Während endlose Hügelketten unter unseren Füßen dahinziehen, wird Handon immer stiller. Er sagt, alles ist gut. Aber er ist weiß im Gesicht. Kalter Schweiß steht auf seiner Stirn.
Von einer Kuppe aus überblicken wir die Landschaft bis zum Fluss. Wir sind müde. Wir sollten rasten.
Handon fällt vom Bock und kotzt ins Gras. Er zittert. In seinen Augen fast nur noch weiß. Wir wickeln ihn in eine Decke und werfen ihn hinten auf den Karren.
Unten am Fluss finden wir eine Art Mulde. Sie ist wohl vom Hochwasser ausgespült – sandige Abbruchkannte, etwas bröseliger Fels, flache Kiesel am Boden, nur ein einziger Zugang.
Ramir erklärt sich bereit, das Lager einzurichten. Wir heben Handon aus dem Wagen. Der stammelt irgend eine Scheiße. Ramir macht Feuer und parkt den Wagen im Eingang. Barrikade, sagt er. Lutz grast.
Ich kletter die Böschung hoch und mustere die Umgebung, ob was kommt. Alles ist ruhig.
Quro ist fort. Er wollte jagen gehen. Ich hoffe er fängt was Gutes – oder kommt überhaupt zurück. Wolfsmenschen kann man nie trauen.
Mein Bauch knurrt.
Plötzlich Stimmen von unten. Drei Drecksäcke stehen bei Ramir im Lager. Verdammt! Wo kommen die auf einmal her! Es riecht nach Ärger.
Ein vierter Typ steht wenige Schritte von mir entfernt oben auf der Böschung, einen Pfeil auf der Bogensehne. Ich pirsche mich rücklings an. Ich nehme meinen Kampfstab und berechne den Winkel. Scheiße, sehne ich mich nach einer Klinge!
Die drei Typen bei Ramir haben Helme, Schwerter. So was brauche ich auch dringend!
Einer scheint verwundet.
Verpisst euch! sagt Ramir unten.
Aus den Augenwinkeln halte ich Ausschau nach Quro. Dahinten bewegt sich was in einem Gebüsch. Ich hoffe, das ist er.
Die Drecksäcke sagen, ob Ramir ihr scheiß Pferd gesehen hat. Ein weißes Pferd. Leider ausgerissen.
Hat er nicht.
Die Drecksäcke sagen, dass sie heute bei uns übernachten werden.
Ramir sagt, verpisst euch!
Doch, doch! Sie werden bestimmt bei uns übernachten!
Ich bin in Position. Ich sehe den Typen vor mir bereits mit gebrochenen Beinen die Böschung runterstürzen. Ein strahlend weißer offener Bruch im freien Fall. Mein Herz jubelt bei der Vorstellung.
„Da drüben!“ Der Bogentyp zeigt über den Fluss. Dort grast ein weißes Schlachtross. Ein Pferd wie einer Märchenwelt entsprungen. Sowas passt überhaupt nicht hierher. Ist das eine verkackte Welt!
Der Typ dreht sich zu mir um. Er lächelt und nickt. Dann hopst er die Böschung runter.
Die anderen drei sind schon auf dem Weg zum Fluss. Sie schleifen ihren verletzten Kameraden mit rüber.
Wir schauen zu, wie sie versuchen, das Ross zu fangen. Offensichtlich haben sie keine Ahnung von Pferden. Irgendwann verschwindet das Pferd hinter einer Anhöhe und sie hintendrein. Dann sind sie weg. Ramir und ich sehen uns an.
Kurz darauf kommt Quro mit einem toten Fuchs. Sieht fast genauso aus, wie er selbst. Er wirft das Fell auf den Wagen. Das Fleisch reicht für drei Mann. Handon schläft. Wir beschließen, er ist krank und will sowieso nichts essen. Wir teilen den Braten fair.
In der Nacht hält Quro Wache. Er sagt, es war ruhig. Aber er roch Rauch. Das stimmt. Es riecht immer noch nach Rauch.
