Warum habe ich mich nur auf diese beschissene Reise eingelassen? Ich hätte nein sagen sollen! Aber der verdammte Hauptmann und die ganze Wachmannschaft schienen froh zu sein mich los zu werden! Verstehe gar nicht warum!
Ich bin Bullwai, Sohn von Barabas und Bomba, vom mächtigen Caniden-Clan, Wächter und Rechtbewahrer der Eisenmeute. Und seit neustem nennt man mich den Problemlöser. Als hätte ich nicht schon genug ungelöste eigene Probleme…
Bei meinem drängendsten Problem geht es ums Bier! Das Sonnenbier! Ohne das, kein Fest der Erdverehrung! Also haben sie mich zusammen mit diesem einohrigen Knirps Jarmusch zu dessen Handelsposten zurückgeschickt um den Dieb zu richten und das Rezept zurückzuholen. Die Bibliothek abgefackelt, zwei Bibliothekare tot und den Braumeister hat dieser miese schleimige Grottenolm Yawim auch getötet. Der macht keine halben Sachen. Natürlich konnten die Ältesten das nicht bekannt werden lassen. War bestimmt schwer, so lange zu vertuschen, dass es bald kein Sonnenbier mehr geben würde. Aber die Bier-Rationierungen… sowas spricht sich rum. Und keiner mag dieses miese Tiefenbräu aus den unteren Ebenen. Die machen das aus Pilzen! (Nix Pils… Pilz!) Auf alle Fälle schickten sie mich „heimlich“ los, nachdem Jarmusch mit Nachricht über diesen mörderischen Schleimfisch in den Steingärten aufgetaucht war. Pah, heimlich und Bullwai arbeiten einfach nicht im gleichen Tunnel. Als Jarmusch und ich loszogen war der halbe Clan auf den Beinen um uns zu verabschieden. Jetzt schleppe ich noch, neben meinem fetten Arsch, die Hoffnungen meiner Leute und einen Riesenhaufen Verantwortung mit mir herum. Ca. 4 Wochen, bis ich mit dem Rezept zurück sein muss…
Fast eine Woche lang sind wir jetzt schon auf der Oberfläche unterwegs. Ich muss zugeben, ohne Jarmusch, der sich hier oben gut auskennt hätte ich mich hier nicht zurecht gefunden. Überall stehen diese verdammten Pflanzen rum. Alles so widerlich grün, wie alter grüner Schimmel, überall gefährliche Kreaturen und dann das Oben! Keine Decke! Das ist total unnatürlich. Und am ersten Tag ist mir schon mein Biervorrat ausgegangen und ich musste Wasser trinken. Wasser! Ich hatte echt miese Laune und hätte gerne jemandem die Augen aus dem Schädel gequetscht…
Deshalb kann auch der Anblick von unserem Ziel, Turm Olse, mich nicht wirklich aufheitern, auf den Jarmusch da wie ein kleines Kind hüpfend und mit stolzgeschwellter Brust von einem nahen Hügel deutet. „Der mächtige Turm Olse, mein neues Zuhause und ein Hort der Zivilisation in der Wildnis!“ Was sollte ich sagen? „Zivilisation? Hah, am Arsch! Der mickrige, schiefe Turm mit den paar Baracken und diesem Pallisädchen?“
Ich sage nichts. Zum Dank frischt dieser beschissene kalte Wind auf und irgendwelche schwarzen Vögel tanzten durch dieses abartig weite Oben. Ich mag diese Gegend nicht. Aber ich muss nun mal meine Pflicht erfüllen. Und vielleicht bekommt man da ja was ordentliches zu trinken.
