Uvils Erinnerungen 17

Teil I

Handon vor der Erlenheimtaverne.

Auf dem Hof Chaos. Die Knochenmühle scheint sich aufzulösen.

Misella brüllt. Befehle. Frettchen rennen. Schweinehunde werden an Ketten aus dem Gehege gezerrt.

Geifern. Lechzen.

Wir werden sie finden und kalt machen. Misellas kreischende Stimme über dem Gewühl. Diese scheiß Drecksäcke.

Reiter donnern vorbei. Glitzerndes Zaumzeug. Trommelnde Hufe. Überdröhnen Misellas Kommandos.

Ein Trupp Frettchen von der anderen Seite. Der letzte rennt hinterher. Rückt im Laufen sein Schwertgehänge zurecht. Unten rumpelt ein Karren aus dem Tor, das die Grotte neben den Verliesen verschließt.

Handon wendet sich um.

Paar Schritt hinter ihm lehnt Fürst Undar entspannt an der Holzwand der Erlenheimtaverne. Ein Fuß an der Wand. Die Arme verschränkt.

Beobachtet die Szenerie. Wirkt zufrieden.

Kratullos brüllt seine Wachleute an. Umgebung sichern. Brücke. Ufer. Mühle.

Kontrolle über das Gelände rund um die Feste.

Marsch.

Gut, denkt Handon. Misellas Leute gehen allein auf die Jagd. Und Kratullos Männer bleiben hier. Das ist schon mal gut.

Immer noch strömen Frettchen zum Tor.

Manche mit Schwertern. Volle Rüstung. Manche Barfuß. Lederwams. Bogenschützen. Schäbig. Andere zu Pferd. Runtergekommener Haufen, denkt Handon.

Am Rand die Pferchwarte. Halten verzweifelt die geifernd zerrenden Schweinhunde an Ketten.

Einer der Torflügel dreht sich kreischend in den rostigen Angeln.

Die Horde grölt. Drängelt.

Quillt endlich nach draußen.

Dann Ruhe.

Die beiden Männer am Tor schieben den Flügel wieder zu. Rostiges Scharnier kreischt. Man hört ihr Keuchen bis hier. Rote Köpfe.

Handon vermutet, dass die Freunde flussabwärts geflohen sein dürften. Kann man schlecht sagen, wie schnell die Strömung sein wird. Davon hängt vieles ab.

Kratullos kommt die Böschung rauf.

Kein Sorge, sagt er. Misella wird sie erwischen.

Er wendet sich um und schaut mit Handon Richtung Tor.

Und morgen früh geht dann der Wagen zum Feilscher. Geiseln rein. Und tschüss.

Und was für Geiseln werden das sein. Handons Blick schweift über die Landschaft. Die ersten Reiter und die ersten Schweinehunde kommen jenseits der Palisade ins Blickfeld.

Die beiden Kinder halt. Und dieser muskulöse Diener da. Schöne blonde Haare. Gefällt ja dem Feilscher, sowas.

Wisst Ihr denn Näheres über diesen Diener, sagt Handon.

Keine Ahnung. Arren oder so. Ist aber auch scheißegal. Tut ungemein wichtig. Behauptet, er käm nämlich gar nicht aus Hohlheim. Er käm nämlich von Turm Olse.

Hab die Männer zusammengerufen. Wir haben ihn alle arg bedauert.

Kratullos grunzt rhythmisch. Wohl eine Art Lachen.

Keine Sorge. So Geschichten erzählen viele. Als ob´s irgendwen interessiert.

Tun gern unheimlich wichtig. Glauben wahrscheinlich, das erhöht ihre Chancen oder so.

Kratullos spuckt auf die Erde.

Jenseits der Palisade verteilen sich rennende Männer über die Ebene.

Naja. Landet der Schönling beim Feilscher. Dann ist aber aus mit arrogant. Das sag ich dir.

Echt jetzt, sagt Handon. Eine wichtige Person von Turm Olse.