Nach dem Frühstück schläft Quro. Ramir bewacht das Lager. Handon sabbert und keucht. Seine Augenlieder vibrieren. Ob das irgendwas hilft? Das ganze Geschlafe hier geht mir langsam gewaltig auf den Sack. Es hält uns viel zu lange auf.
Sicher konnten die Flachköpfe gestern das Pferd nicht fangen. Wahrscheinlich ist es noch irgendwo da drüben. Ich werde nachschauen. Ich überquere den Fluss. Ein Kiesel rutscht unter meinem Fuß weg. Die Strömung reißt mich fort. Ich kämpfe mich an die Oberfläche, japse nach Luft und zappele mich dann doch irgendwie ans andere Ufer.
Ich stelle mir vor, wenn ich ein Pferd wäre. In welche Richtung würde ich laufen? Ich finde das Pferd relativ schnell in einem kleinen Hain. Es ziert sich zuerst. Aber ich bin mit Tieren aufgewachsen. Ich brauche nicht lange, und es ist mein Pferd.
Zaumzeug und Sattel sind unfassbar edel. Die Satteldecke ist prächtig gestickt. Auf der Rückseite finde ich ein Wappen. Ich kenne es nicht. Ich reiße es ab. In den Satteltaschen: etwas zu essen, ein silberner Spiegel und ein Kamm.
Das Pferd ist eines jener mächtigen Schlachtrösser, wie man sie nur aus Sagen kennt. Es verdient einen wahrhaft würdigen Namen. Es heißt, in den Südlanden nenne man Pferde „Horse“. Ich beschließe, ihn Horst zu nennen.
Als ich mit Horst zum Lager komme, reagiert Quro sehr eigenartig. Da ist dieses Glitzern in seinen Augen. Ich kann die Gier seiner Gedanken förmlich lesen. Ich kenne seinen unwiderstehlichen Einfluss auf Tiere. Ich werde ihn in einer der kommenden Nächte töten müssen.
Am frühen Mittag macht sich Ramir auf die Suche nach der Quelle des Brandgeruchs. Er entdeckt ein paar Kilometer flussabwärts eine Art Tempel. Er ist halb verfallen, erzählt Ramir später. Rund um den Tempel brennt es.
Der Tempel. Die Flamme. Die Schätze. Wahrscheinlich ist das der Ort, von dem der Sabbergreis in Fronfurt gefaselt hatte.
Nachdem Ramir mit seinem Bericht fertig ist, beschließen wir, gemeinsam hinzugehen und uns die Sache anzuschauen.
Als wir unser Lager verlassen, nehmen wir Horst, Handon auf dem Karren und Lutz mit.
Nach ein paar Kilometern kommt der Tempel in Sicht.
Das ganze Gebäude scheint zu brennen. Der Boden ringsum glüht und qualmt. Überall Asche. Brennendes Holz hier und da.
Wir nähern uns sehr vorsichtig.
An der Frontseite zieht sich ein meterhoher Riss die Wand hinauf. Ist wohl einiges eingestürzt. Dahinter Schwärze.
Ramir sieht für einen Wimpernschlag eine Feuersäule, die sich in der Dunkelheit bewegt.
Wir gehen weiter, bis wir zu einer ringförmigen Bodenwelle kommen, die rund um das Gebäude verläuft. Innerhalb der Bodenwelle sind Erde und Vegetation verbrannt. Außerhalb ist das Gras grün. Da drüben grenzt sogar ein kleiner Hain an das Inferno. Wir vermuten, dass wir außerhalb dieser Bodenwelle einigermaßen sicher sind.
Wir stellen Horst, Lutz, Handon und den Wagen in dem Hain ab. Ramir umkreist das Bauwerk wie ein hungriger Wolf. Er hat auf der Rückseite eine weitere Öffnung entdeckt. Er will unbedingt an die Schätze ran.
Ich weiß gar nicht, ob ich die Schätze will. Ich rieche Tod.
Ich schaue in die Glut. Gedanken kreisen. Keine Ahnung, ob sich mein scheiß Leben je gelohnt hat oder sich je lohnen wird. Es gibt nur wenige Momente, in denen die Realität so wunderschön, glasklar und rein vor uns steht, wie im Angesicht des Todes. Trotzdem glaube ich, mein eigener Tod würde mir verblüffend wenig Freude bereiten.
