Ich öffne die Augen. Über mir zerschmilzt der Himmel.
Stirnwärts, also wenn ich aus meiner liegenden Position nach oben schaue, sehe ich das Flimmern einiger besonders hartnäckiger Sterne am dunkelblauen Nachthimmel. Kinnwärts dagegen ein flammendes Spiel aus Farbe, Licht und glühendem Gewölk, entzündet von den ersten Sonnenstrahlen, die sich über den Horizont fräsen.
Ich bewege meine Schultern, um die Rückenmuskulatur zu durchbluten.
Um mich herum raschelt Schilf. Kühle Luft streicht durch mein Haar.
Ich drehe den Kopf. Schwarze Schatten zwischen mannshohen Büschen aus Gras. Irgendwo dahinter keckert und tschilpt ein einsamer Schilfrohrsänger.
Der Röhricht beginnt heftig zu schwanken. Ein furzendes Geräusch. Vielleicht ein Stiefel, der sich im Schlamm festgesaugt hat.
„Verdammte Scheiße nochmal!“
Die Schilfhalme teilen sich. Bullwai tritt heraus. Ausgerechnet Bullwai!
Der Zwerg fuchtelt mit den Händen und kreischt.
Weg sind die, sagt er, einfach weg. Der scheiß Fuchs hat die alle gefressen. Alle hat der gefressen! Weg sind die. Einfach alle! Gefressen hat er die alle. Der scheiß Fuchs.
Wen hat der Fuchs gefressen, sagt Ramir. Er stützt sich auf den Ellenbogen. Er gähnt.
Alle fünf, sagt Bullwai. Al-le fünf!
Er tritt in Quros blechernen Fressnapf. Der Napf springt scheppernd zur Seite.
Da!, sagt Bullwai. Er schleudert seinen Zeigefinger in Richtung Röhricht.
Da drin sind alle weg!
Er gestikuliert. Er ringt um Worte. Er schlägt in die Luft.
Haaach. Guckt doch einfach selbst.
Bullwai springt zurück ins Schilf. Nochmal das furzende Geräusch. Die Halme schließen sich schmatzend hinter ihm.
Dann nichts mehr.
Der tschilpende Schilfrohrsänger.
Ramir und ich schauen uns an.
Wir können ja einfach mal aufstehen und selbst gucken, sagt Ramir.
Fluss
Bullwai scheint Recht zu behalten. Keine Spur von den Leichen, die wir am Vorabend produziert haben. Die Feuerstelle unserer Gegner unverändert. Die improvisierten Sitzgelegenheiten. Das Gepäck. Die Waffen. Sogar die Stiefel der Toten. Alles am gleichen Ort wie gestern Abend. Nur ohne die Leichen.
Der Morgenhimmel erstrahlt in irrwitzigem Rot. Das Lager liegt noch im Halbdunkel. Wir bauen zügig ab. Ein Stück Brot und etwas Käse auf die Hand. Wir beißen ab. Kauen. Rollen dabei die Schlafsäcke ein.
Fetzen von Morgennebel auf dem schwarzen Fluss. Ich fröstele. Ich ziehe den Mantel enger um mich. Meine Finger sind kalt und klamm. Ich brauche mehrere Versuche, meine Tasche zuzufummeln.
Ich beiße noch einmal in den Käse. Schmeiße meine Tasche in den Kahn.
Schmatzender Schlamm unter den Füßen als wir das Boot ins Wasser schieben. Der Kahn löst sich geschmeidig vom Ufer.
Wir steigen ein. Es schaukelt. Unter uns gluckert schwarzes Wasser.
Bullwai steht mit der Stocherstange am Heck. Ein leichtes Beben fährt durchs Boot.
Dann treiben wir zwischen den verwehenden Geistern des Frühnebels durchs Schilf.
Rechts und links schweigende Mauern aus schwarzem Röhricht.
Dahinter schiebt sich die Sonne in blutigem Rot über den Horizont.
Ihre strahlenden Lichtspiele erreichen nun zunehmend den Boden.
Unser Boot gleitet durch Myriaden roter Funken, die auf dem Wasser tanzen.
Ich schließe die Augen. Die Funken tanzen in meinem Kopf weiter.
Olse hat mich viel gelehrt. Jede Meditation seitdem lehrt mich mehr.
Wie ein Samen, den Olse in mir gesät hat, keimt das Verstehen in meinem Geist. Silberne Fäden gleiten aufeinander zu und vereinen sich zu neuem Wissen. Sie bilden ein feines Gespinst flimmernder Filamente. Eine schillernde Landkarte aus reiner Energie.
