Uvils Erinnerungen – 27

Ufils Bericht 16.1.2026

Ruhe vor dem Sturm

Wir stehen auf dem Gebetsplatz der alten Götter. Jener Platz oben bei den Klippen, mit den Findlingen und den Felszacken, die sich wie Klauen in den Himmel über Hohlheim rammen.

Vor uns, mit faserigen Stricken auf einen provisorisch zusammengezimmerten Holzrahmen gespannt wie auf eine Streckbank, das Bild.

Unter uns liegt Hohlheim.

Die mit Holzschindeln gedeckten Dächer der geduckten Häuschen. Aus einigen Kaminen steigen Fäden von Rauch. Der spröde Geruch von verbranntem Holz liegt als unsichtbarer Schleier in der Luft.

Die Menschen dort unten gehen ihrem Alltag nach. Sie haben nicht die geringste Ahnung, was sich hier oben, nur wenige hundert Schritt von ihnen entfernt abspielt.

Wir rasten. Wir essen. Wir pflegen unsere Ausrüstung. Ich öle Sturmhauchs Klinge.

Die Ruhe vor dem Sturm.

Die Frage ist. Wer geht mit rein, ins Bild.

Warum soll denn das überhaupt eine Frage sein, sagt Zenkil. Ich habe doch gesagt, ich komm mit rein.

Zenkil schon mal gar nicht, sagen wir. Aber wer dann.

Ich sage, wir könnten irgendeinen männlichen Dorfbewohner abgreifen.

Spinnst du, sagt Bullwai. Er stemmt die Fäuste in die Hüfte. Das sind doch alles keine Krieger. Wenn jemand von denen stirbt.

Wenn jemand stirbt, sage ich. Sind doch genug von denen da. Greifen wir uns halt den nächsten.

Du hast sie ja nicht alle, schrillt Bullwai. Ich meine das ernst. Wenn da jemandem was zustößt.

Ich öle weiter Sturmhauchs Klinge. Wende das Schwert. Träufle Öl unter die Parierstange.

Was, wenn da jemandem was passiert, nervt Bullwai weiter.

Ich beobachte, wie sich das Öl in den Schlitz zwischen den Metallstücken zieht. Wär wirklich schade, wenn Flugrost auf die Klinge kommt, denke ich. Sturmhauch ist schon eine klasse Waffe.

Wen juckt das, sage ich zu Bullwai. Wir sterben sowieso alle irgendwann. Früher oder später.

Handon spuckt aus. Gib den Schwachköpfen Geld, und sie machen alles. Er blickt sich im Kreis um. Jeder ist käuflich. Die Summe macht´s.

Stimmt, sage ich. Und wenn der Kandidat dann da drin krepiert und selbst als gefrorenes Hügelchen endet, dann wird seine Witwe uns die Füße küssen – wegen dem ganzen Schotter, den wir ihr dafür in den Hals stopfen.

Was redet ihr denn da für ´ne Scheiße, sagt Zenkil. Ich komm mit rein. Glaubt ja nicht, ihr könnt mich einfach ausschließen.

Und wie wir das können, sage ich. Du bist die wichtigste Stute im Stall. Du kriegst Sonderbehandlung.

Ramir legt Zenkil die Hand auf die Schulter.

Hör mal, Zenkil. Wir wissen schon, dass du kämpfen kannst. Aber wir brauchen einen zuverlässigen Mann hier draußen. Jemand, der keine Scheiße baut, wenn wir drin sind. Jemand, der uns zurückholen kann, wenn´s da drin übel wird.

Handon manipuliert. Ich sehe, dieses spezielle Glimmen in seinen Augen, als er Zenkil mit einer ganz seltsamen Mischung aus Respekt und Hochachtung anschaut. Es ist ein Blick, den vermutlich niemand auf der Welt außer Handon derart glaubhaft heucheln könnte.

Zenkil errötet.

Scheiße. Hab schon verstanden. Punkt. Steckt mal wieder mein Alter hinter. Richtig?

Er lässt sich auf einen Findling fallen. Spuckt aus. Starrt trübsinnig in das kleine Feuerchen.

Prima, Nirvela springt von ihrem Stein auf. Dann hätten wir das ja geklärt.

Fröhlich schnippt sie in Richtung Dorf.

Ich find schon mal raus, wo der Jäger steckt.

Unser Blick schweift über die Landschaft. Von hier oben sieht man weit übers Land.

Weit in der Ferne erkennen wir Reiter. Kleine, schwarze Punkte im Dunst.

Sie nähern sich Hohlheim.

Es sind verdammt viele.

Da drüben auch, sagt Ramir. Er zeigt in die andere Richtung.

Noch mehr Reiter. Ein zweiter Trupp nähert sich schnell.

Dann muss das Bild wohl warten, sage ich.

Draußen vor der Stadt treffen die beiden Heere aufeinander.

Sie tasten sich vorsichtig aneinander heran. Umkreisen sich.

Sitzen die auf Hunden, oder was, sagt Ramir.

Das Gewimmel der Reiter teilt sich wieder in zwei Gruppen. Jede Gruppe 50 oder 60 Mann.

Scheiße große Hunde, wenn du mich fragst, sagt Handon.

Jo, sagt Ramir. Eher Wölfe. Irgendsowas.

Auf den Wölfen sitzen ungewöhnliche Reiter. Kleine Kreaturen mit riesigen Köpfen.

Goblins, sage ich. Ich wette, das sind Goblins.

Warte nochmal mit dem scheiß Jäger, sage ich zu Nirvela, bis wir wissen, worauf die es tatsächlich abgesehen haben.

Draußen auf den Feldern rege Aktivität.

Wir können nicht genau erkennen, was die Goblins tun, aber binnen kurzem ragen mehrere Reihen von Speeren in regelmäßigen Abständen aus der Erde. Einige davon mit Tüchern umwickelt und brennend.

Irgendwo pocht der dunkle Puls einer Trommel.

Ein seltsames Stöhnen erhebt sich über die Landschaft.

Ein Instrument, sagt Handon. Vermutlich irgendwas zum Reinblasen. Ein Signal.

Bullwai zerrt sich keuchend auf einen herumliegenden Felsbrocken, um besser sehen zu können.

Goblins, zischt Nirvela. Verdammt. Egal, wo diese Goblinreiter auftauchen, bringen sie Unheil.

Ach komm schon, ruft Bullwai von dem Findling herüber. Wenigstens sind das keine Hobbits. Denen würde ich wirklich nicht über den Weg trauen. Da würde ich dann zu euch sagen, passt besser auf, ob euer Gürtel sicher hält und ob eure Hose noch da ist, wo sie hingehört.

Bullwai gibt ein keckerndes Lachen von sich.

Aber zum Glück sind das ja keine Hobbits, ne.

Bullwai zuckt rhythmisch. Er wischt sich eine Träne von den geröteten Bäckchen.

Ist der guut, keucht der Zwerg, sind ja keine … Bullwai krümmt sich keuchend. Schnappt nach Luft. Sein Kopf leuchtend rot.

Nirvela wirft uns einen alarmierten Blick zu. Handon und ich zucken die Schultern.

Ist n Zwerg, sagt Ramir, als erkläre das irgendetwas.

Dann widmet er sich wieder dem Geschehen auf dem Felde.

Langsam zeichnet sich sowas wie eine Struktur ab, sagt Ramir. Aber was hecken die aus?

Nichts Gutes, sagt Nirvela. Diese Goblins. Ganz üble Gesellen.

Mittlerweile haben die Wolfsreiter zwei große Felder mit brennenden Lanzen abgesteckt.

Zwischen den Reihen aus Lanzen prescht einer der Goblins hindurch. In seiner Hand einen abgeschlagenen Kopf.

Er packt den baumelnden Kopf an den Haaren und schwingt ihn über sich im Kreis. Er rast brüllend auf die zweite Reiterschaar zu und schleudert den enthaupteten Kopf in ihre Mitte.

Jemand dort fängt ihn auf. Greift ihn am Schopf, wirbelt ihn ebenfalls und schleudert ihn mit einem Schrei zurück.

Das gefällt mir gar nicht, sagt Handon.

Wir sollten wirklich runter gehen und rausfinden, was genau die vorhaben. Hohlheim wird unsere Hilfe brauchen. Vor allem müssen wir die Bewohner alarmieren.

Und das Bild in Sicherheit bringen, sagt Ramir.

Ich weiß ja nicht, sagt Quro. Er pult sich mit dem kleinen Finger im Ohr herum. Mustert den Talg unter seinen Klauen. Schnuppert daran. Schnipst ihn weg.

Also wenn ich das richtig kapiert habe, dann vergeht die Zeit in so nem Bild also deutlich schneller als draußen. Richtig?

Das ist richtig, sage ich.

Wenn wir da also reingehen, sagt Quro, dann könnten wir doch erst mal in Ruhe das Abenteuer in dem Bild bestehen, und dann, wenn wir wieder rauskommen, dann hätten wir doch immer noch genug Zeit, die Goblins platt zu machen.

Quro schaut uns der Reihe nach an.

Das ist ja der Vorteil von so nem Bild, sagt er, dass da drin die Zeit anders tickt als draußen, ist doch so, oder?

Wir stehen erstmal nur um Quro herum und sind sprachlos.

Dann sagen wir: Was ist das für eine hirnverbrannte Scheißidee.

Sag mal, hast du das Konzept von Bildern überhaupt irgendwie kapiert, oder was.

Oh Mann, sage ich.

Ich bringe das Bild lieber bei der Gomla unter. Wir kennen uns, die Gomla und ich. Ich vertraue ihr.

Ich rolle die Leinwand auf und renne mit der Rolle unterm Arm runter ins Dorf.

Gomla begrüßt mich mal wieder freudestrahlend. Das ist ja schön. Aber sie will einfach keine Ruhe geben. Ich soll sofort einen Kaffee mit ihr trinken. Und sie hat auch frisch gebacken. Sie will unbedingt wissen, ob es vielleicht ihr Kuchen sein könnte, was mich schon wieder zu ihr nach Hohlheim zieht. Außerdem hat sie mich so vermisst, und es ist unglaublich schön, dass ich wieder da bin.

Ich sage, keine Zeit für Kaffee. Ich bin in Eile. Ich brauche ein sicheres Versteck für diese Rolle hier. Und zwar schnell.

Ich reiche ihr das Bild.

Für dich, Ufil, bewahre ich das sogar in der Kiste mit dem Familiensilber auf, sagt sie.

Ich sage, was für ne Scheißidee ist das denn. Ihre Kiste mit dem Familiensilber ist absolut unzureichend. Ob sie da keinen besseren Platz zu bieten hat.

Sie wirkt etwas gekränkt.

Aber ich kann ihr ja schlecht sagen, dass zwei Armeen Goblins gleich ihr Dorf niederbrennen und plündern, und dass eine Kiste voll Silber dann möglicherweise einfach ein scheiß Versteck darstellt – aber geschenkt.

Gomla fragt auch gar nicht mehr weiter aber sie erinnert sich an eine kaum einsehbare Mauerspalte in der hinteren Ecke des Kellers.

Perfekt, sage ich. Die nehme ich.

Wenige Augenblicke später treffe ich meine Gefährten draußen auf der Straße.

Sie sitzen auf einem kleinen Mäuerchen, lassen die Beine baumeln und betrachten das Geschehen draußen auf dem Feld, weit jenseits des lächerlichen Stadtmäuerchens von Hohlheim.

Aus den beiden Truppen der Wolfsreiter lösen sich zwei Gestalten. Auch sie auf Wölfen.

Einer der beiden trägt eine wuchtig Rüstung mit großen schwarzen Schulterstücken.

Die Rüstung des anderen ist rot.

Sie nähern sich. Bleiben in einiger Entfernung voneinander stehen. Scheinen miteinander zu sprechen.

Dann bewegen sie sich langsam aufeinander zu. Umkreisen einander. Reden dabei weiter.

Irgendwann lässt der Rote den Schwarzen mit den Schulterstücken hinter sich zurück.

Der Rote reitet zielstrebig auf Hohlheim zu.

Er bleibt in einiger Entfernung, so weit der Bogen schießt, vor dem Stadtmäuerchen stehen.

Ich sage, den kenne ich doch. Das ist doch der Mardug. Damals beim Jäger. Da kam er auch und hat Felle verkauft.

Mardug, der Goblin, lässt seinen Wolf gegen die Stadtmauer anrennen. Mit einem entspannten Satz stehen Wolf und Reiter plötzlich mitten in der Stadt.

Mardug hebt theatralisch einen Arm in die Höhe.

Unter seiner Faust baumelt an den Haaren der abgeschnittene Kopf eines Ork. Mund, Augen und Hals mit wenigen Stichen groben Garns zugenäht.

Fliegen surren um das zerschundene und gammelige Objekt.

Der süßliche Geruch von Verwesung liegt in der Luft.

Attacke der Goblins

Ihr Bürger von Hohlheim, piepst der Goblin mit seiner hohen Stimme. Wir brauchen zwei kräftige Männer, die uns beim Spiel unterstützen.

Was denn für ein Spiel, sagt Quro.

Ziel des Spiels ist es, sagt Mardug, diesen Spielball – er lässt den Orkkopf kreisförmig pendeln – diesen Spielball in das gegnerische Tor zu befördern.

Uns fehlen nur noch zwei Torwächter, sagt Mardug.

Kein Thema, sagt Bullwai. Ich bin Bullwai, Sohn von Barabas, Enkel von Bullwahn Ascheschild, Wächter der Eisenmeute und Clankrieger des mächtigen Canidenclans. Und wo immer es irgendwo ein Tor zu bewachen gilt, bin ich der beste Mann dafür. Ich bin dabei.

Oh mein Gott, stöhnt Quro. Alles nur nicht das. Aber gut. Dann bin ich eben auch dabei.

Quro gleitet wie eine Katze von dem Mäuerchen, auf dem wir sitzen.

Ich frage mich unwillkürlich, warum den Goblins wohl ihre Torwächter abhandengekommen sein mögen. Wahrscheinlich war der Besitzer dieses Kopfes einst einer von ihnen.

Ich schaue Bullwai mitleidsvoll an.

Ramir scheint meine Gedanken zu lesen.

Ihr spinnt ja total, sagt er. Fragt ihr euch nicht, warum keiner von denen den Job machen will.

Derweil haben die Goblins auf beiden Seiten des abgesteckten Geländes jeweils eine Art Gabel errichtet. Jede ruht auf einem ins Erdreich gerammtem Pfahl von etwa zweieinhalb Schritt Höhe. Darauf liegt ein breiter Querbalken. Zu beiden Seiten des Querbalkens ragen die beiden Holme noch einmal mehr als zwei Schritt in den Himmel.

Mardug zuckt die Achseln. Torwächter ist nichts Großes. Es geht einfach nur darum, den Gegner platt zu machen, wenn er kommt.

Der Gnom in der roten Rüstung hebt den Arm. Unter seiner erhobenen Faust pendelt der Kopf. Er weist auf die beiden Gabeln. Da muss der Ball durch, sagt er zu Bullwai und Quro. Und zwar samt Wolf und Reiter.

Verstehe, sagt Quro. Und anschließend? Wer kriegt den Ball danach?

Mardug grinst schief. Das diskutieren wir hinterher aus. Meistens einigen wir uns auch irgendwie.

Verstehe, sagt Bullwai, und was genau ist dabei die Aufgabe des Torwächters?

Mardug schlägt dem Zwerg auf die Schulter. Du hältst den Kasten dicht. Du sorgst dafür, dass keiner von den Gegnern mit dem Ball da oben durchspringt.

Er weist auf eine der Gabeln, die vier Schritt über dem Erdboden angebracht sind.

Klar, sagt der Zwerg stolz, ihr hättet keinen besseren Kandidaten dafür finden können. Ich bin zertifiziert Wächter mit langjähriger Berufserfahrung. Mit mir habt ihr da einen echten Profi im Team.

Das weiß ich doch. Mardug lächelt fein. Das weiß ich.

Von unserem Mäuerchen aus beobachten wir, wie Quro und Bullwai Mardug aufs Feld folgen.

Er erklärt ihnen dabei mit Händen und Füßen die Spielregeln.

Immer wieder wippt der Kopf des Toten Ork unter seinem Gefuchtel wild hin und her.

Die beiden erfahren, dass der gegnerische Gnom in der schwarzen Rüstung mit den schwarzen Schulterklappen der legendäre Bayscharg vom Scheißclan sei – ja, der heißt tatsächlich Scheißclan, warum?

Auf die Frage, warum eigentlich keiner der Gnome den Torwart spielen will, beißt Mardug sich kurz auf die Lippe. Dann erklärt er freimütig, die Benutzung von Schilden sei aber in jedem Fall erlaubt.

Bullwai bückt sich im Gehen. Er testet die Qualität des Bodens.

Ein abgeerntetes Feld. Lehm. Strohreste.

Er schaufelt schnell ein paar Handvoll Erde in eine Socke und hängt sie sich an den Gürtel.

(Über dieses Detail schüttle ich im Nachhinein übrigens immer wieder den Kopf. Wo kommt denn plötzlich diese Socke her? Ich möchte wirklich nicht wissen, was er sonst noch alles mit sich herumträgt. Ich argwöhne, dass Bullwai in Wahrheit vermutlich spindeldürr ist und seine bullige Erscheinung allein daher rührt, dass er seine Rüstung und sein Wams mit allem möglichen Krimskrams vollstopft, den man vielleicht mal irgendwann brauchen könnte: Bindfäden, benutzte Teebeutel, alten Honigkuchen, den Oma gebacken hat, Topflappen – Bullwai, die wandelnde Müllhalde. Man möchte gar nicht wissen, was da alles rausfällt, wenn man den Zwerg mal schüttelt).

Auf jeden Fall wird Bullwai Mardugs Mannschaft zugelost.

Quro teilt man Bayschargs Scheißclan zu – jenem legendenumwobenen Bayscharg mit seiner nachtschwarzen Rüstung und den hochgeklappten Schulterklappen.

Quro mustert Bayscharg. Diese Legende hat auf jeden Fall fiese O-Beine.

Die anderen Clanmitglieder stehen breit grinsend im Halbkreis um ihren Anführer.

Willkommen im Clan, Wölfling.

Ein Wald aus fiesen O-Beinen, denkt Quro. Es ist ihm ein Rätsel, wie man mit sowas laufen kann.

Quro nickt. Wir werden das Kind schon schaukeln.

Jemand reicht ihm einen ziemlich kleinen Schild.

Hier. Den wirst du brauchen.

Quro greift zu.

Wir werden das Kind schon schaukeln, sagt er noch einmal.

Dann stellen sich die Mannschaften auf dem Spielfeld auf.

Irgendwo stöhnt wieder dieses Horn oder zumindest auf jeden Fall irgendwas zum Reinblasen.

Das Spiel beginnt.

Sofort entbrennt eine wilde Hatz um den Kopf des toten Ork. Die Wolfsreiter starten taktische Manöver, Ausfälle, reiten Überraschungsangriffe. Es entstehen Zusammenrottungen. Ausweichmanöver werden geritten.

Das Spiel wogt lange unentschieden. Wolfsreiter hetzen hin und her, jagen in weiten Kreisen umeinander und trennen sich wieder.

Es riecht nach Schweiß, nach nassem Wolfsfell. Hechelnde Wölfe, deren Zungen weit heraushängen. Schreiende Goblins.

Bullwai steht vor seiner Gabel, die sich ein Vielfaches seiner Körpergröße in den Himmel erhebt und kratzt sich unterm Helmrand.

Was machen die denn da. Ist das jetzt ein Spiel, oder rennen die einfach nur schreiend hin und her.

Auf der anderen Seite des Spielfeldes kratzt Quro sich den Rücken an den Torstangen. Er zuckt die Achseln. Keine Ahnung.

Beide beobachten von ihrem jeweiligen Tor aus mit wachsender Verwirrung das völlig chaotische Treiben auf dem Feld.

Das Schreien der Gnome wird unterdessen immer lauter und aggressiver.

Viele der Wolfsreiter wirken zunehmend frustriert. Sie reiten immer waghalsigere Manöver. Fletschen ihre Zähne. Stoßen nah vorbeireitende Gnome den Ellenbogen in die Rippen.

Dann ertönt wieder dieses Ding zum Reinblasen.

Ein langgezogenes, irgendwie wollüstiges Krächzen.

Ein paar Gnome zerren einen Karren durch den zerwühlten Schlamm aufs Spielfeld. Darauf ein riesiger, speckig glänzender Balg aus borstigem Fell.

Es riecht nach würzigem Wein. Tönerne Becher werden gereicht. Jemand beginnt auszuschenken.

Auf unseren Torwart, brüllt Mardug. Gut gemacht, Kleiner!

Er schlägt Bullwai krachend die Hand auf die Schulter.

Naja, also bis jetzt …, sagt der Zwerg.

Bullwai stößt mit den Clangenossen an.

Mardug bedeutet Bullwai, ihm zu folgen.

Etwas abseits des Wagens bespricht der Clan mit gesenkter Stimme die Taktik für die zweite Halbzeit.

Wir knallen die mit einem Sturmangriff weg, sagt Mardug. Mit Anpfiff. Sofort ab der Grundlinie.

Die anderen Gnome nicken. Alles verstanden. Guter Plan.

Ich weiß ja nicht, sagt Bullwai. Der Scheißclan hat die größeren Wölfe. Es dürfte schwierig werden, mit einem direkten Sturmangriff da durchzubrechen.

Mardug setzt langsam den Becher ab.

Er mustert Bullwai eindringlich.

Hat der Stollenbeißer denn einen besseren Plan, sagt er.

Naja, sagt Bullwai. Man muss den Kopf so schnell wie möglich erobern. Zurückpassen. Und dann sofort wieder in die Spitze spielen.

Verstehe. Mardug nickt. Bogenlauf.

Die übrigen Goblins nicken.

Sie zeigen für jedermann sichtbar, dass sie den Plan auch verstanden haben. Jeder kann es an ihrem eifrigen Nicken erkennen.

Bogenlauf, sagt jemand.

Ja. Bogenlauf. Alle nicken eifrig.

Bogenlauf.

Gut, sagt Bullwai. Also möglichst schnell den Kopf erobern. Dann zu mir zurückpassen und nach vorne stürmen. Ich schmeiß ihn dann so weit in die Spitze, wie ich kann.

Alle nicken eifrig.

Ja, sagt jemand, Bogenlauf.

Richtig, sagen alle, Bogenlauf.

Alle nicken eifrig, damit für jedermann eindeutig erkennbar ist, dass sie alle den Plan auch wirklich verstanden haben.