Der schiefe Turm vom Olse
Aus der Nähe sieht der Turm genauso beschissen aus, wie aus der Ferne. Menschenwerk! Schief, krumm, wackelig, bei uns hätte man den Konstrukteur und seine ganze Mannschaft für so eine Arbeit an die Orks verfüttert. Vor dem Tor faulen neben einem hölzernen Richtblock ein paar aufgespieste Köpfe vor sich hin. Die Krähe, die es sich auf einem der frischeren bequem gemacht hat, muss sich mit aller Kraft festkrallen, um vom Sturmwind nicht herab geweht zu werden. Ein Wunder, dass diese Turmruine diese heftigen Windböen übersteht, die hier ständig herrschen. Das einzig erwähnenswerte sind eine Schmiede, mit kalter Esse und der Handelsposten meiner Clan- Brüder Jarmusch Einohr und Belltrog. Belltrog begrüßt seinen Bruder und mich überschwänglich. Der sieht genauso mickrig aus, wie sein einohriger Bruder. Ich bin dreckig, staubig, durstig und hungrig und echt schlecht gelaunt. Die paar Menschen die im Hof herumstehen betrachten mich misstrauisch. Vermutlich haben die noch nie einen echten Krieger und Wächter der Eisenmeute gesehen. Und da ist es dann auch schon passiert: Jarmusch stellt mich seinem Bruder als den Problemlöser vor! Das wird mir noch echte Probleme einbringen. Mutter sagt immer: „Für jedes Problem gibt es die passende Waffe!“ Keine Ahnung ob mir diese Erkenntnis hier helfen wird.
Wir gehen in die Handelsstation, und stemmen die Tür gegen den heftigen Wind zu. Das Kontor ist bis unter die decke mit Waren vollgestopft. Ein paar Getreidesäcke dienen als
Sitzgelegenheiten. Ich will garnicht wissen, wie lange die beiden Mickerlinge schon ihre dreckigen Hintern in das Getreide gedrückt haben… widerlich. Das Zeug soll schließlich mal als Nahrung dienen. Ich muss unbedingt daran denken, hier kein Brot zu essen. Brot mit Zwergenarsch- Aroma…
Belltrog zaubert ein paar Bierhumpen hinter dem Getreidesack hervor und stemmt ein kleines Bierfass hoch. Das gibt es nicht! Das ist echtes Sonnenbräu! Flüssiges, köstliches Gold, jeder Humpen mittlerweile unglaublich kostbar, weil es vielleicht das letzte sein könnte, das jemals gebraut wurde. Mein Blick hängt an dem Holzhahn aus dem er den heiligen Gerstensaft zapft und vergessen sind die düsteren Gedanken an Getreide mit Zwergenarsch-Aroma. Andächtig leere ich den ersten Humpen in einem Zug und halte ihn zum Nachfüllen hin. Dieser Ort hat gerade in einem Zug eine Menge seiner elenden Beschissenheit verloren.
Erst jetzt fällt mir der Vierte auf, der uns hier im Kontor Gesellschaft leistet. Ein Elf! Dank des Bieres bin ich jetzt sogar in der Lage, seine Anwesenheit mit Gleichmut, ja fast schon Wohlwollen zu ertragen. Mit Elfen hatte ich bisher wenig zu tun. Angeblich leben die in den abgelegenen Wäldern, meditieren und paaren sich mit Bäumen… Na ja, wenn man das mag. Soll mir gleich sein. Dieser Elf scheint aber sehr weltlich veranlagt zu sein. Mag anscheinend das gute Sonnenbier und raucht Pfeife. Trotzdem betrachte ich mißtrauisch die Holzsäule an der er lehnt. Besonders deren großes Astloch in Hüfthöhe… Wenn er damit irgendwas anfängt ballere ich ihm eine. Das kann ich heute echt nicht gebrauchen.
Aber die Zwergenbrüder meinen Ramir, so heißt der Elf, sei in Ordnung. Ein Held ist er und hoch angesehen hier im Turm Olse. Hat zusammen mit seinen Freunden den Sohn des Turmherren gerettet, gehörnte Schrecken getötet und eine Verschwörung aufgedeckt. Und er und seine Leute haben die Kunde über den Verräter Yawim hier her gebracht.
Na das trifft sich doch gut. Hühne ist wirklich mit mir. Also beschließe ich dem Kerl erstmal zu vertrauen – bestimmt auch aufgrund der euphorischen Wirkung des guten Bieres – und zu erzählen, was Yawim bei uns in den Steingärten angestellt hat. Ramir erzählt mir im Gegenzug was er von Yavim und dem Dorf Hohlheim weiß, in dem sich der miese Tunnelfurzer versteckt. Nun habe ich ein Ziel. Hohlheim! Angeblich eine Tagesreise entfernt. Da sollte ich schaffen. Morgen. Erstmal muss ich ein Bierfass leeren.
