Natürlich habe ich gelogen. Die Betten sind scheiße unbequem.
Das Drei Schädel ist ein Drecksloch. Wind pfeift durch die Bretter.
Wir sitzen also in der Gaststube. Gäste kommen. Das Glöckchen klingelt. Ehre den Toten. Und so weiter.
Die Leute an den Tischen reden.
Expansion. Handel. Felle. Wasserstraße den Fluss runter. Wirtschaft. Aufbruch.
Eine ungepflegte Tante stolpert die schiefe Treppe runter.
Sie sagt, das Zimmer ist fertig.
Yawim bringt uns hoch.
Das Zimmer ist ein Loch. Dass das ganze Haus nicht einfach auseinanderfällt.
Auf dem Boden drei verranzte Strohsäcke. Durch die Bettdecken kann man durchgucken.
Archäologisch bislang nicht geborgenes Werkzeug auf der Fensterbank.
An der Wand drei Wracks. Es waren mal Fässer. Sie riechen nach Bier.
An einem steckt ein Zettel.
Ich kenne die Schrift irgendwie.
Aber keiner kann sie lesen. Egal.
Wir reden kurz.
Hohlheim ist komisch. Die Stadtmauer ist bullshit. Was soll der Scheiß mit den Toten.
Und ein Wirt will, dass wir einen anderen Wirt umbringen.
Wir müssen nachdenken. Wir dürfen keine Fehler machen.
Am Ende ist die Pollmoor vielleicht tot und rächt sich trotzdem an uns.
Oder wir werden einfach aufgehängt.
Qurro labert Scheiß von Untoten, die als Nebel gegen die Mauer schwappen.
Ich glaube, der will gar nicht, dass wir ernsthaft über unsere Lage nachdenken. Sein Gelaber fühlt sich wie Sabotage an.
Ramir fummelt dauernd an den Fässern rum.
Er sagt, das hab ich doch mal irgendwo gelesen.
Doch. Genau. Das ist zwergisch.
Wir sagen, wieso zwergisch. Das ist doch scheiße.
Ramir sagt, da steht – Fässer nicht benutzen! Undicht
Das ergibt keinen Sinn.
Vor dem Haus das Schild. Zwerge und Bartträger müssen draußen bleiben.
Wieso steht hier auf den Bierfässern ein Hinweis auf zwergisch.
Ich halte heute Nacht Wache. Auf den Säcken schlafen lohnt sowieso nicht.
Zweimal in der Nacht rumpelt es auf dem Hof.
Ich schaue aus dem Fenster. Yawim lädt mit zwei Typen ein paar Fässer ab.
Mitten in der Nacht. Warum schlafen die Penner nicht.
Am nächsten Morgen frühstücken wir schön.
Dann gehen wir raus.
Auf der Brücke treffen wir Handon.
Hallo Handon. Geht’s wieder. Biste fit.
Jaja. Ganz gut. Schön geschlafen.
Er erzählt uns, wie er gestern abend aufwacht.
In einem schönen, weichen Bett.
Nackt aber warm. Kleider sind ordentlich gefaltet. Alles sauber.
Handon fühlt sich gut. Da steht ein Krug Wasser. Er trinkt.
Er schaut aus der Tür. Geht die Treppe runter. Klopft unten an und steht in einem sehr gepflegten Schankraum. Fachwerk. Leute sitzen an den Tischen und reden. Der Wirt nickt freundlich hinterm Tresen.
Eine Frau mit grauen Locken kommt auf ihn zu. Sie sagt, setz dich. Bestell dir was zu Essen. Auf meine Kosten. Und ich heiße Frau Pollmeier.
Die Leute um ihn rum reden. Zu viele Fremde hier. Oder. Wir müssen den Handel ankurbeln.
Das Essen kommt.
Handon fällt mit seiner Rüstung natürlich auf.
Ein Mann steht auf. Geht zur Tür. Schlägt die Glocke. Sagt, Ehre den Toten. Verbeugt sich Richtung Hügel. Dann geht er.
Der Wirt bringt Essen. Ich heiße übrigens Olmo.
Frau Pollmeier und Olmo gehen respektvoll miteinander um. Aber als Olmo Handon Bier anbietet, ist sie genervt. Handon soll Wein trinken. Es gibt verdünnten Erlenländer.
Pollmeier sagt, die Gegend ist schon länger frei vom Nebel. Seitdem kommen von außen Gefahren. Die sind leider nicht immer sichtbar.
