Uvils Erinnerungen – 28
Ufils Bericht – 6.3.2026
Prolog
Die Gomla fand meinen letzten Bericht übrigens scheiße.
Vor mir Erdbeerkuchen und Kaffee.
Ich sage, wieso, ich hab mir echt Mühe gegeben.
Sie sagt, hältst du dich jetzt für so n Dichter, oder was, dass du da so rumschwurbelst.
Ich sage, halt´s Maul, Gomla. Niemand sagt mir, was ich zu schreiben habe.
Gomla sagt, und ich dachte, du bist n Todesmagier. Wenn ich so ne Laberbacke da sitzen haben will, dann kann ich mir ja gleich diesen doofen Bullwai zum Kaffee einladen.
Ich sage, den Bullwai ausgerechnet. Au weia. Das wär echt mies.
Der Abend
Aber ich will ja unser Abenteuer weitererzählen.
Wir sind also aus dem Bild rausgeprungen und haben das Scheißding an Ort und Stelle zerhäckselt und verbrannt.
Jeder mit dem Körper, in dem er aus dem Bild rausfiel.
Ramir war völlig aus dem Häuschen. Er. In meinem Leib. Einem heiligen Talisman. In vielen Jahren mit den exquisitesten magischen Quellen und Strukturen dieses Universums verwoben.
Bar des geringsten Hauches irgendwelcher Kenntnisse. Bar jeder Ahnung von den filigranen Zusammenhängen jener kosmischen Gewalten, mit denen er da hantierte, versuchte er direkt vor Ort – noch auf dem alten Gebetsplatz – möglichst krasse und verwegenen Zauber abzuziehen. Blanke Geilheit in den Augen.
Mal abgesehen davon, dass ich mich heute Abend ja nicht als Hund bei der Gomla blicken lassen konnte, und dass es auch absolut undenkbar war, diesen Drecksack an meiner Stelle zur Gomla zu schicken. Ich meine. Ich hätte ihn anschließend definitiv töten müssen.
Ich weiß nicht, ob es der Einfluss dieses mächtigen Gebetsorts war. Oder die Magie, die ja zum Teil auch eine Frucht des Geistes ist – unabhängig von dem Körper, in dem man sich gerade befindet. Vielleicht war es aber auch einfach nur das innige Flehen zu den Göttern, das den Spielleiter in der Höhe irgendwie dazu bewogen hat, Milde walten zu lassen.
Auf jeden Fall ist es mir gelungen, den Bann zu brechen. Und mit einem leisen „Puff“ flutschte jeder wieder in seinen eigenen Körper.
Ich glaube nicht, dass sich irgendein lebender Humanoid auch nur im Entferntesten vorstellen kann, wie erleichtert ich war.
Ramir war halt so richtig angepisst. Und das hat auch ziemlich lange gedauert, bis der wieder mit mir geredet hat.
Kann ich zwar total verstehen, dass das scheiße für ihn ist, wenn er wieder er selbst sein muss, aber…
Der hat echt gedacht, er darf jetzt ich sein, der Spinner.
Wir also das Bild zertrümmert, über Zenkils Feuerchen verbrannt und die Asche in ein paar Artefaktgläser abgefüllt, die ich ja immer dabeihabe.
Ich denke noch, verdammt. Das war jetzt vielleicht alles ein bisschen vorschnell. Ich meine, der Fluch ist ja noch nicht gebrochen. Stattdessen füllen wir gerade den einzigen Zugang zu Quetzel als Asche in kleine Artefaktgläschen ab und verkorken sie. Hätte man vielleicht erst mal drüber nachdenken sollen, ob das sinnvoll ist.
Pass doch auf, Mann, sage ich. Bullwai schüttet mir Asche über den Ärmel. So ne Schweinerei. Das muss doch jetzt echt nicht sein.
Ich glaub, das waren alle, sagt Quro. Er nimmt mir das Glas aus der Hand. Verkorkt es.
Ich klopfe mir die Asche vom Ärmel. Kann der scheiß Zwerg nicht aufpassen, verdammt. Das geht doch nicht weg von dem schwarzen Stoff.
Bravo. Nirvela klatschte in die Hände Bravo. Ich denke, ihr habt euch jetzt ein Bier verdient. Kommt. Ich lade euch ein.
Wir also diesen schmalen Weg runter ins Dorf.
Bemerkenswert viele Leute auf der Straße. Als wäre da irgendeine Veranstaltung.
Als wir zwischen ihnen durchgehen, weichen sie vor uns zurück wie eine Bugwelle.
Bauern drücken sich weg. Tuscheln über uns. Wir verstehen sie zwar nicht. Aber ihre Blicke lasten auf uns.
Bauern, sagt Narsika, Handons sprechendes Schwert. Ist da vielleicht jemand hässliches dabei.
Geh mir nicht auf den Sack, sagt Handon.
Ich schleppe das gewaltige, mit goldenen Beschlägen, mit in aufwändigen Mustern punzierten Intarsien versehene Zauberbuch an dem viel zu schmalen scheiß Riemen über der Schulter.
Ramir trägt das übermannshohe goldene Zepter mit dem gewaltigen Edelstein in der Spitze vor sich her. Direkt darunter pendeln die goldenen Quasten. Das Zepter überragt uns alle. Es gleißt in der Sonne. Über den Köpfen der Menschen, von allen Ecken des Platzes bestens sichtbar schillert der Stein an seiner Spitze in allen Regenbogenfarben.
Nirvela schiebt sich an Ramir heran. Wir sollten vielleicht schauen, ob wir das irgendwie…
Quatsch, sagt Ramir. Das sind alles Bauern. Die juckt das nicht.
Vielleicht, sagt Nirvela. Aber es gibt Leute, die kennen das Zepter.
Sie zuckt die Achseln. Ich konnte ja auch nicht wissen, dass das so ein riesen Scheißding ist.
Ich schließe zu den beiden auf.
Man müsste vielleicht was drumwickeln, sage ich. Einen Lappen. Oder so einen… Ich zeichne mit dem Finger eine Spirale in die Luft. So einen Verband zum Drumwickeln.
