Erster Teil
Gespräch auf dem Zimmer
Ich hau mir mit der flachen Hand vor die Stirn. Verdammt. Wir haben das Wichtigste übersehen. Zu viel los heute.
Ich wende mich von der Dachluke ab. Ich gehe durch den Raum.
Ich sage, ursprünglich wollte ich Yawim ja durch Magie zum Reden bringen. Aber das geht nicht. Hier gibt es zu viele Personen, die Magie spüren. Wenn wir Yawim durch Magie töten, dann ist das so, als würde Bullwai ihn mit der Axt erschlagen. Und die Axt drin stecken lassen.
Bullwai nimmt endlich seine Finger von den Stühlen. Er schaut mich erschrocken an. Er huscht zur Tür und lauscht.
Ich sage, Bullwai würde dann auch noch sein Namenschildchen an der Axt hängen lassen. So etwa wäre das.
Oben die Ruine, sage ich. Die vereiste Zone. Das ist starke Magie. Ich weiß nicht, was das ist. Vielleicht ein Portal in eine andere Welt. Eine Eiswelt.
Wenn wir uns hier frei bewegen wollen, müssen wir uns Kratulos´ Wachmännern anschließen. Nicht den Frettchen.
Bullwai sagt, vielleicht ist das ja gar kein Eis. Sondern geschmolzenes Gestein.
Ramir sagt, jo Bruder. Die Ruine juckt mich sowieso nicht. Ich will Gold. Schätze. Edelsteine. Und dann einen Keil zwischen Kratulos und die Frettchen. Dann geht hier alles hoch. Krieg. Den irren Rostbruder weg. Plünderungen natürlich auch immer gerne.
Ich sage, denk mal nach, Ramir. Was ist das da oben. Möglicherweise ein Portal in eine andere Welt. Und wer hat angeblich ein Portal in eine andere Welt geöffnet. Zygofer.
Vielleicht hat die Magie in dieser Burg ja was mit Zygofer zu tun. Gerade du solltest ein Interesse daran haben, das rauszufinden.
Ramir erhebt sich aus seinem Schneidersitz. Er schüttelt den Kopf.
Ich sage, wie auch immer. Der Plan ist erst mal klar. Zuerst Yawim. Wir schieben ihn durch die Tür. Bringen ihm zum Schweigen. Bullwai presst ihm das Rezept ab. Wir versenken ihn in der Maische. Dann sieht es wie ein Unfall aus. Anschließend gehen wir zum Rostbruder saufen. Und morgen früh tragen wir uns für Kratullos´ Wache ein.
Ramir schnauft unwillig. Er tritt zur Fensterluke. Guckt raus.
Wir können den Rostbruder natürlich auch zuerst besuchen, sage ich. Dann lassen wir Ramir dort, während wir uns mit Yawim beschäftigen. Hamidas steht ja sowieso auf Ramir.
Bullwai lacht. Jaa! Rosti steht auf Nacktgesichter.
Ramir schaut Bullwai entgeistert an. Er sagt, deine Gelegenheit, dich als Teil dieser Gruppe zu beweisen, wirst du sicher noch irgendwann bekommen. Dann kannst du zeigen, wie viele du wirklich umhaust. Aber bis dahin …
Bullwai lehnt entspannt an der Tür. Klasse statt Masse. Und der Enthauptungsschlag am Fluss war doch auch ganz hübsch.
Ramir schnaubt. Glückstreffer. Er schaut aus dem Fenster.
Es geht ja nicht um die Zahl der Gegner, sagt Bullwai. Sondern um die Geschichten, die man darüber erzählt. Ein Bierchen. Ein Pfeifchen. Die Zahl der Gegner kann man dann anpassen.
Ramir knurrt. Geschichten erzählen die Alten. Uns lenken sie von der wahren Mission ab
Die wahre Mission, sagt Bullwai. Er zieht die Brauen hoch. Und was wäre das. Bei euch Elfen. In den Wäldern rumhängen. Bäume begatten. Oder was.
Ramir mustert den Zwerg, als sei er eine Stinkwanze. Die Elfen unter den sieben Steinen vereinen, vielleicht. Aber sowas versteht ja jemand wie du nicht. Drum wird das auch nichts mit unserer Freundschaft.