Sie sagt, was ist denn wichtiger. Sicherheit oder Wohlstand.
Zu viele Leute hier wollen um jeden Preis reich werden. Aber das geht alles auf Kosten der Sicherheit.
Ein Typ kommt rein und bestellt essen. Frau Pollmeier sagt, Raiker. Warum bist du nicht auf dem Turm, verdammt. Du bist eingeteilt. Überall sind Gefahren.
An dieser Stelle unterbricht Ramir Handons Erzählung. Ob die Alte denn nicht eigentlich Frau Pollmoor heißt. Handon sagt, das stimmt. Verwechselt er halt manchmal. Ist aber egal.
Auf jeden Fall ist Frau Pollmeier die Witwe des ehemaligen Dorfvorstehers. Aber die Leute folgen ja lieber einem Mann.
Auf der anderen Seite des Flusses gibt es nämlich Braumeister Yawim. Gutes Bier. Will unbedingt exportieren. Redet nur von Expeditionen.
Aber da draußen gibt es Räuberbanden. Sie kundschaften uns schon längst aus.
Handon ist sehr nett zu Frau Pollmeier. Er tut, als ob er sie ernst nimmt. Er braucht sie in Zukunft als Kontakt für den Handel.
Aber er denkt, sie hat auch ein Anliegen, mit dem sie noch nicht rausrückt.
Frau Pollmeier zeigt ihm ihr Amtsamulett.
Sie sagt, es gibt da diese Knochenmühle am Fluss.
Yawim will Schiffe dahin schicken. Aber dann kommen die bösen Männer hier her. Vielleicht sollte man die Schiffe besser vorher sabotieren.
In den Wäldern dort gibt es Frettchen. Die jagen Menschen.
Vajk hat die Frettchen selbst gesehen. Das sind Sklavenhändler. Sturkas sagt auch, es gibt die Knochenmühle. Und einem Rostmann muss man glauben.
Frau Pollmeier will also den Handel am Fluss unterbinden.
Dem Dorf geht es doch gut. Wir brauchen keinen Handel.
Allerdings kann sich das Dorf nicht verteidigen. Was wir brauchen, ist Sicherheit.
Handon soll sich das mit den Schiffen überlegen.
Wir können ja schließlich einfach weiterziehen. Ein Dorf kann das nicht.
Dann kommt Olm und gibt Handon ein Bier.
Er sagt, die Pollmeier mag es nicht, wenn wir Yawims Bier ausschenken.
Apropos. Wo kommt ihr eigentlich her.
Aus Fronfurt. Die letzten zwei Jahrhunderte waren schwierig. Jetzt muss man sich auf neue Bedingungen einstellen. Neues Kapitel. Eine neue Zukunft malen.
Olm sagt, verstehe. Bei uns ist das eher ein Gleichgewicht. Yawim gegen Pollmoor. Aber die Dinge verselbstständigen sich langsam.
Dann schlägt die Tür auf. Handon sitzt mit dem Rücken zur Tür. Er hört große, schwere Stiefel. Er sieht aus den Augenwinkeln eine Gestalt. Einen Kopf größer. Breitschultrig.
In der Schankstube wird es still.
Handon will sich besser nicht umdrehen. Er guckt, wie Olm reagiert. Olm reagiert völlig normal.
Dann sieht Handon den Krieger. Das halbe Gesicht fehlt. Die andere Hälfte ist merkwürdig straff gespannt. Zwischen den Armpanzern sieht Handon Knochen. Auch unter dem Brustpanzer und den Beinschienen.
Der Krieger setzt sich an den Nebentisch. Er stinkt verwest. In seinen Augen glimmt ein Licht.
Olm kommt. Das übliche?
Der Krieger röchelt.
Olm bringt ein Bier von Yawim.
Der Krieger trinkt. Das Bier läuft durch die Rippen raus.
Handon setzt sich zu dem Krieger und nickt in seine Richtung.
Ich will gar nicht wissen, wie der andere erst aussieht.
Der Krieger röchelt. Harte Zeiten.
Ich bin übrigens Handon. Prost.
Olm schaut wachsam vom Tresen rüber.
Der Krieger trinkt. Das Bier plätschert auf den Boden.
Der Krieger sagt, hat dich der König gesandt.
Nein. Ich bin nur auf Durchreise.
Der Krieger sagt, das ist gut.
Dann steht er auf und geht.