Auf der anderen Seite des Feldes marschiert derweil der legendäre Bayscharg in seiner schwarzen Rüstung mit den Schulterklappen an den schwarzen, daran angebrachten Schulterstücken O-beinig vor seiner Mannschaft auf und ab.

Scheißclan, sagt Bayscharg mit vibrierendem Stolz. Wir bauen eine Phalanx auf. Alle in einer Reihe. Und zwar Mann an Mann. Wolf an Wolf.

Und wir hindern sie daran, den Ball zu kriegen. Versteht ihr.

Die Köpfe des Scheißclans nicken.

Gut, sagt Bayscharg. Damit steht die Strategie.

Grundätzlich ja schon nicht schlecht, sagt Quro, aber meine Frage wäre – sollte nicht irgendwann auch mal jemand stürmen. Also, ich meine, wer von euch ist denn zum Beispiel der Stärkste.

Ja, das stimmt wohl, sagt der legendäre Bayschark und rückt seine schwarzen Schulterstücke zurecht.

Jemand müsste stürmen.

Er reckt sein Kinn in die Höhe.

Also ich bin hier auf jeden Fall der Stärkste.

Ich auf jeden Fall schon mal. Aber der Boygur auch, sagt er. Aber Boygurs Wolf ist zwar gepanzert, aber auch schon ziemlich vernarbt, muss ich sagen.

Jo, sagen die Gnome des Scheißclan, das stimmt. Der ist schon ziemlich vernarbt.

Redet keinen Quatsch, donnert Bayscharg. Ich denke, es ist das Beste, wenn der Boygur stürmt. Und der Rest von euch blockt einfach und hindert die anderen am Durchbrechen. Solide, stabile Phalanx. Habt ihr das verstanden?

Jo. Guter Plan, sagen die Goblins vom Scheißclan und nicken beflissen.

Vom Spielfeldrand her tönt plötzlich wieder dieses Ding zum Reinblasen mit jenem wollüstigen Krächzen.

Alles klar, sagt Bayscharg. Jeder weiß Bescheid. Also los.

Die O-beinigen Kreaturen schwingen sich auf ihre Wölfe und preschen in maximal chaotischer Anordnung aufs Spielfeld, um sich da dann irgendwie aufzustellen.

Ein paar Gnome am Spielfeldrand haben zwischenzeitlich den Wagen vom Feld gezogen, und blasen jetzt in bemerkenswert schrill klingende Flöten.

Guckt mal, sagt Ramir, der neben mir auf dem Mäuerchen sitzt, da geht´s schon wieder los. Er reicht seinen Trinkschlauch an Handon.

Handon nimmt einen Schluck und rülpst. Vielleicht passiert da drüben ja jetzt auch mal irgendwas Zielgerichtetes, sagt er.

Er reicht den Schlauch an mich weiter.

Meine Beine pendeln von der Mauer, während ich den Schlauch an den Mund setze.

Eine warme Brise fährt durch meine Haare. Von irgendwoher weht der Geruch von gebratenem Speck heran.

Ich sehe Mardug und Bayscharg (den, mit den schwarzen Schulterstücken an seiner Rüstung) aufeinander zustürmen. Der Zusammenprall ist gewaltig. Wir hören das Scheppern ihrer Rüstungen bis hierher.

Ich setze den Schlauch ab.

Die Pfoten ihrer Wölfe durchwühlen den matschigen Schlamm, um irgendwie Halt zu finden.

Während sich die beiden Anführer umkreisen, bricht rings um sie herum völliges Chaos aus.

Gnome reiten an den Seitenlinien auf und ab.

Andere liefern sich erbitterte Verfolgungsjagden quer über den Platz.

Hin und wieder stöhnt dieses Ding zum Reinblasen über die Landschaft, während Gruppen von Gnomen sich im Eifer des Gefechts weit außerhalb des Spielfeldes gegenseitig verfolgen.

Die meiste Zeit liegt der Kopf des toten Orks völlig unbeachtet irgendwo im Schlamm herum – bis irgend ein Gnom ihn zufällig entdeckt, aufnimmt und ihn mit lautem Triumphgeheul über seinem Kopf im Kreis schwingend im Zickzack quer über das Spielfeld trägt, wo er dann zumeist in einer Traube aus anderen Gnomen und Wölfen verschwindet, die sich nach längerem Gewühl dann aber auch irgendwann wieder auflöst – ohne dass irgendeiner der Beteiligten den Kopf hätte, oder auch nur wüsste, wo der sich gerade befindet.

Bullwais Tor ragt hinter ihm auf. Hinter der Gabel ziehen weiche Wolken über den azurblauen Himmel.

Ein Wolf rast über das Spielfeld auf ihn zu. Darauf Mardug in seiner roten Rüstung. Der Kopf puterrot. Heftig schnaufend und dem Gesichtsausdruck zufolge kurz davor, eine ernsthafte Gewalttat zu begehen.

Bei dir alles soweit klar, Bullwai. Er reißt an den Zügeln und wendet tänzelnd den Wolf. Kannst du noch oder musst du ausgewechselt werden.

Bei mir alles bestens, sagt Bullwai und beobachtet aufmerksam das sinnlose Gewimmel vor sich. Bis jetzt stehe ich ja nur hier rum und warte. Ist unsere Taktik mit dem Rückpass denn nicht aufgegangen.

Aaargh. Mardug rotzt lautstark auf die Erde. Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe. Mit diesen Versagern da gewinnt man keinen Biberblase voll Wein. So eine Schmach.

Damit wendet er den Wolf, gibt ein klackendes Geräusch von sich und schlägt ihm die Fersen in die Seite.

Aber die anderen haben ja auch noch kein Tor gemacht, sagt Bullwai.

Doch Mardug rast bereits wieder über das Feld, wo er mit zornrotem Kopf auf einen völlig überforderten Gnom der gegnerischen Mannschaft einschlägt.

Im selben Augenblick auf der gegenüberliegenden Seite des Spielfeldes:

Bayscharg vom Scheißclan bringt seinen laut hechelnden Wolf mit einer schnellen Drehung zum Stehen.

Die Hinterbeine des Tieres brechen kurz aus. Zappeln. Dann findet er im zertretenen Schlamm Halt und bleibt keuchend vor Quro stehen.

Quro, der gemütlich am Torpfosten lehnt, löst sich mit einem Ruck von dem Holz und schaut Bayscharg fragend an.

Was sollen wir tun, japst der legendäre Anführer des Scheißclans. Rechts und links von seinem Gesicht erheben sich die schwarzen Klappen der Schulterstücke seiner schwarzen Rüstung.

Was sollen wir also tun, keucht er. Du bist doch so klug.

Der Boygur hat auf jeden Fall völlig versagt. Sein Wolf mag zwar gepanzert sein, aber er ist dann wohl doch viel zu vernarbt.

Der Boygur ist die Niete der Saison, würde ich mal sagen. Der Typ war wirklich eine komplette Scheißidee.

Naja, sagt Quro. Da schwingt natürlich immer auch ein bisschen Glück mit.

So ein Quatsch, bellt der legendäre Bayscharg. Da müssen wir uns gar nichts schönreden. Der Boygur ist eine bittere Enttäuschung. Punkt. Wir brauchen einen anderen Plan. Und zwar sofort. Das Spiel ist doch jeden Moment zuende.

Vom Spielfeldrand stöhnt das Ding zum Reinblasen japsend die letzte Runde ein.

Quro beobachtet über die schwarzen Klappen auf Bayschargs Schulter hinweg das Spielfeld.

Sein Blick wandert zum gegenüberliegenden Tor. Ganz unten, am Fuße der Stange, steht Bullwai. Reglos. Breitbeinig. In der stolzen Pose eines altgedienten Wächters der Eisenmeute. Dass man so geschäftig wirken kann, ohne sich dabei auch nur ein bisschen zu bewegen…

Quro grinst.

Dann wendet er sich wieder Bayscharg zu.

Ich könnte dich zum Beispiel einfach samt Wolf und Ball da rüber tragen und euch da oben durchwerfen.

Bayscharg verzieht das Gesicht.

Quros Blick sucht das Gewimmel der ineinander verknäuelten Gnome ab.

Er sieht Mardug auf der anderen Seite des Platzes, der sich – nicht weit von Bullwai entfernt – in vollem Galopp seitlich vom Wolf sacken lässt, im Vorüberrasen den einsam auf dem Platz liegenden Orkkopf hochreißt und an den Haaren über seinem Kopf schleudert.

Mardug zügelt den Wolf. Schaut sich suchend um.

Sein Blick trifft Bullwai.

Der Kopf flattert über den Platz.

Mit sanftem Schmatzen landet der Schädel des toten Orks genau in Bullwais Händen.

Mardugs Wolf zuckt zusammen und rast wie unter Strom auf Quro und Bayscharg zu.

Rechts und links von ihm gehen Gnome des Scheißclans auf dem schlammigen Grund zu Boden.

Was macht denn der Mardug da. Der legendäre Bayscharg lacht zwischen seinen beiden Schulterklappen ein keckerndes Lachen.

Der will wohl komplett alleine auf unser Tor stürmen, und dann hat der ja nicht mal den Kopf dabei.

Bayscharg biegt sich vor Lachen. Was für ein Trottel. Der wird sich gleich ganz schön wundern, wenn er merkt, dass er da was Entscheidendes vergessen hat.

Mardugs Wolf setzt zum Sprung an.

Ein gewaltiger Sprung.

Über Quro und Bayscharg hinweg.

Die Köpfe der Goblins drehen sich in Quros und Bayschargs Richtung.

Der legendäre Bayscharg nutzt die allgemeine Aufmerksamkeit und zeigt lachend auf den Vollidioten, der da soeben über ihn hinweghechtet.

In genau diesem Moment fliegt der Kopf quer über den Platz. Die Haare flattern wie der Schweif eines Kometen.

Mardug fängt das Geschoss mitten im Flug und stürzt mitsamt seinem Wolf durch das Tor.

Aus dem Ding zum Reinblasen erhebt sich wolllüstiges Seufzen übers Spielfeld.

Jubel brandet auf.

Dann ist das Spiel aus.

Die Gnome geben sich die Hände, fallen sich in den Arm.

Mardug wird immer wieder in die Luft geworfen, scheißegal, welchem Clan die anderen angehören.

Man trinkt, lacht und prahlt mit seinen Heldentaten auf dem Platz.

Und so chaotisch und unstrukturiert das Spiel abgelaufen sein mag, beim Abbau packt jeder mit an, und mit fast schon unheimlicher Effizenz verschwinden Tore und Spielfeldmarkierungen in kürzester Zeit in den Packtaschen der eigens mitgebrachten Ausrüstungswölfe. Zurück bleibt ein bis zur Unkenntlichkeit zertrampeltes Feld.

Aus Tonkrügen wird eine letzte Runde Schnaps gereicht.

Dann noch eine.

Und noch eine.

Warum spielt ihr eigentlich mit einem Orkkopf, fragt Quro. Der Alkohol brennt in seinem Mund. Hat das irgendeinen besonderen Grund.

Aaach, der legendäre Bayschark wischt mit der Hand durch die Luft, als wolle er damit die lästigen Fragen wegjagen.

Haben wir mal mitgenommen. Lag auf irgend so m scheiß Schlachtfeld rum. Orkschädel rollen einfach gut. Sind schön rund, weißte.

Er setzt den Tonbecher an und trinkt ihn einem Zug leer.

Noch ne Runde, ruft der legendäre Bayscharg und rülpst laut zwischen seinen schwarzen Schulterklappen hervor.

Aufbruch ins Ungewisse

Zurück beim Gebetsplatz über Hohlheim warten wir auf Nirvela.

Ramir läuft unablässig auf und ab. Stöhnt von Zeit zu Zeit genervt.

Quro kratzt sich mit seinem Messer Dreck unter den Nägeln hervor.

Nirvela lässt lange auf sich warten.

Aber irgendwann sehen wir ihre weiße Mähne über die Böschung kommen, als sie den gewundenen Pfad zu unserem kleinen Hochplateau erklimmt.

Im Schlepptau hat sie den Jäger. Vajk heißt er – zumindest erinnere ich mich, dass er damals so hieß. Vajk hält den Kopf schüchtern gesenkt.

Eine sorgenschwere Falte auf der Stirn fragt Nirvela, ob wir mittlerweile wissen, was die Goblins hier wollen.

In der Zeit, in der du weg warst, den Jäger zu holen, haben sie eine komplette Ballpartie gespielt.

In der Zeit, in der ich weg war. Die Falte auf Nirvelas Stirn sieht plötzlich weniger nach Sorgen aus, sondern eher nach Ärger. Was soll das denn bitte heißen.

Ja, warum hat das so lange gedauert.

Ich mustere den verlegen neben ihr stehenden Vajk.

Und anschließend haben die Goblins die Zeit genutzt und sogar noch eine komplette Party gefeiert.

Eine Party.

Ja. Während du weg warst, den Jäger holen. Erst ein Turnier gespielt und dann eben auch noch ein bisschen Spaß gehabt. Nichts weiter.

Nirvela mustert mich, als hätte ich ihr einen Kübel Müll über den Kopf gekippt.

Alles, während du weg warst, den Jäger, äh…  holen. Ich lächele betont offenherzig.

Nirvela rafft sich zusammen. Reckt das Kinn in die Höhe und wirkt plötzlich unglaublich staatstragend.

Wenn Goblins angeblich Spaß haben wollen, sagt sie betont souverän, dann muss man sich immer Sorgen machen. Ein bisschen Spaß haben und völlig eskalieren liegt bei Goblins nie weit auseinander.

Nicht nur bei Goblins, wie´s scheint, sage ich.

Nirvela wirkt, als wolle sie jeden Moment auf mich losgehen.

Aber zufällig kenne ich Mardug, ihren Anführer persönlich, sage ich.

Mardug, sagt Vajk, der Jäger, als sei er plötzlich zu eigenem Leben erwacht. Langjähriger Geschäftspartner, sagt er, haben schon lange miteinander zu tun.

Ob wir jetzt vielleicht endlich mal das Bild holen könnten, sagt Nirvela. Es wird Zeit. Sie wirkt ziemlich bestimmt.

Ramir schlägt vor, dass lieber er das Bild holt. Wenn Ufil das macht, dann warten wir nochmal ne halbe Ewigkeit, sagt er. Besser wenn ich zur Gomla gehe.

Was soll das denn jetzt, sage ich.

Doch der Elb hopst bereits wie ein Wiesel zwischen den Findlingen hindurch. Zuletzt sehen wir sein fettiges Haar auf und ab wippen, als er hinter der Böschung verschwindet.

Wir anderen beschließen, solange einen kleinen Spaziergang durch Hohlheim zu machen und noch die eine oder andere Sache zu besorgen.

Ich unterhalte mich mit Handon.

Wir schlendern durch die Gassen von Hohlheim. Überall Reste der Zerstörung, die die Frettchen angerichtet haben.

Aber auch überall frisch gestrichene Fassaden. Neu errichtete Zäune. Frisch angelegte Beete. Die Bewohner Hohlheims waren fleißig und haben vieles von dem repariert, was die Sklavenjäger zerstört haben.

Weißt du, Handon, sage ich, Manchmal frage ich mich, ob wir unseren Zielen überhaupt näher kommen, oder ob wir nur Getriebene sind. Von Umständen, die uns mal hierhin, mal dorthin wirbeln.

Handon sieht das ähnlich. Sein Ziel ist es schon lange, ein Handelsnetz aufzubauen. Bisher ist davon nur wenig gelungen. Handon ist frustriert, sagt er.

Ich frage, ob Olse und Hohlheim denn nicht ein guter Ausgangspunkt dafür seien – gute Infrastruktur, breit aufgestelltes Handwerk, stabile Verhältnisse.

Natürlich ein herber Verlust für unsere Truppe. Klar. Aber man hat das Handon ja nun schon ein paarmal angetragen.

Hohlheim, sagt Handon. Ist die Frage, inwiefern es sich lohnt, sich hier politisch zu engagieren.

Steht im Moment aber eh nicht zur Debatte, sagt Handon, eigentlich wollten wir längst mit Zenkil bei diesem Zauberer gewesen sein. Stattdessen schlagen wir uns mit Trollen im Wald rum. Die Todo-Liste wird eher länger als kürzer.

Ja, sage ich. Das mit den Steinen ist schon ein großes Ding. Ich hoffe, dass wir das bald unter Dach und Fach haben.

Unter Dach und Fach. Handon schaut mich an, als sei ich bescheuert.

Weißt du, Ufil, manchmal frage ich mich, ob wir uns da nicht verrennen. Sind die scheiß Steine das alles wirklich wert? Wie viele Ressourcen die binden. Aber für was?

Willst du aussteigen. Ich versuche, emotional unbeteiligt zu klingen.

Ne, sagt Handon. Er schaut sich unbehaglich um. Noch nicht. Aber wenn´s die Gruppe aufreibt… Irgendwann muss man Notleine reißen, wenn du verstehst, was ich meine.

Notleine, sage ich.

Ja, sagt Handon. Steine sind nicht alles.

Wir gehen schweigend weiter.

Und Politik, sage ich. Könntest du dir das vorstellen. Schickes Kontor in Hohlheim. Bürgermeister. Aufbau der Stadtmauern. Sowas.

Handon schaut mich belustigt an.

Wenn das mal nicht innig mit der Pollmoor wird. Da müssen die Rollen schon sehr klar verteilt sein. Wenn die Alte mir reinpfuscht, werd ich ein Problem.

Bullwai klinkt sich in das Gespräch ein.

Aber du müsstest doch gar nicht selbst vor Ort sein, sagt er. Wieso baust du nicht einfach ein Handelsnetz auf und lässt dich dann vertreten.

Schon, sagt Handon. Sofern man zuverlässige Partner findet.

Aber wo wir gerade vom Teufel sprechen …

Von ferne sehen wir das Haus der Pollmoor.

Sie steht an ihrem Gartentürchen und schaut uns entgegen, als hätte sie uns erwartet.

Handon geht in den Manipulationmodus und begrüßt sie freudestrahlend.

Frau Pollmoor! Welch Freude Euch hier anzutreffen.

Ach, mein bester Handon, seufzt Frau Pollmoor, wie gut, dass ich Euch treffe. Ich wurde nämlich kürzlich angefragt, ob ich einen Produzenten für einen lukrativen Fleischhandel kenne. Aber ihr wisst ja, wie das hier in Hohlheim gerade aussieht.

Sie schaut sich mit verzweifeltem Gesichtsausdruck auf der Straße um.

Überhaupt kein Problem, sagt Handon. Ich habe da einen exzellenten Ochsenhändler an der Hand. Beste Ware. Ihr müsstet mir nur den Kontakt herstellen. Ich kümmere mich um den Rest.

Oh, Handon, ich wusste, ich kann auf Euch zählen.

Frau Pollmoor bricht abrupt ab. Sie steht vor Handon. Ringt die Hände. Wirkt wie ein hilfloses Kind.

Aber ich sehe es doch, sagt Handon, Ihr habt noch etwas anderes auf dem Herzen.

Frau Pollmoor schaut sich hektisch auf der Straße um, ob man auch wirklich keine ungebetenen Zuhörer habe.

Dann greift sie in ihre Schürze und holt mit zitternden Fingern einen zerknitterten Zettel hervor.

Hier, flüstert sie, lest das. Ein Brief der Rostbruderschaft.

Handon nimmt das knittrige Papier.

Der Prophet vom Haus des Feilschers wird auf der Durchreise hier vorbeikommen, liest er.

Frau Pollmoor nickt mit elendem Gesichtsausdruck.

Falls ich das fragen darf, sagt Handon, wie ist denn Ihre Einstellung zu den Rostbrüdern.

Frau Pollmoor schaut Handon erschrocken an.

Dann flüstert sie.

Wenn Ihr mich fragt, ist das ein brutales Pack. Sie knechten das Volk. Aber naja. Ich weiß nicht recht.

Sie wiegt den Kopf.

Andererseits bieten sie aber natürlich auch Schutz. Und so schlecht sind sie auch wieder nicht.

In ihren Augen steht blanke Angst.

Handon beugt sich betont vertraulich zu ihr hinunter und raunt.

Seien wir ehrlich. Die Rostbruderschaft beruht auf mafiösen Strukturen. Ich persönlich unterstütze jede Allianz, die gegen die Rostbrüder ist.

Seid Ihr wahnsinnig. Frau Pollmoor schreckt zurück. Sie schaut Handon mit großen Augen an.

Sturkas, unser Rostbruder war eigentlich ganz erträglich. Gut, er war natürlich auch ein Rostbruder. Aber trotzdem hatte er … also … er hatte… irgendwie ein Herz.

Handon nickt. Mag sein, mag sein. Aber die Rostbrüder, die jetzt kommen sind anders als Sturkas. Sie fühlen sich nicht verantwortlich für ihre Städte, sondern sie nutzen rohe Gewalt, um ihre Ziele durchzusetzen.

Wenn sie kommen, dann muss man kooperieren. Dann muss man ihnen eine Maskerade vorspielen, um zu überleben.

Er gibt Frau Pollmoor den Brief zurück. Sie krallt ihn und drückt ihn entsetzt an ihre Brust.

Ich will mich kurzfassen, sagt Handon. Noch ist die Zeit nicht reif. Aber wir haben bereits mehrere hundert Mann hinter uns, die bereit für den Widerstand sind.

Aber das bleibt geheim, versteht ihr.

Handon fährt die völlig verängstigte Frau Pollmoor hart an.

Kein Wort zu irgendjemandem. Es ist tödlich, sich zu erkennen zu geben.

Frau Pollmoor nickt hastig. Flüchtet dann so schnell sie kann, in ihr Haus.

Handon grinst mich höchst zufrieden an.

Es dauert nicht lange, da stößt Nirvela zu uns.

Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zurück zu dem Gebetsplatz oben auf den Felsen.

Als wir zu unserem Lager über der Stadt kommen, hat Zenkil unseren Rastplatz bereits aufgeräumt und einen ordentlichen Ring aus Steinen um unser Feuer gelegt.

Als er uns sieht, springt er auf.

Ich habe bisschen klar Schiff gemacht, solange ihr weg wart, sagt er.

Zenkil weist auf die Felsformation über dem Gebetsplatz.

Ich habe dort oben im Fels eine Stelle entdeckt. Von da aus kann ich die gesamte Umgebung beobachten.

Ich sag euch. Hier kommt keine Maus vorbei, ohne dass ich sie bemerke.

Ramir klopft ihm im Vorübergehen auf die Schulter.

Ich wusste es doch. Gute Entscheidung, dich mit dieser Aufgabe zu betrauen.

Der Jäger Vajk schaut sich nervös um.

Sein Blick bleibt an Ramir hängen, der soeben das Bild ausrollt und gemeinsam mit Zenkil auf den Rahmen spannt.

