Uvils Erinnerungen 20

On the road again

Auf dem Hof vor Olses Turm. Wir sind abmarschbereit.

Handon wartet bereits auf dem Wagen. Fettige Haare. Sollte dringend zum Barbier.

Kettenhemd. Helm.

Daneben Quro. Den Schwanz unruhig hin und her pendelnd läuft er hinter dem Wagen auf und ab.

Schläfrige Stille auf dem Burghof. Der Himmel über Olse wie immer grau. Stürmisch. Raben. Rauch.

Ramir kommt um die Ecke. Macht sich noch eben die Hose zu. Rückt sich das Gehänge zurecht. Langbogen und Köcher über der Schulter. Zwei Falchions rechts und links. Schild. Lederrüstung. An der Seite eingetrockneter Blutfleck.

Die Zugbrücke rasselt nieder. Olses Männer schuften im Torkastell an der Kettenmaschine. Auf den kleinen Plattformen daneben, die sowas wie einen improvisierter Wehrgang sein sollen, paar Bewaffnete.

Darüber endlos grauer Himmel. Der karge Wind zerrt zerfetzte Wolken übers Firmament.

Bullwai watschelt von der Schmiede heran.

Rückt seinen breitkrempigen Helm zurecht.

Die Delle hat er nicht ganz rausgekriegt, sagt er. Und das, obwohl er Zwerg ist.

Schwarz gekleidet. Schwarze Rüstung auch. Behauptet ja, sie sei mehrfarbig. Schwarzes Wappen auf schwarzem Grund. Wir könnten das nur nicht sehen. So ein Spinner.

Immer noch die alte einschneidige Axt. Den runden Schild. Sein riesiger Rucksack. Fast größer als der Zwerg selbst.

Er schaut trotzig und abenteuerlustig unter seinem Helmrand hervor.

Und schließlich ich.

Olse hat sich sehr freundlich von mir verabschiedet. Noch paar Ratschläge mit auf den Weg gegeben. Die eine oder andere magisch-meditative Wegweisung.

Ich lungere noch etwas bei den Stallungen rum. Kann mich schlecht von Horst trennen.

Wirst sehen, Horst, sage ich. Bin bald wieder da. Dann werde ich die Welt gerettet haben, und wir zwei reiten ohne Plan einfach so durch die Lande. Einfach so.

Horst schnaubt.

Was bist du auch so pessimistisch, Horst, sage ich. Tätschle seine Nüstern.

Horst schüttelt die Mähne.

Doch, doch. Ich bin Todesmagier. Ich hab´s dir gesagt. Ich werde der größte Magier aller Zeiten sein. Keine Sorge.

Horst schnaubt nochmal. Reibt seine Nüstern an meinen Kopf.

Ich schlage mit der flachen Hand gegen Sturmhauch an meinem Gürtel.

Das Ding hier hab ich überlebt, sage ich. Den Fuß habe ich überlebt. Glaub mir. Ich bin hart im Nehmen.

Außerdem hab ich ja nen Helm auf.

Ich lache.

Und wenn´s ganz hart kommt, dann zieh ich einfach die Kapuze über den Kopf.

Ich ziehe mir die Kapuze ins Gesicht.

Horst schüttelt den Kopf.

Nicht lange nach diesem Gespräch sind Horst und ich bereits weit voneinander entfernt.

Statt von Burghof sind wir von karger Landschaft umgeben.

Steife Brise. Gräser wiegen sich im Wind.

Der Karren rumpelt monoton den Weg entlang. Davor hoppelt Lutz.

Hinter uns wird Olses Turm kleiner.

Quro abseits. Mal in Sichtweite. Mal in irgendeinem Unterholz verschwunden. Der Schleicher der Wälder. Ganz, wie man es von ihm gewohnt ist.

Aber im Augenblick läuft er direkt neben dem Wagen her. Seit wann sucht denn der unsere Nähe?

Knurrt zu Handon rüber.

Rieche was. Minotauren. Fahrt schon mal kurz vor. Ich komm gleich nach.

Hebt die Hand zum Gruß.

Verschwindet hinter den Hügeln.

Na bitte. Wie erwartet.

Wir besprechen die Aufgaben der ersten Etappe. Handon findet den Weg. Ich halte Ausschau nach möglichen Angreifern.

Ich vermisse Horst. Je länger wir unterwegs sind, umso mehr.

Normalerweise pflege ich ja über die Flanken zu reiten. Manchmal etwas voraus. Manchmal etwas hinterher. Immer, um den bestmöglichen Überblick über die Umgebung zu bekommen.

Jetzt. Zu Fuß. Mein Bein schmerzt. Die hölzerne Fußprothese reibt mit jeder Meile mehr Haut vom Beinstumpf.

Ich habe keine Augen für die Umgebung. Im Augenblick sichere ich höchstens den Staub auf der Straße.  Jeder Schritt eine Qual.

Ich suche den Weg vor mir nach Schlaglöchern, Steinen und sonstigen Unebenheiten ab. Das sind meine wahren Feinde.

Jedes Mal, wenn ich doch mal den Kopf hebe, ist der Rest der Gruppe weiter voraus als zuvor.

Es ist demütigend. Ich leide innere Kämpfe. Aber schließlich geht es nicht anders.

He, sage ich. Hört mal.

Nichts.

Ramir sitzt mit Handon auf dem Wagen. Beide unterhalten sich lebhaft. Der Wagen rumpelt weiter.

He, da vorne. Hört ihr mich.

Nichts.

Haa-loooo.

Ramir dreht sich um. Sagt was zu Handon.

Der Wagen hält an.

Will vielleicht mal jemand mit mir tauschen, sage ich matt.

Was. Ich höre Ramirs Stimme von ferne und nur sehr leise.

Tauschen, sage ich. Will mal jemand mit mir tauschen.

Ich zeige mit der Hand, was ich meine. Tauschen.

Keine Antwort.

Ich humple los, so schnell es eben geht.

Es dauert eine Ewigkeit, bis ich am Wagen ankomme. Die Rippen schmerzen. Mein Bein eine einzige Fleischwunde.

Bullwai steht neben Lutz. Die Arme verschränkt. Tippt ungeduldig mit der Fußspitze. Schaut peinlich berührt an mir vorbei.

Handon und Ramir blicken stur geradeaus. Tun, als sähen sie mich gar nicht.

Entschuldigung, japse ich. Aber mein Fuß. Ich kann einfach nicht mehr.

Ich stütze die Hände auf die Knie und keuche.

Aha, sagt Ramir. Und was sollen wir jetzt damit anfangen.

Vielleicht sollte ich besser auf dem Wagen mitfahren, keuche ich. Ich halte sonst nur alle auf.

Wie soll das denn gehen, sagt Ramir. Der Wagen ist doch voll.

Ja, keuche ich. Jemand müsste absteigen.

Ramir schaut mich an, als sei ich geisteskrank.

Wie stellst du dir das vor. Handon lenkt den Wagen. Der kann nicht absteigen.

Ich versuche meinen Atem unter Kontrolle zu bringen.

Ja… aber du… du könntest doch…

Ich. Ramir schaut mich aufrichtig verblüfft an.

Dann lacht er. Du hast ja vielleicht Ideen.

Lass den Scheiß, sage ich. Runter da.

Ich packe den Elben am Kragen. Schicke mich an, ihn vom Wagen zu zerren.

Er hebt beide Hände in die Luft.

Ist ja schon gut, Alter. Reg dich ab. Wollte mir sowieso gerade ein bisschen die Füße vertreten.

Er steigt betont langsam vom Karren. Betastet seinen Kragen. Ob noch alles heil ist.

Nur weil dein Fuß ab ist, musst du ja nicht gleich gemeingefährlich werden. Kann ich ja nix für.

Bietet mit übertrieben höflicher Geste den Sitzplatz an.

Bitte, mein lieber Ufil. Hier ist mein Sitzplatz für dich. Nur für dich allein. Weil wir uns doch alle nichts anderes wünschen, als dass du glücklich bist.

Er wendet sich ab, spuckt aus und marschiert los.

Ich klettere auf den Karren.

Handon zerrt grob an Lutz´ Zügeln.

Der Esel setzt sich angepisst in Bewegung.

Es geht weiter.

Wir marschieren nach Karte. Immer auf dem Weg bleiben. Immer geradeaus. Bis da so ein Pfosten am Wegesrand auftaucht. Dann müssen wir nach Norden abbiegen.

Wir rumpeln stundenlang geradeaus. Dann sehen wir irgendwann den Pfosten.

Handon zwingt Lutz in eine scharfe Linkskurve Richtung Norden.

Es dauert nicht lange, und die Landschaft verändert sich.

Der Boden sackt merklich ab. Ein Tal zeichnet sich vor uns ab. Am Horizont zerklüftete Bergspitzen. Wir schätzen etwa zwei Tagesreisen.

Dazwischen erstreckt sich eine weite Ebene. Auf der Ebene spiegelnde Wasserflächen. Könnte ein Sumpfgebiet sein.

Wir rumpeln einige Meilen sanft abwärts. Als wir unten ankommen, verändert sich der Untergrund schlagartig.

Bisher fester Erdboden. Saftige Wiesen zwar, aber trotzdem trocken und fest.

Jetzt plötzlich von einem Schritt auf den anderen feuchter Untergrund. Eine tiefe, federnde Wiese. Nass. Fett.

Von einem Schritt auf den anderen spüren wir die Fremde.

Tatsächlich liegt vor uns Marschland. Sümpfe. Grundwasser, das auf weiten Flächen zwischen den Grashalmen steht.

Handon sagt, wir müssen absteigen. Sonst fahren wir uns fest. Den Wagen aus Schlammlöchern ziehen kostet Kraft und Zeit.

Bullwai sagt, wir könnten doch um die Ebene herum laufen. Bisschen weit vielleicht, aber wenigstens bleiben die Füße trocken.

Ich stelle fest, dass ich seit der Nummer mit Arrens Rettung und dem Mantikor unter einer akuten Umwegsphobie zu leiden scheine.

Zum Glück stehe ich mit meiner Meinung nicht alleine da. Wir entscheiden, der Umweg ist zu weit. Wir werden die Ebene auf möglichst geradem Weg durchqueren.

