Bullwais Bericht 26
Bullwais Erzählung
Ich bin Bullwai, Sohn von Barabas, Wächter der Eisenmeute und Clankrieger des mächtigen Canidenclans. Und da unser Chronist und mein Lebensschuldträger Ufil sich mal wieder von seinen diversen Verletzungen erholen muss, fällt mir die ehrenvolle Aufgabe zu, die Ereignisse der letzten Tage festzuhalten. Doch bevor ich damit beginne, möchte ich einen Dankspruch an Hune, meinen Gott, richten, der uns – und ganz besonders mir – wieder einmal seine Macht demonstriert hat, indem er uns vor dem sicheren Tod bewahrte:
„Danke Hune,
Dein sind Stein und Felsen.
Dein sind Feuer, Glut und Stahl.
Mögen Deine Feinde zu Sand und Staub zerfallen.
Ich, Bullwai, Dein demütiger Diener, beuge mein Haupt vor Deiner Macht.“
Doch lasst uns zuerst mit Quros Bericht beginnen. Der Wolfsmensch ist nämlich wieder aufgetaucht – voller Flöhe und mit einem Kopf voller Gerüche, die außer ihm keiner versteht.
Ich werde versuchen, seine Erlebnisse möglichst wortgetreu niederzuschreiben, auch wenn ich einige seiner sehr blumigen Geruchsbeschreibungen kürzen und in für unsereins verständliche Worte übersetzen muss. Ich hoffe, der verfilzte Fellball wird mir das nachsehen.
Aber da er ja selber nicht lesen und schreiben kann oder will, weil geschriebene Worte – wie er sagt – nach nichts Interessantem riechen, bezweifle ich, dass er daran überhaupt Anstoß nehmen wird:
Ich, Quro, sage diese Worte, die du, Bullwai, in kleinen, geruchslosen Zeichen festhältst, damit sie andere später wieder aussprechen können…
Schreibst du wirklich alles auf, was ich sage? Dann möchte ich jetzt sagen: „Pisse! Kothaufen! Stinker!“ Ach, und noch: „Alle Rostbrüder haben rot-rostige Ruten!“ Hast du das mit diesen kleinen Zeichen aufgemalt? Gut, dann wäre das ja gesagt, und ich kann anfangen…
An dem Morgen, als wir vom Turm Olse aufbrachen, trug der Wind mir den Geruch von Fast-noch-Rindern entgegen. Rindergeruch und Menschenschweiß… typisch für Stiermenschen, Minotauren! Magisch verdorbenes Fleisch, nicht essbar! Ich hab es schon mal probiert. Schmeckt nicht schlecht, aber irgendwie auch falsch! Und der Geruch ist viel zu nah, das könnte für die Bewohner von Turm Olse noch zum Problem werden. Das Rudel kommt auch ohne mich eine Weile zurecht.
Ich wollte mich vergewissern, dass diese Monster keine Gefahr darstellen. „Ich bin bald wieder zurück. Muss einen Geruch abklären.“ Und schon hatte ich mich auf die Spur gesetzt. Meine Leute hatten noch Zeit, blöd dreinzukucken, und dann war ich schon im Jagdfieber. Mein Adler begleitete mich hoch über mir am Himmel. Wenn es für mich gefährlich werden sollte, dann würde er mich schon rechtzeitig warnen.
Ich folgte der schwachen Spur mehrere Tage durch die felsigen Hügel und grasbewachsenen Täler. Nachts schlug ich mein Lager in versteckten Mulden zwischen Buschwerk auf. Ohne Feuer! Meinen Geruch durch Schlamm und Staub gedämpft, mit dem ich mich vorher bedeckt hatte. Unsichtbar für meine Beute und für mögliche Verfolger. Mein Adler verbrachte die dunklen Stunden irgendwo auf einem Felsen oder Baum in der Nähe, bevor er dann morgens in den Himmel aufstieg, um ein Kaninchen oder ein Präriehörnchen zu jagen und es dann mit mir zu teilen. Ich genoss es, zur Abwechslung mal wieder rohes Fleisch zu essen. Es hat so viel mehr Geschmacksnoten, als wenn man es durch Feuer oder Hitze kaputtgegart hat. Und die rohen Innereien wie Herz, Leber, Magen und Därme sind auch ganz besondere Leckerbissen. Vom Blut ganz zu schweigen. Das Hirn mag ich im Schädel geröstet allerdings lieber. Ist nicht so schlabberig wie das rohe… ähm, ist ja auch egal.
Ich fand Spuren von Lagerplätzen und von mehreren Stiermenschen, aber sie wanderten schnell durch die unwegsamen Hügel und hatten immer einen guten Vorsprung. Zwischendrin nahm ich auch andere Gerüche wahr. Da war manchmal so ein muffiger Schimmelduft aus Richtung Nordosten und manchmal, wenn der Wind gut stand, konnte ich sogar den Geruch meines Rudels wahrnehmen. Also zumindest den von Handon und Ufil. Und ganz deutlich den kräftigeren Geruch von Bullwai. Den könnte ich selbst mit verstopfter Nase noch aufspüren. Ramir hingegen riecht wie alle Elfen gleich. Nach fast gar nichts! Die haben keinen echten Eigengeruch. Keine Ahnung, woran das liegt, aber unser rudelältester Jagdmeister sagte immer: „Jemand, der nach nichts riecht, ist es auch nicht wert, gerochen zu werden.“ Naja, der kannte aber auch Ramir nicht.
Am Abend des 4. Tages lag ganz deutlich der Geruch von Rauch in der Luft. Ihm zu folgen war nicht schwer, und noch bevor es dämmerte, sah ich die Rauchfahne deutlich zwischen den Hügeln vor dem dunkel werdenden Himmel aufsteigen. Außerdem stank es nach Schaf- und Pferdedung, und überall war das Gras abgeweidet. Ein untrügliches Zeichen für eine Siedlung oder einen Bauernhof. Im nächsten Tal stieß ich dann auch auf einen großen Hof. Fachwerkhäuser und hölzerne Stallungen und Scheunen an der Hügelflanke, umgeben von einer wehrhaften Palisade. Ein Weg endet vor einem massiven Tor aus Holzbalken, das gerade von einem vierschrötigen Kerl, bewaffnet mit Helm, Schild und Axt, zugezogen wird. Ich überlegte noch, ob ich mich nicht besser wieder zurückziehen soll, aber da hatte mich der Wächter auch schon entdeckt.
„Hey, da kommt noch einer!“ Er winkt, ich winkte zurück und ging den Hügel hinab auf das Tor zu. Bogenschützen sah ich keine. Die fühlten sich wohl sicher. Je näher ich dem Hof kam, desto mehr Gerüche konnte ich unterscheiden: Eisen, Waffenöl, Pferde und viele Menschen… und da war auch noch was anderes… Rost! Und noch irgendwas, was ich nicht einordnen konnte…
Der Wächter beobachtete mich misstrauisch, die Axt in der Hand. „Ah, ein Späher von der Knochenmühle?“ Ich hielt die Hände weit fort von allen Waffen, um meine Ungefährlichkeit zu beweisen, und antwortete: „Nein, nur ein reisender Jäger.“ Ich stand nun direkt vor dem Tor, und dieser eigenartige, undefinierbare Geruch war ganz nah. Er kam von oben… über mir. Und dort hatte man über dem Tor eine Art Horn oder riesigen Reißzahn befestigt. Keine Ahnung, von welcher Kreatur der stammte, denn für ein Minotaurushorn war es zu groß. Bestimmt einen Arm lang und spitz. Aber der Geruch kam von der Kugel, die auf der Spitze steckte. Gelblich weiß, glatt, wie von Adern durchzogen… Ich starre das Ding an. Ein Auge! Groß wie ein Kürbis.
„Willkommen in Reißzahns Auge! Ja, das da ist ein Riesenauge.“ Ich schnüffle daran. Riecht eigentlich ganz lecker. „Da gibt es bestimmt eine interessante Geschichte zu“, sage ich zur Wache, während der mich durch das Tor zieht und den schweren Torbalken vorlegt. Der Kerl riecht nach Rauch und Bierfürzen. „Du hast Glück, Wolfsmann. Wir haben bestimmt noch ein Lager für dich frei. Kaum Flöhe und Läuse. Der Wirt wechselt das Stroh einmal im Monat und jedes halbe Jahr werden die Decken ausgeräuchert. 5 Kupfer die Nacht ist fast geschenkt und was zu essen gibt’s auch. Du hast doch Geld, oder?“ Hörte sich gar nicht schlecht an. Besonders, weil ich schon genug eigene Flöhe habe. „Mach ich! Geld hab ich auch ein wenig. Wenn ich dann noch Bier bekommen kann, bin ich glücklich.“ Soldat Bierfurz klopft mir auf die Schulter und schiebt mich auf das Fachwerkhaus mit dem dicken, durchhängenden Strohdach zu. „Bier haben wir auch. Das beste, das du im Umkreis von drei Tagesreisen bekommen kannst.“
Ich duckte mich durch den Eingang in das Halbdunkel des Schankraums. Die Gerüche waren hier fast betäubend intensiv. Rauch, schales Bier, ungewaschene Körper, dreckige Sägespäne, Binsen und geteertes Holz dominieren. Darunter feinere Nuancen von Eisen, Waffenöl, Käsefüßen, gekochtem Kohl, Rübeneintopf und Rost. An den langen, grob zusammengezimmerten Tischen und Bänken saßen menschliche Söldner, gerüstet und bewaffnet, essend, saufend, lärmend und stinkend. Von mir nahmen sie nicht viel Notiz, anscheinend sind Leute meines Volkes hier auch öfter zu Gast. Tatsächlich hatte ich bereits alte Duftmarken von meinem Volk wahrgenommen, aber die waren schon Wochen alt und nicht mehr interessant.
Sofort fielen mir das gute Dutzend rostrot gekleideter Kämpfer auf, die einen großen Tisch besetzen. Alles narbenübersäte, kampferprobte Veteranen, mit rostigen Ketten behangen, die rostigen Masken abgesetzt. Breite Schwerter, Äxte und Kriegsflegel lehnen griffbereit an Tisch und Bänken. Rostbrüder! Aber keine einfachen Priester. Die da sehen nach Kriegern und nach jeder Menge Ärger aus. Besonders einer von ihnen sticht heraus. Ein wahrer Riese mit vier muskelbepackten Armen, die Rostmaske neben sich auf dem Tisch, thront er am Ende der Tafel. Augenscheinlich der Anführer, und er fixierte mich mit stechendem Blick. Vier Arme! Sowas hatte ich noch nie gesehen! Ich dachte immer, das wären nur Geschichten, um den jungen Welpen am Lagerfeuer Angst zu machen.
„Hey, Scout, setz dich zu uns und trink ein Bier!“ rief einer der Rostmänner mit Klauennarben auf dem Kahlschädel. Er winkte mich ran, klopfte neben sich auf die Bank und griff nach einem Holzbecher, den er mit einem dreckigen Ärmel auswischt. „Hier, setz dich und trink.“ Er schüttete aus einem großen Tonkrug golden schimmerndes Bier in den Becher und reichte ihn mir. Riecht etwas säuerlich, das Zeug, aber auch nach Alkohol. Ich lasse mich scheinbar müde auf die Bank fallen, nickte ihm dankbar zu und kippe die Flüssigkeit in einem Zug runter. Gleichzeitig konnte ich einige Gesprächsfetzen mitbekommen: „…war ein Fehler, die Gruppe aufzuteilen… noch zwei Tage, bis wir die anderen von der Burg zurück erwarten können…“ Ich hatte direkt ein ganz schlechtes Gefühl… anscheinend gab es noch mehr von denen, und diese zweite Gruppe hatte eine Burg als Ziel. Ob das die Rostbrüder waren, die nach Wetterstein geschickt worden sind? Sowas Ähnliches hat der alte Olse doch erzählt.
„Sag an, Wolfsmann, was kannst du uns von den Landen da draußen erzählen?“ fragte Narbenschädel. Jetzt musste ich vorsichtig sein. Nicht, dass die mich noch mit dem Mord an dem Rostbruder in der Knochenmühle in Verbindung bringen. „Ich weiß wenig. War nur in den Wäldern jagen. Komme von Turm Olse hierher.“ Sofort hatte ich die Aufmerksamkeit der ganzen Truppe. Nun meldete sich der Vierarm zu Wort: „Zum Turm Olse wollen wir morgen auch!“ Zwölf Rostbrüder zu Besuch beim Olse. Da braute sich auf alle Fälle Ärger für den alten Olse zusammen.
