Bullwais Bericht 23

Diese Harpyen sind Scheißviecher!
Und ich meine das echt wörtlich! Die kacken alles und jeden voll! Überall Dreck, Kot und Unflat und nicht zu vergessen die unappetitlichen Essensreste, die sie auch einfach überall rumliegen lassen. Und eine schlimme und gefährliche Plage sind die Wildtruden, wie sie bei uns in den Bergen genannt werden, obendrein… hinterhältig, verkommen, schmutzig und stinkend! Kein Wunder: sie verbringen ihr ganzes Leben im Oben, nahe den Wolken und sind durch und durch verseucht mit der Obenkrankheit. Ein widerliches Pack! Warum ich so aufgebracht bin? Ach, ich greife schon wieder vor. Ich höre schon wieder Uvil: „Fang am Anfang an Du kleinwüchsiger Möchtegernschreiberling!“

Na gut! Fang ich halt am Anfang an…

Burg Wetterstein, irgendwann Anfang Herbst – die Zeit wo es hier oben langsam kalt wird – oder nach meiner persönlichen Zeitrechnung zum Ende der 140 Schicht, nach meinem Aufbruch von den Steingärten.

Es stinkt! Der penetrante Gestank nach verbranntem Fleisch und verschmorten Haaren der brennenden von uns gemeinsam zerhackten und mit Brandsätzen malträtierten Kreatur, lässt uns alle würgen und husten. Welcher wahnsinnige Geist hat denn bloß diese kranke Monstrosität zusammengestückelt? Welche Schmerzen muss dieses Wesen empfunden haben, so verdreht und kaputt, wie sein Körper war. Vielleicht war es ja selber erleichtert, dass endlich jemand seiner Existenz ein Ende gesetzt hat.

„Dieses Monster haben wir sauber erledigt!“ meint Ramir und sticht zur Vorsicht nochmal in den reglosen Körper. Ich sehe das irgendwie anders. Das verschmorte, zerhackte Ding da auf dem Boden tut mir irgendwie leid. Ich glaube, das eigentliche Monster hier ist derjenige, der dieses kaputte Wesen erschaffen hat! Und ich kann nur hoffen, dass der Monstrositätenschöpfer von seiner eigenen Kreatur zerrissen wurde. Wenn nicht, würde ich ihm gerne meine Axt in den Schritt schlagen. Aber nicht nur der Kadaver brennt. Das Feuer unserer improvisierten Brandbomben hat bereits auf die Einrichtung und das ganze zertrümmerte Gerümpel des Labors übergegriffen. Mit einem lauten PUFFF geht ein zerschlissener Vorhang im Flammen auf und schickt weiteren stinkenden Qualm unter die Decke. Wir stehen alle gebückt in dem dichter werdenden Qualm. Weil weiter unten, am Boden, die Luft noch besser ist. Also: die drei Langen stehen gebückt, ich nicht. Wieder mal ein Beweis für die überlegenen Körpereigenschaften meines Volkes.

Der monströse Körper der Kreatur zischt und schmort vor sich hin. Uvil beobachtet fasziniert, wie das Fett unter der Haut zu blubbern anfängt und eine weitere der Nähte, die die einzelnen Teile des Viechs zusammengehalten haben, mit einem Ploppen auf platzt. „Wir sollten hier schnellstens verschwinden“ meint Handon und deutet auf eine Tür am Ende der Halle. Ich muss leider zugeben: Ich mag Handon, auch wenn ich ja eigentlich erst seit einigen Tagen mit ihm unterwegs bin. Er ist ein Pragmatiker, denkt logisch, ist trotz seines fortgeschrittenen Alters ein guter und raffinierter Kämpfer und er hat eine silberne Zunge. Er könnte einem Schmied seine eigene Esse verkaufen, und der würde sich dafür bedanken und glauben er hätte ein gutes Geschäft gemacht. Mein Volk verehrt solche Leute. Wäre er ein Zwerg, würde er in unserer Goldenen Bruderschafft garantiert einen hohen Rang bekleiden. Hätte nicht gedacht, dass ich einen Menschen mal so über den Pilz loben würde.

Ich blicke zu dem zerfetzten letzten Opfer des Wesens: Einer der Kerle, die uns vorher angegriffen hatten. Jetzt sind die alle tot. Nur noch diese Menschenfrau mit ihren Dolchen und Wurfmessern ist übrig. Die muss tiefer in die Burg geflohen sein. Das heißt, die ist jetzt vor uns. Na toll! Ich hab von diesem fiesen Qualm einen ekelhaften Geschmack im Mund. Ich brauche jetzt unbedingt einen Schluck Hochprozentiges. Mein Bierschlauch ist auch schon fast leer. Während die anderen schonmal zur Tür gehen durchsuche ich die nahen Regale nach weiteren, noch intakten Flaschen mit Alkohol. In einer schwimmen irgendwelche Kräuterzweige. Keine Ahnung was das soll, aber erinnert mich an den aufgesetzten Enzian-Schnaps meiner Mutter. Ich entkorke das Zeug und nehme erstmal einen ordentlichen Schluck… Puh, ist das scharf! Treibt einem die Tränen in die Augen und nimmt dir den Atem. Mein Herz setzt ein paar Schläge aus und mein Hirn friert irgendwie ein. Ich sterbe ganz kurz aber das ist vollkommen in Ordnung. Echt guter Stoff!

Ich stopfe den Korken wieder rein, die Flasche ist noch halbvoll. Dann greife ich nach einer weiteren in der Eidechsen und Augen rumtreiben. Ich starre die Augen an und die Eidechsen und Augen starren zurück. Ach was soll’s. Von dem Zeug werd ich dann zumindest nicht blind werden… hoffe ich. Die Flasche wandert auch in meine Beutel. Zeit zu verschwinden. Ich greife noch die Kriegspike, die ich vor dem Kampf auf den Boden gelegt hatte und renne hinter den anderen her. Der Rauch wird immer dichter, aber meine Lungen sind daran gewöhnt. Ein Vorteil, wenn man das halbe Leben in den Schmieden verbracht hat.

Die Tür ist zwar alt, aber immer noch stabil. Die Scharniere sind verrostet und protestieren quietschend gegen das Öffnen. Dahinter befindet sich eine Art Wehrgang mit Mauerbrüstungen an beiden Seiten. Links und rechts geht es steil viele Dutzend Schritte runter. Gegenüber erhebt sich ein gewaltiger rechteckiger Turm. Mehrere Stockwerke, dunkle Fensteröffnungen. Eine Tür in das untere Stockwerk steht leicht offen, aber trotzdem sieht das nicht wirklich einladend aus. Abgesehen davon, dass er auch ziemlich verfallen erscheint. Schlechte menschliche Steinmetzarbeit. Ein Wunder, dass der noch nicht in den Abgrund gerutscht ist.