Ich entdecke im Gehölz unseres Haines eine überwucherte, schiefe Steinsäule. Direkt an der Grenze zur Bodenwelle.
Ich kratze das Moos ab.
Darauf steht, in dem Mausoleum lebt Fürst Felendil. Er wurde verflucht. Seine Frau wurde massakriert. Seitdem bewacht er als Feuermonster die schlafende Schönheit. Wie poetisch der Tod wieder einmal ist!
Quro hat seit Horsts auftauchen pausenlos davon gelabert, dass er auch ein Tier haben will. Er macht mich krank. Der Vorteil bei Wölfen ist wohl ihre lange Schnauze. Man kann sie wahrscheinlich recht einfach umfassen und zuhalten.
Jetzt sieht Quro auf einem glühenden Baum diesen jungen Raubvogel. Der ist verletzt.
Quro will ihn unbedingt haben und klettert am Stamm hoch.
Quro ist ein Wolf.
Er rutscht ab, verkrampft sich, jault, greift nach, zappelt und …
Fallschaden vom Baum zählt laut Regelwerk eher zu den seltenen Schäden – bei Wölfen völlig nachvollziehbar.
Quro fällt ein, dass er ja mit Tieren kommunizieren kann. Er rappelt sich auf, checkt seine Verletzungen. Dann ruft er den Vogel zu sich. Der flattert sofort zu ihm herab.
Quro streichelt und umsorgt ihn liebevoll. Ich biete für die Federpflege den feinzinkigen Kamm aus Horsts Satteltasche an. Schade. Hätte ich zu gerne gesehen.
Dann beobachten Ramir und ich fassungslos, wie unsere wertvollen Tagesrationen im Schnabel der Bestie verschwinden.
Aber auch Ramir! Ramir labert pausenlos, ich soll jetzt unbedingt mal Todesmagie anwenden, um das Monster da drin platt zu machen.
Fick dich, sage ich, ich bin fertig mit der Magie. Das weißt du!
Aber Ramir gibt keine Ruhe. Er will diesen Schatz.
Ich denke nach. Viele Todeszauber benötigen als Komponente Kristalle oder… kranke Tiere. Wir haben beides. Quro findet das nicht lustig.
Aber leider funktioniert Todesmagie bei Toten nicht. Magie ist hier sowieso völlig sinnlos.
Ich sage das Ramir und verziehe mich zum Nachdenken in den Schatten der Bäume.
Ramir springt förmlich auf und ab. Er will an diesen Schatz. Und wenn ich ehrlich bin, brauche ich ja auch ein bisschen Geld. Für einen scheiß Helm. Einen scharfen, handlichen Dolch. Ein Schwert vielleicht…
Wir müssen den Fluch da drin irgendwie zur Interaktion zwingen.
Ich trete versuchsweise in den Kreis und rufe: Fürst Felendil!
Aus dem Mausoleum tönt umgehend ein grauenerregender Schrei. Der schauerliche Klang flutet unser Bewusstsein. Droht das Gehör zu zertrümmern. Er greift nach unseren Herzen.
Als das Echo verhallt ist, schaue ich nach meinen Gefährten. Elb und Wolf liegen zitternd am Boden. Die Augen verdreht. Speichel tropft aus Ramirs Mund auf sein Wams. Als ich sie anspreche, reagieren sie nicht.
Ich setze mich neben Ramir und lege fürsorglich meinen Arm um seine Schulter. Pass auf, sage ich, du musst wieder zu dir kommen. Das war nur ein Schrei. Das war nicht schlimm. Glaub mir! Ich bin vom Fach. Ich bin Todesmagier. Ich weiß wie es ist, wenn Menschen sterben. Wenn sie langsam verwelken und grau werden. Sich von innen zersetzen. Oder sich in Pulver auflösen. Oder in Schleim. Explosionen sind auch manchmal ziemlich eklig. Aber das hier… hör mal, das war nur ein harmloser Schrei! – Da muss man jetzt kein Drama machen.
