Die Sonne geht auf. Der nächste Tag bricht an.
Wir sind verwirrt. Es ist völlig windstill. Plötzlich klingen alle Geräusche ungewohnt laut.
Plötzlich sieht man den Turm viel klarer. Er ist mindestens dreihundert Jahre alt. Aber noch sehr gut in Schuss.
Arren hat gute Laune. Er soll heute mit ein paar Mann nach Hohlheim abreisen.
Wie ist Hohlheim so, sagt er. Könnt ihr mir den Weg erklären. Wie ist die Lage dort.
Handon sagt, da ist die Pollmeier. Da laufen lebende Tote rum. Die ganzen Konflikte dort. Der Nebel auf dem Weg dorthin, in dem lauert irgendwas.
Arren und seine Männer brechen auf nach Hohlheim.
Wir brechen auch auf. Wir wollen Uthurs Schatz im Wald finden. Unter der Esche am See.
Ramir sucht den Weg. Er hat zuvor noch eine Schaufel aus der Schmiede geklaut. Er schmeißt sie auf den Karren.
Ich sichere mit Horst die Flanken.
~
Gegen Mittag stehen wir auf einem Bergrücken. Rechts und links eine Hügelkuppe. Wir blicken in die Senke vor uns. Am Horizont eine Bergkette. Wir essen und trinken etwas. Auf der Ebene kein nennenswerter Baum. Maximal ein paar Sträucher.
Wir beginnen den Abstieg ins Tal.
Ich bemerke links über uns eine Bewegung. Etwas flattert. Flügel. Spannweite drei oder vier Schritt.
Ich warne die anderen.
Wir sehen drei vogelartige Wesen.
Mal schauen, was die haben, kreischen die Wesen.
Untendrunter große Klauen. Schwarze, filzige Haare auf dem Kopf. Brüste flattern im Wind.
Die Spannweite ist doch etwas größer als zuerst gedacht. Vielleicht sogar fünf Schritt. Die Körper dürften einen Schritt groß sein. Wir sehen Klauen an den Ellenbogen.
Es sind Harpyien.
Ramir rennt zurück zum Karren. Er war noch nicht sehr weit voraus.
Ich mit Horst auch zurück zum Karren.
Die Biester sagen, das silberne Ding gehört mir.
Was für eine silbernes Ding frage ich mich. Meinen sie Ramirs Schaufel oder was.
Gebt uns das Ding, dann fressen wir euch nicht.
Ramir sagt, hier findet ihr nur den Tod.
Ich schlage mit dem Stab nach einem der Biester. Treffe aber nicht.
Wir reißen euch die Gedärme raus. Wir häuten euch. Wir stechen euch die Augen aus. Wir brechen euch die Kiefer.
Das könnte mir im Grunde ja gefallen. Allerdings eher andersrum.
Die Harpyien attackieren uns mit einem markerschütternden Schrei. Ein Furchtangriff.
Sowas hatten wir bei dem brennenden Tempel schon mal erlebt. Nur haben die Gefährten mittlerweile verstanden, dass ein Schrei an sich nichts gefährliches ist. Es ist nur ein Schrei.
Er lässt uns alle völlig kalt.
Stattdessen zieht Ramir das Falchion durch.
Um uns breitet sich ein Chaos aus Klauen und Federn aus. Ramir hat wohl irgendwas getroffen, wir können in dem Gewühl aber nichts erkennen.
Handon greift mit einer Fackel an. Eine der Harpyien fängt Feuer. Sie kreischt laut und flattert auf. Sie kann mit ihrem Geflatter das Feuer löschen.
Sie sagt zu Handon, deine Augen hol ich mir.
Ich ziehe das Schwert. Das Schwert, das mich selbst durchbohrt hat. Ich werde es Sturmhauch nennen.
Ich schlage zu. Sturmhauch trifft nichts.
Bin ich etwa nicht der Todesmagier. Wer mich bedroht stirbt schmerzhaft. Das weiß jeder. Mein Stolz ist gekränkt.
Ich schlage zornig nach den Biestern. Ich treffe eine Harpyie. Aber ich habe zu wild um mich geschlagen. Ich verliere das Gleichgewicht. Ich falle von Horsts Rücken auf den Boden. Die Wunde in meiner Brust reißt wieder auf. Mir wird schwindelig. Meine Sicht trübt sich.
Die Harpyien greifen Handon an. Sie packen ihn mit ihren Krallen an den Schultern und versuchen ihn hochzuheben. Die Klauen graben sich in seinen Kettenpanzer.