Olms Tochter wischt das Bier vom Boden auf.
Handon sagt zu Olm, ob das normal ist.
Olm weiß nicht, was er meint.
Handon sagt, dass bei Euch Tote rumlaufen.
Olm sagt, was sollen sie denn sonst tun. Was machen die denn bei Euch.
Handon sagt, die liegen im Grab.
Olm sagt, die Toten vom neuen Friedhof machen das auch. Aber die vom Alten Friedhof kommen immer wieder. Deshalb beerdigen wir mittlerweile auch alle auf dem neuen.
Handon sagt, bei uns können Tote gar nicht laufen.
Olm sagt, das ist ja seltsam bei euch.
Handon sagt, hast du eigentlich schon mal was von der Knochenmühle gehört.
Olm sagt, nein. Noch nie.
Als Handon ins Bett geht, verkeilt er zur Sicherheit die Tür von innen.
Am nächsten Morgen kauft Handon bei Olm Wurst und Käse.
Heute früh läutet niemand das Glöckchen.
Olm sagt, das Läuten empfiehlt sich erst ab Mittag. Wenn du viel Blut an den Händen hast, merken sie das auch manchmal.
Dann treffen wir Handon auf der Brücke.
Auf der Brücke sind Kinder und fischen im Fluss. Ein bisschen weiter unten liegen zwei Kähne am Ufer. Männer beladen sie. Es sind wohl Yawims Boote. Er selbst ist auch da. Wir gehen zu ihm.
Ramir sagt, ob Yawim denn weiß, dass die Bierfässer in unserem Zimmer von Zwergen stammen. Da war so ein Zettel dran. Yawim ist überrascht. Zum Glück gibt es hier ja keine Zwerge. Das ist übles Pack und unterwandert alles.
Ramir zeigt ihm den Zettel. Er sagt, ob Yawim den kennt. Yawim kriegt einen roten Kopf. Er wird zornig. Den Zettel kennt er sowieso nicht.
Er geht angepisst weg.
Qurro sagt zu einem Arbeiter, wo die Friedhöfe sind.
Der sagt, wird nicht gern gesehen, wenn Fremde da rumlaufen.
Ich sehe, wie jemand mit roten Haaren uns durch einen Zaun beobachtet. Ich winke freundlich. Die Gestalt verschwindet.
Als wir mit Handon auf der Brücke stehen, kommt ein Mann mit Angelrute. Er sagt, guten Tag. Ich bin Tolme, der Fischer. Ich habe heute Brückendienst. Ich möchte euch darauf hinweisen, dass der Aufenthalt auf der Brücke nicht gestattet ist.
Handon sagt, ob er weiß, wo wir den Jagdmeister Vajk finden.
Tolme sagt, hinten beim Brunnen.
Ramir sagt, ob Tolme die Knochenmühle kennt.
Tolme sagt, das Gerücht kennt er. Sonst nix.
Auf dem Weg zu Vajk diskutieren Handon und ich, was wir machen sollen. Aber die Diskussion ist sinnlos. Wir sagen beide, das Dorf ist scheiße, und wir wollen mit den Problemen hier nichts zu tun haben. Kein Mord. Keine Sabotage. Sondern einfach schnell weg.
Warum diskutieren wir. Wir sind uns sowieso einig.
Qurro schnuppert. Er sagt, da ist ein Wolfsrudel. Das ist ungewöhnlich nah am Dorf. Er lässt seinen Vogel steigen. Der fliegt los. Irgendwann kommt er zurück. Schön schön.
Auf dem Weg zu Vajk werden wir verfolgt. Ein schlaksiger, rothaariger Junge. Der Junge vom Zaun. Ich überlege, ob ich ihn stelle. Aber dann sind wir schon bei Vajk.
Vajk ist vor seiner Hütte. Er klopft Felle aus. Dann geht er rein.
Ich will den Jungen ansprechen. Aber gleichzeitig kommen zwei andere Leute.
Aus der einen Straße kommt ein großer kantiger Mann. Schon etwas älter. Struppiges Haar. Gelborange Kutte, auf die rostige Eisenblättchen genäht sind. Ob das Braune auf seiner Kutte Blut oder Rost ist, kann man nicht sagen. Um seinen Bauch rostige Ketten. Der Mann klappert bei jedem Schritt.
An der Seite ein Schwert. Überall Narben. Ein uralter Schnitt quer über das Gesicht.
Er steuert direkt auf den rothaarigen Jungen zu.