Eine Ente quakt.
Die Ente quakt noch einmal.
Ich öffne die Augen.
Eine Mutter. Fünf Küken. Eine Entenfamilie.
Die kleinen strampeln eifrig, um der Mutter zu folgen. Eines verfängt sich im Schilf. Piepst laut. Die Mutter wendet. Die anderen Jungen hinterher. Das verlorene Kind gerettet. Ein zärtlicher Stups mit dem Schnabel. Alles wieder gut.
Eine Irritation aus dem Augenwinkel. Ich wende den Kopf.
Neben mir vibriert Ramir. Er hängt sprungbereit an der Reling. Sein Knie fährt wie eine Maschine auf und nieder. Sein starrer Blick fixiert die Entenfamilie. Auf seinem Gesicht zeichnen sich all die hinterfotzigen Gedanken ab, die sich bei diesem idyllischen Anblick in seinem Kopf abspielen müssen.
Gleich vor Ramir packt Bullwai Taschen um. Der übermotivierte Zwerg räumt eine Tasche leer. Sortiert ihren Inhalt auf die Sitzbank. Dann räumt er die Tasche in neuer Anordnung wieder ein. Nur, um sogleich eine weitere Tasche auszuleeren.
Dabei redet er ununterbrochen. Wie schön das Leben in den Höhlen seiner Heimat sei. Er zählt all die Wunder und rauschhaften Festlichkeiten auf, die sich dort fortwährend zutrügen.
Das Leben in den Höhlen der Zwerge muss bestürzend eintönig und grau sein. Der banale Zwergenscheiß, den er seinen Reisegefährten mit jubilierender Stimme aufdrängt, tut fast körperlich weh.
Quro steht reglos am Bug. Seit Stunden blickt er in Fahrtrichtung auf den Fluss hinaus. Eine warme Brise streicht durch sein Fell. Die Spitzen seiner Ohren zittern. Der Wolfsmensch strahlt eine fast überirdische Ruhe aus.
Ich schiebe mich über die Sitzbänke in seine Richtung. Ich kauere mich neben seinen Füßen auf die Bank. Ein Mann der nichts seltsames tut und dabei auch noch die Klappe hält – welch eine Wohltat!
Ich blicke auf den Fluss.
Mir wird schmerzhaft bewusst, wie sehr ich Handon vermisse. Handon hat diesen Spinnern immer ein gemeinsames Ziel gegeben. Handon ist fort. Die Spinner sind noch da.
Hof am Fluss
Die Sonne steht bereits hoch, als das Schilf flacherem Ufer weicht. Vor uns liegt eine weite Landschaft. Wiesen. Felder. Immer wieder unterbrochen von Inseln aus hohem Gras, Bäumen. Wald am Horizont. Ab und zu ein einsames Bauernhaus in der Ferne. Geduckt in die Schatten alter Baumriesen.
Der Himmel ist gewaltig. Groß. Leuchtendes Blau. Die Wolken kitschig und praktisch völlig unglaubwürdig.
In der Flussbiegung steht links eine Weide. Ihre Zweige hängen im Wasser. Durch das Laub erahnt man dahinter ein Gebäude. Recht nah am Ufer.
Wir sagen, da müssen wir aufpassen. Man weiß nicht, was da so ist.
Quro nimmt den Bogen. Legt einen Pfeil auf.
Wir lassen uns mit der trägen Strömung um die Biegung treiben.
Am Ufer ein Bauernhaus mit Scheune. Wir gleiten vorüber. Auf der anderen Seite des Gebäudes ein paar Felder. Weiter hinten ein Wäldchen.
Jemand schreit. Ein Mann.
Komm schnell, sagt die Stimme.
Ein Mädchen kreischt. Wir können es sehen. Es rennt Richtung Haus.
Der Bauer läuft ihm vom Haus aus entgegen.
Hinter dem Mädchen rennt was anderes. Zwei Tiere. Zwei Schweine vielleicht oder zwei Hunde.
Wir kommen näher. Schweinekörper mit Hundekopf. Sehr seltsam.
Quro legt den Pfeil auf. Achtung, sagt er.
Das Boot schaukelt. Quro zischt und zielt noch einmal von neuem.
Ramir sagt, wenn wir rennen, dann sind wir gleichzeitig mit den Tieren bei dem Kind. Wenn wir nichts tun, dann fressen die Tiere das Kind.
Das stimmt. Vor allem der zweite Teil der Analyse punktet durch bestechende Logik.
Bullwai ist bereits aus dem Boot gesprungen. Er rast brüllend die Böschung hinauf. Dabei jongliert er Schild und Axt in Position.