Ufil… , sagt Ramir, ausgerechnet du.
Er reckt das Kinn in die Höhe und schreitet an mir vorüber.
Wir erreichen das Wirtshaus Drei Schädel.
Betreten die Schankraum.
Nicht viel los heute.
Unser Stammtisch unbesetzt.
Setzen uns der Reihe nach auf die Bank.
Na, Männer.
Kaum sitzen wir, knallt der Wirt unsere Lieblingsbiers auf die Tischplatte.
Aber naja.
Es bleibt ein kurzer Abend.
Wir sind alle am Arsch. Angepisst voneinander. Genervt. Ramir tut sowieso, als wäre ich Luft.
Ich glaube, heute Abend ist mal dran, dass jeder seine eigenen Gedanken verarbeitet.
Ich mache mich zeitig auf den Weg.
Einfach mal Zeit für mich.
Ich schlendere allein durch Hohlheims Gassen.
Spätherbst.
Die klare Sonne. Steht niedrig. Scheint kalt.
Raureif auf den angespitzten Holzpfosten eines Lattenzaunes. Legt sich weich auf Schichten abblätternder Farbe.
Draußen, jenseits der kniehohen Stadtmauer zerfließt ein milchiger Schleier über der reifgrauen Landschaft. Tiere dampfen auf der Weide.
Die Schatten werden länger. Der helle Punkt am Himmel schmiert sukzessive Richtung Horizont ab.
Die Kälte ist kalt. Aber verglichen mit Quetzels Welt fast mollig warm.
Wäre dieser Moment mein letzter, denke ich, wäre er das letzte Abbild in meinem Geist, das ich mit in die Ewigkeit nehme. Ich glaube, das wäre ganz in Ordnung.
Schließlich kann die Sonne echt nicht mehr. Sie kracht einfach in den Horizont. Der verschlingt sie mitsamt ihren letzten, zappelnden Strahlen.
Danach wird es ziemlich kalt.
Ich beschließe, zur Gomla zu gehen.
Und die Entscheidung ist definitiv richtig.
Es wird eine atemberaubende Nacht.
Gomla verwöhnt mich nach Strich und Faden.
Frisch aufgebackenes Brot zum Frühstück. Dazu Eier und knusprig gebratenen Speck. Heißen, aromatischen Kaffee mit frisch gemolkenem Milchrahm. Weintrauben. Rosinen. Und eine Portion frisch geschlagener Butter.
Was will man mehr.
Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, mit der Gomla.
Anschließend mache ich mich auf die Beine und suche die Kollegen.
Die Gefährten
Ich finde Ramir und Quro im Gasthaus Drei Schädel.
Ramir tut immer noch so, als kennt er mich nicht.
Quro benimmt sich auch ziemlich merkwürdig. Ich will nicht wissen, was der scheiß Elb ihm für dumme Stories über mich gesteckt hat.
Aber immerhin. Sie kommen beide mit nach draußen.
Als wir über den Marktplatz schlurfen, erkennen wir draußen, jenseits des Mäuerchens, in der Landschaft, eine Bewegung.
Eine Person nähert sich Hohlheim.
Es ist Vajk, der Jäger.
Er trägt den Bogen auf dem Rücken. Zwei tote Hasen am Gürtel.
Er schlenzt routinierte die Beine über die Mauer.
Gut getroffen, sagt Quro. Nickt in Richtung der Hasen.
Naja getroffen, sagt Vajk. Vor allem Rostbrüder. Er wiegt den Kopf bedeutungsschwer.
Was redest du da für´n Scheiß.
Naja, sagt er, Zytera ist auf dem Weg hierher.
Zytera, sagt Ramir. Was soll´n das sein.
Zytera, sagt Vajk. Prophet von Rost.
Er nickt noch einmal. Die Augenbrauen gehoben.
Kommt direkt vom Feilscher. Will wohl nach Turm Olse. Aber da kommen die halt auch hier bei uns vorbei. Werden wohl im Laufe des Tages hier sein.
Turm Olse. Quro boxt den Jäger gegen die Schulter. Sag mal, hast du irgendwas von Turm Olse gehört.
Aua, sagt der Jäger. Naja. Wie es heißt, hat der Olse da ja schon ein Trupp Rostbrüder am Hals, die da rumlungern. Aber ich denke, der alte Haudegen kriegt das mal wieder in den Griff.
Und dieser… dieser Zytera. Der will da auch hin, ja?
Vajk kneift die Lippen aufeinander. Seine Haut seltsam grau.
Es heißt, sagt er, es heißt…
Man sagt, Zytera sei …
Er neigt sich zu uns. Flüstert.
Er sei ein dämonisches Wesen.
Nicht der Zytera, sondern das Zytera.
Er schaut uns mit großen Augen an. Nickt langsam.
Oha, sagen wir.
Ein Spinnenwesen, flüstert Vajk. Zwei Körper, aber nur ein einziger Kopf.
Er richtet sich wieder auf. Nickt abermals bedeutungsschwer.
Mich fröstelt
Aber nichts für ungut. Ich muss jetzt wirklich gehen.
Der Jäger weist auf die Hasen.
Die werden sonst echt schlecht.
Was werden die, sage ich.
Vajk nickt schnell. Ja… also, ich meine … Weil… Die werden halt sonst schlecht, die Hasen. Also sorry. Ich hätte euch ja wirklich gerne…
Neinnein, lass mal. Schon alles gut. Wir kommen klar. Kümmer dich mal um deine Hasen.
Vajk tritt unschlüssig von einem Fuß auf den anderen.
Dann stapft er mit großen Schritten in Richtung Ortsmitte. Sein Atem zieht als Dampf hinter ihm her. Bleibt immer wieder stehen. Schaut sich misstrauisch um.
Was für´n Idiot, sage ich. Spinnen haben gar keine Köpfe.
Quro schaut mich an. Schüttelt sich. Harte Nummer auf jeden Fall, das. Wir sollten jetzt besser nachdenken, was wir machen. Auf die Klippen vielleicht. Oder abhauen. Aber auf jeden Fall irgendwohin. In irgend einem Haus verstecken, oder so.