Ts… Was die immer alle reden.

Nichts für ungut, sagt Handon. Aber seid Ihr eigentlich noch zu retten.

Kratullos wendet seinen Blick zu Handon.

Retten. Wieso retten.

Arren, sagt Handon. Ihr wisst schon, wer das ist.

Kratullos zuckt die Schultern. Zwischen seinen Augen bildet sich eine tiefe Furche. Er mustert Handon.

Sag mal, kennt Ihr wirklich nicht Arren von Turm Olse, sagt Handon. Oder wenigstens wer Olse selbst ist. Das wisst ihr aber schon, oder.

Was habt Ihr hier eigentlich für ein Problem, sagt Kratullos. Die kommen alle aus Hohlheim. Sag ich doch. Die schwätzen immer so´n Scheiß. Völlig normal.

Handon wendet sein Manipulationsgeschick an.

Also kennt Ihr Turm Olse gar nicht. Noch nie davon gehört, oder was. Zufällig kenne ich nämlich nicht nur den Turm. Ich kenne sogar Olse selbst ganz gut.

Ein Rostbruder übrigens.

Schön für Euch, bellt Kratullos. Ich kannte auch mal einen Rostbruder. Und zwar genau bis vorgestern. Und seitdem haben wir jetzt diese ganze Scheiße hier am Hals. Und das ist genau das, was für mich zählt. Und nicht dieser scheiß Idiot da unten. Der ist mir sowas von scheißegal.

Dieser Scheiß Idiot da unten. In Eurem Verlies. Das ist Olses Rechte Hand.

Kratullos mustert Handon angewidert und irritiert zugleich. Unter seiner grauen Haut zucken Muskeln.

Natürlich kenne ich Turm Olse, sagt er. Überraschend zickig. Was denkt Ihr denn.

Wie schön. Aber dann sagt mir. Ob es eine clevere Idee ist, die Rechte Hand eines Rostbruders zu versklaven und an einen anderen Rostbruder verschenken. Und das auch noch, um damit den Tod eines dritten Rostbruders zu sühnen.

Wie clever ist das. Sagt es mir.

Kratullos zieht scharf den Atem ein. Verschränkt die Arme. Wendet sich ab.

Ganz ehrlich, Kratullos, sagt Handon. Habt ihr hier irgendjemanden, der wenigstens halbwegs geradeaus denken kann.

Auf Kratullos Stirn plötzlich Schweißperlen.

Dreht an seinem Zeigefinger.

Ich weiß auch nicht, sagt er.

Vielleicht sollten wir da besser mal mit Undar sprechen.

Handon wendet sich um. Die hölzerne Wand hinter ihnen ist verwaist.

Er ist in die Taverne gegangen, sagt Kratullos. Ich… ich kann ja mal fragen gehen.

Er kratzt sich an der Stirn. Schaut sich verwirrt auf dem Boden um.

Wendet sich ab. Wankt schwer zur Tür der Erlenheimtaverne.

Fürst Undar… Er klopft mit den Knöcheln ans offene Türblatt. Fürst Undar. Da draußen ist … Ich meine. Scheint wirklich wichtig zu sein.

Kratullos lauscht in das Gebäude.

Nickt.

Handon, sagt Kratullos. Ja, Handon.

Nickt.

Wendet sich um.

Ihr… Ihr könnt reinkommen.

~

Quro sitzt am Rand der Mulde.

Reibt sein Bein. Fletscht die Zähne.

Zuckt manchmal schmerzhaft zusammen.

Wippt vor. Zurück. Vor. Zurück.

Knurrt.

Es wird elf Tage dauern, bis er sein Bein wieder normal belasten kann. Bis dahin wird das Laufen eine langsame Aktion sein.

Unser Lager liegt in einer Senke. Feuerchen. Gegen den Wald geschützt von einer abgebrochenen, quer liegenden Säule. Am oberen Ende so komische, steinerne Blätter dran.