Bullwai lacht keckernd. Wahrscheinlich auch, weil ich kein Baum bin.
Aber eins muss ich sagen. Er stößt sich von der Tür ab und tritt in den Raum. Ihr Elfen habt das wirklich verkackt. Jeder weiß, die Götter haben uns Zwergen die Aufsicht über die Unterwelt übertragen. Und ihr Elfen seid für hier oben zuständig. Aber schau dich um. Das ist ein Misthaufen. Voller Maden und Mistfliegen. Durchwühlen die Scheiße. Leben davon. Und ihr Elfen sitzt das einfach aus. Begattet solang Bäume in den Wäldern. Ihr seid ja sowieso unsterblich.
Ramir schaut konzentriert aus dem Fenster. Ich werde Beltrog und Jarmusch fragen, ob sie das Zwergenreich wegen diesem Arschloch hier verlassen mussten.
Na gut, sagt Quro. Auf jeden Fall denke ich, wir sollten bei Yawim Spuren zurücklassen. Spuren, die auf die Frettchen als Täter hinweisen. Das dient unseren Zielen mehr, als ein Unfall.
Ich sage, wir haben keine Zeit, Beweismaterial aufzutreiben.
Quro sagt, wir haben von den Frettchen am Fluss paar Sachen mitgenommen. Spangen. Fußangeln. Abzeichen.
Ramir sagt, die Frettchen schlagen ihren Opfern die Hände ab und nageln sie an. Genau das machen wir mit Yawims Händen.
Das ist eine gute Idee.
Ramir schaut aus dem Fenster. Er sagt, die Nacht wird neblig. Man sieht kaum noch die Rostkirche. Hamidas kommt aus der Kirche und nimmt die Leichenteile von den Statuen.
Morgen findet die Opferung statt.
Ramir sagt, Hamidas spricht Gebete.
Ich trete neben ihn. Schaue auch aus dem Fenster. Der Nebel hat die ganze Ebene ausgefüllt. Kriecht hangaufwärts auf die Burgruine zu. Wie ein lebendiges Wesen. Die Ruine ragt wie ein Mahnmal aus dem Nebel empor.
Dieser Nebel verhält sich mehr als merkwürdig. Ich frage mich, ob es vielleicht gefährlich ist, jetzt ins Freie zu gehen.
Ich mache einen kurzen Zauber auf Magie entdecken. Der Nebel ist nicht magisch. Aber er wird von einer magischen Quelle in der Ruine angezogen.
Aus dem Schankraum ein regelmäßiges Geräusch. Irgendjemand wirft etwas gegen einen Balken. Gelächter. Gläser klirren. Die Menschen sind noch nicht zuhause in ihren Betten. Der Nebel scheint keine Bedrohung zu sein.
Erste Erkundung
Quro sagt, es muss noch einen anderen Ausgang geben. Wir sollten nicht durch den Schankraum gehen. Während Yawim stirbt, werden wir auf unserem Zimmer gewesen sein.
Alles klar. Ich finde einen anderen Ausgang. Bullwai reißt die Tür auf und rennt die Treppe runter. Er rennt durch den unteren Gästetrakt.
Wir folgen ihm. Überall Türen zu Gästezimmern. Am Ende des Ganges ein Fenster nach draußen. Davor Bullwai.
Das ist der einzige Ausgang, sagt er.
Draußen geht es drei Meter in die Tiefe.
Ramir schwingt sich über die Fensterbank und springt.
Quro steigt hinterher.
Ich bin kein guter Kletterer. Ich schließe die Augen. Versuche mich sElfst zu manipulieren. Visualisiere eine Spinne, die zum Fenster rausklettert. Ich. Bin. Die. Spinne.
Ich steige aus dem Fenster.
Ich muss versehentlich gemurmelt haben. Über mir am Fenster lacht Bullwai. Uvil die Spinne! Spinnenuvil. Spinnenuvil spinn dein Netz.
Ich achte nicht auf ihn. Hand um Hand. Fuß um Fuß. Ich finde Tritt und Halt an der hölzernen Wandstruktur.
Uvil die Spinne! Spinnenuvil.
Mein Fuß berührt endlich den Boden. Ich habe es geschafft.