Handon wirft auf Manipulation. Nehmt mich ruhig hoch, sagt er. Nehmt euch ruhig das Silber. Ihr wisst ja. Es ist verflucht. Es wird euren ganzen Schwarm dahinraffen.
Sie lassen ihn verblüfft los. Er wirft sich rücklings in den Kutschbock. Er schlägt seinen Kopf gegen die Kante des Seitenteils und bleibt benommen liegen.
Eine Harpyie kackt neben seinem Kopf auf den Wagen und wendet sich Ramir zu.
Ramir schlägt mit dem Falchion nach ihr. Er verpasst ihr einen Schnitt in den Rücken.
Die Harpyien wirbeln weiter.
Handon kommt wieder zu sich.
Er entzündet eine Fackel und drückt sie einer Harpyie in die Achsel. Das Monstrum kreischt, schaut ihn wutentbrannt an, fängt aber trotzdem Feuer.
Ich rapple mich vom Boden auf und greife die brennende Harpyie an. Sie stürzt zu Boden und ich ramme ihr mein Schwert in den Hals.
Die beiden anderen Biester wollen fliehen.
Ramir versucht eine von ihnen festzuhalten. Per Klammergriff. Zum Glück greift er daneben.
Handon erwischt die andere mit der Fackel am Bürzel. Sie flattert hektisch davon und zieht eine lange Rauchfahne hinter sich her. In der Ferne geht sie in Flammen auf. Sie gerät ins Trudeln. Die dritte Harpyie packt sie, bevor sie abstürzt und verschwindet mit ihr hinter dem Berggrat.
Wir betrachten die qualmende Harpyie am Boden. Handon hackt ihr die Klauen ab und packt sie ein. Kann man bestimmt verkaufen, sagt er.
Er reißt ihr sechs Schwundfedern aus, die noch nicht verschmort sind.
~
Wir marschieren weiter. Wir suchen einen Unterschlupf. Mein Sturz aus dem Sattel hat die Wunde wieder aufgerissen. Ich kann nichts mehr einstecken. Ich werde sofort sterben.
In der Ferne ein kleiner Baum. An einen Fels gekrallt. Vom Wind gebeugt. Ein bisschen Wasser daneben. Ein Tümpel oder sowas. Wir sagen, da schlagen wir unser Nachtlager auf.
Wir sind hundert Schritt entfernt. Unter dem Baum ist ein Eingang im Fels. Vielleicht bisschen mehr als zwei Schritt hoch. Bisschen zu groß für eine normale Tür. Aber mit verziertem Sturz darüber.
Neben dem Tümpel steckt ein Pfahl im Boden. Daran baumelt irgendwas. Auf dem Boden liegt ein rostiger Käfig. So groß wie ein Sarg. Könnte ein Mensch reinpassen. Ist aber zu weit weg, um ihn richtig zu erkennen.
Wir sagen, was machen wir. Vielleicht gehen wir da besser nicht näher ran.
Ich sage, wenn da irgendwas drin ist – Ich bin sowieso schon fast tot. Ich werden sofort fliehen. Ich werde niemanden retten. Horst und weg.
Ramir schleicht sich trotzdem schonmal an. Er geht seitlich bis auf zwanzig Schritt bis zum Eingang. Irgendwann schüttelt er den Kopf. Dann schleicht er rückwärts wieder zurück.
Er sagt, auf dem schrägen Pfahl ist oben eine Schelle. Da dran hängen rostige Ketten mit Handschellen. Im Käfig liegt eine mumifizierte Leiche. Der Typ da drin sieht aber irgendwie komisch aus. Bisschen eingedrückt oder so. Und Blasen auf der Haut. Irgendwas ist da passiert.
Da drüben liegt ein Brustkorb von einem großen Tier. Dort ein großer Bullenschädel. Beide frisch abgenagt.
Um den Höhleneingang ist Mauerwerk. Darüber eine Art Wappen. Er konnte es aber nicht erkennen. Der Baum oben drauf wirft so flirrende Schatten. Er hat davon Kopfschmerzen gekriegt. Er musste gehen.
Handon sagt, ob das nicht der Baum ist, von dem der Holzfäller geschwafelt hat, wo der Schmied seine Schätze vergraben hat, bevor Olse ihn getötet hat.
Wir sagen, wir reisen erst mal weiter und ruhen uns aus. Wenn wir die Höhle plündern wollen, können wir ja später immer noch zurückkommen.
