Uvils Erinnerungen 20
Mittelfinger im gleißenden Blau
Strahlend blauer Himmel. Windstille. Paar Schäfchenwolken am Himmel.
In der Ferne. Auf der Klippe. Turm Olse.
Olses Mittelfinger bohrt sich heute mitten ins azurblaue Idyll.
Wir sind müde. Schlurfen auf den Turm zu. Der wird umso schwärzer, je näher wir kommen.
Ramir in sich gekehrt. Seit Tagen. Schweigt.
Umso gesprächiger Bullwai. Der Zwerg weicht mir nicht von der Seite. Trägt sogar meine Ausrüstung. Zusätzlich zu seiner eigenen.
Ich sage, wo sind denn die verdammten Krähen. Die plärren doch sonst immer hier rum.
Nach und nach erkennen wir die Palisade auf der Klippe. Die Schornsteine dahinter. Die kleinen überdachten Wehrplattformen. Die Silhouetten der Wachleute.
Und dann, als wir noch näher kommen, Handon. Neben Arren. Auf seinen Schild gestützt. Im Torbogen.
Handon zeigt auf uns.
Wir schlurfen weiter auf die Feste zu.
Irgendwann weicht das rhythmische Schmatzen von Schlamm, der rechts und links unter unseren Fußsohlen rausquillt dem Knarzen der Holzbohlen, die die hölzerne Brücke zumindest begehbar machen.
Burg Olse! Hort von Sicherheit und Frieden inmitten öder Wildnis. Einkehr und Rastplatz. Hier schmieden wir unsere Pläne. Schöpfen Kraft für die vor uns liegenden Abenteuer.
Willkommen, Männer, sagt Arren. Ich werde Olse berichten, dass ihr endlich da seid.
Verdammte Scheiße, sage ich, was soll das denn – endlich da.
Handon grinst in sich hinein.
Arren sagt, sobald ihr eingetroffen seid, will Olse ein Festmahl ausrichten. Nur lasst ihr schon seit Tagen auf euch warten. Aber jetzt seid ihr ja da. Jetzt können die Vorbereitungen ja endlich beginnen.
Er wendet sich um und humpelt über den Burghof. Zieht sich die Stiege zum Turm hinauf. Öffnet die Pforte. Rempelt die Tür auf. Wir sehen seine Silhoutte gegen das Dunkel des Innenraums.
Die Tür schlägt zu.
Ihr seht scheiße aus, sagt Handon. Wilkommen auf Burg Olse.
Hi erstmal, knurrt Quro.
Und wie kommt sowas zustande. Handon zeigt auf unseren beschissenen Zustand.
Nichts Besonderes, sagt Bullwai, wären nur fast ein Haufen Drachenscheiße geworden.
Drachenscheiße, sagt Handon, hört sich ja wild an. Müsst ihr mir bei Gelegenheit mal erzählen.
Lasst schon reingehen, sage ich.
Mir ist das alles total peinlich. Die Geschichte mit dem scheiß Mantikor und dem dämlichen Drachen. Diese ganzen Dummheiten. Diese lebensgefährliche und völlig sinnlose Scheiße. Wäre uns alles nie passiert, hätten die anderen Spinner einfach mal auf mich gehört.
Lasst reingehen jetzt, sage ich. Reden können wir später.
Das erste Bier seit Ewigkeiten
Wir schlurfen über den Hof in Richtung des Häuschens, das wir bei unserem letzten Aufenthalt bezogen hatten.
Jarmusch und Beltrog kommen angerannt. Scheinen es eilig zu haben, uns zu erreichen.
Bullwai vom Clan der Eisenmeute, ruft Jarmusch. Er winkt. Wir möchten doch bitte mal kurz stehen bleiben.
Wir bleiben stehen. Die Zwerge schwirren auf ihren kurzen Beinchen heran.
Und, sagt Beltrog. Hast du das Rezept von dem Sonnenbier.
Des Sonnenbieres, sage ich. Interessiert aber wieder keinen von den Pennern.
Sie haken Bullwai rechts und links unter. Zerren ihn runter in ihren Keller.
Er verschwindet mit ihnen die Stiege runter.
He, sage ich. Mein Gepäck. Von den Zwergen ist keine Spur mehr zu sehen.
Wir folgen ihnen ins Lager.
Wir kommen die Kellertreppe runter.
Beltrog reißt bereits einen wurmstichigen Hängeschrank auf. Holt zwei Handvoll Humpen raus. So Leute! Jetzt geht´s an die Verkostung. Macht euch mal auf was wirklich Gutes gefasst.
Jarmusch reißt den Bierhahn auf. Lässt einen dicken Strahl honiggelbes Bier in die Humpen schmatzen.
Wir holen uns die Humpen direkt vom Fass ab.
Jarmusch versorgt einen nach dem anderen.
Ich setze den Humpen an. Ziehe einen Schluck. Schon leer.
Was ist das denn, sage ich.
Ja. Viel zu klein, sagt Ramir, die Scheißdinger.
Zwergenhumpen.
Wir geben die Humpen zurück. Lachen. Reklamieren. Da muss aber viel mehr rein. Aber schnell.
Jarmusch lacht. Zapft.
Genau das hab ich mir von euch erwartet, sagt er. Wer will noch was. Nur her mit den Krügen.
Wir werfen unseren Krempel in die Ecke und machen es uns auf den Säcken bequem.
Gut kühl, das Bier, sagt Quro. Tut echt gut.
Auf unsere mutigen Abenteurer, sagt Beltrog. Er hebt seinen Krug. Wir tun es ihm nach.
Erzählt doch mal, was ihr so erlebt hab. Hier auf der Burg können wir alle kaum erwarten, endlich eure Geschichte zu hören.
Ja, genau, sagt Jarmusch, wie war sie denn so, die Knochenmühle.
Scheiße, sagt Ramir.
Trinkt sein Bier aus.
Reicht Jarmusch schweigend seinen Krug.
Sagt dann nix mehr.
Jarmusch zieht die Braue hoch.
Wartet.
Ja. Und was jetzt weiter, sagt er.
Schmutzig, sagt Bullwai, widerlich.
Stellt seinen Bierkrug ab.
Lehnt sich zurück.
Schließt die Augen.
Döst ein bisschen.
Stille im Raum. Es droht peinlich zu werden.
OK, sagt Beltrog.
Na dann…
Also OK…
Die Zwerge schauen betreten vor sich hin. Haben sich wohl mehr erwartet.
Ist mir aber auch scheißegal.
Handon seufzt. Gibt sich einen Ruck.
Na meinetwegen. Aber dann brauch ich erst noch ein Bier.
Handon nimmt das frisch gezapfte Bier entgegen. Betrachtet lange den kleinen Schaumtropfen, der über den Rand und dann außen am Krug hinabrinnt. Fängt ihn schließlich mit dem Zeigefinger auf. Betrachtet den Tropfen auf seiner Haut. Dreht den Finger mit dem Tropfen hin und her. Beobachtet, wie er sich verhält.
Wischt ihn schließlich am Mehlsack ab.
Dann setzt er den Krug an. Zieht ihn in einem Schluck leer. Rülpst lange und laut. Reicht Jarmusch den leeren Krug.
Noch eins, sagt Handon.
Während Jarmusch zapft, fängt Handon an. Er erzählt von seiner Intrige und den Frettchen. Er fasst sich aber kurz. Wir werden den Scheiß sowieso noch oft genug erzählen müssen.
Die Zwerge hören zu. Mund offen. Der Krug in Jarmuschs Hand sinkt immer tiefer. Schließlich läuft das Bier auf den Boden. Der Zwerg merkt nichts. Völlig weg vom Fenster.
Als Handon fertig ist, Stille.
Beltrog schüttelt den Kopf. Unfassbar, sagt er. Was ihr da alles erlebt habt.
Wahnsinn, sagt Jarmusch.
Oben geht die Tür.
Beltrog. Jarmusch. ruft eine Männerstimme.
Wir hören Schritte auf der Holztreppe. Ungleichmäßig.
Sehen Stiefel runterkommen. Hinkend. Dann Beine. Dann ein Körper.
Arren neigt seinen Kopf zur Seite. Um unter dem Türsturz durchzupassen.
Er klopft mit dem Fingerknöchel gegen den Deckenbalken.
Haho. Jemand zuhause.
Lächelt uns an.
Wir. Lümmelnd auf den Mehlsäcken. Süffeln unser Bier.
Auch ein Bier, oder, sagt Jarmusch.
Danke nein. Nur kurz Bescheid. Olse gibt heute Abend sein großes Bankett. Einen von Mellmanns Ochsen schlachten und so. Die anderen bauen gerade im Turmsaal die Feuergrube auf.
Ihr beiden Zwetschgen könntet da gleich mal paar Fass Bier reinrollen.
Und ihr Drecksäcke, Arren schaut uns an. Wenn ihr schon auf den Mehlsäcken rumlümmeln müsst. Dann zieht euch wenigstens vorher was frisches an. Macht sich auch besser beim Bankett. Wenn ihr nachher nicht so stinkt.
Er wedelt mit der Hand vor der Nase. Hinkt dann mit schnellen Schritten die Treppe wieder hoch.
Die beiden Zwerge springen auf. Stellen die Humpen weg. Schlagen sich gegenseitig Mehlstaub vom Hintern.
Rollen paar Fässer zur Rampe. Hämmern den Riegel zur Seite. Quietscht eingerostet, das Scheißding. Öffnen die Luke. Machen sich dran, die Fässer über die Rampe nach oben zu rollen.
Wir packen unseren Kram. Machen uns auf den Weg zu unserem Haus.
Abenteuer im Hause
Auf dem Hof reger Betrieb. Ich stoße fast mit einem Karren zusammen. Fährt Holz vom Lager zum Turm.
Die Schmiede liegt verlassen in der Ecke. Scheint immer noch niemand übernommen zu haben.
Der nächste Karren rumpelt vorüber. Darauf der Ochse. Ich schaue direkt in seine geöffnete Leibeshöhle. Wohlig dampfende Körperwärme. Der elektrisierende Geruch von Blut. Sonst alles leer da drin. Hinten im Dunklen schimmern paar Rippen. Und eine rostige Eisenstange. Vom Hals bis zum Arsch einmal quer durch.
Der Wagen rattert weiter. Über das Pflaster. Die Eisenstange ragt hinten mindestens eine Armeslänge weit aus dem Arschloch des Ochsen. Ihre Spitze vibriert heftig unter den Erschütterungen des rollenden Karrens. Dann gibt der vorbeirumpelnde Kadaver den Blick auf den Fetten Kelch frei.
Die kleine Taverne drückt sich an den Fuß des Turms. Irma, die Wirtin, humpelt mit Terrinen zwischen Kneipe und Turm hin und her. Redet unablässig mit sich selbst. Oder vielleicht sabbert sie auch nur. Weiß man nicht so genau. Ist ja auch schon alt.
Der Ochse mit der vibrierenden Stange im Arsch erreicht den Turm. Keine Ahnung, wie die Typen den die Treppe hochschaffen wollen.
Ist mir aber auch gerade scheißegal. Wir betreten unser Haus.
Ich bringe meinen Krempel auf mein Zimmer. Tut gut, mal wieder eine aufgeräumte Bude zu sehen.