Das Grauen der Sümpfe

Ramir führt. Er strapaziert und erhält umgehend drei Schaden auf Verstand.

Da sind diese Mückenschwärme, die hier im Schlammland über dich hereinbrechen. Die vor deinen Augen flirren. Auf dich niedergehen wie Wolken aus kristallisiertem Zorn. Schonungslos jeden Zentimeter deiner Haut durchlöchern. Jeden Funken klaren Verstandes zu breiigem Matsch unter deiner Schädeldecke werden lassen. Böse, wahnsinnig machende Mückenschwärme.

Ramir erleidet also Schaden auf Verstand.

Er führt uns gewundene Wege zwischen den sumpfigen Bereichen, zwischen Wasserlöchern, kleinen, mit Birken bewachsenen Grashügeln und ausgedehnten Wasserflächen, die sich träge auf der Ebene räkeln.

Ab und an krabbelt Ramir auf eine dieser schmächtigen Birken, die hie und da rumstehen. Wohl in der Hoffnung auf bessere Übersicht.

Allerdings biegen sich die meisten dieser dürren Bäumchen unter seinem Gewicht fast bis zur Wasserfläche hinab. Sobald Ramir aus dem Wipfel mit einem einzigen Schritt in die Wasserpfütze absteigt, schnalzt der Baum peitschenartig zurück.

Die Mücken perforieren uns unerbittlich weiter.

Ramir ändert im Laufe kürzester Zeiträume immer wieder die Marschrichtung. Im Grunde sind wir das ja schon lange von ihm gewohnt. Hier allerdings zeigt sein erratischer Führungsstil Anzeichen einer ganz neuen, besorgniserregenden Qualität.

Rechts von uns ein schwarz milchiger Tümpel. Blubbert. Stinkt.

Ramir schwitzt. Er schnauft. Versucht, sich im Laufen den eigenen Nacken zu massieren. Verdammte Kopfschmerzen, höre ich ihn stöhnen.

Seine Rüstung. Sein Schwert. Schleifen halb herabgelassen hinter ihm im Matsch.

Immer wieder versperren Binsen und Schilf den Weg. Bilden nervtötende Barrieren. Nicht so hoch, dass sie die Sicht behindern würden, aber hoch und dicht genug, um jeden Schritt durch den saugenden Schlamm zur ermüdenden Qual werden zu lassen.

Es wird Abend. Wir müssen rasten.

Darauf haben die Mücken nur gewartet. Ruhende Beute ist leicht lokalisierbar. In Schwärmen fallen sie über uns her. Die Angriffe der Blutsauger werden mit zunehmender Dunkelheit immer aufdringlicher.

Wir wehren uns mit einem Lagerfeuer. In panischer Hast entfachen wir eine kleine Flamme. Setzen uns rundherum. Versuchen, unsere Schuhe und Hosen etwas zu trocknen.

Handon schneidet ein paar Binsen ab und legt sie auf den Karren. Keine Ahnung, was er damit vorhat.

Derweil bemüht sich Bullwai im Dunkeln redlich, ein Lager für die Nacht aufzuschlagen. Man könnte da an grandios konzipierte Geniestreiche zwergischer Planungskunst denken. Aber heute ist Bullwai wohl nicht in Form. Da haben wir in der Vergangenheit schon deutlich besseres von ihm gesehen.

Während Bullwai draußen in der Nacht fluchend unsere paar Ausrüstungsgegenstände durch den schmatzenden Schlamm schiebt, sitzen wir anderen entspannt am Feuer. Die Last des Tages fällt von uns ab. Handon knotet in Ruhe seine Binsenbündel zusammen. Wir anderen lauschen derweil Bullwais von derben Flüchen begleiteten Aktivitäten, die sich fortwährend rings um uns herum in der Dunkelheit entspinnen.

Plötzlich über uns der Himmel.

Ein lauter Knall. Ein dröhnendes Rumpeln.

Gefolgt von anhaltendem Grollen.

Wir blicken nach oben.

Sieht nach schlechtem Wetter aus, sagt Handon.

Wenige Augenblicke später verlischt das Feuer mit einem Zischen.

Bevor wir verstehen, was geschieht, sind wir vollständig durchnässt. Ein Regenbruch, so dicht, dass es schwer ist, auch nur die eigene Hand vor Augen zu erkennen.

Bullwais Lager ist tatsächlich scheiße. Unsere Taschen und die Proviantkisten liegen in sinnloser Anordnung in weitem Umkreis um die Feuerstelle verteilt.

Am Ende rollen wir uns einfach unter den Karren.

Verdammte Scheiße. Wir drängen uns auf der kleinen Fläche zusammen wie eingelegte Sprotten in einem Krug Essig. Wasser von oben. Wasser von unten, das aus der Erde an die Oberfläche quillt. Immerhin bleibt dazwischen ein spaltbreit Luft, um atmen zu können.

Die eine Wange in eine Pfütze gepresst, die andere zwischen Körperteile der Kollegen geklemmt, versuchen wir etwas Ruhe zu finden.

Nach Stunden sinnloser Quälerei greift die wohltuende Hand des Schlafs schließlich doch noch nach unserem Geist.

Doch da geht auch schon die Sonne auf, und der Regenguss endet so abrupt, wie er begonnen hat.

Die plötzliche Stille lässt uns aus dem Schlaf hochfahren.

Wir gucken mit verspannter Nackenmuskulatur unter dem Karren hervor.

Vor uns stakst ein Reiher durch die nasse Landschaft.

Weiß wabernde Dampfschwaden erzeugen überirdischen Schimmer. Das Licht der Morgensonne bricht sich in Myriaden von Tautropfen, die an Grashalmen aufgereiht wie Perlenketten juwelengleich in allen Spektralfarben gleißen. Eine Welt voll Wunder tut sich vor uns auf.

Mir springt gleich der Schädel weg, stöhnt Ramir.

Das ganze nasse scheiß Lederzeug scheuert so beschissen auf der Haut, sagt Bullwai.

Hat überhaupt irgendwer geschlafen, sage ich.

Wir frühstücken Pökelfleisch aus der Proviantkiste.

Handon zündet seine scheiß Binsen an. Mir ist es ein völliges Rätsel, wie und wo er die über Nacht trocken gehalten hat. Aber sie brennen wie Zunder.

Die Halme entwickeln einen entsetzlichen Qualm. Handon fuchtelt damit in Richtung des nächsten, sich zielstrebig nähernden Mückenschwarms.

Qualm, sagt er, das mögen die gar nicht.

Stimmt. Ich übrigens auch nicht. Ich reiße mit den Zähnen ein Stück zähes Etwas aus meinem Pökelschinken.

Unten schmerzt und pocht mein Beinstumpf in der kalten Nässe. Oben brennen meine Augen von Handons scheiß Qualm.

Wenn alles nach Plan verläuft, sagt Handon, brauchen wir noch einen knappen Tag.

Er hält das schwärende Binsenbündel in der Hand wie ein Zauberer seinen magischen Stab. Dichter, beißender Rauch hüllt uns alle ein. Ich reibe mir Tränen aus den Augen.

Handon sagt, heute am frühen Abend werden wir das Marschland verlassen und erreichen dieses scharfkantige Gebirge da drüben.

Er weist mit dem rauchenden Binsenbündel in eine bestimmte Richtung.

Durch den beißendem Qualm sieht aber gerade sowieso niemand was.

Also. Auf geht´s. Nach dem Frühstück machen wir uns zum Abmarsch bereit, sagt er.

Ich frühstücke zu Ende. Kaue solange auf diesem salzigen Lederstreifen rum, der sich Proviant schimpft, bis er weich genug ist, ihn runterzuwürgen.

Dann helfe ich den anderen beim Packen.

Packen ist ein großes Wort dafür. Im Grunde suchen wir eigentlich nur unsere Ausrüstungsgegenstände zusammen, die Bullwai gestern Abend völlig sinnlos im Gelände verteilt hat. Die meisten davon finden wir aber glücklicherweise wieder.

Der Steinhaufen

Wir sind wieder auf dem Weg.

Handon voran. Marschiert neben Lutz. Führt ihn straff am Zügel neben sich.

Ich übernehme die Wache.

Ich sitze auf dem Karren. Glotze in die Landschaft. Binsen. Birken. Pfützen. Sumpf.

Die Landschaft dermaßen öde. Der Himmel riesig und leer.

Der schaukelnde Wagen beruhigt mich aber irgendwie.

Ich kämpfe gegen den Schlaf.

Bei der Wache einzuschlafen ist ja leider eine meiner Spezialfertigkeiten.

Und dann vor allem nach dieser Nacht.

Ich schüttele den Kopf. Reiße die Augen auf. Starre mit schmerzhaft weit aufgerissenen Augen in die Landschaft.

Birken. Pfützen. Gras. Sträucher. Birken. Pfützen. Gras. Sträucher. Birken. Pfützen. Gras. Sträucher. Birken. Pfützen. Ein Steinhaufen. Gras. Sträucher. Birken. Pfützen…

Moment ….

Birken. Pfützen. Gras. Sträucher…

Steinhaufen.

Ich werde wach.

Das ist es.

Der Steinhaufen passt nicht.

He, sage ich. Da drüben. Links. Untypisch für Sumpf.

Steinhaufen. Vielleicht einen Schritt hoch, drei Schritt lang. Kopfgroße Steine. Zwischen Schilf und Binsen bemerkenswert ordentlich aufgestapelt.

Handon bleibt stehen. Lutz´ straff gefasste Zügel in der Hand.

Lutz läuft zunächst weiter. Das Geschirr reißt seinen Kopf zurück.

Der Karren hält mit einem Ruck.

Alles klar, sagt Handon, ich gucke mir das mal an. Lässt die Zügel fallen. Lutz bringt seinen Kopf vorsichtig wieder in eine anatomisch unproblematische Haltung.

Ich sage, ist sicher nur ein alter Grabhügel.  Halte ich im Augenblick ja nicht für so interessant. Wir sollten weiter.

In Wahrheit kribbelt mir es mir bei so einem Grabhügel ja schon in den Fingern. Aber manchmal müssen wir unseren Schatten springen. Wir haben wirklich keine Zeit.

Ramir und Bullwai stehen neben dem Karren. Straffen ihre Waffengurte.