Wir finden einen schönen Platz auf einer Anhöhe. Vor einer Felswand. Ramir baut das Lager. Aber er stellt sich saublöd an. Es wirkt fast so, als hätte er sowas noch nie gemacht. Der Lärm ist unbeschreiblich. Er flucht. Schmeißt Sachen rum. Macht unglaublich Stress.
Ich sitze auf Horst und halte Wache. In mir steigt ein ganz seltsames Gefühl auf. Mein Herz krampft sich zusammen. Ich wende mich zum Tal um. In weiter Ferne sehe ich den Eingang dieser Höhle vor mir liegen. Mich beschleicht das ungute Gefühl, dass da unten etwas ganz Ungutes haust. Meine Hände beginnen zu zittern.
Vielleicht ist das aber auch einfach nur die scheiß Hektik, die Ramir die ganze Zeit verbreitet. Ich steige nervös von Horst ab und bleibe an irgendwas hängen. Ratsch! Was war das? Aus der Satteltasche baumeln die Gewänder, die ich von meinem letzten Arbeitgeber bekommen hatte. Verdammt. Die sind ein Vermögen wert. Dieser scheiß Elb. Ich fluche und spucke auf den Boden.
Schließlich können wir rasten. Das Lager ist an einer Steilwand aufgebaut. Rechterhand von uns steht der Karren an der Wand. Daran angebunden Horst und Lutz als zusätzlicher Schutz. Wir essen etwas. Die Lande sind wild. Es wird dunkel. Ramir und ich legen uns schlafen.
Handon hält Wache.
Er bemerkt, wie Lutz unruhig wird.
Dann sieht er zwei leuchtende Augen in der Dunkelheit.
Sie blinzeln und sind weg. Kurz darauf tauchen sie woanders wieder auf. Sie beobachten uns. Mal von nah. Mal fern.
Handon schätzt anhand der Höhe der Augen, dass es ein Vierfüßer sein muss. Ein Wolf vielleicht. Aber größer.
Handon weckt Ramir. Dann zündet er eine Fackel an und schaut in die Nacht. Jetzt sieht er aber gar nichts mehr.
Ramir deutet in die Dunkelheit. Er will sich auf einen Hinterhalt vorbereiten.
Etwas flüssiges tropft auf Handons Arm.
Im nächsten Augenblick stürzt etwas gewaltiges von oben auf ihn herab.
Handon sieht riesige Klauen.
Ein weit klaffendes Maul.
Es ist ein gigantischer Grauwarg.
Ramir steht immer noch neben Handon. Heute Abend hat er es nicht so mit Vorbereitungen.
Der Grauwarg schnappt nach Handons Kopf. Der reißt zufällig gerade die Fackel herum. Der Biss geht ins Leere.
Gleichzeitig greift der kleine Grauwarg Lutz und Horst an. Die versuchen sich vom Karren loszureißen.
Der große Warg stößt sich mit den Hinterbeinen von der Felswand ab. Er spring auf Handon zu und schnappt nach seiner Kehle. Handon springt zur Seite und kann den Kiefer des Monsters gerade noch mit dem Ellenbogen parieren.
Ramir springt auf den Warg los. Er schreit lautstark. Er schlägt seinen Falchion gegen die Schulter des Biests. Der Abpraller verblüfft Ramir völlig.
Ein kurzes „Thumb“ in der Dunkelheit, als der kleine Grauwarg, von Horsts Hufen getroffen, wie ein Ball in die Nacht hinaus fliegt.
Irgendetwas streift mich. Ich wache auf. Alles tut weh. Ich höre Lärm. Geschrei. Brüllen. Ich erkenne die panischen Stimmen meiner Gefährten. Ich öffne die Augen. Ein gewaltiger Berg aus Fell gleitet an mir vorüber. Ich schaffe es mit Mühe, mich auf die Knie zu drehen. Mein Schwert. Ich stoße mit aller Kraft zu. Ein kurzes Erschauern läuft durch die Pelzwand. Dann rollt sie einfach weiter an mir vorüber.
Ich sehe Handon. Er schwenkt eine Fackel. Ein gewaltiges Maul schnappt nach ihm. Handon duckt sich weg. Er drückt die Fackel von unten in die Mähne. Das Maul schnappt ein zweites Mal zu. Es packt Handon am Oberkörper, hebt ihn in die Höhe und schüttelt ihn wie ein Spielzeug. Ich höre das Knallen, als die Ringe seines Kettenhemdes zerspringen.