Aber es ist sinnlos.
Ramir verharrt stoisch in hypersensitiver Katatonie.
Ich schaue nach dem Wolfsmenschen. Der liegt erschöpft und schnarchend im Unterholz. Der pennt sich aus. Der kommt klar.
Handon liegt wie gewohnt mit vibrierenden Augenliedern auf dem Karren. Sein Zittern und Stöhnen haben sich seit gestern nicht wesentlich verändert. Der geht auch klar.
Aber Ramir macht mir Sorgen.
Doch als ich mich das nächste Mal nach ihm umdrehe, sitzt er plötzlich im Schneidersitz unter einem Baum und meditiert. Ich atme pfeifend aus. Elben! Ich hatte wirklich schon etwas an seiner Belastbarkeit gezweifelt.
Quro erwacht einige Stunden später, als die Sonne hinter den Horizont sinkt. Auch Ramir beginnt nach und nach, seine Glieder zu strecken. Schließlich steht er auf und hat Hunger. Proviant haben wir kaum noch. Aber Quros Vogel gedeiht prächtig.
Mit einbrechender Dunkelheit erkennen wir deutlich die Feuersäule, wie sie sich im Mausoleum bewegt. Unruhig. Ruhelos wandert sie im Inneren des Mausoleums auf und ab.
Neben uns knallt ein brennender Zweig. Ein paar Funken rieseln herab. Quro zuckt, fletscht die Zähne und springt zur Seite. Er sieht, dass ich ihn sehe. Er tut unbeteiligt: Was ist?!
Ich zucke die Schultern und gucke weg. Vorhin hat er versucht, auf einen brennenden Baum zu klettern. Jetzt hat er Schiss vor ein paar Funken.
Ich geh da jetzt rein, sagt Ramir. Wer kommt mit?
Quro sagt, ihn interessiert das da drin gar nicht. Er hat genug mit dem Vogel zu tun. Er kann seine Angst aber nicht völlig verbergen.
Als die anderen vorhin gepennt haben, habe ich nachgedacht. Der Fluch reagiert auf Ansprache. Wenn man es richtig macht, müsste man ihn also herauslocken können.
Schätze, sagt Ramir. Das Monster da drin mag Schätze. Du hast diesen perlenverzierten Spiegel.
Ist nur Silber, sage ich. Aber ich versuch´s.
Ramir rennt los. Er verschwindet in der Nacht. Ab und zu flackert seine Gestalt im Feuerschein auf. Er hetzt im Kreis entlang des Erdwalls. Dann verschluckt ihn der Schatten hinter dem Mausoleum.
Hochedler Felendil, rufe ich zuckersüß. Im Bequatschen von Adeligen war ich immer ein Meister. Ich bringe ein Geschenk für Euch!
Funken stieben auf. Aus dem Riss quillt eine finstre Gestalt. Höher als drei Männer übereinander. Sie brennt. Sie bewegt sich ruckartig und stockend. Sie schlurft durch den Kreis auf mich zu und wächst vor mir in schwindelerregende Höhe.
Aus den Augenwinkeln sehe ich Ramir gestikulieren und fuchteln. Dann verschwindet er hinter der Ruine.
Der Fluch beugt sich zu mir herab. Ich achte darauf, jedes meiner Körperteile außerhalb des Erdwalles zu halten, als ich ihm den Spiegel präsentiere.
Mein Fürst! (tiefe Verbeugung) Ich fand diesen Spiegel gestern mitsamt eines edlen Pferdes, und konnte nicht umhin, da ich durch Eure Ländereien (höfische Verbeugung) reise, Euch den Euch gebührenden Tribut zu entrichten (Verbeugung mit weit geöffneten Armen). Wenn Ihr ihn vielleicht gnädigst annehmen möchtet?
Der Fluch betrachtet den Spiegel kurz und sagt, ob wir Plünderer sind.
Oh nein, sage ich, mitnichten! (äußerst bekümmertes Gesicht) Ansonsten hätte ich mich ja sogleich aus dem Staube gemacht, und ihm auch den Spiegel nicht gebracht und auch nicht das edle Ross gezeigt, welchselbst übrigens dorthinten im nahen Hain zu sehen sei.