Achtung, Spinnenuvil, jetzt komme ich.
Bullwai stürzt wie ein Mehlsack in die Tiefe. Er schlägt scheppernd neben mir auf und bleibt benommen liegen.
Quro nickt. Alles klar. Er macht sich auf den Weg in Richtung Brauerei.
Bullwai stöhnt. Oh. Verdammt. Er schüttelt den Kopf. Er erhebt sich mühsam.
Kommt, sagt Ramir. Er folgt Quro.
Warte mal, Ramir, sagt Bullwai. Ich denke, wir sollten die Lage erst mal auskundschaften. Ramir geht über Rechts. Uvil über Links. Dann…
Ich sage, halt die Fresse und komm.
Bullwai trottet motzend hinterher.
Quro ist stehen geblieben. Er wartet auf dem Weg. Weist zur Rostkirche. Erhellte Fenster. Dahinter Bewegung. Schatten wandern hin und her.
Wir gehen weiter. Rechts Hopfenstangen. Ist aber noch nicht reif.
Dann die Brauerei. Holzgebäude. Die Fenster dunkel. Sieht aus wie ein Lager. Scheunentor. Es würde reichen, um einen Wagen mit Fässern reinzuschieben. Von außen ein hölzerner Riegel.
Bullwai lauscht, ob wer drin ist.
Ramir späht durchs Fenster. Sieht nichts.
Das ist das Fenster zur Scheune, sagt er. Fässer. Holz. Werkzeug.
Er flüstert. Irgendwas stimmt nicht.
Ramir sieht den Schweinehund. Der Schweinehund sieht Ramir.
Fuckfuckfuck. Ramir springt vom Fenster weg.
Der Schweinehund macht ungeheuren Lärm. Bellt. Grunzt. Quiekt. Wirft sich von innen gegen das Scheunentor. Gewaltiges Donnern. Das Tor erzittert in den Angeln. Der Schweinehund springt wieder wuchtig gegen das Tor. Es ist eine Frage der Zeit, bis es bricht. Es ist eine Frage der Zeit, bis jemand kommt und schaut, was da los ist.
Wir beschließen, erst mal weiter zu gehen.
Bullwai sagt, aber auf der anderen Seite des Gebäudes hängt ein Seilzug über die Palisade. Das Seil geht bestimmt bis runter zum Fluss. Wir müssen uns das angucken.
Wir ziehen Bullwai hinter uns her.

Gedanken über die Religion
Wir entfernen uns in Richtung Kirche. Neuankömmlinge. Abendspaziergang. Im Zweifel alles ganz harmlos und normal.
Vor der Kirche stehen die Statuen. Rost und Häma im Nebel. Die beiden Metallplatten an der Kirchenfassade pockig. Rostig. Glänzen im Nebel.
Säuerlicher Geruch.
Im Inneren flackern Schatten hin und her. Bewegen sich vor dem Licht vorbei. Murmelndes Geräusch.
Wir spähen durchs Fenster. Wir sehen Hamidas ohne Obergewand. Er vollzieht Rituale. Nackt. Tanzt. Brabbelt. Trinkt aus einem Kelch.
Oh Rost. Du gibst uns das Leben. Du gibst uns das Leid und das Blut sind von dir. Geheiligt seist du in deiner Herrlichkeit. Ich danke dir Häma. Gepriesen seist du, Rost. Möge der neue Tag anbrechen. Mögen Eure Gunst, die auf uns ruht, ein weiteres Mal offenbar werden.
Wir entfernen uns etwas von der Kirche. Wir beobachten die Fläche zwischen Taverne und Brauerei. Ob sich etwas tut.
Eine Tür quietscht. Schlägt zu.
Hamidas tritt aus der Kirche. Kommt in unsere Richtung. Direkt auf uns zu.
Noch ist er im Licht und wir im Schatten. Er kann uns nicht sehen. Wir drücken uns in die Schatten. Zwischen den Gebäuden. Paar Felszacken, die aus dem Boden ragen.
Bullwai schnauft. Er steht mitten auf der Straße. Seine Rüstung scheppert. Er sieht sich gehetzt um. Wohin er verschwinden soll.