„Dann grüßt den alten Olse von Quro, wenn ihr ankommt!“ sagte ich zu ihm. Der Kerl roch echt unangenehm. Und bestimmt nicht nur, weil er aus vier Achseln Schweißgeruch verströmen konnte. Da war sowas Stechendes, irgendwie Fremdes an ihm, und ich musste mich zusammenreißen, nicht plötzlich zu würgen.
Ein anderer der Rostbrüder versucht mir dann die Geschichte von dem Riesenauge auf dem Zahn zu erzählen, dem dieser Ort seinen Namen verdankt: „Reißzahns Auge“. Aber eigentlich weiß er es auch nicht genau. Es gab hier irgendwo wohl ein Tal, in dem ein Riese herumstreifte, und dessen Auge soll es sein. Viele behaupten, dass elfische Rotläufer ihm ein Auge nahmen…
„Ich aber glaube, dass nur unser Gott Rost mächtig genug ist, um einem Riesen das Auge zu entreißen! Es kann nur Rost gewesen sein!“ meinte der Erzähler. Alle anderen Rostbrüder am Tisch nicken andächtig.
Einer der Söldner von einem Nachbartisch war anderer Meinung: „Es waren die Zwerge. Irgendeiner ihrer mächtigen Steinsänger hat es dem Riesen aus dem Schädel gerissen. Die können sowas!“ Sofort fing er sich böse Blicke von den Rostbrüdern ein. Aber mich interessierte etwas anderes: „Wie kam es denn dann aber hierher?“ Der Söldner verzog das Gesicht angestrengt, als würde er gerade einen Haufen rausdrücken, so angestrengt muss er nachdenken: „Ich glaube, ein Bauer hat es auf seinem Acker gefunden. Hey Postu, das ist doch dein Laden hier. Wer hat’s gefunden?“
Postu, der Wirt, ein echt hässlicher alter Kerl, der nach schalem Bier und ranzigem Fett roch, kam gerade mit einem Metalltopf voller dampfender Suppe aus der Küche. Er stellte den Topf auf einem Tisch ab und begann mit einer Kelle, hölzerne Schüsseln für seine Gäste zu füllen. „Also dat Auge, dat hab isch selber hier uffm Feld gefunden. Damals war’s noch weich und glibberig. Hab’s dann auf das Stierhorn gespießt. Fand ich irgendwie lustig und hab‘s über dem Tor uffgehangen! Uffm Feld waren riesige Fußspuren. Die hab ich verfolgt, bis ins Gebirge. Hab den Riesen nicht gesehen, aber den Abdrücken nach war er bestimmt sechs bis sieben Schritt hoch!“
Es herrschte andächtiges Schweigen, weil alle versuchten, sich das sieben Schritt hohe Monster vorzustellen. Danach stieg der Lärmpegel wieder an, als sich alle mit dem Eintopf beschäftigten und laut über dessen Inhalt diskutierten. Ich hatte sogar irgendein faseriges Stück Fleisch in meinem, neben einem Rattenschwanz. War gar nicht übel.
Ich kaute auf dem fetten Rattenschwanz rum und fragte den Narbenschädel neben mir, warum sein Trupp denn zum Turm Olse zieht. „Na Sicherung der Position für Rost!“ erklärt er schmatzend und tätschelt den Griff seines rostigen Streitkolbens. Ich war mir sicher, dass Olse das nicht gut finden würde. Der nach Käse stinkende Rostbruder zu meiner Rechten mischte sich ein und knuffte mich mit dem Ellbogen in die Seite: „Der Feilscher hat seine letzte Lieferung Geschenke noch nicht erhalten, wenn du verstehst, was ich meine. Hoffentlich hat Olse passenden Ersatz. Sonst…“
Ein dritter Kämpfer mit einer Hasenscharte wirft ein: „Mal sehen, was die anderen auf Wetterstein gefunden haben. Ich bin echt gespannt…“ Mit einem lauten Knall donnert eine der vier Fäuste von Vierarm auf die Tischplatte, und alle Gespräche ersterben schlagartig. „Halte deine Klappe, Tusko!“ Vierarm funkelt den letzten Sprecher böse an. Der schluckt nervös und ist still. Alle waren still und schlürften ihre Suppe. Ich spitzte zwar weiterhin die Ohren, aber von diesen Kriegern der Rostkirche konnte ich nichts Wichtiges mehr erfahren. Vierarm verhinderte jedes weitere Gespräch.
Dafür konnte ich aber Gesprächsfetzen von den anderen Tischen auffangen. Das meiste schien mir eher unwichtig: das Wetter, der nahende Winter, wichtigtuerisches Geprahle über getötete Gegner und überstandene Gefechte. Nichts davon war es wert, meine Nase tiefer in den stinkenden Atem des Sprechers zu stecken. Am interessantesten war das Gespräch einiger Kämpfer über einen Hof in der Nähe, der total zerstört war. Riesige Fußabdrücke gab es da angeblich. Von einem Riesen! Vielleicht der Riese Scorne, der aus den Bergen heruntergestiegen ist. Oder es waren Trolle…
Auf alle Fälle erinnerte die Geschichte irgendwie an Postus Erzählung von dem Riesenauge. Ich bedankte mich bei den Rostbrüdern für das Bier und die Gesellschaft… ja, Bullwai, ich kann auch höflich! Dann wechselte ich noch ein paar Worte mit dem Wirt, zahlte ihm die Kupferstücke für das Nachtquartier, und der führte mich auf meine Kammer im Obergeschoss.
Ich hatte Glück. Das Stroh in dem Bettgestell war erst vor zwei Wochen gewechselt worden. Und meine eigenen Flöhe lehrten die Flöhe und Wanzen in der Wolldecke in der Nacht das Fürchten. Kein Wunder, die sind durch mein Wolfsblut wild und stark geworden. Menschenflöhe haben da keine Chance. Durch das schmale Fenster konnte ich die Rostbrüder hören, die irgendwann in der Nacht klirrend und klappernd in einem der Schuppen verschwinden, um dort zu schlafen. 12 Rostbrüder und noch eine weitere Gruppe auf Wetterstein. Ich begann mir ernsthaft Sorgen um meine Kameraden auf Burg Wetterstein und die Freunde im Turm Olse zu machen.
Die Nacht war ansonsten ruhig. Ich hatte mir das Stroh auf einen Haufen geworfen und mich darauf zusammengerollt. Der Morgen war trüb und nebelig. Die Hügel um den Gasthof kaum auszumachen. Ich wollte noch vor den Rostbrüdern aufbrechen und mich auf die Suche nach meinen Kameraden begeben. Also packte ich mein Bündel und stand bei Sonnenaufgang vor dem Tor, um herausgelassen zu werden. Ich fand keine Wache. Niemand! So ein Leichtsinn! Ein Wunder, dass der Gasthof überhaupt noch steht und nicht längst von Banditen niedergebrannt wurde. Die müssen sich da echt sicher fühlen.
Aus dem Schuppen der Rostbrüder drang lautes, bierseliges Geschnarche. Ich setzte noch eine ordentliche Duftmarke am Türpfosten des Schuppens, damit andere meines Volkes wissen, dass ich hier war. Dann hob ich den Torbalken selber aus seinen Halterungen und schlich hinaus und in die föhrenbewachsenen Hügel hinauf. Über mir und über dem Bodennebel schrie mein Adler seinen Morgengruß in den Himmel. Der Tag würde sonnig werden. Ein schöner sonniger Herbsttag, wieder gute Waldgerüche in der Nase, kein Gestank von Menschen und Rostbrüdern. Die Witterung eines schnellen, hoppelnden Frühstücks in der Nase… so mag ich es. Der Wind trug mir auch schon die Gerüche meiner Kameraden entgegen. Gar nicht so weit entfernt. Ich würde sie noch am gleichen Tag aufspüren, da war ich sicher. Ich trabte los…
Aufgeschrieben in getreulichem Wortlaut und beglaubigt von mir, Bullwai, Sohn von Barabas.
Trollparfüm für Fortgeschrittene
„BILDTRÄGER, STIMME ER EIN LIED AN! ERBAUE ER UNS MIT SEINEM GESANG, DENN DANN MARSCHIERT ES SICH GLEICH BESSER!“
Die Stimme Algaroths dröhnt, flüstert und hallt in unseren Köpfen wie eine Totenglocke aus dem Grab. Doch König Algaroth scheint bester Laune. Zumindest soweit man das von einem nicht ganz toten, halbverwesten Gerippe sagen kann, dessen einzige Gesichtsregungen aus einem breiten, lippenlosen Dauergrinsen bestehen. Abgesehen von ein paar vertrockneten Hautfetzen und einigen bleichen Haarsträhnen ist da einfach nicht mehr genug Gesicht übrig. Wirklich kein schöner Anblick.
Und marschieren tut er auch nicht. Er thront in seiner verschlissenen, mit Spinnenweben behangenen, stockfleckigen und schimmeligen Königsrobe auf dem klapperigen Eselskarren wie auf einem Streitwagen und blickt mit kalt leuchtenden blauen Augenhöhlen in die Landschaft. Sein mächtiges, altertümliches Zweihandschwert „Roststich“ ruht in seinen Armen. Eine unheimliche Aura von tödlicher Macht umgibt ihn und lässt mich unwillkürlich schaudern. Vergehen wir uns wohl an allen Göttern, indem wir ihn mit zum Turm Olse nehmen? Ich kann nur hoffen, dass wir nicht einen gewaltigen Fehler machen.
Ufil, der mächtige Todesmagier und mein Lebensschuldträger, sitzt vollkommen unbeeindruckt vor dem König auf dem Karrenbock und massiert sich den schmerzenden Fußstumpf. Der penetrante Geruch des Todes scheint ihn nicht zu stören. Handon führt den Zugesel am Halfter und versucht, dessen ängstliche Fluchtversuche vor der gezogenen untoten Ladung in die korrekte Richtung zu lenken. Der Esel hingegen trabt immer wieder panisch los, wird aber von Handon mit Gewalt und einem kräftigen Ruck an einem der langen Ohren gebremst. Er beschwert sich bei ihm mit lautstarkem, ängstlichem Gebrüll, gelegentlichem Beißen und donnernden Fürzen, die einem die Tränen in die Augen treiben können. Puh, mit was füttert Handon das arme Tier bloß?
Ramir, der einarmige Elf, schleicht irgendwo vor uns, gut verborgen herum, und kundschaftet den weiteren Weg aus. Das ist uns anderen auch ganz lieb so, denn er hat seit Wetterstein und unserem vergeblichen Versuch, dieses blöde Zepter aus der Eisglaswelt zu holen, sehr schlechte Laune. Und die eisige Aura Algaroths reicht mir schon zur Genüge. Da brauche ich nicht auch noch Ramirs frostige Blicke. Außerdem ist er zwar ein totales Arschloch, aber eben auch unser bester Kundschafter.
Ich spiele die Nachhut und halte nach möglichen Verfolgern Ausschau, während ich zitternd, hungrig und viel zu nüchtern hinter dem Karren hermarschiere, von dem mir der Geruch nach altem, fauligem Fleisch, Knochen und der Mief von Jahrhunderten entgegenweht. Die Todeswolke Algaroths! Heimlich mache ich mit der Faust das Abwehrzeichen gegen das Böse, Hunes Hammer, und fluche leise und verdrießlich vor mich hin. Ich gebe es ja ungern zu, aber ich bin völlig fertig. Denn im Gegensatz zu den anderen hatte ich seit zwei Tagen keinen Schlaf mehr.
Und nach den letzten Anstrengungen in Wetterstein und in dieser eklig kalten Eisglaswelt mit ihren riesigen gestreiften Glaskatzen fühle ich mich hohl, wie ein ausgenommener, plattierter Nacktmull. Außerdem habe ich das Gefühl, dass wir auf Wetterstein völlig versagt haben… Was haben wir schon vorzuweisen? Eine tote Laborkreatur, ein toter König mit einem Schwert, ein blödes Bild, einen Arm weniger, jede Menge weitere Narben und Blessuren. Deshalb fühlt sich dieser Rückweg irgendwie nicht wie ein Triumph an. Aber vielleicht ist das auch nur meine Wahrnehmung. Ich bin schließlich nur Soldat! Nach einem Kampf muss mir irgendjemand verdammt noch mal sagen, dass wir auch verdammt noch mal gewonnen haben!