Der Fluch schaut zum Pferd, und sagt, das ist viel zu edel für uns. Ob wir doch Plünderer sind.
Dann tritt er einen Schritt zurück, wie um sich umzuwenden. Das Monstrum glüht und brennt. Asche rieselt runter. Kohlestückchen und Teile von Gliedmaßen fallen herab. Ich verstehe. Seine Zeit hier draußen ist nur kurz. Mein Gesprächspartner muss langsam zurück in das Mausoleum.
Keine Spur von Ramir.
Mein Fürst, sage ich, dies habe ich bei dem Rosse gefunden. Es ist ein Wappen. Aber ich kenne es nicht. Solltet Ihr es kennen, wäre es mir eine Ehre, dies edle Tier seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzubringen.
Der Fluch betrachtet das Stück Stoff mit dem eingestickten Wappen.
Das ist das Wappen der Familie Lavides, sagt er. Das sind sehr gute Leute. Sie werden Euch reich belohnen, wenn ihr ihr Pferd zurückbringt. Ich bin sehr froh, dass solch gute Leute wie ihr das Pferd gefunden haben. Gute Leute. Sie werden euch überreich belohnen.
Ein Teil seines Armes kracht knisternd und funkenstiebend zu Boden. Immer noch keine Spur von Ramir. Der soll sich verdammt beeilen.
Und wo, mein Fürst, wo finde ich diese Familie Lavides? Leider bin ich nur wenig ortskundig in diesen wunderschönen Landen!
Der Fluch wendet sich mir wieder zu. In diesem Augenblick sehe ich eine Gestalt hinter der Ruine hervorkriechen und winken. Sie zerrt und schleift einen langen Gegenstand hinter sich her.
Lavides? sagt der Fluch. Drei Tagesreisen im Westen liegt ihr Schloss. Ich wünsche Euch Glück, mein Freund! Ihr werdet reich belohnt werden.
Damit wendet sich der auseinanderfallende Riese ab und schlurft, in einen Schwarm stiebender Funken eingehüllt, zurück in die Dunkelheit seines Mausoleums.
Ich höre Ramirs Keuchen, lange bevor er neben mir aus der Dunkelheit auftaucht. Er trägt einen großen, silbernen Gegenstand auf der Schulter. Einen Kerzenleuchter.
Was für eine scheiß Gruft sagt er. Da drin ist praktisch nichts. Leeres Gebäude. Treppe runter. Zwei Steinsärge. Viel zu schwer zum Aufmachen. Zwei Kerzenleuchter. Sonst absolut nichts. Wir sind verarscht worden.
Er wuchtet den Kerzenleuchter von seiner Schulter und knallt ihn auf den Boden. Übermannshoch. Silber. Fertig.
Ich konnte leider nicht beide rausschaffen. Er japst. Zeit hat nicht gereicht.
Wir beschließen, so schnell wie möglich zu verschwinden. Da ist zwar diese Bodenwelle, aber man weiß nie. Wir knallen den Leuchter neben Handon auf den Wagen und reißen die Zügel der Tiere von den Baumstämmen.
Der Schrei aus dem Mausoleum ist anders als der erste: Diebe! Betrüger! Elende Würmer!
Keiner fällt um diesmal. Niemand wird bewusstlos. Nur Handons Augenlider vibrieren weiter, aber das ist ja normal.
Ich schmeiße meine Tasche auf Horsts Rücken und schwinge mich in den Sattel.
Schade. Der Fluch war eigentlich ganz nett. Ich mochte ihn irgendwie. Traurig, dass das alles so enden musste.
Erst nach vielen Meilen machen wir Rast.
Vom brennenden Mausoleum ist schon lange nichts mehr zu sehen. Quro geht auf Jagd. Es gibt schon wieder Fuchs zu Abend. Ramir und ich sind genervt.