Ah, ruft Hamidas. Sehe ich da eine Zwergengestalt vor mir. Braumeister! Euch wollte ich gerade aufsuchen. Bleibt doch stehen.
Ich muss nach der Maische gucken, sagt Bullwai. Sonst kippt die.
Du Ungläubiger! Willst du nicht auf den heiligen Gesandten der Götter warten. Möge Rost dir wahren Glauben schenken, geläutert durch unsagbaren Schmerz.
Ramir drückt sich in der Dunkelheit hinter Hamidas vorbei. Schleicht zum Holzstapel, der für das morgige Opferfeuer aufgeschichtet ist.
Er wiegt einen Knüppel in der Hand. Schleicht sich von hinten an Hamidas an. Hebt das Holz zum Schlag.
Hamidas hört ihn. Wendet den Kopf.
Ein klatschendes Geräusch. Ein abgebrochener Astansatz verfängt sich in Hamidas´ Auge. Hamidas stöhnt. Bricht rasselnd zusammen. Eine Blutlache breitet sich aus.
Hamidas liegt hilflos gurgelnd in seinem Blut. Ramir über ihm. Holt aus. Der finale Schlag.
Ramir zaudert.
Lässt den Knüppel fallen.
Wendet sich ab.
Verdammt. Ich kann das nicht.
Hamidas windet sich röchelnd im blutfeuchten Schlamm.
Ich sage, man kann den hier nicht rumliegen lassen. Das ist ein Zeuge.
Ich hebe den Knüppel auf. Gehe zu Hamidas.
Zu meinen Füßen die Blutlache. Das zertrümmerte Auge. Der hilflos zuckende Leib.
Ein Gefühl lichter Heiterkeit breitet sich in mir aus.
Teilhaftig ist er geworden, sage ich. Teilhaftig der Schmerzen Rosts die zur Läuterung führen. Dies Leid hat er sich redlich verdient. Und ist es nicht auch uns, die wir hier anwesend sind, ein Kraftquell der Erquickung.
Ich stochere mit dem Stock etwas an seinem Auge rum. Hamidas stößt abgehackte Schreie aus.
Die Schönheit des Augenblicks lässt mich nach Luft schnappen. Welch Sakrileg, diesen erhabenen Augenblick durch einen schnöden Schlag mit dem Knüppel zu entweihen.
Ich entferne mich respektvoll.
Und, fragt Quro, als ich zu den anderen stoße.
Ich schüttle den Kopf. Ich… ich konnte es einfach nicht.
Verdammt. Quro reißt mir den Stab aus der Hand. Er schubst mich zur Seite. Er verschwindet im Nebel. Ich höre ein Knacken.
Quro taucht aus dem Nebel wieder auf.
Sollen wir ihm auch die Hand abhacken, sagt Quro.
Einfach liegen lassen, sagt Ramir. Dann sieht es nach Affekttat aus.
Aber wenn dummerweise jemand drüber stolpert. Die Wachen alarmiert. Dann ist unser Besuch bei Yawim gestorben.
Bullwai sagt, wir bringen ihn in den Tempel.
Ramir sagt nö. Dann ist es ja keine Affekttat mehr.
Bullwai zieht Hamidas in den Schatten am Rande der Kirche.
Im Wachtturm an der Palisade geht ein Licht an. Sonst bleibt alles ruhig.
Besuch bei Yawim
Wir umgehen die Brauerei weiträumig. Der Schweinehund soll uns diesmal nicht bemerken. Wir nähern uns von der anderen Seite.
Ramir geht zuerst. Verschwindet durch die nebligen Schatten. Der Hund schlägt nicht Alarm.
Ich folge Ramir. Umrunde die Brauerei in weitem Bogen. Dahinter ein schmaler Weg zwischen der äußeren Palisade und der Brauerei. Ramir wartet vor einer kleinen Tür.
Über uns ragt der lange hölzerne Ausleger über die Palisade. Daran eine Rolle und ein Seil. Das Seil verschwindet in der Tiefe. Die Felswand hinunter zum Fluss.
Ich merke mir das als möglichen Fluchtweg.
Bullwai kommt um die Ecke.
Dann kommt Quro.
Wir sagen, Ramir öffnet die Tür. Er ist der Meuchelmörder.
