Bullwais Bericht – 19

Fraß für die Krähen

Ich bin Bullwai aus den Steingärten, Wächter der Eisenmeute und ein Mitglied des Caniden-Clans und Ufil sagte, wenn ich in der Lage wäre, mit meinen simplen und armseligen Zwergen-Schriftzeichen ein paar Gedanken festzuhalten, dann sollte ich das tun. Ein paar Zwerge könnten davon eventuell für die Zukunft etwas lernen. Ich glaube, er denkt, das unsereins garnicht Schreiben und Lesen kann. Typisch Mensch! Ich kann schreiben! Und ich kann lesen! Sowohl die Schrift und Sprache meines Volkes, als auch die der Menschen. Und ich frage mich warum nicht auch ein paar Menschen und Elfen von meinen Erfahrungen lernen sollten. Wölflinge hingegen können tatsächlich nicht lesen und Schreiben. Aber vielleicht sind sie damit auch einfach das klügste aller Völker, weil sie eben nichts auf die geschriebenen Erzählungen anderer geben…

Heute fällt es mir also zu, die Ereignisse zusammenzufassen, die beinahe in unserer Einäscherung oder einem unschönen Karriere-Ende als Dunghaufen enden sollen. Ja Ufil, ich weiß, ich greife vor… ist ja schon gut! Also fange ich am Anfang an…

Der Anfang… Ramir ist so ein Arschloch! Ein Riesenidiot! Ein blöder Tunnelscheißer! Selbst ein Haufen Schlacke hat mehr Hirn… das ist Fakt! Baumficker, Laubbläser, Schotterhirn, Holzschmied… ach, ich könnte noch lang so weiter machen, so wütend bin ich! Aber ich besinne mich auf den alten Aberglauben. Wenn einem Zwerg einmal die Schimpfworte ausgehen, dann wird die Welt untergehen und alle Tunnel mit dünner Scheiße geflutet werden. Also besser nicht alle 267 offiziell anerkannten Schimpfworte für Elfen an Ramir verschwenden. Wir habe in der letzten Zeit genug Scheiße erlebt. Da muss ich nicht auch noch in welcher ertrinken.

Aber Ramir stirbt gerade. Selber schuld! Warum musste er auch auf den Mantikor schießen. Das dämonische Wesen hat auf alle Fälle mehr Intelligenz und Größe bewiesen als dieses spitzohrige Schamhaargesicht von einem Elfen. Hat den Hohlkopf, der ihm aus purer, unbegründeter Wut einen Pfeil in die Schulter gejagt hat, mit seinem Sägezahnmaul gepackt und wie ein Terrier eine Ratte kräftig durchgeschüttelt. Dann hat er ihn zerfetzt und blutend ausgespuckt und ist stolz erhobenen Hauptes wieder im Wald verschwunden, ohne uns andere, die wir sprachlos ob dieses grenzenlosen Leichtsinns zuschauten, ebenfalls anzugreifen. Hühne meint es heute wirklich gut mit uns!

Die Ruinen der weißen Stadt, am Waldrand, irgendwo mitten im Nirgendwo… ich muss auf einen der blutigen, stinkenden Schweinshundkadaver steigen, die sich um Ufils und meine Stellung aufgetürmt haben, um einen besseren Überblick über das „Schlachtfeld“ zu bekommen. Was für ein Massaker. Haben das wirklich wir angerichtet? Überall zwischen den weißen Mauer- und Säulenresten liegen Tote, abgehackte Gliedmaßen, hier und da windet sich auch noch ein Sterbender, kriecht über den Boden und stöhnt in seinem Leid. Scheißkerle, Mitleid hab ich nicht mit diesen elenden Sklavenjägern. Ich bewege meine schmerzende Schulter und spucke Blut auf den Schweinshund. Dieser erste Schweinshund, den ich niedermachte wäre fast auch mein letzter gewesen. So ein 200 Stein schweres Biest im Sprung mit dem Schild abzufangen, kann ich niemandem Empfehlen. Riss mich fast von den Füßen und prellte mir den Schild gegen Schulter und Schädel, das ich Sterne sah und Blut schmeckte. Aber gegen angelernte Reflexe kann man nichts machen… verdammt tut das weh! Aber wie mein Großväterchen immer sagt: Solange man noch Schmerzen spürt ist man zumindest noch am Leben.

Ich sehe Qurro, der neben einer Leiche kniet, sein Falchion an dessen Umhang abwischt es wegsteckt. Dann löst er die brauchbaren Pfeile mit den kostbaren Stahlspitzen aus den Körpern in der Nähe, schnuppert an jeder misstrauisch und steckt sie ein. Guter Wolfsmann! Ich habe noch nie so einen herausragenden Bogenschützen erlebt. Wusste auch garnicht, dass die Fellschnauzen überhaupt Bogen verwenden. Die mit denen ich früher zu tun hatte waren eher die Kategorie barbarische pelzige Keulenschwinger. Kaum cleverer als die Kampfhunde, die mein Clan so gerne im Krieg einsetzt. Aber ich wurde da nun eines besseren belehrt. Quro der edle Wilde… hah, auf den kann man sich wirklich verlassen. Denkt auch immer praktisch und logisch… apropos unzuverlässig, da vorne, hinter einer Säule liegt der Ramir. Ein Bein ragt über den weißen Marmor. Der Fuß zuckt noch… der lebt vielleicht noch! Mist, jetzt müssen wir uns um den kümmern.

Ich blicke zu Ufil, der sein Langschwert weggesteckt hat. Wie nennt er es nochmal? Irgendwas mit Wetter… Regenrinne? Windabweiser? Ach ja: „Sturmhauch“! Ich fand es ja schon immer befremdlich, einer Waffe einen Namen zu geben, weil es eher auf die Hand ankommt, die sie schwingt. Aber Ufils Kampftechnik ist echt unglaublich schnell. Kaum hat er einen Schlag ausgeführt folgt ein Wirbel und die Klinge jagt mit einer Drehung gegen einen zweiten Gegner. Das verstehe ICH unter echter Todesmagie. Nicht diese nekrophile Rumgemache mit Runen und so. Ufil betrachtet gerade interessiert einen abgetrennten Arm, bzw. untersucht die Hand daran. Er wackelt an den Fingern, überprüft sie gewissenhaft auf irgendwas, das nur er versteht. Dann verzieht er das Gesicht und wirft den Arm angewidert weg. Unbrauchbar, wie es scheint. Die Frage „Warum?“ liegt mir auf den Lippen, aber eigentlich will ich es lieber garnicht wissen. Also sage ich: „Hey Ufil, ich glaube der spitzohrige Spinner lebt immer noch. Sein Bein hat gezuckt! Vielleicht sollten wir mal nachsehen.“ Das scheint Ufil aufzumuntern. Sehe ich da Hoffnung in seinem Gesicht aufkeimen? Seine Neugier ist geweckt: „Kaum zu glauben! Dann wird es bestimmt nicht mehr lange dauern. Einem Elfen beim Sterben zuzusehen, ist eine seltene Gelegenheit.“ Er eilt hoffnungsfroh zu Ramir. Wie ein Kind, dem man ein neues Spielzeug hingehalten hat. Ich springe von dem Schweinshund runter und eile hinterher.

Fröhlich krächzend sammeln sich bereits die ersten hungrigen schwarzen Vögel in den nahen Bäumen, begierig auf das Festmahl, das wir ihnen hier aufgetischt haben. Krähen nennen die Oberweltler diese Tiere. Erfüllen hier den gleichen Zweck, wie die Leichenasseln und Fresswürmer bei uns in den Steingärten. Fressen den Kadavern das Fleisch von den Knochen, picken ihnen die Augen aus. Aasfresse! Krächz, krächz!

