Menschen ist er schon alt: grauer Bart, graues, schütteres Haar. Wie alt werden Menschen eigentlich? Handon muss in seiner Sippe auf alle Fälle ungemein angesehen sein. Immerhin trägt er einen Kettenmantel und einen Vollhelm, Rüstzeug, dass in meinem Clan nur die besten Kämpfer erhalten. Ich höre jetzt schon Ufils Frage: „Und warum trägst Du dann nicht solch privilegierte Rüstungen sondern nur ein schäbiges, mit Stahlplatten verstärktes Lederwams?“ tja, lieber Ufil, ich bin eben inoffiziell unterwegs. Quasi in privater Freizeitkleidung, wenn man so will. Aber zurück zu Handon: Er muss sehr erfolgreich und anerkannt sein, wenn er solche hochwertige Ausrüstung besitzt. Meine alte Wächter-Neugier ist leider mal wieder geweckt. Ein verdammter Fluch, der mich früher schon öfters in Schwierigkeiten gebracht hat. Ich werde Handon bei Gelegenheit mal ein wenig auf den Zahn fühlen müssen.
Handon braucht Ruhe, also entscheiden wir, bis zum Abend hier im Vorhof zu bleiben, von unseren Vorräten zu essen und die ganzen Wunden und Blessuren bestmöglich auszukurieren. Nachdem ich mein Gepäck und die Ausrüstung nochmal überprüft, die Axt gereinigt und einen Happen Schwarzbrot mit Dauerwurst zu mir genommen habe, setze ich mich mit meiner Pfeife auf meinen alten Platz, die Torwinde, um zu Rauchen und nachzudenken. Mir fällt mal wieder auf, dass ich über meine ganzen Begleiter ja eigentlich wirklich nicht viel weiß. Da bin ich mit denen nun schon so viele Schichten unterwegs, aber ich hab immer noch keine richtige Ahnung, woher sie im einzelnen kommen und was sie früher gemacht haben. Ufil zum Beispiel: Der bezeichnet sich als Todesmagier. Aber ich stelle mir Magier eigentlich mit einem Stab, einer grauen Kutte und einem langen grauen Bart vor. Ufil hat keinen Stab und auch garkeinen Bart. Dafür aber ein Langschwert und damit kann er verdammt gut umgehen. Er hat mal erzählt, dass er als Hofmagier bei unterschiedlichen Herren gedient hat. Bei welchen Herren denn? Kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Er hat zwar gute Umgangsformen, aber er ist auch extrem arrogant. Wenn er einen anblickt kommt man sich wie eines dieser zusammengenähten kleinen Pelzdinger im Labor von Wetterstein vor. Als würde er einen analysieren, bewerten und dann in einem Einmachglas konservieren wollen. Also, nicht falsch verstehen: nach dem Tod in hochprozentigem Alkohol eingelegt zu werden ist tatsächlich meine zweitliebste Bestattungsart. Die erstliebste ist, noch lebend in den Alkohol gelegt, darin zu ertrinken und für die Ewigkeit konserviert zu werden. Aber wenn Ufil einen so ansieht, fühlt man sich unwohl und irgendwie sehr klein und möchte am liebsten gleich eine großen Schluck von diesem Balsamierungs-Alkohol schlucken, damit einem innerlich wieder warm wird. Keine Ahnung, wie so jemand eine erfolgreiche Kariere als Hofmagier hinlegen kann, aber vielleicht war ja genau das auch sein Problem? Viele Fragen, die ich irgendwie lösen muss. Denn wenn wir meine Lebensschuld in den Steingärten beglaubigen lassen, werden die Rechtsbewahrer es ganz genau wissen wollen. Woher kommt er, wann geboren? Wer sind die Eltern? Geschwister? Frau, Kinder? Und, und, und… Er könnte ja schließlich auch irgend ein Hochstapler sein, der sich als Ufil der Todesmagier ausgibt. Glaube ich zwar nicht, denn warum sollte das jemand wollen? Abgesehen davon vertrauen ich ihm und mir persönlich ist seine Vergangenheit auch nicht so wichtig. Für mich zählt, dass er sich in der höchsten Not für uns alle todesmutig eingesetzt hat. Da kann ich auch ein paar Schrullen akzeptieren.