Jo, sage ich. Hauptsache nicht hier auf dem Marktplatz rumstehen, bis die kommen.
Jo, sagt Quro. Aber auch nicht in ein Haus. Wenn die das Dorf plündern. Dann sind wir nämlich echt am Arsch.
Glaube ich jetzt nicht, dass die das machen, sage ich. Die haben sicher andere Interessen.
Glaube ich auch nicht, sagt Ramir. Ich denke, die werden einfach den neuen Rostbruder absetzen. Dafür gleich das ganze Dorf evakuieren wäre übertrieben.
Aber wollten wir nicht ursprünglich den Bullwai besorgen gehen.
Bullwai ist in der Schmiede untergekommen. Der Schmied hat ihm zwischen Amboss und Esse ein Feldbett aufgebaut.
Der Zwerg ist verdammt gut drauf. Er hilft dem Schmied gerade dabei, seine Werkstatt umzuräumen, so dass der Arbeitsplatz effizienter eingerichtet und zwergischen DIN-Normen entsprechend strukturiert ist.
Wir sagen, es ist aber trotzdem wirklich wichtig, Bullwai. Du musst jetzt dringend mitkommen. Schmiede aufräumen hin oder her.
Danach treiben wir Zenkil im Drei Schädel auf. Ich ziehe ihm die Bettdecke weg. Die junge Frau rennt schreiend aus dem Zimmer.
Zenkil fragt verschlafen, was wollt ihr Penner denn hier. Um die Uhrzeit. Und er hat auch noch gar nicht gefrühstückt.
Handon finden wir bei der Pollmoor.
Handon ist bestens aufgelegt.
Er sitzt frisch gekämmt an Frau Pollmoors Esstisch, umgeben von den erlesensten Speisen, während die Alte ihn aufgeregt umtüttelt, Kaffee nachschenkt, sobald die Tasse leer ist und dafür sorgt, dass es Handon auch wirklich an nichts mangelt.
Handon strahlt übers ganze Gesicht.
Aber erst müsse er noch fertig aufessen, sagt die Pollmoor. Dann könne er zu uns rauskommen.
Wir setzen uns also auf Stühle und Hocker rund um den Esstisch und betrachten Handon, bis der endlich mit dem Frühstück fertig ist.
Zenkil stiert auf die dampfenden Brötchen. Die Wurst. Den Käse. Ist aber zu feige, zu fragen.
Als Handon endlich fertig ist, bringt die Alte ihm eine mit Blumen bestickte Serviette.
Handon tupft sich die Mundwinkel ab. Er reicht die Serviette zurück an Frau Pollmoor. Die nimmt sie strahlend entgegen, faltet sie zusammen und trägt sie auf ihren Handflächen in den Nebenraum.
Zenkil klaubt verstohlen ein paar Krümel von Handons Teller.
Gut sage ich, als Frau Pollmoor wieder da ist, lasst uns reden. Wenn die Rostbrüder kommen. Denkt ihr wirklich, das Dorf ist sicher.
So langsam mache ich mir nämlich schon bisschen Sorgen. Vor allem wegen der Gomla.
Sollen wir nicht vielleicht doch lieber die eine oder andere Person in Sicherheit bringen, sage ich.
Pollmoor winkt ab.
Niemand wird hier in Sicherheit gebracht. Willst du etwa eine Massenpanik auslösen, mit deiner blöden Aktion da.
Wir haben hier schon ganz andere Sachen durchgestanden, Junge. Die Pollmoor lässt streitlustig ihr künstliches Gebiss klappern.
Aber ihr, sie legt Handon sanft die Hand auf die Schulter. Ihr solltet wirklich erstmal von der Bildfläche verschwinden.
Und der Plunder da, sie wedelt mit der anderen Hand in Richtung von Ramirs Zepter, den versteckt mal lieber.
Wartet mal. Ich hab da was. Sie lässt die Hand von Handons Schulter gleiten und eilt ins Nebenzimmer.
Eine Truhe klappert.
Sie kommt wieder ins Zimmer gewackelt. Ein paar Rollen mit Leinenbinden in ihren Händen.
Hier. Kannst du um das Ungetüm da drumwickeln.
Danke, sagt Ramir. Greift nach den Rollen. Beginnt, das Zepter einzuwickeln. Die Bommeln und Troddeln an seiner Spitze abzubinden.
Als er fertig ist, zeige ich ihm, wie ich meinen Kampfstab so auf dem Rücken verstaue, dass ich ihn mit einem einzigen Griff ziehen kann.
Danke, knurrt Ramir. Tut dabei immer noch so, als bemerkt er mich nicht.
Anschließend machen wir uns auf den Weg in die Hügel.
Wir steigen den schmalen Pfad zu der Gebetsstelle hinauf, wo wir das Bild erst aufgespannt und später zertrümmert haben.
Die krallenartig in die Höhe ragenden Basaltsäulen.
Unser noch ziemlich frisch aussehendes Lagerfeuer.
Kommt mit, sagt Zenkil. Da hinten geht es weiter hoch. Ich habe das gestern alles ausgekundschaftet.
Wir folgen Zenkil den von Felsbrocken und schroffen Klippen durchbrochenen Höhenzug weiter hinauf.
Hier ist es, sagt Zenkil. Das perfekte Versteck. Da die Felswand. Wenn wir uns hier hin legen, überblicken wir die gesamte Landschaft. Und sind selbst praktisch selbst unsichtbar.
Quro und ich schauen uns trotzdem mal um.
Weit ab von allen logischen Marschrouten. Gut verborgen zwischen Felswänden.
Dahinten senkt sich die Landschaft. Einzelne Bäume. Ein Hain. Entlang des Grates ein prima Fluchtweg, durch Felsen gedeckt. Das perfekte Versteck.
Und, sagt Zenkil.
Ja. Zur Not, knurrt Quro.
Wir kehren zurück zu den Gefährten. Die liegen aufgereiht wie Räucherfische an der Geländekante.
In Deckung, zischt Ramir. Die sind schon da.
Wir werfen uns zu Boden.