Na gut, ich will nicht undankbar sein. Denn eigentlich habe ich keinen Grund zu jammern. Ich bin im Vergleich zu Ramir, Handon und Ufil ja noch recht gut weggekommen. Nicht eine ernsthafte Verletzung und immer noch alle Gliedmaßen am Zwerg. Danke, Großvater, für deine schmerzhaften, aber doch sehr nützlichen Lektionen: „Bleib in Bewegung, benutz deinen Schild, lass dich nicht treffen!“
Und ich bin sogar um einen Beutel Gold und eine schwere Armbrust reicher. Letztere liegt übrigens griffbereit auf dem Eselskarren, zusammen mit all dem Handelszeug, das Handon darauf verstaut hat. Ein Wunder, dass der Esel Lutz das Gefährt zusammen mit den Passagieren überhaupt schleppen kann.
Ich werfe einen Blick auf Ufil, der jetzt das kaputte Bein vom Wagen baumeln lässt und sich an seinen diversen blutigen Verbänden zu schaffen macht. Alleine auf Wetterstein war er bereits zweimal dem Tode nahe, und mit dem bandagierten Hals und der ebenfalls bandagierten Brust sieht er schon selber fast wie eine der wandelnden Leichen aus, die wir auf der Burg zuhauf gesehen haben. Es grenzt an ein Wunder, dass er trotz des heftigen Blutverlustes noch aufrecht sitzen kann. So habe ich auf alle Fälle immer noch die Möglichkeit, meine Lebensschuld an ihn zu begleichen.
Aber wenn er weiterhin in dem Tempo und der Häufigkeit sein Blut und seine Körperteile in den Verbotenen Landen verteilt, sehe ich wirklich schwarz. Und was ist eigentlich, wenn Ufil auch zu so einem untoten Klappergestell wird wie Algaroth? Diese Möglichkeit könnte bei einem Todesmagier ja durchaus bestehen. Würde ich die Lebensschuld dann weiterhin dem untoten Ufil schulden? Oder doch eher seinen lebenden Angehörigen, wer auch immer die sind? Mir brummt der Schädel von solchen Gedanken. Ich fühle mich völlig ausgelaugt. Hoffentlich rasten wir bald. Ein paar Stunden Schlaf und etwas zu essen werden uns allen guttun. Immer vorausgesetzt, dass ich in der unheiligen Nähe von Algaroth überhaupt ein Auge zutun kann. Kann ich mir gerade gar nicht vorstellen…
Ich sehe, wie Handon, Algaroths sogenannter Bildträger, da er das Bildnis mit dem magischen Portal in die Eisglaswelt transportieren darf, dem toten König auf dem Karren einen listigen Blick zuwirft. „Ein Lied wollt ihr hören? Sehr gerne, Euer Majestät! Ich singe Euch das Lied vom fähigen Jüngling und dem König.“ Er zwinkert Ufil zu, legt im Laufen die rechte Hand in Sängerpose auf die Brust und holt tief Luft, um seinen Gesang anzustimmen…
Na toll, denke ich. Jetzt muss ich mir zu allem Überfluss auch noch irgendwelche verstörenden, menschlichen Balladen über Könige und deren widernatürliche Beziehung zu ihren Lieblingsjünglingen anhören… Mir bleibt auch nichts erspart! Ich überlege schon, ob evtl. ein unglücklicher Unfall mit der Armbrust ein sinnvoller Lösungsansatz wäre, und fingere einen der daumendicken Bolzen aus der Munitionstasche.
Ihr müsst das bitte verstehen: Solche unnatürlichen Praktiken und auch schon die Beschreibung derselben sind in meinem Volk absolut verboten und können sogar mit dem Tod bestraft werden. Wir kennen da echt keinen Spaß.
Ich durfte als Jungzwerg auf meiner ersten Sonnenwendfeier einmal der Darbietung eines Hobbitbarden beiwohnen. Der Kerl trällerte die Ballade von König Hungi, dem Flötenmeister, und seinen lustigen, flötenspielenden Gefährten.
Es dauerte bis zum Ende des ersten Aktes, bis dem versammelten Publikum endlich dämmerte, was da eigentlich geflötet wurde – und plötzlich herrschte eine Stille, wie man sie sonst nur vor einem Gebirgssturz erlebt.
Der Hobbit hielt das natürlich für ehrfürchtiges Schweigen und wollte gerade zum zweiten Akt ansetzen.
Ich erinnere mich noch ganz genau: „Die Axt flog schneller als seine Töne. Und danach war allen klar: Hobbit-Liedgut ist für Zwergenfeste ungefähr so geeignet wie Trollrotz als Bartöl.“
Die Vorstellung wurde von einem geschockten Zuschauer mit einem sehr entschlossenen Axtwurf beendet, und man einigte sich darauf, die ganze Sache unter den Teppich zu kehren.
Man hätte es wissen können: Hobbits sind notgeile Pelzfüße. Die rammeln alles, was einen Hintern hat und nicht rechtzeitig auf einen Baum fliehen kann.
„Hobbits sind wie Pilze: erscheinen plötzlich, sind seltsam und man sollte nicht jeden anfassen.“ – Bullwahn Ascheschild, Waffenmeister des Canidenclans und Bullwais Opa –
Wisst ihr, es gibt da ein paar sehr üble Geschichten von Hobbit-Plünderern, die sich auf den Schlachtfeldern des dritten Erlenkrieges ganz widerlich an den Körpern der Sterbenden und Toten vergangen… ach, lassen wir das hier.
Handons Lied ist dann überraschenderweise gar nicht mal schlecht. Kräftige, wenn auch manchmal etwas raue Stimme. Und der Text verlangte auch nicht nach einem „versehentlichen“ Kopfschuss: irgendwas von einem jungen Krieger, der sich in der Schlacht bewährte und dann für seine Taten von seinem König geehrt wurde.
Fehlte natürlich ein begleitendes Instrument. Ein Pfeifenbalg und eine rasselnde Marschtrommel hätten das Ganze abgerundet. Aber alles in allem war es echt unterhaltsam, und Algaroth war trotz fehlender Ohren wirklich angetan. Wie hört so ein stinkiges, untotes Knochengerippe eigentlich? Ist ja auch egal…
Algaroth blickt mit seinen eisblau leuchtenden Untoten-Augen zufrieden in die Landschaft und lässt den Kopf einmal um 360 Grad rotieren: „ACH, WIE HABE ICH DAS VERMISST! AUF FELDZUG MIT MEINEN GETREUEN!“ Tief atmet er die kalte Herbstluft ein… oder zumindest versucht er es, den fehlenden Lungenflügeln zum Trotz. Dann richtet sich sein kalter Blick auf Ufil:
„MAGIER! KÜNDIGE ER UNS BEI DIESEM OLSE AN, AUF DASS ER UNS, SEINEN LEHNSHERREN, ANGEMESSEN EMPFANGE. ER SOLL AUSREICHEND SPEIS UND TRANK BEREIT HALTEN. WIR UND UNSERE MANNEN ERWARTEN EINE KÖNIGLICHE BEWIRTUNG!“
Ufil blickt den großen Untoten verwirrt an: „Ja klar… äh, Euer Majestät! Anmelden, Empfang, Bewirtung! Wird gemacht!“ Sein Blick streift den meinen. Auch wenn die meisten Bartlosen für mich gleich aussehen, so kenne ich Ufil nun schon lange genug, um seinen Gesichtsausdruck deuten zu können. Er hat keinerlei Ahnung, wie er Olse mit Magie eine Nachricht senden könnte. Und wieder mal frage ich mich, wofür seine Magie eigentlich gut sein soll.
Er kann niemanden in Flammen aufgehen oder zu Stein erstarren lassen, wie unsere Feuer- und Steinsänger es vermögen. Nachrichten auf große Entfernungen senden geht anscheinend auch nicht. Wird schon einen Grund haben, warum er so viel Zeit in seine Schwertübungen steckt, anstatt sich in Magie zu üben.
Aber ist mir eigentlich auch egal. Ich hab Hunger, ich bin todmüde, und mir ist kalt. Außerdem schmerzen die ganzen Prellungen und blauen Flecke, die ich mir in Wetterstein zugezogen habe. Hier an der Oberfläche herrscht gerade der Herbst. Es ist feucht, kalt und wird jede Vierer-Schicht (für Nicht-Zwerge: jeden Tag) kälter. Bald bricht der Winter an und mit ihm kommt Schnee. Zuhause, auf den Gipfeln der Berge, wird er schon meterhoch liegen.
Ich wickle mich dichter in meinen fleckigen, zerschlissenen Reisemantel und ziehe die weite Kapuze über meinen Helm. Der Herbstwind ist schneidend kalt und zupft an meinen ramponierten Bartzöpfen. Mit dem durch stählerne Helmkrempe und Kapuzenröhre stark eingeschränkten Blickfeld fühle ich mich gleich viel sicherer. Als würde man die weite Landschaft aus einer gut geschützten Höhle heraus betrachten.
Der weite graue Himmel, die scheinbar unendliche, bewaldete Hügellandschaft und der ferne Horizont wirken so doch gleich viel erträglicher. Die immergrünen dunklen Nadelwälder bestehen größtenteils aus Fichten und Föhren, die sich mit ihrem knorrigen Wurzelwerk auch an die herausragenden Felsen klammern. Unter dem dichten Nadeldach: tiefste Finsternis. Was mag dort in der Dunkelheit auf uns lauern?
Mein Blick wandert immer wieder besorgt zurück in die Richtung, aus der wir kommen. Irgendwo dahinten, jenseits des stinkenden, mückenverseuchten Sumpflandes, das wir heute durchquert haben, liegt Wetterstein. Irgendwie erwarte ich, dort den Trupp Rostbrüder zu sehen, die sich von Wetterstein aus auf unsere Spur gesetzt haben. Mag ja sein, dass Algaroths „Armee“ sie auf Wetterstein beschäftigt oder vielleicht sogar dezimiert hat, aber ich kann einfach nicht glauben, dass sie alle tot sind. Und die Überlebenden werden garantiert die Verfolgung aufnehmen. Bisher ist von ihnen aber noch nichts zu sehen. Vielleicht haben wir ja Glück und sie haben unsere Spur in den Sümpfen verloren.
Ein gedehnter Alarmpfiff von Ramir lässt unsere aller Köpfe gleichzeitig in Richtung Norden herumrucken, und alle ziehen gleichzeitig die Waffen. Auch Algaroth erhebt sich bedrohlich auf dem Wagen, das Schwert in der Hand.
Da! Eine Bewegung zwischen den Bäumen. Eine geduckte Gestalt in Kapuzenumhang, mit Speer und Bogen in der Hand und einem Hiebschwert an der Seite, löst sich aus dem Waldzwielicht, so als hätte die Dunkelheit sie ausgespuckt. Hoch über uns am Himmel ertönt ein langgezogener Schrei. Ein Falke? Nein, ein Adler.
Das Wesen aus dem Wald verharrt in einigem Abstand, wittert mit langer Schnauze unter der Kapuze hervor. Dann hebt es grüßend die Waffen und schiebt die Kapuze zurück. Bei Hunes glühender Esse: Das ist Quro, der Wölfling, unser Kamerad.
Die gezogenen Waffen sinken alle gleichzeitig herab und werden weggesteckt. Seit mehreren Tagen war er verschwunden. Mit langen Schritten eilt uns der große Wolfsmensch aufgeregt hechelnd und mit wedelnder Rute entgegen und wird zuerst von seinem alten Gefährten Handon umarmt. Wir anderen schließen uns an, klopfen ihm freudig auf den Rücken oder knuffen ihn, wie ich, gegen das Knie.
Algaroth klatscht in die Knochenhände und lässt sich von unserer ausgelassenen Stimmung anstecken: „BILDTRÄGER, SINGE ER DAS SCHÖNE LIED NOCH EINMAL!“ Handon tut ihm den Gefallen und singt die Ballade von dem „fähigen Jüngling“ noch einmal, während Quro den Untoten misstrauisch mit gesträubtem Rückenfell betrachtet und dessen Todesgerüche mit zuckender, feuchter Nase in sich aufnimmt. Sein Blick wandert zwischen Algaroth und Ufil hin und her. Ufil schüttelt aber den Kopf: „Der ist nicht von mir. Der ist uns quasi zugelaufen.“
Nach Handons Gesang ertönt lautes Klackern. Der König applaudiert mit knöchernen Händen, sichtlich begeistert.