Überall Blätter. Blüten. Pflanzenzeugs aus Stein. Die Erbauer dieser Stadt hatten eine kranke Neigung für den Scheiß.

Quro und Bullwai übernehmen die erste Wache. Wie geplant. Einer, der Laufen kann und einer, der nicht.

Ramir und ich schlafen.

Ich habe einen üblen Alptraum.

Etwas Gewaltiges bricht über mich herein. Dämonisch. Ein Monster. Flickwerk. Zusammengewürfelt. Bestehend aus tausend Teilen. Die Präsenz ist zu stark. Ich komme nicht dagegen an. Ein Wirbel ineinandergreifender Fetzen und Flicken will mich verschlingen.

Ich schrecke hoch.

Kleines Lagerfeuer.

Beleuchtet die Silhouetten von Bullwai und Quro. Auf der anderen Seite der Flamme.

Bullwai stochert mit einem Stock in der Glut rum.

Funken. Kohlenstücke platzen.

Quro reibt sein Bein. Decke um die Schulter.

Hinter Bullwai und Quro die Böschung. Gräser. Oben im Halbdunkel die liegende Säule.

Dahinter. Nur zehn Schritt hinter Quro und Bullwai. Ragt eine gewaltige Gestalt gegen den Sternenhimmel auf.

Verdunkelt die Sterne mit sowas wie einer ausladenden Mähne.

Wo Augen sein müssten, zwei glitzernde Punkte im Feuerschein.

Ich sage… Ähm.

Bullwai schaut auf.

Ich sage, jetzt nicht hastig bewegen.

Da, genau hinter Euch.

Neben mit wirft sich etwas unruhig hin und her.

Ramir. Schrickt aus dem Schlaf auf.

Was… Was…

Atmet tief durch.

Puh. Was für´n scheiß Traum.

Ganz ruhig, sage ich. Richte meinen Blick demonstrativ auf die Kreatur.

Ramir folgt meinem Blick.

Vor den Sternen die gewaltige Mähne.

Darin eine Art menschliches Gesicht.

Allerdings mit riesigem Maul. Spaltet den Kopf fast völlig in zwei Hälften. Eine obere. Eine untere. Darin hunderte kleine, dreieckige Zähne. Hintereinander gestaffelten. In mehreren Zahnreihen.

Dumpfes Grollen. Aus seiner Kehle. Versetzt den Boden in weiche Vibration.

Wir greifen langsam zu den Waffen. Besser keine Hektik verbreiten.

Man weiß nie.

Ich untersuche es schnell auf die Art seiner Magie. Es ist genau das gleiche, wie in meinem Traum. Ein groteskes Flickwerk. Ich erkenne gebrochene, in sich verdrehte Teile. Verbogen. Zerfetzt. Wahllos zusammengepuzzelt. Scheinen nicht zueinander zu gehören. Eher von ganz unterschiedlichen Kreaturen. Viel mehr erkenne ich auf die Schnelle nicht.

Das Wesen erhebt sich geruhsam.

Es ist weit größer als ein Ross. Als Horst zum Beispiel.

Und wesentlich muskulöser.

Hinter ihm ein peitschendes Geräusch.

Der Schwanz zischt hin und her. Am Ende eine knorpelige Verdickung. Daran dornenartige Fortsätze.

Sehen aus, wie dieser Fortsatz, den ich in meiner Tasche trage.

Beunruhigt mich etwas.

Die glänzenden Augen mustern uns lange. Der Blick wandert langsam von einem zum andern. Schweift in unserem Lager umher. Scheint nach etwas zu suchen.

Ich frage mich, ob es nicht tatsächlich der Dorn in meiner Tasche sein könnte.

Wieder dieses Grollen.

Ihr bekommt sie nicht, sagt das Grollen. Zieht weiter. Schnell.

Ich erhebe mich.

Ein Dämon. Ein Todesmagier.

Leider wieder mal mein Job.

Wen bekommen wir nicht, sage ich.

Die Kinder, sagt der Dämon. Seid ihr von Rost und Häma.