Bullwai und Ramir gehen gleich nochmal zu den Zwergen. Klamotten kaufen. Waschen lohnt sich bei unseren Lumpen sowieso nicht.
Auf dem Rückweg von den Zwergen hat Ramir eine Vision der Ruine. Diese Ruine, die er in der Vision mit dem Drachen gesucht hat. Wetterstein vermutlich.
Ramir kann kaum warten, endlich Handon davon zu erzählen. Uns dagegen hat er noch kein einziges Wort verraten. Der Arsch.
In unseren Zimmern stehen plötzlich Bottiche mit warmem Wasser. Riechen nach irgendwelchem pflanzlichen Zeug. Bestimmt unglaublich gesund. Eins muss man dem Olse lassen. Der ist echt auf Zack. Oder wahrscheinlich eher der Arren. Aber egal. Irgendwer ist hier definitiv echt auf Zack.
Wir waschen uns. Jeder in seinem eigenen Zimmer. Endlich wieder Privatsphäre. Frisch machen. Seife. Kämmen. Eine Wohltat.
Neuer Mantel. Schwarz. Frisch gestärkte Kapuze. Sitzt gut. Lässt sich schön tief ins Gesicht ziehen. Sehr düsterer Gesamteindruck. Die einzelne Haarsträhne, die aus dem Schatten hervorleuchtet. Gefällt mir alles sehr gut.
Dann treffen wir uns zur Lagebesprechung im Gemeinschaftsraum.
Der Gemeinschaftsraum ist im Erdgeschoss. Eigentlich ganz schön. Große Fenster. Bequeme Sitzgelegenheiten.
Als wir runter kommen, sitzt Ramir bereits auf dem Fußboden in der Ecke und starrt vor sich hin. Ist schon komisch geworden, in letzter Zeit, der Ramir, sage ich.
Wir anderen lassen uns entspannt in unsere gemütliche Sitzgruppe fallen und erzählen von unseren Abenteuern.
Bullwai berichtet von unserer Flucht über den Fluss, über die Ruinenstadt, den Mantikor und die Schlacht am Waldrand.
Handon hört sich alles an. Nickt mehrmals anerkennend. Stellt die eine oder andere Zwischenfrage. Gibt sich alles in allem sehr interessiert.
Schließlich kommt Bullwai zu der Geschichte mit dem Drachen.
Ein Drache, sagt Bullwai, ein Drache so groß wie ein Haus.
Er hopst in die Luft. Klatscht über seinem Kopf in die Hände, um zu zeigen, WIE groß.
Sooo groß, sagt Bullwai. Sooo groß war der Drache.
Nee, sagt Quro. Deutlich größer.
Ich muss grinsen.
Bullwai hält abrupt inne.
Fixiert Quro durchdringend.
Runzelt die Stirn.
Strafft die Schultern.
Lauert.
Was genau meinst du damit, Quro, sagt er.
Drohung in der Stimme.
Quro zuckt die Schultern. Na größer halt. Der Drache war deutlich größer als ein Haus.
Vielleicht ja alles nur eine Frage der Perspektive. Aber… Ich finde, er war größer als ein Haus.
Bullwais Gesichtszüge arbeiten einige Sekunden.
Dann hellt sich seine Mine auf.
Ah. So meinst du das.
Stimmt. Er war größer. Viel größer war er. Und durchgekaut und verdaut hätte der uns fast. Aber das soll lieber Ramir erzählen.
Er schaut sich im Raum um.
Ramir sitzt schweigend in der Ecke und betrachtet den Fußboden.
Ich sage, he Ramir, sag doch auch mal was.
Ramir rührt sich nicht.
Ich stehe auf. Gehe zu ihm rüber.
Ramir, sage ich.
Ramir starrt auf den Fußboden.
Ich tippe seine Schulter kurz mit der Fußsohle an.
Ramir pendelt leicht hin und her.
Mehr tut er nicht.
Komischer Kauz ist das, sage ich.
Naja, egal, sagt Bullwai, dann erzähl ich das halt.
Der Drache wollte uns auf jeden Fall fressen. Wir hatten absolut keine Chance.
Aber dann hat Ufil sich vor dem Ungetüm aufgebaut. Er hat es ganz einfach gestoppt. Der Drache wurde auf einmal lammfromm.
Und dann Ufil hat mit ihm über Ramirs Verwundung gesprochen. Und dass Ramir vielleicht grad mal bisschen Hilfe ganz gut brauchen könnte.
Dann haben die diskutiert und überlegt, was man da in so nem Fall machen könnte, und wie man das vielleicht am besten angeht.
Der Drachen war plötzlich total freundlich. Ich dachte, gleich erzählen die sich noch Witze und spielen Karten oder sowas.
Vor allem war der auch total nett zu Ramir.
Offensichtlich hat unser Magier die richtigen Worte gefunden. Ein gutes Wort eingelegt und so.
Auf jeden Fall ging das dann alles ganz entspannt.
Der Drache heilt Ramirs Wunde. Die schließt sich ruckzuck. Schneller, als man gucken kann.
Man sagt zueinander, alles klar und so, war schön, und man sieht sich.
Und dann fliegt der Drache einfach so weg.
Und das war`s.
Aber das war alles echt haarscharf. Es stand wirklich auf Messers Schneide.
Draußen frischt der Wind auf.
Die hölzernen Balken knarren.
Handons Augenbrauen hängen irgendwo weit oben im Haaransatz. Der kriegt sie gar nicht mehr runter.
Na gut, sagt er. Nachher in der Halle werden wir der versammelten Runde von unseren Abenteuern erzählen müssen. Wir sollten uns gut überlegen, was wir da erzählen. Und was lieber nicht. Besonders unsere Abenteuer in der Knochenmühle sind nicht ohne Fußangeln, sagt Handon.
Wir vereinbaren, folgendes zu erzählen:
Zwei Blöcke in der Knochenmühle. Sie intrigieren gegeneinander. Wir sind da in die Querelen rein geraten. Nutznießer und Opfer zugleich.
Aber wir das clever ausgenutzt. Wir die Frettchen aus der Burg gelockt. Handon hatte so freie Hand und konnte Undar klar machen.
Mit Yawims Tod haben wir natürlich nichts zu tun. Klar, wir haben ihn besucht. Hat uns auch das Rezept gegeben. Bisschen Rumgestreite war schon nötig. Logisch. Bei so ´m Drecksack. Aber getötet. Also wirklich nicht. Nein. Wieso denn auch.
Das mit dem Rostbruder hatten wir selbst auch nur gehört. Haben wir auch wirklich keine Ahnung, wer auf so ne bescheuerte Idee kommen könnte.
Handon hebt den Finger.
Die Augenbrauen rutschen wieder unter den Haaransatz.
Wir dürfen vor allem das grausame Schicksal Hohlheims nicht vergessen. Wir müssen das dem Olse sehr deutlich kommunizieren, was da für ein Massaker abgelaufen ist. Das darf nicht unter den Tisch fallen.
Wir nicken alle. Da hast du Recht, Handon. Da hast du aber wirklich Recht.
Könnte ja sein, dass der Arren das dem Olse schon selbst erzählt hat, denke ich, aber naja. Egal.
Wir übrigen vier können dann im Anschluss ganz entspannt von der Verfolgungsjagd berichten. Die Frettchen. Zwanzig Gegner am Waldrand. Der Mantikor. Der Drachen.
Das Bankett – Runde 1
Wir machen uns fertig. Zum Turm.
Vor dem Fenster wird es mit einem Schlag stockdunkel. Fast so, als hätte jemand die Lampe ausgedreht.
Schwere Regentropfen klatschen gegen die Fensterscheiben.
Was ein Scheißwetter, sagt Bullwai.
Klar. Sowas kennt der von unter der Erde nicht. Die kennen nur schimmelnde Höhlendecken.
Wir treten vor die Tür.
Regen.
Schräg gegenüber klappt die Tür des Fetten Kelch auf und zu. Paar Männer stürmen raus. Zerren die scheiß Tür mit vereinter Kraft wieder zu.
Von innen kracht der Riegel.
Plötzlich gleißende Helligkeit. Kurzer Augenblick. Dann unerhörter Donnerschlag. Gebäude beben. Die Luft knistert. Vibriert.
Auf dem Hof Leute und Zwerge. Mantelkrägen über die Köpfe gezogen. Rennen Richtung Turm.
Wir tun es ihnen gleich.
Springen über Pfützen. Wasser spritzt von den Stiefeln.
Vor uns paar Bewaffnete – ohne Rüstung.
Wir erreichen die Treppe. Hetzen die Stufen hoch. Reißen die Pforte auf.
Der Große Saal.
Dunkel.
Die Augen brauchen ein bisschen, sich daran zu gewöhnen.
Dann langsam Kerzenlicht. Tische mit Tischtuch. Gestellt wie ein Hufeisen.
In der Mitte Steine ausgehoben. Sandkuhle. Über dem Feuer der Ochse.
Der Stab, der auf dem Hof noch in seinem Arschloch vibriert hat, ruht jetzt sanft in einer schmiedeeisernen Halterung. Als gefettete Achse, die sich geruhsam um sich selbst dreht. Und der Leichnam daran dreht sich majestätisch mit.
Ich bleibe kurz stehen. Meditiere über den tieferen Sinn des Geschauten. Solche Zusammenhänge faszinieren mich ja ungemein.
Uns gegenüber, vor Kopf des Banketts steht Olse. Bärenfell über den Schultern. Die eiserne Maske auf dem Gesicht. Stützt sich auf sein Richtschwert.
An den Tischen Gäste. Hier und da noch paar Plätze frei.
Rechts neben Olse einer.
Links neben Olse zwei leere Plätze. Zwischen Arren und Zenkil.
Ganz vorne links zwei Typen. Vielleicht Jäger. Sehen so aus. Der letzte Platz am Tischende ist frei.
Rechts ein freier Platz zwischen einem Wachmann und einer verhüllten Frau mit so einem gestickten Kapuzenmantel.
Arren steht auf. Begrüßt uns.
Liebe Freunde. Setzt euch doch.
Handon setzt sich direkt zur Rechten Olses. Kein Kind von Bescheidenheit, dieser Handon. Aber kann ja auch gut labern.
Zwischen Arren und Zenkil setzen sich Bullwai und Ramir.
Quro sucht den Platz am Ende der Tafel aus. Neben diesen beiden Jägertypen. Sehr gut für ihn. Muss er nicht so viel Smalltalk. Ganz praktisch, wenn man ja auch eigentlich nur ein Hund ist.
Bleibt für mich die Kapuzenfrau. Bietet sich irgendwie an.
Ich sehe, wie Quro sich setzt. Zu den beiden jungen Männern in Wollkleidung. Dolche mit Hirschhorngriff. Scheinen tatsächlich irgendwie Jäger zu sein.
Ein Wolfsmensch, sagen die vermutlichen Jäger. Setzt Euch doch bitte. Wir schätzen Eure Art ja sehr.
In Wahrheit wirken sie ziemlich angespannt. Schweißtropfen auf der Stirn. Aber was sollen sie schon groß einwenden.
Olse steht immer noch am Kopfende. Das Schwert vor sich. Die Eisenmaske im Gesicht. Wie eine Statue.