„IHR MÄNNER, WIR MÖCHTEN HANDON UNSER KÖNIGLICHES LOB AUSSPRECHEN UND IHN FÜR SEINE DARBIETUNG BELOHNEN. WIR ERNENNEN IHN HIERMIT ZUM ERSTEN KÖNIGLICHEN BILDTRÄGER UND ZUM KÖNIGLICHEN LEIBDIENER. UND AUSSERDEM MACHEN WIR IHM DIESEN JAGDHUND DORT ZUM GESCHENK!“
Er weist mit knöchernem Zeigefinger auf Quro, der angewidert die Lefzen hochzieht und leise knurrt. „Spiel einfach mit!“ flüstert Ufil dem Wolfsmann zu. Der nickt unmerklich zum Zeichen, dass er verstanden hat. Der König nimmt die Welt scheinbar ganz anders wahr als wir. Jetzt gehört Quro also Handon. Irgendwie lustig, finde ich. Werd ich mir merken.
Quro ist natürlich neugierig, weist auf den wandelnden Toten und auf Ramirs leeren linken Ärmel: „Was bei allen Göttern ist denn auf Wetterstein eigentlich passiert? Wer ist dieser wandelnde, stinkende Knochenhaufen, und wo ist Ramirs Arm abgeblieben?“ Algaroth schaut den Wolfsmenschen überrascht an: „OHA! DER JAGDHUND KANN SPRECHEN! WELCH WUNDER!“ Dann sackt er mit klappernden Knochen auf dem Karren in sich zusammen, als würde er einen plötzlichen Schwächeanfall erleiden und von jetzt auf gleich einschlafen. Das Licht in den leeren Augenhöhlen erlischt.
Wir setzen Quro knapp ins Bild: Wetterstein, Turmruinen, Brücken und Höfe, haufenweise Untote und Elfenarme abreißende Wildtruden, ein zusammengestückeltes und von uns wieder auseinandergestückeltes Monster, der fast tote König Algaroth, unser derzeitiger Anführer, das Bild mit dem Portal in Quetzals Eisglaswelt mit tödlicher Kälte und riesigen zersplitternden Glaskatzen, ein Trupp der Eisengarde, vielarmige Krieger der Rostkirche, die uns vermutlich auf unserem jetzigen Rückweg zum Turm Olse verfolgen…
Keine Ahnung, wie man bei einem Wolfsmenschen ungläubiges Staunen erkennen kann… aber er begleitet unsere Geschichte mit aufgeregtem Hecheln, schnellem Nasen- und Ohrenzucken, heftigem Schweifgewedel und leisem Winseln.
Bei der Stelle mit den vielarmigen Kriegern der Rostkirche wird das aufgeregte Gewedel noch schneller und ein grollendes Knurren lässt uns aufhorchen. „Solche vielarmigen, felllosen Kämpfer habe ich gestern auch getroffen. Im Gasthaus Reißzahns Auge! Die rochen nach Blut, Wut und Eisen! Und es waren viele. Eine kleine Armee!“ erklärt uns Quro. „Und sie wollten zum Turm Olse. Angeblich, um die Ansprüche von Rost und seiner Kirche zu sichern. Die werden bestimmt nicht glücklich sein, wenn herauskommt, dass ihr ihre Kameraden angegriffen und mindestens einen getötet habt.“
Pah, denke ich. Nicht wir, sondern ich habe den im Kampf getötet. Und der Kerl hat außerdem angefangen.
„Die Rostbrüder sind gar kein Problem“, wirft Handon ein und grinst Quro breit an. „Wir haben jetzt schließlich einen untoten König mit einem magischen Schwert…“
…und wir sind absolut gewillt, ihn auch einzusetzen, soll Handons Mantikor-Grinsen weiter vermitteln. Ich kenne ihn mittlerweile gut genug.
Ich selbst bin mir da ja nicht so sicher. Wer weiß schon, was in der spinnennetzverhangenen Gehirnhöhlung von Algaroth wirklich vorgeht. Und auf welcher Seite er letztlich wirklich steht. Ich möchte mich da lieber nicht drauf verlassen.
Wir sind unsicher, ob es schlau ist, auf direktem Weg zum Turm Olse zu marschieren. Die Rostbrüder werden bestimmt Fragen stellen, und sobald sie uns mit unserem toten König sehen, werden sie garantiert eins und eins zusammenzählen. Abgesehen davon, dass Olse ja auch mit der alten Rabenschwester zu paktieren scheint. Das dürfte ihn in den Augen der Rostkirche definitiv zum Verräter machen. Und wie soll der alte, versoffene Olse mit seinen paar Wachen überhaupt gegen ein Dutzend oder mehr kampferprobte, gut bewaffnete Krieger der Eisengarde bestehen… Wir blicken uns alle stumm und besorgt an…
„ICH BESCHLIESSE, DASS WIR OLSE VON DIESEN ROSTBRÜDERN BEFREIEN!“ hall-knirscht Algaroths eisige Stimme in unseren Köpfen. Wir starren ihn alle ungläubig an. Der König hat gesprochen und entschieden! Anscheinend nimmt er sehr genau wahr, was um ihn herum geschieht und gesagt wird. Wir sollten in Zukunft besser auf unsere Worte achten, wenn Algaroth in der Nähe ist…
„WENN OLSE DAS KNIE VOR UNS, SEINEM KÖNIG, BEUGT, SO WERDEN WIR IHM HELFEN!“ Sein eisblauer Blick heftet sich auf Ufil: „MAGUS, BEEILT EUCH UND INFORMIERT OLSE ÜBER DIE ROSTBRÜDER UND DARÜBER, DASS SEIN KÖNIG MIT HILFE NAHT.“
Ufil nickt beflissen, sieht mich an und verdreht genervt die Augen, während Handon auf Ufils Krüppelfuß zeigt und mir ins Ohr flüstert: „Na, da schickt er ja unseren Schnellsten.“ Ich muss losprusten, denn das ist echt witzig. Aber auch ein kleines bisschen gemein.
Außerdem will er ja, dass Ufil eine magische Botschaft schickt. Nur kann Ufil das genau so gut, wie er zurzeit auch einen Dauerlauf hinlegen könnte. Trotzdem hat das Knochengerippe irgendwie auch recht. Wir sollten Olse davor warnen, was da in klirrende, rostige Ketten gehüllt auf ihn zukommt. Nur wie?
Quro hat die rettende Idee: „Ich kann meinen Adler mit einer Nachricht losschicken. Er kennt den Turm von Olse und wird ihn noch vor den Rostbrüdern erreichen, wenn wir ihn gleich aussenden.“
Wir blicken alle hinauf in den Himmel. Dort oben kreist der Adler. Ich persönlich halte Adler ja für blöde Vögel. Gute Jäger, ausdauernde Flieger, und sie sehen zugegebenermaßen beeindruckend aus, aber mehr auch nicht. Raben und Krähen sind viel, viel klüger. Besonders die großen Bergraben. Manche können sogar ein paar Wörter sprechen. Und sie wissen glänzende Dinge wie Metall und Edelsteine zu schätzen. Deshalb setzt mein Volk sie auch als Botenvögel ein. Abgesehen davon, fressen sie einfach alles und sind nicht wie Adler auf Fleisch angewiesen. Kluge Tiere, wie ich bereits sagte.
Aber wenn Quro behauptet, dass sein Adler eine Nachricht überbringen kann, dann wird er das schon schaffen. Vorausgesetzt, er wird nicht von einem Hasen oder anderer Beute abgelenkt.
Handon findet die Idee großartig und kramt in seinem voluminösen Rucksack herum. „Irgendwo muss es sein, ich weiß genau, dass ich es eingepackt hatte.“ Er fördert allmöglichen Tand und Tauschwaren zum Vorschein: eine kleine Kupferflasche, einen in lila und grün geringelten Wollschal mit passenden Wollsocken, eine Suppenkelle, eine Lederschürze mit der eingebrannten Aufschrift „HIER KILLT DER CHEF!“…
Mittlerweile ist sein gesamter Oberkörper in den Tiefen seiner mysteriösen Händlerkiepe verschwunden, und man hört dumpfes Klappern und Klirren, während er in ihr herumwühlt. Dann erstarrt er plötzlich… „Heureka, hier ist es!“ und zieht eine lederne Rolle sowie eine Feder und ein silbernes Tintenfässchen hervor.
„Feinstes dünnes Schreibpapier, ideal, um eine Nachricht mit kleinen Buchstaben aufzuschreiben, die wir dem Adler dann ans Bein binden können.“
Ich bin ernsthaft fasziniert. Was er wohl noch alles in diesem Sack hat?
Handon schneidet mit einem scharfen Messer einen Streifen Papier ab, glättet ihn sorgfältig, taucht den angespitzten Federkiel in die Tinte und beginnt, schnell in winzig kleinen Buchstaben zu schreiben. Als er fertig ist, liest er es uns vor:
An Olse:
12 Rostbrüder auf dem Weg zum Turm.
Wollen Vasallen prüfen und Tribut für den Feilscher.
Wir sind auf dem Weg. Bringen König A. mit.
Er wird uns helfen.
Bitte frage nicht nach Details.
Gruß, Handon.
Dann faltet er das Papier klein zusammen und reicht es Quro. Der stößt einen schrillen Ruf aus, der aus dem Himmel beantwortet wird. Der Adler stürzt herab und landet neben Quro auf einem Felsen. Der Wolfsmann spricht beruhigend auf das Tier ein und befestigt den Brief mit einigen Lederschnüren an dessen Bein. Dann schnalzt er mit der Zunge, und der Adler erhebt sich mit ein paar kräftigen Flügelschlägen in die Luft, steigt immer höher und höher und wird immer kleiner, bis er nur noch ein kleiner dunkler Punkt am Himmel ist, der schnurgerade Richtung Südwesten verschwindet. Sein letzter Schrei verhallt in der Ferne.
Den sehen wir nie wieder, das dumme Federvieh, denke ich. Aber Quro wedelt irgendwie zuversichtlich.
Wir haben lang genug hier rumgestanden. Jetzt müssen wir uns beeilen, wenn wir es heute noch durch diese bewaldeten Hügel schaffen wollen. Und außerdem müssen wir jetzt Olse zu Hilfe eilen, abgesehen davon, dass vielleicht ja sogar noch die wütende Horde Rostbrüder von Wetterstein auf unserer Fährte ist.
Der Karrenpfad, dem wir folgen, schlängelt sich durch die Hügeltäler, durch dunkle Tannen- und Fichtenhaine. An einigen Stellen ragen Pappeln auf den Hügeln auf. Ihr spärliches gelbes Herbstlaub hebt sich deutlich von dem dunklen Grün der Nadelbäume ab. Sieht so aus, als hätte den Weg schon lange keiner mehr genommen. Ramir pirscht wieder vor uns durch die Gegend. Der Rest von uns folgt schweigend.
Algaroth scheint wie tot. Das blaue Leuchten in den Augenhöhlen ist verschwunden. Zwischen den Bäumen ist es feucht und kalt, aber zumindest sind wir vor dem eisigen Wind geschützt. Außerdem sieht man hier unten im Zwielicht das „Oben“ nicht so sehr. Es ist fast, als würde man durch eine von Säulen getragene Höhle laufen. Ich setze die Kapuze wieder ab. Hier brauche ich sie nicht. Es riecht nach Harz, Erde und faulendem Holz…
Schließlich verlassen wir aber wieder den Fichtenwald und erreichen eine große Lichtung. Ramir sitzt seitlich vom Pfad auf einem Felsblock und kaut auf einem Getreidehalm herum. „Der Hof da vorne ist vermutlich verlassen. Auf den Weiden sind auch keine Tiere mehr.“
Er zeigt auf einige mit einfachen Zäunen eingefasste Wiesen. Da haben vielleicht mal Schafe geweidet. Der Hof am anderen Ende der Lichtung hebt sich dunkel vor den schattigen Fichtenwäldern und Hügeln ab. Das Dach und Teile der Wände scheinen regelrecht eingerissen zu sein, zumindest soweit man das von hier aus sehen kann. Der Weg führt am Hof vorbei in den düsteren Nadelwald.