Auf Ramirs Augen, Nase und Lippen müssen sie wohl noch etwas warten. Er lebt wirklich noch, ächzt und wimmert, ist aber anscheinend nicht mehr bei Bewusstsein. Kein Wunder bei dieser Wunde. Buchmuskeln, und Gewebe sind zerfetzt. Darunter blubbern blutige Gedärme. Ufil kniet neben ihm und zerreißt einen erbeuteten Mantel um daraus einen Verband zu improvisieren. „Die Wunde ist echt brutal. Da sind auch Innereien zerrissen. Das dürfte interessant werden.“ Er stopft die Bandagen in den Bauchraum und wickelt Umhangstreifen um Ramirs Mitte. Der Verband saugt sich sofort mit Blut voll. Qurro steht wie ich daneben. „Ausbrennen!“ meine ich. „So macht man das bei uns. Zumindest könnten wir mit einem heißen eisen die Adern zuschmoren.“

„Lass mich mal machen!“ meint Qurro, schiebt Ufil beiseite und kniet sich über Ramir. Er schnuppert ausgiebig an der Wunde, und den blutigen Binden, bohrt eine Klaue in die Wunde, zieht sie zurück und leckt das Blut ab. „Zuhause habe ich den Heilern oft geholfen. Heilschlamm angerührt und Lehmverbände angelegt. Aber das hier ist was anderes. Ich rieche und schmecke Scheiße… Sein gekröse ist aufgerissen. Bei uns hätte der Schamane jetzt Kräuter verbrannt und Ramirs Geist auf die Anderswelt vorbereitet, bevor wir ihn zum Sterben in den Wald gebracht hätten. Das ist hier wohl keine Option.“

Ufil hat noch mehr Stoffstreifen zurecht gerissen. „Mal sehen, ob ich die Blutung irgendwie Stoppen kann. Aber wir können ihn eigentlich nicht bewegen. jede Anstrengung wird ihn wieder bluten lassen. Keine Ahnung wie wir ihn von hier fortschaffen wollen. Aber hier bleiben können wir auch nicht. Der Mantikor könnte jederzeit zurück kommen.“ Wir blicken alle unsicher zum Waldrand. Die Krähen Krächzen fröhlich. Es sind noch mehr geworden.

Ich blicke wieder runter auf Ramir und erinnere mich spontan an den ersten Menschen, den ich in meinem Leben kennen lernet. Der war auch ein Idiot. Wieso? Naja, er war schon nach zwei Atemzügen tot und lebte deshalb nicht lange genug um mich vom Gegenteil überzeugen zu können. Und ein Idiot war er, weil er völlig sinnlos schreiend gegen einen waffenstarrenden, zwergischen Schildwall anrannte und sich quasi selber auf meiner Pike aufspießte. Er gehörte zu einer Gruppe Banditen, die immer wieder unsere Handelszüge an der Oberfläche angegriffen hatten, so dass unsere Anführer sich für einen Einsatz der Garde entschieden hatten. Und man kann sagen was mann will, nichts besteht auf dem Schlachtfeld gegen eine disziplinierte, gepanzerte zwergische Kohorte. Der zweite Mensch den ich kennen lernte, war übrigens noch blöder. Er starb auf dem Spieß von Nurim Durimsohn, dem Krieger neben mir. Nurim wurde auch Schielauge genannt, seit er einen mächtigen Schlag auf den Schädel bekommen hatte…

Aber dieser zweite Mensch schaffte es irgendwie, mit viel Glück seinen Morgenstern in Nurims Gesicht zu schleudern und ihn regelrecht zu fällen. Wir mussten Nurim dann auf einer zusammengezimmerten Stangenschleife zurück zur Garnison schleifen… Sowas müsste ich eigentlich auch schnell zusammenbauen können, damit wir Ramir möglichst schmerzfrei transportieren können. Alles nötige Material liegt hier rum. Stoff und Lederstreifen und so. Und zwei junge, gerade Birkenstämme sind auch schnell gefunden und umgehackt. So kann ich mich nützlich machen, während die anderen beiden den verrückten Elfen weiter zusammenflicken. Da bin ich keine große Hilfe. Meinen Vorschlag, die Wunde Auszubrennen, haben sie ja geflissentlich ignoriert. Also schnappe ich meine Axt und mache mich an die Arbeit. Alles unter den kritischen Augen der wachsenden Krähenschar. Nebenbei werfe ich auch schonmal einen Blick auf die Ausrüstung der Toten. Alles zusammengewürfeltes Plündergut, vermutlich zusammengeraubt von ihren Opfern, die sie getötet oder in die Sklaverei verkauft haben. Aber einige wenige Sachen scheinen sogar recht wertig zu sein. Besonders auf die Waffen habe ich es als Schmied abgesehen. So viel  Eisen und Stahl. Was nicht brauchbar ist, kann ich später einschmelzen und zu neuen Klingen, Helmen und Brünnen verarbeiten… Ich mache die Stangenschleife etwas größer. Dann können wir neben Ramir noch was nützliches darauf packen. Und falls der Baumficker Ufils Kur nicht überlebt wird sie uns umso nützlicher sein…

Während ich arbeite blicke ich immer wieder zu Ufil und Qurro rüber. Ufil hantiert in Ramirs Bauch rum. Versucht die Wunde zu schließen und mit immer mehr Stoffstreifen zu fixieren. Ramirs angestrengtes Röcheln wird immer mehr zu einem blubbernden Hecheln. Ufil wirkt konzentriert. Kein eigenartiges Stöhnen wie bei der Behandlung von Qurros Fuß. Dabei hätte der dämliche Elf es wenigstens verdient zu leiden. Seine unüberlegte Aktion hätte uns alle das Leben kosten können. Ich merke, wie ich wieder wütend werde und reagiere mich an dem zweiten Birkenstamm ab. Die Krähen scheinen Ramirs Keuchen zu lauschen und krächzen erfreut von den Bäumen.

„Die Stangenschleife ist fertig!“ meine ich, froh etwas sinnvolles geschaffen zu haben. Zwei ernste Gesichter blicken mich an. Ich starre auf Ufils Nase… ein Blutstropfen hat sich an der Spitze gesammelt und droht herunterzufallen. Ufil wischt sich mit einer bluttriefenden Hand den Schweiß von der Stirn. Ein weiterer Blutstropfen rinnt die Nase herab und gesellt sich zu dem anderen. Beide tropfen herab… Zurück auf ihren flach hechelnden früheren Besitzer. „Die Arbeit hättest Du dir vermutlich sparen können. Ich kriege die Blutung nicht gestillt. Hab alles probiert, was ich kann, aber das bringt nichts mehr.“ Die Krähen flattern in den Bäumen aufgeregt herum und ihr Krächzen klingt irgendwie erwartungsvoll.

Wir blicken alle auf den sterbenden Elfen herab. Jetzt reicht es, denke ich. Jetzt muss ich halt ran. Na gut, ich hab wirklich keine Ahnung von der Anna… Anota… ach egal! Ich weiß eben nicht, wie so ein Elf von innen aufgebaut ist. Aber schlimmer kann ich es nun auch nicht mehr machen: „Sucht schon mal Feuerholz und ein langes Eisenmesser. Wir versuchen es jetzt mit einer heißen Klinge.“ ich räume eine Fläche neben Ramir frei um dort ein kleines Feuer zu entfachen. Nach kurzer Zeit brennt eine Flamme und ich halte ein geplündertes, dreckiges und schartiges Messer hinein. Die Hitze brennt allen Dreck weg und ich spüre das immer heißer werdende Eisen durch die Lumpen, die ich zum Schutz um den Griff gewickelt habe. Der Geruch von heißem Eisen stimmt mich irgendwie fröhlich und ich ertappe mich dabei, wie ich die Melodie von „Zehn dürre Elflein!“ vor mich hin pfeife. Pietätlos? Nö! Als die Klinge richtig schön glüht spucke ich einmal drauf. Zischend verdampft die Flüssigkeit. Na dann mal los…

Qurro hält Ramir fest und Ufil entfernt die blutigen Verbände. Sofort pumpt irgendeine Ader einen Strahl Blut aus der Bauchöffnung. Ich muss mir mit dem Handrücken das Blut wegwischen. Was haben die da bloß angestellt? Sieht ja schlimmer aus als vorher! Aber jetzt machen wir es auf Zwergenart! Kann ja auch nicht komplizierter sein als das Versiegeln von leckenden Bleirohren. Das macht man auch mit einem glühenden Lötstahl… Ich stoße das glühende Eisen in die Wunde. Es zischt, es qualmt, es stinkt nach verbranntem Fleisch und Ramir verkrampft sich in Qurros Griff. „Riecht ein bisschen nach der gebratenen Blutwurst im „dunklen Loch“, meiner Lieblingstaverne zuhause. Mein Magen knurrt. Die Krähen in den Baäumen krächzen fröhlich. Eine erste Mutige flattert interessiert herab und beäugt uns von einem Mauerrest in der Nähe. Krächz, krääääächz!