Weit draußen in der Landschaft bewegt sich eine Kolonne von Rostbrüdern auf Hohlheim zu.
Zwanzig oder dreißig Mann. Sie marschieren in geordneten Dreierreihen über die Straße.
Der herbstliche Dunst lässt den Blick verschwimmen.
In der Mitte des Pulkes. Umgeben von Fahnen tragenden Rostbrüdern. Läuft etwas. Etwas Großes.
Die Banner verbergen es vor unseren Blicken. Aber es ist groß. Deutlich größer als ein Pferd.
Auf jeder Seite der Gestalt marschieren zwei Rostbrüder. Jeder von ihnen trägt ein riesiges Banner, mit dem sie das Ding in der Mitte beschatten.
Hat wirklich ein bisschen was von einer Spinne, sagt Ramir. Aber mit zehn Beinen oder so. Schätze ich mal.
Diese Scheiß Banner. Quro kneift die Augen zusammen. Im Schatten der Banner flimmern Lichtpunkte über die Kreatur. Größer, als ein Pferd auf jeden Fall. Deutlich mehr Beine, als ein Pferd.
Während sich der Zug nähert, erkennen wir nach und nach, dass auf diesem Körper zwei weitere Körper sitzen. Menschliche Körper. Wie die Leiber von Zentauren ragen sie empor.
Die eine Gestalt, zur einen Seite, hat lange Haare.
Die andere Gestalt, die in unsere Richtung schaut, hat einen langen Bart.
Schritt für Schritt nähert sich der Zug Hohlheim. Entlang der Straße. Parallel zum Fluss.
Schwer gerüstete Krieger in rostroten Gewändern. Jeder aber nur zwei Arme.
Die Beine des zentaurenartigen Spinnenwesens dick wie die Oberschenkel eines Mannes. Definitiv massiger als zwei große Schlachtrösser.
Die beiden menschlichen Oberkörper.
Der Mann hat einen langen, grauen Bart. Er wirkt alt. Ausgezehrt. Buschige Brauen über tief liegenden Augenhöhlen.
Sieht ziemlich fertig aus, sagt Quro.
Die Frau scheint deutlich jünger zu sein. Aber auch sie ausgezehrt. Lange, wuschelige Haare.
Rücken an Rücken von dem Spinnenleib aufragend betrachten sie die unterschiedlichen Landschaften zu beiden Seiten der Straße.
Ramirs Hände kneten das Gras an der Geländekante durch. Er schnauft laut. Das ist alles total widernatürlich.
Ich mache mich bereit, ihn festzuhalten, falls er auf die Idee kommt, aufzuspringen.
Diese Drecksäcke. Das ist ja alles völlig pervers. Die Rostkirche… Diese… Die Rostkirche gehört ausgelöscht. Aus. Ge. Löscht.
Ich drücke Ramir mit der Hand ins Gras. Sein Kopf knallrot. Die Hände fuchteln über die Grasnarbe.
Auch Quro starrt bleich und mit aufgerissenen Augen über die Landschaft.
Von den Spinnenbeinen stehen rostfarbene Borsten in alle Richtungen ab. Der darauf reitenden Männerleib und auch die Frau mit rostfarbenen Tüchern umwickelt, geschmückt mit Ketten, Amuletten und rostigen Haken.
Das ganze Spinnenwesen sieht aus, wie eine riesige rostende Maschine. Nur eben lebendig.
Als sich der Zug Hohlheims kniehohem Stadtmäuerlein nähert, hören wir das Schreien von Menschen. Der Marktplatz leert sich. Die Menschen ziehen sich in ihre Häuser zurück. Fensterläden schlagen zu.
Zwei Gestalten treten auf den leeren Marktplatz.
Vajk, der Jäger und die Pollmoor, sagt Ramir.
Die beiden schreiten über den leeren Platz auf das Stadtmäuerchen zu.
Vier Rostbrüder steigen über die Mauer. Überqueren das Flüsschen über die Holzbrücke. Gehen über den Marktplatz.
Der Rest des rostfarbenen Zuges bleibt außerhalb der Stadtmauer.
Eine dritter Mann kommt eilig aus der Stadt gelaufen. Knöpft sich im Laufen hastig die Hose zu. Gesellt sich zur Pollmoor und dem Jäger Vajk.
Der Wirt vom Drei Schädel, sagt Ramir.
Auf der Mitte des Marktplatzes treffen die beiden Gruppen aufeinander. Bleiben voreinander stehen. Die Hohlheimer verbeugen sich.
Ein kurzer Wortwechsel mit den Rostbrüdern.
Einer der Rostbrüder trennt sich aus der Vierergruppe. Die drei anderen verpassen ihm den Bruderschlag. Ehrenerweis unter Rostbrüdern.
Der geschlagen Rostbruder weist die Pollmoor, Vajk und den Wirt an, ihn zu begleiten. Gemeinsam verschwinden sie ins Dorf.
Die anderen Rostbrüder sammeln sich wieder außerhalb der Stadtmauer. Sie scheinen sich kurz zu sortieren.
Dann setzen sie ihren Weg Richtung Olse fort.
Oh mein Gott, keucht Zenkil, die anderen gehen ja nach Olse.
Schreck lass nach, sage ich. Wer hätte das gedacht.
Aber dann gehen sie ja direkt zu Vater, sagt Zenkil. Kommt. Vater braucht uns jetzt.
Er will aufspringen.
Reg dich ab, Ramir packt ihn am Hemd. Der Olse kommt schon klar. Der Jäger Vajk hat das vorhin selbst gesagt.
Und stell dir vor, wenn wir da jetzt auftauchen, sage ich, dann kriegt dein Vater erst recht Probleme. Schau uns doch an.
Olse ist außerdem selbst Rostbruder, sagt Ramir. Die betrachten ihn als einen der Ihren. Und eins weiß ich sicher. Alles, was dein Vater jetzt will, dass du möglichst weit von Turm Olse weg bist.
Zenkil reißt sich von Ramir los. Er wirft sich ins Gras.
Während der Zug sich von Hohlheim entfernt, sitzt er lange Zeit grübelnd im Gras.