Ist völlig sinnlos, sage ich. Da gibt´s sowieso nichts mehr. Ich bleibe hier. Jemand muss ja auf Lutz aufpassen.

Wollen wir doch mal sehen, sagt Handon. Er springt auf den Kutschbock. Schaut sich von der erhöhten Position aus um.

Alles klar, sagt Handon. Die Umgebung ist sauber. Du bleibst beim Wagen, Ufil. Wir drei schauen uns die Sache aus der Nähe an.

Ramir zieht Schild und Falchion.

Ich sage, vielleicht sollte ich ja doch besser mitkommen. Nur, falls da was magisches ist.

Ich ärgere mich über meinen scheiß Altruismus.

Quatsch nicht, sagt Handon. Jemand muss auf Lutz und den Wagen aufpassen.

Handon springt vom Bock. Schaut zu mir hoch.

Vielleicht solltest du wenigstens einmal zu einer deiner Entscheidungen stehen, Ufil.

Die drei machen sich auf den Weg.

Ich schaue hinterher.

Ich sage, was war das denn. Was für ein Arschloch.

Die drei nähern sich dem Grab. Trockenmauertechnik, sagt Handon. Er umrundet das Objekt. Klopft von mehreren Seiten gegen das Gebilde, als hätte er profunde Kenntnisse in den besonderen Feinheiten fortgeschrittener Hügelgrabtechnologie.

Bullwai grinst. Für Menschenhand fast gar nicht mal schlecht. Naturstein. Teils sogar fast schon ordentlich gesetzt. Bis auf die riesiegen Lücken da. Aber gut. Bricht auf jeden Fall nicht sofort zusammen.

Ramir sieht sich um. Keine Trittspuren rund um das Objekt. Stattdessen hohe, unberührte Vegetation.

Eigentlich ein schönes Bild. Raue Felsbrocken in wilder Natur. Romantisch irgendwie.

Bullwai sagt, dieser Stein stammt von den Ebenen. Richtung Olse. Braucht mindestens eine Tagesreise, das Material hier her zu bringen. Ziemlicher Aufwand für sowas da.

Ramir umrundet das Gebilde.

Bullwai sagt, ist das Scheißding da jetzt also ein Menschengrab, ja.

Ramir sagt, sieht wohl so aus. Ist wirklich nichts Besonderes. Lasst uns einfach weitergehen.

Handon schaut durch die Fugen ins Innere.

Da glitzert was.

Natürlich glitzert da was, sagt Ramir. Hat ja auch die ganze Nacht geregnet.

Ich hab schon ein Gespür für sowas, sagt Handon. Darfst du mir gerne glauben.

Ich sitze derweil auf dem Bock. Beobachte, wie die drei zurück zum Wagen kommen.

Bullwai und Ramir klettern zu mir hoch. Wirken völlig genervt.

Handon reißt mit einem Handgriff die Lanze vom Wagen. Macht sich wieder auf den Weg zum Grab.

Ich denke. Na, vielleicht darf ich mir den Spaß jetzt ja auch mal angucken.

Humple gallig hinter Handon her.

Handon steckt  ohne jedes Zögern den Speer zwischen die Steine. Beginnt, einen Stein nach dem anderen rauszuhebeln.

Ein Leichnam wird sichtbar. In ein Leintuch gewickelt. Als Grabbeigabe ein Lederbeutel.

Mit dem schnellen Kennerblick eines routinierten Grabräubers bestimmt Handon, unter welchem der Steine noch mehr zu finden sein müsste und hebelt diese umgehend aus dem Gefüge heraus.

Ein Kopf erscheint. Eingewickelt in Tücher. Darüber ein Eisenreif.

Wertloser Plunder, sagt Handon.

Brustkorb mit Kettenhemd. Darüber eine breite silberne Kette mit Steinen.

Bringt mindestens acht Silber, sagt Handon.

Er hebt den eingewickelten Schädel an. Der löst sich sanft von der Wirbelsäule.

Handon zieht die Kette über die plötzlich im Nichts endenden Wirbel. Lässt den Schädel achtlos zurück ins Grab fallen.

Ich spüre Magie. Da ist noch etwas anderes.

Nicht in der Kette. Auch nicht in der Umgebung. Sondern direkt unter dem Leichnam.

Ich sehe unter dem Toten die energetische Signatur einer weiteren Gestalt.

Eines Untoten.

Der beginnt sich langsam zu regen. Kommt nach und nach zu sich. Wird aktiv. Versucht den Leichnam über sich zur Seite zu schieben. Aus dem Grab zu steigen.

Ich sage, Handon. Da drunter liegt übrigens noch ein Untoter. Der kommt jetzt gleich raus.

Falls du kurz aufhören könntest, da rumzuwühlen, schaffen wir es vielleicht noch rechtzeitig, das Grab wieder zuzumachen.

Wir hämmern die Steinbrocken zurück in ihre Lücken. Pressen alles gut fest.

Ich spüre den Untoten. Sein Leuchten flackert schwächer. Er strahlt langsam weniger Energie ab.

Er beruhigt sich, sage ich.

Gut sagt Handon. Nimmt die Kette und schnürt zurück zum Wagen.

Ich ringe mit mir. Diese faszinierende Symbiose aus einem Leichnam und einem Untoten ist etwas Besonderes und wirft eine Reihe herausfordernder Fragen auf. Ich will definitiv mehr darüber erfahren. In welcher Beziehung stehen sie zueinander. Gibt es Wechselwirkungen zwischen ihnen.

Ich schüttele den Kopf. Ich kann hier nicht weiter nachforschen. Ich brauche meine scheiß WPs noch für Wetterstein.

Ich zwinge mich, zum Wagen zurückzugehen.

Ist das eine Scheiße, das alles.

Schroffes

Wir fahren weiter.

Nach einigen Stunden ändert sich der Untergrund abermals.

Aus den Sümpfen steigt kantiges, steiniges Gelände rasch an. Wir sehen Felswände. Felszacken. Tief eingeschnittene Täler.

Irgendwann erhaschen wir einen Blick in die Ferne. Auf richtig hohe Berggipfel. Durch ein Schlucht. Sie ragen direkt dahinter in die Höhe. Wir sehen einen Turm. Weniger als eine Meile entfernt.

Das dürfte Wetterstein sein.

Es ist später Mittag. Wir beschließen, einen Rastplatz zu suchen. Müssen nach der zurückliegenden Nacht bisschen Schlaf nachholen.

Halbwegs ausgeruht zur Burg kommen. Ist besser so.

Handon untersucht die Landschaft. Den Weg. Den Boden rechts und links des Weges. Nach Spuren vorangegangener Expeditionen. Er findet nichts.

Mit jedem Schritt umgeben uns mehr Felszacken. Ragen wie spitze Türme. Wie fallen gelassene und stecken gebliebene Nadeln. Rings um uns in die Höhe. Splittrig. Feucht. Marode.

Das hier ist ein guter Ort zum Rasten, sage ich.

Das ist ja wohl nicht dein Ernst, sagt Bullwai. Verzieht das Gesicht. Ganz minderwertiger Stein. Ganz billiger Scheiß. Das wäre eine Beleidigung, hier zu rasten. Ist dir sicher klar.

Wir müssen sowieso weiter. Ramir grunzt unwillig. Schnellstmöglich die Steine finden, sagt er.

Wir rasten trotzdem. Der ungeduldige Elb. Der nörgelnde Zwerg. Niemand kann wissen, ob wir später einen besseren Platz finden.

Ich entdecke eine geschwungene, leicht überhängende Felswand. Vom Weg her kaum sichtbar. Sie bietet Schutz. Von hinten. Von oben. Vor Regen.

Ich schlage das Lager an ihrem Fuße auf.

Es ist ein gutes Lager.

Da sollen die Kollegen mal schön zufrieden sein.

Es ist früher Nachmittag.

Handon übernimmt die erste Wache. Wir anderen werden schlafen.

Handon findet eine verborgene Nische. Oben in der Felswand. Wenige Schritt über unseren Köpfen.

Wir entzünden ein Feuerchen. Grillen etwas Fleisch. Handon, direkt über uns in der Felswand. Streckt seine nackten Füße in den warm aufsteigenden Rauch.

Tut das gut, sagt Handon.

Ich sage, was das soll, verdammte Scheiße.

Wieso, sagt Handon, was das soll.

Ich sage, ob der vielleicht mal seine scheiß Schuhe wieder anziehen kann, wenn wir essen.

Die sind dreckig, sagt Handon. Das rieselt sonst runter. Auf euer Essen.

Schon mal drüber nachgedacht, was da jetzt so alles runterrieselt, sage ich. Aber ganz schnell die Schuhe wieder an.

Aufhören, quiekt Bullwai. Das ist ja ekelhaft.

Der bekloppte Zwerg.

Nach dem Essen legen wir uns schlafen.

Handons Wache verläuft ohne Zwischenfälle.

Nur gegen Ende hört er ein unmenschliches Schreien. Aus den Tiefen der Felsformationen. Aus Richtung Wetterstein.

Dieser Schrei hat Handon an eine Frau erinnert, die bei der Geburt stirbt, sagt er. Das hat er mal irgendwann irgendwo gehört, sagt er. Wie eine Frau bei der Geburt starb. Das hat er sich dann gemerkt. Genau diese Art von Schreien war das.

Das erzählt er uns, als wir wieder aufwachen. Mittlerweile ist es aber auch Nacht geworden.

Wir sagen Aha. Das ist ja echt ziemlich interessant. Wir werden sicher später rausfinden, was das gewesen sein könnte.

Dann ruhen wir ein weitere Tageszeit. Die Nacht hindurch.

Wir hören dieses Schreien ein weiteres Mal. Diesmal noch lauter. Vermuten wir zumindest.

Wir sagen, ja, das stimmt. Tatsächlich. Du hattest wirklich Recht. Das pure Grauen spricht schon aus diesem Geräusch.

Und tatsächlich stellen sich uns dann auch hier und da ein paar Haare ein bisschen auf. Wer hätte das gedacht.

Ein unerwartetes Kaninchen

Am nächsten Morgen träges Nieseln.

Zwischen den schartigen Felsformationen quillt Nebel hervor. Die Luft milchig. Alles grau. Vor lauter Dunst keine Wolken zu sehen.