Die Tür wird aufgerissen und der eisige Wind fegt durchs Kontor. Der riesige Wolfling, der da hereingestürzt kommt scheint hier niemanden zu beunruhigen. Ich hab mich vor Schreck fast an meinem Bier verschluckt. Ich hab schon Wolflinge gesehen. Die handeln Felle und Wild mit meinen Leuten gegen eiserne Werkzeuge und Waffen. Sind die besten Späher, die man an der Oberfläche finden kann. Und die meisten sind grundehrlich. Find ich gut. Der hier heißt Quro, ein weiters Mitglied des „Heldenquartets“, von dem die Zwergenbrüder erzählt haben. Und er scheint echt gute Manieren zu haben. Kein Urinieren an Kisten oder Möbelstücke. So wie er herumwedelt und die Ohren angelegt hat, schätze ich, das er aufgeregt ist. Bier will er keins. Sehr gut, bleibt mehr für mich. Der wird mir immer sympathischer. Dann erklärt er, dass der Burgherr Olse in Trübsal verfallen ist, weil sein Hauptmann Arren schon seit ein paar Tagen aus Hohlheim zurück sein sollte. Sollte dort einen neuen Schmied anwerben, weil der andere den Kopf verloren hat. Sein Sohn Zenkil macht sich große Sorgen… Wenn Olse sich dem Suff hingibt geht hier in der Siedlung alles vor die Hunde. Die Aussage hört sich aus der Schnauze eines Wolflings irgendwie lustig an. Ist aber eigentlich nicht lustig. Auch wenn ich mich frage, ob der Mann hier überhaupt noch was unter Kontrolle hat, nachdem dieser schurkische Schmied die Hälfte der Anwohner an die Stiermenschen verfüttert hat. Ohne neue Siedler ist der Turm eh dem Untergang geweiht. Aber dieser Arren ist bei seiner Reise nach Hohlheim verschwunden. Und da Quro den Mann unbedingt finden will um Olse zu beruhigen, sage ich, dass ich mich bei der Suche anschließen will. Auch mein Ziel ist Hohlheim. Da ist Yawim. Vielleicht kann man ja zwei Lurche mit einem Hammer erschlagen, wie man bei uns so sagt. Ramir will auch mitkommen. Guter Mann!
Quro will sofort aufbrechen, aber alle anderen sind dagegen. Ich auch. Ich will erst ordentlich trinken. Aber wir sollten zumindest Olse unsere Entscheidung mitteilen und schauen, ob sich noch mehr der Rettungsaktion anschließen wollen. Außerdem könnten wir vielleicht etwas Ausrüstung einfordern.
Der Burgherr residiert in dem wackeligen, windumtosten Turm. Hoffentlich hält das Gemäuer noch solange, bis wir wieder draußen sind. Ein paar Wachen geleiten uns in die Halle. Dort sitzt der Olse auf einer Art Thron, in Finsternis vor sich hinbrütend. Vor dem Thron kniet ein junger Mensch auf dem Boden zwischen einem Haufen beschriebener Pergamente. Als er aufblickt sehe ich ein bleiches Gesicht mit einem leicht entrückten Gesichtsausdruck. Der Hofnarr ist das nicht. Der Kerl sieht kein bisschen lustig aus mit dieser Leichenbittermiene. Als er die Pergamente zusammenrafft und mühsam aufsteht, erkenne ich, dass er verkrüppelt ist. Ein Fuß fehlt und er hüpft unwürdig auf dem mit einer Ledermanschette geschützten Stumpf herum. Unsere Blicke treffen sich und das Mitleid, das in mir aufkommt erlischt sofort. In seinen Augen sehe ich irgendwas beunruhigendes, getriebenes. Der Kerl ist mir unheimlich.
Olse macht auf mich nicht gerade einen guten Eindruck. War vielleicht mal ein großer Krieger, aber jetzt ist er schlaff, ausgezehrt, krank, und ganz schlecht betrunken. Man kann gut oder aber schlecht betrunken sein. Glaubt mir, ich kenne die Unterschiede genau. Und der Mann ist schon eine ganze Zeit lang gaaanz schlecht betrunken. Aber was mich wirklich abstößt ist diese brandige Krebsbein, dass sein verlorenes menschliches Körperteil ersetzt. Das ist nicht gut. Am Rande: Ich hab nicht gegen Krebse. Die sind lecker und anders als Fisch dürfen wir die auch essen. Fische sind uns Kriegern verboten. Deren Fleisch schwächt einen und macht dumm. Mag bei Menschen anders wirken, aber ich bin mir nicht sicher. Habe schon eine menge dumme Menschen kennen gelernt. Aber ein Krebsbein als Ersatz für ein menschliches Bein. Das ist ganz üble Zauberei. Außerdem gehört der Kerl den Rostbrüdern an. Das ist auch übles, gefährliches Gelumpe. In den Steingärten werden die umgehend getötet. Ich halte mich erstmal lieber im Hintergrund.