Quro ist das nicht geheuer: „Das erinnert mich an eine Geschichte, die einige der Söldner von Reißzahns Auge erzählten. Von einem von Riesen zerstörten Bauernhof. Wir sollten uns besser vorsehen.“
Ramir hat wie immer keine Angst: „Ein Riese kann sich hier wohl kaum verstecken. Ich sehe mir das jetzt mal an.“ Und er läuft voraus. Ufil will ebenfalls nachsehen, und ich muss dann natürlich auch mit. Aber ich muss unwillkürlich an unser Erlebnis mit dem Drachen in einem ebenfalls zerstörten Bauernhof denken. Den haben wir auch erst gesehen, als es zu spät war. Hoffentlich behält der Krüppelelf recht. Von einem Riesen plattgetrampelt zu werden wie eine Steinassel ist kein heldenhafter Abgang, finde ich.
Der Rest unserer Truppe bleibt erst mal hier beim Wagen und bei Algaroth.
Je näher wir dem Gehöft kommen, desto deutlicher wird das Ausmaß der Zerstörung. Teile des Daches fehlen bzw. wurden fortgerissen und liegen um das Haus verstreut. Als hätte ein gewaltiger Sturm gewütet. Ufil zieht sein Langschwert, und ich habe eh schon Axt und Schild in den Händen.
Krähen fliegen mit protestierendem, rauem Gekrächze auf und lassen sich auf dem zerstörten Dachgiebel und den kahlen Obstbäumen rund um den Hof nieder. Kein gutes Zeichen. Ihre Rufe verheißen in diesen Landen leider viel zu oft Tod. Die Rabenlande! Pah! Krähenlande wäre ein viel passenderer Name!
Die Eingangstür und die gesamte Front sind niedergerissen, sodass man einfach ins Innere spazieren kann. Mobiliar und Einrichtungsgegenstände liegen zerstört und zerschmettert herum. Fensterläden wurden fortgerissen. An einigen Stellen kann man riesige Kratzspuren erkennen, wie von Klauen. Der durch eine niedrige Mauer eingefasste Gemüsegarten ist ebenfalls vollkommen zerstört. Rüben und Winterkohl sind zermatscht und plattgedrückt.
Ramir kniet zwischen den Gemüseresten und betrachtet einige Vertiefungen im Boden. „Die Fußabdrücke hier sind riesig. Nur vier Zehen. Man findet sie rund ums Haus. Und auch da hinten bei der Scheune. Und merkt ihr diesen Geruch? Der ist absolut ekelig.“
Ja, jetzt, wo er es sagt… Meine Nase ist wohl noch immer durch Algaroths Todesmuff betäubt. Aber jetzt kann ich es auch riechen. Ein fieser Gestank. Kommt mir vage bekannt vor… vorsichtshalber schnuppere ich mal an meiner Achsel… nee, ich bin’s nicht. Und Ufil riecht zwar wie immer leicht nach Verwesung, aber er ist auch nicht die Quelle dieses Gestanks. Der Geruch liegt über dem ganzen Hof.
Dieser Gestank… einfach widerlich. Nach faulendem Fleisch, Erbrochenem, Säure und Scheiße, und das beschreibt ihn auch nicht ausreichend. Was ist das nur? Es erinnert mich an irgendwas, aber an was nur? Die vielen Strafdienste in den Latrinengruben? Kommt der Sache nahe, aber nein… das hier ist irgendwie fieser! Verbreitet ein Riese so einen Gestank? Vielleicht hatte er Durchfall oder sich den Magen an den regionalen Bauern hier verdorben?
Ich bin mir sicher, sowas Ähnliches schon mal gerochen zu haben… Muss aber schon lange zurückliegen… ich zermartere mir das Hirn, woher ich diesen üblen Gestank wohl ke… ACH DU GROẞE SCHEIẞE! Oh nein! Jetzt weiß ich es wieder! Sofort läuft es mir eiskalt den Nacken runter und ich ziehe reflexartig meine Axt. HURGH!!!
Hurgh!!!
Nein, das ist kein Ausruf des Ekels. Oder vielleicht doch? Der alte Hurgh, das war ein Freund meines Großvaters. Wir nannten ihn immer Onkel Hurgh, aber er war nicht verwandt. Eine eigene Familie hatte er nicht, kein Wunder, denn er war ein Trolljäger und stank immer wie ein Fass kochende Jauche!
Die Mitglieder dieser geachteten, wenn auch gemiedenen Jägerzunft sind alle für ihren heftigen Eigengeruch berüchtigt. Der Gestank kommt daher, dass sie ihre Schutzkleidung mit irgendwelchen Sekreten ihrer Beute einreiben, und davon bleibt natürlich über die Jahre einiges in Bart und Haut hängen. Sie machen das, damit Trolle sie nicht als Beute wahrnehmen. Die ältesten Trolljäger stinken am schlimmsten. Aber im Vergleich zu einem echten Troll duften sie alle wie das schönste Blumenbukett. Zumindest sagte das mein Großvater, und als Jungzwerg mit dem ersten Flaum am Kinn habe ich ihm das natürlich geglaubt.
Und da Trolle in unseren Gebieten selten geworden sind, hatte ich bisher auch noch nicht das Vergnügen, mich persönlich von dieser Behauptung zu überzeugen. Mit Trollen hatte ich bisher noch nichts zu schaffen…
Aber das hier riecht eindeutig nach Hurgh. Das ist Trollgestank!
„Kein Riese! Das waren Trolle! Der Gestank ist eindeutig“, sage ich zu Ramir. Der sieht sich interessiert um und versucht weiterhin, flach durch den Mund zu atmen. „Mit Trollen kenne ich mich noch nicht aus!“
Na, da sind wir schon zu zweit, denke ich, sage aber: „Die fressen immer zuerst die Gedärme und Innereien. Und auch wenn sie langsam und dumm aussehen, sollte man sich davon nicht täuschen lassen. Sie sind echt gefährlich.“
Und was hatte Onkel Hurgh noch über die gesagt… ach ja: „Sie haben vor nichts Angst, außer vor dem Sonnenlicht!“
Ramirs und auch mein Blick wandert rüber zum düsteren Waldrand. Seiner neugierig, meiner eher besorgt. Die Sonne wirft schon lange Schatten und zwischen den Fichten herrscht schon tiefste Finsternis. Vielleicht sind bereits gierige Trollaugen auf uns gerichtet und warten nur noch auf den Sonnenuntergang…
Ich winke den anderen, dass sie näher kommen sollen, und beobachte den Wald weiterhin misstrauisch. Handon hat alle Hände voll zu tun, den Esel in die Nähe des Gehöfts zu bringen. Das arme Tier ist nun restlos verängstigt. Von der Ladefläche wittert es den toten König, und der Wind trägt ihm vom Hof noch den Trollgestank entgegen.
„Und? Was ist nun? Irgendwas Interessantes entdeckt?“
Ich zeige mit der Axt auf den Hof und meine: „Das waren Trolle. Ramir, Ufil und ich wollen uns das noch etwas genauer ansehen. Vielleicht finden wir auch heraus, in welche Richtung sie verschwunden sind. Ich möchte nicht, dass wir durch den Wald weiterziehen und den Biestern direkt in die Klauen laufen. Ihr anderen wartet hier besser.“
Algaroth meldet sich zu Wort: „WAS IST LOS? SIND DIE ARMEN LEUTE TOT?“
Handon hält es anscheinend für eine gute Idee, Algaroth mit einzubeziehen: „Ja, Euer Majestät. Sie wurden von Trollen getötet. Wollt ihr Euch nicht Euren Kriegern anschließen und die Monster suchen?“
Der König richtet sich auf und breitet die Arme aus. „GEWISS DOCH! ZIEHT DIE SCHNALLEN MEINER RÜSTUNG NACH, MEIN BILDTRÄGER! ICH KÄMPFTE SCHON GEGEN TROLLE. DIE SIND WIRKLICH GEFÄHRLICH!“
Bevor Handon sich an dem toten Körper zu schaffen macht, sehe ich lieber zu, dass ich Land gewinne und schließe mich Ramir und Ufil wieder an.
Während Ufil und ich uns nun das Haus nochmal näher ansehen und Quro seinen Langbogen spannt, einen Pfeil auflegt und sich eine gute Schussposition sucht, nimmt sich Ramir den Stall vor. In beiden Gebäuden finden wir nur noch blutige Überreste von Tieren und Menschen. Die Trolle haben sie bereits größtenteils aufgefressen.
Der eklige Gestank nach Blut und Verwesung, gepaart mit dem widerlichen Geruch der Trolle, ist hier echt überwältigend. Und zu allem Überfluss schwirren auch noch unzählige lästige Aasfliegen herum. Andere Tiere haben sich anscheinend noch nicht an die Opfer der Trolle herangewagt. Das bedeutet vielleicht, dass die Monster noch in der Nähe sind.
Zwei deutliche Spuren führen in den Wald. Es waren also zwei und sie sind jetzt irgendwo südwestlich von uns. Und genau da liegt der Turm Olse. Unser Ziel. Warum kann es in dieser Welt nicht mal einfach zugehen. Hat man einen Felsen beiseite geräumt, rollt schon der nächste, noch größere, in den Weg.
„Zwei Trolle, ein halbtoter König und keinen Tropfen Alkohol mehr. Wenn das kein Zeichen der Götter ist, weiß ich auch nicht.“ – Bullwai, vor dem Kampf im Pappelhain –
Ich finde ja, wir sollten schleunigst verschwinden und einen sicheren Lagerplatz finden. So weit wie möglich von diesem Ort entfernt. Und am besten in Windrichtung, damit uns die Bestien nicht so leicht wittern können. Das heißt, wir müssen ein Stück zurück, in die Richtung, aus der wir kamen. Die anderen sind da meiner Meinung.
Handon glaubt, dass er vorhin einen guten Lagerplatz erspäht hat. Nicht weit vom Karrenpfad, auf einer mit Pappeln bestandenen Hügelkuppe. Als wenn so ein Hügel einen Troll aufhalten könnte. Aber wir haben alle keine bessere Idee. Weiter in den „Trollwald“ will auf alle Fälle keiner von uns kurz vor der Dämmerung mehr vordringen. Selbst der Elf ist mal ausnahmsweise für Vorsicht. Vielleicht, weil er sich nicht den Verlust von einem weiteren Arm leisten kann? Ich bin mir übrigens sehr sicher, dass Trolle sich nicht nur mit einem Arm zufriedengeben würden…
Handon führt den Esel mit dem Karren und seiner toten Fracht also auf den Weg zurück, auf dem wir hergekommen sind. „Ich glaube, da hinten ist der Lagerplatz. Etwas erhöht, zwischen Pappeln. Ist mir schon vorhin aufgefallen.“
Von der Ladefläche des Karrens ertönt nur leises Knochengeklapper. Der königliche Knochenhaufen scheint zu ruhen. Wir folgen ihm und dem holpernden Eselskarren über eine Wiese, durch eine Senke und dann einen mit Buschwerk und nahezu kahlen Pappeln bestandenen Hang hinauf und finden oben eine kleine Lichtung zwischen den Bäumen.
Das Laub der Pappeln liegt dick auf dem Boden. Die Herbstwinde haben es noch nicht verweht. Ein paar Baumstämme zeugen davon, dass die ehemaligen Bewohner des nahen Hofes hier früher Holz geschlagen haben. Vermutlich als Brennholz, denn für viel anderes taugt dieses weiche Holz meiner Erfahrung nach eh nicht. Die Pappel gilt bei meinen Leuten als „schlechtes“ Holz.
Insofern bin ich mit diesem Lagerplatz nicht so richtig glücklich, sind die Bäume doch eher kein gutes Omen. Aber ich bin einfach zu geschafft, um noch zu protestieren.
Der Bauernhof ist gut 1.000 Schritte entfernt in südlicher Richtung, aber selbst hier vom Hügelkamm aus ist er nicht zu sehen. Hügelabwärts ist dichtes Unterholz. Das ist gut, denn so kann sich kein Troll unbemerkt und lautlos an uns anschleichen. Wobei ich glaube, dass wir die Monster eher riechen werden, bevor wir sie dann hören.