Unser Todesmagier sitzt derweil auf seinem Rucksack und blättert und liest in seinem ledergebundenen dicken Zauberbuch, das mit allen möglichen unleserlichen Schriftzeichen, Zeichnungen und Diagrammen gefüllt ist. Er nennt es sein „Grimoire“. Komischer Name. Hört sich für mich eher wie eine juckende Geschlechtskrankheit mit Ausfluss an. Ein Freund in der Wache hatte sich sowas mal bei einem Feldzug eingefangen, nachdem er sich mit ein paar menschlichen Gefangenen eingelassen hat. War ziemlich fies. Vielleicht wäre ihm das nicht passiert, wenn er Ufils Buch gelesen hätte…
Aber die Sache mit der Todesmagie lässt mich nun nicht mehr los. Kann Ufil damit die Toten rufen und kontrollieren? Wäre das nicht ein Weg, um unbeschadet durch diese totenverseuchte Burg zu gelangen? Also frage ich ihn kurzerhand: „Sag mal Ufil, warum beherrschst Du diese ganzen Toten eigentlich nicht einfach? Zu irgendwas muss diese ganze Todesmagie doch gut sein. Dann könnte man vielleicht auch einen von denen mal fragen, woran er und seine ganzen Kameraden gestorben sind und was hier eigentlich passiert ist.“
Ufil blickt von seinem Geschlechtskrankheitsbuch auf und sieht mich mit diesem leicht genervten Gesichtsausdruck an. „So funktioniert das nicht, Herr Zwerg. Die Toten hier stehen bereits unter einem Zauber. Und der ist sehr stark. Ich habe auch schon in meinen Aufzeichnungen nachgesehen, ob ich das irgendwie umgehen kann. Aber die helfen da auch nicht weiter. Vielleicht, mit genügend Zeit und diversen ausgefeilten Tests, ließe sich da was aus den mir bekannten Formeln entwickeln. Ideen hätte ich schon…“ Er wirkt nicht wirklich überzeugt. Ich bin mir auch nicht sicher. Aber es ließen sich bestimmt ein paar untote Versuchsexemplare einfangen um mit ihnen zu experimentieren. Nur wo sollen wir das machen? Hier im Zwinger ist das zu riskant. Und uns fehlt die passende Ausrüstung, wie Käfige, Ketten und so. Jetzt verstehe ich langsam, warum Ufil sich im Kampf auf sein Langschwert verlässt. Mit seiner Magie ist echt nicht viel anzufangen. Verstehe garnicht warum man so ein ganzes Buch mit nutzlosen Zauberformeln vollkritzelt und mitschleppt um sie dann niemals einsetzen zu können. Ein Buch über echte Geschlechtskrankheiten wäre bestimmt nützlicher…
Bevor wir schließlich wieder aufbrechen, widmen sich Handon und Ramir nochmal der vermaledeiten Alarmglocke. Eine ganz normale alte Glocke aus angelaufenem Messing ist es. Die beiden montieren sie ab und bringen sie ins Wachhaus, damit nicht doch noch jemand damit Alarm geben kann. Messing ist eine seltene und wertvolle Metall-Legierung. Ich überlege, ob ich die nicht später einschmelze und daraus Ramirs neuen Ersatzarm anfertige. Oder ich verwende sie für Ufils Fuß. Sähe bestimmt gut aus.
Das große Erwachen!
Es ist mittlerweile später Nachmittag, die Herbstsonne sendet ihre letzten flachen Strahlen in den Burghof. Entfernt krächzen die Harpyen melancholisch vor sich hin. Wir sind bereit für einen neuen Versuch um durch die Wachhalle zu kommen. Wir wollen es nochmal leise und vorsichtig versuchen. Uns durchschleichen. Vorbei an den Dutzenden schlafenden noch nicht-ganz-Toten, hinüber zu dem Portal, das sich auf der anderen Seite der Halle befindet und weiter in die Burg hineinführt. Wir schätzen alle, dass eine Wachmannschaft dieser Größenordnung, auch etwas wichtiges bewachen muss. Kann also nicht mehr weit sein, bis zu unserem Ziel, dem Ort wo dieses blöde Szepter, oder das Schwert, oder was auch immer, weswegen man uns hier her geschickt hat, aufbewahrt wird. Irgendwie kommt mir die ganze Sache hier langsam echt sinnfrei vor. Ich weiß wirklich nicht, warum ich das hier eigentlich mache. Nach der Sache mit Ramirs Arm geht es mir mittlerweile eigentlich nur darum, die anderen und mich hier irgendwie wieder lebend und möglichst in einem Stück rauszubekommen und nicht als Feigling und Verlierer dazustehen, der kurz vor dem vermeintlichen Ziel den Rückweg angetreten hat. Wäre doch echt peinlich und würde sich in der Legende von Bullwai von der Eisenmeute irgendwie nicht gut machen. Außerdem stehe ich in Ufils Lebensschuld, auch wenn die noch nicht offiziell beglaubigt ist. Und ich bin mir sicher, dass sich hier im Wetterstein früher oder später noch eine Gelegenheit ergeben wird um einen Teil meiner Schulden zu begleichen. Dann schulde ich ihm vielleicht nur noch acht Leben… und direkt hebt sich meine Laune. Todesgefahren voraus, die Chance, das Ufil vielleicht fast draufgeht, Lebensschulden begleichen… das könnte doch noch ein guter Tag werden. Also los, gehen wir es an!