Obendrüber im Gebälk knackt Holz. Das Feuer knistert. Die geöffnete Leibeshöhle des Ochsen gleitet sanft an meinem Blickfeld vorüber und rotiert dann langsam weiter. Wendet sich der anderen Seite des Saales zu. An seinen gehäuteten Flanken trieft Fett herab. Zischt in der Glut.
Olse bewegt sich plötzlich. Greift sich ins Gesicht. Nimmt die Maske ab. Seine Augen müde.
Er lehnt den großen Zweihänder an die Stuhllehne. Breitet die Arme aus.
Ein herzliches Willkommen den Helden, die uns schon einmal gerettet haben, sagt er.
Da wäre einmal Bullwai. Er weist mit der flachen Hand auf Bullwai. Bullwai, der Held aus den Steingärten vom Ehrenhaften Clan der Caniden. Wächter der Eisenmeute.
Dort drüben, am anderen Ende des Tisches, aber dennoch unserem Herzen nicht weniger nah: Quro. Der wilde Jäger aus den weiten Wäldern des Leichentuchs.
Zur Linken. Ramir der kühne Elb. Ein wagemutiger und geschickter Streiter für Gerechtigkeit.
Und dort. Handon. Seinem herausragenden Verhandlungsgeschick verdanken wir Arrens Leben. Mehr muss ich dazu nicht sagen. Olse neigt den Kopf leicht in Handons Richtung.
Dann dort. Yfel, mein Schüler. Ein kluger Kopf, der noch eine große Zukunft als Magier vor sich hat.
Und nicht zuletzt Nirvela. Meine gute, alte Freundin, die meine Söhne mit auf die Welt gebracht hat.
Und nun, meine lieben Gäste! Esst! Trinkt! Was das Zeug hält. Und vor allem. Lasst uns heute Abend fröhlich sein und alle Sorgen vergessen. Und nun wollen wir trinken. Auf unser aller Wohl.
Er hebt den Becher. Alle tun es ihm gleich.
Er stürzt den Inhalt und lässt sich in sein thronartiges Sitzmöbel fallen.
Bullwai neigt sich zu Arren. Er raunt. Nur falls eine winzigkleine Frage gestattet wäre.
Arren lächelt huldvoll. Eine Frage. Aber natürlich mein lieber Bullwai. Ich bitte sogar darum.
Ich wollte nur fragen, Bullwai kratzt sich am Nasenrücken, wollte ich also fragen. Also. Ist eigentlich das Zugtor oben.
Arren hebt eine Braue. Das Zugtor.
N… ja. Das Zugtor. Bullwai wiegt verlegen den Kopf.
Ich bitte dich, Bullwai. Natürlich ist das Zugtor oben. Wir lassen das Zugtor nie unbewacht.
Ah, verstehe, sagt Bullwai. Hätte ich mir eigentlich auch selbst denken können. Tut mir leid. Alte Angewohnheit als Wächter.
Überhaupt kein Problem, sagt Arren und wendet sich einem anderen Gesprächspartner zu.
Währenddessen läuft Irma hinter den Reihen der Gäste entlang. Einige sind mit ihrem Teller bereits auf dem Weg zum Ochsen.
Irma versucht trotzdem hartnäckig, jedem noch Sitzenden eine Portion Weißfisch aufzudrängen.
Irma wirkt verzweifelt. Sie tut mir ein bisschen leid.
Ich betrachte die Kapuzenfrau zu meiner Seite.
Scheint ein Mensch zu sein. Nicht mehr die Jüngste. Hände kräftig. Aber nicht durch Arbeit. Unter der Kapuze lugen dunkle, intelligente Augen hervor. Krähenfüßchen. Lassen auf guten Humor schließen.
Ich fühle nach ihrer Aura. Ob sie Magie beherrscht.
Dachte ich mir doch. Sie ist Heilerin. Druidin. Irgend sowas.
Im selben Augenblick, in dem ich ihre Magie erspüre, sehe ich einen gewaltigen Raben auf mich zurasen. Er breitet direkt vor mir die Flügel aus. Kreischt mich an.
Nur eine Vision. Ich schüttele verwirrt den Kopf.
Die Frau hat den Kopf gewandt. Mustert mich.
Ich tue so, als würde ich sie gerade erst bemerken. Lächele sie möglichst entspannt an. Soll ja nicht glauben, sie hätte mich irgendwie erschreckt oder so, die Alte.
Und, fragt sie. Wie war es in der Knochenmühle.
Keine Ahnung, wer diese Frau ist. Und was sie von mir will.
Ja, sage ich. War ganz interessant.
Ihr müsst mir gleich unbedingt mehr davon erzählen. Sie nimmt ihren Teller und geht Fleisch holen.
Mein Blick folgt ihr. Dann bleibt er bei Ramir und Bullwai hängen.
Zenkil zeigt gerade interessiert auf Ramirs Bauch. Ramir nickt mit gespielt schmerzverzerrtem Gesicht. Er deutet mit aneinandergelegten Fingerspitzen die Größe des Loches in seiner Seite an und sagt etwas zu Zenkil.
Zenkil bückt sich. Entblößt seinen Beinstumpf. Bullwai und Ramir recken ihre Köpfe, um den Stumpf unter dem Tisch sehen zu können.
Autsch, sagt Ramir. Ich sehe es an seiner Lippenbewegung. Ich glaube ihn aber auch ein bisschen hören zu können.
Euer Volk erholt sich wirklich schnell, sagt Zenkil. Wachsen abgetrennte …. eigentlich nach. Gesprächsfetzen, die ich über das allgemeine Gemurmel erhaschen kann.
Bullwai nickt eifrig. Ich glaube schon, sagt er. Doch, doch. Ich denke ja. Also ganz sicher wachsen die bei Elben nach. Völlig definitiv.
Er nickt nachdrücklich und führt sich mit der Messerspitze ein Stück Fleisch zum Mund.
Olse schlägt mit dem Schwertknauf gegen seinen kupfernen Kelch. Die Gespräche ringsum ebben ab.
Wir freuen uns über dieses schöne Fest, sagt Olse. Möge Handon uns nun von seinen Abenteuern erzählen. Und möge er laut sprechen, damit wir alle etwas davon haben.
Handon erhebt sich.
Alle lassen ihr Besteck auf die Teller sinken. Setzen Kelche und Becher ab.
Handon räuspert sich.
Er blickt sich in der Runde um. Es wird unwirklich still im Saal.
Nur das Knallen der Kohlen und das Zischen von Fett ist zu hören.
Alle Blicke sind auf Handon geheftet.
Dann beginnt er zu erzählen.
Vielleicht ist erzählen nicht ganz das richtige Wort.
Handon zieht vielmehr wie eine richtige Show ab. Er spielt mit seiner Stimme. Säuselt. Befragt das Publikum nach seiner Meinung zu diesem oder jenem. Lässt sie raten, was wohl als nächstes passiert sein könnte. Spricht mit Händen und Füßen. Mit seinen Blicken. Flüstert. Brüllt mit donnernder Stimme. Zieht alle Register.
Er läuft im Saal auf und ab. Stellt sich, während er erzählt, hinter die betroffenen Personen unserer Gruppe.
Fuchtelt mit den Armen, als erlege er höchstselbst ein zum Tode verurteiltes Frettchen mit dem Säbel.
Dabei nimmt er niemals Misellas Namen in den Mund. Er spricht stets von der ´Anführerin´ der Frettchen.
Arren hält den Kopf vorgebeugt. Er lauscht gebannt den Ereignissen, die zu seiner Befreiung geführt haben.
Als Handon berichtet, wie er Undar fragt, ob man denn auf der Knochenmühle auch weiterhin noch länger zu leben gedenke, da man sich ja derartiges leiste, einen Mann wie Arren als Gefangenen zu halten, geht ein Raunen durch die Menge.
Handon muss eine kurze Kunstpause machen. Er genießt die Reaktion sichtlich.
Dann berichtet er Details zum Mord am Ferralen der Knochenmühle. Dass der Ablageort nicht dem Todesort entsprach. Wie er das natürlich höchstselbst deduziert habe. Und wie ´die Anführerin der Frettchen´ sich hingegen geweigert hatte, derartige Dinge auch nur in Betracht ziehen zu wollen.
Manch unschöne Dinge, deren ich mich lebhaft erinnere, fehlen in seinem Bericht. Stattdessen schmückt er unverfängliche Details maßlos aus.
Undars Unbehagen, als er seinen Fehler um Arrens Gefangennahme erkennt, und seine darauf folgenden inständigen Entschuldigungen walzt Handon gnadenlos auf die Länge mehrerer Bierkrugfüllungen aus.
… und wird mit donnerndem Klopfen seiner Zuhörer auf die Tischplatte belohnt.
Als Handon seinen Bericht schließt, erhebt sich Olse.
Er breitet beide Hände wie zum Segen aus.
Handon, ich danke dir für deinen wirklich begeisternden Bericht. Und nun werden wir bestimmt
auch noch die weiteren Abenteuern der anderen Helden hören.
Er schaut mich direkt an. Ich möchte im Boden versinken. Aus Angst, er könne mich auffordern, von unseren peinlichen Scheiß-Abenteuern zu erzählen.
Doch zuerst, sagt Olse, zuerst wollen wir uns stärken mit einer weiteren Runde Bier und Fleisch.
Das Bankett – Runde 2
Wir holen also Bier und noch mehr Fleisch.
Auf Nirvelas Teller Stapeln sich mehrere Stücke. Hingebungsvoll zerkleinert sie die Leichenteile und wendet sie in der Soße.
Ich unterdrücke mein übergroßes Verlangen, sie nach ihrer persönlichen Haltung zur Eisenstange im Arsch des Ochsen zu befragen.
Doch dann wendet sie sich mir zu.
Und wie haltet Ihr es eigentlich mit der Rostkirche, fragt sie.
Ich ringe einen spontanen Schweißausbruch nieder.
Ich weiß leider zu wenig darüber, sage ich schließlich. Der einzige Rostbruder, den ich etwas näher kenne ist Olse. Aber der ist ein guter Mann.
Und Ihr. Was ist Eure Meinung zu dem Thema, sage ich.
Ich halte es mit Olse, sagt sie und steckt sich ein Stück Fleisch in den Mund.
Ich schiele aus den Augenwinkeln zu der fetttriefenden Stange, auf der der Ochse sich über dem Feuer dreht.
Olse, sage ich. Sehr guter Mann. Auch ich schneide das Fleisch auf meinem Teller klein und tunke es in die Soße.
Vielleicht ein guter Mann, sagt sie. Zumindest teilweise.
Sie kaut. Und Ihr. Ihr seid sein Schüler, ja?
Ich stecke das Fleisch in den Mund.
Ja, das bin ich, sage ich. Ebenfalls kauend. Und ich bin sehr dankbar dafür, was ich alles von ihm lernen durfte.
Und Ihr. Woher kennt Ihr Olse? Er sagte, Ihr hättet seine Kinder zur Welt gebracht.
Ich folge ihrem Blick ins Dachgebälk. Direkt über uns sitzen einige Krähen. Sie trippeln auf den Balken hin und her und schnarren.