Wir marschieren zwei Stunden lang über den Pfad in die Berge hinein.

Irgendwann öffnet sich vor uns ein kleines Tal.

Rundum steile Felswände.

Wir schauen geradewegs auf eine bizarre Felsformation. Direkt vor uns.

Der Fels ist oben gespalten. Darauf erhebt sich eine Burgruine. Krallt sich an die oberen Spitzen rechts und links des Spalts.

Über den Spalt zwei Brücken. Wenigstens eine davon ziemlich marode.

Unten auf der Erde ein schleimiger Burggraben. Ein Damm zum Tor, das direkt in die Felswand geschlagen zu sein scheint.

Unten rechts am Weg ein zerborstener Wachturm. Dornige Ranken rings um das Gemäuer. Aus dem Dach steigt eine zarte Rauchfahne.

Das ganze Areal völlig verrottet. Die Luft riecht muffig. Nach Schimmel und Verwesung.

Was irritiert, ist nur der Rauch. Der Geruch eines gemütlichen Feuers zieht wie ein sanfter Schleier durch die ranzige Luft.

Auf dem Weg Fußspuren.

Führen zunächst in den Turm. Kommen wieder raus und gehen nach links zum Torbogen. Dazwischen eine lange Schleifspur.

Die haben was hinter sich her geschleift, analysiert Handon mal wieder unfassbar scharfsinnig. Eine Bohle vielleicht.

Ramir sagt, wir sollten als erstes den Karren und Lutz verstecken.

Aus dem Turm tritt ein schlanker Mann in Lederkleidung.

Er sieht uns. Winkt. Verschwindet wieder im Turm.

Die sanfte Rauchfahne über dem Dach verwandelt sich in dickere Schwaden. Der einladende Geruch von gebratenem Wild über einem schönen Holzfeuer weht zu uns rüber.

Verdammt. Was ist das. Wie gehen wir damit um.

Bullwai sagt, Handon und ich gehen voran. Handon ist der Beste mit Reden. Ich mit Kämpfen. Ramir und Ufil sichern von hinten. Mit etwas Abstand.

Wir nicken alle. Ist zwar Quatsch. Aber irgendwas muss man ja machen.

Wir nähern uns dem Turm. Rund um das Gemäuer spindelförmig ineinander verknotete Ranken. Krallen sich mit Dornen in den Fels.

Der Boden glitschig. Grüner Schlick überzieht den Weg.

Ebenso das Wasser im Burggraben. Schleimig. Schaumig. Grünlich.

Eine Bewegung im Burggraben.

Etwas dunkles, langes, wie ein Arm, zieht direkt unter der Oberfläche kräuselnde Wellenmuster. Sie verflüchtigen sich in der träge schwappenden Brühe schnell wieder.

Wie schieben uns vorwärts. Durch den offenen Eingang erkennen wir ein flackerndes Feuer im Inneren des Turms.

Ein älterer Herr schaut heraus. Freundlich.

Bullwai rammt seinen Schild in den Boden.

Schildwall.

Handon hinter ihm Deckung.

Reißt den Buckler hoch.

Beide bilden gemeinsam ein Bollwerk.

Kommt doch rein, sagt der Mann freundlich. Ich hoffe, ihr mögt Kaninchen.

Gepflegte Reisekleidung aus Leder. Messer im Gürtel – ein Werkzeug. Lederne Stiefel. Sauber. Neu. Offenes, freundliches Gesicht. Gut aussehend. Edler Blick.

Was sind das für Pflanzen, stößt Handon hervor.

Ach, sagt der Mann, Schreipflanzen. Besser nicht berühren. Wenn die abbrechen, stoßen die immer ganz fiese Schreie aus. Aber sonst sind die eigentlich ganz hübsch, nicht.

Handon und Bullwai in Verteidigungshaltung. Bullwai gibt Handon mit dem Schild Deckung.

So wird Handon zumindest nicht überraschend entmannt, denke ich. Immerhin.

Handon begutachtet den Mann grimmig.

Keine Aggression zu erkennen, meldet Handon zu uns nach hinten.

Ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Der Mann lächelt. Mein Name ist Dalb. Barde und fahrender Sänger.

Erfreut, sagt Handon. Handon.

Den Buckler immer noch knapp unter seinem Wangenknochen.

Im Burggraben hat sich eben was bewegt, sagt Handon. Was war das.

Der Buckler zittert nervös vor seinem Gesicht in der Luft.

So viele Fragen. Der Mann lächelt. Aber kommt doch lieber erst mal rein und probiert etwas von dem Kaninchen.

Er verschwindet im Turm. Durch die offene Tür sehen wir, wie er goldgelben Honig auf dem Kaninchen verstreicht. So wird es schön knusprig.

Er schaut fragend nach draußen.

Bullwai und Handon immer noch in Verteidigungsstellung.

Ich habe auch gutes Bier, sagt er. Herr Zwerg. Das dürfte Euch Munden.

Handon und Bullwai schauen sich an.

Bullwai zieht eine Braue hoch.

Nickt langsam.

Zögerlich tasten sie sich in Richtung Turm voran.

Bleiben unschlüssig an der Tür stehen.

Dalb bittet mit einer Verbeugung einzutreten.

Ramir sprintet hintendrein, als könnte er was verpassen. Hebt die Brauen, als er an mir vorbeispringt. Was für ein Idiot.

Ich bleibe lieber draußen. Spüre starke Magie. Dieser Kerl da ist alles andere als ein Mensch. Vielmehr ein unglaublich mächtiges Wesen, das nur vorgibt, Mensch zu sein.

Es lächelt mich an. Kommt doch auch herein, Herr Magier. Zeit, dass wir zwei uns auch endlich vorstellen.

Um es kurz zu machen.

Von da an folgt unglaublich viel Gelaber. Langweilig. Zäh. Furchtbar öde.

Im Turm erwartet uns ein gedeckter Tisch mit weißem, fleckenlosem Tischtuch. Teller. Kerzenlicht taucht die Szene in einen gemütlich goldenen Schimmer.

Dazwischen Blumen.

Fast so, als habe Dalb uns erwartet.

An der Wand eine polierte Laute. Sauber an ihrem Haken hängend.

In Dalbs Brusttasche eine Flöte aus glänzendem Messing.

Um den Tisch akkurat gesägte Holzstämme. An den Rändern abgerundete, auf Hochglanz polierte Sitzflächen.

Während wir sprechen, bereitet Dalb das Kaninchen fertig zu. Steckt Gewürzkräuter rund herum in die Pfanne. Nimmt ein kleines Schälchen und löffelt etwas Flüssigkeit drüber. Wuchtet die eckige Pfanne mit dem Kaninchen schließlich vom Herd und bringt sie an den Tisch.

Der Rest der Truppe schaufelt in sich rein, als ginge es um ihr Überleben.

Als ich an die Reihe komme, lehne ich ab.

Dieser Typ ist kein Mensch, sondern etwas ganz anderes. Ich spüre gewaltige Magie in ihm. Die Tarnung dieses Wesens ist nahezu perfekt.

Ich versuche, meinen arglosen Gefährten unbemerkt Zeichen zu geben. Sie müssen begreifen, was sich hier gerade abspielt.

Es ist sinnlos. Diese stumpfen Geister sind gänzlich außerstande, meine subtilen Zeichen zu deuten, ja sie überhaupt auch nur wahrzunehmen.

Ich möchte beileibe nicht wissen, was meine Gefährten da gerade tatsächlich in sich hineinschlingen.

Was das Gespräch angeht, dreht sich der Löwenanteil der Konversation um Höflichkeit und Höflichkeitsfloskeln, mit denen vor allem Handon und Dalb sich gegenseitig umgarnen. Schleimige Manipulationsstrategien. Es ist wirklich widerlich.

Inhaltlich ist das, was da besprochen wird, allerdings nur begrenzt ergiebig.

Etwa einen halben Tag vor uns war eine weitere Truppe bei Dalb. Wohl eine Horde Elben mit außerordentlich schlechten Manieren, wie Dalb sagt. Sie hätten ihm ein paar Informationen über Wetterstein abpressen wollen und sein Essen verschmäht. Anschließend hätten sie einen Balken aus der Decke seiner Behausung gebrochen und seien damit abgezogen.

Ja, sagt er, Wetterstein sei ein gefährlicher Ort. Die Toten ruhen dort nicht.

In manchen Mondnächten erwachen sie zum Leben. Dann wandern sie oben durch die Burg.

Oder wenn etwas aufregendes passiert. Manchmal reicht schon das Schreien der Ranken.

Dalb weist in Richtung Burg

Dort sitzt das Monster, das Wetterstein seinen üblen Ruf eingebracht hat. Im rechten Turm.

Handon fragt Dalb, ob Wetterstein für einen Barden denn nicht ein sehr einsamer Ort sei.

Dalb lacht gutmütig. Er beobachte Wetterstein nun schon länger. Es gebe dort Dinge, die ihn interessieren.

Allerdings sei er als einzelne Person relativ machtlos gegen die Monster da oben. Deshalb warte er darauf, dass eines Tages jemand vorbeikomme und den Weg frei macht, so dass er da oben seine eigenen Untersuchungen durchführen könne.

Er weist in Richtung der verfallenen Feste. Irgendwo da oben schläft Algoroth in seinen Gemächern. Natürlich gibt es unter den Schätzen auch das eine oder andere, das für einen Barden interessant sei.

Uns gibt er den Rat mit, wir sollten unbedingt nach dem Schwert des Algoroth suchen. Das soll eine mächtige Waffe sein. Vor allem gegen die Bestien, die den Mittelteil der Burg bewachen.

Verstehe, sagt Handon. Und ich nehme an, dass sich dieses Schwert ebenfalls in diesem oberen Turm befindet.

Das ist korrekt. Dalb nickt.

Handon sagt, also in jenem Turm, der von exakt jenen Bestien bewacht wird, gegen die es dann wohl besonders wirksam wäre, richtig.

Dalb feixt und kratzt sich am Kopf.

Ja, das ist tatsächlich ein bisschen doof. Aber immerhin könnte euch diese Information ja vielleicht wenigstens auf dem Rückweg nützlich sein.