In der Wachhalle ist wieder alles still und ruhig. Der Staub hat sich gelegt. Das Abendlicht, das durch die Türöffnung in der linken Wand hereinfällt, taucht den Raum in ein unheimliches, düsteres Zwielicht. Die vielen toten Wachen liegen wie tot herum, so wie es sich gehört. Zugegeben: Nicht alle liegen. Manche sitzen auch zusammengesunken an Tischen, auf Stühlen und Bänken oder lehnen auf eine Hellebarde gestützt an der Wand. Aber diese Ruhe trügt, das wissen wir. Ein lautes Geräusch zu viel und sie erwachen und wir haben die alle am Hals.
Ramir zögert nicht lange und schleicht als erster in den Raum, bewegt sich geschickt und gekonnt und vor allem vollkommen lautlos hindurch… und tritt auf eine herumliegende Schwertklinge. Ein lautes Klirren lässt uns andere allesamt zusammenzucken. Und auch die Toten reagieren auf das Geräusch mit Zucken und dem Grummeln langsam erwachender Schläfer. Ufil beobachtet genau die Reaktionen der Wachen. „Sie sind noch nicht gänzlich erwacht. Aber es fehlt nicht mehr viel.“ flüstert er. Ramir ist schon fast auf der anderen Seite angekommen. Besorgt beobachte ich den immer noch humpelnden Handon, der sich nun ebenfalls durch die sich im Todesschlaf unruhig windenden Leichen schlängelt. Kettenmantel, Helm, Schild sind nicht unbedingt subtil (Keine Ahnung was „subtil“ bedeutet, aber Ufil meint, ich soll das so schreiben, damit ich zumindest etwas gebildet wirke) und lautlos… aber er schafft es. Ist fast bei Ramir angelangt. Dann folge ich. Schleichen ist nicht unbedingt meine Stärke. Ich bin schließlich kein leichtfüßiger Hobbit sondern ein leicht übergewichtiger, 100 Stein schwerer Zwergenkämpfer mit einem angemessenen Waffenarsenal, bestehend aus Kampfaxt, Kurzschwert, Langmesser und Bogen. Ganz abgesehen von dem schweren Rucksack und natürlich meinem Schild, den ich vorsichtshalber einsatzbereit in der linken Hand trage. Ich versuche möglichst nirgendwo anzuecken und bewege mich sehr, sehr langsam vorwärts. Trotz aller Vorsicht stoße ich mit dem Schild gegen einen Tisch voller leerer Weinkelche und einer von denen kippt über die Tischkante… kurz bevor er auf dem Boden zerschellen kann, fange ich ihn mit der Rechten auf und stelle ihn ganz leise auf dem Steinboden ab. Als ich mich wieder aufrichte, blicke ich einer der toten Wachen direkt in die leeren Augenhöhlen. Ich erstarre… nichts passiert. Der von vertrockneter Haut überzogene Schädel grinst mich breit an. Ich lächle zaghaft zurück. Netter Wächter… schön weiter schlafen. Ramir und Handon blicken besorgt zu mir und Ufil zurück. Ramir winkt ungeduldig mit seinem verbliebenen Arm während Handon einen Finger auf die Lippen legt: leise! Blödes Arschloch, dieser Elf. Der ist so ein Rumgeschleiche ja auch gewohnt.
Mittlerweile hat sich auch Ufil auf den Weg gemacht. Hatte uns vorhin noch erklärt, das ein Todesmagier garnicht schleichen können muss. Und dann folgte irgendeinen Quatsch von Zaubertricks, mit denen er früher, in seiner Funktion als Hofmagier und vermutlich auch Hofnarr, Dinge und Personen auf der Bühne verschwinden ließ. Diese Tricks wollte er jetzt auch anwenden. Na ja, Publikum hätte er hier genug… ich hätte ihn ja gerne mal mit seiner Narrenkappe gesehen.
Er macht also eine tiefe Verbeugung vor seinen toten Zuschauern und beginnt mit irgendwelchen komischen Armbewegungen und leise geflüsterten Formeln. Sieht beeindruckend aus und er schafft es sogar ein paar Meter weit, bis er dann einer der Leichen knirschend mit dem Holzfuß auf die Hand tritt. Als Narr am Hofe irgendeines Menschenkönigs hätte er mit der Vorstellung garantiert für Heiterkeit und einige Lacher gesorgt… hier zwischen Dutzenden schwer bewaffneter Wachen im Todesschlaf lacht irgendwie keiner. Am allerwenigsten Ramir, Handon und ich. Ufil erstarrt und wir alle beobachten besorgt die zuckenden Toten. Gaaanz, gaaaanz vorsichtig nimmt Ufil den Holzfuß von der toten, zuckenden Hand. Es fehlt nun wirklich nur noch eine Winzigkeit und die Toten wachen auf. Wir bewegen uns alle so langsam wie nur möglich um bloß keine weiteren Geräusche zu machen. Sieht fast schon lustig aus, so als würden wir durch zähflüssigen Honig waten. Ich kann einfach nicht anders und grinse zu Handon und Fünffinger-Ramir hinüber…mein breites Grinsen gefriert mir auf dem Gesicht…
Kennt Ihr diese Situationen, in denen so alles richtig schief läuft, aber die Fehlschläge lassen einen nicht aufgeben sondern machen dich nur noch stärker und Du machst weiter und weiter. Du weißt, dass lief alles scheiße, aber halb so schlimm. Beim nächsten mal wird es eben besser. Und dann macht sich so ein ganz spezieller Galgenhumor breit und und man lacht der Gefahr einfach ins Gesicht. Und alle fangen plötzlich unkontrolliert an zu Kichern… der schmale Grat, ganz knapp vor dem beginnenden Wahnsinn… und dann wird von einem auf den anderen Augenblick doch noch alles viel, viel, viiiel schlimmer. DAS ist jetzt genau so ein Moment.