Wir beschließen vorsichtig zu sein. Wer weiß, was uns da noch erwartet.

Handon und Ramir machen die Kurzbögen bereit. Ich nehme jetzt doch lieber den Schild in die Linke und lege die Pike auf den Boden. Die hilft mir gleich in dem Turm wenig. Kann ich ja später wieder holen. Uvil hat sein Schwert gezogen… wie hieß es noch gleich… irgendwas mit Wind… Darmwind? Windpuster? Wirbelsturm? Sturmatem? Ach, jetzt fällt es mir wieder ein: Sturmhauch! Was für ein blöder Name! Als wenn ein Sturmwind nur hauchen würde. der Sturm brüllt oder wütet, ist laut. Ich muss Uvil mal fragen, was er sich bei dem Namen gedacht hat.

Ein Drecksturm voller Geflügel

Ich gehe voraus, den Schild nach vorne gerichtet, falls uns jemand durch den Türspalt beschießen will. Diese Messerfrau ist da ja irgendwo noch vor uns. Hinter mir die anderen mit gespannten Bögen. Nichts passiert. Wir erreichen die Tür öffnen sie etwas weiter, und spähen hinein.

Durch den nun breiteren Türspalt fällt Tageslicht in den Turm. Ein einziger, großer und offener Raum bis hinauf zum teilweise eingestürzten Dach. Mehrere Balustraden und unten eine Art Bühne. Sieht irgendwie wie ein Theater aus. Überall Gerümpel, Kaputte Möbel, Balken, Dachschindeln… Und alles mit einer dicken Schicht weißen Vogeldrecks überkrustet. Ein übler Gestank hängt in der Luft, nach Vogelscheiße, Verwesung und Abfall.Schwarze Federn kleben in dem Dreck, ich sehe abgenagte Knochen… ein menschlicher Schädel starrt uns irgendwie anklagend an.

Weiter oben auf den Balustraden erkennen wir grobe Nester aus Astwerk, Möbelstücken, Stofffetzen und noch mehr Dreck. Schwarze Federn tanzen in der Luft. Ich glaube zu ahnen, wer oder was diesen Turm bewohnt.

„Was daaaa? Waaaas Daaa? Daaaaa?“ krächzt es aus der Dunkelheit der oberen Balustraden. Dort oben bewegt sich etwas. Vermutlich durch den Lichtschein, der durch die Türöffnung fällt aufgescheucht. Geflatter. Weitere Federn schweben von oben herab und tanzen im Lichtschein. Wir erkennen neugierige weiße Gesichter, die aus der Dunkelheit zu uns herab starren. Viele! Sehr viele! „Harpyen“ flüstert Handon mir zu. „Wildtruden“, denke ich. Na dass kann ja lustig werden.

Die Menschen wissen vermutlich nicht, dass mein Volk früher jede Menge Ärger mit diesen Wildtruden hatte. Die nisteten hoch oben in unseren Bergen und fielen in großen Schwärmen über unsere Berghöfe her. Eine echte Plage. Wir konnten ihnen einfach nicht beikommen. Sie schlugen zu und verschwanden dann wieder im Gebirge, selbst für unsere besten Kletterer unerreichbar. Zu allem Überfluss begannen sie dann auch noch unsere Handelszüge zu überfallen. Der Getreidenachschub kam fast zum erliegen und unsere Brauer mussten von Biergerste auf Pilzbräu umsteigen. Nimm den Zwergen ihre Schafe und Ziegen und meinetwegen töte auch einige von ihnen – so ist das Leben und sie werden es dir irgendwann sicherlich heimzahlen. Aber nimm ihnen ihr Bier und den Schnaps und du steckst wirklich in Svhwierigkeiten.

Bogenschützen hatten wir zu wenige und ein oder zwei von den Viechern abzuschießen brachte auch garnichts, denn dafür waren es einfach zu viele. Also entwickelten unsere besten Handwerker eine Harpyenabwehr. Das waren leichte, schwenkbare Torsionsgeschütze, die man transportabel auf Wagen montierte und die mit einem Schutzschild für die Geschützmannschaft versehen waren, so dass ihnen die Wurfgeschosse der Flugbestien nichts anhaben konnten. Statt Bolzen verschossen sie dünnwandige Blechdosen voller scharfkantiger Stahlwürfel und schwerer Bleikugeln. „Trudenschredder“ werden die genannt. So ein Geschoss zerlegt sich nach dem Abschuss in seine Einzelteile und gibt seine Kugelladung wie einen Hagelschlag aus Metall fächerförmig frei. Die Wirkung auf einen Schwarm leichter hohlknochiger Flugwesen kann man sich bestimmt gut vorstellen. Wir konnten damit die Harpyen zwar nicht ausrotten, aber danach hatten sie Respekt und haben unsere Handelszüge in Ruhe gelassen. Und seit unsere Hirten mit Armbrüsten bewaffnet wurden, sind die Flatterbiester auch da vorsichtiger geworden. „Jeder Berghof eine Armbrust“ heißt es bei uns. ich wünschte, ich hätte so eine Armbrust gehabt. Die kann mit einem Bolzen gleich zwei von diesen Bestien durchschlagen.

Im Inneren des Turms macht sich Unruhe breit. Aber irgendwie müssen wir weiter kommen. Vorsichtig versuchen wir uns ein genaueres Bild der Ruine zu machen. Es muss einen weiteren Ausgang geben. Handon schleicht vorsichtig hinein dann folgt Ramir. Heimlichkeit war noch nie meine Stärke. Und Uvil mit seinem Stummelfuß ist auch nicht gerade ein Höhlenparder. Also bilden wir die Nachhut und bleiben am Eingang zurück.