Ramir setzt das Boot aufs Ufer. Der Grund knirscht.
Quro ringt um sein Gleichgewicht. Er flucht. Er legt den Pfeil abermals auf die Sehne.
Ramir springt auch über Bord und rennt Richtung Mädchen.
Ich klettere über die Bordwand und humple hinterher.
Ramir überholt den noch immer brüllend voranstürmenden Bullwai.
Das vordere der beiden Tiere setzt schon zum Sprung auf das Mädchen an. Genau in dem Moment wirft sich Ramir in seine Bahn. Er reißt den Schild hoch.
Das Tier donnert dagegen. Ramir beschreibt eine Pirouette. Das Tier rennt einfach weiter. Sein Nietenhalsband streift Ramirs Wams.
Der Bauer packt das Mädchen am Arm und reißt es im letzten Augenblick aus der Bahn das Tieres.
Quro will endlich den Pfeil lösen. Er muss aber noch einmal korrigieren.
Dann schwirrt die Sehne. Der Pfeil fliegt. Es klatscht. Der Pfeil steckt im Tier.
Das Tier brüllt, rennt aber weiter.
Gleichzeitig erreicht das zweite Tier Ramir. Nackte Gesichtshaut. Ein Maul voll spitzer Reißzähne. Ledernes Stachelhalsband.
Es schnappt nach Ramir. Es beißt daneben.
Ramir schlägt mit dem Falchion zu. Der Schweinehund zuckt zurück. Das Falchion prallt ab.
Das Tier setzt auf dem sandigen Boden zum Sprung an. Seine Hinterbeine graben sich in den Sand. Sie schnellen zurück. Rutschen weg. Der Sprung verendet als kläglicher Hopser in die Höhe.
Die Kiefer krachen direkt vor Ramirs Gesicht in der Luft aufeinander. Ramir blickt einen kurzen Moment lang in ein Paar winziger Schweinsäuglein. Darüber wölben sich überraschend große und dichte Wimpern. Dann landet das Tier vor Ramirs Füßen. Ramirs Messer senkt sich in seinen Nacken und schneidet ihm eine Kerbe hinters fleischige Ohr.
In der Luft der Geruch von Angst. Von Raubtier oder von nassem Hund oder sowas.
Gleichzeitig rennt der Bauer an mir vorbei. Das Mädchen flattert an seiner Hand hinterher.
Der Bauer brüllt mich an.
Die Schweinehunde aus der Knochenmühle, sagt er. Haltet sie auf, sonst fressen sie Lilia.
Ich weiß nicht, wer Lilia ist. Aber ich sehe Bullwai vor mir. Er erreicht Ramir, der allein mit beiden Schweinehunden beschäftigt ist.
Bullwai nutzt den Schwung und schlägt wuchtig mit der Axt zu. Er erwischt den Schweinehund, in dem bereits Quros Pfeil steckt, voll an der Schulter.
Die verwundete Bestie geht in die Knie. Kreischt. Grunzt.
Dann fährt sie herum und fixiert ihren Gegner.
Bullwai holt zum nächsten, finalen Schlag aus.
In diesem Moment fliegt Quros Pfeil genau zwischen Bullwais Gesicht und dem Blatt seiner Kriegsaxt hindurch. Der Pfeil senkt sich punktgenau in die Stirn der Bestie. Das Licht geht sofort aus. Das Tier kippt um.
Bullwai dreht sich verwirrt zu Quro um.
Quro zuckt die Schultern und legt den nächsten Pfeil auf.
Derweil baut sich Ramir vor dem zweiten Tier auf.
Jetzt wirst du sterben, sagt er.
Er fuchtelt mit dem Falchion. Scheint die Klinge aber nicht so richtig unter Kontrolle zu bekommen.
Trotzdem trifft er das Tier irgendwie.
Das schaut ihn böse an und setzt zum Sprung an.
In genau diesem Augenblick bin ich da. Ich humple vorwärts und drücke der Bestie Sturmhauchs Spitze geradewegs in den Hals.
Ich drehe Sturmhauch. Eine Fontäne von Blut spritzt aus dem Tier. Es fällt um. Aus seinem Mund entrollt sich eine lila Zunge.
Aftershowparty
Wir stehen im Kreis um die beiden toten Tiere. Echte Wesen aus der Natur sind das wohl nicht.
Quro kommt über die Wiese. Er nimmt einem Tier das Nietenhalsband ab. Er steckt es ein.
Wofür brauchst du das denn, sagt Bullwai.