Wie abgemacht, raunt Vajk Nirvela zu. Ich gehe nur kurz ein paar Schritte mit rein und dann komme ich sofort wieder raus. Ich komme nicht ganz mit rein.

Nirvela klopft dem Mann aufmunternd auf die Schulter und drückt ihm unauffällig etwas in die Hand. Wie abgemacht.

Wir kümmern uns derweil um die Ausrüstung.

Zenkil hat ganze Arbeit geleistet. Er hat alles vorsortiert und einen Kessel Wasser über dem Feuer erhitzt.

Jeder von uns bekommt einen Satz Felle und eine große Decke.

Dazu von Zenkil vorgeheizte Steine.

Einen Lederschlauch mit heißem Wasser als Wärmflasche.

Auf dem Schlitten befinden sich für Notfälle Nirvelas wärmende Zaubertränke.

Und natürlich ein großer Stapel Feuerholz und eine Dose mit Glut.

Wir binden Wärmflaschen und heiße Steine an unsere Körper. Umwickeln uns mit den Fellen und Decken.

Wir sind bereit.

Dann wollen wir mal, sagt der Jäger Vajk.

Er packt seine Axt und einen langen Dolch.

Dann schwingt er sein Bein über den Bilderrahmen und steigt in das Bild.

Wir folgen ihm.

Quro und Handon zerren den Schlitten über den Rahmen ins Bild.

Die Kälte trifft wie ein Faustschlag ins Gesicht.

Die Augen tränen sofort. Tränen gefrieren auf dem Gesicht. Die Haut beginnt zu brennen.

Bei jedem Atemzug brennen die Lungen.

Binnen weniger Augenblicke verwandelt sich Quros Fell in eine kristalline Struktur.

Bullwai packt nach Quros Schwanzspitze. Es knirscht, als er die Kristalle zwischen seinen Fingern zerdrückt.

Quro knurrt.

Fragil wie ein elfisches Langschwert, sagt Bullwai.

Die allumfassende Stille verschlingt seine Worte in der Kürze eines Wimpernschlags.

Über uns dröhnen die farbigen Spiralnebel in ihrer majestätischen Rotation. Unendlich weit weg. Dabei viel klarer, viel präsenter, als ich sie in Erinnerung hatte.

Und doch – eindeutig uns zugewandt, auf uns bezogen. Aus der Ferne von Galaxien.

Das Dröhnen und Schrillen der Magie an diesem Ort lässt mich zusammenfahren.

Ich vergrabe meine Seele in mir. Versuche mich zu immunisieren gegen dieses immerwährende Wummern und Kreischen.

Die Kälte ist hart. Unnachgiebig.

Quro hebt die nackten Füße vom Boden. Der Blick angewidert.

Noch nie sowas Unnatürliches gefühlt, knurrt er.

Die Planke neben dem Eingang ragt noch immer in die Höhe.

Die Toten im Schnee auch.

Also gut dann, sagt Vajk, aber seine Stimme wird verschluckt von jener Ewigkeit, die bis hinauf zu den Spiralnebeln reicht.

Also gut, wiederholt er, als habe er sich selbst nicht richtig gehört.

Dampf steht vor seinem Mund.

Ich … ich würde mich dann mal langsam wieder…

Er hält die Hände unter den Achselhöhen vergraben und wippt frierend auf und ab.

Dampf gefriert vor seinem Gesicht in der Luft.

Also euch dann mal noch viel Erfolg, ne.

Er nimmt eine Hand unter seiner Achselhöhle heraus und hebt sie zum Abklatschen in die Luft.

Wir klatschen der Reihe nach ab.

Jo, Mann. Danke für deinen Einsatz. Machs gut, Alter. Ohren steif und so.

Im nächsten Augenblick springt Vajk durch den Rahmen ins Freie, als sei der Leibhaftige hinter ihm her.

Wir schauen uns an.

Nicken.

Wir sind unter uns.

Aus den endlosen Weiten des Raums zwischen den Spiralnebeln hallt die Stimme des Spielleiters über die ewig weite, beißend kalte Eisfläche.

Auf Überleben würfeln, dröhnt die Stimme des Spielleiters durch die kristallklare Luft.

Qued Ferën

Schneidende Angst schnürt mir die Kehle zu.

Wir würfeln um unser Leben.

Dieses Mal fallen die Würfel gut.

Wir sind in Sicherheit. Fürs Erste.

wir machen uns auf den Weg.

Ich bilde die Nachhut.

Quro direkt vor mir.

Wir bleiben intuitiv eng beeinander.

Bullwai und Ramir an der Spitze kommen bei dem zweiten gefrorenen Kämpfer an.

Sie bleiben stehen. Sprechen jemanden an, der dort zu sitzen scheint.

Mich kriegt ihr nicht, ruft eine Kinderstimme.

Dann sehe ich ein kleines Mädchen, das Richtung Stadt läuft. Sie hat lange, schwarze Haare. Trägt ein Nachthemd. Sie läuft barfuß.

Handon ruft ihr nach. In seiner allerschleimigsten Manipulationsstimme.

Lauf nicht weg, Kind, ruft er zuckersüß. Wir wollen dir helfen.

Das Mädchen zögert.

Und ein bisschen Hilfe bräuchten wir auch von dir, sagt Handon.

Quro und ich schließen auf.

Ramir grinst das Mädchen schmierig an. Er versucht offensichtlich sympathisch zu wirken.

Mich kriegt ihr nicht, ruft das Mädchen. Lasst mich in Ruhe.

Trotzdem zaudert sie und bleibt stehen.

Handon geht in die Knie. Weißt du, wir wollen dir nichts tun. Im Gegenteil. Wir bitten dich um deine Hilfe.

Das sagen alle, sagt das Mädchen. Die ganzen Verbrecher.

Sie weist auf den gefrorenen Hügel, der einst ein Krieger war.

Aber wir sind nicht solche Leute, sagt Handon. Wir bringen ja auch Hilfe für dich mit. Aber um dir helfen zu können, brauchen wir auch selbst Hilfe. Du hilfst uns, damit wir dir helfen können.

Für den Bruchteil eines Wimpernschlags huscht ein Anflug überheblicher Selbstgefälligkeit über sein Gesicht. Die rhetorische Volte scheint Handon stolz zu machen.

Bleibt weg von mir, ruft das Mädchen wieder. Ich will nicht mit euch reden.

Bullwai tritt vor. Streckt ihr ein Käsebrot entgegen (das er hoffentlich nicht zuvor in den Tiefen seiner Rüstung gebunkert hatte). Mit seinen verschmitzt zwinkernden Augen über den rot leuchtenden Apfelbäckchen wirkt der von Narben gezeichnete Zwergenkrieger wie ein Maskottchen zum Liebhaben und Knuddeln.

Hast du Hunger, sagt Bullwai.

Lasst mich in Ruhe, sagt sie. Ich lebe hier. Ich brauche nichts.

Sie weist auf Handons Klinge.

Ihr habt Schwerter. Das sehe ich. Ihr seid Lügner.

Handon wiegt feixend den Kopf. Jaaa, aber die sind doch nur wegen der Tiger. Sonst brauchen wir die ja gar nicht.

Lasst meine Tiger in Ruhe, sagt das Mädchen. Die beschützen mich nämlich.

Handon zieht in aufrichtigem Erstaunen die Brauen hoch. Aber vor wem denn, fragt er.

Vor Quetzel natürlich, sagt sie. Kennt Ihr die denn nicht.

Handon schaut sie verblüfft an.

Die ist nämlich ganz, ganz böse, sagt das Mädchen.

Handon findet die Fassung wieder. Genau. Und genau deshalb sind wir hier, sagt er mit seinem herzlichsten Lächeln, wir sind hier, um dich von ihr zu befreien.

Genau. Ramir, der es mittlerweile aufgegeben hat, schmierig zu lächeln, drängt sich an Handon vorbei. Wir werden dich von ihr befreien. Aber dafür musst du uns den Weg zeigen.

Quro steht neben Ramir und wedelt mit dem Schwanz. Ihm gelingt ein verblüffend herzzerreißender Hundeblick.

Weißt du, sagt Handon, manchmal ist Vertrauen auch etwas, das man schenken muss.

Er lässt seine Worte wirken.

Wir müssen dir ja auch vertrauen. Dass du uns zum Beispiel nicht in eine Falle führst.

Sie reagiert nicht.

Mit großen schwarzen Augen schaut sie Handon einfach nur misstrauisch an.

Sie hat elbische Ohren, raunt Ramir mir zu.

Handon lässt ein herzliches Lächeln sehen.

Weißt du, sagt er, Vertrauen kann vielleicht manchmal ungewohnt sein und sich komisch anfühlen. Aber ich beweise dir, dass ich es ehrlich meine.

Ich bleibe einfach hier stehen, und du entscheidest.

Quro wedelt unentwegt mit dem Schwanz. Man möchte seine schwarze Gumminase knutschen, so süß sieht er aus.

Das Mädchen runzelt die Stirn.

Dann dreht sie sich um, und geht Richtung Stadt.

Wir drängen umgehend hintendrein.

Stopp!

Das Mädchen dreht sich um.

Sie schaut uns so streng an, wie es einem kleinen Mädchen nur möglich ist. Die kleine Hand als Stoppsignal erhoben.

Ihr müsst da stehen bleiben. Ihr habt das versprochen.

Ihre Stimme ganz Vorwurf.

Plötzlich verändern sich ihre Gesichtszüge.

Werden ganz weich.

Ich habe Angst, seufzt sie hilflos. Solche Angst.

Wir haben auch Angst, sagt Handon. Deshalb halten wir zusammen.

Handon nickt freundlich.

Ich gehe jetzt, sagt das Mädchen.

Gut, sagt Handon. Du entscheidest. Er hebt beide Hände in die Höhe.

Aber bitte sag deinen Tigern, dass wir dir nichts tun.

Du siehst ja. Wir bleiben hier stehen. Wir tun dir nichts.

Kannst du das den Tigern sagen bitte. Dass sie uns auch nichts tun sollen.

Das Mädchen wendet sich zum Gehen.

Wie heißt du eigentlich, sagt Handon. Ich heiße Handon.

Qued Ferën, sagt das Mädchen.

Das ist ja elbisch, platzt es aus Ramir heraus. Sofort textet er das kleine Mädchen mit irgendwelchen langatmigen Abhandlungen in elbischer Sprache zu.

Die Augen des Mädchen weiten sich vor Entsetzen.

Lasst mich endlich in Ruhe, ruft sie verblüffend zornig. Und sprecht – nicht – diese- Sprache.

Damit läuft sie in die Stadt.

Wir folgen in zivilisiertem Abstand.

Sie klettert eine Kaskade niedriger Glaswände hoch und läuft nun weit oben über unseren Köpfen. Wir nutzen die Stiegen ebenfalls.

Oben angekommen ist das Mädchen verschwunden. Aber die Orientierung von hier aus ist wesentlich leichter.

Wir gehen in Richtung des Brunnens, den wir beim letzten Mal entdeckt hatten.

Auf dem Weg dorthin quasselt Ramir mich voll.

Ihr Name ist nämlich elfisch, musst du wissen. Qued bedeutet Herrscherin, und Ferën hat mit Furcht und Angst zu tun.

Interessant. Ich nicke. Dann heißt Qued Ferën also „Herrscherin der Angst“?

Ramir sagt, naja, so könnte man das vielleicht schon irgendwie auch übersetzen. Ja, warum eigentlich nicht.

Ich sage, wenn also Qued Ferën die Herrscherin der Angst ist – dann ist Qued-tzel die Herrscherin von was genau?

Eigentlich auch nicht so richtig, sagt Ramir. Man könnte jetzt nämlich auch sagen, dass Qued Ferën eigentlich doch nicht so sehr Herrscherin der Angst bedeutet, weißt du. Aber … das lässt sich jetzt natürlich nicht komplett eins zu eins übersetzen. Du weißt ja, elfisch ist schon auch eine eher komplexe Sprache.

Schon verstanden, sage ich.

Ich sage, aber wenn Qued die Herrscherin ist, dann muss doch Qued-tzel auch irgendwas bedeuten, verdammt. Darauf muss doch irgendeine sinnvolle Antwort möglich sein.

Der Elf geht mir langsam gehörig auf den Sack.

Komm schon Ufil, sagt Ramir. Also das sind jetzt echt Grundlagen, die ich dir versuche, zu erklären. Wenn du die schon nicht checkst.

Ramir beschleunigt den Schritt und lässt mich beleidigt hinter sich zurück.

Ich sage, verpiss dich doch.

Was für ein verdammter Scheißelf.

Nicht lange danach erreichen wir den Platz mit dem gläsernen Brunnen, den wir bei unserer letzten Expedition entdeckt hatten.

Hinter dem Brunnen gehen drei Wege oder vielmehr drei lang gezogene Treppen von dem Platz ab.

Der mittlere Weg führt direkt zum Turm hinauf.

Zu beiden Seiten des Platzes befinden sich Erhöhungen.

Wir hören das altbekannte Geräusch von Krallen auf Glas.

Tikk – tikk – tikk.

Wir hören das schwere Gewicht eines Tigers, der auf eine niedriger gelegene Glasfläche hinabspringt.

Tikk – tikk – tikk.

Wir sind keine Bedrohung, ruft Handon. Wir haben Qued Ferën angeboten, ihr zu helfen.

Ramir tritt vor und übersetzt Handons Worte ins Elbische.

Handon holt Luft und setzt zur Fortsetzung seiner Rede an.

Doch Quro stößt ihn zur Seite.

Manipulation. Der unwiderstehliche Hundeblick blitzt auf seinem Wolfsgesicht auf.

Wir sind doch Freunde, barmt Quro im Manipulationsmodus.

Wir hören den Tiger springen.

Dann entfernt sich das Geräusch seiner Klauen.

Tikktikk – tikk – – tikk – – tk – – t – –

Handon schaut drein, als habe ihm gerade jemand ins Essen gekackt.

Alles geklärt, sagt Quro. Reibt sich die Hände.

Handon stößt Luft aus und grinst das angepissteste Grinsen, zu dem ein Mensch fähig ist.

Wir machen uns auf den Weg zum Turm.

Während wir uns Stufe um Stufe dem gewaltigen Bauwerk nähern, verfolgt mich der Gedanke an das kleine Mädchen.

Sie kam mir auf merkwürdige Weise vertraut vor. Fast so, als würde ich sie gut kennen. Egal, was Ramir da vorhin zusammengestammelt hat – Ihr Name, Qued Ferën, weist sie mit Sicherheit nicht als die „Königin der Furcht“ aus, sondern viel eher als die „Furcht der Königin“. Das bedeutet, sie ist die Manifestation eines abgespaltenen Persönlichkeitsmerkmals von Quetzel.

Während ich weiter darüber nachdenke, erscheint mir dieser Gedanke mit jedem Schritt plausibler.

Wenn wir also hier in diesem Bild bereits auf eine Manifestation von Quetzel gestoßen sind, dann wird es noch weitere geben. Sie wird nicht die einzige bleiben.

Aber was mich noch viel mehr beschäftigt, ist die Frage, wo sich Quetzel selbst dann aufhält. Denn wenn wir an verschiedenen Stellen dieser Welt auf Teile ihrer Persönlichkeit treffen, dann kann das nur bedeuten, dass wir Quetzel nicht an einem bestimmten Ort finden, sondern dass wir bereits in Quetzels Geist sind.

Diese Welt IST Quetzel.

Mich schaudert bei dem Gedanken.

Ich hebe den Blick.

Wir kommen dem Turm immer näher.

Seine Fundamente aus rohem, unbearbeitetem Feldstein gefertigt. Man möchte kaum davon sprechen, dass hier in irgendeiner Weise etwas zusammengefügt sei. Vielmehr wirkt es, als habe jemand wahllos gebrochene Findlinge einfach abgekippt – eher ein Haufen rohes Geröll, als ein Gebäude.

Je weiter der Blick nach oben schweift, umso feiner gearbeitet präsentiert sich die Architektur.

Verschiedenfarbige Steinsorten bilden ein flirrendes Muster. Sorgsamst gearbeitete Stücke verbinden sich wie ein Puzzle aus in unterschiedlichste Formate gestampften Einzelstücken.

Noch weiter oben lösen sich auch diese Formen in eine fast spiegelglatte, glänzend irisierende Fläche aus undefinierbarem, glasig schillerndem Material.

Schließlich können wir den Platz einsehen, von dem aus die gewaltige Treppe zum Eingangsbereich hinaufführt.

Der Platz ist übersäht von Skeletten.

Zerrissene Körper.

Abgetrennte Gliedmaßen.

Seitlich von der Treppe lehnt ein skelettierter Unterschenkel mitsamt Schienbeinschoner an der Wand.

Wir bewegen uns zwischen all den Gefallen – von Zerfetzten möchte man eher sprechen – über den Platz.

Vielleicht findet man hie und da ein Stück Ausrüstung, das man brauchen kann.

Tatsächlich trägt ein etwas abseits liegender Brustkorb ohne Arme, Beine und Kopf ein prächtig gearbeitetes Kettenhemd, das mir passen dürfte.

Als ich das Kettenhemd abstreife, fällt der Brustkorb klappernd in sich zusammen.

Wegen der Kälte erscheint es nicht ratsam, sich direkt an Ort und Stelle umzuziehen. Wir sind immer noch eingepackt in dicke Felle, Decken, darunter ausgestopft mit Wärmflaschen und den warmen Steinen, all das umgeben von einer dicken Schicht aus weißem Raureif, was uns zusammen in etwa das Erscheinungsbild einer Truppe wandelnder Schneebälle verleiht.

Wir steigen die große Freitreppe hinauf zum Eingang.

Sie ist breit.

Sie ist flach.

Nur alle fünf oder sechs Schritt eine Stufe. Eher eine stufige Rampe als eine richtige Treppe.

Einer der beiden mächtigen Torflügel steht einen Spaltbreit offen. Ein fast unecht warm wirkender Lichtschein fällt heraus in die eisige Trostlosigkeit.

Auch hier steigen wir über die Skelette all jener Helden, die es in den Jahrhunderten vor uns versucht haben, durch dieses Portal zu gelangen.

Dann stehen wir davor.

Was sollen wir tun.

Das Portal des Grauens

Jemand muss vorgehen, sagen wir.

Jemand anderes muss sichern.

Alles klar, sagt Ramir und verschwindet in der einen Spaltbreit geöffneten Tür.

Einen Wimpernschlag später ist er wieder bei uns draußen.

Überall Marmor, sagt er. Dicke Teppiche. Kandelaber mit blakenden Kerzen.

Hinten eine unglaublich breite Wendeltreppe mit Gold verziert. Ich hatte keine Zeit, zu gucken, aber irgendwas an dieser Treppe stimmt nicht.

Schön, sagen wir, gibt es Anzeichen von Gegnern. Irgendwelche Hinweise auf Lebewesen.

Ja, Ramir zuckt die Achseln, natürlich wieder überall Tote und Skelette.

Ist klar, sagen wir. Weiter.

Ich bin mir nicht sicher, was das war, sagt Ramir, aber rechts und links neben dem Treppenaufgang. Zwei ziemlich große Gestalten. Zweibeiner. Irgendwelche Vögel. Aber groß wie Schlachtrösser.

Vögel, sagen wir.

Monster, sagt Ramir. Wie dieser Dämon aus dem Labor von Wetterstein. Aber irgendwie vogelig.

Vogelig, sagen wir.

Geieraugen, sagt Ramir und modelliert die Monster mit seinen Händen in die Luft, irgend sowas wie Pfauenfedern hinten dran. Aber auch Krallen an den Flügeln. Fiese, lange Schnäbel, die aber übelst gezackt sind. Aber das ganze aber eben irgendwie aufgedunsen, zusammengeflickt. Als wären sie ausgestopft.

Und das hast du alles in der kurzen Zeit sehen können.

Ich bitte dich, sagt Ramir. Ich bin Elb.

Aus dem Inneren des Turm hören wir eine krächzende Stimme.

Grumis, sagt die Stimme, da kommen wieder welche.

Ich hab sie gehört, Nachttrapp, krächzt eine andere Stimme. Könnte unterhaltsam werden.

Wir hören ein seltsames Klappern aus dem Inneren.

Aber Grumis, was machen unsere Gäste denn da draußen, krächzt die Nachttrapp genannte Stimme.

Ich weiß nicht, sagt Grumis. Vielleicht sind sie ja schüchtern, dass sie sich nicht reintrauen. Haaaalllooo!

OK, flüstert Quro, sollen wir verhandeln, oder was machen wir.

Können wir ja versuchen, raunt Bullwai. Aber vor allem für einen Angriff bereit machen.

Sag mal Grumis, glaubst du, die kommen noch rein? Hallo, was macht ihr denn da draußen. Kommt doch einfach herein, bitte.

Ramir presst sich hinter den geöffneten Türflügel, um einen Hinterhalt vorzubereiten.

Kommt ihr lieber raus, ruft er laut.

Tssse, hast du das gehört, Nachttrapp. Wir sollen rauskommen. Was sagen wir denn dazu. Solche Manieren aber auch.

OK, sagt Handon. Ich geh rein, und ich versuch sie rauszulocken. Wenn ich rauskomme. Macht Euch für alles bereit.

Er reißt den Torflügel auf und stürmt in den Saal.

Boah, ist das scheiße warm hier drin, sagt Handon, in den schneebedeckten Ball aus Fellen und Decken gehüllt.

Wenn ich es richtig sehe, habe ich die Ehre, mit Grumis und Nachttrapp zu sprechen, sagt Handon.

Aber es ist doch selbstverständlich, dass meine Gefährten höflichst draußen vor der Tür warten. Wir hatten zwar eben schon ein paar Worte durch die Tür gewechselt, aber ich dachte, um dem Anstand Genüge zu tun, sollten wir doch lieber von Angesicht zu Angesicht miteinander plaudern.

Und so stehe jetzt hier angesichts all der Skelette dort draußen und hoffe, dass wenigstens wir die Situation friedlich lösen können, was für alle Beteiligten sicherlich in ihrem besten Interesse liegen dürfte.

Nachtrapp springt begeistert auf das Geländer der großen Treppe.

Schau, der kann sogar reden, sagt er. Ist der süß. Aber leider müssen wir ihn trotzdem gleich zerpflücken.

Tatsächlich, sagt Grumis. So schade drum. Aber wirklich.

Handon wendet sich uns zu, die wir draußen in der Kälte stehen.

Sie stehen unter einem Bann, denke ich, raunt er.

Aber Ihr, sagt Nachttrapp. Ihr wollt doch bestimmt auch zu Queztel, nicht wahr.