Im kotverschmierten Erdgeschoss gibt es noch einen weiteren Durchgang, aber den haben die Bestien anscheinend mit Balken und Trümmern verstopft. Da ist kein Durchkommen. Eine dreckverkrustete Treppe führt an der ebenfalls mit Scheiße besudelten Innenseite der Turmmauer hinauf auf die einzelnen Balustraden. Wir erkennen einen zweiten Ausgang von der Balustrade über uns. Da müssen wir hin. Nur wie, ohne die Flatterfrauen auf uns aufmerksam zu machen? Aus meiner Sicht gibt es nur zwei Wege: Schnelligkeit oder Heimlichkeit…

Handon hat anscheinend noch eine weitere Idee. Er hat den Bogen weggesteckt und sich wieder mit Falchion und Buckler bewaffnet. Er kniet ächzend neben dem Eingang nieder – ja, ja, Alte Gelenke und ein schweres kettenhemd vertragen sich nicht so gut – senkt den Kopf auf den Boden. „Was macht er da nur? Leckt er an der Harpyen-Scheiße?“ flüstere ich Uvil zu. Der zuckt nur mit den Schultern, tippt sich mit dem Finger an die Nase und verdreht die Augen. Nein, Handon riecht an dem weißen Kot. „Hm. Nee, ich glaube das reicht nicht für ein Feuerwerk.“

Wir entscheiden uns für den Weg der Heimlichkeit. Weit kommen wir nicht… Ramir tritt auf irgendetwas laut knackendes am Boden und vermutlich hat uns auch das Klirren unserer Waffen und Rüstungen verraten. Sofort hebt über uns Geschrei an: „Was Daaaaa! Besucher! Eindringlinge! Sie dürfen nicht hinein. Wegzoll! WEEEGZOOOL!“

Alles Übel kommt von oben

Verdammt, sind das viele Viecher! Das könnte einer der größten Schwärme der Verbotenen Lande sein. Ich springe über meinen eigenen Schatten und frage die anderen noch kurz, ob wir mit den Biestern nicht vielleicht verhandeln könnten… Aber Ramir schüttelt nur den Kopf: „Wir hatten schon Begegnungen mit diesen Federfrauen, bevor du zu der Gruppe gestoßen bist. Mit denen kann man nicht verhandeln. Die verstehen nur eine Sprache…“ Sagt es, hebt den Kurzbogen und jagt einen Pfeil hinauf in die lärmende Dunkelheit. Es folgt ein lautes schmerzerfülltes Kreischen und dann bricht die Hölle los. Ich denke noch: Er hat es schon wieder getan, dieser verdammte spitzohrige Hobbitficker! Oh Hühne, lass ihm seine beschissene Bogenhand verdorren, auf dass er niemals wieder einen seiner Unglückspfeile verschießen kann…

Der ganze Harpyen-Schwarm flattert in dem hohen Turmraum wild durcheinander. Ein wildes Getümmel aus schwarzen dreckigen Federn, Klauen und herunterwirbelndem Dreck. Aber dabei bleibt es natürlich nicht. Die Federfrauen sind wütend, greifen sich, was sie an Wurfgeschossen bekommen können und im nächsten Augenblick trifft uns ein Hagel aus Steinen, Knochen und sogar einer eisernen Geschützkugel.

Ich danke Hühne für den dicken zwergischen Rundschild, denn mit dem kann ich die Geschosse größtenteils abwehren. Ich ziehe Uvil runter auf die Knie, damit er ebenfalls unter dem Schild Deckung findet. Dabei zerbirst ein geworfener Mauerstein an meiner eisernen Schildkante und ein scharfkantiges Stück erwischt mich an der Schulter. Meine mit Eisenplatten verstärkte Rüstung hält den Stein aber auf. Das gibt nur einen blauen Fleck.

Ramir und Handon trifft der Geschosshagel aber mit voller Wucht. Der irre Waldkobold – mögen  die Finger seiner Schusshand schwarz werden und abfallen – versucht noch auszuweichen, aber Steine und Müll fallen dicht und schwer wie Hagel. Er geht in die Knie, kann sich dann aber wieder aufraffen. Handon hat dagegen richtig Pech. Ihn erwischt die Eisenkugel. Und sein lächerlich kleiner Buckler ist keine große Hilfe. Sein Gesicht verzerrt sich vor Schmerz, doch irgendwie hält auch er sich noch auf den Beinen und wir geben Fersengeld und rennen alle die Treppe hoch.

Und dann trifft uns ein neues Unheil. Scheiße! Nein, das ist kein wütender Ausruf! Es regnet wirklich Scheiße! Und noch alle möglichen anderen ekelerregenden Auswürfe über die ich hier nicht genauer schreiben möchte. Es ist widerlich, der Gestank ist unerträglich und außerdem wird der Boden glitschig wie Schmierseife. Weiße Flüssigkeit klatscht auf meinen Schild, befleckt die stolzen Schwarztöne meines Clans, brennt sich in den schwarzen Lack und benässt unsere Kleidung. Jetzt bin ich echt froh über den neuen Sappeurshelm mit der bereiten Stahlkrempe. Hätte nicht gedacht, dass er mir in einer so unwürdigen Situation gute Dienste leisten würde. Nichts wäre schlimmer, als Harpyenscheiße im Bart. Die bekommt man ohne ein Vollbad nur ganz schwer wieder raus. Und ich hatte erst vor 3 Monden gebadet und ein schönes Sandbad werde ich in den nächsten Wochen wohl eher nicht nehmen können.

Das alte zwergische Sprichwort „Alles Übel kommt von oben“ trifft hier mal wieder voll ins Schwarze. Ich halte den Schild schräg über meinen Kopf und lasse den ganzen üblen Auswurf daran abgleiten, während Uvil auf allen Vieren und lauthals fluchend neben mir her krabbelt.

Ramir hat schon im Laufen einen neuen Pfeil auf die Sehne gelegt, nimmt dann aber doch lieber die Beine in die Hand um möglichst schnell den rettenden Ausgang auf der Balustrade zu erreichen. Handon rennt direkt hinter ihm. Trotzdem erwischt die beiden die Scheißesalve und lässt sie taumeln. Die wild gewordenen Federviecher über uns amüsieren sich anscheinend köstlich über unser angewidertes Gefluche und senden noch eine zweite Drecksalve hinterher. Ramir erreicht den Durchgang als erster und macht vermutlich ein ganz wütendes Gesicht. Doch ich kann das unter der ganzen weißen Harpyenscheiße, die da sein Gesicht herunter trieft nicht wirklich erkennen. Aber Ramir ist ja eigentlich immer wütend. Wir drücken uns schließlich alle in den Tunnel, der durch eine Tür versperrt ist. Ich bin der letzte und versuche uns mit dem Schild zu decken. Wer weiß, auf was für Gemeinheiten sich die gefiederten Biester noch verlegen werden.