Ramir sagt, das kann ich nicht. Er sei zu ungeschickt für sowas.
Bullwai sagt, ein Meuchelmörder sollte sowas aber können. Er findet das nicht in Ordnung, dass Ramir Meuchelmörder ist und sowas nicht kann.
Quro sagt, ich bin einigermaßen gut mit den Fingern. Er holt eine Metallspange aus der Tasche. Die hat er den Typen vom Fluss abgenommen. Er biegt einen Draht und fummelt am Türschloss rum.
Die Tür öffnet sich mit einem geschmeidigen Klick.
Wir schauen in die Stube.
Ein großer, scheunenartiger Raum. In der Mitte ein großer Tisch mit Sachen. Werkzeug. Kisten. Säckchen. In der hinteren Raumecke neben einem kleinen Fenster aufgestapelte Fässer. An der Wand Wasserbottiche. Ein paar Trägerbalken stehen mitten im Raum.
Oben Gebälk. Das obere Stockwerk bilden Plattformen aus Brettern oder Metallgittern, die über die Balkenkonstruktion gelegt sind. Darauf Seilrollen. Handwerkszeug. Kisten.
Unter dem Dach hängen Säcke an Balken. Mit Seilen hinaufgezogen und befestigt.
In der Ecke ein Kamin. Darin noch glimmende Asche.
Davor der Schweinehund.
Er liegt.
Er schnarcht. Winselt. Zuckt. Knurrt.
Er schläft.
Ramir flüstert. Wieso hört der Schweinehund überhaupt auf Yawim. Der ist doch erst zwei Tage hier. Ob vielleicht noch wer anderes hier ist.
Quro legt einen Pfeil auf. Er zielt durch die offene Tür ins Haus.
Bullwai packt die Axt. Er macht sich bereit, rein zu rennen.
Ich ziehe Sturmhauch.
Ramir tritt etwas zurück und mustert die Umgebung. Die Hausecke. Den Wachturm.
Quros Pfeil schlägt neben dem Ohr in die Schulter des Schweinehunds ein.
Der Schweinehund reißt rotglühende Augen auf. Schreit. Schaut sich um. Sieht uns. Greift an.
Bullwai spurtet ins Gebäude. Schlägt zu. Der Hund versucht der Axt auszuweichen. Ist nicht schnell genug. Das Blatt der Axt gräbt sich schmatzend in seine Schulter.
Ramir schiebt mich zur Seite. Rennt mit gezücktem Falchion in den Raum. Das Tier dreht sich weg. Ramirs Hieb folgt seiner Bewegung. Die Klinge fräst sich unter die Schädeldecke des Tieres.
Das zuckt kurz auf. Es fällt um.
Ramir setzt seinen Fuß auf die Schnauze des Tieres, um das Falchion wieder aus dem Gehirn zu hebeln. Zurück bleibt eine hufeisenförmige Wunde.
Ich schau mich draußen um. Auf dem Hof alles ruhig. Der Nebel verschluckt die meisten Geräusche.
Ich beobachte den Nebel. Er zieht weiter zur Burgruine hinauf. Wie bettelnde Arme greifen einzelne Finger nach dem zerstörten Bauwerk.
Mich beschleicht das Gefühl, das schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Der Blutnebel auf dem Weg von Hohlheim. Fast hätte er mich damals geschnappt. Mich schaudert.
Ich betrete den Raum.
Im Boden eine Luke. Ein kleiner Stauraum unter den Dielen. Kein Malzlager. Keine Bierfässer. All das steht in verschiedenen Ecken im großen Hauptraum. Nur ein paar Kisten mit Krimskrams.
Wir schmeißen den Schweinehund da runter.
Yawim
Wir finden einen Eimer. Der Bottich mit Wasser. Paar Lumpen. Auf einem Haufen unterm Tisch. Wir putzen die Schweinerei weg. Yawim soll nicht auf den ersten Blick Verdacht schöpfen.
Ich kundschafte den Raum aus. Aber da ist nichts Besonderes.
Wir suchen Verstecke. Ramir kauert sich hinter die aufgestapelten Fässer. Bullwai versteckt sich unter der großen Tischplatte. Quro gleitet mit einem eleganten Schwung ins Gebälk hinauf.