Eine Pappel ist umgefallen und bietet uns etwas zusätzlichen Schutz, fast wie eine niedrige, natürliche Holzmauer. Doch trotzdem entscheiden wir uns gegen ein Feuer, sehr zu meinem Leidwesen. Das bedeutet kalte Küche und frieren. Und noch nicht mal Schnaps, um sich von innen zu wärmen. Mann, geht mir diese Expedition vielleicht auf die Nerven!
Als wir das Lager aufschlagen, nehme ich mir kurz die Zeit, um die erbeutete Armbrust genauer in Augenschein zu nehmen. Das Teil hat eine enorme Durchschlagswucht und muss mit einer Winde gespannt werden, oder – wenn man wie ich stark genug ist – man verwendet den Gürtelhaken und tritt den Spannbügel runter.
Der Metallbogen ist in gutem Zustand. Kein Rost, was bei den Kämpfern der Rostkirche doch eigentlich Blasphemie sein sollte. Aber andererseits wollen die wohl auch nicht, dass ihren Elitekämpfern die rostigen Armbrüste um die Ohren fliegen. Es fehlt aber eine Zielvorrichtung wie bei zwergischen Waffen, und vieles wirkt irgendwie recht grob, aber sie ist robust und wird ihre Arbeit schon machen.
Vielleicht ersetze ich einige Teile demnächst noch durch Metall, wenn ich mal die Zeit habe. Und ich brauche noch mehr Bolzen. Mehr als eine Handvoll konnten wir nicht erbeuten.
Ich persönlich benutze ja lieber einen Kurzbogen. Der ist zehnmal leichter und auch für die Jagd geeignet. Und man braucht nicht Ewigkeiten, um ihn nachzuladen. Aber wenn man evtl. gegen Trolle antreten muss, dann ist so eine Windenarmbrust die Schusswaffe der Wahl. Zumindest, wenn man nicht gerade ein ordentliches Torsionsgeschütz zur Hand hat.
Ich schiebe etwas Laub zu einem länglichen Haufen und lege meine Schlafdecke darauf. Mein Rucksack kommt ans Kopfende. So bekomme ich besser mit, wenn mich jemand beklauen will. Die gespannte, aber noch nicht geladene Armbrust lehne ich vorsichtig dagegen.
Ich habe schmerzhaft erlebt, was passiert, wenn einem so eine geladene Waffe während einer Wache aus den müden Fingern gleitet. Und wenn mir das hier passieren sollte und ein Bolzen Ramirs Kopf zersprengt, wird mir vermutlich keiner abnehmen, dass es Selbstmord war.
Ramir will übrigens Wache halten. Keine Ahnung, woher der verdammte Elf diese Ausdauer nimmt. Bestimmt irgendeine geheime Elfenzauberei. Wenn ja, ist die auf alle Fälle sehr viel nützlicher als Ufils Todesmagie, die er nie benutzt und von der er immer nur großspurig erzählt.
Da verlasse ich mich doch lieber auf die sehr offensichtliche Magie des Stahls… gute, ehrliche zwergische Axtmagie.
Ramir übernimmt also die erste Wache, lehnt sich gegen eine Pappel, zückt seine gestopfte Pfeife und bläst ein paar Rauchringe in die Luft. Ich wünschte, ich hätte auch noch Tabak übrig, aber meiner ist aufgebraucht. Ich rauche einfach zu viel, seit ich diese Hobbitpfeife gefunden habe.
Also bleibt mir nun nichts anderes übrig, als schnell noch etwas zu essen und mich dann in Umhang und Decke einzurollen. Die Nacht wird bestimmt saukalt. Besonders ohne Feuer. Schon jetzt dampft unser Atem in der Dämmerung. Wir sind alle sehr schweigsam. Kein Wunder, sind wir doch alle von den letzten Tagen erschöpft, ausgelaugt und mehr oder weniger verletzt.
Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach, kaut mechanisch auf Zwieback oder einem Kanten alten Brotes bzw. wie Quro auf irgendetwas Undefinierbarem, Ledrigem mit Fell rum. Und als schließlich die Dämmerung der Nacht weicht, versuchen wir ein bisschen Schlaf zu bekommen.
Aber das ist gar nicht so einfach. Wie gesagt, es ist saukalt. Ich fange unwillkürlich an zu zittern… und es ist verdammt dunkel. Ich muss an Dulko Flammbart, unseren alten Unteroffizier in der Garde denken, verhutzelt und zäh wie altes Eisenholz und ein wahrer Quell dämlicher Sprüche.
Er sagte einmal: „Manchmal ist es besser, einen Flammenwerfer anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen!“ Fand ich damals bescheuert, aber ach, was würde ich jetzt für einen guten zwergischen Flammenwerfer gegen die kalte Dunkelheit geben!
Ich liege auf meiner Decke, friere, starre in den Nachthimmel, verfluche mit klappernden Zähnen mein Schicksal und kann beim besten Willen nicht einschlafen. Wie auch! Irgendwo da draußen sind mindestens zwei Trolle, und die würden zu einem Happen Bullwai bestimmt nicht nein sagen.
Na gut, es könnte natürlich auch sein, dass die Trolle einen Schnupfen haben, uns gar nicht wittern und stattdessen einen weiten Bogen um uns machen, um sich ein paar Rostbrüder einzuverleiben oder ein paar Wildtruden zu rupfen. Aber so funktioniert das hier oben nun mal nicht. Wenn dich der Ärger sucht, dann findet er dich auch. Das ist seine Natur. Es ist nur eine Frage der Zeit…
Der Kampf im Pappelhain
„Pst. Sie kommen.“
Ramirs Stimme schneidet wie ein Messer durch die Dunkelheit. Ich reiße die Augen auf, anscheinend doch kurz weggedöst – was bei Trollen in der Nachbarschaft eigentlich schon an Fahnenflucht grenzt.
Meine Hand findet automatisch Helm, Axt, Kurzschwert. Metall klappert leise, aber in dieser Nacht klingt jedes Geräusch, als würde jemand einen Amboss den Hügel runterwerfen. Um mich herum regt sich das Lager – gedämpftes Fluchen, Stoffrascheln, das Scharren von Stiefeln.
„Wenn dein Späher flüstert, statt zu schreien, dann ist es entweder etwas sehr Kleines oder etwas sehr Großes. Bei Trollen kannst du dir denken, was es ist.“ – Bullwai, Sohn des Barabas über Trolle –
„Sie kommen vom Hof“, zischt Ramir. „Schon auf der Wiese. Ich nehme den kleineren mit der Rübennase. Den anderen könnt ihr haben.“
Und weg ist er, ein lautloser Schatten zwischen den Stämmen.
Quro klettert mit Bogen und Pfeilbündel eine Pappel hoch, als wäre der Baum nur ein etwas krummer Aussichtsturm. Handon knirscht vor Schmerz, während er mit klammen Fingern die Sehne seines neuen Langbogens einhakt.
Ufil steht beim Karren, zieht tief die Luft ein. „So riechen also Trolle? Ist doch gar nicht so schlimm.“
Ein Windhauch schiebt uns eine konzentrierte Wolke Trolldunst entgegen. Wir werden alle gleichzeitig blass.
Der Hang vor uns knackt. Etwas Großes bricht Holz wie Zunder.
„HIER MUSS WAS ZU FRESSEN SEIN!“ dröhnt eine Stimme von unten.
„SACH ICH DOCH!“ brummt eine zweite.
Dann sehen wir sie.
Gut 50 Schritt entfernt am Fuß unseres Hügels. Zwei riesige, gedrungene Bestien. Jeder gut vier oder fünf Schritt groß und mehrere Hundert Stein schwer. Ihre gierigen Augen glänzen fahl. Langes, strähniges Haar auf Haupt und Rücken. Zähe, graue, schuppig-warzige Haut, lange Arme mit riesigen, scharfen Klauen, knollige Nasen, ein gefährliches Wolfsgebiss mit bösartigen Reißzähnen.
Einer wäre schon schlimm genug, aber es müssen ja unbedingt zwei sein. Und in ihrer Gier nach Fleisch und Blut trampeln sie überraschend schnell den Hügel hinauf, auf unseren Lagerplatz zu.
Ich hab schon gegen alles Mögliche gekämpft, das bleibt als Wächter des Canidenclans nicht aus, aber Trolle sind auch für mich eine ganz neue Erfahrung. Auf die ich übrigens sehr gerne verzichtet hätte, denn jedes Zwergenkind wächst mit den schlimmsten Horrorgeschichten über diese Biester auf.
Mein alter Großvater konnte davon so einige erzählen: ganze Minensiedlungen, die diese Kannibalen in zwergenleere Geisterstollen verwandelten, Reisende in den Wäldern aufgefressen, Zwergenfamilien Stück für Stück, Gliedmaße für Gliedmaße vertilgt und das bei vollem Bewusstsein.
Und mein Opa hatte auch schon selber gegen Trolle gekämpft. Genau jetzt fällt mir sein Rat wieder ein:
„Hör jetzt gut zu, du Schotterkopf. Wenn du es jemals mit Trollen zu tun bekommst, dann bete zu Hune, dass da genügend andere Leute bei dir sind, um die riesigen Biester von dir abzulenken. Und dann nimm die Beine in die Hand und renn um dein Leben. Die Viecher sind ganz schwer zu töten. Ihre Wunden schließen sich einfach wieder, und der Gestank kann einen echt umhauen. Und wenn du partout nicht wegrennen kannst, dann nimm die schwerste Waffe, die du hast, und versuch ihnen die Sehnen an einer Ferse oder Kniekehle durchzuhacken… Da ist ihre Haut am dünnsten. Und wenn sie dann umfallen, dann hack alles ab, was du nur treffen kannst, und hör nicht auf, ehe du nicht beim Kopf angelangt bist. Denn wenn der Kopf dran bleibt, dann können sich die Biester wieder heilen und stehen wieder auf.“
Soweit will ich es gar nicht erst kommen lassen. Am besten ballern wir sie weg, bevor sie uns zu nahe kommen. Das Problem dabei ist: Ich war noch nie ein sonderlich guter Schütze! Gar kein Vergleich mit Quro, den ich mit seinem starken Langbogen schon die unwahrscheinlichsten Kunstschüsse vollbringen sah.
Mehr als die verpflichtende Grundausbildung an der Armbrust habe ich nie mitgemacht. Erst durch den Wolfsmann konnte ich auf Turm Olse ein paar Kniffe mit meinem erbeuteten Reiterbogen lernen. Diese schwere Windenarmbrust ist aber ein ganz anderes Kaliber. Besonders, wenn da ein paar hungrige Trolle auf einen zurennen.
Mit schweißnassen Fingern schnappe ich mir die bereits vorgespannte Armbrust und lege den dicken Bolzen mit der Vierkant-Stahlspitze in die Führungsschiene. Die Handgriffe haben wir in der Garde zigfach geübt, und auch wenn das hier eine Menschenwaffe ist, so ist der Ablauf doch der gleiche. Ich atme tief durch, konzentriere mich und werde direkt ruhiger.
„Du kannst das. Gehe einfach methodisch vor, wie in der Schießhalle“, flüstere ich zu mir selbst. Ich spüre, wie der Stahlbogen unter der massiven Spannkraft von gut 600 Stein Zuggewicht regelrecht summt.
Vorsichtig lege ich die geladene Waffe auf einen Baumstumpf und ziele in die Nacht hinaus. So einen riesigen Troll kann man doch selbst in dunkler Nacht unmöglich verfehlen, oder? Ich überlege nicht lange, auf welchen der beiden ich schießen will. Ich nehme einfach den erstbesten, auf den ich ein freies Schussfeld habe.
Wie sich herausstellt, ist es Ramirs Rübennase. Woher ich das trotz der Dunkelheit weiß? Na, der brüllt gerade laut vor Schmerzen, weil Ramir sich unbemerkt an ihn herangeschlichen hat und mit seiner Falchion-Klinge zuerst die Wade und dann den Wanst aufgeschlitzt hat. Wie er das bei tiefster Dunkelheit nur wieder bewerkstelligt, denke ich sichtlich beeindruckt.
Es stimmt schon: Ich mag diesen spitzohrigen Baumficker nicht besonders. Er ist arrogant, überheblich und ein unberechenbarer Chaot. Jegliche Art von Ordnung, jegliche Gesetze außer dem Recht des Stärkeren sind ihm fremd. Aber leider muss ich widerwillig zugeben, dass der Elf, selbst nur noch einarmig, immer noch unser fähigster und gefährlichster Kämpfer bleibt.