Schließlich wendet er sich zu uns um.
Wisst ihr, manchmal denke ich, vielleicht haben die Rostbrüder ja doch irgendwie recht.
Die haben überhaupt nicht Recht, bellt Ramir. Was die tun, ist total pervers und krank. Die haben. Nicht. Recht.
Richtig, sage ich, Und genau das beweist ja auch, dass es falsch ist.
Aber diese Macht, sagt Zenkil, diese unglaubliche Stärke, die die haben. Ist das nicht etwas, das ins sich einen Wert hat? Ist das nicht etwas, womit man die Welt verändern könnte? Müssen wir uns deshalb dauernd verstecken, weil wir nicht verstanden haben, worum es auf dieser Welt geht? Während ihre Macht und ihre Stärke doch zeigen, dass die Götter ihnen gewogen sind.
Nein, sage ich. Macht und Stärke sind nur dann etwas Gutes, wenn sie auch dem Leben dienen.
Hört, hört, sagt Quro. Ufil, unser lebensbejahender Todesmagier. Er spuckt über die Böschung.
Was für ein Arsch.
Ich hebe die Hand. Hole aus zu einer fundierten Erklärung über die kosmische Bedingtheit von Leben und Tod. Wie Yin und Yang, die ineinandergreifen, einander bedingend sich…
Vajk taucht hinter einer Felszacke auf.
Verdammt Vajk, was willst du denn hier.
Du warst doch gerade noch unten auf dem Marktplatz mit den Rostbrüdern.
Die Frau Pollmoor hat mir gesagt, dass ihr euch hierher verpissen wollt.
Bist du wenigstens allein.
Was ist das denn für eine bescheuerte Frage.
Vajk rollt die Augen.
Was war das da unten für ein verfluchtes Monster. Zenkil springt auf Vajk zu. Packt ihn mit beiden Fäusten am Kragen. Weißt du, was das war. Ich habe so ein schreckliches Monster noch nie gesehen.
Vajk stößt ihn kurzerhand zur Seite.
Ich wollte nur kurz Bescheid sagen. Sie haben einen von ihren Männer für Hohlheim abgestellt. Völlig unbeschriebenes Blatt. Nicht mal Nirvela kannte den.
Zenkil schaut mit großen Augen in die Runde. Trollt sich dann beleidigt zwischen die Felsnadeln.
Gut, sagt Handon, dann sollten wir uns fürs Erste nicht mehr in Hohlheim blicken lassen.
Richtig, sagt Vajk. Erst mal Ruhe einkehren lassen. Bis wir wissen, was für einen Vogel wir uns da eingefangen haben.
Handon betrachtet die weite Landschaft. Der rostfarbene Trupp nur noch ein Punkt im Grau.
Handon nickt. Fürs Erste zumindest.
Alles klar, dann. Vajk reicht uns der Reihe nach die Hand. Er wendet sich um, wieder ins Tal zu verschwinden.
He, Leute. Wartet mal.
Vajk bleibt stehen.
He, Leute. Zenkil taucht zwischen zwei Felsnadeln auf, die sich vor der großen Felswand in die Luft recken. He, kommt mal. Ich hab da was Krasses entdeckt. Das müsst ihr euch unbedingt angucken.
Eine wirklich krasse Entdeckung
Das müsst ihr euch wirklich angucken.
Kommt einfach mit.
Wir folgen Zenkil den Hang hinauf.
Etwa auf halber Höhe der Felswand führt von der Wiese aus ein schmaler Sims in die steile Felswand hinein.
Kommt. Hier lang. Zenkil tastet sich über den Abgrund voran.
Wir folgen.
Der schmale Sims ist gerade breit genug für eine Person.
Wir schieben uns einer nach dem anderen hinter Zenkil über den schmalen Pfad.
Ramir nötigt Bullwai, vor ihm das steinerne Band zu betreten. Der Zwerg setzt ein paar tastende Schritte auf den Stein. Seine Hände flattern.
Jetzt hör schon auf, sagt Ramir. So tief ist das nicht.
Bullwai presst sich an den Fels. Die Hände seitlich an den Stein gelegt. Das Gesicht bleich. Starrt mit weit aufgerissenen Augen in die Tiefe.
Ich. Hasse. Das. Oben, stöhnt Bullwai.
Da geht´s echt nur ein paar Schritt runter. Das ist jetzt wirklich kein Hochgebirge. Ramir schubst den Zwerg vorwärts.
Schließlich erreichen wir einen Vorsprung.
Wir tasten uns um die Kante. Auf der anderen Seite weicht der Fels zurück. Eine kleine, grasbewachsene Fläche. Fast schon eine kleine Wiese auf halber Höhe in der Felswand. Wir finden alle bequem Platz.
Vor uns eine in den Felsen eingelassene Tür. Aus Stein.
Das ist doch mal echt krass, oder, sagt Zenkil.
Ramir schabt sich unterm Kinn. Interessant. Weißt du da was drüber, Vajk?
Vajk zuckt die Schultern. Klar. Ist ne alte Grabkammer. Kennt jeder hier. Dafür hätten wir nicht extra herkommen müssen.
Eine Grabkammer, sagt Handon. Das Aufblitzen von Gier in der Stimme.
Ja, wieso, sagt Vajk. Die Gräfin von Hohlheim halt. Im Grunde nichts Besonderes. Heult halt nachts manchmal rum. Aber sonst.
Die heult rum?
Klar, sagt Vajk. Die kommt da ja nicht raus. Die anderen Toten rennen nachts in der Stadt rum, und die muss drinbleiben. Ist schon scheiße für die.
Ramir tritt an die Tür. Befingert den massiven Fels.
Also eingeschlossen. Eine Adelige. Hat die was mit König Algoroth am Hut. Kennen die sich irgendwie. Aus alten Zeiten vielleicht.
Vajk schnaubt. Euer bekloppter König. Seit ihr den Idiot hier angeschleppt habt, ist die Stimmung in Hohlheim echt gekippt. Der schwingt die ganze Nacht große Reden auf dem Friedhof. Ständig Halligalli. Mittlerweile laufen die Nachbarn echt Amok.