Ich stelle mich direkt neben die Tür.
Ramir beobachtet durch das kleine Fenster die Straße.
Er sagt, da kommen zwei Gestalten aus dem Nebel. Eine groß und bullig. Die andere ein Zwerg. Die gleichen, die vorhin gemeinsam in die Taverne gekommen sind.
Yawim und Eber. Der neue und der alte Braumeister.
Wir hören sie vor dem Haus lachen.
Haste gehört. Das Bier fast alle. Sagt ausgerechnet der Wirt zum Braumeister. Das ist ja mal wirklich ein guter Witz. Das ist Yawims Stimme.
He, sagt die andere Stimme. Musst du ausgerechnet hier hin pissen. Morgen wollen wir hier wieder arbeiten.
Jemand fummelt am Türschloss.
Ich schaue zu Quro hinauf. Der hat sich in die Schatten zwischen den im Dach hängenden Säcken zurückgezogen.
Fluchen draußen. Das Türschloss klappert immer noch. Quro hat das mit dem Stück Draht deutlich schneller aufgekriegt.
Bullwai sitzt sprungbereit unter der Tischplatte.
Von Ramir nichts zu sehen.
Das Schloss klickt. Die Tür schwingt auf.
Ich presse mich an die Wand.
Eber torkelt in den Raum.
Er sagt Schwoooog. Schwog, mein Lieber, wo steckst du. Komm zu Herrchen.
Jajaja. Yawim drängt sich an Eber vorbei und schwankt in den Raum.
Dann geht plötzlich alles wie in Zeitlupe.
Ich sage, jetzt wird der Schwertfechter seinen neusten Trick präsentieren. Ich schiebe mit der Schulter die Tür zu. Aus der Drehung ramme ich Eber Sturmhauch in den Rücken. Aus der gleichen Drehung werde ich die Klinge wieder rausziehen und Yawim niederstrecken.
Die Klinge bleibt beim Rausziehen in Ebers lederner Schürze hängen. Verdammte Scheiße, sage ich.
Yawim dreht sich um. Er sieht mich verwirrt an. Er wankt rückwärts. Stößt gegen einen der Stützbalken in der Mitte des Raumes. Drückt sich drum herum.
Ich reiße Sturmhauchs Klinge aus Ebers Rücken.
Eine flüchtige Bewegung aus den Augenwinkeln. Warme Spritzer regnen auf mich nieder.
Ebers Kopf gleitet zwischen Yawim und mir trudelnd durch die Luft, hinter dem Balken vorbei, und schlägt irgendwo jenseits der Tischplatte auf der anderen Seite des Raumes auf.
Eber sackt kopflos vor mir zusammen und gibt den Blick frei auf Ramir.
Ramir dreht sich wie eine Ballerina im Raum. Sein irrer Blick. Das Falchion seitlich ausgestreckt. Die Klinge zieht auf ihrer Kreisbahn durch den Raum einen Schweif fadenartig durch die Luft torkelnder Blutstropfen hinter sich her.
Ebers Leib prallt gegen meine Beine. Ich gerate aus dem Gleichgewicht. Mache einen Schritt rückwärts, um nicht zu fallen.
Yawim reißt die Augen auf. Ein Zucken fährt durch seinen Körper.
Dann rennt er Richtung Tür.
Er prallt gegen die Tischplatte. Strauchelt. Aber seine kurzen Beine rennen irgendwie einfach wieder unter seinen Körper und er läuft weiter. Die Gunst zu kurz geratener Beine liegt in ihrer überraschenden Beweglichkeit.
Ein Pfeil schlägt in Yawims Oberschenkel.
Yawim trudelt abermals, knallt gegen einen der tragenden Balken. Fängt sich. Rennt weiter.
Bullwai quillt unter dem Tisch hervor. Reißt einen Holzhammer von der Tischplatte. Rammt Yawim mit seinem Schild gegen den Stützbalken.
Yawim keucht und sackt am Balken hinab zu Boden.
Bullwai setzt sich auf ihn drauf.
Intensive Gespräche
Yawim spuckt blutig aus. Er mustert uns böse.
Das war keine kluge Idee, sagt Yawim, den Braumeister Eber umzubringen. Der gehört nämlich zu denen.