Grumis kichert. Ach, was die immer alle wollen. Quetzel lässt doch sowieso nicht zu, dass die zu ihr nach oben kommen.

Das stimmt so nicht, sagt Handon. Quetzel erwartet uns sogar. Sie hat einen meiner Gefährten eigens eingeladen, zu ihr zu kommen und ihr bei der Lösung eines Problems zu assistieren. Wir sind übrigens die Begleiter dieses Problemlösers.

So, grinst Grumis und bewegt sich seitlich in Richtung der Wand, in der sich das Portal befindet. Handon begreift, dass er versucht, ihm den Weg zum Ausgang abzuschneiden.

Nachttrapp springt derweil unvermittelt auf Handon los, versucht ihn weiter in die Halle, vom Ausgang weg zu treiben.

Handon läuft Grumis entgegen, und drückt sich im letzten Moment zur Tür hinaus ins Freie.

Achtung, es geht los, sagt Handon.

Direkt hinter ihm schiebt sich ein gewaltiges, vogelartiges Wesen durch das Tor zu uns heraus. Seine Schenkel unfassbar muskulös. Ein schrecklich langer Schnabel mit sägeartigen Hornzacken. Hinter ihm wippt eine opulente Schleppe aus Pfauenfedern.

Seine toten Augen scannen die Umgebung, fixieren uns einen nach dem anderen.

Ramir springt aus dem Schatten des Torflügels und rammt dem Ungeheuer das Falchion unter den Ansatz der zerfledderten Schwinge.

Er dreht am Griff.

Drückt mit der Hüfte nach.

Die Bestie grunzt.

Das war aber gar nicht nett, krächzt Grumis.

Uns einfach anzugreifen. Dabei sind wir doch nichts weiter als ehrlich, aufrichtige Wächter.

Sie sind ausgestopft, ruft Ramir. Er weist auf dichte Büschel weißer Wolle, die aus dem Schnitt unter dem Flügel quellen.

Quro schießt einen Pfeil auf das Monstrum.

Der gleitet am glatten Deckgefieder der Flügel ab, wird abgelenkt und bleibt bebend im Holz des Torflügels stecken.

Hinter Grumis schiebt sich Nachttrapp durch die Tür nach draußen.

Ein zweiter Pfeil löst sich von Quros Bogen, bleibt in Grumis´Hals stecken.

Der Monstervogel gurgelt.

Sein Kopf zuckt ruckartig zur Seite.

Diese ausgestopften Viecher scheinen unglaublich stark zu sein.

Wenn es mir gelingt, den Bann, der sie aufrecht hält zu brechen, könnte ich sie auf diese Weise vielleicht sehr elegant ausschalten.

Ich webe einen Zauber, der die Magie bannt.

Ich rezitiere die geheiligten Worte aus meinem Notizbuch.

Werfe dabei eine Prise Eisenspäne in die Luft, denn Eisen ist bestens geeignet, nicht nur zu oxidieren, sondern auch Flüche und Bannsprüche an sich zu binden und so zu neutralisieren – sofern der Magier beim Rezitieren der magischen Formel die korrekte Vibrationsstufe in den Zauberspruch zu legen vermag. Versteht sich von selbst.

Ich vibriere also den Zauberspruch, noch in der Luft greifen die Eisenspäne die Schwingungen auf, beginnen glühend und knisternd eine oszillierende Welle zu bilden, die sich aufschaukelt und in einer plötzlichen Entladung von Magie eine purpurfarbene Stoßwelle evoziert.

Die Vögel sacken weg, als habe jemand den Stecker gezogen.

Das Lebenslicht in den kalten Augen verlischt.

Die Köpfe auf den langen Hälsen knicken seitlich ab.

Den Monstern sacken die Knie weg.

Aber noch bevor sie tatsächlich in die Knie gehen, geht das Licht in ihren Augen wieder an.

Immer diese uneingeladenen Gäste, plappert Nachttrapp los. Was die sich immer vorstellen.

Grumis schnappt nach Ramir.

Sag mal, sagt Grumis zu Ramir, weißt du eigentlich, was der Bibliothekar sagt, wenn er seine Frau gepimpert hat.

Ramir wehrt den Schnabelhieb des Vogelwesens mit dem Schild ab.

Keine Ahnung.

Grumis keckert: Der Bibliothekar sagt, das Kapitel hatte ich mir aber ganz anders vorgestellt.

Scheißwitz, sagt Ramir. Er versucht, an sein Falchion zu gelangen, das immer noch in Grumis´ Seite steckt. Lach ich vielleicht später drüber.

Handon drückt Grumis von unten sein Schwert in den Schädel.

Der Vogel gurgelt und sackt auf die Knie.

Damit hebelt er Handon das Schwert aus der Hand.

Das schlägt mit dem Knauf auf dem Boden auf und drückt sich weiter durch Grumis´ herabsackenden Kopf, bis es die Schädeldecke durchbricht und seine Klinge zusammen mit dicken Büscheln von Watte ins Freie drückt.

Der Vogel kippt langsam zur Seite.

Ramir hechtet plötzlich los, als sei ein Schwarm zorniger Bullenbrämen hinter ihm her.

Er springt den sterbenden Vogel an, klammert sich in sein Gefieder und lässt sich mit dem Kadaver zu Boden sinken.

Der Vogel bleibt reglos liegen.

Ramir ist verschwunden.

Selbst so´n Vogel, der Ramir. Bereitet wahrscheinlich mal wieder einen Angriff aus dem Hinterhalt vor. Ich stelle mir vor, wie der sich beim nächsten Angriff verzweifelt durchs Gefieder wühlt und nicht raus findet.

Ich muss lachen.

Ihr Schweine!, brüllt Nachttrapp auf.

Man hätte doch nur die Einladung zeigen müssen.

Nachttrapp rastet völlig aus. Er schreit rum, was für Arschlöcher wir seien, und wie wir ihn um seinen einzig wahren und ewigen Gefährten gebracht hätten. Sein Leben sei ruiniert und wir unwürdige Drecksäue seien ganz allein schuld daran.

Und das alles nur, weil wir zu blöde wären, unsere Einladung vorzuzeigen.

Ich sage, wir sind aber eingeladen.

Die Wichsratte, behauptet also, eine Einladung zu haben.

Nachttrapp starrt mich hasserfüllt an. Hat er das denn, der Drecksack.

Das würde ich nämlich jetzt zu Grumis sagen, brüllt er hasserfüllt, aber Grumis ist nicht mehr, ihr habt ihn mir genommen. Mit wem soll ich denn jetzt Spaß haben, wenn wir unserer Aufgabe nachkommen, ihr Schweine.

Wir sind tatsächlich eingeladen, sage ich. Quetzel persönlich bat mich zu kommen.

Dann zeigt die Urkunden, faucht Nachttrapp.

Frag Quetzel, sage ich. Wir sind eingeladen.

Die Urkunde, herrscht der Vogel mich an.

Ich sage, das wirst du bereuen, Nachttrapp, dass du geladene Gäste nicht durchlässt.

Der Vogel lacht mich aus. DU wirst das bereuen. Und zwar das alles hier.

Wäre Grumis noch am Leben, dann würden wir jetzt darüber diskutieren, wer wem von euch die Beine abreißt.

Er seufzt erschöpft.

Dann muss ich das jetzt wohl alles alleine erledigen. Wie trostlos.

Damit greift er Bullwai an.

Bullwai duckt sich weg. Der Schnabel pfeift knapp an ihm vorüber.

Blitzschnell rollt Bullwai sich rücklings ab und schlägt Nachttrapp aus der Drehung von hinten seine Axt in den Hals, und das derart schnell, dass der Vogel, während er noch abwärts nach ihm hackt, sich bereits wundert, wo sein Opfer denn plötzlich hin verschwunden ist.

Während der Vogel verwundert und völlig verdattert wieder aufblickt, fliegt auch schon Quros Pfeil durch sein Auge direkt in seinen wattierten Kopf und tritt gegenüber durch das andere Auge wieder aus.

Nachttrapp lässt den Kopf zweimal um sein Atlantoaxialgelenk kreisen, bricht in sich zusammen und bleibt neben Grumis liegen.

Wir stehen im Kreis um die beiden toten Vogelmonster.

Gut eingestielt, das alles, sagt Handon.

Eher durchgestielt, würde ich sagen. Quro betastet ehrfürchtig den Pfeil, der quer in Nachttrapps Kopf steckt.

Bullwai sagt, war mir sowieso von vornherein klar, dass ich mit einer Rolle rückwärts sauber abliefern würde.

Ich mustere meine prahlenden Kollegen.

Ramir, sage ich, kannst rauskommen. Die Luft ist rein.

Ramir ächzt und keucht, als er sich durch Grumis´Gefieder ans Tageslicht wühlt. Er fächelt sich Luft zu. Pfuj, stinkt das alles ranzig, hier drin.

Ich reiche ihm die Hand. Ziehe ihn aus dem Vogelkadaver.

Helfe beim Abklopfen der Daunenreste.

Dann betreten wir den Turm.

Die Stiege des Grauens

Der Saal ist riesig.

Überall Marmor. Dicke Teppiche. Kandelaber mit blakenden Kerzen. Hinten im Saal eine unglaublich breite, mit Gold verzierte Wendeltreppe.

Ramir hatte Recht.

Irgendwas an dieser Treppe stimmt nicht.

Wir gucken uns im Saal um. Ob es noch irgendwelche interessanten Dinge gibt. Türen zum Beispiel.

Es gibt absolut nichts Nennenswertes, außer reichlich Kandelaber, Stuck und vergoldeten Pilastern mit Arkanthusblattkapitell, samt Voluten und klassisch proportioniertem Verhältnis von Echinus und Abakus.

Aber definitiv nichts von Interesse.

Außer diesem merkwürdigen Treppengeländer eben.

Das Geländer besteht aus goldüberzogenen Knochen, wie es aussieht.

Das ist wirklich hochgradig faszinierend.

Während meine Gefährten sich daranmachen, die Treppe zu besteigen, schaue ich mir das Geländer näher an.

Bereits die Geländerpfosten zu beiden Seiten des Antritts sind Meisterwerke. Aufrecht montierte Wirbelsäulen, deren Wirbelkörper derart in einem rotierenden Modus aufeinander gefügt sind, dass Dorn- und Querfortsätze ein clever ausgedachtes Spiralmuster erzeugen, das sich rund um den Pfosten zu winden scheint – und das mit dem auf der gegenüberliegenden Seite in entgegengesetzte Richtung sich um den Pfosten windenden Muster korrespondiert.

Oben auf den Wirbelsäulen befindet sich als geschmackvolle Pfostenknauf-Idee je ein senkrecht aufgestelltes Fersenbein.

Die Baluster selbst bestehen aus akkurat ausgerichteten Oberschenkelknochen, der Untergurt hingegen ist aus abwechselnd eingebrachten Ellen und Speichen gefertigt. Das Geländer selbst wiederum wird durch sorgsam ausgerichtete Tibiae gebildet, die einen fast völlig geraden Handlauf bilden, dessen Volumen allerdings wellenartig zwischen den gegeneinander gesetzten medialen malleoli und den ebenso gefügten Tibiaköpfen onduliert.

Optisch gestützt wird dieser sehr geschmackvoll ausgedachte und meisterlich umgesetzte Handlauf durch zwischen den Oberschenkelknochenbalustern gotisierend gestaltete Spitzbögen aus Rippenknochen – und zwar, um genau zu sein, ausschließlich aus der jeweils paarig angeordneten sechsten Rippe männlicher Skelette, so dass von Ferne eine optisch außerordentlich ansprechende rhythmisierende Gestaltungsidee erkennbar wird, die dem Geländer gewissermaßen den Eindruck einer feenhaft leichten Robustheit verleiht – wenn man denn diesen scheinbaren Widerspruch gedanklich aufzulösen in der Lage sein mag.

Entzückt nähere ich mich dem Werk, auch um die ausgesuchte Qualität der Vergoldung näher in Augenschein zu nehmen.

Tatsächlich sind auch diese Arbeiten in bester Güte ausgeführt. Die hauchdünne Goldschicht ist solide und deckend aufgetragen, bildet dabei aber zugleich fast alle anatomischen Details plastisch einwandfrei ab, so dass diese in ihrer natürlichen Weise in herausragender Qualität sichtbar werden.

Ich bücke mich, um auch die Unterseite des Geländers zu studieren.

Die Fovea Capitis der Baluster sind passgenau in die Tuberositas tibiae des darüber liegenden Handlaufs eingebracht.

Ufil.

Die Eminentiae intercondylaris sind selbstredend säuberlich abgefeilt, um eine plane Auflage der Condylen zu gewährleisten, die ihrerseits in perfekter Machart ausgeführt ist und nicht den geringsten Spalt erkennen lässt.

Ufil, kommst du jetzt endlich.

Unter den Condylen selbst tritt der Ansatz der Patellasehne sogar unter den gegebenen miserablen Lichtverhältnissen plastisch und formschön hervor.

Verdammt, Ufil, du Vollidiot. Wir müssen weiter.

Mir war, als hörte ich Quros Stimme von Ferne Beleidigungen ausstoßen.

Aber ich lasse die würdelosen Störungen meiner Barbarenfreuden an mir abperlen.

Keiner von ihnen könnte je ermessen, in welch herausragender Weise die Ansätze von Sartorius und Semitendinosus gracilis optisch ästhetisch ausgeführt sind.

Ufil. Das ist diesmal Bullwai. Komm schon, das sind nur paar Knochen.

Verdammt, ich hasse Gruppenreisen.

Der blöde Zwerg hat nicht die geringste Ahnung von der kompositorischen Tiefe und Eleganz dessen, vor dem wir stehen.

Ufil, quiekt der Zwerg.

Hätte hier jemand einfach nur ein paar Kieselsteine aufgestapelt, der doofe Zwerg würde sich orgasmisch daran ergötzen.

Aber sobald es um Kunstverstand geht, um philosophische Tiefe, die die inneren Abgründe menschlichen Seins auf ästhetisch exquisite Weise auszuloten weiß, sofort wird dieser grenzdebile…

Verdammt, Ufil.

Das ist jetzt Ramir. Warum hängt der sich denn da jetzt rein.

Jetzt komm schon, du blöder Idiot. Wir müssen weiter.

Typisch Ramir. Das ignorante Arschloch.

Alles, was dieser Elf nicht klauen kann, interessiert ihn sowieso nicht.

Dann bleib halt da, du Penner, sagt Handon. Wir kommen schon ohne dich klar.

Kommt Jungs, weiter geht´s. Wir lassen die Schwachpfeife einfach hier.

Zornig richte ich mich auf.

Ich könnt einem echt auf den Sack gehen, wisst ihr das, rufe ich – vielleicht ein klein wenig ungehaltener als zu sprechen ich eigentlich angedacht hatte, aber nun gut. Man muss auf eine, dem Pöbel verständliche Weise kommunizieren, will man ihr begrenztes Verständnis aktivieren.

Brauchst nicht gleich so´n roten Kopf kriegen, sagt Quro. Komm einfach hoch jetzt und gut, Mann.

Niemand hier hat irgendeinen roten Kopf, sage ich, reffe mein Gewand und renne den Blödmännern hintendrein – dieses prächtige Geländer nicht aus den Augen lassend, während es, aus den Augenwinkeln betrachtet, in seiner Schönheit an mir vorüber gleitet.

Von Zeit zu Zeit quängelt das Pack, das sich allein aufgrund der Tatsache, dass sie im Gegensatz zu mir über zwei gesunde Füße verfügen, mir gegenüber auch moralisch und kongnitiv für maßlos überlegen hält, weiter rum, ich solle bitte endlich weitergehen.

Man habe keine Zeit, um dumm an Knochen rumzufummeln.

Frustriert nehme ich die Hand von dem goldüberzogenen lateralen Malleolus, den ich ja eben wirklich nur mal ganz kurz betastet haben wollte und eile weiter.

Schließlich erreichen wir den oberen Treppenabsatz.

Daran schließt sich ein breiter Gang, hoch über der Halle, der an der nächsten Mauer blind endet.

Es geht nicht weiter.

Die Treppe endet hier.

Sackgasse, sagt Quro.

Was machen wir jetzt

Vor uns in der Wand befindet sich eine Tür.

Handon sagt, da ist eine Tür.

Ich sage, seltsam, ist das denn nicht die Außenwand.

Ich schaue in den Turm hinab, um zu gucken, in welche Richtung diese Tür geht.

Tatsache, sage ich, das ist die Außenwand.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich um eine Außenwand handeln muss.

Ich sage, seltsam, von außen war da nichts zu sehen.

Kein Balkon. Kein Erker.

Absolut nichts.

Trotzdem befindet sich diese Tür eindeutig in einer Außenwand.

Fällt euch das denn nicht auf.

Die primitiven Urzeit-Instinkte meiner Gefährten arbeiten langsam.

Jo, Ufil, sagt Ramir. Wir haben dich schon verstanden.

Aber die Tür befindet sich in einer Außenwand, sage ich. Das müsst ihr doch sehen.

Einmal erklären reicht Ufil, sagt Bullwai. Wir sehen das.

Auf der Tür ist ein Symbol, sagt Quro.

Ja, natürlich ist da ein Symbol, sage ich. Das ist doch für jedermann offenkundig.

Quro schließt die Augen und schweigt einen Moment.

Etwa schon wieder was falsch gemacht, sage ich.

Halt einfach die Fresse, Ufil, sagt Quro.

Er atmet ein paarmal durch.

Gut. Eine Pfauenfeder mit einem Auge, also, sagt Quro schließlich.

Die Tür hat weder Knauf noch Klinke.

Quro versucht die Tür zu öffnen, indem er seitlich an das Türblatt greift. Es funktioniert nicht.

Er hält die Handfläche über das Auge. Vielleicht reagiert es ja auf Licht, sagt der Wolfsmann.

Aber die Tür interessiert sich offenkundig nicht für Licht.

Bullwai rüttelt an der Tür.

Die beiden toten Vögel draußen vor dem Portal. Handon schnipst mit Daumen und Zeigefinger.

Dann rennt er los.

Wir sehen ihn von oben die Treppe runterrennen. Immer im Karree.

Handon taucht auf.

Handon verschwindet.

Handon taucht auf.

Handon verschwindet.

Und immer so weiter.

Ganz unten angekommen sprintet er durch die Halle. An den Kandelabern vorbei. Über den weichen Teppich. Bis zu dem Portal, dessen einer Flügel offen steht.

Er zwängt sich hinaus.

Dann hören wir nichts mehr.

Ich frage mich, ob die Monster da draußen vielleicht zu der Sorte gehören, die sich nach einer Weile regenerieren und wieder aufstehen. Aber wir warten einfach ab.

Als wir gerade beginnen uns ernsthaft Sorgen zu machen, taucht Handons Gestalt wieder in der Tür auf.

In der Hand eine prächtige, lange Pfauenfeder.

Er rennt die Wendeltreppe unter uns wieder hoch.

Taucht auf.

Verschwindet.

Taucht auf.

Verschwindet.

Ich ärgere mich gerade, dass ich vergessen habe, mitzuzählen, da steht Handon auch schon vor uns, etwas außer Puste, in der Hand eine lange, prächtige Pfauenfeder.

Er lässt die Feder elegant nach vorne wippen.

Sie streicht sanft an dem Federsymbol auf der Tür entlang.

Eine kurze magische Druckwelle trifft mich. So schnell, dass ich mir nicht völlig sicher bin, ob ich sie tatsächlich wahrgenommen oder mir nur eingebildet habe.

Eine sanftes Klicken hinter dem Türblatt.

Die Tür öffnet sich einen Spaltbreit. Ein Fächer aus heißem Dampf quillt uns entgegen. Strömt aus Tür und macht unseren Treppenabsatz nach und nach zu einer dunstigen Hölle.

Handon reißt die Tür auf.

Qued Skaïra

Vor uns eine große, weitläufige Gartenanlage – mit einem Glasdach.

Es ist warm. Es ist feucht.

Dampfschwaden nehmen die Sicht.

Kondensieren auf den wagenradgroßen Blättern fremdartiger Pflanzen.

Wassertropfen rollen wie Perlen über die Nervatur einer Blattspreite, sammeln sich zu kleinen Rinnsalen, die über die Spitze des Blattes abtropfen.

Riesige Insekten, groß wie Hände knattern durchs Laubwerk.

Überall stehen Blumentöpfe aus rotem Terrakotta. Leinensäcke mit Humus. Kleine, schemelartige Regale, auf denen Pflanzensamen in ettiketierten Glasgefäßen ihrer Aussaat harren, zweiblättrige Keimlinge, eingekerkert in umgestülpten, von innen beschlagenen Gläsern.

Und von allen Seiten Ranken, die sich über den Weg schieben, sich zu einem undurchdringlichen Vorhang sich verfilzenden Blattwerks verdichten.

Das ist ein Gewächshaus, sagt Handon.

Bewundernswerter Scharfsinn, sage ich.

Zwischen all der wuchernden Pracht windet sich ein kleiner, aus unregelmäßigen Steinplatten gelegter Pfad. Er führt in weichen Wellenlinien durch das Wucherwerk und verzweigt sich irgendwo weiter hinten.

Darüber oszillieren je nach Lichteinfall gleich mehrere Regenbögen abwechselnd in den wabernden Schwaden aus Nebel. Girlanden aus Blätterwerk und rankendem Pflanzenwuchs schmücken das Weglein.

Auch am Rande der Steinplatten Töpfe mit Pflanzen, von Moosen überwucherte Findlinge. Wo nichts wächst, da wartet zumindest Gartengerät, Komposthaufen, Säcke mit Saatgut, Gläser mit angezüchteten Sämlingen.

Wieder ein tiefes Brummen.

Ein hornissenartiges Insekt von der Größe eines Brotlaibs nähert sich mit ratterndem Flügelschlag. Die Mandibeln in rastloser Bewegung, der Hinterleib pendelnd wie ein schwerer Sack, den das Gefährt hinter sich herschleppt, taumelt das Kerbtier mit ausdruckslosem Blick an unseren Gesichtern vorüber und verschwindet in einer Wand aus Nebelschwaden und Laubwerk.

Unsere Köpfe drehen sich mit seiner Flugbahn. Wir lauschen dem in der Ferne verklingenden Brummen.

Die schwüle Luft durchzogen von süßlichen Gerüchen lässt mich schwindeln.

Handon hält die Tür noch in der Hand. Er lässt das Türblatt ratlos vor und zurückschwingen.

Quro tastet mit der Pfote über die Türschwelle in den Garten. Du meintest ja, das wär ne Außenwand, sagt er. Wir sollten vorsichtig sein. Der Garten könnte eine Illusion sein, sagt er.

Und wenn schon. Ist doch eh alles eine Illusion hier, sage ich.