Qurro zeigt auf eine andere Gestalt am Stadttor. Sie reitet auf einem Wolf in die Stadt. Sie steigt ab. Flüstert dem Wolf etwas ins Ohr. Der Wolf verschwindet wieder nach draußen.
In der Hand Kaninchenfelle und ein paar Fasane. Ansonsten Gürtel. Schwert. Kriegsbogen. Verhüllt in einen Kapuzenmantel. Klein. Vielleicht ein Goblin.
Der Goblin sagt zu Handon, er will Geschäfte mit Vajk machen.
Handon sagt, wir sind auch hier um Geschäfte mit Vajk zu machen. Aber der Goblin kann sein Geschäft sehr gerne vor uns erledigen. Wir haben Zeit.
Der Goblin dankt. Wenn Vajk kommt, dann wird er so schnell wie möglich sein Geschäft erledigen. Wir grinsen.
Handon sagt, der Goblin hat aber ein schönes Reittier. Er bewundert den Wolf übertrieben. Er sagt, wir können mit unseren Reittieren leider nicht sprechen. Wie macht ihr das denn.
Der Goblin zuckt die Schultern. Das ist normal. Reiter und Reittier haben eine lebenslange, besondere Verbindung.
Währenddessen sieht der rothaarige Junge den Kettenmann kommen und ändert die Richtung. Der Mann sieht das und ändert auch die Richtung. Dann verschwinden beide zwischen den Häusern.
Dann kommt Vajk wieder raus. Er sieht die vielen Leute vor seiner Hütte. Was ist denn hier los.
Der Goblin macht endlich sein Geschäft. Vajk zahlt gut. Der Goblin geht erleichtert in Richtung Brücke davon.
Vajk gefallen die Felle. Er sagt, euer Freund hat da was Gutes gebracht.
Das ist nicht unser Freund.
Warum. Ist er denn nicht mit euch gekommen.
Nein. Wir dachten, ihr kennt euch.
Qurro fragt, ob es Wölfe in der Gegend gibt.
Nein. Es gibt keine Wölfe in der Gegend.
Handon sagt, Frau Pollmeier schickt mich. Du wüsstest Bescheid über die Knochenmühle und über Frettchen.
Vajk schaut überrascht.
Ach. Das ist so ein halbes Gerücht. Ich war vor in paar Monaten ein paar Meilen flussabwärts. Im Wald steht eine Frau. Furchtbar abgemagert. Eisenketten an Hand- und Fußgelenken. Überall Bisswunden. Sie redet von einer Knochenmühle. Ein Ort des Grauens. Sie wurde freigelassen, um davon zu berichten. Sie spricht von der Mühle und den Frettchen. Ihre Bisswunden sehen grausam aus. Wie von Menschen oder von Orks vielleicht.
Ich mache natürlich sofort kehrt. Gehe nicht tiefer in den Wald.
Ramir sagt, davon weiß ich zwar nichts. Aber ich habe schon mal was darüber gelesen.
Im Sklavenhandel ist es nämlich üblich, ein Exempel zu statuieren. Die Beschreibung der Bisswunden passt übrigens genau dazu.
Ramir weiß tatsächlich nichts. Aber wahrscheinlich hat er trotzdem schon mal irgendwann was gelesen.
Ramir sagt, ob die drei Typen vor ein paar Tagen nicht gesagt haben, sie lagern am Fluss. Haben die dabei nicht sogar von einer Knochenmühle gesprochen. Ramir weiß das aber eigentlich nicht, und auch niemand sonst weiß was davon. Egal.
Vajk weiß jetzt auch nichts mehr.
Handon sagt, die Frau Pollmeier…
Vajk sagt, wer bitte.
Handon sagt, die Frau Poll…moor.
Verstehe.
Auf jeden Fall sieht die Frau Pollmeier das als direkte Bedrohung und will das Dorf abschotten.
Vajk sagt, das sieht nicht das ganze Dorf so.
Er zeigt auf die Stadtmauern. Wir sehen außerhalb der Mauer eine kleine Person, die gerade auf einen Wolf steigt.
Er sagt, die Mauer ist kein Schutz. Das ist es, was Frau Pollmoor sagt. Da draußen gibt es Mächte, die Dinge stehlen. Und wenn ich sowas sehe. Muss ich mein Dorf dann nicht warnen.