Wir beschließen, die Reise nach Hohlheim zu verschieben. Wir müssen zuerst Horst loswerden. Er ist zu auffällig. Er weckt Interesse. Er ist kilometerweit zu sehen. Er ist eine Gefahr. Außerdem brauchen wir die Belohnung für Ausrüstung. Wir werden Horst bei den Lavides abgeben, die Belohnung einsacken und dann zurück nach Hohlheim und den Bierdeal abwickeln.
Auf der Weiterreise sehe ich von einem Hügel aus ein paar Reisende in unsere Richtung marschieren. Es sind unsere alten Freunde vom Fluss.
Wir beratschlagen kurz. Ramir will sie plündern. Ich will so schnell wie möglich weiter zu den Lavides. Wenn sich wieder jemand verletzt, müssen wir nochmal tagelang rasten, bis alle geheilt und ausgeschlafen sind.
Quro ist alles egal. Der verfüttert unsere letzten Essensrationen an seinen Vogel.
Quro und Ramir werden auf dem Weg bleiben. Ich werde mit Horst hinter der Hügelkuppe in Deckung gehen. Falls es schwierig wird, greifen wir ein.
Ich gebe Horst die Sporen. Nur ein bisschen. Unter mir entfaltet sich ungeahnte Kraft. Die Muskulatur des gewaltigen Schlachtrosses beschleunigt abrupt, es wendet spielend und kommt beim leisesten Gebrauch der Zügel zum Stehen. In mir flimmert irgend sowas glückliches, leichtes. Ich verkneife mir einen Schrei. Kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal solchen Spaß hatte, ohne dass jemand leidet.
Derweil treffen die vier Schwachköpfe auf dem Hohlweg auf Quro, Ramir und Lutz.
Ah! Wir kennen euch doch. Habt ihr mittlerweile unser Pferd gesehen?
Nö, haben immer noch kein Pferd gesehen, sagt Ramir.
Quro läuft ein paar Meter hinter dem Wagen und hat den Bogen klar.
Und wo ist eigentlich euer Freund, den ihr das letzte Mal dabei hattet.
Hat´s nicht geschafft, sagt Quro. Schade eigentlich.
Und was liegt da in den Decken auf eurem Wagen? Zeigt doch mal!
Ich würd aufpassen, sagt Quro, hat die Seuche erwischt. Bestimmt ziemlich ansteckend.
Oh, sagt der, na dann. Aber wenn ihr unser Pferd seht, sagt ihr uns bescheid, ja?
Klar doch.
Damit sind beide Gruppen aneinander vorüber.
In der folgenden Nacht habe ich wieder Wache. Der Mond quält sich durch die dichte Wolkendecke. Im Südwesten die geduckten Lichter von Hohlheim. Lavides lauert drei Tage westlich von hier.
Ich versuche mich zu konzentrieren. Aber ich fühle Horst unter mir. Wir donnern den Hügel hinab. Unter seinen Hufen brechen Knochen. Wie ein Racheengel schwinge ich den Kampfstab. Eine Sense. Einen Dreschflegel. Knochen splittern. Eingeweide gleiten in eleganten Bögen durch die Luft, umgeben von Auren schillernder Blutstropfen im Mondenschein.
Verdammte Scheiße, wir hätten ihre Helme haben können. Ihre Schwerter!
Sie könnten alle tot sein. Was für ein unverzeihlicher Fehler.
Ich ertappe mich, wie ich weinend und zitternd am Boden kauere. Die Fäuste in Grasbüschel gekrallt.
Mir wird bewusst, dass ich gerade versage. Ich darf nicht schon wieder meine Wache verkacken. Ich reiße mich zusammen, stehe auf, reibe mir die Tränen aus den Augen und stiere in die Dunkelheit.
Beim Frühstück teile ich den Jungs mit, dass ich Horst nicht eintauschen werde. Wir können direkt nach Hohlheim gehen.
Ramir klopft mir auf die Schulter. Endlich wirst du vernünftig sagt er. Er hat ja nichts gegen Belohnungen, aber das Pferd ist auf jeden Fall besser.
Quro sagt, er braucht sowieso keine Schätze. Aber Todesmagier sind echt krank im Kopf. Wissen selbst nie, welche Pläne sie gerade verfolgen.