Ich tupfe mit der Serviette etwas Soße von meinem Mundwinkel.
Und das, sage ich. Sind das Eure Krähen.
Das sind Raben. Sie hebt eine Augenbraue. Wir befinden uns. In den Rabenlanden.
Oh ja natürlich. Das wollte ich eigentlich auch sagen. Aber ich kenne mich nicht so aus mit Vögeln. Und so. Wisst Ihr.
Sie starrt mich unverwandt an. Schließlich wendet sie sich ab und stößt die Messerspitze in ein weiteres Stück Fleisch.
Rost und Häma, sagt sie. Die sind totes Holz. Opfer. Verschwendung von Fleisch und Blut. Das ist alles, was sie können.
Sie sieht mich an. Aber Olse sagt, Ihr hättet Talent. Ihr könntet noch eine große Rolle spielen.
Sie steckt das Fleischstück in den Mund. Kaut, ohne den Blick von mir zu wenden.
Aber wenn ich Euch so anschaue. Sie blickt mehrmals an mir auf und ab. Dann weiß ich nicht so recht, was ich davon halten soll.
Sie greift nach ihrem Krug. Nimmt einen tiefen Zug.
Ihr seid jung. Naiv. Wenn ich Euch einen Rat geben darf. Entscheidet weise. Auf welche Seite Ihr Euch stellt.
Sie nimmt einen weiteren Zug und stellt den Krug ab.
Bullwai taucht vor mir auf. Er trägt einen Teller mit Essen. Klöße. Soße. Fleisch.
Hier, Ufil. Für dich. Darf ich dir noch was anderes bringen.
Ich schaue ihn verwirrt an.
Für mich. Klar. Warum nicht.
Bullwai dienert und wendet sich ab. Die Kapuzenfrau hält ihn am Arm fest.
Hört, werter Zwerg. Wenn sich die Raben gegen Häma und Rost erheben. Dann wird das ein neuer Bund sein.
Bullwai schaut sie verstört an. Irritation flackert in seinem Blick auf. Er nickt.
Neuer Bund. Ja. Gut. OK… also dann..
Mein Blick schweift ans Kopfende der Tafel. Dort spricht Handon lebhaft mit dem Wachmann zu seiner Seite. Einem gewissen Ulgrin. Ulgrin hat eine wirklich laute Stimme.
Ulgrin erzählt dröhnend von den beiden neuen Jagdbeauftragten. Waren ja auch nötig, die beiden Neuen. Der alte hatte ja auch wirklich Scheiße gebaut, ne. War ja auch ein Verräter, der alte Drecksack. Wollen wir ja auch nicht mal mehr den Namen von dem Scheißkerl in den Mund nehmen, nicht wahr, Handon.
Er zimmert Handon seine flache Hand ins Kreuz.
Auf jeden Fall die beiden neuen da. Er zeigt mit dem Bierhumpen in Richtung der beiden jungen Männer, die immer noch eingeschüchtert neben Quro sitzen. Also diese beiden jungen Männer. Wirklich tapfere Burschen. Die arbeiten sich da gerade so´n bisschen ein. Als offizielle Jagdbeauftragte sind die zwar noch n bisschen grün hinter den Ohren. Aber zu zweit werden die das ja wohl hinkriegen.
Klar, sagt Handon. Total.
Auf jeden Fall.
Einige Plätze weiter sitzt Zenkil.
Zenkil schaut elend drein.
Fast schon verheult. Er krallt seine Hand in Bullwais Bizeps.
Ich schaue mich verwirrt nach der Rabenfrau um. Hatte denn die nicht gerade Bullwais Bizeps in ihrer Hand. Offensichtlich ist es Bullwai gelungen, überraschend schnell die Fliege zu machen und völlig unbemerkt zurück auf seinen Platz zu flitschen.
Vor mir dampft noch sein Teller mit den Klößen.
Doch nun umkrallen bereits Zenkils Finger seinen Bizeps.
Bullwai kann es sich nicht verkneifen, mit seinem Oberarmgemächt zu protzen. Unter den rhythmischen Kontraktionen von Bullwais Muskelmassen scheinen Zenkils Finger pumpende Bewegungen auszuführen. Aber davon kriegt der Rotz und Wasser heulende Zenkil überhaupt nichts mit.
Vater will mich zu der Bergfestung da schicken.
Ich weiß. Ramir neigt sich über Bullwai hinweg und tätschelt Zenkils Kopf.
Und ihr sollt mich dabei begleiten.
Klar, sagen Bullwai und Ramir zugleich. Das haben wir ja schon alles besprochen.
Vielleicht wisst Ihr das ja noch nicht, sagt Zenkil. Aber da soll mein Bein verändert werden. So wie Vaters Bein.
Seine Stimme erzittert und bricht ab.
Zenkil lässt Bullwais Bizeps los. Das Gesicht kreidebleich. Greift nach seinem Krug und stürzt verzweifelt das Bier.
Ein paar zerplatzende Kohlen richten meine Aufmerksamkeit auf das Feuer und den langsam kleiner werdenden Ochsen. An vielen Stellen sind unter abgeschnitten Streifen von Fleisch bereits die Rippen zu sehen.
Schräg hinter dem Ochsen sitzt Quro. Er versucht ein Gespräch mit den beiden jungen Nachwuchsjägern.
Und ihr, sagt Quro. Was macht ihr eigentlich so.
Wir sind Jäger, sagen die Jäger.
Ich heiße Tilmo, sagt Tilmo. Und ich bin Jäger.
Ich heiße Pantor, sagt Pantor. Und ich bin auch Jäger.
Aha, sagt Quro, aber ich habe euch hier noch nie gesehen. Seid ihr noch nicht so lange auf der Burg hier, oder.
Das stimmt, sagt Pantor. Wir sind noch nicht so lange auf der Burg hier.
Ja, sagt Tilmo. Wir waren mit einer Abenteurergruppe nach Burg Wetterstein aufgebrochen. Das ist eine sagenumwobene Burg. Damals, als Algoroth sich Zygofer widersetzt hat…
Aber das war doch gar nicht die Frage, sagt Pantor. Algoroth. Zygofer. Der Herr hat dich doch etwas ganz anderes gefragt.
Die beiden jungen Männer schauen Quro verwirrt an.
Sie warten, bis Quro etwas tut oder sagt.
Quro runzelt die Stirn.
Na gut, sagt er schließlich. Ich habe natürlich auch schon von Wetterstein gehört. Gerüchte über Gerüchte. Da soll es diese sagenumwobenen Schätze geben. Der sagenhafte Stern von Stranengist und so. Klar. Wisst ihr sicher alles selbst. Aber erzählt weiter. Wie seid ihr dahin gekommen.
Genau, sagen die Jäger.
Genau, sagt Tilmo, wir sind also nach Burg Wetterstein aufgebrochen. Als Glücksritter. Schatzsucher. Abenteuer. Auf Burg Wetterstein soll es nämlich einen sagenumwobenen Schatz geben, müsst Ihr wissen…
Äh… ja, sagt Quro. Genau dasselbe habe ich doch gerade auch gesagt. Hört ihr mir nicht zu oder was.
… und außerdem den sagenhaften Stern von Stranengist, sagt Pantor.
Das Gespräch scheint Quro langsam unheimlich zu werden.
Vor Ort wurde unsere Gruppe bei Nacht von einem schrecklichen Monster angegriffen. Wir wurden von der Gruppe getrennt. Das ist kein Ort, den man jemals alleine betreten sollte. Er ist zu gefährlich. Aber ehrlich.
Verstehe, sagt Quro. Und warum seid ihr jetzt also auf Burg Olse.
Wir sind Jäger, sagt Tilmo. Wir jagen, was wir in der Umgebung finden. Außerdem Schutz. Hege. Pflege.
Ja. Wir fangen klein an, sagt Pantor. Das Handwerk ist uns ja noch nicht sehr vertraut. Wir stehen noch ganz am Anfang. Deshalb jagen wir im Augenblick zunächst vor allem Holz.
Richtig, sagt Tilmo. Unsere Haupttätigkeit besteht darin, dass wir Brennholz sammeln. Denn beim Brennholz sammeln geht es ähnlich wie beim Jagen um das Sammeln von Ressourcen. Natürlich läuft Brennholz nicht weg. Trotzdem es ist sogar noch wichtiger als Fleisch. Man braucht es, um damit zum Beispiel Feuer zu machen, damit kann man kochen oder sich wärmen. Holz findet man im Wald. Man sammelt es in sein Inventar und bringt es in sein Lager. Zur Weiterverarbeitung muss man es sägen, aufstapeln, …
Quro sieht sich verzweifelt im Dachgebälk um.
Er stößt langsam den Atem zwischen seinen Reißzähnen aus.
Dann fragt er. Ganz langsam. Noch einmal.
Warum. Seid ihr also nach Turm Olse gekommen. Warum.
Die beiden Jägerbuben beschreiben mit Handbewegungen den ungefähren Weg, den sie von Wetterstein gekommen sind.
Wir haben den Turm schon von weitem gesehen. Turm Olse ist sehr hoch. Man sieht ihn schon von weitem. Folge dem Weg und du kannst ihn gar nicht verfehlen.
Richtig. Und da haben wir uns gesagt. Heissa. Lasst uns unser Glück versuchen.
Richtig. Wir suchen ein aufregendes Abenteuer. Und hier werden wir es finden, wenn wir dabei nur klug vorgehen und die notwendigen Fertigkeiten erwerben und uns dabei kontinuierlich steigern. Für weitere Informationen klicke auf das rote Fragezeichen in der rechten unteren Ecke.
Quro betrachtet sie ungläubig. Seine Lefzen zucken unkontrolliert.
Ein langgezogenes Knurren dringt aus seiner Kehle.
Unter seinem Fell zucken Muskeln.
Dann reißt er sich zusammen. Klopft ihnen nacheinander auf die Schulter.
Gut Jungs. Is´n rauhes Klima hier. Aber ihr schafft das schon.
Er stürzt sein Bier und winkt den Schenk heran.
He Meister! Mehr Bier. Aber ganz schnell bitte.
Der Schenk eilt, den sichtlich angespannten Wolf mit erfrischenden Getränken zu besänftigen.
Die beiden NSCs zu Quros Seite starren derweil freundlich in die Glut. Heben in regelmäßigen Abständen ihren Bierkrug an den Mund.
Mein Blick schweift derweil zu Handon und Olse.
Handon dreht den leeren Bierkrug in seiner Hand hin und her. Er schaut nachdenklich vor sich hin.
Olse neben ihm. Mustert ihn.
Handon, mein Freund. Was bedrückt Euch. Auf dieser Feier sollte niemand so grimmig dreinschauen.
Handon schaut Olse an. Weist auf seinen Bierkrug. Dreht ihn mit der Öffnung nach unten.
Gestattet ihr, dass ich noch schnell die Luft aus dem Krug leere. Dann sollten wir über ein paar Dinge sprechen.
Nur zu, sagt Olse. Aber dann bringt mir wenigstens auch eins mit.
Handon holt Bier für beide.
Als er zurückkehrt, nimmt Olse den Krug schweigend entgegen. Er betrachtet Handon.
Handon trinkt einen Zug.