Handon sagt, wir kommen aus Fronfurt. Das ist kleiner als Hohlheim. Es hat trotzdem eine Mauer. Gibt es denn keine Bestrebungen bei euch, den Schutz der Stadt zu verbessern.
Oh doch. Wir haben sogar schon die Tore ausgebaut. Wahrscheinlich nimmt Frau Pollmoor die Zölle ja, um die Mauer aufzubauen.
Außerdem steht das Dorf unter Sturkas Schutz. Wenn ein Rostbruder Hilfe braucht, kommen am nächsten Tag 20 andere. Das sind Krieger. Zauberer. Der Rostbruder davor war ein Teufel. Aber Sturkas ist in Ordnung.
In dem Augenblick kommt Sturkas um die Ecke. Er sieht uns. Er nickt. Er geht weiter.
Wir wollen uns den Friedhof anschauen. Auf dem Weg sehe ich den Rotschopf. Er sitzt auf einem Holzstapel. Er isst ein Käsebrot.
Na du. Darf ich mich setzen?
Er nickt. Ich setze mich.
Ich lache herzlich. Sag mal, sitzt du öfter hinter Zäunen und guckst.
Der Junge ist stolz. Er redet kein Wort. Er macht Zeichen mit den Händen. Er sieht alles im Dorf.
Ich sage, das machst du aber toll. Machst du sowas oft.
Der Junge nickt eifrig. Er macht das immer.
Offensichtlich ist er stumm. Aber trotzdem ziemlich eloquent.
Ich lache. Lass mich raten. Du erzählst das dann Sturkas und kriegst dafür Käsebrot.
Der Junge nickt. Er freut sich. Er hat eine Verantwortung. Er bekommt sogar Lohn. Er gibt mir ein Stück Brot ab.
Ich beschließe, ihn nicht weiter zu befragen. Der Informationsfluss geht hier eindeutig in die falsche Richtung.
Ich verabschiede mich. Und danke dir für das Brot. War echt lecker. Cooler Typ. Ausgekocht wie ein Schneider. Weiter so. Aus dir wird mal was.
Wir kommen zum alten Friedhof. Jemand von uns sagt, das war mal ein schöner Ort. Ich finde ihn nach wir vor bezaubernd. Das rostige Tor hängt aufgesprengt und schief in den Angeln. Der Geruch von Moder hängt über der Szenerie. Irgendwer sagt was von drückender Stille. Man hat den Eindruck, hier geht das Dorf innerhalb weniger Meter in eine uralte, längst verschollene Zivilisation über, deren Relikte uns wie faule Zähne aus vergangenen Tagen angrinsen. Verfallenen Krypten, umgekippte Grabsteine legen Zeugnis ab von der genialen Schaffenskraft einer uns völlig fremdartigen Kultur. Eine fantastische Welt, die wir nur aus Sagen und Legenden kennen – von uns getrennt durch die schier endlos scheinende Distanz von gerade einmal zweihundert Jahren roten Nebels.
Ich blinzle ein paar Tränen aus den Augen.
Hinter und links des Friedhofs ragt ein zerklüftetes Kliff gut hundert Schritt in die Höhe. Ein kleiner Pfad windet sich zwischen den Felszacken.
Was macht ihr denn da.
Frau Pollmoor steht plötzlich hinter uns.
Handon sagt wir ehren die Toten.
Die Toten ehrt man, indem man sie in Ruhe lässt.
Bei uns ehrt man die Toten, indem man an ihren Gräbern gedenkt.
Wie auch immer. Bitte lasst unsere Toten in Ruhe. Aufruhr unter ihnen ist das letzte, was wir brauchen. Hast du eigentlich schon mit Vajk gesprochen?
Handon sagt, ja. Aber er hatte weniger Informationen, als ich dachte. Ich sehe auch keine unmittelbare Gefahr für Hohlheim. Sind eigentlich schon mal Leute von euch verschwunden.
Frau Pollmoor sagt ja, aber selten. Das letzte Mal vor gut drei Jahren. Aber die Gefahr lauert am Fluss. Und ausgerechnet da will Yawim seine Handelsrouten aufbauen. Er wird das Dorf preisgeben. Werdet ihr in den kommenden Nächten die Schiffe lahmlegen. Das wird uns etwas Zeit verschaffen. Hier. Ich gebe euch zehn Silber Belohnung.