Handons Schreie ersterben, als sein Kopf und seine Schultern im Maul der Bestie verschwinden. Der gewaltige Kopf ruckt einmal herum. Handon fliegt durch die Luft. Schmettert gegen die Felswand. Stürzt wie ein nasser Sack in die Tiefe. Schlägt auf dem Boden auf und bleibt liegen.
Von der anderen Seite des Monsters höre ich Ramir schreien. Er rammt dem Untier die Klinge seines Falchions in den Wanst. Das Ding zuckt auf. Es gurgelt. Dann dreht es sich zu Ramir um. Ich blicke direkt in seinen gewaltigen Hintern.
Ich höre Horst wiehern. Eine hyänenähnliche Gestalt verbeißt sich fauchend sich in seine Flanke.
Auf dem Boden blakt Handons Fackel. Glitzernde Tropfen von Handons Blut fallen in ihrem Schein vom Unterkiefer der Bestie in den trockenen Sand. Handon selbst zieht sich auf den Unterarmen durch den Staub in Richtung Karren.
Ich höre ihn röcheln. Über die Fackel! Das sind die Worte, die er uns zuröchelt. Über die Fackel!
Der Hintern des Grauwargs verschwindet aus meinem Blickfeld. Seine Schnauze schwingt zu mir herum. Zwischen Reihen gelblicher Zähne glänzt Handons Blut. Ich schaue in einen gewaltigen Schlund.
Ich war früher ein fähiger Manipulator. Ich drehe mich etwas zu Seite, so dass der Blick der Bestie auf Horst frei wird. Mein Herz blutet. Mein geliebtes Schlachtross strahlt im Fackelschein, verlockend wie eine weiße Torte in der Nacht. Ich versuche für das Monster optisch mit den Pferden zu verschmelzen.
Der Grauwarg hält kurz verwirrt inne. Ich nutze den Augenblick und werfe mich zur Seite. Mein Sprung endet abrupt in der Luft. Brennender Schmerz durchfährt meinen Unterschenkel. Ich hänge kopfüber im Nichts. Dann reißt etwas und ich knalle mit dem Kopf auf die Erde.
Die Welt ist in rot getaucht. Unter meinem Gewand ragt ein Beinstumpf hervor, aus dem rhythmisch Blutfontänen spritzen. Ich höre Ramir schreien. Er drückt sich schreiend in die Seite eines Berges aus Fell. Er rüttelt an ihm. Er rührt darin. Ich verstehe gar nichts mehr.
Der Warg brüllt ebenfalls. Dann springt er über mich hinweg und verschwindet in der Dunkelheit. Ich weiß nicht, ob ich zwischenzeitlich ohnmächtig werde. Doch als ich die Augen aufschlage, sehe ich eine gespenstische Szene.
Ich sehe Ramir im Schein der Fackel vor der Felswand auf und ab humpeln. Sein irrer Blick. Das schimmernde Falchion in der Hand. Sein Schatten, den Handons Fackel viele Schritt hoch hinter ihm an die Felswand projiziert. Man wird ihn meilenweit sehen können.
Hinter meinem Rücken heulende Schreie in der Dunkelheit. Haut ab, schreit Ramir. Haut endlich ab, verdammte Scheiße.
Schließlich untersucht er Handon und mich. Er kümmert sich zuerst um Handon, der blutüberströmt unter dem Wagen liegt. Ich höre Ramir murmeln, Handon. Völlig unterkühlt. Er braucht Wärme. Ramir legt die Fackel zu Handon unter den Wagen. Etwas in mir fragt sich, ob eine Fackel unter einem Wagen wirklich eine gute Idee ist.
Ramir wendet sich mir zu. Er zerrt die Fetzen meines zerrissenen Hofgewandes aus Horsts Satteltasche und bindet mir damit den Unterschenkel ab. Scheiße. Wo ist mein Fuß. Der kann nicht einfach weg sein. Ich werde schlafen und morgen früh nachsehen. Dann ist er garantiert noch da.
Ramir stellt provisorisch das Lager wieder her. Er macht ein Feuer aus Buschwerk, das er in der Nähe findet.
Am nächsten Morgen meditiert Ramir, um nicht schlafen zu müssen.
Handon und ich sitzen an die Felswand gekauert und wachen.
Ich quäle mich in die Senkrechte und humple über das Gelände, um meinen Fuß zu suchen. Er bleibt verschwunden. Dafür finde ich neben dem Feuer Handons verkohltes Ohr.
Immerhin.
Aber das ist scheiße so. Das kann so nicht weiter gehen. Ich glaube, ich muss einen Entscheidung treffen.