„Ich hab gesehen, dass Du noch was von dem Alkohol aus dem Labor eingesteckt hast.“ ruft  Ramir durch das Gekreische zu und wischt sich mit dem Umhang weißen Harpyenkot aus dem Gesicht. „Lass uns noch eine Brandbombe daraus anfertigen und dann zünden wir den Viechern die Nester an. Das dürfte die ordentlich Ablenken.“ Er reißt bereits Streifen von seinem kotbespritzten Umhang um daraus eine Zünder zu machen. Hinter uns versuchen Uvil und Handon die Tür zu öffnen, doch die scheint von außen blockiert zu sein.

Schweren Herzens ziehe ich die Flasche mit dem Hochprozentigen aus meinem Beutel. In ihr treiben irgendwelche eingelegten Eidechsen rum. Ich öffne den Korken und halte sie Ramir hin, der seine Stoffstreifen in den Flaschenhals stopft. Schade um das gute Zeug. Aber so ungern ich es auch zugebe: er hat Recht. Die Federfrauen scheinen sich in einen regelrechten Gewaltrausch zu steigern. Und wir sind ihr Ziel. Ich sehe schon wie einige nach neuen Wurfgeschossen greifen… Ramir entzündet die Brandbombe in meiner Hand und ich mache einen Schritt vor und schleudere sie mit aller Kraft hoch in den Turm. Kometengleich zieht sie ihre Bahn und zerschellt irgendwo in der Dunkelheit. Augenblicklich entzünden sich Holz und Nistmaterial und das entsetzte Geschrei der Harpyen dringt zu uns herab: „FEUER! ES BRENNT! MÖRDER! TÖTET SIE! LÖSCHT DAS FEUER!“ Ich grinse. Die sind jetzt wirklich erstmal beschäftigt…

Falsch gedacht! Fassungslos sehen wir zu, wie sie damit beginnen das Feuer regelrecht auszupinkeln und auszukoten… so eine bodenlose Schweinerei!  Nichts wie raus hier! Ich ramme mit den Anderen zusammen gegen die versperrte Tür und wir brechen sie gemeinsam auf. Als wir ins Freie taumeln dringt beißender Qualm hinter uns her. Trotzdem sehen wir alle, das irgendjemand ein paar abgebrochen Speerspitzen als Keile in die Tür gerammt hat um sie zu versperren. Bestimmt unsere geflohene Messerfrau. So ein Miststück.

 

Kletterpartie & das Panoptikum des Grauens

Jenseits der Tür erstreckt sich ein gut 30 Schritt langer Felsgrat auf dem ein gerader Weg angelegt wurde. Wir eilen den Wege entlang auf ein weiteres Tor in einer Mauer zu. Ramir hat noch immer den Bogen in der Hand und bereits einen neuen Pfeil aufgelegt. Hinter uns ragt der Harpyenturm auf, Rauch quillt aus Fenstern und Schießscharten und aus dem zerstörten Dach. Das wütende Gekreische und Gezeter seiner Bewohner verfolgt uns bis zum Ende des Weges vor der Mauer.

Das Tor durch die Mauer ist für uns leider uns nicht erreichbar, denn der Weg endet vor einer tiefen Kluft. Bestimmt 4 bis 5 Zwergenlängen breit. Und die immer noch stabil aussehende Zugbrücke, die hinüber führt, ist natürlich hochgezogen. Das Gesetz der universellen Schweinerei hat mal wieder zugeschlagen. Warum kann es nicht mal einfach sein.

Die Zugbrücke schließt nicht gänzlich mit dem Mauerwerk ab. Oben ist noch ein Spalt, durch den man sich vielleicht hindurchzwängen könnte. Vorausgesetzt man kann wie die Flatterfrauen fliegen oder wie eine Höhlenspinne an Wänden hinaufklettern.

Von der Pfanne in die Esse oder wie die Menschen sagen: „Vom Regen in die Traufe.“

Langsam geht mir diese verlotterte Burgruine echt auf den Geist. Aber was will man schon von einem mistigen Gemäuer erwarten, das Wetterstein heißt. Dieser Name ist aus zwergischer Sicht schon total falsch: Stein steht für etwas Gutes, solides und beständiges. Etwas greifbares, ehrliches. Stein ist das ureigene Element meines Volkes. Wir beherrschen den Stein, wir verehren ihn, unsere Steinsänger formen ihn nach ihrem Willen. Aber Wetter! Das Wetter ist unbeständig, kaum vorhersehbar. Regen ist schlechtes Wetter. Ein Phänomen der Oberwelt. Der Name Wetterstein verheißt aus zwergischer Perspektive einfach garnichts Gutes.

Wir müssen da aber irgendwie rüber! Und wir sind alle angeschlagen. Besonders Ramir und Handon haben diese Harpyen echt hart zugesetzt. Platzwunden, Prellungen und von Kopf bis Fuß voller weißer, stinkender Harpyenscheiße. Mir geht es noch am besten von allen, dank meines großen Schildes. Ich denke, wir sollten als nächstes für die ganze Truppe ordentliche Schilde besorgen. Diese Buckler taugen für unsere Arbeit nichts.

Handon sagt mal wieder das offensichtlich: „Irgendwer muss da jetzt über den Abgrund springen, die Außenseite der Brücke hinaufklettern, sich durch die Spalte da oben zwängen und die Hängebrücke runterlassen.“ Wir sehen uns alle betreten an. Das ist so gut wie unmöglich…

„Na gut! Ich mache das!“ höre ich jemanden sagen… Verdammt! Das war ich selbst! „Ich lebe zwar unter den Bergen, aber wir müssen dort häufig Schächte rauf und runter klettern. Und wenn wir mal draußen in den Bergen sind, dann kommt man oft auch nicht ums Klettern herum. Ich schaffe das schon!“

Tja, nur wie? „Vielleicht zwei Dolche, in jede Hand eine und dann mit Anlauf über die Kluft und beide Dolche in die Zugbrücke rammen?“ denke ich laut. Sähe bestimmt anfangs spektakulär  aus, bis ich dann drüben ankomme, von der Brücke abpralle und meine schmerzhafte aber endliche Reise nach unten antrete.

Ramir grinst und hält mir seinen Dolch hin. „Du kannst meinen haben.“ Ich blicke ihn missmutig an. Blödes Arschloch. Er lächelt unschuldig und steckt den Dolch wieder weg.

„Wir könnten dich auch werfen.“ schlägt Uvil vor. „Vielleicht schaffen wir es bis zur oberen Kante der Brücke.“ Auch keine gute Idee, finde ich.