Handon sagt, sein Vater war früher Dorfvorsteher. Und was er selbst davon mitgenommen hat, ist, so eine Vorgehensweise hilft der Gemeinschaft nicht. Manipulation und Sabotage ruinieren das Dorf. Die Gemeinschaft wird kollabieren. Ihr müsst einen anderen Weg finden.
Apropos. Ist Sicherheit nicht der Job der Rostbrüder.
Pollmoor sagt, Sturkas ist ein Guter. Der Bruder davor war ein Schlächter.
Handon sagt, was war das eigentlich für ein Krieger gestern Abend in der Schenke. Er sagte, ob ich im Auftrag des Königs reise. Ich sage nein, ich bin nur auf der Durchreise. Das hat ihn sichtlich entspannt.
Frau Pollmoor sagt, ihr kennt die Geschichte von Algarod. Er hat mit Zygofer kollaboriert. Ein grausamer Tyrann. Seine Burg lag im Osten. Vermutlich hast du vorhin mit dem Hauptmann der Landwache gesprochen.
Ramir sagt, hatte der Tyrann nicht ein besonderes Schwert.
Ja, Roststich sein Name. Wenn ihr es wollt, könnte es eure Bezahlung sein.
Handon sagt: Aber Frau Pollmeier!
2 Männer kommen aus dem Dorf.
Frau Pollmoor scheißt sie an, weil sie nicht bei ihrem Dienst auf den Türmen sind.
Qurro sagt, warum baut ihr die Mauer nicht einfach auf.
Frau Pollmoor sagt, wie soll das gehen. Mit diesen Leuten etwa.
Sie nimmt uns mit in ihr Haus. Gemütlich. Kamin. Staub.
Sie hat ein Buch über Algarod. Sie blättert darin. Burg Wetterstein. Roststich. Ein Langschwert.
Sie zeigt auf der Karte, wo das Schloss war. Natürlich liegt es flussabwärts.
Handon sagt, wir werden keine Dummheiten machen. Versprochen. Wir kommen ja aus Fronfurt und wollen hier Handel treiben. Es ist ein neue Zeit. Der Nebel ist fort. Die Welt öffnet sich. Eine neue Generation findet zusammen. Wohlstand und Wissen werden sich mehren.
Qurro hängt gebannt an Handons Lippen. Ich fasse es nicht. Als ich gestern fast wortgleich dasselbe zu Yawim sage, mosert der Wolf rum, warum ich so Scheiße sülze. Aber wenn Handon das gleiche dann einfach nochmal wiederholt. Dann muss das wohl genial sein.
Von Frau Pollmoor aus gehen wir in ihre Pinte. Wir essen was. Qurro macht sich über mich lustig und will Pferdefleisch. Der Scheißkerl hat keine Ahnung, in welcher Gefahr er schwebt. Ich käme nie auf die Idee, was mit seinem Vogel zu machen. Aber Hunde kennen offenkundig keinen Respekt.
Beim Essen reden wir, was wir tun werden. Qurro und Ramir wollen mit Yawims Kähnen fahren. Handon und ich wollen das nicht. Weder der Karren noch Lutz noch Horst lassen sich damit transportieren.
Plötzlich fangen Handon und Ramir an, darüber zu streiten, wem Lutz gehört. Handon will sogar den Bierdeal platzen lassen, wegen dem wir hier sind, wenn Lutz nicht ihm gehört. Schließlich wollen sie, das Horst den Karren zieht. Ein edles Schlachtross wie Horst! Und nur, wegen so einem kindischen Scheiß. Ich ärgere mich und sage Handon, er benimmt sich wie ein Kind. Erwachsene Menschen sollten vernünftig miteinander sprechen, zumal in einem etwas passenderen Moment als jetzt.
Leider können wir das Problem nicht klären. Von draußen Geschrei. Überall Leute. Yawim steht auf einem Fass mitten auf der Brücke. Er hält eine Rede.
Männer von Hohlheim. Befreien wir uns von der Pollmoor. Steuern. Abgaben. Regeln. Das bringt alles überhaupt nichts. Wir brauchen mehr. Mehr Handel. Mehr Reichtum. Mehr Freiheit. Leute. Wacht endlich auf.
Wir lassen Yawim schreien und lösen die Pferde aus. Gremla hat sich bestens ums sie gekümmert. Sogar der Wagen ist geölt. Sie will noch ein Silberstück von uns. Das kriegt sie. Sie dankt.