Er greift zur Laute. Nimmt sie von der Wand.

Aber ich kenne eine alte Weise darüber. Die müsst ihr unbedingt hören.

Er hängt sich die Laute um und beginnt zu spielen.

Unter den eleganten Fingerstrichen des Barden strömen geschmeidige und wunderbare Töne aus dem Instrument. Dann setzt seine samtweiche Stimme ein. Sie erzählt von Algoroth und seinem Schwert Roststich.

So kühn und zugleich lieblich ist dieses Lied, dass es uns leicht ums Herz wird. In mir brennt das Verlangen, diese Burg endlich zu betreten. Algoroths Zauberschwert zu erringen.

Ich schaue mich unter meinen Gefährten um. In ihren Gesichtern die gleiche verzückte Aufbruchstimmung.

Mir wird mit Entsetzen bewusst, dass dieses Wesen soeben einen Bann über uns webt, und dass dies die letzte Möglichkeit ist, etwas gegen seine Beeinflussung zu unternehmen.

Ich taste nach der Magie, die es umgibt. Es ist eindeutig kein Mensch. Vielmehr erinnert es mich an Grelf, der uns auf einer anderen Reise begleitet hatte. Ein erbärmlich aus unzähligen Flicken zusammengeschusterter Dämon.

Der Dämon setzt die Laute ab.

Wir sollten sofort aufbrechen, sagt Handon voll Verzückung.

Die anderen stimmen jubelnd ein.

Einen Augenblick noch, sage ich. Ich wende mich an Dalb.

Werter Dalb, ich schätze ja Eure Gastfreundschaft und auch die Herzlichkeit, mit der Ihr uns bewirtet habt.

Wir rühmen uns ja auch gegenseitig unserer guten Manieren. Aber dazu gehört für mich auch, zu wissen, mit wem ich das Vergnügen habe.

Dalb schaut mich erstaunt an. Aber ich habe mich doch vorgestellt. Dalb. Barde. Was habt Ihr daran auszusetzen, werter Ufil.

Ich wiege nachdenklich den Kopf.

Eigentlich nur, dass Ihr als Mensch auftretet, obwohl Ihr kein Mensch seid.

Ach, wenn es nur das ist. Dalb zuckt die Schultern.

Lächelnd lässt er einen Teil seiner magischen Maskerade fallen. In seinem eben noch menschlichen Gesicht blitzen gelbe Augen mit schräg stehenden Pupillen auf.

Meine Gefährten schauen ihn erschrocken an.

Nun, sagt Dalb. Da seht ihr meine Aufrichtigkeit. Was ändert das an unserem freundschaftlichen Miteinander.

Wie Ihr wisst, bin ich ja auch ein bisschen magiekundig, sage ich. Durch euer kleines, ermutigendes Liedchen habt Ihr meine Gefährten unter einen Bann gebracht. Damit sie willenlos zur Festung aufbrechen.

Dalb schaut mich verständnislos an.

Aber warum soll ich euch denn keinen Mut machen. Ihr wolltet doch sowieso dahin. Oder nicht.

Ramir sagt, jetzt hör schon auf mit dem Scheiß, Ufil. Dalb hat Recht. Lasst uns einfach gehen.

Bullwai springt auf. Rückt seine Rüstung zurecht.

Handon, sage ich. Merkst wenigstens du, was hier passiert. Du bist doch immer ein Freund kontrollierten Handelns. Jetzt wirst du selbst kontrolliert. Das Verlangen, sofort aufzubrechen. Du bist eine Marionette.

Ich wende all mein Manipulationsgeschick an.

Willenlos ferngesteuert von einem Dämon, hinein in ein gefährliches Abenteuer. Handon. Du musst die Kontrolle wiedergewinnen.

Ich sehe ein Flackern in Handons Augen. Begreifen blubbert an die Oberfläche. Etwas in ihm widersetzt sich. Kämpft. Er schaut mich an. Versteht plötzlich. Nickt.

Doch dann verlieren seine Augen allen Glanz. Ein milchiger Schleier zieht sich über seinen Blick.

Auf, Männer, sagt er. Wir haben keine Zeit zu verlieren.

Jo, sagen Ramir und Bullwai und rempeln sich zugleich durch die schmale Tür nach draußen. Handon folgt auf den Fuß. Erfüllt von blödsinniger Begeisterung, wie die beiden anderen.

Ich wende mich zu Dalb. Der schaut mich an. Lächelt milde.

Passt auf euch auf, sagt er.

Und falls ihr noch etwas braucht, nehmt es gerne mit. Ich behalte die Gegend im Auge, solange ihr drin seid.

Ich wende mich ab und folge meinen völlig verblödeten Kameraden.

Sturm auf die Feste

Wir bewegen uns über den Damm zum Tor am Fuße des linken Felsmassivs. Rund um das Tor ein gemauertes Bollwerk. Dahinter blanker Fels.

Das Tor wirkt düster. Als verströme es böse Fäulnis.

Der Weg über den Damm glitschig. Die Fußabdrücke der letzten Expedition mit faulig grünem Wasser gefüllt. Dazwischen die Schleifspur des Balkens, den die Bande vor uns aus Dalbs Behausung gebrochen hat.

Die Zugbrücke komplett durchgefault. Übrig sind nur noch die zwei gemauerten Rampen zu beiden Seiten des morastig gluckernden Burggrabens. Auf der anderen Seite ragt der der letzte Überrest der hölzernen Brückenkonstruktion in die Höhe wie ein schimmlig-grauer Zahn.

Er ist verbunden mit einer rostschwärenden Kette, von der etwas grünliches trieft. Zäher Schleim. Die andere, vollständig durchgerostete Kette hängt senkrecht am fauligen Gestein wie der Kadaver eines toten Tieres. Ihr oberes Ende quillt aus einem schwarzen Loch in der Mauer.

In dem etwa fünf Schritt breiten Graben dazwischen faulig stinkender, grünlicher Schleim. Darauf treiben kleine Inselchen aus fahl gärendem Schaum.

Unter der Oberfläche Bewegungen. Irgendeine Kreatur lauert im Untergrund.

Trotzdem. Diese Szenerie hebt meine Stimmung. Durch ihre ungekünstelte Romantik.

Hätte ich eine Gespielin, ich würde sie zum Stelldichein an genau diesen Ort einladen.

Der Balken liegt da drüben, sagt Ramir. Da, auf der anderen Seite.

Die Drecksäcke haben ihn einfach rüber gezogen, sagt Bullwai. Schaut euch das nur an.

Dass die ferngesteuerten Geister meiner Reisegenossen den zarten Zauber dieses Ortes nicht erfassen können, verwundert mich hingegen gar nicht.

Ich geselle mich pflichtschuldig zu Dalbs Marionetten.

Wir beratschlagen, was tun ist.

Den Balken mit einem Seil rüber angeln.

Mit der mitgebrachten Pike bewerfen, so dass die darin stecken bleibt. Mit einem Seil dran. Und dann rüberziehen.

Bullwai stochert mit der Pike im Wasser rum.

Vielleicht anderthalb Schritt an der tiefsten Stelle, sagt er. Aber vor allem Schlick da unten. Kann man schlecht sagen, wie weit die da einsinken wird.

Das Wasser unter uns kräuselt sich. Die Pike erzittert.

Bullwai zieht sie wieder heraus.

Hat aber heute wer ganz schön schlechte Laune, da unten, sagt er.

Ramir sagt, er hat jetzt langsam echt kein Bock mehr auf den ganzen ein Scheiß, alles. Das ganze Rumgelaber hängt ihm echt zum Hals raus. Er will da jetzt rein und gut. Wir sollen die Pike einfach in den Grund rammen und uns rüberschwingen.

Ich sage, bist du bescheuert. Die ist doch viel zu kurz.

Bullwai stochert schon wieder im Grund rum. Probeweise, sagt er. Soweit er eben mit seinen kurzen Ärmchen kommt.

Derweil nimmt Ramir schon mal Anlauf.

Ich kann gar nicht hinschauen.

Handon wirft ihm, während er rennt, noch schnell einen Schlinge drüber. Über den Körper. Oder den Hals. Was er halt so trifft.

Dann springt Ramir ab.

Bullwai gibt der Pike einen Schubs. Sie kippt vom Rand weg. Ramir greift im Sprung nach der kippenden Pike. Stößt sich daran nach oben ab. Macht einen Salto und landet mit beiden Füßen auf der anderen Seite.

Er zieht die Pike aus dem Schlick und wirft sie achtlos neben sich.

Dann schlüpft er aus der Seilschlinge und zieht sie über den glitschigen Balken.

Er legt einen Stein als Rampe unter den Balken, so dass der vorne leicht nach oben ragt.

Auf der anderen Seite ziehen wir mit vereinter Kraft am Seil.

Der Balken gleitet sanft über den klaffenden Abgrund.

Schließlich liegt ein Ende auf unserer Seite, das andere drüben.

Während Handon noch das Seil entfernt, macht sich Bullwai wie von einer hypnotischen Kraft gezogen daran, auf dem abgerundeten und glitschigen Balken über den Abgrund zu balancieren.

Ausgerechnet Bullwai. Mit seiner besonderen Vorliebe für hoch gelegene Örtlichkeiten.

Aber er stützt sich ja auch mit der Pike ab. Die Ramir mittlerweile rüber geworfen hat.

Im Wasser unter ihm wallt etwas auf.

Bullwai scheint das nicht im Geringsten zu interessieren.

Er setzt seinen Fuß entspannt auf der anderen Seite auf. Geht umgehend in Stand-By-Modus.

Nach Bullwai balanciert Handon auf die andere Seite. Auch ihm merkt man nicht die geringste Anspannung an.

Im Gegensatz zu meinen ferngesteuerten Freunden habe ich richtig Angst. Noch dazu mit dem wackeligen Fußstumpf.

Doch so glitschig der Balken ist. Auch ich komme ohne größere Probleme auf der anderen Seite an.

Der Begrüßungsdrink

Vor uns türmt sich Wetterstein verblüffend massig auf. Das Haupttor weit aufgerissen , wie ein klaffendes Maul, geht von der uralten Feste eine schimmelig, modrige Aura aus. So, als würde sie ihren schlechten Atem wie faulig gärenden Dunst über uns ergießen.