So ein Dreck! Das Blutet weiter. Viel hilft viel, denke ich, und bringe die Klinge wieder in der Flamme zum Glühen. Und nochmal! Zischen, Blutwurstgeruch, Magenknurren, Keuchen, Krächzen…

So schnell gibt ein Zwerg nicht auf! Dann eben nochmal! Das zwischen mir und dieser blutspritzenden Ader ist jetzt was persönliches. Schweiß perlt mir von der Stirn und ich nehme meinen ganzen Willen zusammen (ich aktiviere mein Volkstalent und Strapaziere zum zweiten mal). Ich wünschte, ich hätte jetzt etwas Lötblei. Eisen zum glühen bringen, Ader anvisieren. Es zischt, ich mag keine Blutwurst mehr riechen! Nie wieder! Diesmal ein Aufbäumen des Elfen, es zischt weiter. Ich lasse die glühende Klinge extra lange im Bauch. Nehme sie weg. Das Scheißrohr leckt noch immer. „Bei Hühnes Eiern! Dann eben nochmal!“ Ich will die Klinge nochmal erhitzen, aber Qurro hält mich auf. „Vergiss es Zwerg! Das bringt nichts!“ knurrt er. Ich bin wütend. Diesmal auf mich selber. „Und was machen wir jetzt? Lassen wir ihn verbluten?“ Ufil meint „Wir können ihm nicht helfen. Keiner von uns weiß, wie wir diese Schweinerei zusammenflicken können.“ Ich frage ihn, ob er nicht Magie einsetzen kann. Ufil schüttelt den Kopf „Meine Art von Magie hilft hier nichts. Erst wenn er tot ist kriege ich ihn wieder auf die Beine. Aber bis dahin sind es noch ein paar Stunden.“

Qurro verscheucht die eine mutige Krähe von der Mauer. Sie fliegt zurück zu ihren wartenden Artgenossen auf einen Baum. Portestierendes Gekrächze. Ich mag diese Viecher nicht. Asseln sind mir lieber. Die machen nicht so einen Lärm.

Wir stehen hilflos um Ramir herum und überlegen, was wir tun können. Wir müssen Hilfe finden. Ramir atmet nur noch flach, das Gesicht ist Kreidebleich, die Lippen ganz blau. „Der Blutverlust“ meint Ufil. Ramir brabbelt, scheint in eine Art Fieberwahn verfallen zu sein. Flüstert irgendwas von Fliegen und weißen Türmen, einer weißen Burg. Tatsächlich summen schon die ersten Schmeißfliegen über die toten Körper. Widerlich!

Ufil räuspert sich. „Also gut! lasst uns schnell an Beute zusammenraffen was geht und dann schleifen wir Ramir zum nächsten Dorf oder was auch immer wir finden. Uns bleiben höchstens noch ein paar Stunden.“ Zustimmendes Nicken von Qurro und mir. Zustimmendes Gekrächze aus den Bäumen.

Wie gut, dass ich vorher schon eine grobe Auswahl getroffen habe. Auch wenn wir das meiste jetzt zurücklassen müssen. Danke auch dafür Ramir! Hättest Du nicht einfach ordentlich und schnell abkratzen können. Jetzt müssen wir auch noch unter Zeitdruck arbeiten.

Ich nehme ein Kurzschwert in einer verbeulten brünierten Metallscheide an mich. Die Klinge trägt zwergische Zeichen und ist breit und mit einem veralteten einschneidigen Schliff des Meromannen-Clans versehen. Alt, zerkratzt und etwas schartig, liegt aber gut in der Hand. Der Griff wurde stümperhaft von Menschen ersetzt, aber den kann ich später austauschen und die Klinge polieren bis sie wieder wie neu ist. Ich schnalle die Klinge an meinen Waffengurt. Die restlichen Waffen sind eh nur nutzloser Plunder. Bei den Kurzbögen finde ich einen kleinen, geschwungenen, wie ihn die Reiter der Ebenen verwenden, in einem dreckigen, bestickten Lederfutteral. Aber die Pfeile sind größtenteils Schund. Keine Kriegspfeile. Muss ich später noch kaufen. Aber der Bogen gefällt mir. Seine Verleimung erinnert mich an gefalteten Stahl. Jetzt muss ich nur noch Schießen üben. Eine lange Holzpfeife nehme ich auch noch mit. Könnte von Halblingen gefertigt sein. Liegt toll in der Hand. Der einzige Tabak, den ich finde ist aber vollgeblutet.

Ufil sucht nach einem Helm. Doch die Lederkappen, die er anbringt sind billiger Scheiß und außerdem voller Läuse. Aber er findet eine offene Eisenhaube, die sogar passt. Aus rostfreiem Stahl wie sich zeigt, nachdem er den Dreck etwas abgerieben hat. Muss ein altes Stück sein, vielleicht aus der Zeit vor dem Blutnebel, als die Menschen sowas noch herstellen konnten und rostfreier Stahl für die Rostkirche noch kein Sakrileg war… und Läuse sind auch keine dran. Leder und Läuse oder Stahl und Sakrileg? Für Ufil eine leichte Entscheidung.

Dann schleppt er noch diverse Kapuzenmäntel an und reißt die Kapuzen ab. Was will er bloß mit einem halben Dutzend Kapuzen? Die längste Zeit benötigt er um zwei Hände auszusuchen, die ihm gefallen. Zufrieden schneidet er sie ab um sie in Stoff einzuwickeln und in seinem Rucksack zu verstauen…

Qurro interessiert das alles wenig. Ich konnte nicht erkennen, dass er irgendwas sinnvolles an sich genommen hätte, mit Ausnahme des Falchions, das er auf dem Schlachtfeld aufgelesen hatte um den letzten Gegner niederzustrecken. Ein hässliches, primitives Teil, extrem frontlastig und schwer. Fast schon eine Axt, so dick ist die Klinge.

Ansonsten finden wir noch 17 Kupferstücke und ein bisschen billigen Tand, aber nichts von Wert.

Schade, dass wir alles andere zurück lassen müssen. Hätten wir bloß mehr Zeit gehabt. Aber wir müssen los, wenn wir noch rechtzeitig Hilfe finden wollen. Wir schnappen uns die Stangenschleife mit Ramir und marschieren nach Westen, weg von dem Schlachtfeld und den weißen Ruinen. Die Krähen krächzen erfreut durcheinander und fliegen von den Bäumen herab zu ihrem Festmal. Das aufgeregte Krächzen verblass langsam hinter uns… Ich mag keine Krähen.

Es kann noch immer schlimmer kommen… oder: Na schöne Scheiße!

Ufil macht den Späher, ich führe die Gruppe auf dem vermeintlich besten Weg am Waldrand entlang und wechsle mich mit Qurro beim ziehen von Ramir ab. Links der dunkle Wald, rechts die hügelige Ebene, hier und da von kleinen Birkenhainen bewachsen. Kleine dunkel wendige Vögel mit sichelförmigen Flügeln ziehen tief über den wogenden Gräser ihre blitzschnellen Kreise. Jagen vermutlich Insekten. Schwalben nennt man die wohl. Diese Schwalben mag ich. Erinnern mich ein bisschen an die Fledermäuse zu hause. Und sie fressen diese fiesen, blutsaugenden Insekten, die  in Wolken über dem Grasland tanzen.

Unsere Stangenschleife funktioniert gut. Ich erfreue mich an den beiden perfekt auf die gleiche Länge gestutzten Birkenholzstangen, dem spitzwinkeligen Dreieck, das sie bilden, dem Muster der gleichmäßig verflochtenen Stoffstreifen auf denen Ramir gut gefedert seine letzten Stunden verbringen kann. Gute, solide, ordentliche Handwerkskunst… lediglich durch den immer noch blutenden Elfen verunstaltet. Ich lasse meinen Blick über den Rest der Gruppe gleiten. Was für einen erbärmlichen Haufen wir doch abgeben: verletzt, erschöpft, dreckig… mit geronnenem Blut bedeckt, fremden, dem eigenen und Ramirs. Ich wedle einige Fliegen weg. Auch das noch! Wenn wir hier auf irgendeine hilfsbereite Seele treffen sollten, wird die sich vermutlich in Panik zur Flucht wenden. Und vermutlich wird unser Geruch jedes Raubtier in einer Meile Umkreis anlocken.

Ich merke wie in mir wieder die Wut auf den Elfen hochkocht. Also reagiere ich mich ab, indem ich damit anfange pro Schritt, den ich zurücklege eines der 267 offiziell erfassten Schimpfwörter aufzusagen, das mein Volk für Elfen ersonnen hat. Wir haben auch welche für Menschen (98) und Orks (nur 32) und sogar für andere Zwerge (77) und für alle möglichen Situationen, in denen man eben mal ausgiebig fluchen muss (636). Und ja, sie sind alle durchnummeriert. Deshalb kennen unsere Kinder schon alle Zahlen, noch bevor sie mit 7 in die Ausbildung kommen. Sehr sinnvoll finde ich! Und man kann Leute beleidigen, indem man ihnen einfach eine Zahl an den Kopf wirft.  Wenn ein zwergischer Geschäftpartner dich also freundlich anlächelt und höflich und mit Verbeugung als einen echten 568er bezeichnet, wäre es eigentlich angebracht die Klinge zu ziehen und die Ehre deiner Mutter, deiner Schwester und deiner Ziege mit Blut zu rächen…

Es ist keine leichte Sache unsern Elfen durch die Hügel zu ziehen. Wir müssen ja auch noch unsere Rucksäcke, Waffen und sonstige Ausrüstung schleppen. Und keiner von uns ist wirklich unverletzt. Zumal Qurro noch immer unter seiner noch nicht verheilten Fußverletzung zu leiden hat. Und auch Ufil kann auf seiner primitiven Holzprothese nur mühselig und langsam voranhumpeln. Vermutlich geht es mir noch am besten. Da zeigt sich wieder mal, das so ein langer schmaler Körper, wie der von Menschen doch auch extrem anfällig ist. Vermutlich brauchten die Götter einfach ein paar fehlerhafte Versuche, bis sie den perfekten Körper meines Volkes erschaffen konnten. So wie man als Schmied erstmal ein paar ein paar Anläufe braucht, bis man ein ordentliches Werkstück erschaffen kann.