Du weißt schon, was das heißt, wenn man sowas anhat, sagt Ramir.
Der Bauer kommt auf uns zu.
Ich danke euch. Ohne euch wäre meine Lilia jetzt tot.
Was sollen wir dazu sagen. Macht nix, hätte jeder andere genauso gemacht, vielleicht. Glaubt dir aber sowieso keiner.
Der Bauer sagt, wir müssen zuerst die Schweinehunde verschwinden lassen. Die sind von der Knochenmühle. Wenn die die Suchen, darf man die auf keinen Fall hier finden.
Wir sagen, Okay. Erledigen wir.
Ramir sagt, wir schmeißen die Tiere in den Fluss.
Ich sage, warum willst du immer alles in den Fluss schmeißen. Das ist doch Scheiße. Die treiben dann zur Knochenmühle und dann wissen die Bescheid.
Das sehen die anderen auch so.
Der Bauer lädt uns erst mal ein. Er heißt Davon. Seine Frau heißt Sibylla. Seine Tochter heißt Lilia. Die haben wir gerettet.
Wir setzen uns auf ein paar Baumstämme. Dazwischen ein Tisch. Aus einem riesigen Baumstamm gesägt. Sibylla bringt einen Krug verdünntes Bier.
Ich würde euch gerne mehr anbieten, sagt Davon, aber das ist alles, was wir haben, und hier ist auch noch ein kleiner Kanten Brot.
Davon klärt auf
Wir sitzen um die Baumscheibe. Trinken verdünntes Bier. Befragen Bauer Davon nach der Knochenmühle. Der ist keine Leuchte. Es kostet Mühe, ihm irgendwelche strukturierten Informationen abzuringen. Schließlich holt er ein Stück Holz und kratzt mit einem angekohlten Stock etwas drauf, das man mit viel gutem Willen vielleicht als Karte deuten könnte.
Wir erfahren von ihm schließlich in etwa Folgendes.
Die Knochenmühle liegt zwei Stunden flussabwärts. In einer Flusskehre.
Die Burg steht auf einer Felswand. Etwa 60, 70 Schritt hoch. Oben links die Burgruine. Sie schimmert im hinteren Bereich merkwürdig, als sei sie vereist. Rechts ein halb zerfallener Wachturm.
Fährt man herum, kommt auf der anderen Seite ein flacherer Hang. Als Terrasse angelegt. Hier befindet sich die Gildenhalle von Herzog Undar und die Frettchenhalle.
Zu Füßen dieser Terrasse die unterste Ebene. Hier findet das normal Leben statt. Markt. Stallungen. Wahrscheinlich sind hier auch die Gefangenen untergebracht.
Die untere und die mittlere Ebene sind von einer Palisade mit hölzernen Wachtürmen umgeben. Beide voneinander selbst auch durch eine Palisade getrennt.
Unten am Fluss die Wassermühle und eine steinerne Brücke. Da müsst ihr aussteigen. Da passt das Boot nicht durch.
Ringsum offenes Gelände. Kein Wald oder irgendwas, das Deckung bietet.
Bullwai springt auf. Er sagt verdammt. Wir haben die Kadaver der Schweinehunde ganz vergessen. Man muss die vergraben. Wir lassen Davon sitzen, rennen aufs Feld und sehen nach. Einer der Kadaver ist verschwunden. Da hinten am Waldrand liegen noch ein paar Rippenbögen rum.
Verdammt, sagt Bullwai. Die hat wieder der Fuchs geholt.
Ich sage, Unsinn. So viel kann ein Fuchs gar nicht fressen. Wir kümmern uns später darum.
Wir quetschen den stammelnden Davon weiter aus. Mit viel Hin und her erfahren wir, dass es in der Knochenmühle verschiedene Gruppen gibt.
Erstens die Frettchen. Das sind die ganz Harten. Vielleicht zwanzig Mann. Wolfsmenschen. Orks. Menschen. Sie machen in kleine Gruppen Jagd auf Leute. Die Gefangenen werden meistbietend verkauft. Wohlhabendere Gefangene kommen manchmal gegen Lösegeld frei. Der Sklavenmarkt bildet das wirtschaftliche Fundament der Burg. Die Anführerin heißt Misela Frettumar.
Gruppe zwei ist die Garnison. Ihr Anführer heißt Kratulos. Kratulos versucht Ordnung zu schaffen. Kratulos untersteht Herzog Undar. Der wiederum lässt sich gerne als Herrscher über die Knochenmühle darstellen. Ob das so stimmt und wer da wirklich das Sagen hat, weiß aber niemand genau. Alles eine Frage von Gerüchten.