Zwar kann er, Hune sei Dank, nun keinen Unfug mehr mit seinem Bogen anstellen, aber ein einziger Arm und sein Falchion reichen ihm anscheinend vollkommen aus. Er greift unbemerkt und plötzlich aus den Schatten an, und bevor ihn irgendjemand attackieren kann, verschwindet er wieder in ihnen und lässt Tote oder Verletzte zurück. Das muss auch irgendeine Art von elfischer Zauberei sein, auf die er sich jetzt, nachdem er nicht mehr einfach mit zwei wirbelnden Klingen voranstürmen kann, besonnen hat.
Rübennase durfte das gerade am eigenen Leib erfahren, und dem schmerzerfüllten Gebrüll nach fand er es gar nicht gut.
Mit einem Surren jagen Quros Pfeile durch die Nacht. In der Zeit, in der ein normaler Schütze einen Pfeil verschießt, schafft Quro zwei. Der erste prallt einfach von der dicken Trollhaut ab. Der zweite schlägt in die Schulter ein, aber die Rübennase bricht ihn einfach vollkommen unbeeindruckt ab.
Ich ziele mit meiner Armbrust ungefähr auf die Brust der Kreatur. Jetzt sehe ich auch, dass der wirklich eine riesige knollige Nase hat, eher wie eine pickelige, lange Essiggurke als wie eine Rübe geformt.
Der Troll richtet sich zu seiner vollen Größe auf, breitet die Arme aus und hat anscheinend vor, den winzigen Elfen, der ihm da so schwer zugesetzt hat, wie eine Fliege zu zerschlagen.
Mein Finger verharrt am Auslöser… und wenn ich nicht schießen würde? Dann wären wir den lästigen Elfen mit einem Klatsch los. Ein schmieriger Elfenfleck auf den Prankeninnenseiten eines Trolls… aber evtl. brauchen wir den Astlutscher ja noch. Da ist ja schließlich noch ein zweiter Troll. Ach, was soll’s – und ich drücke ab.
Die Armbrust ruckt und springt mir fast aus den Händen, mit solcher Wucht schickt sie den Bolzen auf die Reise. Und schon bereue ich den Schuss! Ich hätte mir später Ramirs Tabak von seinen Überresten holen können. Mist!
Mein massiver Bolzen schlägt in die Brust der Bestie ein und lässt sie kurz innehalten. Dann surrt auch noch Handons Pfeil durch die Nacht und schlägt genau in Rübennases Hals. Der greift sich an die Kehle und gibt ein röchelndes Geräusch von sich. Fast dachte ich schon, wir hätten ihn erledigt, aber er denkt gar nicht daran umzufallen.
Stattdessen schlägt er nun mit einer seiner riesigen Klauen nach Ramir, aber der duckt sich weg und die Trollpranke fetzt Rinde und ein ordentliches Stück des Stamms aus einer Pappel. Ooha! Das war knapp!
Der Troll bückt sich zu Ramir herab, um ihn packen zu können, aber der Elf springt in die Höhe und schlägt wieder mit seiner Klinge zu. Diesmal erwischt er den Troll am Hals, und weiteres stinkendes Trollblut spritzt durch die Nacht, trifft zischend auf Pflanzen und Kleidung, dampft in der Nacht, und man sieht Ramir aufgrund des Gestankes taumeln. Der verdammte Troll lebt immer noch.
Doch dann wachsen ihm plötzlich zwei Pfeilschäfte aus der bereits von Ramir geschlagenen Halswunde. Quro hat einfach die dicke Trollhaut umgangen, indem er seine Pfeile direkt in den klaffenden Spalt am Hals gejagt hat. Das ist echte Schießkunst! Da müsste jeder dieser hinterhältigen Rotläuferelfen-Bogenschützen eigentlich vor Neid blass werden.
Der Troll erstarrt in der Bewegung und kippt dann um, wie ein gefällter Baum.
Ich brülle in Ramirs Richtung: „Schlag ihm den Kopf ab! Der steht sonst wieder auf!“ Ob der Elf mich gehört hat, weiß ich nicht, denn der zweite, narbenübersäte Troll ist schon fast da.
Keine Zeit, nochmal nachzuladen oder zu schießen. Der Koloss drückt einige schlanke junge Pappeln einfach beiseite und ragt vor mir wie ein Turm auf. Ein brutal stinkender Turm, denn der Wind treibt seinen Geruch genau in meine Richtung. Widerlich! Ich muss würgen und stopfe mir kurzerhand einen Bartzopf zwischen die Zähne. Dann blicke ich mich hektisch um und überschlage blitzschnell meine Möglichkeiten:
Hinter mir ist Ufil, der gerade erfolglos versucht, unseren untoten Heldenkönig, der immer noch auf dem Karren ruht, irgendwie zu wecken und auf den Troll zu hetzen. Von da ist keine Hilfe zu erwarten. Handon lässt seinen Bogen fallen und zieht sein Hiebschwert. Und Quro schießt weiter auf Rübennase. Nur noch fünf Trollschritte und der narbenübersäte Troll ist heran und stampft mich in den Boden.
Zum Wegrennen bleibt keine Zeit mehr. Soviel zu meinen Optionen…
Einen Troll wirst Du riechen, lange bevor du ihn sehen wirst. Wenn Du ihn siehst, ist es meistens schon zu spät…
– Onkel Hurgh, Trolljäger –
Ich lasse die Armbrust fallen, greife nach der schweren Kampfaxt an meiner Hüfte, ziehe sie aus ihrem Tragering und lasse den mit Bronzenieten verstärkten Axtschaft routiniert durch meine Hände gleiten. Keine Zeit mehr, den Schild zu nehmen. Kann mir bei diesen Monstern eh nicht helfen. Ein Schlag mit den gewaltigen Klauen würde Schild und Arm zerschmettern. Ich muss einfach so schnell und so hart angreifen, wie ich kann. Wenn nur dieser widerliche Trollgestank nicht wär, der das Biest brechreizartig umweht und kaum zu ertragen ist.
Ich halte am besten die Luft an…
Wenn du es mit stark gepanzerten Gegnern zu tun hast, dann bringt wildes Drauflosschlagen meistens nichts. Aber jeder Panzer, egal ob aus Leder, Stahl oder Horn, hat auch immer Schwachstellen. Und mit einem guten Auge und Erfahrung kann man die auch finden.
Na gut, es gehört auch ein gewisses Maß an Gespür dazu, um dann auch im richtigen Augenblick im richtigen Winkel genau diese Schwachpunkte auszunutzen. Das kann nicht jeder. Ich schon!
Bei jedem zweibeinigen Wesen, egal wie groß es ist, sind die Gelenke solche Schwachstellen. Sehnen und Adern laufen dort dicht unter der Haut und die Knochen sind dort verletzlich. Bei Trollen ist das auch nicht anders. Und ihre Kniegelenke sind genau in der richtigen Höhe für meine schwere Kampfaxt.
Ich stürme auf den „Narbenwanst“ zu, die Axt in der Rechten, drehe mich einmal um die eigene Achse, um den Schwung zu nutzen und die Axtschneide von hinten in die Kniekehle des rechten Trollbeins zu lenken…
Habt ihr schon mal versucht, einen zwei Fuß dicken Baumstamm mit einem einhändigen Axthieb zu durchschlagen? Genau so fühlt sich das an, als meine Axt durch die Trollhaut fährt, die Sehnen durchtrennt und im Trollknochen stecken bleibt: TSCHACK! Ich spüre, wie die dicken Sehnen reißen. Und mit einem widerlichen, schmatzenden Geräusch zurückschnellen.
Schwarzes, fürchterlich stinkendes Blut spritzt mir entgegen. Der Blutgestank ist noch schlimmer als vorher, und ich kann nur mit Mühe meinen Zwieback bei mir behalten.
Der Troll brüllt seinen Schmerz und seine Wut dröhnend in die Nacht und verlagert sein Gewicht auf das andere Bein.
Dieser Trollgestank ist das Widerlichste, was man sich nur vorstellen kann. Einfach nicht zu beschreiben. Es fühlt sich an, als würde jemand dir zwei armdicke glühende Kriegslanzen gleichzeitig durch beide Nasenlöcher ins Gehirn treiben, Nadeln durch die Augäpfel jagen und deinen Mund mit Schwefelsäure fluten. Die Augen brennen und tränen, und es sollen schon Leute allein von diesen Ausdünstungen umgefallen sein.
„Wenn du vor einem Troll nicht wegrennen kannst, dann schnapp dir die größte Waffe, die du hast, und schlag so häufig und so stark, wie du kannst, zu!“
Diesen Rat meines alten Opas kennt Handon anscheinend auch und greift sich den „Roststich“, das Schwert des immer noch schlafenden Totenkönigs. Oder zumindest versucht er es… doch gerade, als er den Griff umfassen will, erwacht in Algaroths Augenhöhlen wieder das blaue Leuchten.
„WOLLTET IHR ETWA MEIN SCHWERT STEHLEN, BILDTRÄGER?“
Handon fährt zurück, als hätte ihn ein Hieb vor die Brust getroffen. „Sicherlich nicht, mein König. Ich wollte Euch wecken, denn seht, Eure Männer benötigen jetzt Eure Hilfe!“ Er weist auf den schwankenden Troll, der auf der Lichtung über mir aufragt.
Der König richtet sich auf, springt vom Karren, brüllt seinen Kampfschrei in die Nacht, und plötzlich geht eine Aura der Furcht von ihm aus. Blöd nur, dass Trolle zu beschränkt sind, um Angst zu empfinden.
Allerdings muss ich gestehen, dass sein zugegeben furchterregender Anblick auch uns andere ziemlich kalt lässt. Liegt vermutlich an dem lächerlichen Eselkarren mit der flickenübersäten bunten Plane und der Aufschrift „Handons feinste Gemischtwaren – Sie bestellen, wir liefern!“, vor dem Algaroth da gerade steht.
Ufil hat sich jetzt ebenfalls entschieden anzugreifen und humpelt mit erhobenem Langschwert auf den Troll zu. Der fackelt nicht lange… und da zeigt sich, dass Trolle doch gar nicht so blöde sind. Vermutlich kann diese Intelligenzbestie sogar bis zwei zählen. Denn auf einmal zwei zu erledigen ist besser als nur einen.
Ich versuche noch auszuweichen, aber mein Handgelenk hängt noch immer in dem Fangriemen meiner Axt, und so sehr ich auch reiße, die Axt steckt in diesem ekligen Trollknochen fest. Und außerdem ist der Kerl schneller, als man ihm zutrauen würde.
Eine stinkende, klauenbewehrte Trollpranke packt mich an der Schulter und reißt mich mitsamt Axt von seinem Bein los und in die Höhe. Stinkender Speichel sprüht mir entgegen und nimmt mir den Atem… bevor ich noch meine Waffe in seinen Arm schlagen kann, holt er aus und schleudert mich mit aller Kraft fort. Direkt auf Ufil zu…
Es heißt doch immer, man würde sein ganzes Leben an sich vorbeiziehen sehen, kurz bevor man stirbt. Also ich sehe gar nichts, außer Ufils überraschten Gesichtsausdruck, als ich auf ihn zufliege. Ich kann alles mit deutlicher Klarheit erkennen: jedes Barthaar, jede Hautpore, den Rotz, der da unter seiner Nase klebt…
Oh, bei Hunes haarigem Arsch, bitte lass das nicht das letzte sein, was ich in diesem Leben noch sehe…
Ich werde jetzt sterben! Mein Schließmuskel zieht sich so eng zusammen, dass er eine neugierige Ratte glatt geköpft hätte. Dann rase ich auch schon mit der Geschwindigkeit einer Geschützkugel über Ufil hinweg. Haha, daneben!
Dafür krache ich nun mit voller Wucht in Handons Scheiß-Händlerkarren, und alles um mich herum wird schwarz…
Verdammt, ist das hier dunkel! Bin ich tot? Aber warum tut mir dann alles weh? Bei Hunes Esse, ich lebe noch!
„Wenn du auf einem Händlerkarren landest, bete,
dass er Rüben und nicht Glaswaren geladen hat.“ – aus der Weg des Kriegers, gesammelte Weisheiten von Bullwai Sohn des Barabas –
Der Troll hat mich glatt kopfüber durch die bunte Wagenplane geworfen, mit der Handon seine Ladung vor Nässe schützt. Ich bin lediglich unsanft auf den Handelswaren gelandet. Was ist denn bloß das runde Zeug hier, das mir so unsanft ins Rückgrat drückt? Eiserne Geschützkugeln?