„Blätterfresser! Gründenker! Eisenverderber!“ Ich bin gerade zum fünften mal bei Elfenschimpfwort 213 angekommen. Ufil ist auf einen Hügel vorausgehumpelt und hebt den Arm. Er hat was entdeckt. Wir schleifen unsere Last ebenfalls den Hügel rauf und dann sehen auch wir es. Dort am Waldrand sind Gebäude. Ein großes Gehöft mit Seitengebäuden, Stallungen und Koppeln. Wir eilen darauf zu, so schnell es unsere Last erlaubt. So viel Glück kann man doch nicht haben.

Haben wir auch nicht. Je näher wir kommen, desto klarer erkennen wir, den maroden Zustand der Gebäude. Die Dächer eingestürzt, die Mauern geschwärzt von Ruß, verkohlte Balken. Da hat es wohl gebrannt. Wir werden langsamer, halten unter einer alten, ausladenden Eiche. Auf den Wiesen liegen die Reste von Rindern. Bleiche Knochen, an denen noch vertrocknete Fleisch und Hautfetzen hängen. Auch teilweise angekohlt. Warum haben sich die Aasfresser nicht schon längst die Reste geholt. Ich habe ein ganz beschissenes Gefühl und sehe an den Gesichtern meiner Kameraden, dass ihnen gerade das gleiche durch den Kopf geht. Wir blicken wieder zum Haupthaus. Da hat sich doch was bewegt. Quros Nase zuckt aufgeregt und er zieht die Luft tief ein. Ich sehe, wie sich sein Nackenfell sträubt. Der Schweif sinkt herab und klemmt zwischen den Beinen. Was bei Hünes behaarten Eiern…

In dem dem Haus ist etwas großes. Etwas verdammt großes! Ich kann sehen, wie es eine Wand nach außen drückt, einfach nur weil es sich bewegt. Wir hören ein rasselndes Geräusch. Ratsch, Ratsch! Das ding kratzt sich an der Hauswand den Rücken. Dann verharrt es und wir hören, wie es tief die Luft einsaugt. Und ein Kopf so groß wie ein Fuhrwerk erscheint über den Ruinenwänden. Zähne, lang wie Schwertklingen, Hörner, lang wie Speere…

Der erste Gedanke, der mir kommt: Rasier mich und nenn mich Gnom! Ein Drache! Ein echter, riesiger Drache!

Mein zweiter Gedanke: Oh verflucht! Ein Drache! So viel Pech kann man doch nicht haben!

Mein dritter Gedanke: Bitte, Hüne… lass mich nicht zusammen mit einem Elfen als ein Haufen Drachendung enden!

Wir blicken uns alle an und sind uns ohne Worte einig: nichts wie weg. Noch hat er uns nicht entdeckt… Aber bis zum Wald sind es ein paar hundert Schritte. Hinter die nächsten Hügel ebenso. Keine Deckung… dann schiebt sich der Drache über die Außenwand der Hofruine, begräbt sie krachend unter sich, dass die verkohlten Balken nur so fliegen. Er hat uns entdeckt! Hat vermutlich das Blut gewittert. Groß wie ein Haus, mit langem Hals, langem Schwanz rennt er unglaublich schnell auf uns zu, breitet die riesigen Schwingen aus… na toll fliegen kann der auch noch. Die Erde bebt unter den donnernden Schritten der Bestie, die Eiche wackelt, Eichen prasseln auf uns herab. Wegrennen bringt nichts. Nicht mit den beiden Fußlahmen und dem bewusstlosen Ramir. Kämpfen in unserem Zustand… vollkommen sinnlos! Tot stellen funktioniert auch nicht. Verstecken? Keine Chance! Wir blicken uns hektisch an. Ich blicke auf den bleichen sterbenden und völlig ahnungslosen Elfen, der in seiner schön gefederten Trage sanft hin und her gewogen wird… Was für ein Tag! Eine Übermacht besiegt, von einem Mantikor zerfetzt, allen Heilversuchen getrotzt und dann noch zum Abschluss von einem Drachen verspeist. Ramirs Götter scheinen heute Urlaub zu machen… Zeit zu sterben! Für uns alle!

Wir stehen alle wie gelähmt da. Die Füße und Beine wollen sich bewegen, aber sie tun es nicht. Es ist als würde man mitten in den Bergen an einem schneebedeckten Hang stehen und sieht die Lawine auf sich zukommen. Eine riesige Wand von Schnee, die das Blickfeld komplett ausfüllt. Rennen macht einfach keinen Sinn und man weiß, das jetzt das Ende kommt. Nur das unser Ende nicht kalt wie Schnee auf uns zurollt sondern heiß und donnernd wie ein gewaltiger, glühender Schmelzofen auf Beinen… Ich dachte immer, das mir in so einer letzten Situation noch ein trotziger, markiger Spruch über die Lippen kommen könnte, aber mir fällt einfach nichts ein, außer „Na schöne Scheiße!“

Und dann ist der Drache auch schon da. Grassoden fliegen, Erde prasselt gegen meinen Schild wie Hagel. Der Boden erzittert als das Monster seine speerlangen Krallen in ihn hinein gräbt und eine Vollbremsung hinlegt und sich vor uns aufbaut. Ich spüre und rieche die Hitze, die von dem gewaltigen Körper ausgeht. Die Farbe der geschuppten Drachenhaut, ein dunkles Grün, mit rostroten Streifen und  einem leuchtend kupferroten, hornigen Rückenkamm. Am Bauch und der Unterseite des Halses heller. Da ist der Drachenpanzer vermutlich auch dünner. Aber immer noch dick genug für eine Axt. Der Kopf auf dem langen Hals schwebt über uns, heiße Glut pulsiert rythmisch tief in seinem Schlund, gleich wird er zuschnappen oder uns zu Asche verbrennen…

Die Zeit steht still, die Welt hält den Atem an, ich blicke ein letztes mal auf Quro, der mit offenem Maul nach oben starrt, dann weiter zu Ufil. Seine Lippen bewegen sich als würde er sprechen, aber meine Ohren sind scheinbar taub. Ich höre seine Worte nicht. Aber er ruft dem Drachen etwas zu… Was will er dem den jetzt noch sagen? Guten Appetit? Friss den Zwerg zuerst?

Und dann hören wie alle die Stimme in unserem Kopf. Seltsam schnurrend und donnernd zugleich, dass einem die Zähne im Kiefer vibrieren: „SIEH AN, EIN WOLFLING, EIN MENSCH UND EIN STERBENDER DES ALTEN VOLKES. WELCH SELTSAMER ANBLICK.“ Ist ja klar, der Zwerg wird wieder mal ignoriert. Typisch Drache! Arrogante Bastarde!

Jetzt kann ich auch Ufils Stimme wieder hören. Er spricht wirklich mit „Kupferrücken“: „Oh Mächtige (er hält das Wesen wohl für weiblich)! Unser sterbender Freund hier braucht dringend Hilf. Er stirbt! Könnt ihr ihn retten oh Mächtige?“

„DER LEBENSFUNKE DES ELFEN IST SCHWACH. SEHR SCHWACH“ donner-schnurrt die Stimme in unseren Köpfen. „JA, ZU HELFEN VERMAG ICH IHM. DOCH ALLES HAT SEINEN PREIS!“ Ich spüre, wie mich der Blick des Drachen durchbohrt. Oha, doch nicht ignoriert!