Ramir springt auf. Nein. Wir sind nicht von Rost und Häma. Aber da sind andere hinter uns her. Die verfolgen uns. Die wollen uns töten. Die kommen von Rost und Häma. Vor denen sind wir auf der Flucht.

Das löwenartige Wesen schwenkt den gewaltigen Kopf Richtung Wald.

Wie weit sind sie von euch entfernt.

Das können wir nicht sicher sagen, sagt Ramir. Konnten viel Abstand zwischen uns und sie bringen. Ich vermute, weniger als ein Tag.

Aus den Tiefen der Kreatur grollt es. Es klingt ein bisschen wie „guuuut.“

Keinen Schritt in den Wald. Sonst sterbt ihr.

Hatten wir sowieso nicht vor, sagt Ramir.

Guuut, grollt das Wesen.

Es zieht sich langsam in den Wald zurück.

Ich werfe nochmal einen genaueren Blick auf seine magische Struktur. Es ist tatsächlich aus verschiedenen Wesenheiten zusammengestückelt. Das menschliche Antlitz, die Löwenmähne, die skorpionartigen Stacheln an dieser merkwürdig hornigen Verdickung am Schwanzende. Ebenso fühlt sich auch die magische Struktur an, die sich vor mir enthüllt.

Als hätte eine gewaltige Macht nicht zueinander passende Teile mit Gewalt ineinander gezwungen.

Und doch. Seltsamerweise scheint dieses unnatürlich Konglomerat eines Wesens irgendwie gut zu funktionieren. Fast wie ein normales, am Stück geborenes Tier.

Der Wald schließt sich hinter seiner Schwanzspitze.

Gut, sage ich zu Ramir. Dann könnten wir jetzt ja eigentlich weiterschlafen. Oder.

Was redest du, sagt Ramir.

Ramir und ich schlafen weiter.

~

Erlenheimtaverne.

Kratullos betritt den Schankraum

Nimmt den Helm ab. Kratzt seine Halbglatze.

Seine Stimme verzagt. Wie sollen wir das bloß dem Herzog sagen.

Undar. Sitzt am Tisch.

Vor ihm paar Stapel. Dokumente. Liest. Blättert. Kratzt mit der Feder über das eine oder andere Dokument.

Linke Hand tastet nach dem Bierhumpen. Ertastet den Griff. Packt zu.

Die Rechte kratzt weiter mit der Feder über das Dokument.

Die Linke hebt den Humpen an den Mund. Setzt an. Kippt.

Unter dem Boden ein angetrockneter Blutfleck.

Setzt den Humpen wieder auf die Tischplatte.

Wischt Schaum vom Mund.

Die Rechte hält nach wie vor die Feder. Greift mit Daumen und Mittelfinger nach der Ecke des Blattes. Zieht es auf einen Stapel.

Greift ein Blatt von einem anderen Stapel.

Zieht es auf die freie Fläche vor sich.

Lässt die Feder routiniert zwischen Daumen und Zeigefinger zurückgleiten.

Taucht sie in das Tintenfässchen.

Handon wirft eine fünf in Manipulation. Undars Menschenkenntniswurf ist mies.

Handon wendet sich an Kratullos.

Werter Kratullos. Bitte seid so gut. Meldet mich dem Fürsten.

Kratullos dreht den Helm vor der Brust.

Ähm… Fürst… Mein Fürst…

Kratullos Rechte lässt den Helm los. Sein Zeigefinger versucht, Undars Blick zu erhaschen.

Fürst… Fürst Undar.

Bitte. Was gibt´s. Undar schaut nicht auf. Das Kratzen der Feder schabt weiter durch den Schankraum.

Handon, sagt Kratullos. Handon würde Euch gerne sprechen.

Die Sache scheint wirklich wichtig zu sein.

Handon tritt einen Schritt vor.

Herzog Undar.

Undar schaut auf. Eine tiefe Falte bildet sich auf seiner Stirn. Die Rechte lässt die Feder auf die Tischplatte sinken.