Handon hat zumindest einen konstruktiven Vorschlag: „Ich habe ein langes Seil dabei. Wenn wir da eine Schlaufe reinknoten, kann man es vielleicht da oben über einen der Trägerholme der Brücke werfen. Dann kannst Du dich rüberschwingen und musst nur noch die paar Schritte hinaufklettern.“ Ich blicke skeptisch auf das dargebotene Seil und dann wieder auf die Brücke und den Abgrund. „Wenn Du aber Angst hast… ich meine für Zwerge ist ja alles irgendwie höher…“ Handon kann manchmal auch ein verdammter Trollarsch sein! Ich starre ihn lange und intensiv an, kaue auf meiner Unterlippe und versuche die hochkochende Wut zu unterdrücken. Pah! Angst! Ich ein Feigling? Das kann ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen! Ich entreiße ihm das Seil, knote eine Schlaufe rein und fluche still vor mich hin: „Ich bin kein Feigling! Ich bin nur vorsichtig Du stinkender Geflügelfurz.“ Sind ja nur 6 oder 7 eurer blöden Menschenschritte bis zur anderen Seite. Und dann nochmal 6 bis 7 Schritte an der schräg nach außen ragenden Holzwand hoch.  Aber vorher muss ich das Seil da oben irgendwie rüberwerfen. Hätten wir wenigstens einen Wurfanker oder sowas ähnliches… eine simple Seilschlaufe erscheint mir so ineffizient.

Ich schwinge also das Wurfseil über dem Kopf, so wie ich es mal bei den Bergziegenhirten in meiner Heimat gesehen habe. Sieht bei mir nur total unelegant und falsch aus. Egal! Konzentrier dich Bullwai. Du und das Seil, ihr seid eins. Ich werfe und…

„Rasir mich und nenn mich ‘nen Gnom! Getroffen!“ Ich ziehe am Seil, die Schlaufe zieht sich um den Brückenholm zusammen. Das hält! Ich zurre alle meine Ausrüstung, Axt Kurzschwert und Kurzbogen fest, schnalle meinen Schild auf den Rücken, lege mir eine Seilschlaufe zur Sicherung um den Oberkörper und denke noch laut „Ich habe da ein ganz mieses Gefühl…“

Dann schwinge ich mich über den Abgrund, wie ein gerade flügge gewordener Berggeier… pralle fast schon elegant auf der anderen Seite gegen die Mauer und alles ohne mich ernsthaft zu verletzen. Lediglich meine Arme fühlen sich an als würden sie gleich aus den Gelenken gerissen, während ich unkontrolliert immer langsamer hin und her schwinge. Bei Hünes Eiern (Nein Uvil,  nicht Hühnereier)! Ich muss unbedingt abnehmen! Das Blut rauscht mir in den Ohren und deshalb höre ich das Geschrei auch erst, als die pendelnden Bewegungen meines Körpers endlich zum Stillstand kommen.

Ich hänge mit dem Rücken zur Wand. Ungünstig, um weiter hoch zu kommen, aber günstig um das Panoptikum des Grauens ausgiebig zu studieren, das da auf uns zurast. Panoptikum! Das Wort gefällt mir. Hab ich von Uvil aufgeschnappt, als er den Abtritt im Turm Ohlse aufsuchte, nachdem ich dort vorher eine Stunde lang versucht hatte, mich dieses üblen stinkigen Fisches zu entledigen, der meine armen Gedärme so arg strapaziert hatte.

Das Panoptikum des Grauens: Der Harpyenturm qualmt nur noch leicht, doch statt der vorher dichten Rauchwolken quillt nun mit ohrenzerfetzendem Gekreische eine regelrechte schwarze Wolke der Verdammnis aus Federn, scharfen Klauen und tödlicher Wut aus dem Gemäuer und schraubte sich wie ein lebendiger Tornado in den Himmel. „WOOOO SIIIIND SIE! WOOOO SIIIIND SIIIIE?DAAA SIIIND DIE FFEINDE! MÖRDER… TÖTET SIE ALLE! ZERFETZT SIIIIEE! REISSST SIEEE IN DEN ABGRUND!“

Oh, bei allen Tiefen! Der Schwarm ist riesig! Mit absoluter Sicherheit der größte Schwarm der ganzen Gegend. Schwarze Flügel verdunkeln den Himmel als sich die gefiederten klauenbewehrten Monster auf uns stürzen. Und ich hänge hier vor der Zugbrücke wie ein praller „Zuckertopf“, diese mit Zuckerkarm gefüllten Tongefäße, auf die unsere Kinder zur Jahreswende mit Stöcken einschlagen, bis sie aufplatzen und ihre Leckereien über den Boden verstreuen.

Ramir, Uvil und Handon stehen noch auf dem Weg und haben keine Chance in Deckung zu gehen.  Rechts zu allen Seiten steiler Abgrund und aus Richtung des Harpyenturms kommt die personifizierte gefiederte Wut. Also schießt Ramir in den heranbrausenden Schwarm. Der Pfeil verschwindet irgendwo in der Horde und garantiert hat er auch getroffen. Da kann man garnicht daneben schießen. Die gefiederten Angreifer teilen sich plötzlich in zwei Schwärme einer steigt auf um von oben herab zu stoßen. Der andere greift direkt an. Diesmal wollen diese Furien Ernst machen. Ich sehe noch, wie sich meine Gefährten flach auf den Boden werfen, um den Dutzenden scharfer Klauen zu entgehen…

Ich zapple panisch an meinem Seil, wie eine Fliege im Netz. Ich muss die Zugbrücke schnellstens überwinden oder ich ende hier als lustig baumelndes Spielzeug für die Federfurien. In einem puren Kraftakt ziehe ich mich und meine ganze Ausrüstung mit zitternden Armen das Seil hinauf. Dabei vor lauter Panik laut fluchend: „Nur ein Zwerg mit der Geschicklichkeit einer Bergziege schafft es diese Wand hinauf!“ Ich schaffe es bis zu dem schmalen Spalt zwischen Zugbrücke und Mauerwerk. Hier muss ich irgendwie durch. Hinter mir ertönen Schmerzensschrei und triumphales Gekreische. Riesige Flügel schlagen und flattern und spornen mich zu Höchstleistungen an. Wenn ich irgendwie durch den schmalen Spalt komme, geht es wieder 5 bis sechs Schritt senkrecht nach unten. Ich fluche noch mehr um mir Mut zu machen.