Hinter Handon und Ramir taucht eine Gestalt aus den Schatten auf. Schmale Statur, mehrere Dolche und Messer am Gürtel, und dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, von unserer Anwesenheit genauso überrascht wie wir von der ihren. Wir starren sie also alle noch perplex an, als sie „Ach du Scheiße!“ keucht und dann einen lauten schrillen Pfiff ausstößt, der in dem großen Wachgewölbe gellend widerhallt. Dann dreht sie sich um und stürmt durch das Portal, den Treppengang dahinter hinauf und brüllt uns noch gehässig zu: „Ich hoffe, ihr verreckt da drinnen!“ Ramir rennt hinterher, Handon, immer noch humpelnd, versucht auch sie einzuholen. Beide verschwinden in dem dunklen Durchgang. Ufil und ich hören noch ein lautes Knallen, wie von einer schweren Tür, die zufällt. Dann Fluchen von Ramir. Diese Messer-Schlampe ist dann wohl schon wieder entwischt, denke ich. Gleichzeitig höre ich das Krachen als Handon und Ramir versuchen, die Tür dort oben aufzubrechen.
Aber Ufil und ich haben gerade ganz andere Probleme. Durch den schrillen Pfiff der Messerschlampe sind die Toten erwacht! Und sofort erkennen sie in uns die Eindringlinge und gehen auf uns los. Schwerter werden gezogen, Schilde ergriffen, Äxte aufgehoben und die ganze Meute greift an. Unverschämterweise erscheint Ufil als ihr vorrangiges Ziel. Vielleicht wegen dieser irrigen menschlichen Annahme, dass der größte Kerl immer auch der Gefährlichste ist, was sich dann gleich als fataler Irrtum erweisen wird.
Bullwaische Abschweifung: Bezüglich Größe
Woher kommt eigentlich diese Besessenheit der Menschen (lebenden wie auch toten) bezüglich Größe. Großes ist besser als kleineres. Ein großes Haus, ein großes Pferd, ein großer Krieger mit einem großen oder besser noch riesigen Schwert. Für die Menschen scheint groß gleichbedeutend mit mächtig und stark zu sein.
Für mein Volk ist groß gleichbedeutend mit langsam, unbeweglich, leichteres Ziel, weil besser zu treffen. Groß bedeutet plump und dumm! Eigentlich auch ein blödes Vorurteil, gegen das ich zeit meines Lebens ankämpfen durfte. Denn ich überrage die meisten meines Volkes um einen halben, bis einen Kopf. Wie oft wurde ich deshalb als Kind von anderen Zwergenkindern ganz gemein „gehinkelt“: „Bullwai ist so groß, dass er sich den Kopf in jedem Schacht stößt!“ oder sie nannten mich „Bullwai Halbmensch“ und ständig hieß es „Bullwais ist dumm und lang, weil in seinen Adern Menschenblut fließt.“ Daher bin ich als Kind auch immer gebückt gegangen. Ich wollte mit meiner Größe einfach nicht auffallen.
Ja, Ufil, ist ja schon gut! Ich soll keine zwergischen Fremdwörter verwenden. Ich hab gedacht, das Wort „Hinkeln“ kennt jeder. „Hinkeln“ bedeutet, sich über jemanden lustig zu machen. Kommt vom Namen „Hinkel“… Ach, bei den Menschen heißt das „Hänseln“? Von Hans? Was für ein blöder Name! Hab ich noch nie gehört! Mit so einem Namen muss man ja „gehinkelt“ werden.
Das gemeine „Gehinkel“ endete erst, als ich den breiten Gerwulf Tiefstollen mit einer Hand am Hals packte, anhob und mit dem Schädel gegen die Decke knallte, dass er auf der Stelle bewusstlos war. Das ist mir im Nachhinein etwas peinlich, denn damit bestätigt sich ja die menschliche Denkweise: groß gleich stark. Ein Mensch kann vermutlich nicht nachvollziehen, dass mir meine Größe peinlich ist, da ich für ihn immer noch kleiner als die meisten seiner Artgenossen erscheine. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich mich zunehmend wohler unter den Kurzlebigen fühle. Ich komme mir nicht so plump vor, wie unter meinesgleichen.