Die Reste des ehemals hölzernen Tors hängen weggefault in rostigen Angeln. Ich glaube in den Schatten dahinter eine Bewegung zu erkennen. Bin mir aber nicht sicher.

Wir beschließen, den Balken über dem Graben liegen zu lassen.

Ist besser, falls man mal schnell fliehen muss.

Ramir entzündet eine Fackel. Reißt das Falchion aus dem Gürtel. Und macht sich auf den Weg in das Dunkel des Torwegs.

Handon greift sich die Pike. Bullwai nimmt den Speer.

Wir marschieren eine Weile durch den nachtschwarzen Tunnel. Hinein in den Berg.

Nach einer Weile taucht vor uns ein Portal auf.

Wir gelangen in eine düstere Halle. Eine Banketthalle. Die Tische U-förmig gestellt. So wie bei Olses Festen.

Nur scheinen diese Tische schon seit Jahrhunderten hier zu stehen. Verrottet. Von dicken Matten aus Spinnweben überzogen. Viele davon umgeworfen. Umgestürzt. Bänke. Stühle.

Zwischen dem Mobiliar halb mumifizierte Skelette. Auf dem Boden. Viele in Rüstung. Gezogene Waffen. Fehlende Gliedmaßen. Einige lehnen in voller Montur an der Wand.

Fast so, als habe das letzte Bankett, das dieser Saal je sah, in einem Gemetzel geendet.

Am Kopfende zeichnen sich thronartige Stühle mit hoher Lehne ab. Darauf mumifizierte Gestalten. Mit weggefaulten Lippen.

Auch sie. Bewaffnet.

Über all dem schwebt der allzu vertraute, süßliche Duft der Verwesung.

Dieser Ort verspricht der wahrscheinlich erfreulichste Abschnitt unserer Reise zu werden.

Nach den Strapazen der vergangenen Tage erwachen meine Lebensgeister hier zu neuem Leben.

Ein heiteres Gefühl macht sich in mir breit. Ich fühle mich leicht und beschwingt.

Unbestritten ist der Tod jene Essenz, die das Leben am Intensivsten zur Wirkung bringt.

Ich bin erzeugt, dass der dieser erquickende Geruch bald auch meine Gefährten aus ihrem Bann befreien …

Was für ein Gestank, keucht Bullwai hinter meinem Rücken. Ich würde sagen, dass…

Er bricht abrupt ab.

Handon würgt. Pumpt die Backen auf. Schluckt mit elender Mine.

Ramirs Gesichtshaut hat eine grünliche Färbung angenommen.

Scheiße, was ist das denn auf einmal, sagt er.

Und wohin ist plötzlich Dalb verschwunden, sagt Bullwai.

Handon schaut sich hektisch um. Verwundert bemerkt er die Pike in seiner Hand.

Willkommen zurück in der Wirklichkeit, liebe Freunde, sage ich. Dieser erquickliche Ort hat eure Lebensgeister geweckt und eure tumben Leiber wieder in Einklang mit eurem Bewusstsein gebracht.

Freut euch. Der Bann ich Geschichte.

Die Jungs schauen mich an, als hätte ich sie nicht alle.

Ich kann das sogar ein bisschen nachvollziehen. Inmitten verwesender Skelette aufzuwachen und durch einen euphorisierten Todesmagier begrüßt zu werden, mag manch einem befremdlich erscheinen.

Aber faktisch sind die Jungs wieder bei Bewusstsein. Wie ich es soeben vorausgesagt hatte.

Dies ist nicht diese kitschig- liebliche Art von Ruinen, so wie diese weiße Stadt da bei dem Mantikor, sage ich.

Dies hier ist eine echte Ruine.

Schimmel.

Dreck.

Gestank.

Vergänglichkeit.

Ich zähle an den Fingern auf.

Alles völlig authentisch, zutiefst ehrlich. Verwoben mit dem Urgrund alles Seins.

Ich scanne den Raum nach magischen Einflüssen. Ich kann zwar keine konkrete Magie ausmachen, allerdings ist natürlich der gesamte Ort deutlich verwunschen. Eine unwirkliche, eine diffuse Aura von Magie liegt darüber.

Plötzlich ein Klappern.

Aus einem dunklen Nebengang.

Meine Gefährten greifen zu den Waffen.

Eine Gestalt erscheint aus der Finsternis.

Ein Skelett.

Mit einem Tablett.

Welch schöner Willkommensgruß. Ich lächle meine Gefährten einladend an.

Ufil, sagt Bullwai. Ist das wieder einer von deinen scheiß Tricks, den du dir da ausgedacht hast.

Nein, sage ich. Ich sehe dieses Skelett auch zum ersten Mal. Ist das nicht herrlich.

Der Untote versucht einen Becher zu greifen, der auf dem Tablett steht.

Aber seine rechte Hand fehlt.

Es bewegt den Unterarm wieder und wieder zu dem Becher. Stößt jedes Mal mit einem leisen Pock dagegen.

Er scheint nicht zu verstehen, was sein Problem ist. Er versucht es aufs Neue.

Dabei schlurft er kontinuierlich auf uns zu.

Schließlich bleibt er direkt vor uns stehen.

Schaut ihn euch an, sage ich, höchst angetan von der possierlichen Erscheinung. Ein Diener mit Tablett. Ich finde, wir sollten ihn James nennen.

James… sagt Handon.

James´ Kopf ruckt herum. Er schaut uns aus tief liegenden, vergilbten Augäpfeln an.

Auch er in weiten Teilen mumifiziert.

Teile seiner Schultermuskulatur gerissen. Einzelne Muskelstränge baumeln über seine Schulter wie die Zipfel einer Gugel.

James streckt uns das Tablett mit dem Becher entgegen. Schnarrt Unverständliches. Verbeugt sich leicht.

Gerade keinen Durst, sagen wir. Danke. Aber sehr freundlich von dir, James.

Der Becher ist sowieso leer.

Der Untote verbeugt sich abermals und bietet uns erneut das Tablett mit dem Becher an.

Etwas penetrant, dein Diener da, sagt Ramir.

Ist ja aber auch irgendwie sein Job, sage ich, oder.

Mir fällt auf, dass James eine besondere Neigung für Ramir zeigt. Er drängt ihm den leeren Becher immer wieder auf.

Schließlich verzieht der Elb sich genervt in den Saal.

Ramir erkundet den Raum. Leuchtet das Gewölbe mit der Fackel aus. Schwenkt sie hin und her. Schaut in Ecken. Sucht nach Nischen, Löchern in der Decke.

Die milchig vergilbten Augen des Knochenmanns folgen den pendelnden Bewegungen seiner Fackel.

Ich stelle mich zwischen ihn und Ramir. Mein Schatten fällt auf das zerfledderte Gesicht. Der Leichnam mustert mich. Bietet nun mir das Getränk an.

Ich bewege einen Finger vor James´ Gesicht hin und her. Seine Augen folgen jeder Bewegung.

Ramir sucht hinter mir weiter den Raum ab.

Als der Lichtschein von Ramirs Fackel wieder auf James´ Gesicht fällt, lässt der umgehend von mir ab, und reckt Ramir von Ferne das Tablett entgegen.

Es ist das Licht, murmele ich. Wie interessant. Auf dem Rückweg werde ich James auf jeden Fall einpacken und mit nach Burg Olse nehmen. Dort wartet eine Reihe spannender Experimente auf ihn.

Hinter mir scheppert es. Ramir. Unter einem umgestürzten Tisch. Er hebt den Kopf über die Tischplatte.

Ich hab hier noch so einen Kelch und diese silberne Gabel gefunden, sagt er. Ist aber kaum noch was da. Fast alles geplündert.

Der Saal hat mehrere Ausgänge. Die meisten davon dunkel. Auf einer Seite des Saals schimmert hinter einer Biegung eine Ahnung von Tageslicht.

Hört mal da drüben, sagt Handon. Da scheint noch wer zu kommen.

Klappernde Schritte nähern sich.

Aus einem weiteren Durchgang nähert sich eine weitere Gestalt. Taucht aus der Dunkelheit auf.

Ein weiterer Untoter. Groß. Breitschultrig. Schulterklappen auf zerfetzter Militärjacke. Schwert.

Schlurft in unsere Richtung.

James bietet Handon den Becher an.

Handon drückt das Tablett mit dem Ellenbogen zur Seite.

Der große Untote nimmt einem an der Wand liegenden Gerippe den Schild vom Arm. Legt ihn sich selbst an.

Stakst nun bemerkenswert zügig auf uns zu.

James bietet Bullwai den Becher an. Der schiebt das Tablett genervt von sich.

Packt die Pike fester.

Wir halten die Waffen bereit. Doch der Große macht keine Anstalten, uns anzugreifen.

Er kommt bei uns an. Wir treten zur Seite.

Er geht einfach an uns vorüber.

Ramir, sagt Bullwai.

Ramir wühlt soeben unter einer weiteren Tischplatte auf dem Boden herum. Ist es die Tischdecke. Sind es Spinnweben. Wie auch immer. Als er sich erhebt, wischt er sich einen weißen Schleier vom Kopf.

Ramir, sagt Bullwai. Er schaut auf den Großen, der zielstrebig auf den Elben zusteuert.

Ramir springt auf. Die Fackel über den Kopf gereckt. In der anderen das Falchion.

Der Knochenmann hebt den Schild. Das Schwert in der Hand bereit.

Ramir weicht aus. Bringt den Tisch zwischen sich und den Untoten.

Der Knochenkrieger reagiert sofort. Versucht, Ramir den Weg abzuschneiden.

Das Schwert flattert waagerecht über die Tischplatte. Ramir macht einen Satz rückwärts. Die Klinge zischt knapp an seiner Brust vorüber.

Es ist die Fackel, sage ich. Der Knochenmann reagiert auf Licht. Wirf sie weg.

Ramir wendet sich zur Flucht. Steckt einem an der Wand liegenden Skelett die Fackel zwischen die Rippen. Schließt dann zu uns auf.

Der große Krieger fährt herum. Beachtet Ramir nicht mehr. Hebt das Schwert und zertrümmert den Brustkorb des anderen Skelettes mit wuchtigen Schlägen. Knochensplitter spritzen nach allen Seiten.