In der Knochenmühle, sagt er schließlich und wischt sich den Schaum von der Oberlippe, in der Knochenmühle ist mir eins sehr bewusst geworden.
Er schaut Olse in die Augen. Listige Augen.
Kann ich offen und ehrlich sprechen, sagt er.
Olses Augen lachen.
Euren Manipulationsversuch nehme ich wohl wahr, sagt Olse. Der wäre aber gar nicht nötig.
Aber es ehrt Euch, dass ihr Euch sorgt und darüber nachdenkt, wo wir stehen. Bitte. Sprecht frei.
Handon nickt in seinen Krug hinein.
Gut, sagt er. Gut. Ich habe das Massaker gesehen, das die Frettchen in Hohlheim angerichtet haben. Eine komplette Stadt. Überfallen. Massakriert. Einen großen Teil der Bevölkerung einfach niedergemetzelt.
Und ich frage mich. Wäre ihnen das hier bei uns auch gelungen? Natürlich. Uns schützt eine Palisade. Unsere Männer sind gut organisiert. Besser ausgebildet als die Hohlheimer. Aber die Männer in Hohlheim sind wesentlich mehr als wir. Viel, viel mehr. Und trotzdem hatten sie keine Chance.
Olse nickt langsam. Er betrachtet Handon aus den Augenwinkeln.
Im Namen der Rostkirche, der ich angehöre. Die Zeiten ändern sich. Es wird neue Allianzen geben. Wir müssen ehrlich über die Dinge reden. Bevor sie uns einholen.
Aber fahrt, werter Handon. Bitte sprecht.
Handon nickt langsam. Ich habe auch mit Undar über die neue Zeit gesprochen. Der Nebel ist fort. Man kann sich gegenseitig sehen. Man kann Ränke schmieden. Armeen aufstellen. Nachbarn überfallen.
Und ich frage mich, was die richtige Strategie ist. Undar setzt auf Sklavenhandel. Ich denke da nicht so.
Olse schnaubt und nimmt einen tiefen Zug. Er wischt sich den Schaum mit dem Ärmel ab.
Undar. Tut, was die Rostkirche verlangt. Zu schwach. Kann keine eigenen Entscheidungen treffen. Kann sich gar nicht leisten, zu versagen. Wenn Undar Scheiße baut, steht am nächsten Tag der Feilscher vor der Tür.
Weißt du Handon. In den letzten zweihundert Jahren haben die Rostbrüder das Land unterwandert. Komplett unter ihre Kontrolle gebracht.
Aber jetzt, wo sich die Länder wieder öffnen, müssen wir geraderücken, was Zygofer angerichtet hat. Eine neue Gesellschaft aufbauen. Das Treiben der Rostbrüder unterbinden.
Mit ihnen wird es niemals freien Austausch geben.
Handon kann sein Erstaunen nicht verbergen. Solche Worte aus Olses Mund.
Zwei Rostbrüder wurden getötet, sagt er schließlich. In Hohlheim und in der Knochenmühle. Wenn ich das richtig sehe, wird die Rostkirche antworten.
Ja, das wird sie. Olse nickt. Die Angst vor der Rostbruderschaft macht Bündnisse schwierig. Niemand wagt es, seine Nase zu weit an die frische Luft zu strecken.
Trotzdem müssen wir rausfinden, wer auf unserer Seite steht.
Handon sagt, und eine Kooperation zwischen Turm Olse und Hohlheim?
Olse schaut Handon verblüfft an.
Kooperation. Mit der Pollmoor. Er lacht. Schüttelt den Kopf. Handon. Ich kann das Weib nicht ertragen. Zwei Tage Kooperation und ihr Kopf steckt auf der Palisade.
Er nimmt einen Schluck.
Trotzdem, sagt Handon, wäre eine Kooperation mit Hohlheim sinnvoll. Hohlheim ist mehr als die Pollmeier.
Olse zwinkert. Vielleicht wüsste ich ja schon jemanden.
Handon sagt, ich könnte vorfühlen. Wenn ihr das wünscht.
Tja, sagt Olse. Er schaut nach Zenkil, der auf der anderen Seite sitzt. Mit Ramir und Bullwai spricht.
Zuerst bringt ihr meinen Sohn in die Bernsteinberge. Wie abgemacht.
Er nimmt noch einen Schluck. Schaut sich nach Zenkil um.
Soll sich nicht an sein Dasein als scheiß Krüppel gewöhnen.
Das Versprechen steht, sagt Handon. Außerdem muss das Rezept für das Sonnenbier in die Steingärten. Binnen sechs Wochen.
Und unser Elb. Hat in einer Vision Wetterstein gesehen. Wir wissen noch nicht genau, was das bedeutet. Scheint aber ebenfalls wichtig zu sein.
Es ist also viel zu tun. Trotzdem dürfen wir darüber die Beziehungen zu unseren Nachbarn nicht aus den Augen verlieren.
Olse schaut Ramir groß an.
Ramir. Wetterstein. Vision.
Sapperlot. Ihr habt ja einiges im Angebot.
Er steht auf.
Reißt die Arme weit auseinander. Den Kopf in den Rücken gelegt.
Die Tafelrunde im Saal verstummt.
Olse stimmt in eigentümlichem Singsang das Gedicht von Stranengist an.
Die ersten sechs Elben. Sie pflanzen die Bäume. Erschaffen die Tiere.
Ihre Steine werden zu einer Krone verarbeitet.
Diese wird von Königen getragen.
Doch drei der Steine stiehlt Merigol. Die Krone verliert ihre Kraft.
Doch wer die Steine findet, wird herrschen.
Hüne hatte eine Vision. Darin das Szepter eines Königs. Der Schmuck einer Königin. Ein Schwert, das einen Riesen tötet.
Olses Vortragt dauert eine geschlagene halbe Stunde. Dann fällt er erschöpft auf seinen Stuhl zurück.
Stille.
Nirvela klatscht zuerst. Ihre Raben verschwinden durch das Gebälk. Verlassen den Turm durch die Turmluken der oberen Etagen.
Dann, nach und nach, setzen auch die anderen Tischgäste ein und applaudieren.
Olse blickt Zenkil an. Presst die Lippen aufeinander.
Nirvela ist bereits aufgestanden. Eilt Richtung Tür. Schickt sich an, ihren Raben nach draußen zu folgen.
Ich springe auf. Nirvela, sage ich. Bevor Ihr geht. Könnte ich Euch kurz sprechen.
Nirvela schreitet auf die Tür zu. Der Wachmann nickt ihr zu. Öffnet das große Portal.
Ich eile ihr hinterher.
Plötzlich springt Ramir genau zwischen uns. Lasst mich helfen mit der schweren Tür.
Er baut sich direkt vor Nirvela auf. Können wir uns unterhalten.
Die Tür fällt ins Schloss. Wir stehen zu dritt auf dem oberen Treppenabsatz unter dem Vordach. Rings um uns prasselt der Regen auf den Hof.
Ramir presst sich zwischen Nirvela und mich. Ich habe gehört, wie enthusiastisch Ihr geklatscht habt. Es geht um Wetterstein.
Und dann faselt er Unverständliches. Von einer Bestie. Ein verdorbenes Monster. Eine perverse Kreuzung mit magischen Einflüssen. Verdorben mit, von oder durch Zygofer.
Nirvela schaut ihn freundlich an. Nickt. Mit Monstern kenne ich mich leider nicht aus, sagt sie.
Aber ich dachte, wegen Eurer Raben vielleicht. Ramir wirkt enttäuscht.
Nirvela lächelt Ramir an. Das sind Raben, sagt sie. Keine Monster. Kann ich sonst noch etwas für Euch tun.
Ich bin Elb, sagt Ramir. Diese Steine sind mir wirklich wichtig.
Das glaube ich wohl, sagt Nirvela. Olse und ich sind uns in diesem Punkt einig. Wir könnten vielleicht einige Schritte mit eurer Gruppe gehen.
Aber welche Interessen verfolgt Olse eigentlich, sagt Ramir.
Ich könnte kotzen. Würde Ramir einfach mal kurz das Maul gehalten haben und hätte das Gespräch mir überlassen, wären alle diese Punkte schon längst geklärt.
Nirvela lacht ein gurrendes Lachen. Olse. Der alte Narr. Darüber sprechen wir ein anderes Mal. Aber jetzt muss ich gehen.
Ramir stellt sich ihr in den Weg. Ich werde Euch zu Eurer Unterkunft begleiten.
Nein danke, sagt Nirvela. Das ist nicht nötig.
Sie zieht ihre Kapuze über und verschwindet in Windeseile die Treppe hinab in den Regen.
Ramir reißt die Tür auf. Geht wieder rein.
Ich stehe allein im Regen.
So ein Arsch, sage ich. Für nichts, für wirklich null Ergebnis mein zuvor sorgsam durchdachtes Gespräch mit Nirvela abgewürgt und komplett unterbunden. Und das für absolut nichts. Was für ein Riesenarschloch. Was für ein scheiß Ramir.
So viele dringende Fragen, die ich Nirvela stellen wollte. So viel, was ich dringend von ihr wissen musste.
Ich schlage mit der Faust gegen das Geländer. Danke Ramir. Danke, du Arschloch.
Die Treppenkonstruktion vibriert unter meinen Füßen.
Danke, du scheiß Drecksack.
In der Eile habe ich nicht mal die Kapuze aufgezogen. Eiskalte Finger aus Wasser wühlen sich durch meine Haare und drängen sich unter mein Hemd.
Ich schlage gegen diese scheiß Tür. Stemme das verfluchte Scheißding mit meiner Schulter auf. Betrete die scheiß Feier dieser ganzen Kotzgesellschaft. Würde ich die Lieder der Steine beherrschen, dann würde ich den ganzen scheiß Turm hier auf der Stelle in sich zusammenbrechen lassen.
Das Bankett – Runde 3
Ich betrete die Halle. Höre Bullwais Stimme.
Aber wir müssen ja unsere Geschichte auch noch erzählen, quiekt das Zwerglein gerade.
Und da kommt ja auch schon unser Ufil. Der kann die Geschichte bestimmt am besten erzählen.
Am Kopfende neben Bullwai sitzt Ramir, der perverse Elb. Schlägt sich den Wanst voll Ochsenfleisch. Als hätte er sich nicht schon seit Stunden hemmungslos vollgefressen. Und seine Völlerei nur kurz unterbrochen, um mein Gespräch mit Nirvela zu sabotieren.
Ich blicke mich im Saal um. Ausnahmslos alle Augenpaare schauen mich an. Erwartungsvoll. Direkt vor mir Handon. Olse.
Daneben Arren. Bullwai.
Zu meiner Linken Quro mit seinen beiden NSCs.
Der einzige, der mich nicht erwartungsvoll anstarrt ist Ramir. Der frisst, schmatzt und rülpst zufrieden vor sich hin, als gebe es nichts wichtigeres im Leben.
Bullwai gibt mir ein Zeichen, dass ich jetzt unbedingt was machen soll. Anfangen zum Beispiel.
Die Hand in meiner Manteltasche spielt mit ein paar Runen der Angst, die ich dort stets griffbereit aufbewahre. Für einen Augenblick scheint mir das eine realistische Option zu sein.