Lauf Ufil, lauf!
Aber zurück zur Burg Wetterstein, der Wachhalle sowie ein paar Dutzend untoten Wachen, die sich gerade anschicken einen fußlahmen Todesmagier und seinen brillanten Zwergen-Leibwächter zu filetieren. Diese toten Wachen sind schneller als man glauben mag. Eigentlich bestehen sie ja zum größten Teil nur noch aus knirschenden Knochen und zusammengeschrumpfter knarzender Haut und sollten sich mühselig bewegen. Aber weit gefehlt. Die Magie, die sie antreibt macht sie schnell. Ich stehe einige Meter von Ufil entfernt zwischen einigen Tischen und Stühlen, den Schild in der Hand und in der Rechten meine Axt. Leicht gebückt kann ich unter den Tischplatten hindurchspähen und sehe, das alles erstmal auf Ufil zurennt, der sich mit Schwert und Schild der Übermacht stellt. Der Junge hat echt Eier! Mich durchflutet ein Hauch von Stolz auf diesen mutigen jungen Kämpfer, dem ich in einer neunfachen Lebensschuld verbunden bin. Trotz, Sturheit und Kampfesmut im Angesicht einer gewaltigen Übermacht. Das sind zwergische Qualitäten! Vielleicht hab ich ja mehr Einfluss auf ihn gehabt als ich dachte. Also mache ich das einzige Sinnvolle, das man in so einer Situation machen kann.
„Lauf Ufil! Lauf!“ brülle ich… und Ufil läuft, so schnell ihn sein Holzfuss tragen kann! Auf mich zu! Und alle Toten auch! Mein Ziel ist es, gebückt hinter meinem Schild quer durch die wogende Untotenhorde eine Schneise für Ufil und mich zu sprengen, so dass wir es bis zum Ausgang schaffen können. Ich bin mir sicher, dass ich es hinbekommen kann, wenn wir die Tische und Bänke als Hindernisse nutzen und den Ansturm der Kampfleichen so aufspalten. Aber wir schaffen es nicht. Ein verdammt großer Leichnam mit einem riesigen Langschwert stellt sich Ufil in den Weg und schwingt seine Klinge in einem eleganten Bogen horizontal. Ein wirklich gemeiner Schlag in Richtung Hals. Ufils Klinge zuckt hoch und es fehlt wirklich nur noch eine Barthaarbreite zum parieren der Klinge. Fast zärtlich streicht die Klingenspitze über Ufils ungeschützte Kehle und ich sehe Blut spritzen. Ufils Hand greift zum Hals, versucht das Blut zurückzuhalten, die Wunde zuzudrücken, während seine Augen Unglauben widerspiegeln. So ein verdammtes Arschloch, denke ich! Der kratzt hier direkt vor meinen Augen ab und lässt mich und meinen Clan mit neun nicht erfüllten Lebensschulden zurück. Und ich weiß noch nicht mal, wer seine Erben sind um die Schulden zu übertragen! Das wird uns ja ewig nachhängen! Aber nicht mit mir! Ich mache kehrt, renne zu Ufil, packe ihn mit der Rechten am blutigen Kragen. Meine Axt baumelt schwer vom Fangriemen an meinem Handgelenk und ich stolpere fast über den Axtkopf. Dann drehe ich um, halte den Schild schräg vor mich und laufe gebückt in Richtung Ausgang. Die Toten scheinen verwirrt zu sein. Vermutlich suchen sie nach der größten Bedrohung und übersehen dabei die gemeinere Gefahr in Bodennähe: MICH! Ein paar Klingen schlagen über mich hinweg und ich spüre wie eine meinen Helm streift. Aber ich stürme einfach gebückt unter den Tischen durch, und räume mit dem Schild alles beiseite, was im Weg ist, während ich Ufil blutend und schwer mitschleife. Hah, das soll mir mal einer dieser ach so großen Menschenkrieger nachmachen. Soviel zum Thema Größe und Überlegenheit. Ich muss unwillkürlich an den beheizten Schneeräumschild meines Vetters Goswin denken, mit dem er unsere Bergpässe im Winter schneefrei räumen wollte. Hat toll funktioniert, bis er dann zusammen mit seiner Maschine von einer abgehenden Lawine erwischt wurde. Wir haben seine Überreste erst im nächsten Frühjahr nach der Schneeschmelze wiedergefunden.