Die Fackel rollt unter einen Tisch.

Der Krieger wendet ruckartig den Kopf. Sein Blick erfasst die Fackel unter dem Tisch. Er beginnt mit seinem Schwert auf die Tischplatte einzuhämmern.

Die wuchtigen Schläge donnern laut durch die Halle.

Rundum erhebt sich Murmeln und Stöhnen. Die anderen Skelette beginnen sich zu regen. Recken und strecken sich, als wären sie gerade aus langem Schlaf erwacht.

Das ist wirklich bemerkenswert. In meinem Geiste blättere ich durch meine innere Enzyklopädie. Habe ich je davon gehört, dass die Aktivitätszyklen von Untoten an Geräuschpegel oder akustische Signale gekoppelt sind. Das scheint mir eher untypisch zu sein. Hier ist ein bemerkenswerter Zauber am Werk.

Wenn wir hier raus sind, muss ich dieses  Phänomen unbedingt eingehender studieren.

Die ersten Skelette erheben sich bereits. Richten ihre Rüstungen. Straffen ihre Schwertgurte. Beginnen, sich im Saal umzuschauen.

Ich denke, es wird Zeit zu gehen, sagt Handon.

Wir stimmen zu.

Bullwai weist auf den schwachen Lichtschimmer, der sich im Gang am gegenüberliegenden Ende des Saals abzeichnet.

Ramir macht einen kleinen Umweg durch den Saal. Läuft zu dem Tisch, den der große Knochenmann nach wie vor mit seinem Schwert bearbeitet.

Gute, massive Holzplatte, sagt Ramir. Echte Wertarbeit.

Taucht unter den Tisch ab. Fischt die Fackel heraus.

Dann rennt er auf den Lichtschein zu.

Hunderte vergilbte Augenpaare richten sich auf Ramir aus. Die Skelette hinter diesen Augenpaare werden plötzlich bemerkenswert aktiv.

Der große Krieger hört mit dem Hämmern auf die Tischplatte auf. Er schaut Ramir nach.

Ich weiß nicht, ob Skelette verwirrt sein können. Aber sollte dem so sein, hätte Ramir dieses Kunststück vollbracht.

James bietet Handon noch einen Drink an.

Wir lassen ihn stehen und rennen Ramir in Richtung des Lichtscheins hinterher.

Ausgang

Tageslicht

Hinter uns zunehmende Unruhe.

Die Untoten scharren. Scheppern. Schieben sich hinter uns her.

Doch je mehr Abstand wir gewinnen, umso mehr beruhigt sich der Aufruhr hinter uns auch wieder.

Wir rennen den heller werdenden Gang entlang.

Ich spüre die magischen Fäden des Aufruhrs hinter uns verblassen.

Sie werden schlaff. Dünn. Ihr Schimmern zunehmend fade.

Schließlich verstummen sie.

Die Skelette sind zu ihrer Ruhe zurückgekehrt.

Hinter uns völlige Stille.

Mein Herz pocht wild. Blut rauscht in meinen Ohren.

Diese Burg ist ein Himmelreich. Ein Paradies. Ein Spielplatz für Todesmagier.

Wahrscheinlich werden wir den Bann leider brechen müssen. Die Untoten werden zu ewiger Ruhe finden.

Ich bin allerdings versucht, den Gefährten vorzuschlagen, dieses Abenteuer einfach sein zu lassen, um diesen wertvollen Hort der Möglichkeiten, dieses Juwel des Wissens, für folgende Generationen unberührt zu erhalten.

Dies könnte eine Forschungsstätte von Weltrang sein. Im Tal neben Dalbs Turm könnte eine Akademie für Todesmagie entstehen. Hier, auf Burg Wetterstein, würden vielfältige Forschungsstätten und Labore eingerichtet. Hochwertiges Forschungsmaterial allerbester Qualität und Güte steht in beachtlicher Menge zur Verfügung. Das Angebot ist überwältigend.

Ich seufze.

Träumereien. Meine stets pragmatisch denkenden Gefährten haben für höhere Bildung keinen Sinn. Ihnen geht es um Edelsteine. Politische Agenda. Die Welt retten.

Was man eben so von sich gibt, wenn das eigene Leben klein und unbedeutend erscheint.

Dennoch.

Für mich dagegen. Ein Privileg. Dass ich diesen Ort mit eigenen Augen sehen durfte. Ich werde noch meinen Enkeln davon erzählen.

Tageslicht

Bester Laune trete ich ins Freie.

Wir stehen auf einer Art Podest. Der großzügig gemauerte Torbogen hat uns ins Nichts entlassen. Ringsum fällt das Mauerwerk senkrecht in die Tiefe ab.

Direkt vor uns befindet sich der Abgrund, der die beiden Bergspitzen und damit auch die beiden Hälften Wettersteins voneinander trennt.

Als hätte ein Riese den kompletten Berg samt Burg in zwei Teile gespalten.

Auf unserer Seite dieses kleine Plateau.

Auf der anderen Seite ebenfalls ein Plateau. Auf gleicher Höhe. Etwas größer als das unsere.

Was von unten wie eine Brücke zwischen den beiden Burghälften aussah, ist tatsächlich nur ein einzelner, völlig verfaulter Balken über den Abgrund. Darüber spannt sich quasi als Geländer eine einzelne rostige Kette.

Das Flair dieser Burg ist wirklich konsequent zu Ende gedacht. Ich bin sehr davon angetan.

Wir schauen in die Tiefe hinab.

Unten eine kleiner, hölzerner Schuppen. Ein Karren. Kisten. Verrottet. Aufgeplatzt. Müll, der sich zwischen herumliegende Felsblöcke ergießt.

Die gegenüberliegende Seite der Burg liegt im Schatten. Über dem kleinen Absatz erhebt sich senkrechtes, roh gearbeitetes Mauerwerk.

Darin ein dunkles Loch. Mit einer Stufe davor. Ein Torbogen. Mit zierlich gemauerten Diensten rechts und links.

Offensichtlich der Eingang in den jenseitigen Teil der Burg.

Plötzlich kommt da jemand raus.

Auf der anderen Seite.

Ein Mensch.

Sehr muskulös gebaut.

Hält sich die Seite. Blutfleck im Hemd.

Stolpert.

Hustet Blut.

Stützt sich mit seinem muskulösen Oberarm an das Gemäuer.

Atmet schwer.

Eine weitere Gestalt springt aus dem Torbogen ans Tageslicht.

Etwas schmaler.

Ein Mann mit Bogen.

Wendet sich zurück. Reißt den Bogen hoch. Schießt einen Pfeil durch die Öffnung in die Dunkelheit.

Wo sind die anderen, keucht der muskulöse Typ.

Wir haben sie verloren. Der Schmale atmet heftig aus.

Dann sieht er uns auf der anderen Seite stehen.

Wir. Große Augen. Mund weit offen.

Er nickt zu uns rüber.

Der Muskulöse folgt seinem Blick.

Nimmt den Oberarm von der Mauer. Richtet sich auf.

Ich bin Esgar, sagt er. Fünf Silber für jeden, der zu uns rüberkommt. Mit etwas Glück auch bisschen mehr.

Wir geben Euch von hier aus Feuerschutz, sagt Handon. Das war´s aber auch.

Schwachsinn, sagt Esgar, Bewegt Eure Ärsche hier rüber. Wir brauchen jede Hand.

Ein rot gekleideter Alter kommt aus der Tür. Um seine rote Robe klimpern rostige Ketten.

Wo ist Dundria, sagt er.

Hier. Eine junge Frau springt hinter ihm ans Tageslicht.

Wirft sich sofort zur Seite. Geht am Mauerwerk seitlich des Eingangs in Deckung.

Schaut sich um.

Sieht uns.

Robbt zu Esgar rüber.

Flüstert Esgar etwas ins Ohr. Der nickt.

Sie sprechen leise miteinander. Schauen immer wieder zu uns rüber.

Verdammt. Ja, sagt Esgar.

Schaut uns an.

Jetzt lasst den Scheiß und kommt rüber, sagt er.

Ich sage, wir wollen erst mehr Infos. Wer ist euer Gegner. Wie seid ihr aufgestellt. Was ist euer scheiß Plan. Sieht bis jetzt ja nicht gerade durchdacht aus, sage ich.

Verdammt, sagt Esgar. Wir haben keine Zeit für so´n Scheiß.

Der Rostbruder verschwindet wieder im Gebäude.

Wisst ihr denn wenigstens, wer euch angegriffen hat, sagt Bullwai.

Die Bestie, sagt Esgar. Die Bestie aus der Legende. Glauben wir zumindest, dass die es ist.

Wisst ihr also auch nicht, sagt Bullwai.

Esgar winkt genervt ab. Los, sagt er. Hat keinen Sinn mit denen. Wir gehen rein und sichern die Räume.

Mit links hält er sich die Seite. Mit rechts das Schwert. Er verschwindet durch die Tür. In die Dunkelheit.

Der Bogenschütze schaut sich um.

He, könntet ihr vielleicht mal auf mich warten, sagt er.

Verschwindet ebenfalls in der Dunkelheit.

Wir schauen auf die dunkle Öffnung in der Mauer.

Was war das denn, sagen wir.

Kein Ahnung.

Wir besprechen kurz, wie wir damit umgehen.

Ramir sichert mit dem Bogen den dunklen Eingang auf der anderen Seite.

Ich stehe hinter ihm.

Bullwai ganz vorne mit seinem Schild.

Deckt wieder unsere Eier.

Helfen wir denen jetzt oder helfen wir denen nicht.

Das ist ja offensichtlich eine Rostbruder-Expedition. Sind ja eigentlich unsere Feinde.

Die Frage ist nur, ob sie selber wissen, dass sie unsere Feinde sind.

Hilft ja alles nichts sagt Handon. Wir müssen da sowieso rüber.

Er tritt an die Schlucht. Prüft den modrig feuchten Holzbalken mit dem Fuß.

Der gibt nach wie nasses Brot. Reißt mit einem warmen Schmatzen in zwei Teile auseinander.

Bleibt rechts und links am Mauerwerk hängen.

Dann eben die Kette, sagt Handon.

Er reißt ein paar Mal an der rostschwärenden Kette. Prüft die völlig verrosteten Haltebolzen.