Bullwai klopft mit dem Knöchel gegen die Felstür. Solide Arbeit immerhin.
Ich kann an der Tür keine Magie wahrnehmen. Wie es weiter drin aussieht, weiß ich nicht.
Ramir bleckt Vajk an. Aber wie muss man sich das denn jetzt vorstellen. Also die Gräfin heult nachts rum. Ich meine. Hört man die durch die Tür, oder was.
Ja klar, schon. Vajk wiegt den Kopf. Die schreit halt, dass sie raus will. Hallo. Hallo. Und so. Und manchmal steigert die sich da völlig rein. Kreischt stundenlang hysterisch rum. Die dreht dann völlig ab, die Alte. Das geht einem dann schon auf den Sack.
Verstehe, sagt Ramir. Und weiß man, warum die da drin ist.
Klar. Die ist halt wohl irgendwann… Vajk zieht sich den Zeigefinger über den Hals. Würd ich jetzt mal sagen. Er kichert.
So blöd kannst du doch jetzt wirklich nicht sein. Gibt´s Überlieferungen. Legenden. Irgend sowas. Quro verdreht die Augen.
Klar, grinst Vajk. Sowas gibt es. Ihr Mann hat sie wohl umgebracht. Oder vielleicht war es auch umgekehrt. Ich weiß es aber auch nicht mehr genau. Habt Erbarmen. Ich bin nur ein einfacher Jäger.
Ramir ist währenddessen auf die Knie gegangen und befummelt die Ritze unter dem Felsen.
Man könnte hier, Ramir stößt seine Hand gegen die untere Kante des Steins, man könnte hier ein bisschen Boden wegnehmen. Alles weiche Erde. Und dann den Stein so raushebeln.
Ramir vollzieht eine drehende Bewegung mit beiden Händen, um zu zeigen, wie er das meint.
Er hockt vor uns auf dem Boden. Schaut uns der Reihe nach an.
Ja, was ist. Das ist nicht mein erstes Grab, das ich öffne.
Gefällt mir gar nicht, sage ich. Was der Vajk da erzählt, klingt mir mal wieder ganz schwer nach einem Fluch. Wenn es da zu irgendwelchen magischen Wirkungen kommt. Die vielleicht sogar im Dorf unten spürbar sind. Und ausgerechnet jetzt mit dem neuen Rostbruder. Ich finde, erst mal Füße stillhalten und sich informieren.
Mach doch, sagt Ramir. Informier dich. Flitz runter ins Dorf. Frag am besten gleich den Rostbruder.
Er wühlt mit beiden Händen unter der Tür.
Die Tür läuft uns nicht weg, sage ich. Ich meine, wir sind hier in Hohlheim.
Quro hockt sich neben Ramir. Fängt an, mit den Klauen Erdreich zur Seite zu baggern.
Ihr habt sie ja echt nicht alle, sage ich.
Nach etwa einer Stunde liegt die Unterkante der Felstür frei.
Jetzt müssen wir sie mit einem Brecheisen raushebeln und dann nach unten rausziehen.
Gib mal das Zepter, sagt Quro.
Spinnst du. Ramir springt auf.
Was denn. Quro richtet sich auf.
Entspannt euch, sagt Handon.
Er setzt seinen Rucksack ab. Beginnt zu wühlen.
Na, wer sagt´s. Er hält ein langes, eisernes Brecheisen in der Hand.
Ihr habt sie echt nicht alle, sage ich. Ich stehe an der Kante des kleinen Plateaus. Da unten im Tal, einen Steinwurf entfernt wird gerade der neue Rostbruder inauguriert, und ihr grabt hier oben einen Fluch aus. Ihr seid echt nicht ganz dicht.
Ein knirschender, reibender Ton unterbricht mich. Die tonnenschwere Tür rutscht mir entgegen. Schlägt dumpf vor mir auf.
Staubwolken vernebeln die Szenerie.
Dahinter ein dunkler Tunnel. Der Muff von Jahrhunderten strömt uns entgegen.
Die Tür liegt vor dem Eingang auf der Erde. Bildet eine Art Rampe in das Grab. Dahinter führt der Gang schräg in die Tiefe.
Mysterien der Grabkammer
Ich hätte ein paar Fackeln dabei, sagt Quro.
Danke, sage ich.
Ach, der Herr beteiligt sich jetzt doch … Quro hebt eine Braue.
Ich reiße ihm die Fackel aus der Hand.
Wir schieben uns auf allen Vieren über die lose liegende Platte. Sie schwankt ein bisschen.
Als Quro darüber klettert, knirscht sie hörbar. Die Platte senkt sich mit einem Ruck. Quro schmiert ab. Schlittert über den Felsbrocken. Fängt sich ab. Schlägt sich das Knie an. Erleidet minus eins auf Stärke.
Verdammt. Quro tupft sich Blut vom Knie. Was für eine Scheiße immer. Dann stemmt er die Fackel in die Höhe und macht sich auf den Weg den Gang hinab.
Der Tunnel ist gemauert. Die Wände zu beiden Seiten gegliedert mit Halbsäulen und Pilastern. Auf den Wandfeldern dazwischen Masken. Dämonenfratzen.
Wir marschieren eine Weile in die Tiefe.
Vor uns schimmert ein grünliches Licht.
Eine Stimme, sagt Quro.
Jemand jammert.
Ich spüre tatsächlich einen bösen Fluch an diesem Ort.
Er erinnert mich an diesen Aschedämonen, mit dem wir zu Beginn unserer Reise aneinandergeraten sind. Auch er war ein Fluch. Auch er hatte das Grab einer Adeligen bewacht.
Die Grabkammer selbst ist viereckig. Die Wände mit Bildfriesen ausgeschmückt.
In der Mitte ein Feuerschale, in der eine grüne Flamme lodert.
Eine Wand öffnet sich in den Gang, aus dem wir kommen.
In den anderen drei Wänden Nischen, darin aufgebockt steinerne Särge.
Der linke Sarg ist klein. Ein Kindersarg, wie es scheint.
Oder ein Hobbit.