Hinter mir gehen die Tische und Bänke unter den Hieben der Toten zu Bruch, die wie wild darauf einzimmern und sich bei dem Versuch, uns zu erwischen gegenseitig im Weg stehen. Einige stolpern über Bänke und Stühle. Insgesamt ein heilloses Durcheinander, das uns aber zu gute kommt. Ich spüre das Blut, das Ufil immer noch aus dem Hals rinnt, an meiner Hand hinablaufen. Der Kragen seines Lederwamses ist ganz glitschig, aber ich lasse nicht los. Nur noch ein paar Schritte… wie ein wilder, rasender Hornviehbulle ramme ich den letzten Tisch fort von mir und erreiche den Ausgang und die Treppe. Hinter mir im Wachraum herrscht Chaos. Halblebende Tote stolpern übereinander, hacken auf die Tische ein und zertrümmern die Möbel. Aber die ersten haben uns auch schon entdeckt und laufen zielstrebig in unsere Richtung. Während ich ihn keuchend die Treppe hinaufschleife, fällt mir auf, dass Ufil immer noch sein Schwert Sturmhauch umklammert. Das bedeutet, er lebt noch und ich werte es mal als gutes Omen und sende in Gedanken ein Gebet an Huhne, er möge uns hier lebend rauskommen lassen. Gleichzeitig brülle ich panisch nach Handon. „Haaandooon! Ufil verblutet! Mach was!“
Die Treppe endet vor einem Tor. Das ist natürlich wieder mal von der anderen Seite verriegelt. Die clevere Messerfrau hat uns kalt erwischt und zusammen mit den Toten eingesperrt. Diese miese, Höhlenaale lutschende Menschenschlampe. Aber irgendwann kann sie nicht mehr weglaufen. Wenn ich die dann in die Finger bekomme sperre ich die in eine Kiste, zusammen mit so einem vertrockneten untoten Stinker. Ich kann nichts dafür, ich bin nunmal extrem nachtragend. Besonders wenn jemand immer wieder versucht, mich umzubringen.
Mit einem Krachen rammen Handon und Ramir wieder gegen das Tor. Der Lichtblick: Der Sperriegel ist zum Glück alt und morsch und hat schon merklich nachgegeben. Es fehlt nicht mehr viel und das Tor ist offen.
Ich schleife den mittlerweile immer noch röchelnden und um sich tretenden Ufil keuchend zu Handon und lasse den blutglitschigen Kragen los. Der alte Kämpfer erfasst die blutige Bescherung sofort: „Bei den Göttern, der müsste eigentlich längst tot sein!“ Er lässt von der Tür ab und zückt sein Verbandszeug um die Blutung zu stillen. Ramir hat derweil sein Falchion in den Torspalt gezwängt und hackt wie verrückt auf den Riegel ein, um dem den Rest zu geben. Mit einer Hand ist das garnicht so einfach. Dann überlegt er es sich aber anders, reißt das Falchion wieder heraus und macht sich bereit, zusammen mit mir die Treppe zu verteidigen, so dass Handon genug Zeit bleibt um Ufil so gut es geht zusammenzuflicken.
Der Gang ist nicht sehr breit und unsere Gegner müssen zu uns die Treppe hinauf steigen. Das verschafft uns zumindest einen taktischen Vorteil. Bin mir nur nicht sicher, ob das diese heranstürmenden Toten auch so sehen. Knarzend und klappernd drängeln sie waffenschwingend die Treppe hinauf mit dem eindeutigen Ziel uns so wie Ufil aufzuschlitzen. Ein wogender Strom von untoten Leibern, ein Anblick, bei dem normalerweise jeder vor Angst den Kilt benässen müsste. Aber wir haben uns irgendwie an sie gewöhnt. Es gibt schlimmeres als dies wandelnden Leichname. Also machen wir das einzig sinnvolle. Wir laufen ihnen ein paar Stufen entgegen und versperren den Gang mit Schilden und Klingen um sie möglichst lange aufzuhalten. Ramirs festgeschnallter Schild wird vermutlich keine große Hilfe sein. Sein Falchion aber schon. Also muss ich den Hauptteil des Ansturms mit meinem Schild abfangen, während Ramir über mich hinweg ein paar Schädel spaltet. Huhne, ich hoffe Du siehst das jetzt, denn wenn ich hier schon in die Pilze beiße, dann möchte ich das aber auch Bitteschön als Bonus auf meinem Seelenprüfungs-Guthaben sehen. Vielleicht kann ich ja damit ein paar der schlimmeren Dinge ausgleichen, die ich getan habe. Ich stemme mich mit aller Kraft gegen den Ansturm… mit einem Krachen prallt die Totenstampede auf meinen Schild und droht mich von den Beinen zu reißen und unter sich zu begraben. Ich stemme mich dagegen, rutsche aber mit dne Sohlen von den glatten Stufen ab und werde die Treppe hinauf geschoben. Bei allen Untertiefen, das darf nicht sein. Ich verkeile einen Fuß gegen eine der Stufen und spanne alle Muskeln an. Keine Chance, jetzt mit der Axt zuzuschlagen. Der Tote direkt vor mir wird von den nachfolgenden Leichen gegen meinen Schild gepresst. Ich spüre, wie seine morschen Knochen brechen. Einer von ihnen versucht mich über den Schild hinweg mit einer Klinge zu erwischen, aber ich ramme den Schild nach oben und sie gleitet von meinem Schild und dem Schulterpanzer ab. Weitere Waffen knallen über mir auf Schild und Helm, ich spüre die trommelnden Schläge schmerzhaft, aber ich habe keine Zeit mir darüber Gedanken zu machen. Ich stecke hier wie ein Korken in einem Flaschenhals. Irgendwo schreit jemand bestialisch… oha, das bin ja ich. Ich bin ein Felsen, ich bin eins mit dem Stein, ich bin der Schild, ich werde nicht nachgeben. Tunnelblick! Meine Muskeln schmerzen, mein Rücken ist taub und Helm und Schädel dröhnen wie ein Tempelgong von den ganzen Schlägen, die mich über den Schildrand hinweg getroffen haben. Aber ich will nicht zurückweichen.