„Und nur ein Zwerg mit einem schmalen Arsch zwängt sich durch diesen Spalt!“

Hatte ich schon erwähnt, dass mein Großvater ein echt kluger Mann war? Ein wahrer Quell der Weisheiten. Zumindest wenn er nüchtern war. Eine davon lautete zum Beispiel „Jeder Mann hat Respekt vor einer in Schritthöhe geschwungenen Axt.“ und eine andere: „Wenn Du in ein Loch kriechst, dann niemals mit dem Kopf voran!“

Kopfüber quetsche ich mich also durch die Öffnung und bleibe natürlich mit Schild und Rucksack stecken. Kopfüber mit dem Arsch nach draußen zu den klauenbewehrten, rachsüchtigen Flugfurien. Verdammt! Wenn ich hier abkratze und eine später vorbeischauende Gruppe von Abenteurern meine Überreste mit weggefressenem Arsch findet, wie lächerlich wird das wohl aussehen. Ich drehe und winde mich panisch, während das Gekreisch hinter mir triumphierend anschwillt. Dann gibt es einen Ruck und ich bin frei…

Besser Arm ab als Arm dran

Ich rutsche mit dem Kopf voran die schräge Zugbrücke herab und krache mit lautem Scheppern aufs Pflaster. Da hat sich der neue Helm schonmal bezahlt gemacht. Irgendwie schaffe ich es aber mich über Kopf und Schild abzurollen, komme auf die Füße und torkle erstmal orientierungslos durch den dunklen Torgang. Der blöde Helm verdeckt mir die Sicht und mein Schädel dröhnt wie eine Tempelglocke. Wo sind bloß die verdammten Gegengewichte der Zugbrück? Häh!?! Keine Gegengewichte!?! Ich brauche einen Augenblick um mich zu orientieren. Verdammte menschliche Stümperei! Die haben die Zugbrücke ohne Gegengewicht gebaut. Keine Ahnung von Mechanik haben diese Menschenwesen! Wie konnten sie mit dem bisschen Bildung nur die verbotenen Lande erobern. Ach ja, ich vergaß: Die Elfen haben‘s verkackt. Und die sind bekanntermaßen noch größere Stümper als die Menschen.

Die Ketten und Seile, die diese menschliche Stümper-Brücke halten, verlaufen irgendwo durch die Mauer und in ein kleines steinernes Torhaus mit Schießscharten und einer Tür. Daneben hängt eine alte Glocke, vermutlich um Alarm zu schlagen. Das ganze sieht wie ein Burgzwinger aus, in dem man Angreifer einsperrt und dann von oben beschießt, denn der Torweg führt weiter zu einem zweiten Tor. Und davor steht ein halbverwester Wächter. Sein Schädel dreht sich in meine Richtung und irgendwo in dem verwesten fauligen Gehirn, das da hinter dem Schädelknochen herumschwappt wird etwas aktiviert. Der Wächter setzt sich in meine Richtung in Bewegung…

Ich löse den Schild vom Rücken und greife zur Axt.

… dann dreht die Wache ab, und marschiert in einem zackig-schwankenden Stechschritt im Kreis zurück zum Tor und beginnt mit seinem Marsch wieder von vorne. Das untote Wesen läuft im Kreis vor dem Tor rum und nimmt von mir keine weitere Notiz. Wäre irgendwie lustig und am liebsten würde ich einen markigen Kommentar loslassen, aber für Humor habe ich gerade keine Zeit.

Also renne ich zum Torhaus, drücke die Tür auf und stürze hinein. Es ist eng und dreckig. Ein kleiner Tisch, eine Bank, Staub und Rattenkot, zwei Schießscharten zum Torgang. Und natürlich die große Winde über die man die Zugbrücke kontrollieren kann. Ich trete gegen den Sperrriegel und mit einem lauten Rasseln und Quietschen setzt sich die Winde in Bewegung. Ich blicke Richtung Torgang, lehne meinen Schild gegen die Wand neben der Tür und löse meinen erbeuteten, kurzen Reiterbogen aus seinem Futteral, während ich gleichzeitig nach einem Pfeilen greife. Qurro hat mir beigebracht, das A und O beim Schießen ist eine sicher Position, damit man in Ruhe zielen kann. Hier im Torhaus bin ich vorerst geschützt und kann meinen Gefährten etwas Luft verschaffen. Die Brücke senkt sich krachend herab und ich kann sehen, dass sie zwei der herumflatternden Harpyen erfasst und regelrecht zerschmettert. Davor herrscht mittlerweile undurchschaubares Chaos. Meine Leute versuchen sich irgendwie vor den vielen Klauen, Krallen und Zähnen der angreifenden Monster in Sicherheit zu bringen. Handons Kettenpanzer und sein Vollhelm haben ihn bisher vor den schlimmsten Verletzungen bewahrt und Uvil hatte anscheinend mehr Glück als Verstand. Beide knien am Boden um ein möglichst kleines Angriffsziel zu bieten. Ramir liegt am Boden unter einem dichten Knäul von gefiederten Leibern, die wie im Blutrausch an ihm reißen und zerren. Dann versucht eine große Harpye mit mächtigen Flügelschlägen abzuheben. In den Klauen einen blutspritzenden Arm, der immer noch den Bogen umklammert. Ich denke nicht darüber nach, was ich da sehe, ziehe die Bogensehne zurück bis an meine Wange. Das Kompositmaterial des Bogens, das mich so sehr an gefalteten Stahl erinnert, knarzt hörbar. Ich atme aus, halte die Luft an und lasse den Pfeil fliegen. Er jagt durch den dunklen Torgang ins Licht und trifft mein Ziel in die Schulter. Die Harpye kreischt auf und lässt den abgerissenen Arm samt Bogen fallen. Der klatscht auf die Zugbrücke und bleibt dort liegen. Handon und Uvil schnappen sich endlich den zusammengebrochenen Elfen und rennen über die nun herabgelassene Brücke in den Torgang und zu mir ins Torhaus.

Aus dem Augenwinkel sehe ich dass der untote Kamerad vor dem zweiten Tor netterweise unterstützende Schießbewegungen in Richtung Harpyen macht, so als wenn er einen Bogen in seinen leeren Händen halten und Pfeile aus einem imaginären Rückenköcher ziehen und abschießen würde. Ein Luftbogen mit Phantompfeilen. Er scheint mal ein guter Schütze gewesen zu sein… Jeder Pfeil hätte gesessen. Todsicher!