Dann fixiert der Drache Ramir. Der Körper des Elfen zuckt zusammen, als hätte man ihm eine Schlag verpasst. Dampf steigt von seinen Verbänden auf. Dann fangen sie Feuer. Sein Blut wirft Blasen und der Elf scheint wie in einem inneren Feuer zu glühen. Wir können seine Knochen wie dunkle Schemen vor der inneren Glut erkennen. Ramir schreit wie am Spieß. Die Wunde dampft und schließt sich. Zurück bleibt nur eine wulstige, halbmondförmige Narbe auf der Brust und am Rücken, groß wie ein Mantikorkiefer. Aber es scheint noch mehr zu passieren. Ramir schlägt die Augen auf. Sie pulsieren rot im gleichen Rythmus wie die Glut im inneren des Drachen. Seine Lippen formen Worte, doch kein Laut dring über sie an unsere Ohren. Fast ist es wie ein Zwiegespräch, das Drache und Elf führen. Worte, die nur sie vernehmen können. „SO SEI ES! DER PAKT IST GESCHLOSSEN! LEBT! WIR SEHEN UNS BALD WIEDER!“ donner-schnurrte es dann wieder durch unsere Köpfe. Dann breitet das Monstrum die Flügel aus und schwingt sich mit einem Sprung in die Luft. Ein Flügelschlag und Sturmwind peitscht uns entgegen, reißt uns von den Füßen und wirbelt uns wie Herbstlaub durcheinander. Weitere Flügelschläge, immer entfernter… der Drache fliegt in Richtung Wald und verschwindet hinter den Baumkronen und im Dunst des „Leichentuchs“.

Ufil stemmt sich wieder auf die Beine. „Ist er wirklich weg?“ frage ich unter ihm, das Gesicht im Dreck, die Finger in den Boden gekrallt. „Sieht so aus!“ Ich richte mich zittrig wieder auf.

„Was für ein Wahnsinn hat dich nur geritten, den Drachen anzusprechen?“ Ufil klopft sich den Dreck von den Kleidern. Ein sinnloses Unterfangen bei dem ganzen getrockneten Blut. „War einen Versuch wert. Hattest Du denn eine bessere Idee? Nein! Na also! Lass uns mal nach Ramir sehen.“ Den Elfen hat es von der Trage geweht. Er liegt ein paar Meter weiter am Boden. Seine Kleider wirken irgendwie angesengt und bröselig. Wie durch zu große Hitze ausgedörrt. Er ist halb bei Bewusstsein und murmelt vor sich hin: „Muss meditieren! Nur ein paar Stunden.“ Seine Haut fühlt sich heiß und fiebrig an. Einen Nachwirkung der Drachenmagie?

Ist mir aber auch gerade scheißegal! Ich habe ein ganz anderes Problem: Hat Ufil mich etwa vor einem Ende als Drachenhaufen gerettet? Quasi vor dem sicheren, unwürdigen Tod durch Verdauen? Indem er sich völlig selbstlos vor dem Drachen aufgebaut hat und ihn mit worten aufhielt. Das wäre ja ganz und gar furchtbar! Wir sprechen hier von einer Lebensschuld! Nicht sowas simples, wie auf dem Schlachtfeld eine feindliche Klinge abwehren, die dem Mann neben einem galt. Hier geht es um die Rettung vor einem sicheren, absoluten Tod! Wenn ja, dann säße ich jetzt echt in der Klemme, denn mein Clan nimmt sowas sehr ernst! Das würde bedeuten, ich müsste die Lebensschuld irgendwie zurück zahlen. Durch eine ähnliche Tat oder bei einem Drachen durch mindestens 9 kleinere lebensverlängernde Taten… Ach herjeh!!! Hüne, warum tust Du mir sowas an? Habe ich in einem früheren Leben irgend etwas gottloses getan? In eine Esse gepinkelt oder so was? Ich bin einfach zu fertig, um das jetzt im Detail zu klären, aber sobald ich wieder klar im Kopf bin, muss ich darüber nachdenken.

Völlig fertig schleppen wir uns in die Ruine des Gehöfts um dort zu lagern. Wir stehen alle noch unter Schock und verständigen uns nur mit ein paar Grunzern, und den allernötigsten Worten. Alle Hangriffe laufen wie in Trance ab. ich bin so fertig, dass ich sogar vergesse, unsere Schlafsäcke nach Größe sortiert auszurollen. Immerhin habe ich aber nicht vergessen die Schlafplätze mit zwergischen Runen durchzunummerieren. Vermutlich merkt das aber eh keiner von den anderen. Dämliche Ignoranten!

Leider ist der Brunnen verschüttet und wir müssen von unseren Wasservorräten trinken, aber der Boden auf dem der Drache geruht hatte fühlt sich dafür angenehm warm an. Ein wärmendes Feuer ist garnicht nötig. Wir haben alle einen Bärenhunger und essen von unseren Vorräten. Ich genieße den letzten Rest meines guten alten Fleischkäses. Der nussige Geschmack der Maden erinnert schmerzhaft an Zuhause. Und Ufil verspeist sein letztes bisschen trockenes Brot. Morgen müssen wir die Vorräte aufteilen oder anderweitig aufstocken. Ob die anderen zwergisches Pilzbrot zu schätzen wissen? Die Banausen werden den Schimmel bestimmt abkratzen, dabei ist der doch das Beste daran. Ufil hält die erste Wache. Er ist so geschafft, dass er kurz mal einnickt, die Nacht ist jedoch, Hühne sei Dank, ruhig. Aber es ist auch unwahrscheinlich, dass sich irgendeine gefährliche Kreatur an ein Drachenlager heranpirscht, selbst wenn der Drache schon fort ist. Ufil weiß dass, denn er kann noch immer die wilde Kraft der Drachenmagie spüren, wie er uns mindergeistigen, weniger begabten Nicht-Todesmagiern wissen lässt. Der Drache hat hier anscheinend länger gelegen. Ramir meditiert und Quro und ich versuchen zu schlafen. Ich bin so erschöpft, dass ich trotz der ganzen Erlebnisse fast sofort wegdämmere.

Nach ein paar Stunden erwacht Ramir aus seiner Mediatation und ist topfit. Er übernimmt den Rest der Wache, die auch ruhig verläuft. Nur einmal meint er tief im Wald ein feuriges weißes Aufblitzen zu sehen.

In dieser Nacht habe ich eigenartiger weise nicht von Drachen geträumt. Statt dessen von Regen. Wasser das vom Himmel und mir im Schlaf auf den Kopf und ins Gesicht fällt… Wie ich schon früher mal erzählte kann ich Regen nicht viel abgewinnen. Vermutlich weil es in meiner Welt unter den Bergen einfach nie regnet. Als ich am Morgen wach werde stelle ich mit Erleichterung fest, das alles trocken ist. Ich auch. Dafür hat mir irgendein verdammter Vogel ins Gesicht gekackt! Widerlich! Scheißvögel!

Ich wische mir die Scheiße so gut es geht aus dem Bart und schwöre, das ich mir als nächstes eine Zeltplane besorgen werde. Unter freiem Himmel zu schlafen ist einfach nicht mein Ding.

Auch wenn der Morgen trocken ist, die Luft klar und frisch, ich fühle mich unwohl, wie nach einer durchzechten Nacht. Haben wir das gestern wirklich alles erlebt oder ist es ein fiebriger Traum gewesen? Mantikor, Gemetzel, Drachen, Elfenglühen? Dann sehe ich das ganze verkrustete Blut an Bart, Kleidung und Händen, den fremden neuen Bogen, der an meinen Rucksack geschnallt ist und ziehe das erbeutete Kurzschwert aus der Scheide. Ich presse den kühlen Stahl an meine Stirn. Das ist echt! Dann entdecke ich die neue Scharte in meiner Axt, neue Kratzer auf meinem Schild… und Ramir erwacht aus seiner Meditationsstarre. Die wulstige Halbmondnarbe leuchtet auf seinem Bauch. Alles kein Traum gewesen. Keine durchsoffene Nacht! Leider!

Kennt Ihr das auch? Im einen Augenblick kippt man noch fröhlich und ausgelassen seinen zwanzigsten Krug Starkbier und dann findet man sich plötzlich mit brummenden Schädel, schmerzenden Knochen und halbblind in einer Trümmerwüste wieder und fragt sich, wie das halbe Schwein da auf den Kronleuchter gekommen ist und wo die vordere Hälfte davon geblieben ist. Und warum sitzt man eigentlich zusammen mit Otho Dreischlag in einem leeren mit Armbrustbolzen gespickten Badezuber, sind das wirklich ein Dutzend weiße Ziegen im Schankraum? Wer hat denen die Zielscheiben mit roter Farbe auf die Seite gemalt? Mich überkommt dann immer ein kurzer Anfall von Paranoia. Und danach ein starker Drang noch mehr zu trinken, gefolgt von dem Gedanken „Naja, hätte auch schlimmer kommen können!“

So ähnlich ging es mir jetzt auch. Nur dass weit und breit kein Krüglein Bier in Sicht war. Ramir streckt sich, mach ein paar Dehnübungen und ich habe das Gefühl, dass er mich dabei heimlich beobachtet. Keine Ahnung was er will. Vielleicht sich bedanken? Ufil schläft jetzt um für den weiteren Marsch fit zu sein. Qurro hat sich in einer Ecke der Ruine wie ein Hund zu einem großen Fellknäul zusammengerollt und macht im Schlaf komisch, japsende Geräusche. Hört sich lustig an und ich muss grinsen. Ich ignoriere Ramir der jetzt Wache hält und versuche getrocknetes Blut von meiner Kleidung zu kratzen. Ein ziemlich sinnloses Unterfangen. Muss wohl bei nächster Gelegenheit gewaschen werden. Dem schwarzen Wollstoff macht Blut zum Glück nicht viel aus. hat schon einen Grund warum die Kampfkleidung meines Clans schwarz ist… Dafür sieht man darauf die Vogelkacke.