Quro knurrt und legt die Ohren an.

Dick eingepackt wie Schneebälle, unter all den Decken, Fellen, mit heißen Steinen und Wasserschläuchen beladen, stehen wir vor der offenen Türe und schwitzen.

Mein Haar klebt an der Stirn.

Jede Bewegung fühlt sich schmierig an.

Für die Treibhaushölle sind wir ja bestens gekleidet, sage ich.

Vor allem passt keiner von uns durch die Tür, sagt Ramir.

Wollen wir mal hoffen, dass da keine Hobbits drin sind, sagt Bullwai, und windet sich aus seiner Wolldecke.

Was wäre da so schlimm dran, sagt Ramir, wenn da Hobbits drin wären.

Je weniger du anhast, umso schlechter für dich. Bullwai quietscht sein keckerndes Zwergenlachen.

Die schweißnassen Fellstücke lösen sich mit feuchtem Schmatzen aus der Ringstruktur seines Kettenhemds.

Wir wickeln uns gegenseitig nach und nach aus.

Dann betreten wir den Garten.

Bullwai voran.

Ich folge.

Dahinter Ramir, Quro, Handon.

Feuchte Schwaden hüllen uns ein. Rings um uns trompetenartige Blüten. Gestreift. Gesprenkelt. Ein Meer aus verwirrenden Farben, Schattierungen und Mustern. Schwerer, süßlicher Duft liegt in der Luft.

Eine schlangenartige Liane lauert über dem Weg. Ich könnte schwören, sie hätte sich gerade bewegt.

Bullwai bleibt stehen.

Die Ranke mit ihren riesigen, trompetenartigen Blüte dräut nur einen Fußbreit über seinem Kopf. Wir blicken uns misstrauisch um.

Handon sagt, wir sollten uns nach weiteren Ablegern dieser Pflanze umsehen. Wenn sie so ähnlich aussehen, aber nicht genauso wie die da, dann sollten wir aufpassen, sagt er.

Ich nehme meinen Kampfstab von der Schulter. Stupse die Blüte über Bullwais Kopf mit der Spitze an.

Eine gelbe Wolke pufft in die Luft.

Kleine Pollen ergießen sich, rieseln herab, direkt an Bullwais Gesicht vorbei.

Ich beobachte die Reaktion des Zwerges.

Er beobachtet die Samen reglos. Wartet, bis sie vorbeitgerieselt sind.

Dann bückt er sich einfach und geht unter der Ranke hindurch.

Direkt vor mir verteilt sich der gelbliche Dunst langsam in die Breite.

Mir wird übel. Meine Knie fühlen sich weich an.

Die Welt beginnt sich zu drehen.

Ich sage, Die Dämpfe sind halluzinogen. Haltet ein Tuch vors Gesicht.

Mit hochgeschlagenen Krägen und Kapuzen vor dem Gesicht krabbeln wir einer nach dem anderen unter der Ranke hindurch.

Wir tasten uns Schritt um Schritt auf dem Weg voran. Kriechen unter weiteren Ranken hindurch.

Schließlich erreichen wir eine Art Lichtung. Umgeben von einem ringförmigen Pfad. Vier Wege in vier Himmelsrichtungen.

In der Mitte der Lichtung eine Hütte.

Eine Hütte, sage ich.

Lichtung, sagt Quro.

Scheint eine Kreuzung zu sein, sagt Ramir.

Vor der Hütte flackert ein Feuer mit einem Kessel darüber, sagt Bullwai.

Und da steht eine Tür, sagt Handon.

Handon hat Recht.

Auch die Lichtung ist übersät mit sich um Stangen windende Ranken, Topfpflanzen und Gerätschaften.

Doch direkt neben dem Feuer mit dem großen eisernen Kessel steht tatsächlich eine Tür.

Das ist das Dümmste, was ich je gesehen habe, sagt Quro.

Eine silberne Tür mitsamt Rahmen mitten auf einer Lichtung. Da könnte man ja auch genauso gut drumrum gehen.

Bullwai runzelt die Stirn. Was für ein blödsinniger Scheiß, sagt er. Sowas würde es bei uns in den Steingärten nicht geben.

Ein paar Schritt hinter der Tür, in der Hütte, eine Bewegung.Aus der Öffnung unter dem niedrigen Dach über der hölzernen Veranda tritt eine alte Frau.

Wollene, einfach Gewänder. Langes weißes Haar, fast bis zu ihren Kniekehlen. Das Gesicht zerknittert wie Horsts letzte Futterrechnung (dieser scheiß Preistreiber – ich war einfach so sauer).

Die Frau tritt von der Veranda ins Gras. Steht aufrecht vor der Hütte. Betrachtet uns.

Schon wieder spitze Ohren, raunt Ramir.

Ich wünsche Euch einen wunderschönen Tag, Madame, ruft Handon ihr zu. Wir sind Reisende. Mit wem haben wir die Ehre?

Mein Name, sagt die Alte, tut nicht viel zur Sache.

Aber wenn´s denn sein muss, nennt mich Qued Skaïra.

Qued Skaïra. Ramir ist völlig aus dem Häuschen. Schon wieder ein Elbenname. Skaïra. Das bedeutet…

Will ich nicht wirklich wissen, sage ich.

Ramir schaut mich verwirrt an. Schüttelt den Kopf.

Skaïra bedeutet auf jeden Fall sowas wie Moral oder Gewissen. Wenn du verstehst, was ich meine. Das ist einfach unglaublich.

Ich winke ab. Danke. Schon gut. Diesmal will ich es wirklich nicht wissen.

Als hätte sie mich gehört, blickt Qued Skaïra mich an.

Mustert mich lange.

Ich sehe dich, sagt sie. Dein Spiel mit dem Tod. Deinen Beinstumpf. Das Schwert, das so viel Blut gekostet hat. Die Wunden. All die Narben an deinem Leib. In deinem Rucksack. Die abgeschlagenen Hände deiner Opfer.

Wehe dir, Reisender, sagt Qued Skaïra. Wehe.

Sie wendet sich an Ramir.

Siehe. Ein Mann mit zwei Klingen aber nur einem Arm. Weitere Waffen in jeder Gewandfalte. Ich blicke in das Herz eines Drachens in deiner Brust. Wie kommt es dorthin. Hast du es herausgerissen.

Scheiß drauf, sagt Ramir auf Elfisch. Moral muss man sich leisten können.

Und wie, die Frau legt den Kopf etwas schräg. Wie war doch gleich Euer Name.

Ramir, sagt Ramir.

Ramir, sagt sie.

Wehe dir, Ramir. Wehe.

Und da ein Menschenkrieger.

Sie wendet sich an Handon.

Dein Ohr gewaltsam abgerissen. Deine Taschen quellen über von Gold. Dein Schwert hat so viele brave Seelen von ihren Leibern getrennt. Und auch du. Fast glaubt man, nur noch Narben halten deinen Körper zusammen.

Wehe dir, Krieger. Wehe.

Und ein Hundmann.

Qued Skaïra hebt die Nasenflügel in Richtung Quro, als würde sie schnuppern.

Ein Halbwolf mit Pfeil und Bogen. Eine schwere Wunde. Geschlagen von einem Dämonenviech.

Wehe dir, Hundsmann. Wehe.

Der Zwerg. Axt. Schild. Rüstung. Der ganze Stolz liegt in seiner Ausbildung zum Mörder unbescholtener Seelen.

Wieso denn Mörder, ruft Bullwai entrüstet. Ich bin Bullwai, Sohn von Barabas, Enkel von Bullwahn Ascheschild, Wächter der Eisenmeute und Clankrieger des mächtigen Canidenclans.

Der Zwerg breitet die Hände aus und schaut die Frau mit aufrichtiger Fassungslosigkeit an.

Wieso soll ich mich denn für irgendwas entschuldigen. Ich habe doch gar nichts gemacht.

Die Frau schweigt verblüfft.

Runzelt die Brauen.

Dann zupft sie ein Blatt von einem herabhängenden Zweig und faltet es sorgsam zusammen.

Wehe auch dir, Bullwai, sagt sie schließlich. … vom … (sie macht eine wedelnde Handbewegung durch die Luft) … von diesem Canidenclan.

Wehe, sagt sie, steckt das Blatt in den Mund und kaut es.

Sie setzt sich auf die kleine Bank in der Nähe des Feuers.

Wir hören wieder das brummende Wummern von Insekten, die sich knatternd aus dem Unterholz erheben. Zwei wuchtige Bienen kreisen torkelnd ein paar Mal um ihren Kopf, zerren dabei ihre massig herabhängenden Hinterleiber immer wieder gegen die Schwerkraft nach oben und verschwinden dann wieder im Buschwerk.

Ein Zwitschern lässt uns herumfahren.

Ein kleiner Schwarm vogelartiger Wesen bricht aus dem Unterholz und rennt hektisch im Garten auf und ab.

Die sehen ja aus, wie Grumis und Nachttrapp, lacht Ramir. Nur dass sie einem kaum bis ans Knie reichen.

Find ich nicht witzig, sagt Bullwai.

Die sind total süß, sagt Quro.

Ich sage nichts. Ich stelle mir vor, wie ich sie ausweide. Die Innereien, die glänzend nass durch meine Finger glitschen, während das Vögelchen – selbstredend noch bei Bewusstsein – seinen Schmerz in den Garten hinauszwitschert.

Stimmt schon, sage ich. Ziemlich süß.

Ramir fasst sich ein Herz.

Edle Qued Skaïra. Ramir tritt einen Schritt vor. Wir sind auf dem Weg zu Qued-tzel. Kannst du uns erklären, wie man zu ihr kommt.

Die Frau kaut schweigend auf dem Blatt.

Ramir tritt ungeduldig näher.

Entschuldigung, sagt er. Ich hatte gerade was gefragt. Wie kommen wir zu Qued-tzel.

Die Frau hebt langsam ihren Kopf.

Ihr Kiefer mahlt.

Betrachtet Ramir. Wie aus großer Ferne.

Ich weiß nicht, sagt sie schließlich.

Ich weiß nicht, ob … ihr das verdient.

Warum verdient, sagt Ramir. Was soll das denn jetzt.

Die Frau betrachtet Ramir, als habe sie in eine Zitrone gebissen. Ich schaue Euch an, sagt sie. Und ich sehe Plünderer. Mörder. Eine ganze Bande.

Ich verscheuche meine Gedanken an ausgeweidete Vögel, trete mit schnellen Schritten vor die Alte.

Wir haben halt viel durchgemacht, sage ich. Das mag ja sein. Aber Mörder sind wir deshalb nicht. Keiner von uns.

Quetzel hat mich persönlich gebeten, zu ihr zu kommen. In einer Vision. Und das mehrmals. Sie erwartet mich. Mich persönlich. Ich muss sie treffen.

Ich schaue mich in der Runde um. Blicke in fragende Gesichter.

Und meine Gefährten erwartet sie natürlich auch, sage ich. Also, die… die sind natürlich auch mit eingeladen.

Qued Skaïra kaut still auf dem Blatt.

Vielleicht ist es ja gar nicht gut für dich, Qued-zel zu treffen.

Sie hält mit kauen inne und schaut mich fragend an.

Nicht gut für dich, meine Junge und sicherlich auch nicht gut für die Welt.

Sie blickt in meine Augen, als erforsche sie meine Seele.

Dann kaut sie weiter.

Das ist doch jetzt total egal. Ramir springt förmlich auf sie zu.

Fast scheint es, er wolle die Frau kräftig durchschütteln.

Wichtig ist doch nur die Frage, wie wir zu ihr kommen.

Die Zitrone in der die Frau gebissen hat, scheint noch saurer geworden zu sein.

Ich sehe euch, sagt sie und kaut.

Ihr wollt plündern.

Was für ein Schwachsinn, ruft Ramir aus. Ist seid doch selbst Elbin. Und ihr wisst genauso gut wie ich, dass Quetzel etwas hat, das ihr nicht gehört. Das muss sie uns geben. Mehr wollen wir ja nicht.

Ein hehres Ziel also, sagt Quet Skaïra.

Jawohl, zischt Ramir. Ein hehres Ziel.

Aha.

Quet Skaïra kaut vor sich hin. Ihr Gesicht zitroniger denn je.

Dann erzählt mir doch einfach mal was, sagt sie. Etwas über eure hehren Ziele. Erzählt mir eure wahre Geschichte.

Überzeugt mich, dass es noch Reste von irgendetwas Gutem in euch gibt. Etwas, das mir Hoffnung machen könnte. Am Ende gibt es ja vielleicht doch noch etwas, wofür es sich lohnt, Leuten wie euch zu helfen.

Sie kaut mit galligem Gesichtsausdruck auf ihrem Blatt.

Verdammt, genau das habe ich doch gerade eben getan. Ramir hebt beide Hände in die Höhe. Verdammte Scheiße. Habt Ihr etwa nicht zugehört, oder was. Wir holen uns, was uns gehört, und fertig.

Ich packe Ramir am Arm und zerre ihn zur Seite, bevor er es noch mehr vermasselt.

Unsere Welt, sage ich, ist in großer Gefahr. Wir müssen sie retten. Nur deshalb sind wir hier.

Ramir drängt sich wieder vor mich. Es gibt nämlich noch eine andere Fraktion, die hinter dem Stein her ist, brüllt er. Und das sind die Bösen. Wir sind nämlich die Guten. Speicheltropfen fliegen aus seinem Mund. Und wir, Ramir schlägt sich mehrmals mit der flachen Hand auf die Brust, wir müssen den Stein unbedingt haben. Damit er nicht in falsche Hände gerät. Deshalb. Über seinen hervortretenden Halsschlagadern leuchtet sein zornesroter Kopf. Kapiert das doch endlich, verdammt nochmal. Wir sind die Guten.

Ich ziehe Ramir vorsichtig zur Seite.

Ganz genau, sagt Bullwai. Und wir wollen nämlich nicht nur Steine, wir wollen vor allem das Bierrezept. Für das Sonnenbier nämlich. Das beste Bier überhaupt. Und dafür haben wir sogar einen echten Mörder umgebracht. Das musste aber sein, sonst hätte der das Rezept ja nicht rausgerückt. Und wir haben dafür Beweise. Weil, eine der Hände in Ufils Tasche gehört zum Beispiel ihm. Aber auf jeden Fall hat Ufil ihm die wirklich auch erst abgeschlagen, als der schon komplett tot war. Dafür bin ich Zeuge.

Bullwai zeigt auf meine Tasche und hebt die andere Hand zum Zeichen seiner Lauterkeit.

Die Frau betrachtet Bullwai kauend.

Und das bemerkenswert lange.

Verstehe, sagt sie schließlich.

Sie wendet sich mit gequältem Lächeln an mich.

Ufil also.

Also ich habe unseren Zwerg hier zum Beispiel vor einem Drachen gerettet. Der hatte ihn nämlich versehentlich gerade eben aufgestöbert und da wollte der ihn fressen. Da habe ich…

Ufil, sagt Qued Skaïra.

Ja?

Sie betrachtet mich kauend.

Bitte halt einfach den Mund, Ufil.

Die alte Frau schaut sich irgendwie ratlos auf der Lichtung um.

Sie braucht lange, bis sie schließlich den Kopf schüttelt.

Sie reibt sich müde die Augen zwischen Daumen und Zeigefinger.

Dann blickt sie wieder auf.

Ihr redet alle immer von Rettung. Aber wovon ihr tatsächlich sprecht, das ist doch nur eure eigene Rettung vor euren eigenen Problemen, die ihr auch noch selbst verursacht habt.

Bullwai macht sich groß. Aber das war wirklich so, wie Ufil sagt. Er hat da wirklich nichts verursacht. Trotzdem hat er sich zwischen den Drachen und mich gestellt. Und er hat mein Leben gerettet, und auch das der anderen, und bei der Gelegenheit dem schwer verletzten Ramir Heilung gebracht – ohne auch nur daran zu denken, dass er selbst dadurch sterben könnte.

Ich schulde ihm mein Leben. Bullwai schlägt sich vor die Brust, zieht den Helm ab und neigt das Haupt. Sogar neun Leben, um genau zu sein.

Qued Skaïra hebt eine Braue.

Sie nickt.

Ich brauch für jeden von Euch eine Geschichte, die mich hoffen lässt, sagt die Frau.

Ich zeige auf Handon.

Wir kamen nach Burg Olse, sage ich, dort verschwanden auf unheimliche Weise Menschen. Es war Handon, der sich der Sache angenommen hat. Gemeinsam haben wir das Rätsel gelöst und einen Komplott aufgedeckt. So haben wir vielen Menschen das Leben gerettet. Aber es war immer Handon, der die Suche vorangetrieben und am Ende durch seinen Scharfsinn das Rätsel gelöst hat.

Quet Skaïra hebt anerkennend die Brauen und nickt Handon zu.

Wir waren an einem Ort namens Knochenmühle, sagt Handon. Ein Ort von Sklavenhändlern. Wir retteten viele der Sklaven. Tagelang unter Lebensgefahr. Hätten wir den kleinsten Fehler gemacht, wir wären selbst getötet worden. Stattdessen konnten wir den Ring der Sklavenhändler sprengen und den Bösewichten das Handwerk legen.

Bullwai reckt sich und weist auf Quro.

Und dort war es unser Wolfsmensch, der sich in die Höhle des Löwen begeben hat, unter Lebensgefahr einer der ihnen wurde, nur um das Rätsel von innen heraus zu knacken. Außerdem war er es, der unsere Flucht gedeckt hat, dabei im Zweikampf verwundet wurde und durch einen Sturz von den Klippen fast gestorben wäre – für unser Leben.

Die Frau nickt.

Bullwai hebt einen Finger und tritt noch einen weiteren Schritt vor.

Und mir fällt auch noch ein, dass Quro als erster aus dem Boot gesprungen ist, als wir dieses Kind von den Schweinehunden gerettet haben.

Das stimmt. Wir nicken alle. Quro war der erste, der reagiert hat.

Ach, kann ich mich gar nicht mehr dran, knurrt Quro sichtlich verlegen, aber eigentlich ist unsere Mission ja, die Welt wieder zu einem guten Ort zu machen, indem wir sie von der Rostliga befreien. Das sind Bösewichte, die überall Tod und Unterdrückung bringen.

Stimmt, sage ich. Und es ist vor allem Ramir, ich weise auf den Elben, dessen Eifer, die Welt zu retten uns immer wieder neu antreibt, unter Lebensgefahr die Steine zu suchen, damit die Unterdrücker die Welt nicht beherrschen können. Ich glaube, ohne seinen Ehrgeiz hätte unsere Gruppe sich schon längst aufgelöst. Wenn Handon der Kopf unserer Truppe ist, dann ist Ramir unser Herz.

Darum verzeiht bitte seinen Eifer und seine Ungeduld vorhin. Sein Glaube an das Gute übermannt ihn einfach manchmal.

Die Frau erhebt sich.

Sie schaut von einem zum anderen.

Nickt beeindruckt.

Ich sehe, sagt sie, ihr habt euch erinnert.

Hinter all dem Blut, das euch umgibt, liegen noch immer gute Absichten. Treibt euren Ehrgeiz nicht zu weit, sagt sie, viele Tyranneien sind aus besten Absichten geboren.

Aber ich denke, ihr könntet es vielleicht wagen, die Tür zu öffnen.

Sie kaut intensiv auf dem Blatt. Dann spuckt sie es in ihre Hände. Knetet es eine Weile zwischen ihren Fingern.

Reicht es Handon.

Der nimmt es zögernd entgegen.

Er reißt die Augen auf. In seinen Zügen spiegelt sich das Wunder wider.

Ein goldener Schlüssel. Handon hält einen Schlüssel in die Höhe. Staunen auf dem Gesicht.

Es ist ein goldener Schlüssel.

Schließt die Tür auf, sagt die Frau feierlich.

Handon tritt an die silberne Tür, die mitten auf der Wiese steht. (So ne scheiß Tür, knurrt Quro kaum hörbar im Hintergrund)

Handon steckt den Schlüssel ins Loch.

Dreht ihn.

Es klackt.

Die Tür öffnet sich.

Das Türblatt wird ihm aus der Hand geschlagen.

Eine brutale Brise bläht Handons Gewänder auf und lässt seinen Mantel flattern.

Verdammte Scheiße, was ist das denn, ruft Handon. Er stemmt sich gegen den Sturm, der ihm aus der Tür entgegenweht.

Tosender Lärm.

Durch die Tür sehen wir das Deck eines Schiffes.

Aber kein Meer.

Stattdessen Wolkenberge im Zwielicht. Zu beiden Seiten. Unter dem Schiff. Wolkenfetzen ziehen vorüber. Darüber schwarzer Nachthimmel.

Es fliegt, brüllt Handon durch den Wind. Das ganze scheiß Schiff fliegt durch die Wolken.

Die alte Frau tritt zu uns. Auch ihr Gewand flattert.

Dort geht es weiter, ruft sie.

Ich verneige mich vor ihr. Halte meine wehende Kutte fest. Meine Kapuze wird mir vom Kopf geweht. Ich danke Euch. Wir werden versuchen, uns würdig zu erweisen.

Qued Skaïra nickt. Ihre Haare klatschen ihr ins Gesicht.

Ich mag keine scheiß Schiffe, brüllt Bullwai. Und fliegen mag ich sowieso nicht.

Bullwai steht direkt vor mir. Die Arme auf der Brust verschränkt. Der Schmuck seiner flatternden Bartzöpfe klappert hektisch im Wind. Ich mag das ganze scheiß Oben nicht, brüllt Bullwai durch den Sturm.

Verstehe, brülle ich zurück und schubse den Zwerg durch die Tür auf die Planken.

Im nächsten Augenblick eine donnernde Entladung.

Das Schiff bebt. Zittert.

Lautes Knarren ertönt.

Der gesamte Schiffsrumpf hebt sich plötzlich in die Höhe.

Mein Magen wird flau.

Es knirscht abermals.

Mit einem lauten, gleichmäßigen Fauchen heben sich zu beiden Seiten des Rumpfes zwei gewaltige, fledermausartige Flügel in die Höhe, gefertigt aus Holz, Stoff und Leder.

Ein einzelner Mast ragt vom Deck in die Höhe.

Kein Segel, nicht einmal Rahen. Dafür Takelwerk und merkwürdige Drahtseile, die kreuz und quer den Mast hinaufführen und sich von dort oben aus weiter in die Lüfte schrauben.

Unter dem Schiff flackert kaltes Licht auf. Spiegelt sich in den umliegenden Wolkenformationen.

Ein gewaltiger Donnerschlag kracht direkt unter uns – mit einer Macht, die ich so nie für möglich gehalten hätte.