Dann gibt es den Rostbruder. Scheint einer der wichtigsten Abnehmer für Mesilas Sklaven zu sein. Verbraucht sie wohl in rauen Mengen. Opfer für Rost und Häma.
Außerdem gibt es diese losen Halunken. Aber Davon weiß nicht, was die da machen. Egal.
Die Frettchen lassen die Höfe in der Umgebung meistens in Ruhe. Manchmal schicken sie ein paar Schweinehunde. Training für die Tiere. Mahnung für die Bauern.
Bullwai sagt, ob es auch normale Händler gibt, die in der Knochenmühle Handel treiben.
Davon sagt, ja natürlich. Die brauchen da ja auch Rohstoffe. Waffen. Und so weiter. Außerdem müssen die umliegenden Bauern Erzeugnisse abliefern. Essen und so.
Ich sage, dann kann man da als normaler Mensch einfach so rein, oder was.
Davon sagt, da wollt ihr nicht rein. Die binden Sklaven ans Mühlrad. Die schreien dann tagelang rum, bevor die sterben. Händler werden schon geduldet. Aber Zivilisation gibt es da keine.
Ich sage, aber rein theoretisch kann man da rein gehen und in der Schänke ein Bier trinken.
Davon weicht aus.
Ich sage, ob man da im Gasthaus ein Bier trinken kann, verdammt.
Davon sagt, ja, man kann da im Gasthaus ein Bier bestellen.

Der Fuchs
Als Davon fertig ist, sagen wir, wir sollten jetzt aber wirklich mal die Schweinehunde vergraben.
Der zweite Schweinehund ist aber auch verschwunden.
Ich sage, verdammt. Ich wollte die eigentlich noch auf Magie untersuchen.
Meine Gefährten sagen, vielleicht solltest du mal lieber den Fuchs auf Magie untersuchen.
Ich sage na gut. Wenn es unbedingt sein muss.
Ich bitte Davon um einen Zweig. Sybilla bringt ein paar Reiser aus dem Haus. In einem Korb. Ich suche mir einen aus und schnitze mit dem Dolch aus Hohlheim eine Wünschelrute.
Ich gehe zum Waldrand und suche den Fuchs.
Ich finde ihn schnell. Er sitzt auf einer kleinen Lichtung. Nicht weit vom Waldrand. Rundum Birken. Umgefallene Baumstämme. Pilze auf morschem Holz. Farn überall.
Der Fuchs leckt sich am Sack. Als er mich hört, schaut er auf.
Ich spüre sofort die Magie, die von ihm ausgeht.
Ich blättere mein Notizbuch auf. Die Seite mit dem passenden Zauber. Ich nehme die Wünschelrute zur Hand. Schließe die Augen. Dann hauche ich den Zauberspruch in die Lichtung.
Ich bin Grelf, sagt eine sehr tiefe Stimme.
Ich erschrecke. Ich öffne die Augen. Vor mir sitzt kein Fuchs, sondern ein gewaltiges Ungetüm.
Größer als ein Bär.
Zuerst fällt mir der Kopf auf. Wie von einer Fledermaus. Borsten und diese großen Ohren. Aber das Gesicht ist menschlich. Nur da, wo Augen sitzen sollten sind zwei zerschundene und zernarbte Löcher.
Dann dieser Arm. Statt einer Pranke ist eine Kette mit Stahlstiften direkt ins Fleisch geschraubt. An der anderen Seite der Kette eine stachelige Stahlkugel. Größer als ein Kopf.
Ich bin Grelf, sagt das Monstrum und blickt auf seltsame Weise augenlos auf mich herab.
Ich denke oh scheiße. Das also ist des Pudels Kern. Da hab ich aber gar keinen Bock drauf.
Aber offensichtlich frisst er mich erst mal nicht. Er ist uns brav gefolgt. Er wird irgendwas von uns wollen.
Grelf, sage ich, du folgst uns schon eine Weile. Warum tust du das.
Ihr versorgt mich mit Essen, sagt Grelf. Seine Stimme ein tiefes Grollen.
Ich sage, verstehe. Du frisst also, was wir töten. Das ist gut. Das finde ich sehr gut.
Grelf mustert mich augenlos. Er sagt nichts. Die Situation verlangt nach einer Auflösung. Da ist noch etwas anderes. Er wartet. Auf ein Angebot.
Weißt du Grelf. Das ist gut. Sehr gut sogar. Wir hätten nämlich noch mehr zu fressen für dich.
Mehr zu fressen, sagt Grelf.