Also mache ich mich dran, meine restliche Ausrüstung zu überprüfen, alles auszupacken und neu im Rucksack zu verstauen. Irgendwie beruhigt mich das. Keine Ahnung warum. Dann versuche ich diese verdammte neue Scharte aus meiner Axt herauszuschleifen und das gute Stück wieder scharf zu bekommen. Aber mein alter Schleifstein zerbricht. Schöner Mist.

Das war hier doch ein großer Bauernhof am Arsch der Welt? Die müssen hier zumindest eine einfache Werkstatt und vielleicht sogar eine Schmiede gehabt haben. Vielleicht gibt es hier ja noch irgendwas Brauchbares, das der Drache nicht zerschmolzen oder zerquetscht hat. Und tatsächlich finde ich ein paar einfache Werkzeuge und einen guten Schleifstein. Was für ein Glück! Ich packe alles ein und fange an meine Axt zu schärfen.

Während ich den Stein gleichmäßig über die Klinge führe denke ich nochmal darüber nach, was uns hier widerfahren ist. Eine Begegnung mit einem Drachen überlebt man nicht so einfach! Und erst recht sind einem diese Monster nicht behilflich. Irgendwas daran ist faul! Entweder sind wir die größten Glückspilze der Geschichte, oder das Schicksal und die Götter sind einfach noch nicht fertig mit uns. Ich tippe mal auf letzteres. Und ja, es kann schon sein, dass ein Drache aus purer Nettigkeit einem Elfen das Leben rettet, aber dass er einen Zwerg ungeschoren davon kommen lässt… die Chance geht gegen Null! Was ist da also zwischen „Kupferrücken“ und dem Elf passiert? Ich muss später mit den anderen darüber reden und dann müssen wir Ramir irgendwann zur Rede stellen. Jetzt kann man ihm noch weniger trauen als vorher. Und die Sache mit dem drachenberührten, geheilten Elfen stinkt ganz einfach nach oben… äh zum Himmel. Und wie mein Opa schon immer sagte: „Mein kleiner Bullwai, Du musst einem Ork nicht noch das Stinken beibringen!“

Und mein Opa hatte immer Recht und einen weisen Spruch auf den Lippen. War ein echt kluger Mann und außerdem einer der geschicktesten Kämpfer meines Clans. In seinen fünfzig Jahren als Wächter hat er zahllose Gefechte überlebt, weil er eben wusste, wie man sich nicht treffen lässt. Er hat mir alles beigebracht und gezeigt, wie man Schild und Axt RICHTIG benutzt und Angriffe am besten abwehrt. Er sagte immer: „Junge, bei Deiner massigen Statur solltest Du dir nicht Gedanken darüber machen, wie Du Deine Gegner am schnellsten erledigst, sondern wie Du verhinderst, dass Sie Dich treffen!“ Ach ja, mein armer Opa, ein wirklich großer Kämpfer, ungeschlagen und zäh wie ein alter Drachenknochen… aber am Ende ist er dann leider im Suff in eine Löschzisterne gefallen und ertrunken…

Ich schleife noch Kurzschwert und Messer nach und überprüfe meinen Schild auf Schäden. Ein paar Kerben und Kratzer mehr, aber sonst nichts dramatisches. Gute zwergische Wertarbeit eben. Die hält was aus, ganz anders als das einfache Zeug, das die Menschen heute herstellen. Für die hat der Blutnebel alles verändert. Sie haben unwahrscheinlich viel verlernt und vergessen.

Nach ein paar Stunden ist auch Ufil ausgeschlafen. Ihm hat die Ruhe echt gut getan. Auch wenn Ufils Gesichtsfarbe von einem gesunden Madenweiß zu einem etwas ungesunderem dunkleren Teint gewechselt ist. Hab mal gehört, sowas soll durch die Sonne kommen, dass es aber nicht gefährlich oder gar ansteckend ist. Könnte bei Ufil aber auch einfach nur Dreck und getrocknetes Blut sein. Er hat gerade nochmal eine der geplünderten, abgehackten Hände ausgewickelt und untersucht. Schnuppert an ihr. Zieht einen billigen Hornring vom Mittelfinger der Hand und schmeißt ihn weg. Dann entfernt er Dreck unter einem Figernagel. Richt an den Fingern, nickt mit Kennermiene und wickelt die Hand wie eine Kostbarkeit ganz vorsichtig wieder ein… wenn ich nur wüsste, was er damit vor hat.

Quro hat auch sein Bündel ebenfalls geschnürt und seine letzten spärlichen Pfeile griffbereit zurechtgerückt. An dem pelzigen Bogenmeister bleibt Schmutz irgendwie nicht haften. Nach dem Aufwachen einmal ordentlich Strecken und ausgiebig Schütteln und das Fell ist sauber. Er schiebt sich ein dickes Stück Zweig oder Wurzel zum Kauen ins Maul. Das schärft die Zähne und hält sie frei von Zahnfäule sagt er. Er bietet mir auch ein Stück Ast an. Hat da eine ganze Auswahl von unterschiedlichen Kauhölzern. Ich lehne dankend ab. Dieses Oberländische Zeug mag ich einfach nicht. Mir ist ein Streifen geräuchertes, getrocknetes Nacktmull-Leder mit einer Prise zerriebener Holz- oder Steinkohle irgendwie lieber.

Und auch Ramir merkt man überhaupt nicht mehr an, dass er erst vor einigen Stunden noch mit dem Tod gerungen hat. Drachenzauber hin oder her, Elfen sind tatsächlich verdammt zäh? Die wirken so zerbrechlich mit ihren schmalen, hohen Körpern. Aber der äußere Schein trügt wohl und sie können selbst solch schreckliche Wunden schnell ausheilen. Gut das zu wissen. Wenn man mal einen Elfen töten muss, sollte man am besten zur Sicherheit immer den Kopf abtrennen. Der kann bestimmt nicht nachwachsen!

Wir sind bereit aufzubrechen, aber wohin sollen wir jetzt ziehen. Was ist unser Ziel. „Wir müssen immer noch Arn befreien und auch die beiden Kinder. Haben wir versprochen!“ meine ich. Ufil ist der gleichen Meinung „Ohne Arn geht der Turm Olse vor die Hunde. Aber wir wissen nicht, wo dieser Feilscher, der hohe Rostbruder, von dem die in der Knochenmühle gesprochen haben, lebt. Und dort wollten sie ja Arn hinbringen.“ Wir haben also ein Problem. Wir müssen irgendjemanden finden und nach dem Weg zum Feilscher fragen. Ich meine “Den Weg, den wir gekommen sind müssen wir nicht zurück gehen. Da war weit und breit keine Siedlung und kein Hof.“ Also entscheiden wir, Richtung Nordwesten zu marschieren und irgendwie wieder einen Bogen zur Knochenmühle zu schlagen, „…bis wir auf ein Dorf oder ein Gehöft oder irgendwelche Reisenden treffen. Die wissen vielleicht, in welche Richtung wir uns wenden müssen.“ sagt Ramir. Wir sind alle dafür, auch wenn uns allen eine Rückkehr in den Einflussbereich der Knochenmühle nicht wirklich gefällt. Aber versprochen ist versprochen denke ich und zumindest Arn, Olses rechte Hand, ist auch meinen Reisegefährten wirklich wichtig.