Die gewaltigen Fledermausschwingen senken sich ächzend aus dem Blickfeld. Augenblicklich hebt sich das ganze Schiff einige Schritt in die Höhe.

Um uns zischt und kracht es, Funken von Elmsfeuer laufen knisternd an diesen Drahtkonstruktionen auf und ab.

Die Haare auf meinem Arm stellen sich auf.

Neben mir rappelt sich Bullwai von den Planken hoch. Um seine Rüstung züngeln blaue Flammen.

Quros Pelz steht in alle Richtung ab. Ich denke unwillkürlich an einen Pfeifenreiniger.

Aufpassen. Da ist wer an Deck. Ramir weist nach vorne.

Ein paar Männer sind an Deck.

Manche stehe in Gruppen beieinander. Scheinen irgendwelche Arbeiten zu verrichten.

Ich drehe mich nach Qued Skaïra um. Die Tür hinter uns ist verschwunden.

Stattdessen starre in einen düsteren, verrotteten Gang, der in den Bauch des Schiffes führt.

Das Wolkenschiff

Das Schiff gleitet durch den Sturm. In einem Meer aus Wolken.

Kein Sonne am Himmel. Nur Sturm und ewiges Dämmerlicht.

Gleißendes Blitzen. Donnergrollen. Irrlichternde Wetterleuchten tief im Inneren irisierender Wolkenberge.

Das unheimliche Gefühl eines unhörbaren Summens liegt in der Luft.

Auf Metallteilen knistern Elmsfeuer auf und nieder. Zischende Entladungen auf Handons Helm. Auf Quros Schwertspitze.

Meine Haare stellen sich auf.

Über die Ringe von Bullwais Kettenhemd züngeln elektrische Flammen. Haare und Bart stehen weit ab. Der Zwerg sieht aus, wie eine elektrische Klobürste mit Kurzschluss.

Ich rieche den Geruch von Ozon.

Das Ächzen der fledermausartigen Schwingen. Die Vibrationen ihres Flügelschlags lassen den Schiffsrumpf erzittern.

Vor uns auf dem Deck eine Mannschaft aus Ton. Vielleicht fünfundzwanzig Mann. Sie stehen in Gruppen zusammen. Räumen Gegenstände hin und her. Jemand fummelt an Drähten, die vom Mast herabführen und im Rumpf verschwinden. Zwei Mann stehen am Bug. Scheinen Ausschau zu halten. Nur nicht nach oben, sondern nach unten. Klar, sage ich mir, ist ja auch ein fliegendes Schiff. Da guckt man nach unten.

Die Gesichter, aber auch Gewandteile der Männer sind golden bemalt. Die gezackten Blitze spiegeln sich auf ihrem glänzenden Antlitz.

Wir stehen Achtern auf der Treppe, die unter Deck führt, und schauen rund dreißig Schritt bis zum Bug. Über uns müsste das Achterkastell mit dem Steuerrad sein.

Wir nehmen die drei Stufen auf das Deck. Keine Kisten, Seile, Säcke oder irgendwas. Nichts.

Keiner der Tonmänner beachtet uns. Es ist, als sähen sie uns nicht. Ihre Goldgesichter zeigen nicht den Anflug von Mimik. Ihre Bewegungen langsam, irgendwie unbeseelt.

Sie sind unbewaffnet.

Sogar ihre Kleider scheinen aus Ton zu bestehen. Sie tragen teils merkwürdig gestaltete Mützen mit hochgeklappter Krempe. Über der Stirn ein breites Dreieck. Darunter fremdartige Gewänder, die zu einer anderen, weit entfernten Kultur zu gehören scheinen.

Der Ton scheint nicht ganz ausgehärtet zu sein. An den Gelenken der Männer Falten und Risse, wie sie entstehen, wenn man halb getrockneten Ton biegt.

Immer wieder das donnernde Krachen einschlagender Blitze. Funkenflug, Elmsfeuer, mit elektrischer Landung geschwängerte Luft. In rhythmischen Abständen das Ächzen und Stöhnen der mit Leinen und Leder bespannten Fledermausschwingen. Die Erschütterung, die durch den Rumpf fährt, wenn sich das Schiff einige Schritte hebt.

Hinten auf dem Achterdeck ein kleines Kastell, zu dem rechts und links fünf hölzerne Stufen hinaufführen. Darauf der Steuermann.

Wir steigen hinauf.

Der Steuermann blickt über das Meer aus Wolken. Den Blick ruhig nach vorne gerichtet. Von Zeit zu Zeit dreht er das Rad. Scheint eine für uns nicht erkennbaren Kurs zu korrigieren.

Seine Kleidung sieht anders aus. Andere Frisur. Der Bart. Auch er aus Terrakotta, aber offenkundig einer anderen Kultur entstammend.

An Backbord hinter ihm eine Art Winde mit einer Kette daran, die über eine Rolle ins Nichts gelenkt wird. Weit unter uns verschwinden ihre Glieder in den Wolken. Das Schiff zieht irgend etwas hinter sich her.

Von unten Wetterleuchten. Ein Blitz kracht in den entflammten Wolken unter uns.

Krachen. Funkenflug. Summen in der Luft.

Wie ein magisches Spinnenwesen flimmert der Blitz an der Kette zischend aus den Wolken zu uns herauf und verschwindet unter uns im Heck.

Im nächsten Augenblick geht ein Erbeben durch den Schiffsrumpf. Dann ein Ruck und wieder das Ächzen der mächtigen Schwingen aus Metall, Stoff, Planken, die sich knarrend abwärts pressen und das Schiff vibrierend ein Stück in die Höhe stemmen.

Handon sagt, ich denke, die Flügel werden von irgendeiner Vorrichtung unter Deck betrieben. Wir sollten uns das mal näher anschauen.

Wir steigen die Stufen hinab und durch die Tür, durch die wir gekommen sind. Der Garten ist verschwunden. Stattdessen führt ein dunkler Gang unter Deck.

Hüfthohe Wandverkleidung mit etwas Gesims, auf dem man Dinge abstellen kann.

Wir drängen uns durch die schmale Luke um die Ecke. Vor uns erstreckt sich ein Raum, abgesehen von einem schmalen Gang in der Mitte, rechts und links vollgestopft mit Rohrleitungen, Riemen, die über Räder laufen, gläsernen Ampullen, in denen goldgelbe Flüssigkeiten dampfen. Zahnräder greifen knatternd ineinander. Eine klickernde Kette schwingt sachte hin und her. Aus einem Ventil entweicht in regelmäßigen Abständen Dampf. Ein auf eine Rohrleitung montierter Zeiger vibriert. Der Geruch von Öl, nassem Leder und seltsamen Gewürzen liegt in der Luft.

Bullwai betastet das gläserne Gefäß mit der goldgelben Flüssigkeit. Mit einem dünnen Film einer schmierigen Flüssigkeit überzogen, sagt er, als diktiere er einem unsichtbaren Schreiber seine Gedanken.

Bullwais Augen leuchten erotisiert. Fast meint man, er möchte die beiden neben dem Gefäß kreisenden Pleuelstangen ablecken. Er betastet Zahnräder, Riemen, Rohrleitungen. Welch eine Technik, keucht Bullwai, was für eine Meisterschaft der Handwerkskunst.

Ein Donnerschlag lässt das Schiff erzittern.

Das Zischen des Blitzes, der vom Heck her die Kette heraufeilt.

Bullwai zuckt zurück und beobachtet fasziniert, wie die Maschine zum Leben erwacht.

Ein Ruck. Zahnräder beginnen sich klackernd zu drehen. Sie peitschen einen schlackernden Keilriemen aus Leder um eine Reihe von Umlenkrollen. Durch eine Rohrleitung über unseren Köpfen rasselt etwas hinweg. Ventile aus feuchtem Leder geben furzende Geräusche von sich. Die goldgelbe Flüssigkeit in den gläsernen Kolben strahlt gelb auf und beginnt zu blubbern. An einem der Leitungsrohre drehen alle fünf Zeiger gleichzeitig zitternd auf Anschlag, während am anderen Ende das Raumes sich eine unter der Decke angebrachte Kette rasselnd in Bewegung setzt.

In der Mitte des Raumes hängt an Drähten ein gewaltiges stählernes Gelenk, das nun knirschend angehoben wird. Gezogen von Stahlseilen, Ketten und über Umlenkrollen gewickelte Flaschenzüge zieht es einen gewaltigen, mit eisernen Beschlägen vernieteten Eichenbalken mit sich in die Höhe, der durch eine lederne Manschette in der Bordwand hinaus ins Freie ragt.

Das Schiff erzittert und unter knirschendem Stöhnen hebt sich der Boden unter unseren Füßen.

Auftrieb, sage ich. Die Flügel schlagen.

Ich hasse das Oben. Bullwai hält sich die Hände über den Helm.

Am anderen Ende des Raumes, von dort, wo der Bug sein müsste, ein Rumpeln.

Ein Terrakottamann biegt um die Ecke.

Kommt durch den schmalen Gang zwischen den Apparaturen auf uns zu.

Beugt sich unter dem gewaltigen, in der Mitte schwebenden Gelenk hindurch, das durch unzählige Stahlseile und ratternde Ketten gehalten, langsam wieder abgesenkt wird.

Der Mann duckt sich darunter hindurch. Kommt entschlossen auf uns zu.

Dreht sich vor uns zur Seite. Drängt sich an uns vorbei. Steigt durch die Luke nach draußen. Seine Füße verschwinden auf der Treppe nach oben.

Ich hab ihn angeritzt, sagt Quro.

Du hast was?

Ich hab ihn angeritzt.

Quro hebt genüsslich eine Klaue hoch. Ein Hauch von Terrakotta an der Spitze seiner Kralle.

Und, sagt Handon, wie war´s.

Kalt und hart, sagt Quro.

Ich zucke die Schultern. Jedem, wie´s ihm gefällt.

Apropos. Wo ist Bullwai.

Bullwai klemmt zwischen Teilen Maschinerie. Betastet ölverschmierte Kolben. Versucht herauszufinden, wohin der lederne Keilriemen führt, der um den Schaft gewickelt ist.

Neben seinem Gesicht gibt ein ledernes Ventil furzend eine undefinierbare Flüssigkeit in Form von Sprühnebel frei. Bullwai mittendrin, auf einer Anzeige den Öldruck prüfend.

Der nächste Blitzschlag. Donnerkrachen. Das flirrende Zischen des Blitzes, der die Windenkette heraufrast.

Abermals das Aufglühen der goldgelben Flüssigkeit. Flatternde Keilriemen, die rotierende Zahnräder anstoßen, die ihrerseits – Pleuelstangen und Nockenwellen bewegend die Stahlseile über Umlenkrollen ziehen und damit das gewaltige Gelenk in der Mitte des Schiffsrumpfes in die Höhe ziehen.

Uns stehen die Haare zu Berge.

Bullwai steht wieder wie besagte Klobürste mit Kurzschluss in der Mitte des Ganges. Beobachtet fasziniert das Ineinandergreifen der Maschinerie, studiert die unzähligen Anzeigen, Rohrleitungen und Seilzüge, vollzieht mit den Fingerspitzen logische Wege der Kraftwirkung nach, als wolle er die Wirkungsweise der Maschinerie in allen Einzelheiten memorieren.

Das ist doch mal wieder alles Scheiße hier, sagt Ramir. Hier finden wir das Zepter nie. Reine Zeitverschwendung.

Wir also wieder raus.

Bullwai, kommst du auch mit. BULL-WAI. Kommst du bitte.

Bockig, wie ein kleines Kind, dieser Bullwai.

Dass der einfach nicht versteht, dass wir hier wichtigere Dinge zu tun haben, als dumme Seilzüge anzuglotzen.

Blöder Zwerg.

Wir steigen also wieder raus an Deck.

Hinter uns auf dem Kastell der Kapitän oder Steuermann. Ein eindeutiges Rangabzeichen hat er nicht. Er dreht an den Zapfen des großen Rades.

Das Schiff legt sich sanft in die Kurve.

Sir, sagt Handon. Wie lange brauchen wir.

Keine Reaktion. Der Kapitän scheint ihn nicht zu sehen.

Sir, sagt Handon. Wann sind wir da.

Der Tonmann reagiert nicht.

Habt Ihr das Zepter dabei, fragt Ramir.

Der Käptn beachtet Ramir nicht.

Verdammt, sagt Ramir. Irgendwo müsst ihr doch dieses scheiß Zepter haben.

Er wendet sich zornig ab. Steht schmollend an der Reling. Beobachtet das flackernde Lichtspiel der vorüberziehenden Wolkenberge.

Ich will aber mein Zeptaaaa, rufe ich Ramir zu. Mein Zeptaaaaaa!

Ramir beachtet mich nicht. Als sei er selbst ein Tonmann.

Ich will mein Zeptaaa, heule ich.

Ich weiß ganz genau, dass der Elb mich hört.

Dann wieder Wetterleuchten von unten. Donner. Das Knistern der Luft.

Blitze züngeln die Drähte am Mast hoch und runter, über unsere Rüstungen und Waffen.

Der ächzende Flügelschlag der knarrenden Balken.

Ich meine, unter meinen Füßen die Vibrationen der Seilzüge, rasselnden Ketten und das Pumpen des gewaltigen Gelenks zu spüren, das die Schwingen in Bewegung setzt.

Quro und Handon stehen mit verschränkten Armen neben dem Steuermann.

Beobachten ihn. Diskutieren, ob seine Bewegungen einem festgelegten Programm folgen, oder ob er das Schiff tatsächlich von Hand steuert.

Immer, wenn er Steuerrad dreht, legt sich das Schiff kurz darauf merklich in die Kurve.  Immer wenn die gewaltigen Fledermausschwingen schlagen, hebt sich das Schiff in die Höhe.

Quro und Handon nicken sich zu.

Hinter dem Steuermann die große Kurbel. Die Kette führt in die Tiefe. Ramir beugt sich über die Reling, ob er was sieht.

Die Kette verschwindet da unten in den Wolken, ruft Ramir von der Kurbel. Wir müssen irgendwas hinter uns herziehen, wie es aussieht.

Ich schau mir das alles mal von oben an. Quro springt mit einem Satz von dem Kastell hinab und hechtet übers Deck zum Mast.

Rechts und links Takelage. Wanten mit hölzernen Sprossen. Quro klettert in Windeseile daran hinauf.

Stellt sich auf eine Art Trittbrett aus Holz. Ein winziges Frühstücksbrettchen, das da oben zwischen all den korkenzieherartigen Drähten eingekeilt ist.

Quro hält sich an der Mastspitze fest.

Wieder zischt es. Ein flackernder Lichtschein erhellt die Wolkenbänke. Donnergrollen. Das Rasseln der Maschinerie, die Vibrationen und das schwere Stöhnen, als die Fledermausflügel das Schiff ächzend ein paar Fuß in die Höhe stemmen.

Quro steht hoch über Deck auf dem schwankenden Frühstücksbrettchen.

Krallt sich am Mast fest.

Schaut sich um. Analysiert unsere Route durch das Wolkenmeer.

Wir fahren auf einem Wolkengrat, brüllt Quro. Wir fahren auf einer Welle aus Wolken entlang, eine mächtige Gewitterfront.

Mit seinen Zehen auf dem Frühstücksbrettchen balancierend, weist er mit den Händen abwechselnd in unterschiedliche Richtungen.

Zwei Wetterfronten, die aufeinanderprallen, ruft er.

Das Schiff folgt immer dem höchsten Blitzgradienten, brüllt Quro. An den Rändern der Wolkenberge mit der höchsten elektrischen Aktivität.

Quro fuchtelt brüllen zwischen diesen Drähten herum. Das ganze Schiff besteht nur aus Holz. Wie zweckmäßig. Keine Nägel, kein Metall, eine Mannschaft aus Ton. Ein Schiff, dafür gemacht, auf Gewitterfronten zu segeln.

Und die Kette, ruft Ramir zwischen zwei Donnerschlägen zu Quro hinauf. Was ist mit der Kette.

Die Kette, brüllt Quro herunter, wir ziehen in den Wolken eine Spur hinter uns her. So wie das Kielwasser von Schiffen. Das gewaltige Knarzen der Schwingen verschluckt seine nächsten Worte. Wir schleppen auf jeden Fall irgendwas… , meine ich noch durch das Stöhnen der Eichenbalken zu hören.

Der Wind pfeift. Kein Horizont zu erkennen. Nur das endlose Wolkenmeer rings um uns herum. Das Wetterleuchten in den Wolkenbergen.

Quro springt von dem Brettchen und rutscht in Windeseile am Mast herab. Noch im Rutschen springt er auf Deck, rennt die Treppe hoch auf das Achterdeck und beginnt mit Bullwai an der Kette zu ziehen, die hinter dem Schiff hinab in die Wolken führt.

Beide packen an die Winde und beginnen zu drehen.

Mit einem lauten Klackklackklackklack rattert die Kette in die Höhe und wickelt sich auf die Windentrommel.

Der Käpten dreht den Kopf seltsam mechanisch herum. Beobachtet Quro und Bullwai, während er mit den Händen weiter das Steuerrad dreht.

Zum ersten Mal, seit wir an Bord sind, reagiert jemand auf uns.

Aber nicht nur der Steuermann, die ganze Mannschaft wendet sich um und schaut uns an.

Dann beginnen sie sich zu bewegen. Die vereinzelten Männer und Grüppchen verdichten sich zu einer Menge und schieben sich langsam über Deck auf uns zu.

Schritt für Schritt.

Planke um Planke.

Sie erreichen die beiden Stiegen, die rechts und links auf das Achterkastell führen. Sie kommen über beide Stiegen zu uns herauf.

Ich sage, ich glaube das Gekurbele, kommt hier nicht ganz so gut an.

Weiterkurbeln, brüllt Ramir fanatisch. Da unten ist das Zepter.

Woher willst du das überhaupt wissen, sage ich.

Ich weiß es, brüllt Ramir. Das Zepter. Los, weiterkurbeln. Mein Zepter. Ich komme.

Ich fühle mich plötzlich an diese alte Sage erinnert, in der es um so einen goldenen Ring geht, der…

Ein lauter Knall. Gleißend blaue Blitze schlängen sich an der Kette zu uns herauf.

Kurbeln, brüllt Ramir.

Das Schiff erbebt.

Das Stöhnen der großen Fledermausschwingen.

Da, brüllt Ramir, da. Der Türrahmen.

Wir stürzen an die Reling. Aus den dichten Wolken erhebt sich am anderen Ende der Kette ein silberner Türrahmen. Auf der Tür prangt das Symbol einer Pfauenfeder mit einem Auge.

Die Tür, ruft Ramir, das ist die nächste Tür.

Quro fällt neben Ramir auf die Knie, packt die Kurbel und beginnt wie ein Verrückter mit zu kurbeln.

Der Kapitän dreht sich so weit zu ihnen herum, dass er den Oberkörper auf fast schon unnatürliche Weise überstreckt.

Handon steht hinter ihm. Erkennt eine Kette, die er um den Hals trägt. Eine metallene Kette. Der Anhänger verschwindet unter einer tönernen Gewandfalte.

Handon schleicht sich heran. Stellt sich unbeteiligt direkt hinter den Steuermann. Bei der nächsten Bewegung des Tonwesens sieht Handon etwas silbernes, längliches an der Kette – einen Schlüssel.

Er hebt unbeteiligt die Hand und packt die Kette vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger.

Höchstens noch fünfzig Schritt, brüllt Ramir. Los. Schneller Kurbeln.

Ramir und Bullwai wippen auf und ab wie Kolben im Maschinenraum des Schiffes.

Der Wind pfeift immer schneller um unsere Ohren.

Ich habe schon eine Weile keinen Flügelschlag mehr wahrgenommen.

Genaugenommen seit dem Zeitpunkt, als sich die Tür aus den Wolken gehoben hat.

Der Wind nimmt zu. Meine Kutte flattert.

Die Flügelspitzen zu beiden Seiten des Schiffes beginnen zu schlackern und gehen kurz darauf in lautes Knattern über.

Die Wolken, die den Horizont bilden, scheinen sich zu heben. Die schwarzen schweren Gewitterwolken befinden sich nicht mehr unter dem Schiff, sondern nun ragen drohend zu beiden Seiten wir gewaltige Felswände über uns auf. Flackernde Blitze in ihrem Inneren.

Die Tonmänner kommen Mann an Mann die Treppe herauf.

Gewaltige Donner krachen in den Wolkenbergen rings um uns.

Der Flügelschlag bleibt nach wie vor aus.

Wir stürzen tatsächlich gerade ab.

Ich greife auf den Rücken und nehmen den Kampfstab.

Ich wähle die rechte Treppe. Ramir packt das Falchion und geht an die linke.

Um Ramirs Falchion tanzen Blitze. Die Klinge knistert summend.

Ich packe den Kampfstab und stoße ihn gegen den ersten der Tonkrieger auf der Treppe. Ich hebele ihn herum. Rutsche ab. Strapaziere. Hole aus und führe einen Schlag wie mit einem Golfschläger.

Dem Tonmann vor mir auf der Treppe platzt das halbe Gesicht weg. Eine Wolke aus goldenen Splittern ergießt sich über das Deck.

Der Oberkörper des Mannes dreht sich. Er kippt über das Geländer und verschwindet in der Tiefe.

Bullwai und Quro an der Kurbel schreien vor Anstrengung. In ihre Schreie mischt sich das Rattern der Kette, das Knattern der Fledermausschwingen und das immer schrillere Pfeifen des Windes.

Die Tür kommt sehr schnell zu uns hoch, brüllt Quro.

Oder wir zu ihr runter, brülle ich.

Ramirs Schneide blitzt und knistert, als er wuchtig durchzieht.

Er schlägt einem der Männer mit einem sauberen Schnitt den Arm durch.

Kein Blut. Nur eine glatte Schnittfläche aus frischem Ton.

Ramir platziert einen zweiten Hieb und schlägt dem Mann eine Kerbe in den Rumpf. Der kippt nach hinten weg und reißt ein paar seiner Kameraden mit sich die Treppe hinunter.

Die Reihen schließen sich sofort. In stiller Beharrlichkeit schiebt sich die Masse einfach weiter voran. Die Treppe herauf. Auf uns zu.

Die Tonfigur, der Ramir den Arm abgeschlagen hatte, setzt sich den Arm wieder an, verschmiert den Ansatz mit seiner anderen Hand und schließt auf, als wäre nichts geschehen.

Eine Masse aus Ton können wir nicht in Schach halten. Ramir und ich stemmen uns mit aller Kraft dagegen. Ich versuche meinen Stab im Geländer zu verkeilen, um etwas wie eine Barriere zu schaffen. Aber es gelingt nicht. Die Tonmänner schieben einfach voran und mich und Ramir vor sich her.