Ja. Viel mehr. Wir haben da nämlich eine Mission. Ein paar Freunde sind in Schwierigkeiten. Und wir wollen ihnen helfen. Wir können jeden guten Mann gebrauchen. Es wird auf jeden Fall sehr viel zu fressen geben.
Biete ich etwa gerade einem Dämon einen Job an. Ich muss wahnsinnig sein.
Aber das ist falsch. Eigentlich hat ER ja UNS auserwählt. Er folgt uns seit Tagen. Ich muss verstehen, was er von uns will.
Gut. Ich würde euch helfen, sagt Grelf. Unter einer Bedingung.
Fantastisch sage ich enthusiastisch, als wäre Grelf einer meiner ehemaligen adeligen Arbeitgeber. Ich rutsche versehentlich in meine ehemalige Rolle als Zauberclown auf Adelspartys. Sofort fühlt sich die Situation viel vertrauter und berechenbarer an. Was können wir für dich tun. Wir würden uns überglücklich schätzen.
Ich helfe euch. Und ihr helft mir.
Das wäre eine große Ehre für uns. Welch Freude, dir helfen zu können. Was dürfen wir für dich tun.
Ich muss wissen, wo Zygofer steckt. Er schuldet mir was.
Das könnte sich besser nicht treffen, mein Lieber! Wie es das Schicksal so will, sind auch wir gerade auf der Suche nach Zygofer. Wenn das mal keine unerwartete win-win-Situation ist.
Er hat mir meine Augen gestohlen. Ich helfe euch. Und ihr sagt mir, wo ich Zygofer finde. Damit ich weiß, dass ich euch trauen kann, gebe ich euch sechs Monate. Wenn ich bis dahin nicht weiß, wo Zygofer ist, nehme ich stattdessen eure Augen.
Das hört sich ja ganz fantastisch an, jubiliert der alberne Zauberclown in mir. Meine Stimme bricht jäh ab. Mir wird schlecht. Ich setzte neu an. Lass mich nur eben schnell mit meinen Gefährten darüber sprechen. Ich bin ja nicht alleine, weißt du. Wir sind ein Team. Aber das wird natürlich ü-ber-haupt kein Problem sein.
Das Ungeheuer nickt. Ich warte also auf eure Entscheidung.
Ich verbeuge mich geziert und hopse frohgemut durch die Farnblätter über die Lichtung davon.
Nach einigen Schritte gehe ich, ohne es zu merken, zunächst in einen Trab, dann in einen Sprint über. Ich hetze durchs Unterholz. Stolpere über Wurzelwerk. Reiße meine Unterarme an vorbeigleitender Baumrinde auf. Mein Herz rast. Die Lunge schmerzt. Zweige schlagen mir ins Gesicht.
Schließlich wird mir schwarz vor Augen. Meine Knie sacken weg. Ich kralle mich an eine junge Birke. Ich ringe um Atem. Mein Hand zittert. Ich kann es nicht kontrollieren.
Scheiße. Ich habe soeben mit einem Dämon Geschäfte gemacht.
Dann denke ich an Horst. An meinen Schwur in der Wüste. Wir haben die Warge überlebt. Ich bin in kürzester Zeit zweimal fast gestorben. Und ich habe einen Eid geschworen. Nie wieder werde ich mich vom Tod derart behandeln lassen. Nie wieder. Eines Tages werde ich der größte Todesmagier aller Zeiten sein. Und dann werde ich den Tod selbst unterwerfen und zu meinem gehorsamen Untertan machen. Ist es nicht so.
Und jetzt lasse ich mich von SOWAS erschrecken? Einer derart elenden, verstümmelten, ja mitleiderregenden Kreatur?
Ich straffe mich. Ich atme durch. Ein Magier muss jeder Situation etwas Gutes abgewinnen können.
Und ich KANN dieser Situation das Bestmögliche abgewinnen. Wir müssen nur sorgfältig vorgehen. Und nichts und niemand wird Yfel, den größten Todesmagier aller Zeiten jemals wieder derart in Angst und Schrecken versetzen.
Ich mache mich auf den Weg über die Felder zum Bauernhof.
Besprechung
Ich komme zurück zum Bauernhof.
Ich sage, der Fuchs ist tatsächlich ein Dämon. Er will uns helfen, die Knochenmühle aufzuräumen.
Toll, sagen die anderen.
Ich sage, als Gegenleistung will er, dass wir Zygofer für ihn ausfindig machen. Der hat ihm seine Augen gestohlen.
Super, sagt Ramir, da wollen wir doch sowieso hin. Und wo ist der Haken an der Sache.