Bevor wir das Dorf verlassen, will ich noch den Dolch kaufen, den ich gestern gesehen habe. Die Schmiede ist verlassen. Wahrscheinlich ist Ness Vors auf der Versammlung von Yawim. Aber der Dolch, den ich mir habe zurücklegen lassen, liegt im Regal auf einem Stück Leder.
Ich habe keine Zeit. Ich nehme ihn an mich und lege stattdessen zwei Silber dorthin.
Wir wollen über die Brücke. Aber die ist voll Menschen. Der Rostbruder kommt. Er löst die Versammlung auf. Er sagt zu Yawim, das hat ein Nachspiel. Zur Pollmoor sagt er, sie soll die Einsätze besser kontrollieren. Zu uns sagt er auf Wiedersehen.
Wir gehen. Handon und Ramir streiten auf dem Weg weiter um Lutz.
Ramir übernimmt das Erkunden. Ich sichere mit Horst die Flanken. Wir gehen am Fluss entlang.
Ich spüre, dass etwas nicht stimmt. Die Landschaft verändert sich auf seltsame Weise. Meine Nackenhaare stellen sich auf. Ich spüre eine merkwürdige, lange nicht wahrgenommene Magie. Nebelschwaden liegen in den Senken zwischen den kleinen Hügeln.
Sie scheinen etwas rötliches an sich zu haben. Langsam steigen sie auf und das Rot gewinnt an Intensität. Rings um uns erheben sich die Schwaden aus den Senken und wabern über die Hügel. Hier und da fließt der Nebel sogar bergauf. Wie ein Tier. Kriechend. Lauernd darauf, uns zu umschließen.
Ich warne die Gefährten. Vor uns hat der Nebel noch eine Lücke gelassen. Wir rasen los. Handon, Ramir und Qurro rennen, so schnell sie können. Der Karren schlingert auf dem unebenen Weg hinter Lutz auf und ab.
Der Nebel versucht uns den Weg abzuschneiden. Er schießt aus unerwarteten Richtungen überraschend schnell hervor.
Plötzlich steigt genau vor mir eine rote Wolke aus dem Boden. Horst scheut. Ich sehe meine Freunde durch ein blassen Schleier aus Rot den Weg entlang rennen. Im nächsten Augenblick bin ich geblendet von Rot.
Angst greift nach meinem Herz. Ich kann kaum noch atmen. Ich will nur noch nachhause. Vor meinen Augen tauchen die Olivenhaine meiner Kindheit auf. Ich hüte Schafe, die ebenso groß sind, wie ich selbst. Eine merkwürdige Erinnerung. Damals war ich fast sowas wie glücklich. Heute ist die Erinnerung ein verblasstes Bild. Ich kann kaum noch etwas erkennen.
Pure Panik kreischt in mir. Der Nebel beginnt sich um mich zu drehen. Zu meiner Linken erhebt sich ein dunkler Schatten. Er bewegt sich behände auf mich zu.
Ich gebe Horst brutal die Sporen. Horst beschleunigt mit einer Kraft, die mir das Blut aus den Adern treibt. Schließlich springt er mit einem unfassbaren Satz über die letzten Ausläufer der roten Schwaden. Mir wird flau, und ich frage mich, ob wir vielleicht fliegen.
Doch Horst setzt weich wie eine Feder wieder auf. Dann fliegt er über die Landstraße dahin. Der Fahrtwind bläst die letzten Reste der Angst aus meinen Kleidern. Heiterer Jubel steigt in mir auf.
Diesmal kann ich mir einen Freudenschrei nicht verkneifen.
Der weitere Nachmittag verläuft ereignislos. Wir haben uns etwas vom Fluss entfernt.
Ramir geht vor. Ich halte Wache. Horsts breiter Rücken wiegt mich sanft über die Landschaft. Das heimelige Wiegen, der fehlende Schlaf der vergangenen Nacht lassen mich schließlich einnicken. Mit einem Schreck fahre ich aus dem Schlaf hoch. In einiger Entfernung sehe ich die Kollegen auf der Straße. Niemand scheint etwas gemerkt zu haben. Verdammt. Ich muss die Augen offen halten. Ich kann nicht jede Wache verkacken. Es geht um meine Ehre.
Wir reiten durch Hügel. Sanfte Haine. Im Süden, ein paar Meilen entfernt liegt Qurros Heimat. Die „dichten Wälder des Leichentuchs“. Die Berge, die herausragen.
Als die Sonne sich neigt, baut Ramir das Lager. Alle schlafen. Qurro hält Wache.