Schneller Kurbeln, brülle ich Bullwai und Quro zu.

Handon steht immer noch hinter den Steuermann.

Hält die Halskette hauchfein zwischen Daumen und Zeigefinger, während ihr Träger Bullwai und Quro unverwandt beim Kurbeln mustert.

Mit der freien Hand greift Handon ins Steuerrad und reißt das Ruder hart Steuerbord.

Der Steuermann wendet hektisch den Blick von der Kurbel ab und greift schnell nach.

Handon nutzt diesen kurzen Moment. Er löst den Verschluss der Kette mit einer einzigen Handbewegung, zieht sie vom Hals des Steuermanns und versteckt sie hinter seinem Rücken.

Cleverer Move.

Ramir und ich geraten trotzdem immer stärker in Bedrängnis.

Die Tonfiguren drängen einfach stur weiter. Wir richten keinen nennenswerten Schaden an. Die gewaltige Masse aus Mineral schiebt unerbittlich.

Seien wir ehrlich.

Wir stehen auf verlorenem Posten.

Und dann stolpert Ramir auch noch.

Im Auge des Sturms

Ramir stemmt sich gegen die Flut aus Terrakottaleibern.

Stolpert rückwärts über das Bein eines Tonmanns.

Setzt sich rückwärts auf die Planken. Zappelt, krabbelt irrsinnig schnell zurück, um nicht zertrampelt zu werden und springt wieder auf.

Genau in diesem Augenblick springt Handon mit einem gewaltigen Satz, über ihn hinweg. Die Füße voran, in die Gruppe hinein und rammt dem ersten von ihnen seinen Stiefel gegen die Brust.

Der Mann kippt nach hingen weg. In einem Domino-Effekt rumpelt die gesamte Mannschaft die linke Treppe hinunter.

Das verschafft uns Zeit.

Von Achtern hören wir ein metallisches „Klang“.

Die Tür knallt gegen das Schiff. Noch zwei weitere Kurbeldrehungen und sie ragt auf dem Achterdeck vor uns auf. Mittig und noch an der Winde.

Abrücken, brüllt Quro, alle Mann von Bord.

Ich tausche die Initiative mit Handon. Der schnalzt von der Treppe zur Tür, knallt den Schlüssel ins Schloss, Elmsfeuer flackern rund um die Tür, Handon dreht den Schlüssel.

Die Tür öffnet sich.

Vor uns eine milchig schimmernde Fläche.

Was ist das denn. Da kann man ja gar nicht reingucken.

Ich stecke meinen Kopf durch die Fläche.

Vor mir ein großer Thronsaal.

Der Saal ist ringsum an den Wänden von silbernen Türen umringt und von oben von einer Kristallglocke bedeckt. Um die Glocke herum brennt ein fremdartiger Nebel. Azurfarbene Zyklone wirbeln unendlich langsam. Schleichende, indigoblaue Tsunamis türmen sich hinauf in tannengrüne Wolken, zinnoberrote Wellen auf silberner See.

Alles still. Alles blickt. Jeder Sturm hat ein Auge im Zentrum. Jedes Auges scheint auf den Saal gerichtet zu sein.

Auf einem Absatz aus poliertem Obsidian steht ein zersprungener Kristallthron.

Auf dem Thron ein lebloser Körper.

Zusammengesunken.

Der linke Arm weit ausgestreckt liegt auf der Lehne. Die Hand hält ein filigranes Schwert, mit der Spitze auf dem Boden stehend.

Um ihre Schulter ist ein Gurt geschnallt, der ein Buch hält, das an ihrer rechten Seite hängt.

Über dem Buch die rechte Hand. Sie hält ein Zepter. Ein Kristall befindet sich in seiner Spitze.

Keine Zeit für Studien, Ufil. Was ist jetzt da drin.

Meine Gefährten schieben mich einfach mit dem ganzen Körper in den Saal. Einer nach dem anderen poltern sie durch die Tür herein in die große Halle.

Zuletzt Handon.

Er schlägt die Tür zu und lehnt sich mit ausgebreiteten Armen dagegen.

Jetzt liegt es in den Händen der Tonmänner, ihr abstürzendes Schiff wieder unter Kontrolle zu kriegen, keucht er.

Wir verschnaufen kurz.

Dann betrachten wir die Frau.

Sie ist mumifiziert. Wirres graues Haar schmückt ihren Kopf.

Am Hals ein Schnitt von Ohr zu Ohr. Dunkel. Vertrocknet. Klaffend. Wie ein fieses Lächeln.

Die Bauchhöhle der Frau geöffnet. Darin erahnt man verdorrte Organe.

Quro greift nach einem Pfeil und legt ihn auf die Sehne.

Lass mal lieber, sage ich. Wenn das Quetzel ist, dann ist da alles magisch. Da willst du keinen Pfeil reinschießen.

Ich trete näher an sie heran.

Ihre Magie ist mächtig. Sie bewegt sich auf Machtstufe 4.

Und tatsächlich. Ein Zauber schützt sie ausgerechnet vor Pfeilen. Hätte Quro geschossen, der Pfeil hätte in der Luft gewendet und hätte ihn selbst durchbohrt.

Das Buch an ihrer Seite leuchtet in der astralen Schau intensiv. Darin müssen ebenfalls mächtige Zauber niedergelegt sein.

Das Buch selbst ist auch durch einen üblen Zauber gesichert. Ich kann nicht erkennen, wie stark dieser Zauber ist, aber jeder der dieses Buch unbefugt berührt, wird umgehend in ein Huhn verwandelt.

Ihre Haut ist eingefallen und zusammengezogen. In ihrem geöffneten Brustkorb erkenne ich neben mumifizierten Organen auch einen schwarzen Steinsplitter. Er wirkt wie eingewachsen in ihre Innereien und ragt nur etwa so weit wie ein Daumennagel heraus. Ich kann aber nicht erkennen, wie weit er in ihre Innereien hineinreicht.

Das Langschwert in ihrer Linken ist wunderschön gearbeitet. Etwas in dieser feinen Machart habe ich noch nie zuvor gesehen. Das Metall glänzt wie flüssiges Silber. Auf jeden Fall eine mächtige Artefaktwaffe. Vielleicht trägt sie sogar eine eigene Persönlichkeit. Ich habe von so etwas gehört.

Hinter Quetzels buschigem Haar hängt eine Saphirmaske. Auf der Stirn eine Pfauenfeder. Darunter Augenschlitze. Ein Mundschlitz.

Sie ist nicht magisch, aber trotzdem unfassbar mächtig und wertvoll. Die Zeichen von Quetzels Macht liegen in ihr. Dabei handelt es sich eher um Reputation als um Magie. Ich beschließe, das zu einem späteren Zeitpunkt herauszufinden.

Ich sage, wir haben sie.

Ich sehe mich zu den Gefährten um. Das ist sie. Das ist Quetzel.

Fasst sie noch nicht an. Alles an ihr ist voll Magie. Ich muss die Magie zuerst bannen, bevor man sie gefahrlos berühren kann.

Ich wende mich zu ihr zurück.

Quetzel schlägt die Augen auf.

Sie schaut mich an. Richtet sich auf. Erhebt sich.

Ufil, flüstert ihre Stimme in meinem Kopf. Ich begreife, es ist nicht ihr Körper, der sich bewegt. Es ist ihre Seele. Niemand außer mir kann es sehen.

Du hast es geschafft, flüstert Quetzel. Du bist endlich bei mir. Du musst den Stein aus meiner Brust nehmen. Dann werden wir leben.

Sie sackt zurück. Die Erscheinung verblasst.

Über uns schwirrende Geräusche. Unter der Kuppel.

Schatten. Flatternde Flügel. Eine Krähe.

Nein.

Es sind zwei Krähen. Sie spielen, sie kreisen umeinander.

Aber nein. Es ist doch nur eine einzige Krähe.

Jetzt sind es wieder zwei.

Manchmal ist es eine, manchmal sind es zwei Krähen. Sie verschwinden einfach mitten in der Luft. Und tauchen dann wieder auf.

Ich schüttele den Kopf. Ich muss mich um Quetzel kümmern.

Weil ich keine Ahnung habe, wie stark der Bann auf Quetzels Grimoire ist, wirke ich einen irrsinnig gewaltigen Zauber dagegen. Funken fliegen vom Buch. Fallen zu Boden. Es qualmt in grellem Violett.

Ich spüre, wie der Bann sich löst und das Buch frei gibt.

Quetzels Augen öffnen sich. Sie stößt eine magische Druckwelle aus, trifft mein Gehirn wie ein wuchtiger Hammerschlag. Ich bekomme umgehend einen Punkt Schaden auf Verstand.

Ramir steht neben mir.

Der Vollidiot kann sich nicht beherrschen und grabscht einfach nach dem Zepter.

Quetzel reagiert sofort. Im Bruchteil eines Augenblicks packt sie zu. Man hört das gewaltige Knirschen ihrer Gelenke. Man hört die schiere Kraft, als würde sie Steine zermahlen. Der Griff dieser Frau muss ausreichen, um mit einer Hand den Hinterlauf eines Pferdes zu Krümeln zu verarbeiten.

Doch ihre Faust ist leer. Mit 9 Erfolgen hat Ramir das Zepter schneller aus ihrer Hand gefischt, als das Auge zu folgen vermag.

Während Quetsels Faust sich mit der Last von Tonnen zu einem steinharten Klumpen zusammenzieht, rennt Ramir bereits mit dem Zepter wedelnd im Saal auf und ab. Freudestrahlend wie ein Kind.

Das Zepter. Das ist es. Ich habe es. Das Zepter.

Quro sieht das, er greift ermutigt nach dem Schwert.

Packt zu.

Doch das Schwert rührt sich kein Haarbreit. Wie mit einem Schraubstock hält Quetzels ungeheure Fingerkraft die Waffe an ihrem Ort.

Quetzels Kopf beginnt sich zu bewegen.

Rotiert.

Zu Quro hin.

Bullwai schleicht sich von der anderen Seite aus dem toten Winkel an und packt das Buch.

Die Hand, mit der Quetzel das Zepter gehalten hatte, schnappt nach ihm.

Bullwai lässt sich rücklings fallen. Quetzel verfehlt.

Der Zwerg sitzt lachend auf dem Boden. Das Buch mit beiden Armen umklammert. Der Lederriemen noch daran.

Jetzt brauchen wir nur noch das Schwert, sagt Handon.

Er packt das Falchion. Lässt es ein paarmal aus dem Handgelenk kreisen, während er um die Mumie herumgeht und mit Kennerblick nach dem richtigen Winkel sucht.

Er führt einen schnellen und präzisen Schwinger gegen Quetzels Schwertarm.

Die Haut platzt auf.

Handon tritt zurück.

Ich bin dran.

Ich packe Sturmhauch. Wiege es in der Hand. Antizipiere den Schlag. Deute ein paarmal an.

Dann hinterlasse auch ich eine Kerbe in Quetzels Schwertarm.

Ihre Haut ist zäher als jeder Eichenstamm.

Es verspricht ein zäher Kampf zu werden. Wir hacken abwechselnd auf Quetzel ein, die die Hiebe stoisch hinnimmt, und keine Anstalten macht, in irgend einer Weise ernsthaft verletzt zu sein – wenn man sowas von einer völlig zerstörten Mumie überhaupt sagen kann.

Plötzlich verändert Quetzel die Spielregeln radikal.

Sie erhebt sich von ihrem Thron.

Wir halten einen Wimpernschlag lang inne. Betrachten die unerwartete Reaktion.

Was wird sie tun.

Sie steht vor ihrem Thron. Die leeren Augen ins Nichts gerichtet.

Sie hebt die Hand.

Deutet auf Handon.

Hinter Handon im Schatten eine Bewegung.

Genauer gesagt, bewegt es sich nicht IN Handons Schatten. Es scheint der Schatten selbst zu sein, der sich bewegt.

Handons Schatten verdichtet sich zu einer Form. Erhebt sich in den Raum. Löst sich von Handon. Zieht sein Schwert und grinst Handon an.

Es ist eine exakte Kopie. Ein perfekter Doppelgänger.

Gleiche Rüstung, gleiche Waffen. Ein Schatten-Handon.

Der Schatten grinst. Komm, Handon, sagt er, wir machen Geschäfte.

Er dreht er das Schwert aus dem Handgelenk, genauso, wie ich das von Handon kenne.

Eins ist klar. In diesem Augenblick hat sich die Lage komplett verändert.

Quetzel spielt ab sofort mit.

Und wenn eine Zauberin auf diesem Level in das Spiel einsteigt und ihre von langer Hand vorbereiteten Fallen auslöst, dann verspricht das, ein sehr, sehr unübersichtliches Spiel zu werden.

Zeit, sich warm anzuziehen.

Verdammt, sagt Handon. Das hat gerade noch gefehlt. Macht ihr weiter. Vor allem müssen wir Quetzel ausschalten. Ich kümmer mich um das hier. Er weist auf seinen Doppelgänger.

Ramir ist komplett im Bann des Zepters. Seine Augen glasig. Mit gierigen Blicken und steif herausgestreckter Zunge hantiert er an der goldenen Gerätschaft.

Er schwingt das Zepter. Er hebt es triumphierend in die Höhe.

Heult laut auf.

Rammt es dann mit dem Ende auf den Boden.

Er verharrt in erwartungsvoller Vorfreude in halb gebückter Haltung.

Der Boden zittert. Ein kleines Erdbeben.

Im Saphierboden bilden sich Risse. Breiten sich aus, verzweigen sich. Bilden ein Buschwerk feiner Verästelungen.

Lied der Steine, sage ich voller Neid. Genau diese Form von Magie hätte damals wählen sollen. Das Zepter ist ohne Frage eine ausgesucht machtvolle Waffe. An diesem Ort nicht das ganz Mittel der Wahl, aber es wird Ramir noch wirklich gute Dienste leisten.

Während Handon gegen seinen Schatten kämpft, prügeln wir anderen abwechselnd auf die mumifizierte Magierin ein. Die meisten Schläge prallen einfach ab.

Ab uns zu bietet sich mir eine gute Gelegenheit, auch Handons Schatten anzugreifen. Aber das ist gar nicht so einfach.

Handon und seinen Schatten sind völlig identisch. Es ist nicht leicht, sie auseinander zu halten. Will man nicht versehentlich den eigenen Freund erschlagen, ist es unbedingt erforderlich, stets im Blick zu behalten, wer gerade wo steht. Eigentlich ist der Kampf gegen Handons Schatten nichts anderes als ein Hütchenspiel.

Die beiden Vögel unter der Kuppel sind mittlerweile zu einem beachtlichen Schwarm geworden, der lautstark unter dem Halbrund rumkrakeelt.

Quetzel steht die reglos vor ihrem Thron. Die Arme ausgebreitet. Die Augen geschlossen. Wir prügeln auf sie ein, wie Holzfäller auf einen alten Baumstamm. Sie verteidigt sich nicht.

Bei manchen Schlägen gibt sie ein langgezogenes Kreischen von sich.

Meistens steht sie aber einfach nur ruhig da, ohne die Mine zu rühren.

Erst als Quro mit gezogenem Falchion auf sie los stürzt, hebt sie plötzlich ihren Arm. Weist auf ihn.

Hinter Quro regt sich etwas.

Ein weiterer Schatten nimmt Gestalt an. Ein Wolfsmensch erhebt sich aus der Dunkelheit.

Oh verdammt. Ausgerechnet Quro, sage ich.

Quros Schatten geht auf Quro los. Leichthin wirbelt er die Klinge und schwingt sie unvermittelt gegen den Wolfsmann.

Das ist Quros Spezialmove. Den kenne ich nur zu gut.

Quro kennt den Move aber auch und duckt sich entspannt darunter weg.

Während Handon und Quro also gewissermaßen gegen sich selbst kämpfen, hacken Ramir, Bullwai und ich mehr schlecht als Recht auf Quetzel ein.

Mir gelingt eine Schramme an ihrem Hals. Ramir verpatzt seinen Schlag komplett.

Wenn das hier vorbei ist, werde ich Ramir mal in einer ruhigen Minute zur Seite nehmen und ihm in einem vertrauensvollen Gespräch unter Männern den Unterschied zwischen der Schneide und der Breitseite seines Falchions erklären. Ich will ja nichts sagen, aber das passiert ihm in letzter Zeit schonmal öfter.

Ab und an bietet sich ein Schlag gegen einen der beiden Schatten an (zumindest hoffe ich, dass es die Schatten sind. Wie gesagt. Die sind wirklich scheiße schwer zu unterscheiden).

Der Spielleiter informiert uns über den Zwischenstand. Quetzel hat mittlerweile 22 Schaden von uns abbekommen. Das scheint sie aber nicht weiter zu interessieren.

Es kommt, wie es kommen muss. Dieses Gefecht entwickelt sich zu einem nervtötenden Abnutzungsgefecht.

Vor allem um Handon mache ich mir Sorgen. Der scheint einiges eingesteckt zu haben. Sein Blick glasig. Die Bewegungen zunehmend unkontrolliert und zittrig. Ich fürchte, es fehlt nicht mehr viel und Handon ist gebrochen.

Ich schaue mich zu den anderen um.

Das Gefecht verspricht langsam so richtig scheiße zu werden. Falls Quetzel jetzt noch Bullwai einen Schatten erwecken sollte, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis wir geliefert sind.

Und plötzlich

Mitten im Gefecht

Stößt Qetzel

Einen gellenden Schrei aus.

Keinen Schrei, wie man ihn jemals zuvor gehört hat. Ein kurzer, wuchtiger Schrei. Ein Schrei wie in Hammerschlag.

Ich spüre, wie mein Geist rückwärts aus meinem Körper geprügelt wird. Es fühlt sich an, als würde mein Rückgrat aus dem Rücken herausgerissen.

Ich sehe mich selbst von hinten, rücklings fallend, während ich selbst aus meinem Körper herausgeschleudert werde.

Neben meinem fallenden Körper sehe ich Quro in sich zusammensacken.

Ein paar Schritte weiter weg stürzt Handon.

Meine Seele steigt auf. Ich schwebe körperlos über der Szenerie. Sehe mich selbst in meiner schwarzen Robe dort unten liegen.

Ich sehe Handons Schatten. Er macht einen großen Schritt über Handons leblosen Körper hinweg und greift Ramir an.

Ramir, zwar aufrecht, aber noch betäubt von dem Schrei, ist völlig überrumpelt.

Handons Schatten schlägt ihm eine tiefe Wunde in den Oberschenkel. Ramir stürzt schreiend zu Boden.

Hält sich das Bein. Wälzt sich.

Schreit wie am Spieß.

Ist gebrochen. Gehen wird für ihn 6 Tage lang eine langsame Aktion sein.

Ramir hört nicht auf zu schreien. Er brüllt einfach die ganze Zeit immer weiter.

Bullwai ist der letzte von uns, der noch aufrecht steht.

Bullwai nimmt Anlauf. Er stürmt auf Quetzel los.

Nimm dies, du verdammtes Biest, quiekt er mit seiner hohen Zwergenstimme.

Er rammt Quetzel die Axt seitlich in den Körper. Erleidet selbst einen Schaden durch Strapaze.

Doch der Hieb sitzt.

Quetzel kippt rücklings zu Boden. Bleibt keuchend auf der Erde liegen.

Stützt sich dann auf ihren Ellenbogen auf.

Immer noch gellen Ramirs Schreie durch die Halle.

Quetzel öffnet den Mund. Ihr gewaltiger Schrei knallt ein zweites Mal durch die Halle.

Ramir verstummt sofort. Sein am Boden liegender Körper zuckt noch einmal kurz.

Dann herrscht Stille.

Bullwai kämpft gegen Quetzels Schrei an.

Er bläst die Backen auf. Seine Bartringe klimpern seitlich gegen den Helm. Die Halsschlagadern treten wuchtig hervor. Der Kopf puterrot. Die Augen ploppen fast aus ihren Höhlen.

Bullwai stemmt sich schräg stehend und mit flatternden Haaren gegen Quetzels Schrei, wie gegen eine mächtige Strömung.

Aber er bleibt stehen.

Ich schwebe entkörpert über ihm. Bewundere seine Standhaftigkeit.

In diesem Augenblick spüre ich eine seltsamen Sog. Eine Strömung, die an mir zerrt, mich zurück in den Herrschaftsbereich der Schwerkraft zwingen will.

Ein Sog, der mich zurück ins Leben saugt.

Ich bin gar nicht tot, stelle ich fest.

Ich werde wie ein Gummiband zurück in meinen Körper gesogen.

Flitsche in ihn hinein …

He, Moment mal!

Flitsche vielmehr an meinem Körper vorbei, steuere geradewegs auf Quros leblose Hülle zu.

Stop!, rufe ich im Geiste, Stop! Da läuft was falsch. Das geht so nicht.

Fehler. Das muss anders.

Mit roher Gewalt werde ich in den borstigen Leib des Wolfsmenschen hineingesaugt.

Dann Stille.

Ich spüre Schwerkraft.

Die Kälte des polierten Steinbodens unter meinem Rücken.

Ich schlage die Augen auf.

Etwa eine Handbreit vor meinen Augen ein pelziger Grat und vornedran eine schwarze, nasse Hundenase.

Ich fletsche die Lefzen. Gebe ein langgezogenes, zorniges Knurren von mir.

Die Farben sehen fremdartig aus. Ungewohnt grau. Ohne wirkliche Intensität.

Dafür die Geräusche. Und die Gerüche.

Nah. Intensiv.

Ich höre das Flattern dieser scheiß Vögel unter der Kuppel so präzise, als flatterten sie direkt um meine Ohrenmuscheln herum. Ich kann ihre beschissenen kleinen Vogelleiber klar und deutlich riechen.

Mit Quros Geruchssinn nehme ich jedes Detail in überdeutlicher Intensität wahr.

Ich rieche den kalten Geruch des polierten Steins. Den Geruch von Staub, der sich in Jahrhunderten auf den Konsolen und Lüstern abgelagert hat, wie ein schwerer Teppich über dem Saal.

Aber vor allem rieche ich… Quros Leib.

Mir wird übel.

Ich richte mich vorsichtig auf. Die Bewegung treibt eine Wolke von Aromen aus Quros Kleidung.

Getrockneter Schweiß, talgige Hautpartikel, Reste von Erde, ranziger Speck ehemaliger Jagdbeute, der Geruch vom abgestandenen Rauch unzähliger Lagerfeuer, und Quros Geschlechtsteile.

Mir wird übel. Ich blase die Backen auf. Oh Mann, stinkt das!  Wenn wir hier raus sind, muss ich mir unbedingt erst mal die Eier sauber lecken.

Schrille Panik macht sich in mir breit. Was denke ich denn da grad für´n Scheiß!