Hohlheim ist etwas größer als Fronfurt. Wir schauen von einem Hügel darauf herab. Ein Flüsschen teilt es in der Mitte. Eine Mauer drumrum. Ein paar Hütten. Ein paar hölzerne Gestelle hier und da als Türmchen. Auf der anderen Seite geht das Dorf in Felsen über.
Wir nähern uns. Die Mauer ist nicht sehr hoch. Sie reicht nicht mal bis zum Schritt. Wofür gibt es sie überhaupt. Aber die Tore sind eindrucksvoll.
Ein hölzernes Schild mit einer Inschrift am Weg.
Wir ehren die Toten. Auf dass sie in Frieden unter uns wandeln.
Sollte man sich vielleicht merken.
Ein Mann kommt uns entgegen. Mütze. Pelze über der Schulter. Köcher. Bogen.
Ehre den Toten, sagt er. Kann man euch helfen? Mein Name ist Vike. Ich bin Jagdmeister hier.
Ehre den Toten. Wir wollen Handel treiben. Unterkunft. Stall für die Tiere. Kennst du Braumeister Yawim?
Vike bringt uns zu Yawims Gasthaus Drei Schädel.
Vor der Tür ein Schild. Zwerge und Bartträger nicht erwünscht.
Wir sagen, ob das auch für Ganzkörperbart gilt.
Vike schaut Quro an. Da müssen wir Yawim selbst fragen. Ist etwas eigen.
Die Pferde können wir an der Straße lassen. Hier klaut niemand.
Ich sage, ich will mein Pferd lieber in Obhut wissen.
Vike zeigt uns den Gutshof.
Matrone Gremla hängt Wäsche auf, als wir kommen. Sie schreit ihre Kinder an.
Vike sagt, Matrone Gremla ist OK.
Ehre den Toten! Gremla wird sich um die Pferde kümmern.
Was die genau fressen, will sie wissen. Das macht ein Silberstück im Voraus und drei für später.
Wir sagen, ob wir unseren Freund auf dem Karren auch kurz hier lassen können. Der hat bisschen viel getrunken. Aber wir holen ihn nachher sicher ab.
Kein Problem sagt Gremla. Ich schieb ihn einfach mit dem Wagen unters Dach. Da müsst ihr euch keine Sorgen machen. Das Dach ist absolut wetterfest.
Wir sagen, wer ein Silberstück im Voraus hat. Niemand. Nur einen übermannshohen silbernen Kerzenleuchter.
Ramir wühlt in Handons Taschen. Dann gibt er Gremla ein Silberstück.
Bis nachher ist unser Freund ja auf jeden Fall wieder nüchtern. Überhaupt kein Problem. Wir holen ihn dann ab. Das Dach ist garantiert absolut wetterfest.
Ehre den Toten!
Vike zeigt uns die Schmiede von Ness Vors.
Ehre den Toten!
Ramir zeigt Ness Vors den Leuchter.
Ness Vors sagt ob der geklaut ist.
Ramir sagt natürlich nicht.
Ness Vors hat nicht genug Geld um den Leuchter zu kaufen. Aber er könnte was draus schmieden.
Das ist aber nicht der Punkt.
Ich lasse mir noch Ness Vors´ Dolche zeigen. Einen besonders schönen soll er mir bis nachher zurücklegen. Ich werde ihn auf jeden Fall abholen.
Ehre den Toten!
Aus dem Gasthaus Hand der Toten kommt ein keifendes Weib. Vike sagt das ist Frau Pollmoor. Ihr gehört das Gasthaus. Aber sie ist ziemlich verrückt.
Ehre den Toten!
Auf dem Rückweg schaue ich zur Sicherheit kurz bei Horst vorbei. Man weiß nie. Horst frisst Kraftfutter. Lutz frisst Hafer. Der Wagen mit Handon steht unter dem wetterfesten Dach. Alles scheint normal zu sein.
Als wir ins Drei Schädel eintreten herrscht Schweigen. Alle wenden sich um und schauen uns an. Besonders schauen sie Quro an.