Mit ein paar Fetzen von dem Ochsenfleisch könnte ich aber auch eine verheerende Seuche über diese ganze scheiß dekadente Fressgesellschaft bringen, die sich selbst darin gefällt, einen Ochsen zu fressen, dem eine geölte Stange aus dem Arschloch ragt.
Oder ich könnte Ramir und mit ihm ein paar andere Arschlöcher an spontaner Unterkühlung eingehen lassen.
Bullwai nickt mir aufdringlich zu.
Irgendjemand hüstelt.
Wir mussten also fliehen, höre ich mich selbst sagen. Aus der Taverne hörten wir die Schläge des wachhabenden Orks, der soeben einen Verräter gestellt hatte und ihm die Wahrheit aus dem Leib prügeln wollte. Die Stimmung in der Knochenmühle entwickelte sich immer mehr zu einem wahllosen Hauen und Stechen. Jeder gegen jeden. und wir wussten, wir, als die Fremden, würden unweigerlich die nächsten sein.
Da war dieser Kran, der über die Palisade ragte. Ein Seil. Von der Brauerei die ganze Felswand hinab zum Fluss. Vielleicht fünfzig, sechzig Schritt in die Tiefe. Morscher Balken. Völlig verrottetes Seil. Aber der einzige Ausweg. Wir suchten ja nichts als Frieden.
Bullwai war der erste, der sich hinauswagte. Ins schwindelerregende Nichts. Ins Oben. Hoch über der Klippe. In finstrer Nacht. Die eigene Hand nicht vor den Augen sehend.
Und dann erzähle ich von unserem nächtlichen Abseil-Manöver. Wie Quro, von einem Frettchen gejagt, auf tragische Weise das Seil verfehlt. Von unserer nächtlichen Flucht per Boot. Über den Fluss. Verfolgt von jenem Ameisenschwarm aus tanzenden Lichtpunkten.
Wie wir langsam Vorsprung gewinnen. Am nächsten Vormittag einen Lagerplatz finden. Bullwais ausgeklügelte Lagerarchitektur. Mein meisterhaft gelungener Heilungserfolg an Quros Bein.
Und dann denke ich. Scheiße. Und ab wann fingen dann nochmal diese dummen Diskussionen mit Ramir an. Diese peinliche „Nein-ich-will-aber-unbedingt-am-Waldrand-entlanggehen-auch-wenn-wir-dann-viele-Tage-zu-spät-kommen-um-Arren-noch-retten-zu-können-Pseudo-Cleverness“, die Ramir der ganzen Gruppe aufgedrückt hatte.
Und jetzt, sage ich, jetzt gebe ich das Wort gerne weiter. An Bullwai. Der den Rest der Geschichte sicherlich viel spannender erzählen kann als ich.
So. Die Scheiße ist an Bullwai abgeschoben. Setze mich auf meinen Platz. Langsam durchatmen, Yfel, langsam atmen. Erst mal zur Ruhe kommen nach der Scheiße.
Vor mir verschwimmt der Raum.
Wie durch einen Nebel dringt Bullwais Stimme zu mir durch. Der kleine Zwerg zieht vom Leder. Springt in der Mitte der Tischgruppe wie ein Gummiball auf und ab. Berichtet mit fuchtelnden Ärmchen von unserem Treffen mit dem Mantikor. Dem Gefecht, in dem wir dreißig. Nein. Vierzig. Sagen wir mindestens fünfzig Gegner gestellt und getötet haben.
Ramirs heldenhafter (?!) Schuss in den Wald. Seine Verletzung. Sein nahender Tod.
Bullwais Zuhörer sind fast bewusstlos vor Anspannung.
Ich blicke mich in der Runde um. Sehe aufgerissene Augen. Weit herabhängende Kinnladen. Menschen, die nervös ihre Fingernägel verspeisen. Ausgerissene Haare. In Fetzen gerissene Servietten. Japsende, um Atem ringende Gesichter allenthalben.
Und dann, sagt Bullwai, dann hat Ufil gesagt. Er tritt vor mich an den Tisch und weist mit der ausgestreckten Handfläche auf mich.
Und Ufil sagt…
Bullwai schaut mich auffordernd an.
Ich schaue zurück.
Was soll ich irgendwann mal zu irgendwem gesagt haben. Vielleicht, dass der verdammte Scheißelb selbst schuld an seiner verdammten Drecks-Wunde ist und dass er elendig verrecken soll, weil der das verdient hat, der blöde Drecksack?
Ich feixe hilflos.
Und dann, sagt Bullwai, und dann sagt Ufil zu dem Drachen.
Ah. Der Drache.
Ich stehe auf.
Halte ein. Du Mächtige. Du Erhabene. Du Edle. Höre erst, was ich dir zu sagen habe.
Unser Freund, der edle Elb – ich weise auf den immer noch besinnungslos Fleisch und Klöße in sich reinstopfenden Ramir – dieser würdevolle Vertreter der alten Rasse, unser edler Freund und Gefährte, ist verwundet und liegt im Sterben.
Ich bitte Dich Du Mächtige und Edle. Erbarme dich. Denn nur du kannst ihn retten. Er braucht deine Hilfe.
Ich setze mich.
Greife nach meinem Bierkrug.
Um mich völlig Stille.
Zenkil mit offenem Mund.
Olse liegt mit geöffneter Kinnlade auf der Tischplatte. Streichelt die Eisenmaske, die neben ihm auf seinem Teller liegt.
Bullwai erzählt weiter. Schrill. Hysterisch. Triumphierend.
Nach dem Ende der Geschichte. Tosender Applaus.
Tassen hoch. Bier eingeschenkt.
Die Lautstärke ist ohrenbetäubend.
Menschen, Zwerge und Elben liegen sich in den Armen.
Restlos begeistert.
Inmitten des größten Tumults erhebt sich Zenkil.
Wuchtet sich an einer Krücke von seinem Stuhl in die Senkrechte.
Heldenmut im Blick.
Zenkil ruft.
Ich erhebe meinen Becher. Auf die Aufgaben, die noch vor uns liegen. Auf unsere zukünftigen Kämpfe gegen all jene Mächte, die wir uns nicht aussuchen können. Aber wir werden sie durchstehen. Und wir werden siegen.
Den Becher in der geballten Faust.
Er trinkt.
Donnernder Applaus der Festgesellschaft.
Olse schaut verblüfft auf seinen Sohn.
Arren stellt sich auf seinen Stuhl. Hämmert einen langen Kerzenleuchter auf die Tischplatte, bis Ruhe im Saal eingekehrt ist.
Lasst uns unsere Helden angemessen feiern. Mit Messern und mit Branntwein.
Die Gäste jubeln.
Messer und Branntwein. Messer und Branntwein.
Wir sehen uns an. Gespannt was da kommen mag.
Kommt, ihr Zwetschgen, sagt Arren. Das Fass dort drüben an die Wand. Er springt von seinem Stuhl.
Beltrog und Jarmusch bringen ein leeres Fass. Rollen es vor eine freies Stück Turmmauer.
Arren winkt. Bullwai. Handon. Ramir. Quro. Ufil. Kommt.
Ich hebe dankend die Hand. Messer werfen und saufen. Bin nicht bescheuert.
Quro hebt die Lefzen und zeigt sein Gebiss. Lieber nur trinken. Ohne Messerwerfen.
Zenkil hinkt heran. Bringt einen Krug Branntwein.
Ein Diener reicht ihm ein Tablett mit Tonbechern.
Bullwai fragt, und was genau machen wir jetzt. Also immer abwechselnd trinken und werfen, oder was. Zuerst werfen oder erst trinken. Oder beides gleichzeitig.
Zenkil lacht. Wenn du daneben wirfst, dann trinkst du.
Und wenn ich treffe, dann nicht, oder was, sagt sagt Bullwai.
Dann nicht, sagt Zenkil.
Aha sagt Bullwai. Er schaut, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
Die Männer werfen der Reihe nach ihre Messer auf das Fass.
Nach einer Viertelstunde sind Bullwai und Ramir deutlich angeschlagen. Die vielen Fehlwürfe.
Zenkil sitzt auf einem Fass. Schläft unvermittelt ein. Kippt nach hinten. Arren kann ihn gerade noch auffangen. Damit er nicht auf den Boden stürzt.
Olse, am Kopf des Banketts, lächelt leise in sich hinein.
Drei Wachmänner helfen Arren, Zenkil aufzurichten. Schieben ihn an der Wand in die Senkrechte.
Ramir torkelt heran. Will auch helfen.
Danke, sagt Arren. Ich schaff das schon.
Er wirft sich Zenkil über die Schulter. Wendet sich zum Gehen.
Zenkils Gesicht taucht direkt vor Ramirs Gesicht auf.
Ey, Ramir. Du hier. Zenkil strahlt Ramir kopfüber von Arrens Schulter hängend an. Versucht in Ramirs Gesicht zu tatschen.
Doch Arren hat sich bereits in Bewegung gesetzt.
Zenkil kotzt einen dicken Strahl auf den Fußboden. Schaut sich verblüfft um.
Schnäuzt paar Reste Kotze aus der Nase. Winkt Ramir.
Warte kurz. Bin gleich wieder da.
Dann trägt Arren ihn zur Tür hinaus ins Freie.
Handon hat derweil ein Stück Kohle aus dem Feuernest geklaubt. Zeichnet drei Felder auf das Fass.
Wieso Felder, sagt Bullwai. Wir könnten doch auch meinen Schild nehmen. Das ist doch viel Lebensnäher.
Handon legt seine Hand auf Bullwais Helm. Dreht in sachte hin und her.
Nein, sagt er. Mein Spiel.
Bullwai nimmt grummelnd seinen Schild und räumt ihn weg.
Eins. Zwei. Und Drei, sagt Handon. Drei Felder. Wir werfen mit Ansage. Wer verfehlt, trinkt.
Die beiden Jäger, Tilmo und Pantor, gesellen sich zu den Messerwerfern.
Sie zerren Quro an den Händen hinter sich her.
Moment, sagt Ramir. Kurze Pause. Ich muss mich eben schnell setzen.
Setzt sich an den Tisch. Greift sich ans Herz. Verdreht die Augen. Knallt mit dem Schädel auf die Tischplatte. Tassen und Teller scheppern. Bleibt laut schnarchend liegen.
Die Tür öffnet sich. Arren betritt den Saal.
Alles klar, sagt er. Zenkil liegt im Bett und schläft.
Handon weist auf den hörbar sägenden Ramir. Dann pass besser auf. Das Gepenne scheint ansteckend zu sein.
Arren reicht Handon sein Messer.
Handon zielt. Wirft.
Ah. Vorbei.
Trinken. Trinken, ruft die Festgesellschaft im Chor.
Arren drückt Handon einen Becher Branntwein in die Hand.
Handon setzt an. Kippt den Becher zu tosendem Applaus.
Bullwai tritt neben Arren.
Tippt Arrens Unterarm an.
Ich glaube, ich habe das Spiel jetzt verstanden.
Ist das dann also so, dass wenn man nicht trifft, also, wenn man vorbeiwirft. Also da vorbeiwirft, was man vorher angesagt hat. Also dann. Dann muss man trinken. Ist das so, ja.
Richtig sagt Arren. Wer vorbeiwirft, trinkt.