Ich sage, er gibt uns ein halbes Jahr Zeit. Falls wir Zygofer bis dann nicht haben, will er zwei Augen von uns.
Der Bauer kommt. Ob wir bei ihm übernachten wollen.
Wir sagen, nur keine Umstände. Die Scheune reicht.
Er richtet uns die Scheue aufwändig her.
Wir ziehen uns ins Heu zurück und diskutieren die Sache mit dem Dämon.
Es ist Nachmittag. Der Fuchs taucht immer wieder am Waldrand auf und schaut in unsere Richtung. Wir sehen ihn durch das halb geöffnete Scheunentor. Aber wir können uns nicht entscheiden, was wir tun sollen.
Die Sonne sinkt zusehends.
Eigentlich weiß ja gar niemand von uns so genau, was ein Dämon überhaupt ist.
Manche sollen Opfer magischer Experimente sein. Andere angeblich durch ein magisches Tor aus fremden Parallelwelten gekommen sein.
Manche Legenden sagen, Zygofer hätte den Schlund zur Dämonenwelt geschlossen. Andere Legenden sagen, er habe ihn geöffnet.
Je nach Legende.
Grelf sieht mir persönlich eher nach der Sorte verunglücktes Experiment aus.
Die Diskussion verläuft Kontrovers.
Wir wissen zum Beispiel gar nicht, worin der Leistungsumfang des Dämons präzise besteht. Er sagt, er will uns helfen. Wir haben im Gegenzug ein halbes Jahr Zeit, Zygofer zu finden.
Ramir findet das dufte. Er sagt, dann ist der Dämon ein halbes Jahr lang unser Diener und wir haben unsere persönliche Kampfmaschine. Damit räumen wir alles ab und finden Zygofer locker.
Das hört sich gut an. Wir beschließen, dass der Dämon das wahrscheinlich so gemeint hat.
Aber was machen wir, wenn wir Zygofer in einem halben Jahr nicht gefunden haben. Ich meine, die Welt sucht seit zweihundert Jahren nach ihm.
Bullwai sagt, das ist kein Problem. Es gibt ja die Zwergenbibliothek. Da wird seit Jahrhunderten alles aufgeschrieben, was passiert. Dort finden wir bestimmt raus, wo Zygofer steckt.
Ich dachte, Yawim hätte die Zwergenbibliothek kürzlich abgefackelt.
Bullwai sagt, ja das stimmt schon. Aber er glaubt, da gibt es bestimmt noch mehr Zwergenbibliotheken in seiner Höhle. Aber die kennt er natürlich nicht alle. Aber er glaubt, da gibt es bestimmt noch welche. Auf jeden Fall finden wir da alle Informationen, die wir brauchen.
Ich frage, ob die Kosten-Nutzen-Rechnung aufgeht. Was bekommen wir. Was opfern wir. Ich finde die Kosten sehr hoch.
Ramir sagt, ob wir den Deal erfüllen oder nicht ist ja letztlich egal. Wer weiß, was in einem halben Jahr ist. Wir brauchen die Verstärkung jetzt.
Er sagt, in einem halben Jahr kann alles Mögliche passiert sein. Der Dämon muss uns ja auch erst mal finden. Und dann können wir ihn ja immer noch umbringen.
Wir haben ja zum Beispiel auch die Harpyien umgebracht und dieses Spinnenwesen in der Höhle. Die waren ja auch alle irgendwie dämonisch. Also das kriegen wir hin.
Bullwai sagt, und außerdem entscheiden dann ja immer noch wir, von wem er die Augen kriegt. Das sind ja schließlich unsere Augen. Dann könnten einfach zwei verschiedene Leute jeder ein Auge abgeben, und dann hat jeder immer noch eins.
Draußen ist es bereits dunkel, als wir zur Abstimmung schreiten.
Quro findet, wir machen den Deal, versuchen aber, das Maximum rauszuhandeln.
Ramir sagt, wir werden jetzt ein halbes Jahr lang unsere persönliche Elite-Eingreiftruppe haben. Da kriegen wir das mit Augen schon irgendwie geregelt.
Bullwai sagt, wenn der Dämon zwei Augen haben will, dann entscheiden aber wir, welche er kriegt.
Verhandlung
Es ist schon lange dunkel.
Der fahle Mond ist das einzige Licht. Er scheint hinter den Wolken entlangzugleiten. Auf dem schwarzen Gras liegt kalter Tau.
Wir stellen uns zu viert vor dem Scheunentor auf. Nebeneinander. Daumen in den Gürtel gehakt. Die Füße breit aufgestellt. Umhänge und Gewänder bauschen sich in der kühlen Brise.