Während dessen toben die Harpyen im wilden Blutrausch vor der Brücke und verfolgen die Drei nicht. Noch nicht! Erst jetzt wird mir klar: Das ist wirklich Ramirs Arm, der da blutig auf dem Holz der Zugbrücke liegt. Jetzt nur noch ein totes Stück Fleisch. Die Biester haben ihm den Unterarm am Ellbogengelenk abgefetzt. Ich bin entsetzt. Von einem Haufen wütendem Geflügel erledigt. Das ist wirklich Pech! Aber es bestätigt meine Theorie: Glück kann nicht ewig währen. Irgendwann schlagen die Gesetze der universellen Schweinerei gnadenlos zu.

Uvil lehnt den halbbewusstlosen, stöhnenden Elfen gegen die Wand und presst dessen Umhang auf den Armstumpf, während Handon die Tür zudrückt, mir mit der flachen Hand auf den Helm klatscht und fragt „Hättest Du das nicht schneller machen können? Wegen Dir muss Ramir sich in Zukunft den Arsch mit der Rechten abwischen.“ Na danke auch. Ohne mich wäre niemand über diese Brücke gelangt und wir wären alle ein Fraß für die wütenden Furien da draußen und niemand könnte sich mit irgendetwas noch den Arsch ausputzen. Weder mit links, noch mit rechts. Undankbare Bastarde alle miteinander.

Handon zerrt jetzt ebenfalls seinen Kurzbogen aus dem Futteral, legt einen Pfeil auf und stürzt zu einer der Schießscharten. Für mich sind die Scharten zu hoch, aber ich springe kurzerhand auf die Sitzbank und nehme die andere Schießscharte. Uvil wirft über meinen Kopf hinweg ebenfalls einen Blick nach draußen. Von hier haben wir eine gute Sicht auf den Tortunnel. Auf der Brücke kriechen einige Harpyen herum und lecken das Blut von den Holzplanken. Eine von ihnen, ein besonders zerrupftes und schmutziges Biest, schnuppert interessiert an Ramirs Arm. Es hebt ihn auf, biegt die Finger auf, die noch immer den Kurzbogen umklammern und lässt die Waffe angewidert zu Boden fallen. Die lange schwarze Zunge schnellt hervor leckt das Blut vom Stumpf ab und dann beginnt dieses Mistvieh mit spitzen Zähnen an den Fingern zu nagen. Dabei scheint sie genießerisch zu schmatzen und ihre schwarzen Augen starren herausfordernd in unsere Richtung. Das war ein echt dummer Fehler! Handons Bogen sirrt. Meiner nur einen Augenblick später. Handons Pfeil trifft sie mit einem lauten TSCHACK in eines ihrer schwarzen Augen und lässt ihr noch gerade genug Zeit um mit dem verbliebenen Auge meinen Pfeil heransurren zu sehen, der mit einem satten TUMPF in ihren Hals einschlägt. Sie flattert noch kurz mit den Flügeln und rutscht dann tot, mitsamt Elfen-Unterarm rechts von der Zugbrücke in den Abgrund. Ich merke wie Uvil sich leicht anspannt. Sehnsüchtig blickt er dem verschwindenden Elfenarm hinterher und seufzt schwer: „So eine Verschwendung.“

Ich will lieber nicht genauer nachfragen, was unser Todesmagier nun damit wieder meint, werfe ihm aber einen warnenden Blick zu. Er will etwas sagen, aber ich knurre nur „Frag garnicht erst! Ich klettere da nicht runter um Dir den Arm zu holen.“

Wir ziehen neue Pfeile aus dem Köcher, aber die Harpyen haben genug und ziehen sich dezimiert und angeschlagen zurück. Das ist noch nicht vorbei, denke ich grimmig. Mit Euch haben wir noch ein Hühnchen zu rupfen. Aber nächstes mal stellen wir es schlauer an.

Handon lässt den Bogen fallen und bückt sich zu Ramir runter. Zu viert ist es echt eng hier drinnen, aber zumindest sind wir erstmal sicher. Trotzdem stinkt es unangenehm scharf nach Trudendreck und außerdem nach Blut. Ramir hat eine Menge davon verloren. Mal wieder. Ein Wunder, dass er noch nicht tot ist. Aber diesmal ist es anders als bei der Sache mit dem Mantikor. Wir haben Handon dabei und der versteht etwas von Wundbehandlung. Er bindet den Arm ab, zückt Nadel und Faden und vernäht die Arterie. Dann zieht er ein paar saubere Binden aus seinem Bündel und verbindet den Stumpf. „Die haben den Arm am Ellbogengelenk abgerissen. Mitsamt dem Kurzbogen.“ meint Handon. Wenn wir den Elfen und die Wunde stabilisieren müsste er sich eigentlich durch seine Heilmeditation selber komplett regenerieren können. „Kann der denn den Arm nachwachsen lassen?“ Frage ich interessiert. „Das werden wir jetzt herausfinden.“ meint Uvil in seinem Gelehrtenton. Für den ist das mal wieder ein guter Anlass um sein Wissen zu erweitern. Und wir lernen: Er kann es nicht! Zwar ist Ramir nach kurzer Zeit wieder so bei Kräften, dass er in seine Heilmeditation verfällt, aber der Arm wächst nicht nach. Dafür ist die schreckliche Wunde nach wenigen Stunden zugeheilt und rosige Elfenhaut hat sich über dem Stumpf gebildet.

Eins muss ich mal anmerken: Hühne liefert echt prompt. Mir hätten ja ein paar Finger der Schusshand gereicht, aber der macht keine halben Sachen und lässt direkt den ganzen Unterarm verschwinden. Man sollte es sich echt nicht mit meinem Gott verscherzen. Zumindest kann ein einarmiger Ramir jetzt mit dem Bogen kein Unheil mehr anrichten. Was rede ich da: Das ist Ramir! Der kann selbst mit nur einem Arm Unheil für drei anstellen.

Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich den Elfen ein bisschen schuldbewusst anstarre. Diese Einarmigkeit stört aber auch irgendwie meinen Ordnungssinn. Zwei Beine, ein Körper, ein Kopf, Zwei Augen, zwei Ohren, zwei Ar… ein Arm. Ich kann mir nicht helfen, aber es stört mich. Einarmig sieht Ramir ganz einfach asymmetrisch aus, finde ich. Falsch, schräg, chaotisch… Passt eigentlich zu ihm. Er war schon immer sehr schräg, selbst für einen Elfen. Eigenartigerweise scheint ihn der Verlust des Armes kaum zu belasten. „Will einer von Euch meine Bögen haben? Ich kann mit denen ja jetzt nichts mehr anfangen.“ Er sortiert gerade seine Ausrüstung aus, testet, wie er seine diversen Klingen nun am besten tragen muss, um sie schnell mit einer Hand zu ziehen. Der schnelle beidhändige Kampf geht ja nun nicht mehr. Schließlich ist er zufrieden, zückt seine Pfeife und beginnt sie geschickt mit einer Hand zu stopfen, so als hätte er es sein ganzes Leben lang nie anders gemacht. Der Kerl ist echt ein Phänomen. „Sobald ich endlich mal ein paar Tage Zeit in einer Schmiede verbringen kann, werde ich Dir einen künstlichen Arm und Uvil endlich einen Fuß anfertigen.“ sage ich, während ich in dem primitiven kleine Ofen des Wachraums ein kleines Feuer entzünde.  Insgeheim denke ich aber im Stillen, dass dann auch wieder vorerst Ordnung einkehrt und ich nicht immer von dieser Asymmetrie abgelenkt werde. Vielleicht kann ich ihn so konstruieren, dass man eine Klinge daran befestigen kann. Ramir entzündet seine Pfeife mithilfe eines brennenden Kienspahns aus dem Ofen, bläst eine Rauchwolke gen Decke und wirkt nachdenklich. „Mir geht es wieder gut. Wenn ihr wollt kann ich jetzt Wache halten und ihr ruht euch aus.“

Irgendwie habe ich das Gefühl, das uns anderen der Verlust des Arms näher geht als dem Elfen selbst. Ich kann auf alle Fälle nicht schlafen. Nervös sortiere ich die restlichen Pfeile aus Ramirs Köcher nach Befiederungsfarben. Eine Hälfte wandert in meinen Hüftköcher, die andere reiche ich Handon. Auch er fixiert den Elfen genau, versucht sein Verhalten einzuordnen. Uvil lächelt still in sich hinein und versucht es sich in einer Ecke des engen Raumes bequem zu machen. Wir schweigen alle… finde ich irgendwie unangenehm. Also zücke ich auch meine lange Pfeife, stopfe sie mit Tabak, entzünde sie mit einem brennenden Holzspahn und inhaliere den würzigen Tabakrauch. Sofort überkommen mich Erinnerungen an bessere Zeiten, an brennende Essen in den Schmieden zu Hause, an den Lärm von Metall auf Metall und den Geruch von glühendem Eisen und Schweiß. Ich seufze wohlig und greife nach meinem Schild um ihn endlich von dem ekligen Harpyendreck zu befreien. Das weiße Zeug hat bereits eine Kruste auf dem schwarzen Lack gebildet. Das Wappen meines Clans ist kaum noch zu erkennen. Mit dem Messer kratze ich den Dreck bestmöglich runter, aber ich werde die schwarze Bemalung auf alle Fälle erneuern müssen. Ich bin ja immer wieder erstaunt, dass die Menschen mit unseren vielen unterschiedlichen Schwarztönen ein Problem haben. Für sie ist Schwarz einfach nur schwarz. Die große Vielfalt von Schwarz-Nuancen ist ihnen völlig fremd, genauso wie die vielen unterschiedlichen Grautöne, die mein Volk kennt: Nachtschwarz, Schachtschwarz, Schieferschwarz, Tiefschwarz, Tiefstetiefenschwarz, Obsidianschwarz, Glanzschwarz, Dunkelschwarz, Hellschwarz, Lichtschwarz… oder Granitgrau, Steingrau, Staubgrau, Stahlgrau usw.

Ich habe in der letzten Zeit Stunden damit zugebracht Uvil die Feinheiten unserer Heraldik zu erklären: Mein Wappenrock und mein Schild zeigen auf einem matten Tiefstetiefenschwarz drei glanzschwarze Sparren. Das Wappen der Wache der dritten Tiefe. Wo hingegen das Wappen der Schachtfeger-Zunft vier Tiefstetiefenschwarze Sparren auf glanzschwarzem Grund zeigt. Jeder Zwerg erkennt sofort den Unterschied. Für Uvil ist mein Schild einfach schwarz! Ich befürchte, er ist schlichtweg schwarzblind. Diese Sehbehinderung kommt bei Menschen ja häufig vor. Ich kann nur hoffen, dass er niemals in irgendwelche zwergischen Clankonflikte verwickelt wird. Wie soll er da unseren Clan von einem gegnerischen unterscheiden…

Was ich allerdings in meiner Zeit an der Oberfläche erkannt habe, ist das hier die Farbe Grün allgegenwärtig ist. Alle Pflanzen sind irgendwie auf die eine oder andere Art Grün. Tannengrün ist irgendwie anders als Birkengrün oder Grasgrün. Am Anfang hat es mich echt in den Augen geschmerzt und mein Geist war damit einfach überfordert. Bei uns in den Höhlen und Stollen sieht man fast nie irgend etwas Grünes. Und wenn doch, dann ist es nicht unbedingt erfreulich. Z.B. grüner Schimmel oder Giftgas… deshalb verbinden wir damit auch nichts positives, sondern in erster Linie Dinge, die man besser nicht mehr essen sollte.

Aber die Menschen sagen zum Beispiel „Grün ist die Hoffnung“. Den Spruch hab ich letztens noch im Schankraum auf Turm Ohlse gehört. Sie erfreuen sich an grünen Wiesen oder Wäldern. Grün ist für sie eine fröhliche Farbe, die das Leben symbolisiert. Sollte ihnen also wichtig sein.

Aber wenn ich Uvil frage, wieviele Grüntöne ihm bekannt sind, dann schaut der mich nur irritiert an und kann mir keine Zahl nennen. Ich könnt ihm jederzeit alle der 121 dokumentierten Schwarztöne aufzählen. Auch wenn ich selber bisher nur 76 davon wirklich gesehen habe. Die Menschen sind irgendwie ganz schön „oberflächlich“, finde ich.

Endlich habe ich den letzten Rest Harpyenscheiße vom Schild gekratzt. Ich wische nochmal mit etwas von dem Kräuteralkohol drüber… besser bekomme ich es jetzt nicht mehr hin. Den restlichen Schnapps kippe ich mir hinter die Binde. Ein letzter Blick zu den Anderen: Uvil und Handon schlafen. Handon schnarcht laut vor sich hin. Ich bin auch müde und meine Arme schmerzen noch von der Kletterpartie draußen am Tor. Ich blicke zu Ramir, der immer noch aufmerksam durch die Schießscharte starrt. Wenigstens habe ich noch Arme, die schmerzen können, denk ich und dann bin auch ich eingeschlafen…