Aber wie ist das dann, wenn man trifft, sagt Bullwai. Wenn man trifft, dann trinkt man also nichts, oder was. Verstehe ich das richtig so.
Richtig, sagt Arren. So ist das.
Bullwai überkreuzt die Arme. Denkt nach.
Schüttelt den Kopf.
Aber irgendwie ist das alles nicht so richtig durchdacht, sagt er. Ich finde das alles absolut nicht logisch.
Neben ihm torkelt Tilmo vorbei. Er wirbelt seinen Dolch mit dem Hirschhorngriff um seinen Daumen.
Feld, sagt Quro.
Drei, sagt Tilmo.
Er trifft Feld zwei.
Arrrgh! Scheise!
Trinken. Trinken. Brüllt der Chor.
Arren schenkt Tilmo nach.
Quro stellt sich auf.
Wiegt das Messer in der Hand.
Wirft.
trifft nicht.
Trinken. Trinken.
Passt auf. Jetzt zeig Ich euch mal, wie das geht.
Arren wippt die Messerspitze vor und zurück.
Arren. Arren.
Arren trifft. Fast.
Aber eben nur fast.
Trinken. Trinken.
Ach sooo, sagt Bullwai. Jetzt verstehe ich das.
Ziel ist in Wahrheit, dass man NICHT trifft. Weil, sonst muss man ja auch nicht trinken.
Er kratzt sich am Kopf. Aber das kann irgendwie auch nicht stimmen. Weil man will ja eigentlich trinken, oder.
Arrens Dolch klappert nochmal vor dem Fass auf den Boden.
Trinken. Trinken.
Arren torkelt zu dem Diener mit den Bechern. Trinkt. Hält sich dabei an der Schulter des Dieners fest. Zitternde Hände. Vollste Konzentration, den Becher zum Mund zu führen.
Danke, sagt er. Das reicht. Ich bin raus.
Bedauernde Rufe. Oooooh.
Arren setzt sich. Schläft sofort ein.
Handon nimmt das Messer. Tritt einen Schritt auf das Fass zu. Wägt ab, wohin er zielt.
Olses volltönende Stimme lässt sich vernehmen.
Die eins, sagt Olse.
Die eins. Handon nickt. Zielt.
Die drei.
Enttäuschtes Aufstöhnen im ganzen Saal.
Tilmo. Tritt genau vor Handon.
Drängt ihn förmlich auf die Seite.
Grinst siegesgewiss.
Wirbel das Messer um seinen Daumen.
Lächelt in die Runde.
Zielt mit einem schnellen Blick.
Wirft aus der Hüfte.
Trifft die eins.
Dreht sich betont lässig ab. Zu Quro.
Und jetzt, Quro, sagt Tilmo. Dein Messer neben das meine.
Quro zieht sein Messer. Tritt neben Tilmo.
Wirft leichterdings.
Die Klinge seines Messers steckt direkt neben Tilmos Klinge. Berührt sie sogar. Zittert ein bisschen.
Das lass ich jetzt aber nicht auf mir sitzen, sagt Handon.
Nimmt ein weiteres Messer.
Zielt kurz.
Wirft.
Genau zwischen die Messer von Quro und Tilmo.
Die Zuschauer bejubeln Handons Wurf.
Zumindest, die noch wach sind.
Viele liegen im Suff über den Tischen. Gesicht im Teller. Fleisch. Klöße. Soße.
Draußen pfeift der Sturm um den Turm.
Tilmo trifft direkt in die Mitte.
Quro trifft.
Handon trifft.
Wieder alle drei ins selbe Feld.
Und jetzt nochmal ruft Tilmo. Jetzt nochmal alle ins gleiche Feld.
Handon sagt, eigentlich wollte ich gerade anmerken, dies sei ein wahrhaft würdiger Wurf, um das Spiel zu beenden.
Komm, sagt Tilmo. Einer geht noch. Eine Runde genau in die Mitte.
Gut, sagt Handon. Aber vorher jeder noch einen Schluck.
Quro wendet sich an die Zuschauer. Und ihr auch. Nicht nur glotzen. Na los. Alle einen Schluck auf den nächsten Wurf. Dann klappt das besser.
Von allen Seiten das Klacken aneinander stoßender Humpen.
Handon wirft mit leichter Hand.
Trifft genau in die Mitte.
Guter Wurf, sagt Tilmo. Aber jetzt zeige ich euch, was ein wirklich herausragender Wurf sein kann.
Er zielt. Wirft.
Knapp daneben.
Genial. Handon grinst.
Quro steigt auf einen Stuhl. Wendet sich an die umsitzenden Zuschauer. Breitet die Arme aus. Dreht sich um seine Achse.
Und jetzt die entscheidende Frage, sagt Quro. Darf ich auch das Falchion benutzen.
Jaa, das Falchion.
Dann trinken wir jetzt alle auf das Falchion, sagt Quro.
Humpen klacken gegeneinander.
Quro, sich immer noch auf dem Stuhl drehend, zieht in der Drehung das Falchion aus dem Gürtel und wirft es einfach von sich.
Die breite Klinge fuchtelt laut pfeifend durch den Raum. Kracht in das Fass, das laut splitternd zerbirst.
Unzählige Holzstückchen wirbeln durch den Saal.
Zuschauer ducken sich.
Ramir mosert im Schlaf. He. Soll der Scheiß.
Olse lacht dröhnend. Was für ein Fest.
Tilmo klaubt die Dolche zwischen den Trümmern hervor.
Ich habe noch nie so einen Spaß gehabt, sagt Tilmo. Heißa! Heißa!
Das Bankett – Wenn das Feuer niederbrennt
Die Messerwerfer setzen sich an frei gewordene Plätze auf der nächsten Bank.
Noch eine Runde für unsere Meister der Messer, ruft Olse.
Die Schenke eilen. Weitere Krüge zu bringen.
Tilmo sagt, danke nein. Für mich nichts mehr. Ich muss los.
Tilmo geht.
Pussy, grollt Quro. Reibt sich die Augen. Kann ein Gähnen selbst nicht unterdrücken. Sein Gebiss klappt laut aufeinander.
Ich sitze währenddessen auf meinem Platz auf der anderen Seite des Saales. Tut ganz gut, dass sich der Trubel dort drüben, jenseits des Ochsen abspielt.
Während rundum der Met in Strömen fließt, habe ich selbst kaum einen halben Humpen geleert.
Da drüben schieben paar Diener die Reste des zertrümmerten Fasses zur Seite.
Manche Gäste schleifen ihre besoffenen Kumpels Richtung Tür. Andere bestellen lautstark die nächste Runde.
Vor mir taucht Bullwai auf.
Nase und Wangen leuchtend rot. Augen glasig. Das Haar zerzaust.
Hallo Ufil, sagt Bullwai.
Na Bullwai, sage ich.
Darf ich mich setzen.
Klar. Alles frei hier.
Wir müssen reden, sagt Bullwai. Er wirkt seltsam angespannt.
Bullwai ringt mit sich. Sucht nach Worten. Windet sich sichtlich.
Weißt du, was eine Lebensschuld ist, platzt er schließlich heraus.
Nein. Keine Ahnung.
Ich meine, sagt Bullwai. Du hast mein Leben gerettet.
Ja. OK… Stimmt. War wohl so.
Vielleicht ist das für dich ja keine große Sache. Aber bei uns Zwergen nimmt man sowas sehr ernst.
Bullwai starrt mir mit weit aufgerissenen Lidern in die Augen. Dabei nickt er sehr langsam und bedeutungsschwer.
Muss ich jetzt Angst haben?
Bullwai überhört meine Frage. Stattdessen beginnt er, in aller Ausführlichkeit den zwergischen Usus in Bezug auf Lebensschuld darzulegen.
Eine Lebensschuld, so erfahre ich nun, muss bei einer ganz speziellen Behörde in Steingarten eingetragen werden. Die Schwere der Lebensschuld ist je nach Anlass gestaffelt. Die Rettung vor tödlicher Einwirkung durch einen Drachen zum Beispiel ist mit neun Leben belegt und steht damit relativ weit oben im Ranking.
Um eine Lebensschuld und ihre entsprechenden Umstände akkurat aktenkundig zu machen, muss Bullwai neben der amtlich beglaubigten Verschriftlichung in seiner Eigenschaft als Pumilus Salvus neun Ringe in seinen Bart flechten – für jedes gerettete Leben einen.
Anschließend ist es seine heilige Aufgabe, diese Lebensschuld zu begleichen.
Ich höre Bullwai mit offenem Mund zu. So einen verquirlten Scheiß habe ich nun wirklich noch nie gehört.
Bullwai windet sich indessen vor Scham und inneren Qualen, während er tapfer versucht, die Zusammenhänge möglichst sachlich und emotionsfrei darzulegen – was ihm deutlich nicht gelingt.
Schließlich beendet er seine schwurbeligen Ausführungen, und schaut mich unsicher und erwartungsvoll an.
Ich schließe meinen Mund.
Lehne mich zurück.
Greife nach meinem Bier.
Nehme einen tiefen Schluck.
Neun Leben, denke ich. Zu meiner persönlichen Verfügung.
Mir. Todesmagier.
Steingarten muss ein wahres Paradies sein.
Super, sage ich. Machen wir.
Steingarten, wir kommen.
Ich schaue mich im Saal um.
Drüben, am Kopfende der Tafel regt sich Arren.
Seine Locken schleifen über die schmutzige Tischplatte. Er wuchtet den Kopf nach oben.
Schaut sich verschlafen im Saal um. Sieht, dass er nicht alleine ist. Strafft sich. Setzt sich aufrecht. Sammelt seine Habseligkeiten zusammen.
Dann steht er auf. Wankt schwer an den Tischen entlang. Bedankt sich bei jedem einzeln für sein Kommen und seinen Beitrag zum Gelingen des Festes.
Als er mir die Hand reicht, denke ich, du siehst so scheiße aus, Arren. Geh lieber schlafen.
Arren versteht mich auch ohne Worte. Ihm brummt sowieso dermaßen der Schädel.
Dann verschwindet er für seine Verhältnisse bemerkenswert schnell durch die Tür.
Das Feuer ist runtergebrannt.
Der Rest des Ochsen hängt über nur noch trübe flackernder Glut.
Olse sitzt im Schatten. Trägt wieder die Eisenmaske auf dem Gesicht.
Hinter den Sichtschlitzen huschen gerissene Augen hin und her. Beobachten die Szenerie.
Bullwai ist wieder verschwunden.
Taumelt jetzt von Sitzplatz zu Sitzplatz. Hangelt sich an den Lehnen leerer Stühle entlang. Durchsucht verwaiste Krüge nach Trinkbarem.
Wird von Zeit zu Zeit fündig.
Wäre auch schade um jeden Tropfen.
Schließlich tragen wir Ramir nachhause. Wir packen ihn an Händen und Füßen. Er hängt zwischen uns wie eine tote Spinne. Wir müssen möglichst weit entfernt voneinander gehen. Und Ramirs Gliedmaßen auf Zug halten. Damit sein Hintern nicht auf dem Boden schleift.
Das ist schon etwas raumgreifend.
Als wir den Saal verlassen, sehe ich Olse jenseits der niedergebrannten Glutgrube wie eine Statue auf seinem Platz sitzen.