Dann entspannen sich seine Gesichtszüge.

Handon. Es ist mir immer eine Ehre.

Seine Rechte weist auf den Stuhl gegenüber. Die Feder liegt verwaist auf dem Tisch.

Möchtet Ihr auch etwas trinken.

Er schnippt zu Kratullos. Los. Besorg was.

Kratullos flitzt los.

Einen wirklich herausragenden Hauptmann habt Ihr da, sagt Handon. Ihr könnt Euch glücklich schätzen, einen solchen Mann als Rechte Hand zu haben.

Ich hatte es Euch ja schon vor ein paar Tagen berichtet. Ich kam direkt von Turm Olse hierher. Dort habe ich einen Massenmord an vielen, vielen Menschen aufgeklärt.

Gemeinsam mit der Hand Olses. Gemeinsam konnten wir das Komplott aufdecken. Die Täter ermitteln. Sie fassen. Ihrer gerechten Strafe zuführen.

Olses Hand. Übrigens auch ein ganz hervorragender Mann.

Nun spreche ich vorhin auf dem Hof mit Kratullos.

Wir haben da so einen gewissen Arren, sagt er zu mir. Der behauptet von Turm Olse zu sein. Der sitzt da unten im Kerker. Soll morgen an diesen Rostbruder, diesen Feilscher geschickt werden.

Ich zu Kratullos, sagt mal, wisst Ihr denn überhaupt, wen ihr da in eurem Kerker habt.

Arren. Das ist doch genau der Mann, mit dem ich gemeinsam auf Turm Olse das Komplott aufgedeckt habe.

Arren. Allseits geachtet. Herausragend guter Mann. Über die Maßen geschätzt. Hoch geehrte Rechte des Olse.

Von Olse. Einem Rostbruder.

Handon verstummt.

Undars Kiefer mahlen.

Undar schnaubt. Wendet seinen Blick ab. Als sucht er was.

Misella. Das verfluchte Weibsstück.

Handon sagt, es steht mir ja nicht zu, mich in Eure Angelegenheiten zu mischen. Das würde ich mir nicht anmaßen.

Trotzdem würde ich diese Lage zumindest als etwas… speziell bezeichnen.

Ich meine. Misella besorgt Euch genau diesen einen Mann als Sklaven.

Der sich immer wieder sehr deutlich als die Hand eines Rostbruders zu erkennen gibt.

Sie weiß sehr wohl, dass Euch so etwas den Kopf kosten kann – eigentlich den Kopf kosten muss.

Es stimmt mich traurig, so etwas sagen zu müssen. Aber meiner Meinung nach wäre das bisschen viel Zufall, als dass dahinter kein Plan stecken würde.

Euer Hauptmann allerdings. Sehr tüchtiger Mann. Klug. Kann lesen. Schreiben. Nachdenken. Folgsam ist er auch.

Ihr könnt stolz sein, ihn an Eurer Seite zu wissen.

Aber Misella. Wenn ihr mich fragt. Sie tut nur, was sie will. Und nur, was allein ihr nutzt.

Handon. Undar schneidet ihm das Wort ab. Es reicht.

Ich habe Euch sehr wohl verstanden.

Ich bitte um Verzeihung, sagt Handon. Ich wollte gewiss nicht …

Was also würdet Ihr mir also raten, sagt Undar.

Handon sagt, gutes Einvernehmen mit den benachbarten Rostbrüdern wäre sicher kein Fehler.

Ich an Eurer Stelle würde Arren frei lassen. Eine Notiz an Olse senden. Das Missgeschick aufklären. Und vor allem die Person, die es ausgelöst hat, beim Namen nennen.

Und … Nur falls Ihr erwägen würdet, meinem Rat zu folgen.

Ich habe wie gesagt einen ziemlich guten Draht nach Turm Olse. Zu Olse selbst übrigens auch.

Falls Ihr wünscht, würde ich mich gerne dafür einsetzen, die Wogen bisschen zu glätten.