Quro geht zum Tresen. Ehre den Toten! Er bestellt drei Bier.
Der Wirt ist ziemlich klein.
Er sagt, was wir hier wollen.
Quro sagt wir wollen Bier.
Yawim schaut missgünstig.
Ich sage, dies sei ein Missverständnis. Wir kommen aus Fronfurt. Unsere kleine Expedition wurde eigens ausgesandt, einige Proben seines weithin gerühmtes Bieres zu erwerben. Der Ruf seiner herausragenden Meisterschaft der Braukunst sei weit mehr als ehrfurchtgebietend und habe unsere Auftraggeber bewogen, 25 Fass seines überaus exquisiten Oevres für unser Heimatdorf zu erringen.
Ich hoffe, was bei Adeligen funktioniert, klappt auch bei Braumeistern.
Quro verdreht die Augen. Er sagt, warum ich immer so Scheiße sülzen muss.
Yawim fällt die Unterlippe aufs Kinn. Man kennt sein Bier außerhalb Hohlheims? Das wusste er nicht.
Er wirkt fassungslos.
Ich sage, man erzählt sich, sein Bier soll ganz vorzüglich sein.
Er stellt uns drei Bier hin und sagt, ob wir was essen wollen.
Wir setzen an.
Verdammt, das Bier ist wirklich gut!
Ramir wickelt den Leuchter aus der Decke. Ob er den kaufen will.
Yawim sagt, ob wir vielleicht doch eher Plünderer sind.
Nein, sagen wir. Wir sind ehrbare Kaufleute.
Die Welt ändert sich. Der Nebel ist fort. Die Menschen werden nach und nach wieder mobil. Das Wissen um die Welt jenseits des eigenen Dorfes greift rasant um sich. Ganz neue gesellschaftliche Entwicklungen werden angestoßen.
Und wir als Gruppe sind natürlich Teil dieses dynamischen Prozesses. Wir sind Entdecker. Wegbereiter. Völkerverbindende. Reisende.
Yawim schaut mich an.
Quro sagt, warum ich immer so Scheiße rede.
Aber Yawim beißt an. Er will uns was zeigen.
Er führt uns ins Nebengebäude. Dort befindet sich die Brauerei.
Er wusste nicht, dass man ihn außerhalb von Hohldorf kennt. Besonders dass sein Bier so bekannt ist.
Natürlich verkauft er uns 25 Fass Bier.
Aber er hat ein Problem.
Er zeigt auf unsere Kleidung und sagt, ob wir wirklich Händler sind.
Natürlich sagen wir. Ehrbare Leute. Feste Prinzipien.
Es gibt da diese Frau Pollmoor. Sie ist Ortsvorsteherin. Sie hat den Ort im Griff.
In Zukunft will sie Brückenzoll für die Brücke einführen. Außerdem Wegezoll. Zoll an den Toren. Wohin soll das führen.
Wenn er das Bier exportieren will, wird es sehr, sehr teuer.
Wir verstehen das Problem.
Er sagt, es sind zwei Probleme genau genommen.
Das eine ist das Bier.
Wir sagen, das andere verstehen wir natürlich auch. Wir haben das gleiche Interesse. Das Bier soll ja auch in Fronfurt erschwinglich sein.
Yawim sagt, der Fluss fließt durchs Dorf. Man muss aufpassen, dass man nicht reinfällt. Dann ist man weg.
Das leuchtet uns ein.
Yawim nickt zufrieden. Er gibt Ramir 17 Silberstücke für den Leuchter.
Dann lädt er uns zum Essen ein.
Es ist spät, als wir satt und voll besten Biers die Treppen des Gasthauses hinauf in unsere Zimmer wanken. Ramir und ich haben die Silberstücke fair geteilt. Je sieben für uns zwei und drei für die Pferdewirtin. Wir haben Quro einen Anteil angeboten. Aber der wollte nichts.
Auf der Treppe fällt uns ein, Handon liegt immer noch im Karren auf dem Hof des Gutshauses.
Kein Problem, sagt Quro. Das Dach ist wetterfest.
Die Betten im Drei Schädel sind verdammt behaglich.