Er sieht uns nach.
Seine Maske spiegelt trotz des Rostes den glimmenden Schein der Glut wider.
Dann schlägt das Tor zu.
Wir tragen Ramir die schmale hölzerne Außentreppe runter.
Der Platz reicht nicht, um ihn auf Zug zu halten.
Poltert dann halt, als wir ihn die Treppenstufen runterschleifen.
Nicht so´n Krach, sagt Bullwai. Da schlafen bestimmt schon welche.
Auf dem Burghof haben wir wieder mehr Platz. So dass sein Hintern hoch genug über den ganzen Pfützen und dem Schlamm…
Auf jeden Fall, solange wir es schaffen, alle gleichzeitig das Gleichgewicht zu halten.
Am nächsten Morgen
Am nächsten Morgen. Frühstück in den Fetten Kelch. Über den Burghof.
Tür zum Turm steht offen.
Es stinkt raus.
Alk. Altes Fleisch. Kotze. Putzkräfte.
Es stinkt selbst durch den Sturm, der die Gerüche dankenswerter Weise schnell wegweht.
Mein Umhang bläht sich.
Ich ziehe ihn zusammen und lege mich schräg in den Wind.
Irma ist grantiger als je zuvor.
Seid ihr nüchtern. Wenn nicht, dann aber sofort raus hier. Keine Lust, mir die ganze Zeit die Gaststube vollkotzen zu lassen.
Dir auch einen wunderschönen guten Morgen, Irma.
Irma macht uns paar Schalen Fisch fertig.
Bullwai will keinen Fisch. Bullwai sagt, Fisch macht krank. Von dem ganzen Meeresgetier kriegt man immer Bauchgrimmen.
Das ist gar kein Meeresfisch, sagt Ramir. Das ist echter Höhlenfisch. Ramir hat selbst schon einen davon mit der Hand gefangen. Hier, in den Höhlen unter Burg Olse.
Bullwai lässt sich breitschlagen. Nimmt schließlich widerstrebend eine Schüssel mit darin schwimmenden weiße Bröckchen entgegen.
Während wir essen, beobachte ich aus den Augenwinkeln, wie Bullwai in seiner Schüssel rührt. Stückchen mit dem Löffel rausfischt. Heimlich unter die Tischplatte klebt.
Gib schon, sagt Ramir. Ich esse das. Willst es dir nicht mit Irma verscheißen.
Beim Essen sprechen wir über unsere Pläne.
Ramir sagt, er will schnellstmöglich nach Wetterstein. Nach der Begegnung mit dem Mantikor hatte er, im Sterben liegend, eine Vision. Eine Feste gesehen. Den Befehl erhalten, sie aufzusuchen.
Natürlich war das vorher schon sein Ziel. Aber jetzt aber weiß er sicher, dass das seine Bestimmung ist. Sein Schicksal.
Ich frage, ob er tatsächlich König werden will. Nichts gegen ihn. So als Person. Aber ob er sich denn wirklich für moralisch so gefestigt und integer hält.
Nö, sagt Ramir. Gar nicht. Aber er will auch gar nicht König werden. Die ganzen Schätze sind ihm völlig wurscht. Er will nur auf die Steine aufpassen. Damit sie sicher sind.
Wir schauen uns an. Ist das Ramir, den wir einst kannten.
Quro sagt, Tilmo und Pantor haben auch von Wetterstein erzählt. Ihre Truppe wurde durch Kämpfe gegen irgendeine Kreatur zersprengt. Sie wissen nicht, was aus dem Rest ihrer Gruppe wurde.
Ich sage, ich glaube, es geht nicht nur um paar Schätze und Steine. Da ist was viel größeres im Gange.
Nirvela hat was vor. Die alte Religion zurückbringen. Der Rabe im Kampf gegen Häma und Rost. Die Sache ist viel größer, als nur paar Steine.
Kam ich aber gestern leider nicht zu, mehr von ihr zu erfahren. Wir wurden gestört.
Quro sagt, und was ist mit Olse. Auf welcher Seite steht der dann.
Ich sage, wenn ich Nirvela richtig verstehe, auf Seite des Raben. Auch wenn er theoretisch noch Rostbruder ist.
Quro sagt, ich glaube nicht, dass Olse schon so weit ist.
Ich mache eine abfällige Geste in Richtung Ramir. Genau das wollte ich gestern rausfinden. Aber unser Wunderelb hat das ja komplett vermasselt.
Ramir sagt, wir können ja einfach nochmal mit Nirvela reden. Er nickt mir zu. Können das auch gerne gemeinsam tun.
Wenn´s unbedingt sein muss, sage ich.
Die Tür öffnet sich knarrend. Ein Windstoß fegt Dreck und Feuchtigkeit in den Schankraum.
Durch das Kreischen des Windes vermeine ich Irmas hysterische Stimme zu hören. …. gerade eben … frisch gepu….verdam….eiße nochmal…
Arren tritt ein. Schaut sich im Schankraum um. Sieht uns. Tritt an unseren Tisch.
Da seid ihr ja, sagt er. Olse will euch sprechen.
Sofort.
Kurze Zusammenfassung des Abschlussgesprächs mit Olse und Nirvela
Wir also die Holztreppe hoch in die obere Etage von Olses Turm.
Olse auf seinem Thron. Maske auf der einen Seite. Schwert auf der anderen.
Nirvela daneben. Kapuze zurückgeschlagen.
Olse nickt. Schönes Fest gestern.
Noch einmal offiziell danken. Was ihr alles für Turm Olse getan habt. Loyalität den Menschen gegenüber. Großer Einsatz.
Er wendet sich Nirvela zu. Schaut sie an.
Schaut wieder uns an.
Mit Nirvela gesprochen, sagt Olse.
Wir möchten gerne, dass ihr auf unserer Seite steht.
Wir gucken verwirrt.
Nirvela fängt an zu erzählen.
Schon mehrere Expeditionen haben versucht, die Steine zu finden. Vermutlich stecken die Rostbrüder hinter diesen Expeditionen. Dass sie die Steine finden, muss man verhindern.
Deshalb will Olse selbst eine Expedition schicken. Den Rostbrüdern zuvorzukommen.
Die Steine müssen gesichert und geschützt werden.
Sie dachten dabei an uns.
Ob Olse denn nicht irgendwie selbst ein Rostbruder sei, oder was, sagt Ramir.
Olse sagt, nee. Schon lange nicht mehr.
Egal, wohin die Rostkirche kommt. Sie unterjocht und stürzt Menschen in Unfreiheit.
Die Rostbrüder selbst sind durch dämonische Rituale geformt.
Ihr Eliteeinheit, die Eisengarde, ist eine Spezialzüchtung. Vier, manchmal sechs Arme. Quasi unbesiegbar.
Hamidas von der Knochenmühle war da nur ein Witz. Hat in der Bruderschaft sowieso niemand ernst genommen. Den versoffenen Spinner.
Nirvelas Meinung zur Knochenmühle:
Die Knochenmühle zeigt, wie Rost und Häma funktionieren:
Ehemals freie Menschen werden unfrei.
Die besten werden Rost und Häma geopfert.
Habt ihr denn so gar nicht bemerkt, wie böse dieser Ort ist.
Über die beiden Höhlen unter der Burgruine weiß sie aber leider nichts Näheres.
Ich sage, schade eigentlich.
Bullwai fragt, ob Olse als Abtrünniger denn gar keine Angst vor Rache hat.
Warum denn. Olse grinst schief. Offiziell bin ich doch kein Abtrünniger. Wenn sie kommen, empfange ich sie als Brüder. So wie immer.
Olse will uns als Expedition nach Wetterstein schicken. Wir sollen das Nefacta-Szepter finden.
Alles, was wir finden, dürfen wir behalten. Olse selbst hat kein Interesse an Schätzen.
Auch die Steine sollen wir behalten. Und sie beschützen.
Olse sagt, mit den Steinen tragt ihr den Hebel bei euch, der die Achse unserer Welt in Bewegung setzen kann. Diese Steine haben unglaubliche Macht. Sie werden euch zu einem höchst gefährdeten Ziel machen. Sie zu besitzen, bedeutet permanente Verfolgung.
Aber ich werde hinter euch stehen. Ihr gehört zu Olse. Ich trage Verantwortung für euch.
Ramir schlägt vor, die Steine nach Maidenholm zu bringen. Ins Elbenland. Wo sie hingehören.
Olse verweist auf die Rostläufer. Eine Truppe elbischer Nationalisten. Würden die Steine sicherlich für ihre Ziele instrumentalisieren.
Handon schlägt vor, wir bewahren die Steine besser getrennt auf.
Wir einigen uns darauf, der beste Schutz ist das Geheimnis. Niemand außerhalb unserer Gesprächsrunde wird jemals von dem Plan erfahren. Niemand darf je wissen, dass wir die Steine haben. Das ist die sicherste Schutz.
Das gilt besonders für Tilmo und Pantor. Die haben zwar gegenüber Olse beteuert, nicht den Rostbrüdern anzugehören. Ihre damalige Expedition war aber höchstwahrscheinlich durch die Rostkirche gestartet worden.
Handons Plan, die beiden Jäger-Jungs diskret über ihre Erfahrung mit Wetterstein zu befragen, lehnt Olse rigoros ab. Die Gefahr, dass die etwas ahnen und uns verraten, ist zu groß.
Ebenso Arren. Guter und treuer Mann, sagt Olse. Allerdings ist sein Bereich die Burgverwaltung. Er muss nichts von den Steinen erfahren.
Und wir müssen schnell sein.
Wenn die Rostbrüder nichts mehr von ihrer ausgesandten Expedition hören, werden sie irgendwann selbst kommen. Und selbst nachsehen, wo ihre Leute bleiben.
Handon sagt, das stimmt. Veränderte Rostbrüder mit vier oder sechs Armen braucht er nicht.
Stimmt, sagt Olse. Außerdem gibt es da noch den Zatome. Der soll Zenkils Bein wieder richten.
Olse sagt, der ist ein gefährlicher, mächtiger Mann. Hat eine eigene Streitmacht. Falls wir den als Verbündeten gewinnen könnten…
Nirvela sagt, na gut. Das ist dann aber erst der nächste Schritt.
Schaut unzufrieden. Scheinbar wissen wir jetzt mehr, als wir sollten.
Olse erhebt sich.
Dann haben wir also einen Pakt, sagt er.
Ich wünsche Euch, dass Rost und Häma euch begleiten.
Als wir rausgehen ist eins klar:
Nirvela und Olse haben eine gemeinsame Linie.
In jedem Punkt völlig einig sind sie sich aber nicht.
Unsere konkreten Vorbereitungen für die Abreise.
Lutz und Karren bereitmachen.
2 Langspeere
- + 2 Bonus
- Schaden 1
- Nah, Stich
- 2-Händig
Pike
- 2-händig
- 2 Bonus + Schaden
- Schwer und stich
Essen und Trinken aufgefüllt.
2 Paket Pfeile
Bullwai schmiedet meinen Fuß. Verkackt aber. Der Fuß geht kaputt.
Ich meditiere für WPs. So viele, wie möglich. Entlaube dafür ganze Landstriche rund um Burg Olse.