Und plötzlich höre ich ganz deutlich die heisere Stimme meines Großvaters, nachdem er mir bei einem Übungskampf den Unterarm aufgeschlitzt hatte. Ich knie auf dem Boden, drücke mit dem Daumen die Schlagader ab und schluchze wie ein kleines Kind: „Bullwai du jämmerlicher Haufen Trollscheiße, steh auf und lass das Rumgeflenne. Du bist ein Kämpfer der Eisenmeute! Ein Angehöriger des mächtigen Caniden-Clans. Wir lassen uns nicht unterkriegen, wir verzweifeln nicht und wir geben niemals auf, solange noch Leben und ein Funken Willenskraft in uns ist! Wenn wir am Boden liegen stehen wir wieder auf. Also hör auf jetzt meinen Fechtboden vollzubluten, und parier beim nächsten mal schneller!“ Ich war damals 13… und die Wunde musste mit 20 Stichen genäht werden. Aber tiefer als die Wunde hatte mich die Verachtung meines Opas verletzt. Ich schwor bei Huhne dass ich meinen Großvater und auch mich selbst nie wieder enttäuschen werde…
Mit der Erinnerung an die Worte meines Großvaters durchströmt mich wieder diese eiskalte Selbstverachtung, dann heiße Wut und schließlich neue Kraft. Ich werfe mich mit Wucht gegen meinen eigene Schild und hämmere den Toten dahinter schlichtweg in die nachrückende Menge, so dass sie sich alle irgendwie ineinander verkeilen und keinen Platz mehr haben um mit ihren Waffen auszuholen. Das wird aber nicht lange reichen! Aber es verschafft uns ein wenig Zeit. Trotzdem hab ich keine Ahnung wie lange ich hier noch die Staumauer spielen kann, bis uns die Untotenflut überrollen wird. Ich kann sehen, wie bereits die ersten lebenden Leichen über ihre ebenfalls toten Kameraden kriechen, um an uns heran zu kommen. Verdammt seien die Menschen und ihr Untotendreck! Doch bevor sie mich erreichen schlägt eine Klinge über mich hinweg und spaltet zwei von ihnen mit einem mächtigen Hieb. Kurzfristig lässt der Druck auf meinen Schild nach und ich höre hinter mir, wie der Riegel des Tors endlich nachgibt. Ich blicke hinter mich und will Ramir dankbar zunicken, aber dort steht Ufil und grinst mich über einen frisch vollgebluteten Halsverband hinweg unverschämt an. In der Hand immer noch das Langschwert, das er die ganze Zeit nicht losgelassen hatte. Träume ich? Wie kann der denn schon wieder auf den Beinen sein? Der hat doch sein ganzes Blut im Wachraum und auf der Treppe verteilt. Vielleicht hat er ja tatsächlich endlich einen Weg gefunden, den Tod zu überlisten. War ja schon immer sein beklopptes Ziel. Und ich hab den hier mühselig und am Rande der Panik durch all die Untoten geschleppt? Wahrscheinlich hätte er ganz lässig selber laufen können. So ein durchtriebenes Arschloch! Ist aber auch irgendwie witzig! Also grinse ich breit zurück, reiße meinen Schild los und renne durch die Türöffnung. Gerade noch rechtzeitig, bevor die ganzen Toten ihre Knochen wieder sortiert haben und uns erneut angreifen. Ufil zwängt sich ebenfalls durch den Türspalt und zu viert stemmen wir das Tor zu. Ramir verwendet ein erbeutetes Langschwert als Ersatz für den zerbrochenen Riegel. Das wird vermutlich einige Zeit halten. Kurze danach erzittert das Tor unter dem Ansturm der Toten. Aber der wird bestimmt schon bald abebben, nachdem sie nun keine Ziele mehr sehen können.