Quro und Bullwai sagen, er soll die Fresse halten. Wir bringen Yawim sowieso um. Yawim soll sich keine Hoffnung mehr machen.
Ramir hält Yawim sein Messer an die Kehle.
Ich sage, sie sollen mal ruhig sein.
Yawim darf nicht um Hilfe schreien. Wenn er die Schnauze halten soll, muss er die Hoffnung haben, dass er aus der Nummer irgendwie wieder rauskommen kann. Leider kann ich das jetzt nicht laut aussprechen.
Ich schlitze dich auf, sagt Ramir.
Ich sage, Yawim soll meine Kollegen entschuldigen. Wir sind alle ein bisschen aufgeregt, gerade. Wir sollten uns alle mal ein bisschen beruhigen.
Quro sagt, verstehe. Guter Wachmann, böser Wachmann.
Ich sage, Schnauze, Quro. Du verstehst gar nichts.
Im Grunde ist das nämlich für jeden von uns eine unkomfortable Situation. Jeder will hier irgendwie heil rauskommen. Wir müssen jetzt alle ein bisschen vernünftig sein und zusammenarbeiten.
Yawim dreht den Hals, um ihn von Ramirs Klinge weg zu bekommen. Aber Ramir drückt die Schneide weiter in seine Haut.
Ich sage, tut uns wirklich leid, dass wir hier eingebrochen sind. Und dass wir da paar Sachen kaputt gemacht haben. Und das mit deinem Kollegen war wirklich ein dummes Missgeschick. Wir bedauern das sehr. Wir hätten ihn lieber am Leben gelassen. Tut uns wirklich leid. Das mit dem toten Schweinehund unter der Klappe übrigens auch. Aber du hast es sElfst gesehen. Es ging nicht anders. Wir müssen jetzt vernünftig sein. Gemeinsam eine Lösung finden.
Was wollt ihr von mir, sagt Yawim.
Ich sage, kennst du uns noch, Yawim. Wir kennen uns nämlich aus Hohlheim.
Yawim kennt uns noch. Was wir verdammt noch mal von ihm wollen. Er tut alles, was wir wollen.
Ich sage, unser Problem ist Folgendes.
Es gibt da dieses Bier. Dieses….
Sonnenbier, sagt Bullwai.
Sonnenbier, sage ich. Die Zwerge haben irgendwie das Rezept verloren. Die haben da echt ein Problem. Die bräuchten das aber dringend wieder. Die sind richtig in Aufruhr. Das ist echt wichtig für die.
Deshalb wollten wir dich eigentlich nur mal fragen, ob du zufällig noch eine Abschrift davon hast. Und ob wir uns die vielleicht mal kurz anschauen dürften.
In meiner Tasche, keucht Yawim. Seine Arme zwischen seinen Körper und Bullwais Schenkel gepresst. Yawim weist mit seinen Augen nach rechts unten.
Bullwai steht auf. Er gibt Yawims Arme frei.
Yawim greift in die Tasche. Holt ein Horn heraus. Es ist reich mit Intarsien aus Gold und Perlmutt verziert. Wahrscheinlich ein edles Meisterwerk aus der Hand irgendeines legendären Großzwergs.
Er dreht den Deckel ab. Holt mit zitternden Fingern ein kleines, zerknittertes Pergament hervor.
Hier. Das ist es. Nehmt es. Behaltet es. Aber lasst mich leben.
Ich sage, Bullwai soll kontrollieren, ob es das richtige ist.
Bullwai betrachtet es von allen Seiten. Zwergenrunen. Wasserzeichen.
Das Richtige, sagt er.
Ramir sagt, das Horn ist bestimmt ein Goldstück wert. Er hat sowas schon mal gesehen. Ein Aufbewahrungshorn aus dem Horn eines Minotaurus.
Yawim sagt, was ist jetzt mit mir. Ob wir ihn jetzt gehen lassen können. Er verrät niemandem etwas. Großes Ehrenwort. Er schwört. Er verlässt umgehend die Knochenmühle. Wir werden ihn nie wieder sehen. Hoch und heilig.
Ich sage, dein Angebot weiß ich wirklich sehr zu schätzen, Yawim. Du bist echt ein anständiger Kerl.