Also schultern wir unser Gepäck und marschieren (Ramir und ich) und humpeln mühselig (Ufil und Quro) los. Ich lasse meinen Blick über die hügelige Landschaft schweifen. Viel hohes Gras, Büsche, einzelne Birken. Das blaue weite Oben, den Himmel, wie es die Oberweltler nennen, finde ich immer noch sehr befremdlich. Ich muss mir demnächst unbedingt einen Schlapphut und einen Helm mit Krempe und Gesichtsmaske besorgen, damit ich von diesem Himmel nicht ständig abgelenkt werde. Und außerdem muss ich mir dann nicht mehr  Sorgen machen, dass mir diese Scheiß-Vögel ständig aufs Haupt kacken. Die restliche weite Landschaft finde ich übrigens, nach mehreren Wochen ununterbrochenem Oberwelt-Aufenthalt, zumindest erträglicher. Ich habe mich anscheinend daran gewöhnt. Hoffentlich ist das kein Anflug von der Obenkrankheit sondern nur simple Abstumpfung. Wer oft in den Bergen unterwegs ist, wie mein Volk kennt die Auswirkungen der dünnen Höhenluft. Man wird schwach und weich in der Birne. Bei meinem Volk glauben einige ja das der Luftmangeln bei Großlingen auch so ein grundsätzliches Problem ist, weil sie ihre Nasen ja auch höher über dem Boden tragen, als unsereins. Könnte ja sein, dass sie unter Luftmangel leiden und deshalb oft solchen Mist verzapfen. Auf der anderen Seite sind Goblins und Hobbits kleiner als Zwerge und mit Ihren Nasen näher am Boden. Trotzdem sind die auch nicht gerade mit viel Verstand gesegnet. Diese Theorie scheint mir fehlerhaft. Ich denke, wir Zwerge sind einfach grundsätzlich klüger…

Quros Nase zuckt, er wittert irgendwas und erstarrt. Dann bleckt er die Zähne und leckt sich die Schnauze. „Leute, ich rieche einen leckeren Hasenbraten!“ Er zieht einen Pfeil hervor, und humpelt aufgeregt hechelnd und mit wedelndem Schw… Ufil sagt, ich darf nicht „schwanzwedelnd“ schreiben. Das sei „unschicklich“ und könnten die Leser falsch verstehen. Verstehe ich nicht! Aber na gut…

… Quro humpelt also mit wedelndem Schweif in die Buschlandschaft davon (Besser so Ufil?) um zu jagen. Ich habe immer das Gefühl, das Qurro auf der Jagd in seinem Element ist, so wie ich an der Schmiedeesse. Er verschwindet und kommt dann irgendwann fröhlich und irgendwie ausgeruht, mit ein paar geschossenen Rebhühnern oder einem fetten Hasen am Gürtel zurück.

So auch jetzt wieder mal. Bereits nach zwei Stunden hat er einen großen Hasen erlegt. Das ist gut. Schade, dass keiner von uns richtig kochen kann. Aber Fleisch über dem Feuer zu grillen bekommen wir schon hin. Und Quro isst sein Fleisch sowieso am liebsten roh. Vielleicht sollte ich mir, sobald ich wieder zu Hause bin, eines von Mutters Kochbüchern ausleihen. Bevor sie eine erfolgreiche Nacktmullzüchterin wurde, in ihrer Jugend, hat sie ihren Kriegsdienst als Quartiermeisterin einer Gardekompanie abgeleistet. Die konnte aus allem einen Eintopf zaubern und hat viele ihrer Rezepte schriftlich in einer speckigen Lederkladde festgehalten. Es kommen immer noch alte Kameraden bei ihr vorbei und erzählen, dass sie bis heute von ihren berühmten Blitzrezepten, wie explodierten Kratzfüßern oder sautierten Flattermäusen, traumatisiert sind. Wobei es ihre Regenwurm-Pfannenkuchen immerhin bis in die gehobene königliche Küche geschafft haben…

Kommen wir aber nochmal zu Quro zurück: Ich frage mich ja, wo sein Adler abgeblieben ist. Habe das Tier seit Tagen nicht mehr gesehen. Misstrauisch beobachte ich den blauen Himmel. Außer ein paar von diesen vorbei treibenden Wolken ist da nichts zu sehen. Eigentlich müsste das Flattervieh ja irgendwann mal wieder auftauchen. Vielleicht sollte ich mir auch mal ein Haustier anschaffen? Irgendwas, das man zur Not auch essen kann, wenn es mal eng wird, wie ein fetter Trollhamster oder eine Flattermaus… wie schmeckt eigentlich Adler? Während des weiteren Marsches vertreibe ich mir die Zeit mit Gedankenspielen und überlege mit unterschiedliche Adlerrezepte, aber irgendwie sind die alle eher unbefriedigend und ich komme zu dem Schluss, das ich Adler garnicht essen mag.

Ein Igelkinn, ein Rotzbart, zwei Stoppelwangen – alte Bekannte

Ufil entdeckt schließlich in den Hügeln einen Trupp Wanderer. Es sind vier Mann. Menschen, wie es scheint. Was auch sonst? Die Kurzbärtigen vermehren sich ja wie Insekten. Sie sind bewaffnet. Und sie haben uns auch entdeckt. Einer winkt uns: „Heh! Heh ihr!“

Wir nähern uns vorsichtig, die Hände griffbereit an den Waffen. Qurro hat schon einen Pfeil auf der Sehne, und bleibt ein paar Schritte abseits um im Notfall ein besseres Schussfeld zu haben. Die Pfeilspitze hat er noch auf den Boden gerichtet. Könnten ja noch mehr Knochenfrettchen sein. Die vier Fremden kommen genauso vorsichtig auf uns zu. Sie wollen reden, wir wollen reden. Kein Grund dass es direkt unschön enden muss. Vielleicht später…

„Die kennen wir doch!“ meint Ufil leise zu uns anderen. „Das sind die Kerle die Horst gesucht haben.“ Ich kenne die aber noch nicht. Sehen für mich wie alle Menschen aus. Ich kann die langen Schlackse mit ihren unpersönlichen Bärtchen aber eh fast nie auseinander halten. Sehen für mich alle gleich aus. Ramir meint „Ja stimmt. Wir sollten die töten, damit sie nicht noch irgendwelchen Knochenfrettchen von uns erzählen können.“ Als hätten wir nicht gerade schon genug Tot und Verstümmelung gehabt, denke ich. Der Blutdurst dieses Elfen ist echt unersättlich. Irgendwas muss bei dem in der Vergangenheit ganz schön schief gelaufen sein… der wirkt manchmal wie ein kleines bösartiges Kind. Ich muss unbedingt herauskriegen, wie alt Ramir ist.

„Hey, wir kennen uns doch. Sind uns schon begegnet.“ meint einer der Typen mit einem wirren Knebelbart, der aussieht, als hätte er sich einen stacheligen Igel unter das Kinn geklebt. Der Kumpane neben ihm trägt nur einen lächerlich kleinen, schwarzen Schnurrbart. So einen, der direkt unter der Nase wächst und zu nichts Nütze ist, außer den Rotz aufzufangen. Der fingert unruhig an seinem Falchiongriff herum. Sein Blick huscht unsicher über uns hinweg. Der ist doch nicht so blöde uns anzugreifen? Ich blicke meine Kameraden an. Nee, die haben Angst vor uns! Kein Wunder, so wie wir aussehen. Voller getrocknetem Blut, offensichtliche Kampfspuren, bis an die Zähne bewaffnet. „Gibt es Neuigkeiten?“ fragt Ufil. „Was treibt euch hier durch die Gegend? Immer noch das Pferd?“ Igelkinn meint „Ja, das auch! Aber habt ihr schon von den Ereignissen in der Knochenmühle gehört? Es gab einen Aufruhr. Misella, die Anführerin der Knochenfrettchen und ihre Horde sind in der Knochenmühle nicht mehr erwünscht. Der Herzog lässt sie alle aufknüpfen, wenn er sie erwischen kann. Viele sind schon tot. Totales Chaos aber der Unda kriegt das bestimmt in Griff.“ Wir blicken uns überrascht an. Auf Ramirs Gesicht stiehlt sich so ein bescheuertes, selbstgefälliges, irres, breites Grinsen. Grinseelf! Blöd, das dieses Grinsen irgendwie ansteckend zu sein scheint. Ufil grinst genauso. Und meine Mundwinkel ahben sich auch zu einem irren Lächeln verzerrt. bei Quro weiß man eh nie ob er die Zähne bleckt oder lächelt. Rotzbart leckt sich nervös Schnodder vom Bart und seine Augen huschen unruhig zwischen uns hin und her. Auch zu unseren Händen auf den Griffen unserer offensichtlich häufig genutzten Waffen. Der Typ macht mich auch schon ganz nervös. Am liebsten würde ich ihm sein blödes Rotzbärtchen samt Oberlippe in den Schlund stopfen.