Und schon wieder diese Messerschlampe
Wir blicken uns in unsere neuen Zuflucht um, während die Untoten weiterhin am Tor randalieren. Wo hat es uns diesmal hinverschlagen? Schon wieder so ein schmaler Felsgrat! Und auf der anderen Seite eine große Tür und zwei Schießscharte in der Felswand, die auf den Grat hinausblicken. Na toll! Nicht schon wieder! Nimmt das denn gar kein Ende? Ich stütze mich schwer auf meinen Schild und muss erstmal verschnaufen. Mir tut wirklich alles weh… Ramir ist wie immer unermüdlich und bewegt sich bereits vorsichtig auf die neue Tür zu. Dabei behält er die Schießscharten im Auge und achtet auf die kleinste Bewegung. Ramir hat von uns allen definitiv die schärfsten Augen und das feinste Gespür für Gefahr. Und sein Gefahrensinn trügt ihn nicht: „Schütze an der Schießscharte, rechts! Und zwei lose Bodenplatten!“ Dann surrt schon ein erster Pfeil auf den Elfen zu, trifft aber gleitet von dessen Lederrüstung ab. Ramir lässt dem Schützen keine Zeit zu Nachladen, sprintet über die offene Fläche und rammt gegen die Tür. Doch die ist ganz schön stabil und er Einarmige prallt ab. Das tat weh! Er hat sich anscheinend die Schulter geprellt oder sogar ausgekugelt. Nun schmiegt er sich in die Türnische, unmöglich für die Schützin ihn noch zu treffen. War aber auch eine blöde Idee eine Festungstür alleine ohne Hilfsmittel aufzubrechen. Selbst wenn sie alt und morsch ist. Aber so ist Ramir halt.
Wir anderen gehen jetzt besonnener vor. Ufil und ich bilden mit den Schilden einen Zweimannschildwall, so gut das halt bei unserem Größenunterschied möglich ist. Handon nimmt wieder seinen Bogen zur Hand, legt einen Pfeil auf und duckt sich hinter uns, bereit einen Pfeil von der Sehne zu lassen. So rücken wir langsam vor… Handon weiß genau, worauf es ankommt und wartet nur auf eine Bewegung hinter einer der Schießscharten. Geduckt und dicht beieinander gehen wir immer weiter den Grat entlang auf die Tür und die Schießscharten zu, bis Handon sich plötzlich aufrichtet, den Bogen spannt und schießt. Der Pfeil surrt direkt durch die Scharte. Keine Ahnung ob er etwas getroffen hat. Aber zumindest schießt niemand mehr auf uns, bis wir auf der anderen Seite bei Ramir und der versperrten Tür ankommen. Hinter uns randalieren immer noch die Untoten, aber langsam wird der Radau leiser. Ich frage mich ob die jetzt wie ein großer Leichenberg hinter der Tür aufgetürmt sind und nun so wieder einschlafen. Das Tor werde ich auf dem Rückweg auf alle Fälle nicht nochmal öffnen. Keine Lust unter einer Leichenlawine begraben zu werden. Wir müssen definitiv einen anderen Weg raus aus der Burg nehmen. Ufil hält sich trotz seiner Halswunde noch ganz gut, sieht aber irgendwie noch bleicher aus, als sonst. Unter den toten Wachen würde er garnicht auffallen. Zumindest hat die Sache auch etwas gutes. Er kann im Augenblick nicht sprechen. Die Klinge hat anscheinend seinen Kehlkopf verletzt und deshalb ist er zurzeit recht stumm.
Wir versammeln und vor der Tür und gemeinsam gelingt es uns problemlos, sie aufzubrechen. Mit gezogenen Waffen stürmen wir in den Raum dahinter. Aber der geheimnisvolle Schütze – bestimmt wieder diese Messerfrau – ist bereits getürmt. Der einzige ausgrang ist eine weitere Treppe, hinauf und noch tiefer in diese vermaledeite Burg hinein. Ich will mir garnicht ausmalen, was diese verdammte Hexe dort noch für Überraschungen für uns vorbereitet. Hier in dem Raum gibt es nicht viel. Nur einen Tisch und ein paar Stühle, jede Menge Staub und als auffälligstes Einrichtungsstück ein riesiger Wandteppich. Die Farben sind verblichen, der Stoff zerschlissen, schimmelig und mottenzerfressen. Aber man kann immer noch eine Jagdszene erkennen. Im Mittelpunkt ein großer König auf einem großen Streitross und mit einem großen Schwert. Ich muss grinsen. Wieder mal diese übertriebene menschliche Darstellungsweise: Alles Große ist auch mächtig… Also ignoriert man geflissentlich die korrekten Größenverhältnisse und stellt den König vor seinen Jagdhunden und der begleitenden Jagdgesellschaft als regelrechten Riesen dar. Vermutlich soll das dieser Algoroth sein, zusammen mit seinem monstertötenden Schwert aber ohne dieses blöde Szepter. Ich habe irgendwie eine Vorahnung, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis wir dem Scheißkerl persönlich gegenüber stehen… und bei unserem derzeitigen Glück ist auch der bestimmt noch nicht total tot!