Und ob Ramir jetzt vielleicht das Messer von seinem Hals nehmen kann, sagt Yawim.
Bullwai macht die Axt bereit. Yawim ist schließlich sein Job. Der Zeuge muss weg.
Bullwai hebt die Axt.
Bullwai lässt die Axt wieder sinken.
Er sieht unglücklich aus. Ich finde, Yawim hat eine faire Verhandlung verdient, sagt er. Er wendet sich ab.
Danke Bruder, sagt Yawim und versucht Bullwai zu berühren.
Ramir zieht die Klinge durch.
Aus Yawims Halsschlagadern pulst rhythmisch Blut.
Atemluft blubbert durch die blutende Wunde.
Yawim schaut sich verwirrt um.
Er versucht zu sprechen. Aber die Wunde blubbert nur noch mehr.
Er beginnt zu zittern.
Wird bleich.
Dann fällt sein Kopf zur Seite.
Nach der Party
Wir überlegen, was wir jetzt machen. Die Frettchen würden den Toten die Hände abschneiden.
Wir schneiden ihnen also die Hände ab.
Ich frage, ob ich vielleicht eine Hand behalten könnte. So als Artefakt. Könnte ich vielleicht brauchen.
Alle finden, nein.
Ramir schneidet dem alten Braumeister die Zunge raus. Er sagt, das macht man so mit Verrätern. Er sagt, er macht das nur bei dem alten Braumeister, aber nicht bei Yawim. Das ist dann eine falsche Fährte.
Wir werfen die Leichen kopfüber in ein Fass mit Bier.
Ramir nagelt ihre Hände außen an das Fass.
Stopp, sagt Bullwai. Das stimmt so nicht. Du hast die Hände falsch angenagelt. Das sieht man doch. Das Große ist Ebers Hand. Die Kleine ist Yawims Hand. Außerdem sind beides linke Hände. Das muss immer eine linke und eine rechte Hand sein. Die Hände müssen paarweise korrekt zugeordnet werden.
Sonst noch was, sagt Ramir.
Ja, sagt Bullwai. Ebers Zunge muss zwischen seine Hände.
Warum denn nicht daneben, sagt Ramir.
Die Zunge ist in Wirklichkeit ja auch in der Mitte vom Körper und nicht daneben, sagt Bullwai. Also muss die Zunge auch hier korrekt in die Mitte. Also zwischen die Hände.
Ramir steht auf. Er drückt Bullwai den Hammer und die Nägel in die Hand. Er geht.
Bullwai nagelt die Hände und die Zunge neu an das Fass.
Dann dreht er die Hände und die Zunge noch ein bisschen hin und her. Bis alles korrekt ausgerichtet ist.
Ich durchsuche die Leichen nach persönlichen Gegenständen. Für künftige Zauber. Persönliches, aber so unauffällig, dass es keine Beweisstücke sein können.
Yawims Geldbeutel ist sehr auffällig. Die sechs Silbermünzen darin sehen aber ganz normal aus. Ich nehme sie.
Wir waschen uns mit dem Wasser aus den Kübeln das Blut ab. Wir entfernen unsere Fußabdrücke.
Wir gehen zurück Richtung Erlenheimtaverne.
Von außen hören wir, dass im Schankraum noch Betrieb ist. Wir müssen also wieder durchs Fenster einsteigen, damit unsere Abwesenheit nicht auffällt.
Quro federt entspannt auf einen kleinen Sims. Stößt sich ab. Verschwindet in der Fensteröffnung.
Ramir rutscht zweimal ab. Ich helfe ihm mit der Gaunerleiter. Er hängt an der Wand wie ein Sack alter Wäsche. Er rutscht nochmal ab. Ich drücke ihn nach oben. Er schiebt sich zitternd und völlig fertig über die Fensterbank ins Innere.
Bullwai braucht sowieso Hilfe.
Dann steige ich hinterher.
Auf unserem Zimmer machen wir uns noch einmal gründlich sauber. Quro legt die Fußeisen, die er den Typen am Fluss abgenommen hatte, vor der Zimmertür aus.
Wir gönnen uns ein paar Stunden wohlverdienten Schlaf.