Halt´s Maul, Bullwai.
Zu Füßen des kleinen Sarkophags kauert eine Frau. Schwarz und blau gekleidet. Die Frau ist blass. Mehr als das. Eigentlich fast durchsichtig.
Sie schluchzt. Wimmert in einer fremdartigen, schmatzenden Sprache.
Der Fluch liegt eindeutig in der Feuerschale. Das ist so offensichtlich. Das grüne Feuer fesselt die Geister ans Leben und fixiert sie an diesen Ort.
Ich wende mich zuerst an die Frau.
Meine edle Dame. Welch Ehre, Euch zu treffen. Des Adels wahre Würde strahlt aus Euren Zügen.
Die Frau schaut auf.
Das Gesicht von Verwesung entstellt.
Wie lautet Euer werter Name, wenn ich zu fragen mich erdreisten darf. Und was beliebt Ihr an diesem Orte zu tun.
Das ganze höfische Gesülze halt, das man mir damals andressiert hatte.
Verzeiht, Herr. Ich habe wohl soeben die Sprache meiner Ahnen benutzt. Wie unhöflich.
Ach, gar kein Ding, sage ich. Ähm… Dies sei Euch unbenommen. Aber sagt, edle Dame, wer seid Ihr.
Sie mustert mich. Gräfin Ursula. Gemahlin des edlen Grafen von und zu Hohlheim. Mutter des geliebten Sohnes. Sie schluchzt laut auf.
Ich wähne Euch arg bekümmert zu sein, sage ich. Was ist euch zugestoßen.
Sie seufzt tief. Betrug und Verrat sind über uns gekommen. Mein Mann. Mein geliebter Sohn.
Ihr wurdet verraten? Doch… wie kann das sein?
Wir vertrauten auf Algoroths Versprechungen. Mein Mann folgte ihm treu in seinen Feldzug gegen Zygofer.
Gegen Zygofer, sage ich.
Ja, Zygofer. Aber uns widerfuhr Verrat. Zygofer hatte sich in Wahrheit mit dem alten König verschworen, so deucht mir. Mein Sohn ward ergriffen und eingekerkert. Allein gegen meinen edlen Gemahl als Pfand konnte ich ihn austauschen. Aber es half nicht. Der König und sein böser Zauberer töteten beide. Meinen Mann und meinen…
Sie seufzt und streichelt die Oberfläche des kleinen Sarkophags, vor dem sie sitzt.
Und jetzt ist mein Sohn… mein Sohn…
Sie schluchzt laut auf.
Ramir schiebt sich nach vorne. He. Hab ich das grad richtig verstanden. Zygofer und Algoroth waren Verbündete? Aber wieso hat sich Euer Mann da überhaupt reingehängt.
Die Frau schluchzt. Ach, mein edler Gemahl. Nicht länger konnte er es erdulden, nicht länger es ertragen, dieses Ausbrüten von Monstrositäten auf Wetterstein.
Die Frau schluchzt auf. Beide sind sie hier verstorben. Der Vater wie der Sohn. Mein kleiner Schatz. Noch keine zwölf Winter hatte er erlebt.
Und also hat Zygofer Euch hier gebunden, sage ich.
Ach, Herr. Woher weiß denn ich von solchen Dingen, ich einfältige Frau. Die Frau schaut mich blass an. Es sind die Machenschaften des bösen Zauberers. So will mir scheinen.
Verstehe, sage ich. Ich verbeuge mich mit einer gezierten höfischen Geste. Ich danke Euch, edle Dame.
Ich wende mich von der Frau ab.
Mein Eindruck erhärtet sich, dass dies ein immer wiederkehrendes Muster auf unseren Reisen zu sein scheint.
Da war das Mausoleum zu Beginn. Mit dem Aschedämon als Schutzgarant einer verstorbenen Liebe.
Dann diese Höhle, die wir erkundet (und geplündert) hatten, in der ein edles Paar in einem Sarkophag lag. Die magischen Ringe ein Teil ihrer Liebes- und auch Leidensgeschichte.
Hier nun ist es eine grüne Flamme.
Aber immer sind es Grüfte edler Paare, deren tragische Liebesgeschichten durch einen Fluch am Vergehen gehindert werden.
Und wie es aussieht, war es immer Zygofer, der diese Leute gebunden hat.
Aber was wollte er damit bezwecken.
Ist doch scheißegal, jetzt, sagt Quro. Lös einfach den Fluch und gut.
Ja, sagen die anderen. Ist scheiße hier. Je schneller wir hier raus sind, umso besser.
Gut. Wie ihr meint.
Ich analysiere den Fluch. Er bewegt sich auf Machtstufe vier.
Den kann ich locker mit einem Machtwort auf Stufe fünf knacken, ohne dafür auch nur ein magisches Missgeschick zu riskieren.
Ich zücke mein Notizbuch. Ich sage, wow. Ich bin echt ein Tier.
Ich werfe eine Prise Eisenspäne über die grüne Flamme und spreche dazu das Machtwort in der korrekten Vibrationsstufe.
Es gibt eine heftige Verpuffung.
Meine Gefährten reißen die Hände vors Gesicht.
Die grüne Flamme schießt aus dem Gefäß in die Höhe, verweilt einige Augenblicke zitternd unter der Decke der Gruft.
Dann zentrifugiert sie kreischend ein paar Mal um uns herum. Wirft unsere flackernden Schatten wie das wirre Theaterspiel eines geisteskranken Regisseurs an die Wände rings um uns, ein rötlich zuckendes Nachbild auf der Netzhaut hinterlassend.
Schließlich wedelt die Flamme in den Gang nach draußen und zischt wie ein grünlicher Wind den Tunnel hinauf ins Freie.
Um uns düstere Stille.
Das Blaken der Fackeln in unseren Händen.
Das nur langsam nachlassend Flimmern wirrer Farbspiele auf der Netzhaut.
Die Frau kauert am Boden.
Transparent. Durchschimmernd.
Doch etwas manifestiert sich in ihr.
Ihre Transparenz gewinnt an Materie.