Aber der Wolfsmann erklärt dem Krabbenbeinigen, das wir Arren suchen wollen und dann fällt mein Name: Bullwai der Problemlöser! Höre ich da ein wenig Sarkasmus bei Quro. Innerlich muss ich grinsen. Der Wolfsmann ist in Ordnung.
Ich trete vor, verbeuge mich, wie es sich für eine Abgesandten der mächtigen Eisenmeute gehört und biete meine Dienste bei der Suche nach Hauptmann Arren an. Die Augen von Olse sind jetzt hellwach, auch wenn sein Körper immer noch schlaff auf dem thronartigen Sitz hängt. Den Beidhänder und die Rostmaske neben sich. Er mustert mich und nimmt meine Dienste gerne in Anspruch. Und er fragt, ob immer noch Karonax und Sulma über die Caniden herrschen. Ja, das tun sie. Er trägt mir auf, sie ausdrücklich von Olse zu grüßen, wenn ich zurück kehren sollte. Das will ich tun.
Wir sollen Reiseproviant und Ausrüstung erhalten. Ob da wohl ein Schlauch des guten Bieres mit inbegriffen ist? Wir ziehen uns zurück. Der kränkliche junge Krüppel mit seinen Pergamenten wird mir noch als Uvil der Todesmagier vorgestellt, scheint aber geistig schon in anderen Gefilden zu schweben. Auch er wird uns begleiten. Ich bin nicht sicher ob mir das gefällt. Der wird uns nur aufhalten und seine düstere kränkliche Aura verheißt nichts Gutes. Und was ist eigentlich ein Todesmagier? Hört sich für mich nach dämonischer Hexerei an… Quro scheint ihn auch nicht wirklich zu mögen.
Draußen dunkelt es bereits. Die schwarzen Vögel mit ihren krächzenden Rufen haben schon ihre Schlafplätze aufgesucht. Für uns heißt es morgen früh aufzubrechen. Das bedeutet früh zu Bett gehen. Die anderen teilen sich eine der Baracken. Ich werde bei meinen Clan-Brüdern unterkommen. Ich fühle mich gerade wieder wohl. Das Bier wirkt. In der Schmiede ist noch Licht. Jetzt noch ein paar Atemzüge Rauch und Eisenduft und ich werde richtig zufrieden schlafen. Ich treffe auf Handon, einen alten kräftigen Menschen. Sein Kopf ist verbunden. Hat scheinbar vor kurzem ein Ohr im Kampf eingebüßt. Gehört zu Ramir, Quro und Uvil, wird aber hier auf Turm Olse bleiben um einen Waffenhandel aufzuziehen. „Bist Du der Schmied?“ fragt er mich. „Ja, ich bin auch Schmied, aber zur Zeit bin ich als Wächter im Dienst der Eisenmeute hier.“ Wir sprechen ein wenig miteinander. Er hat tatsächlich Ahnung von Eisen und Stahl. Ist aber kein Schmied. Ich erkläre ihm, das ich für die Reise noch ein Messer brauche. Mein altes ist auf dem Weg von den Steingärten hierher zerbrochen. War mein erstes selbstgeschmiedetes Stück. Hat fast 30 Jahre gehalten. Würde mir am liebsten schnell noch ein neues Schmieden, aber dafür ist keine Zeit. Er gibt mir ein gutes aus seinem Vorrat. Guter Stahl, lange Klinge, schöner Horngriff mit einer Bronzeniete am Knauf. Wir einigen uns darauf, dass ich, als Bezahlung, wenn ich wieder zurück bin, zwei Tage in der Schmiede arbeiten werde. Da hat er ein gutes Geschäft gemacht.
Aber ich brauche ein Messer und der Stahl ist auch wirklich gut. Das ist es wert. Schade, dass er uns nicht begleiten wird.