Ich pfeife einmal.
Grelf, rufe ich leise.
Der Fuchs erscheint an der Stelle, wo gestern der Kampf stattgefunden hat. Er steht auf. Trabt zu dem Wäldchen. Wartet. Blickt über die Schulter. Verschwindet zwischen den Bäumen.
Wir folgen.
Meine Gefährten sind aufgeregt. Sie haben mich vielfach gefragt, wie der Dämon denn aussieht. Ich konnte es ihnen nur ungefähr erklären.
Wir gehen zwischen ein paar Birken hindurch.
Vor uns erhebt sich ein gewaltiger Schatten. Der Fledermauskopf. Das Augenlose Gesicht. Die ins Fleisch genietete Kette mit der Eisenkugel.
Habt ihr euch entschieden, sagt Grelf.
Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ein Dämon darauf reagiert, wenn man Vertragsbedingungen nachverhandelt. Oder wie er damit umgeht, sollte man am Ende vielleicht nicht handelseinig werden. Ich habe mit so etwas genauso wenig Erfahrung wie meine Gefährten. Aber ich bin hier der Todesmagier. Das ist also mein – eher unangenehmer – Job.
Ich wähle meine Worte sehr vorsichtig. Keine harten Ecken und Kanten. Aber trotzdem eindeutig. Ich vermute, man sollte bei Vertragsverhandlungen mit Dämonen nicht allzu viele Interpretationsspielräume lassen.
Ähm. Ich hätte noch eine kleine Detailfrage. Du sagst, du willst uns unterstützen. Welchen Umfang hätte die Unterstützung genau.
Wir werden eure Freunde befreien, sagt der Dämon.
Verstehe, sage ich. Ich fokussiere mehr auf die Zeit danach. Wirst du uns auch unterstützen, Zygofer zu finden.
Ich helfe euch, eure Freunde zu befreien. Ihr findet Zygofer. Das ist der Deal.
Aber der Deal ist – zumindest subjektiv aus unserer Perspektive betrachtet – ein wenig unrund. Zu unrund, um unsere Augen aufs Spiel setzen.
Der Dämon schaut mich ganz merkwürdig an. Sofern man jemanden aus aufgebrochenen, und vernarbten Augenhöhlen merkwürdig anschauen kann.
Er sagt, das war der Deal. Ich bin zu alt und zu müde für so einen Scheiß.
Er wendet sich ab, um zu gehen.
Ich haue einen ganz ordentlichen Manipulationswurf raus.
Ähmmm. Es gibt da noch was zu bedenken. Ein paar Dinge zu berücksichtigen.
Der Dämon dreht sich wieder zu uns.
Erstens sind wir selbst auch auf der Suche nach Zygofer.
Der Dämon schaut äußerst skeptisch. Warum solltet ihr das sein.
Ramir, sage ich. Würdest du das bitte kurz erläutern.
Ramir tritt vor und erzählt die Geschichte von der Krone und den gestohlenen Edelsteinen und so weiter, und deshalb müssen wir unbedingt Zygofer finden.
Siehst du, sage ich. Das gleiche Ziel. Eine fantastische win-win-Situation. Du könntest Teil unseres Teams werden. Du hättest jederzeit Kontrolle über unser Tun. Unser Chancen, Zygofer zu finden, wären massiv erhöht.
Aber wir haben noch ein weitere Ass im Ärmel. Durch unseren kleinen Freund hier – ich schiebe Bullwai einen Schritt nach vorne – haben wir Zugang zu den berühmten Zwergenbibliotheken des Caniden-Clans. Dort ist das Wissen über die gesamte bekannte Welt gesammelt. Wenn es irgendwo Informationen über Zygofers Aufenthaltsort gibt, dann dort.
Lass uns beides verbinden. Deine Kampfkraft. Das gewaltige Weltwissen der Zwergenbibliothek. Gibt es denn einen besseren Weg, Zygofer aufzuspüren.
Gut, sagt der Dämon.
Er nickt anerkennend.
Gut.
Und wenn wir Zygofer in einem halben Jahr nicht gefunden haben, dann kriege ich eure Augen.
Ich bekomme plötzlich feuchte Handflächen. Mein Herz pocht.
Ich öffne meine Arme zu einer entschuldigen Geste.
Unsere Augen, sage ich. Unsere Augen sind leider kein Teil dieses Deals.
Vor uns sitzt ein Fuchs.
Der Fuchs gähnt.
Er wendet sich ab und trottet in den Wald.