„Und da so ein großer blonder Gefangener. Arrn, die rechte Hand von Olse vom Turm Olse. Soll von den Knochenfrettchen gefangen worden sein. Wisst ihr was über den?“ fragt Ramir, immer noch Rotzbart angrinsend. Der antwortet unsicher „Arrn? Da soll es wohl ein Missverständnis gegeben haben. Den hat man frei gelassen, zusammen mit ein paar anderen Sklaven und zum Olse zurück geschickt. Das war wohl die Misella schuld. Als das rauskam hat Unda sofort reagiert.“ Wir sehen uns vielsagend an, schweigen weiter, grinsen noch breiter. Meine Mundwinkel tun mir schon weh.

„Auslöser waren einige Morde“ erklärt Igelbart weiter. „Unter anderem war auch der Ferale unter den Opfern. Wer ist schon so blöd und bringt einen Ferale um! War angeblich irgendeine Intrige von Misella um Unda bei den Rostbrüdern anzuschwärzen. Als Misella dann mit den meisten ihrer Leute ausrückte um die Mörder zu verfolgen schlug Unda zu und erledigte die zurück gebliebenen Frettchen. Ha, ha, ganz schön schlauer Kerl dieser Unda.“ Wir grinsen verkniffen weiter.

„Die Mörder waren angeblich vier…“ meint Rotzbart und leckt immer nervöser an seinem Bärtchen. „Ein Mensch, ein Elf, ein Wolfsmann und ein Zw…“ Jetzt hat er es geschnallt, denke ich. „Ja, seltsame Zusammensetzung. Genaus wie euer Trupp.“, meint Igelkinn. Jetzt werden auch die beiden Stoppelwangen hinter Igelkinn und Rotzbart unruhig.

„Äh… ihr seht ja ganz schön schlimm aus.“ sagt Igelkinn und schluckt. „Na ja, ihr seid leider nicht die ersten, die uns mit diesen Mördern verwechselt haben…“ erwidert Ufil , die Hand lässig am Langschwert. Demonstrativ drückt er mit dem Daumen das Schwert zwei Finger breit aus der Scheide und zieht eine Augenbraue fragend hoch. Die Botschaft ist überdeutlich: Wollt ihr herausfinden was mit den vorherigen Schlaubergern passiert ist… oder wollt ihr lieber weiterziehen?

Igelkinn, Rotzbart und die beiden Stoppelbacken wollen es lieber nicht herausfinden und machen alle gleichzeitig einen halben Schritt rückwärts. Alle entspannen sich etwas. Bis auf Rotzbart und seine schnodderschleckende Zunge. „Äh, ihr habt seit unserem letzten Treffen nicht zufällig dieses weiße Ross gesehen? Wir suchen nämlich immer noch nach dem Pferd des Fürsten Fallender.“

Wer denn dieser Fürst ist, wollen wir wissen. „Ach der lebt 4 Tagesreisen nördlich von hier. Ist reich. Zahlt gut für das Tier.“

Ramir setzt sein hilfsbereitestes Gesicht auf… eine völlig verstörende Erfahrung für mich und auch für meine Gefährten, das sehe ich an ihren Gesichtern: „Also, wo ihr es jetzt erwähnt: nur eine Tagesreise südlich von hier am Waldrand ist eine Ruinenstadt. Da haben wir so ein weißes Pferd gesehen. Am besten schleicht ihr Euch durch den Wald an. Dann kann es euch nicht sehen.“

Die vier Pferdejäger scheinen erleichtert einen guten Grund gefunden zu haben, um weiterzuziehen. Sie bedanken sich für die wertvolle Information und machen sich eiligst rückwärts davon, ohne uns aus den Augen zu lassen. Wir blicken ihnen noch einige Zeit nach, bis sie hinter den Hügeln verschwunden sind. Ramir grinst immer noch breit und reibt sich feixend die Hände. Ich habe echt keine Ahnung was diesen miesen, dürren, spitzohrigen Wald-Kobold antreibt, aber er ist echt gemein. Und wir anderen sind auch nicht viel besser. Wir hätten die armen Mantikorhappen ja aufhalten können…

Meine Bestürzung über unser Verhalten hält sich allerdings erstmal in Grenzen. Selber Schuld, wenn die Ramir glauben. Immerhin, die Begegnung hatte etwas Gutes: Hüne sei Dank! Wir wissen jetzt, dass Arrn frei ist. Und das die Knochenfrettchen erstmal kein ernstzunehmendes Problem mehr darstellen. Das heißt der Feilscher kann uns mal gerne haben. Also ist unser nächstes Ziel Hohlheim. Das liegt ja auf dem Weg zum Turm Olse. Das sollten wir in zwei bis drei Tagen schaffen können. Ich werfe einen verstohlenen Blick zu Ramir. Es sei denn der verrückte, spitzohrige Kobold stellt wieder mal irgendetwas unsagbar dämliches an…

Wir sehen also zu, dass wir schnellstens nach Hohlheim weiter kommen. Ist ja garnicht so schwer. Wir müssen nur in Richtung Fluss und ihm dann stromaufwärts folgen. Alle haben wirklich beste Laune, denn die Sache mit Arrn lastete doch schwer auf uns. Ich hingegen bin garnicht so glücklich. Mich beschäftigt diese blöde Lebensschuldsache. Eine Lebensschuld gegenüber einem Nichtzwerg zu haben ist schon schlimm genug, aber muss es denn dann auch gleich ein Drache sein? Ohne jetzt die Gesetzestexte meines Volkes konsultieren zu können, aber ich bin mir sicher, eine schwerere Lebensschuld kann man kaum haben. Wieviel wiegt so ein Drache? Doch bestimmt soviel wie 20 oder 30 Rinder. Ich kenne mich jetzt nicht so gut damit aus, aber soweit ich weiß wird eine Lebensschuld in Kategorien bemessen. Kategorie 10 ist sowas wie ein Vulkanausbruch oder ein Meteorit, der einem auf den Kopf zu fallen droht. Und direkt die nächst niedrigere Kategorie ist dann auch schon von einem Drachen eingeäschert oder gefressen zu werden… oder von einem Wal… was auch immer bei Hünes Bart so ein Wal sein soll. Ich muss das mit Ufil klären, sobald wir in Hohlheim sind. Na gut, ich könnte es auch einfach verschweigen, denn was versteht ein Mensch auch schon von Ehre. Aber das käme bestimmt irgendwann raus und dann wäre das eine unendliche Schande. Meine Ehre und die meiner Familie wären auf Generationen befleckt. Und ich würde vermutlich als krummer, rostiger Nagel in Hünes Werkstatt wieder geboren, dem man täglich aufs Haupt schlagen dürfte… mal ganz abgesehen davon, dass ich mir das selber auch nie verzeihen könnte. Wir müssen unbedingt nach Steingarten! Ufil und ich meine ich, um die Lebensschuld dort offiziell von einem Rechtsbewahrer bewerten und eintragen zu lassen. Nur so habe ich oder wenn ich vorher sterben sollte meine Erben eine Chance, sie auch irgendwann abzugelten und wieder frei zu sein.

Bedrückt ob dieser hässlichen Aussichten marschiere ich langsam hinter den den anderen her. Meine Rückkehr nach hause, mit dem erbeuteten Bierrezept und der Nachricht vom Tod des Mörders, wird wohl doch nicht so triumphal werden, wie ich mir das gedacht hatte. Jetzt würde ich meine Sorgen echt gerne in Bier und Schnaps ertränken…

Und alles nur wegen diesem blöden Elfen und seiner kurzfristigen Unbeherrschtheit! Ramir ist wirklich ein absolutes Arschloch!

Tatsächlich schaffen wir es in zwei nahezu ereignislosen Tagen quer über die Grasebene bis nach Hohlheim. Die einzigen nennenswerten Verluste sind einige Unzen Blut, durch diese Wolken von blutsaufenden winzigen Plagegeistern, die uns besonders in der Dämmerung arg zusetzen. Na ja, den anderen, mir nicht. Irgendwie stehen die nicht so auf Zwergenblut, zumindest solange ihnen das von Menschen, Elfen und Wölflingen zur Verfügung steht. Besonders den Todesmagier umschwirren sie in stetem Reigen. Und Ufils Gesicht ist mittlerweile total zerstochen und buckelig wie die Oberfläche einer Nietenweste. Das stimmt mich zumindest etwas fröhlicher und als wir schließlich Hohlheim erreichen habe ich schon fast wieder gute Laune. Scheiß auf die Lebensschuld: ich bin Bullwai! Das bekomme ich schon irgendwie hin! Wie sagte mein Opa immer:  „Hör auf zu jammern! Solange noch Feuer in der Esse brennt, kannst Du das Eisen immer noch schmieden. Also Bart hoch und weiter machen.“ Vielleicht haben die in Hohlheim ja sogar noch was von Yawins Pseudo-Sonnenbier übrig. Der Kerl war zwar ein mieser, kleiner Mörder und Verräter, aber Bier brauen, das konnte er.