Ich taste unter mir rum und habe plötzlich eine breiige Substanz zwischen den Fingern. Scheiße, meine Eingeweide laufen aus… Puh, doch nicht. Das sind zermatschte Rüben. Wozu hat Handon bloß einen Sack Rüben auf dem Karren?
Außerhalb des Wagens ertönt ohrenbetäubendes Gebrüll, so laut, dass die Rüben unter mir vibrieren. Ich rappel mich fluchend auf und spähe über den Wagenrand.
Der Troll hat sich zu seiner ganzen, gewaltigen Größe aufgerichtet. Riesengroß ragt er inmitten des Lagers auf. Handons Esel schreit vor Panik wie am Spieß, furzt vor Aufregung laut wie eine zwergische Marschpauke und trägt seinen Teil zu diesem ganzen heillosen Chaos bei.
Von der Pappel surren immer noch Quros Pfeile unablässig auf das Monstrum herab, aber die scheinen seine dicke Haut kaum zu durchdringen. Der Troll ignoriert sie einfach und hüllt sich in seine grauenhafte Gestankswolke.
Sein wütender und hungriger Blick heftet sich auf Ufil, der mit erhobenem Schwert vor ihm steht und krampfend versucht, seinen Mageninhalt bei sich zu behalten.
Er ist immer noch verletzt und geschwächt von unserer Aktion auf Wetterstein. Kann sich eigentlich kaum auf dem Bein halten. Neue Blutflecken blühen auf seinen Verbänden auf. Der Troll wird ihn bestimmt gleich zu Klump hauen.
Mir fällt da gerade der Lieblingsspruch von Onkel Hurgh ein: „Es ist nie zu spät für Panik!“ Manchmal ist es einfach besser, panisch das Weite zu suchen, um später aus einer besseren Position heraus erneut zu kämpfen.
Ufil gerät nicht in Panik und läuft auch nicht weg. Na gut, er wäre mit seinem Beinstumpen auch nicht weit gekommen…
Er schlägt mit dem Schwert zu. Ein schneller, gut gezielter hoher Hieb in die Flanke des Trolls, dort, wo die dicke Trollhaut weicher ist. Die Klinge schneidet tief, dringt ins Fleisch ein und hinterlässt einen klaffenden Spalt, aus dem schwarzes, stinkendes Blut spritzt und Ufil besudelt. Der röchelt, kotzt sein Abendessen aus und taumelt zur Seite. Ein leichtes Ziel für die vor Schmerz rasende Bestie.
Ramir will uns zu Hilfe eilen, doch der von ihm erlegte Troll (Rübennase) beginnt plötzlich zu zucken und versucht, sich aufzurichten. Ramir blickt erstaunt auf sein Opfer, bei dem sich Wunden wie von Geisterhand schließen und Pfeile einfach aus dem Körper fallen, als würde jemand sie von innen herausdrücken.
Der Elf rennt kurzerhand zurück und hackt dem sich erhebenden Troll im Vorbeilaufen den Kopf von den Schultern.
Das ist dann auch für Rübennase zu viel, und sein Körper sackt endgültig zusammen, beginnt Blasen zu werfen, zu dampfen und regelrecht zu zerschmelzen, bis nur noch ein flacher Fladen dampfender, aushärtender schwarzer Schlacke übrig bleibt.
Mut ist schon was Feines, bringt einen aber meistens irgendwann um. Das wird dem vom Trolldunst benommenen Ufil hier oben im Pappelhain vermutlich auch gerade klar: In Armlänge eines tobenden, 1.000 Stein schweren Trolls, der dich gerade als Ursache für seine aktuellen Schmerzen erkannt hat und dir nun dein Rückgrat aus dem Arsch reißen will, während du bereits zu angeschlagen bist, um noch deinen Schließmuskel eng zusammenzukneifen.
Der ist jetzt aber sowas von im Arsch! Und als einzige Rettung bleiben nur noch Handon und ich.
Handon humpelt zwar bereits zu ihm rüber, doch auch er hat seine Verletzungen von Wetterstein noch nicht gänzlich auskuriert. Er ist zu langsam. Ich bin zwar auch angeschlagen, aber ich zitiere hier gerne mal wieder meinen Opa: „Was mich nicht tötet, hat sich ganz einfach noch nicht genug Mühe gegeben.“
Also, Narbenwanst, Zeit für deine zweite Chance. Mach es diesmal besser oder stirb endlich! Für Hune, für die Eisenmeute, für Clan und Familie und für die Ehre!
Ich schwinge mich, matschiges Rübenmus verspritzend, aus Handons Händlerhölle, rutsche dabei fast auf dem glitschigen Mus unter meinen Stiefeln aus und sprinte los, so schnell mich meine Beine tragen können. Jetzt ist Zeit für eine neue Runde von Bullwais Axtmagie.
Der Troll ist in jedem Fall angezählt. Er hat sich wutentbrannt Ufil zugewendet und ignoriert alle anderen um sich herum. Perfekt, denn seine linke Kniekehle ist mein nächstes Ziel. Ich will ihn zu Boden bringen, bevor seine Verletzungen wieder heilen können.
Diesmal führe ich den Schlag beidhändig und nur gegen die Sehnen, damit die Axt nicht wieder im Knochen stecken bleibt.
Narbenwanst ächzt schmerzerfüllt, als ich meine Axtklinge durch sein exponiertes Bein treibe und gleich noch die Richtung wechsle und einen schnellen Rückhandhieb folgen lasse.
Er schwankt, rudert mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten, und stützt sich an einer der Pappeln ab. Das knotige Holz knarzt protestierend…
Ich bin kurzfristig tief ergriffen von der perfekten Symmetrie dieser Verletzungen: erst die linken Kniesehnen des Trolls, dann die rechten… exakt auf gleicher Höhe. Das ist außergewöhnlichste Axtkampfkunst. Mein Großvater wäre stolz auf mich.
Aber wie immer will mal wieder niemand die hohe Kunst meiner Axtdarbietung erkennen und würdigen.
Und jetzt ist endlich auch Handon da, um ihm den Rest zu geben. Er schwingt seine Falchionklinge gegen die narbenübersäte Seite des Trolls. Doch sein Falchion durchdringt die vernarbte, dicke Haut einfach nicht. Trotzdem, wir haben ihn gleich, denke ich! Jetzt nur nicht nachlassen, sonst schließen sich die Wunden wieder.
Ufil, Handon und ich nicken uns zu, heben die Waffen ein letztes Mal, um die Bestie endgültig zu Fall zu bringen…
Und dann geschieht, womit keiner von uns gerechnet hat:
Mit einem Kriegsschrei, den seit Jahrhunderten kein Lebender mehr gehört hat, springt König Algaroth zwischen uns hindurch auf den Troll zu. Den Halbtoten hatte ich im Eifer des Gefechts schon völlig vergessen.
Für einen Herzschlag lang wirkt er groß und schwer wie ein ganzer Gebirgszug – nicht mehr das klappernde Gerippe auf Handons Karren, sondern der König, der er einmal war. „Roststich“ in seinen Händen scheint in kaltem, blauem Feuer zu brennen.
Die Flammen spiegeln sich in den schwarzen Augen des Trolls, die sich weiten, als würde ihm zum ersten Mal im Leben ein Gedanke kommen. Vielleicht ist es Angst. Vielleicht auch nur Verdauung.
Ist mir egal.
„Wenn ein toter König mit einem brennenden Schwert auf einen Troll springt, bist du ganz offiziell aus der Nummer „töte den Troll und geh dabei nicht drauf“ raus.“ – Ramir, einarmiger Elf –
Algaroth rammt die Klinge in die Brust der Bestie, so tief, dass sie auf dem Rücken wieder austritt. Blaues Feuer frisst sich durch Fleisch und Knochen, verschmort Herz und Eingeweide und lodert aus Maul und Augenhöhlen des Trolls hervor.
Der Gigant erstarrt, kippt rückwärts und rutscht, mit Algaroth auf der Brust hockend, den Hang hinab. Zurück bleibt nur ein einzelnes Trollbein – mein erstes Kunstwerk an seinen Kniesehnen – und der Gestank, der uns noch Tage begleiten wird, egal wie oft wir uns waschen.
Und so endet unser Kampf im Pappelhain: zwei tote Trolle, ein untoter König, ein vor lauter Panik halbtoter furzender Esel und fünf mehr oder weniger lebendige Gestalten, die rochen, als hätten sie gerade einen Trolldarm verlassen…
„Es heißt ja, Trolle hätten kein Hirn. Nach dieser Nacht bin ich mir sicher: Es reicht trotzdem alle mal aus, um Dich umzubringen.“
– Bullwai, nach dem Kampf im Pappelhain –
Ein verloren gegangener Barde
Den Lesern möchte ich an dieser Stelle auch nicht das epische Lied vorenthalten, das unser meisterhafter Wortdrechsler Handon über den Kampf im Pappelhain verfasst hat, nachdem wir unser neues Lager ein paar hundert Schritt weiter an einem Bach mit klarem, aber eiskaltem Wasser aufgeschlagen haben.
Während wir unsere frisch gewaschenen Körper und die vom Trollblut gereinigte Kleidung an einem großen, wärmenden Feuer trocknen, dichtet Handon voller Inbrunst seine Zeilen und zupft auf einer kleinen Laute, die er aus den Tiefen seines Rucksacks hervorgezaubert hat, eine passende Melodie.
Wir alle hören ihm gebannt zu. Selbst der tote König scheint ergriffen den Atem anzuhalten, auch wenn er ja streng genommen sowieso gar nicht atmen muss. In ein paar Monaten wird diese Ballade bestimmt jeder in den Verbotenen Landen kennen…
Ich genieße derweil, den nackten Körper in meine Decke gehüllt, die Wärme und den Geruch des Feuers und den Geschmack einer Pfeife mit vom Elfen erschnorrtem Pfeifenkraut und ziehe den Schleifstein gemächlich über die Klinge meiner Axt.
Ich schwöre bei Hune und allen anderen guten Göttern: An dem Handon ist wahrhaftig ein Barde verloren gegangen…
Handons Ballade „ Der Kampf im Pappelhain“
Im finstern Hain von Nacht umfangen,
hat still die müde Schar gelegen.
Kein Feuer brennt, kein Licht entfacht,
denn Trolle streifen durch die Nacht.
Der Elf hältWacht, sein Blick ist klar,
er spürt was kommt, Gefahr ist nah.
Zwei Trolle, stinkend groß und roh,
sie wittern, Fleisch und Eingeweid’ im Stroh.
Sie kommen flüstert er zur Schar,
macht Euch bereit sie sind schon nah.
Dann schwindet er ins Dunkle sacht
um lautlos Tod zu bringen in der Nacht.
Der Wolfsmensch klettert flink und stumm
auf Pappel hoch und blickt herum.
Von oben spickt er Pfeil um Pfeil,
erfüllt die Trolle mit Schmerzensquell.
Da springt der Elf aus Schattenflur,
sein Schlag zerreißt des Trolls Kontur.
Der erste fällt, doch lebt noch matt,
Bis Zwerg mit Bolzen Ziel ihn hat.
Der Lakai des Königs mit blutrünstiger Lust
schießt Pfeile in des Trolles Brust.
Der Elf entgeht dem wüsten Schlag
der Baum erzittert, bricht beinah.
Der Wollfsmensch trifft, der Zwerg nun schreit,
wirft Armbrust fort, greift Axt bereit.
Ein Hieb so hart dass Fleisch zerreißt,
das Trollbein fast im Dunkel reißt.
Da fällt der Kopf des ersten Trolls,
von Elfenstahl so hell und stolz.
Der Zweite tobt von Zorn geladen,
Schleudert den Zwerg auf Kameraden.
Der Zwerg prallt hart, die Schar zerstreut,
der Kampf ist wild, das Ende weit.
Da stürmt hervor, mit kaltem Blick
der König selbst, zwar untot doch geschickt.
Er springt empor, das Schwert aus Licht
durxchbort den Troll, der niederbricht.
So endet der Kampf an des Waldes Saum,
zwei Trolle tot noch vor dem Morgengraun.