Ich habe genug gehört, sagt Undar.

Kratullos, brüllt er. Herkommen. Setzen.

Kratullos zuckt zusammen.

Kommt. Setzt sich langsam. Das Gesicht versteinert vor Angst.

Handon tätschelt Kratullos´ Arm. Kein Sorge. Ihr seid nicht das Problem.

Lasst mich also die Lage zusammenfassen, sagt Undar.

Misella besorgt uns die Hand eines Rostbruders, damit wir sie einem anderen Rostbruder überstellen. Noch dazu sollen wir damit die Schuld gegenüber dem Feilscher, einem dritten Rostbruder begleichen.

Handon nickt.

Undar schüttelt den Kopf.

Kratullos, sagt er. Es reicht.

Durchsuch mit deinen Männern die Frettchenhalle. Nehmt sämtliche Frettchen fest, derer ihr habhaft werdet.

Heute nehmen wir Abschied von den Frettchen. Nicht Arren wird zum Feilscher fahren, sondern Misella höchstpersönlich.

Aber zuerst Arren. Lasst ihn umgehend frei.

Handon schaltet sich ein.

Wie gesagt, ich kenne Arren sehr gut. Ich sollte vielleicht mitkommen und ihm erklären, dass auch Ihr Opfer einer Intrige geworden seid. Er wird es sicher verstehen.

Na dann wollen wir mal, sagt Kratullos. Er steht auf. Dreht seinen Helm drei Mal in der Hand. Setzt ihn auf den Kopf. Scheint plötzlich wieder einen Kopf größer zu sein.

Sie verlassen die Erlenheimtaverne.

Männer, sagt Kratullos. Durchsucht die Frettchenhalle.

Alle Frettchen binden und zum Herzog.

Die Männer nicken.

Alles klar.

Kratullos und Handon gehen durch das Tor in die untere Burg.

Kratullos öffnet das Törchen durch den Schweinehundepferch.

An der Felswand die Öffnungen. Geschmiedete Gitter.

Die Kinder mit trostlosen Blicken. Sitzen am Gitter auf dem Boden. Schauen nicht auf, als Handon und Kratullos sich nähern.

Weiter hinten eine andere Höhle. Zwei Hände hängen zwischen den Gitterstäben raus. Blonde Haare.

Arrens Haare.

Handon zu Arren.

Arren, sagt er. Wie gut Euch zu sehen. All das hier ist ein tragisches Missverständnis. Ich habe soeben mit Fürst Undar gesprochen. Glaubt mir. Es wird sich alles aufklären.

Nein, sagt Arren.

Das war kein Missverständnis.

Arren spricht bitter. Ich war in Hohlheim. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Die halbe Stadt abgeschlachtet. Einfach so.

Ich weiß, sagt Handon. Aber das waren die Frettchen. Die Kopfgeldjäger. Der Fürst lässt sie soeben festnehmen und macht Jagd auf all jene, die noch draußen sind.

Und Ihr, Arren, seid frei. Deshalb bin ich hier.

Das wird nicht reichen, sagt Arren. Da werden schon so einige Köpfe auf dem Richtplatz vor Turm Olse nötig sein.

Oh. Da lässt sich sicher was machen, sagt Handon.

Kratullos kommt. Hat paar Decken im Arm. Zieht den schweren Schlüsselbund vom Gurt.

Schließt das Tor auf.

Hilft Arren über die Schwelle. Legt ihm die Decken über die Schulter.

Ich bitte in Fürst Undars Namen vielmals um Verzeihung, stammelt er. Bitte erweist uns die Ehre, euch bis zur weiteren Klärung dieses tragischen Irrtums als unser überaus geschätzter Gast zu betrachten.

Arren stößt Kratullos zur Seite.

Ich bleibe nicht eine Sekunde länger, als unbedingt nötig.

Er geht in Richtung Erlenheimtaverne.

Handon reicht Arren unterwegs seinen Dolch.