Zunächst wie wirbelnde Nebel, die in sie einströmen, sie nach und nach ausfüllen zu einem milchigen Ganzen, das schließlich einen knackig pergamentfarbigen Hautton ausbildet.
Würgendes Grunzen presst sich aus ihrer Kehle.
Sie klappt in Embryonalstellung zusammen.
Ein Fuß rutscht etwas nach.
Dann Ruhe.
Ich beuge mich über sie. Begutachte sie.
Sie ist tot.
Richtig tot oder untot, sagt Quro.
Keine Ahnung. Aber die geistige Präsenz ist definitiv raus. So wie die hier liegt würde ich sagen, ist sie eine Leiche wie jede andere.
Ich richte mich auf. Einmal schnell umgucken, und dann nichts wie raus hier. Nicht, dass der Fluch irgendwas in Hohlheim ausgelöst hat.
Scheiß drauf, sagt Ramir.
Nee, sage ich. Keinen Bock auf Rostbruder. Mal nachschauen, wo dieses komische magische da Signal herkam. Oder so. Brauchen wir nicht.
Wir zerren die Steinplatten von den Särgen.
In dem kleinen Sarg liegt sich tatsächlich das Skelett eines Jungen.
Er trägt einen wertvollen Dolch bei sich. Und ein Amulett. Das Herrschaftszeichen von Hohlheim, wie man an der Prägung erkennt.
Ich nehme das Amulett an mich. Es dürfte sieben oder acht Silber wert sein. Ich werde es aber aufbewahren, bis sich jemand findet, dem ich es rechtmäßig übergeben kann.
Schau an, schau an, sagt Quro. Unser Ufil. Nicht mehr nur Todesmagier. Sondern neuerdings auch als Grabschänder berüchtigt.
Halt doch die Fresse, du Idiot, sage ich. Du weißt genau, dass ich es nur in Obhut nehme.
´türlich, sagt Quro. Obhut. Würde ich auch sagen, wenn ich in deiner Haut stecken würde.
Tuste aber nicht, sage ich. Aber ich war schon mal in deiner, übrigens. War echt übel, da drin. Jetzt ist mir klar, warum du so´n Wichser bist.
Ich wende mich dem großen Sarkophag zu.
Darin Standardritter mit Kurzschwert, Langschwert, Kettenhemd, Helm. Das gängige Modell.
Bemerkenswert ist aber das weiße Horn neben ihm. Perlmuttglänzend. Kupferbeschlagen. Mit einer edlen, fein ziselierten Zeichnung wie wirbelnde Wolkenmuster.
Ein herrschaftliches Musikinstrument. Meisterhaft gefertigt aus dem Elfenbein irgendeines meeresbewohnenden Tieres.
Daran ein Schultergurt.
Die Magie weht mir wie eine Strömung entgegen.
Und das entspricht auch dem Charakter des Instruments.
Bläst man hinein, erschafft es einen Windstoß, so stark, dass er Türen aufblasen, Feinde niederwerfen, Schiffe antreiben, Feinde von Klippen stoßen kann. Es ist ein Fernkampfangriff mit einem 10er Artefaktwürfel. Dazu kommt jede Runde, in der man den Ton halten kann, +1 Waffenbonus.
Das nehm ich, sagen Ramir und ich zugleich.
Wir schauen uns an.
Nimm du es, sagt Ramir leichthin.
Ich. Verblüfft.
Wie, jetzt.
Wer ist denn hier der scheiß Zauberer. Ramir wendet sich ab.
Ramir? Geht es dir gut?
Jetzt tu nicht rum, sagt Ramir. Nimm´s einfach, und gut.
Ramir mustert mich.
Pass halt nur auf, dass Algoroth keinen Wind davon kriegt. Falls der das kennt, reagiert der vielleicht allergisch.
Danke, Mann. Ich betrachte das Horn. Das weiß ich zu schätzen.
Nix danke. Du Idiot verstehst einfach nur die Zusammenhänge nicht.
Zygofer hat den Blutnebel erzeugt. Er hat die Dämonen erschaffen. Wir haben sein Labor auf Wetterstein selbst erkundet.
Aber gerade eben haben wir erfahren, dass Algoroth offensichtlich mit Zygofer verbündet war. Wir wissen beide, dass da elfische Vorfahren ihre Finger mit im Spiel hatten.
Und das bedeutet.
Ramir macht eine lange Kunstpause. Eine elegante Bewegung seiner rechten Hand.
Das bedeutet, dass ich als Elf dieses Horn nicht besitzen sollte. Logisch, oder.
Logisch, sage ich und schüttle den Kopf.
Ich drücke das Horn an meine Brust.
Aber eins muss ich noch loswerden, sagt Ramir. Dass Algoroth mit Zygofer unter einer Decke steckt, das schockt mich schon. Für mich war Algoroth immer der Gute in der Geschichte.
Weiß nicht, sage ich. Hätten wir eigentlich selbst drauf kommen können. Wir sind ja sogar auf ihrer gemeinsamen Burg rumgestiefelt.
Ich grüble.
Aber dann denke ich wieder an diesen Spalt, der die beiden Burghälften praktisch auseinanderreißt. Ziemlich unnatürlich, das Ding, wenn du mich fragst. Magisch auf jeden Fall. Eher so, als hätte es zwischen denen richtig geknallt.
Quatsch, geknallt, sagt Ramir. Da hat gar nix geknallt. Das waren dicke Kumpels. Da diskutier ich doch gar nicht drüber.
Wir hören Zenkils helle Stimme.
Alles klar bei euch, da unten.
Was willst du denn schon wieder, sagt Ramir.
Weiß auch nicht. Da kam nur gerade so´n grüner Windstoß aus der Gruft.
Reg dich ab, Mann, sagt Ramir. Wir kommen sowieso gleich raus.
Er schüttelt den Kopf und schaut mich empört an.
Was für ein Spinner, da oben. Über die Phase der Grabräuberei sind wir doch längst hinaus.
Er wendet sich ab und marschiert den Gang hinauf.
Ich stehe in der Grabkammer.
Schaue Ramir nach.
Das Horn in meiner Hand.