Quros Eier sauber lecken. Das würde ich nicht mal mit meinen eigenen tun.

Allein bei der Vorstellung möchte ich sofort in Quetzels Halle kotzen. Mir muss jetzt umgehend schlecht werden!

Aber sofort.

Zu meinem eigenen Erstaunen wird mir überhaupt nicht schlecht. Im Gegenteil. Ich freu mich sogar richtig darauf.

Etwas in mir weiß mit unerschütterlicher Gewissheit: Die beste Entspannung nach einem Tag harter Arbeit ist, sich am Abend erst mal gemütlich die Eier zu lecken.

Schrille Panik macht sich in mir breit. Gefangen in einem fremden Leib ohne Chance, aus diesem scheiß Körper und seinen abartigen Instinkten zu entkommen.

Gehetzt schaue ich mich im Saal um.

Rings um mich Bewegung. Auch meine Gefährten kommen wieder zu sich.

Ramir winselt.

Knurrt dann ein paarmal bellend, hechelt eine Weile, bevor er sich mit völlig verwirrtem Blick aufsetzt, und seine rosig runden Fingerspitzen untersucht. Ramir fletscht die Zähne. Ein grollendes Knurren dringt aus seinem Hals.

Er hält die Hände vor sich. Formt sie immer wieder zu Klauen. kratzt mit den Fingerspitzen über die weiche Elbenhaut seiner Handrücken und bellt schließlich frustriert auf.

Wenige Schritte weiter sehe ich mich selbst. Die Arme nach vorne gestreckt. Drehe ich meine Hände vor und zurück und streiche über die schwarzen Ärmel meiner Kutte.

Auf dem grinsenden Gesicht sehe ich diabolische Vorfreude. Ein Gesichtsausdruck, den ich leider nur allzu gut kenne.

Und richtig. Genau im nächsten Augenblick dieses typische, verschlagene Zucken der Augenwinkel. Ausgerechnet Ramir hat sich meines Körpers bemächtigt.

Er steht mit übertriebenem Gestus im Saal. Imitiert ein paar jener Handbewegungen, die ich für meine zeichenmagischen Arbeiten zu verwenden pflege.

An meinem Rücken stellt sich das Fell auf. Ich fletsche die Zähne und lasse ein drohendes Knurren erklingen.

Für Ramir mag das vielleicht alles nach einem großen Spaß aussehen, aber das ist kein Spiel. Über Jahrzehnte habe ich an diesen Kräften gearbeitet, sublimste Netzwerke magischer Schwingungen aufs Kunstvollste miteinander verwoben. Und während ich jetzt zurückgelassen in diesem stinkenden, eierleckenden Hundekörper feststecke, hält mein Gefährte mein Lebenswerk, das zu viel groß für ihn ist, für ein witziges Spiel, mit dem er nach Herzenslust rumhantieren kann.

Wenn du da irgendwas verkackst, bringe ich dich um. Ich schwöre es bei allen Göttern, die in der Lage sind, den blanken Hass zu ermessen, den ich in diesem Augenblick fühle.

Uff, sagt Handon. Zum Glück sind wir wieder da. Ich hatte schon Sorgen.

Gut, dass du auch wieder am Start bist, Quro. Wir brauchen jeden Mann.

Handon legt mir seine käsig riechende Hand auf die Schulter. Ich höre die vielfältigen Facetten knisternden Stoffes.

Weiter geht’s, Quro. Wir haben keine Zeit zu verlieren.

Im nächsten Moment sehe ich, Quros Schatten mit einem langen Sprung Bullwai angreifen. Er lässt einen wuchtigen Schlag auf den Zwergen herabgehen.

Scheiße, sage ich. Weiter geht´s.

Wo ist Sturmhauch. Ach verdammt. Quro hat ein Falchion.

Ich tatsche unbeholfen an Quros borstigem Leib herum auf der Suche nach einer Waffe. Ich entdecke das Falchion.

Ich fummele es ungeschickt heraus. Bleibe immer wieder mit den übertrieben langen Krallen in Quros Kleidung hängen. Ich muss schon sagen. Die Dinger stören.

Ich packe das Falchion und attackiere Quetzel.

Andere Proportionen. Andere Hebelwirkung. Ich schlage vorbei, stolpere und kann mich eben so auf den Beinen halten.

Bullwai rennt derweil mit einem langgezogenen Schrei an mir vorbei.

Mit einem – für einen Zwergen – unglaublichen Satz springt er auf die Armlehne von Quetzels Thron und zentrifugiert ihr das Blatt seiner Axt unters Kinn.

Mit lautem Knacken klappt Quetzels Kopf zu Seite, und der sowieso schon seit Jahrhunderten tote Leichnam rutscht vom Thron.

Quetzels Körper geht in die Knie. Rutscht. Fällt vorwärts der Länge nach zu Boden, rollt auf den Rücken und bleibt seltsam verdreht liegen.

Ihr Körper gezeichnet von unzähligen Schnittwunden.

Qetzel ist besiegt.

Quetzel ist tot, rufe ich.

Lange lebe Bullwai.

Über uns noch immer die Vögel.

Kreisen.

Zwitschern weiter, als ergäbe das jetzt noch irgendeinen Sinn.

Die Erleichterung währt auch nur einen Wimpernschlag.

Nicht nur die Vögel sind noch da. Die beiden Schatten sind auch noch da. Und sie scheinen angriffslustiger denn je zu sein.

Quros Schatten und Handons Schatten laufen beide gleichzeitig auf Bullwai zu.

Der steht breitbeinig in der Mitte. Die Axt in den Händen. Schaut rechts-links-rechts, gegen wen er sich zuerst verteidigen soll.

Handon greift ein. Schlitzt seinem eigenen Schatten den Bauch auf. Rammt ihm das Schwert bis zum Heft in den Leib.

Der Schatten schaut verblüfft, spuckt Blut und sinkt in sich zusammen.

Aber er ist nicht tot. Er liegt zuckend auf der Erde. Wimmert. Zwischendurch abgehackte Schreie ausstoßend. Seine Hände krampfen. Überall Blut.

Bei dem Anblick erwachen meine Lebensgeister. Da kommt Freude auf. Durch die offene Bauchdecke erblicke ich ein Stück des Dickdarms. Völlig zerfetzt. Quillt langsam aus der Bauchhöhle heraus. Immer wieder ein erquicklicher Anblick, sowas.

Aber irgendwie bleib das Entzücken gedämpft. Blass. Ohne echten Glanz.

Als würde Quros Gehirn meine Freude plötzlich abregeln.

Ich sage, was hat denn der Quro für ein scheiß Gehirn im Kopf.

Sind sie über 18 Jahre – ja / nein. Wenn nein, dann dürfen Sie sich nicht an den gezeigten Inhalten erfreuen. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen Ihre Freude nur in geblurtem Zustand präsentieren dürfen.

Wie trostlos muss Quros Leben sein.

Während ich Quro bedauere, steht Handon über seinem Ebenbild. Das Schwert in der Hand.

Das Ebenbild wälzt sich hin und her. Blut pumpt aus dem Bauch. Er versucht, mit den Händen seine Organe am Herausquellen zu hindern.

Hilf mir, röchelt Handons Schatten, ich… ich habe meine Lektion gelernt.

Genau das würde ich an deiner Stelle jetzt auch sagen, sagt Handon. Er lässt die Klinge aus dem Handgelenk kreisen.

Aber ich würde es natürlich nicht so meinen. Genausowenig wie du das so meinst.

Doch. Ich meine das völlig ernst, barmt der Schatten. Stell dir vor, wir zwei kombinieren unsere Fähigkeiten. Was könnten wir für Handelsrouten eröffnen. Wir beide wären ein unschlagbares Team.

Handon hält das Schwert neben seinen Kopf. Zum Schlag bereit. Ruckt vor. Ruckt zurück. Im Begriff sein eigenes Ebenbild zu enthaupten, ihm seinen eigenen Kopf, sein eigenes Gesicht, die eigenen flehenden Augen zu entfernen.

Handon ruckt vor.

Handon ruckt zurück.

Er sieht sich um.

Bitte, barmt sein am Boden liegendes Ebenbild. Bitte, hilf mir. Wir beide sind doch identisch. Wir sind doch eins.

Handon ruckt nochmal vor.

Er ruckt nochmal zurück.

Was für eine Scheiße, sagt er schließlich und tritt zurück.

Er schlägt mit dem Schwert ein paar Mal durch die Luft und wendet sich frustriert ab.

Danach läuft er schnaufend auf und ab. Massiert sich die Schläfen. Faltet die Hände hinter dem Nacken.

Sein Ebenbild manipuliert weiter um Gnade.

Zwischenzeitlich greift Quros Schatten Bullwai an.

Noch im Rennen holt die Wolfsgestalt mit dem Falchion aus. Zieht in affenartiger Geschwindigkeit durch.

Bullwai hebt ungerührt den Schild und pariert stoisch wie ein Felsbrocken.

Klonk.

Aus dem Hintergrund sehe ich meine schwarze Kutte heranhumpeln. Sturmhauch in der geballten Faust.

Nicht meinen Körper denke ich. Oh mein Gott. Bitte nicht meinen Körper.

Mein Körper reißt Sturmhauch auf die typische Ramir-Art in die Höhe und spaltet den Schädel von Quros Schatten säuberlich mitten durch.

Der Wolfskopf klappt nach rechts und links auseinander. Die beiden Gehirnhälften glitschen heraus und wabbeln, noch an den Nervenbahnen hängend, pendelnd hin und her, während der Körper des Wolfsmenschen langsam zu Boden sinkt.

In mir regt sich schon wieder keine Freude. Nichts. Quros Glückszentrum ist wie unter Narkose.

Danach folgt merkwürdige Stille.

Die Gehirnhälften von Quros Schatten geben noch das eine oder andere glitschende Geräusch von sich.

Handons Schatten windet sich in seinem Blut, hält sich den Darm fest, keucht und schreit ab und zu auf.

Über uns flattern die Vögel.

Die Ruhe nach dem Sturm

Das Gefecht ist zu Ende. Aber niemand ist glücklich.

Quetzels Leichnam liegt von unzähligen Wunden übersäht vor dem Thron.

Ramir sitzt mit aufgeschlitztem Bein auf dem Boden. Das Zepter in der Hand. Schnüffelt es wie ein Hund von unten nach oben ab.

Hechelt dann leise.

Handon tritt zu Quetzel. Nimmt ihr das Langschwert aus der Hand.

In dem Augenblick, indem Handon das Schwert in der Hand hält, beginnt das Schwert sich zu verändern.

Es glitzert. Es blinkt. Aus dem filigran gefertigten elfischen Schmuckschwert wird plötzlich ein solides, zugleich aber unfassbar gut gearbeitetes Langschwert mit W10.

Handon erschrickt. Dann begutachtet er die prächtige Waffe mit Kennerblick.

Hallo Handon, sagt das Schwert. Ich heiße Narsika. Lass uns losziehen, und alles Hässliche vernichten. Ich ignoriere Rüstungen – sofern der Träger hässlich ist, natürlich. Ich hasse nämlich hässliche Dinge, musst du wissen. Die Welt könnte und sollte so ein schöner Ort sein, aber leider wird diese doch eigentlich so vollkommene Welt durch all den Abschaum und den Schmutz auf widerlichste Weise entstellt. Mich widert das alles so dermaßen an. Ach, wusstest du übrigens, dass ich auch einen Zaubereffekt mit gezielter Parade und sofortiger Abwehr gegen hässliche Gegner biete, und das allein schon, wenn ich nur gezogen bin.

Von daher, Handon sind wir das ideale Paar, wir zwei. Wir zwei werden zu einem Kreuzzug aufbrechen. Wir werden alles Hässliche ausrotten, wir werden alles unwerte Leben vernichten und die Welt zu einem paradiesischen Ort machen.

Verstehe, sagt Handon zu dem Schwert.

Er schaut etwas unglücklich drein.

Während Handon noch mit dem Schwert spricht, tritt Bullwai zu Ramir.

Bullwai reicht ihm Quetzels Zauberbuch.

Hier Ufil, sagt er. Das ist wohl deins.

Danke, sagt Ramir, grinst breit und steckt das Buch unter meine Kutte, so wie ich das immer zu tun pflege.

Ich springe vor. Knurre. Fletsche die Lefzen. Verdammt, gib schon her, bevor du dich damit noch umbringst, belle ich ihn an.

Reiße ihm das Buch aus der Hand.

Bullwai schaut mich entrüstet an. Aber Quro. Warum nimmst du ihm denn das Buch ab. Ufil ist doch hier der Zauberer.

Ich schlage das Buch auf. Blättere darin. Hektisch sichte ich den Inhalt.

Und glaubt ja nicht, es wäre leicht, mit scheiß Hundepfoten in einem Buch zu blättern.

Im Grunde enthält es eigentlich nur drei Zaubersprüche, die für mich von Interesse wären. Eine magere Ausbeute, muss ich sagen. Aber immerhin. Mit den dreien kann man vielleicht wenigstens ein bisschen was anfangen.

Ich stecke das Buch in Quros Umhängetasche.

He, das ist aber Ufils Buch, sagt Bullwai.

Handon spricht derweil immer noch mit seinem Schwert.

Soeben deutet er mit der Klinge auf Quetzels Leichnam und sagt, guck, Schwert. Sie ist hässlich.

Mit einem verblüffend schnellen Zucken fährt die Klinge nieder und vollendet Bullwais Werk. Ha, jubelt Narsika. Und schon haben wir die Welt wieder ein Stück besser gemacht.

Meinetwegen, sagt Handon. Er greift in Quetzels Haarschopf und hebt ihren Kopf in die Höhe.

Den nehmen wir mit, sagt er. Wir müssen ihm vom Rest des Körpers getrennt halten.

Handon steht vor uns, in einer Hand das Schwert, in der anderen Quetzels abgeschlagenen Kopf. Er betrachtet angewidert das Schwert. Dann den Kopf. Dann wieder das Schwert.

Handon tut betont gleichmütig. Aber er wirkt wirklich nicht glücklich.

Mein Körper beugt sich über Quetzels Leichnam und beginnt, zwischen ihren Innereien nach dem Stein zu suchen.

Handon, mit angewidertem Blick das Schwert noch in der Hand, berührt den Stein in Quetzels Brust mit einem leisen tikk der Schwertspitze.

Ich sage, ich würde den Stein besser da drin lassen.

Warum, sagt Handon, irgendwas muss der doch Wert sein. Er weist auf meinen Körper, der soeben in Quetzels Bauchhöhle rumwühlt. Der Ufil kennt sich aus mit sowas.

Ich bin Ufil, sage ich.

Ach wirklich. Handon hebt eine Augenbraue.

Verdammt, wir sind vorhin im falschen Körper wieder aufgewacht, sage ich.

Red kein Scheiß, sagt Handon. Er betrachtet seine Hände, die Narsika und den abgeschlagenen Kopf halten. Ich bin ja auch mit meinen eigenen Händen wieder aufgewacht.

Ich sage, ich bin wirklich Ufil, und der Stein hindert Quetzel daran, wieder zum Leben zu erwachen. Er ist quasi die Kette, die sie festhält. Ich würde ihn unbedingt drin lassen.

Aber sie ist tot. sagt Handon. Er hebt den Kopf in die Höhe. Siehst du, Quro.

Der Kopf pendelt unter seiner erhobenen Faust direkt vor meiner Schnauze.

Egal, knurre ich und wende mich ab. Lass den scheiß Stein einfach drin, verdammt.

Beim Sprechen spüre ich die unangenehm kühle Luft, die durch meine viel zu langen Nasenhöhlen pfeift.

Es kitzelt.

Ich niese.

Lass ihn also drin, schniefe ich, und taste mit Quros Klaue nach der viel zu weit vorne angebrachten Nase, um sie zu reiben.

Ein paar Schritt von mir entfernt zuckt mein Körper die Achseln und erhebt sich aus Quetzels Bauchraum. Fast erwarte ich, dass er die Kühlerhaube zuknallt.

Gut, sagt er, wenn´s sein muss. Lassen wir ihn eben drin.

Er greift nach der Maske.

Nicht mit der Hand anfassen, sage ich. Benutz das Schwert.

Mein eigenes Gesicht guckt mich völlig genervt an, rollt die Augen, steht auf, fischt die Maske mit Sturmhauchs Spitze unter dem Leichnam hervor und schiebt sie umständlich in eine der vielen in meinem Umhang eingenähten Taschen.

Ich knurre aggressiv.

Meinen Körper in der Gewalt dieses verantwortungslosen Drecksacks zu sehen. Ich würde den Scheißkerl auf der Stelle umbringen, wenn es nicht mein eigener Körper wäre.

Alles, was ich bin, kann und besitze steht mir auf Armeslänge gegenüber.

Und trotzdem viel weiter weg als jeder Stern am Firmament. Auf einem weit entfernten Stern wäre ich sicher auch sehr, sehr einsam.

Aber ich hätte wenigstens noch mich selbst.

Jetzt habe ich nicht mal mehr das. Die Einsamkeit, die in mir aufsteigt, ist tiefer als alles, was ich mir je vorstellen konnte. Ich knurre wieder.

Aus den Augenwinkeln sehe ich Handon.

Er beugt sich zu Ramirs Körper hinunter, der gebrochen auf der Erde sitzt.

Handon heilt Ramirs Körper.

Der hechelt anschließend eine Weile erschöpft, versucht mit dem Schwanz zu wedeln und schaut sich irritiert um, als ihm klar wird, dass er gar keinen hat.

Na gut, sagt Bullwai.

Auf jeden Fall sollten wir jetzt schleunigst gehen.

Die vielen Türen an der Wand. Bullwai zeigt an die Wände rings um uns herum.

Er läuft die Türen eine nach der anderen ab und studiert sie gründlich.

Auf jeder Tür das gleiche Pfauenfedersymbol.

Alle völlig identisch.

Ich trete hinzu. Wir diskutieren, welche Tür wir am besten nehmen.

Es scheint ein reines Glücksspiel zu sein.

Scheiß drauf. Hauptsache raus hier.

Ich zucke die Achseln, und mache einfach die nächstbeste Tür auf.

Quros ungeschickte Klaue rutscht zunächst ab. Schließlich stoße ich die Tür auf und sehe blauen Himmel.

Ich schaue aus einem steinernen Alkoven. Vor mir schwarze Felsnadeln, die wie Klauen in den Himmel ragen. Überall liegen Felsbrocken.

Einige Schritt weiter senkt sich der Boden zu einer Böschung. Dahinter Hausdächer. Dünne Rauchfäden steigen in den Himmel.

Das ist Hohlheim, sage ich.

Zenkil sitzt vor uns auf einem großen Felsblock. Er sieht uns nicht. Er wirft einen Kieselstein in die Luft und fängt ihn wieder auf.

Bullwai tritt neben mich. Legt mir die Hand auf die Schulter. Na, wenn das mal nicht nach einer guten Entscheidung aussieht.

Ein Geräusch aus der Halle.

Etwas hinter uns raschelt.

Wir fahren herum.

Quetzel bewegt sich.

Sie greift nach ihrem Kopf. Setzt ihn sich auf den Hals.

Moment, sagt Handon. Das kann ja gar nicht sein. Ich halte ihren Kopf ja gerade in der Hand.

Wir nicken. Handon hat Recht. Er hatte Quetzel geköpft, dann ihren Kopf an den Haaren gepackt, und wollte ihn mitnehmen, um ihn von ihrem Körper getrennt zu halten.

Handon hat vollkommen Recht.

Er hebt die Hand.

Mit festem Griff zur Faust geballt.

Ohne Kopf.

Scheiße, sagt Handon.

Hinten in der Halle dreht Quetzel den Kopf leicht mit ihren Händen. Drückt ihn zwischen ihren Schultern fest. Ein Knacken. Etwas rastet ein.

Sie nimmt die Hände fort. Lässt ihren Kopf ein paar Mal kreisen.

Über ihr beginnen die Vögel wieder zu flattern.

Oh, Scheiße, sagen wir.

Wir werfen uns aus der Tür, so schnell wir können.

Ramir dreht sich im Sprung und fliegt rückwärts durch die Tür ins Freie.

Da seid ihr ja schon wieder. Zenkil fängt entspannt den Kieselstein auf, den er gerade geworfen hatte und erhebt sich von dem Felsbrocken.

Das ging aber schnell. Gab´s Probleme, oder warum seid ihr schon wieder da.

Ich stoße Zenkil zur Seite und fummele an Quros Hüfte rum. Suche nach dem scheiß Falchion.

Handon reißt Narsika in die Höhe und brüllt hysterisch, guck mal, das hässliche Bild da.

Wie ein Blitz fährt die Klinge mit überraschender Wucht auf den Rahmen nieder und zerschmettert ihn.

Bullwai hämmert mit der Axt auf die Trümmer ein.

Ich zähle kurz durch. Nicht, dass wir in der Eile jemanden drin vergessen haben. Wäre blöd.

Währenddessen trümmert sich Handons Narsika in schillernder Wut wie ein Schredder auf und nieder zischend und knackend durch Bild und Rahmen, häckselt die erbarmungswürdigen Überreste des Bildes in leuchtenden, formschönen aber zugleich irrsinnig schnellen Schwüngen in kleinste Schnipselchen.

Ich wende mich an meinen Körper, der neben mir steht und das Geschehen betrachtet.

Und, sage ich. Ist da noch Magie in dem Bild.

Der Körper des Wolfsmanns ist ja leider auch in Bezug auf Magie nahezu taub. Ein stumpfes Gefühl wie eingeschlafene Füße.

Also, ist da jetzt Magie drin, oder nicht.

Hä, sagt meine Körper und setzt dieses arrogante Ramir-Grinsen auf. Wie kann ich das rausfinden. Was muss ich dafür machen.

Freudestrahlend lockert er schonmal die Finger, um gleich loszuzaubern.

Verdammt, belle ich ihn an, das merkt man doch, ob da Magie drin ist!

Offensichtlich glaubt dieser Drecksack tatsächlich, meine Fähigkeiten und meine Macht gehörten jetzt ihm – wie ein billiges Spielzeug, das man sich unter den Nagel reißen kann.

Ich fürchte, eines Tages werde ich Ramir tatsächlich umbringen müssen.

Wir beschließen, das Bild zu verbrennen. Da ich ja grundsätzlich zumindest theoretisch immer noch sowas wie ein Magier bin, werde ich die Asche in mehreren verschlossenen und sorgsam etikettierten Behältern aufbewahren. Ramir (ja, der Typ in meinem Körper) möchte außerdem einen der Behälter in einem Bach verstreuen.

Soll er gerne machen. Ist mir egal.

PS:

Die Vertauschung der Körper hält für 3 Tage an