Nimmt sein Seil. Wickelt es sich mehrmals um den Leib. Wirft eine Schlinge über die Kette.

Verlagert sein Gewicht. Schlingt die Beine um die Kette.

Sie trägt sein Gewicht.

Er schiebt sich hängend Zug um Zug über den Abgrund hinaus.

Die Kette schaukelt hektisch im Wind.

Handon greift ruhig mit der Hand nach vorne. Zieht die Beine nach.

Kleine Erschütterungen zittern durch das zerfallende Metall.

Handon schiebt sich weiter voran. Handbreit um Handbreit.

Weit hinaus über die Schlucht.

Ein Windstoß lässt das Gebilde schwanken.

Handons Unterschenkel rutscht ab. Er versucht, den Fuß wieder sicher auf die Kette zu bekommen.

Noch ein heftiger Windstoß.

Die Kette schwingt nun waghalsig hin und her.

Handons Fuß schnalzt wieder von der Kette. Ruckt nach unten weg.

Die Kette gerät in ein Gefüge komplexester, ineinandergreifender und sich gegenseitig bedingender Schwingungsabfolgen.

Handon versucht, seine Bein wieder über das rostige Scheißding zu bekommen.

Wieder und wieder.

Die Kette quittiert das mit umso geistesgestörteren Schwingungsvariationen.

Handon kämpft darum, seine Lage zu stabilisieren.

Die sich hochschaukelnden Vibrationen und Verwindungen hebeln Handons Daumen auf.

Handon kippt von der Kette.

Landet mit einem Ruck im Seil.

Pendelt über der Tiefe vor und zurück, während die Kette in weiten Schwüngen ausschaukelt.

Plötzlich aus dem Augenwinkel.

Eine schnelle Bewegung aus der schwarzen Türöffnung auf der anderen Seite der Schlucht.

Zischt auf Handon zu.

Funken stieben von Handons Buckler.

Ein Pfeil.

Springt nach oben ab.

Klappert noch einmal über Handons Rüstung.

Fällt dann senkrecht in die Tiefe.

Scheiße, sagt eine Stimme aus der dunklen Öffnung.

Verdammt, sagt Handon, der unter der Kette hin und her pendelt. Ich dachte, ihr Idioten wolltet unsere Hilfe.

Ramir schießt über die Schlucht in die Türöffnung hinein.

Ein kurzer Aufschrei.

Treffer, sagt Ramir. Den hätten wir schonmal erledigt.

Das klingt für mich nicht ganz so eindeutig, sage ich.

Die Person in der Türöffnung flucht hörbar weiter. Scheint jetzt richtig angepisst zu sein.

Derweil hat Handon die Eigenfrequenz der pendelnden Kette aufgenommen und schaukelt, Hand um Hand vorwärtsgreifend, mit jedem Schwung weiter auf die andere Seite hinüber.

Schließlich greift er nach den steinernen Kantsteinen, die das kleine Plateau umsäumen und zieht sich hinauf.

Er reißt sich das Seil vom Leib. wirft es sofort zu uns herüber.

Dann drückt er sich in die Mauerecke neben dem Eingang. Presst sich möglichst flach gegen den Stein.

Das Fluchen aus der Tür hält an.

Den Geräuschen zufolge legt unser Gegner soeben den nächsten Pfeil auf die Sehne.

Ich hab überhaupt keine Ahnung wo ich hinzielen soll, sagt Ramir, ich sehe absolut nichts.

Wir müssten den irgendwie aus der Deckung rauskriegen, sage ich.

Super Idee, sagt Ramir. Kannst ja rübergehen und ihn fragen.

Was für ein Schwachsinn du redest, Ramir.

Da genügt ein einfacher Zauber.

Ich wirke einen Zauber des Anlockens. Spüre nach freischwebender Energie in unserer Umgebung. Greife nach ihr. Zeichne die zugehörige Rune in die Luft. Webe die Energie aus der Umgebung in meine Handbewegung mit ein.

Gebe dem Zauber den nötigen Kick.

Fertig.

Von nun an steht der Mann auf der anderen Seite unter meinem Bann.

Getrieben von einem inneren Zwang wird er nun nicht rasten und nicht ruhen, so lange, bis er direkt vor mir steht und mich einmal berührt hat. Dann erst  wird sein Bann aufgehoben sein.

Jetzt pass gut auf, was passiert, Ramir, sage ich.

Der Bogenschütze stolpert aus dem Eingang ans Tageslicht. Schaut sich verwirrt um.

Tatsächlich liegt schon der nächste Pfeil auf seiner Sehne. Er schüttelt kurz seine Verblüffung ab. Zieht im Laufen mit letzter Kraft den Bogen aus.

Ramir ist schneller. Sein Pfeil löst sich. Bohrt sich in die Schulter des Mannes auf der anderen Seite.

Der zuckt, lässt die bereits ausgezogene Sehne los. Sein Pfeil fliegt. Erreicht uns einen Wimpernschlag später.

Ich weiß nicht, wie Bullwai seinen Schild derart schnell vom Boden in die Höhe wuchten kann. Aber irgendwie ist er plötzlich einfach da. Schwebt vor Ramirs und meinem Gesicht.

Der Pfeil schlägt in der Nähe des Randes ein.

Seine Spitze tritt auf der Innenseite wieder aus.

Ein paar Holzsplitter trudeln zu Boden. Der Schild sinkt zu Boden. Die Sicht ist wieder frei.

Ramir klopft mit dem Fingerknöchel auf Bullwais Helm. Danke Bullwai.

Der Bogenschütze auf der anderen Seite taumelt auf die Kette zu.

Zerrt sich dabei den Pfeil aus der Brust. Wirft ihn achtlos zur Seite.

Greift, unter meinem Bann stehend, nach der Kette.

Schickt sich an, zu uns rüber zu klettern.

Handon löst sich hinter ihm von der Wand.

Tippt ihn von hinten an.

Sir…. Wenn sie einen Augenblick hätten…

Der Bogenschütze dreht sich verwirrt zu Handon um.

Guckt zu mir.

Dann wieder zu Handon

Handon gibt ihm einen sanften Stoß mit der flachen Hand.

Der Mann kippt rückwärts weg.

Über den Rand des Plateaus.

Fällt völlig lautlos in die Tiefe.

Meiner Meinung nach ist ja der lange Sturz in die Tiefe eine der schönsten Todesarten überhaupt. Diese Art zu sterben ist so geschmeidig. So fließend. So weich. Nichts rohes oder brutales ist daran.

Vielmehr scheint sie ein Abbild des gemächlich dahinfließenden Lebens selbst zu sein.

Während der Fallende entschwebt, denkt er über sein Leben nach. Darüber, was geschehen ist. Was geschehen wird. Das ganze Leben zieht an seinem inneren Auge vorüber.

Schwerelos gleitet er davon. Geborgen in seiner eigenen Wirklichkeit wie in einer Zeitkapsel. Zugluft streicht sanft durch sein Haar. Der Saum seines Gewandes wiegt sich im Windhauch.

Und der Davongleitende handelt sogar noch aktiv. Ebenso wie er auch als Lebender gehandelt hat. Er stabilisiert seine Körperlage. Wie er auch als Kind nach der Geburt als erstes gelernt hat, seinen Körper zu stabilisieren und seine Gliedmaßen zu gebrauchen.

Manch einer hat während des Sturzes sogar noch Stuhlgang. Er uriniert. All die Dinge, die er in seinem langen Leben Tag für Tag zu verrichten pflegte.

Und am Ende dieser Kurzaufnahme, dieser Zusammenfassung eines ganzen Lebenslaufes steht – wie könnte es anders sein – der Tod, die Aufnahme seiner Seele in die höheren Sphären.

Bullwai furzt.

Tschuldigung sagt er.

Wir stehen am Abgrund und sehen den davongleitenden Bogenschützen immer kleiner werden.

Er hält den Bogen noch immer in seiner Hand.

Schließlich beginnt er doch noch zu schreien.

Als würde ihm das jetzt noch irgendwas bringen, sage ich.

Ich kann mir ein heiteres Grunzen nicht verkneifen.

Dann…

Nach einer endlos erscheinenden Weile,

schlägt er krachend in den unter uns stehenden Wagen ein.

Sowohl der Wagen als auch seine Körpersäfte zerplatzen und ihre Einzelteile spritzen in alle nur denkbare Richtungen davon.

Ich liebe es ja, wenn Körper zerplatzen. Es wird dann zwar alles etwas anspruchsvoller, sollte man sie später erneut zum Leben erwecken wollen, aber es ist doch immer wieder ein sehenswertes Schauspiel.

Hinter uns Geräusche.

Die Zombies in der Halle sind wieder erwacht.

Auch ihr Stöhnen ist Musik in meinen Ohren. Ein Meisterwerk. Eine Symphonie. Passend zum freudigen Anlass unter uns.

Wirklich beeindruckend, sage ich zu Handon und weise in die Tiefe.

Saubere Arbeit. Hatte fast schon ein bisschen was von einem Feuerwerk.

Handon wendet sich ab.

Ich verstehe.

Wir sollen nicht sehen, dass er stolz ist.

Über uns im Turm Kreischen.

Wir blinzeln ins gleißende Tageslicht.

Schatten lösen sich weit oben aus dem Gemäuer.

Harpyien, sagt Ramir.

Ramirs Lieblingsmonster, wenn mich nicht alles täuscht, sage ich.

Ich bin ja kein großer Freund vom Gekreisch der Harpyien. Mir liegt das Gestöhn der Untoten deutlich mehr.

Gäste, krächzen die Harpyien. Bringen Glitzerzeug.

Das glitzert alles so schön.

Wollen wir haben.

Glitzerkram. Ja.

Her damit.

Es sind gar nicht mal so viele Harpyien. Vielleicht drei oder vier. Kann man aber gegen die Sonne schlecht abschätzen.

Vielleicht könnten es sogar noch mehr sein, die nacheinander aus dem Turm und wieder hinein flattern und so abwechselnd über uns kreisen.

Lass die scheiß Harpyien Harpyien sein, ruft Ramir über die Schlucht. Wir müssen gucken, dass wir als Truppe möglichst schnell wieder vereint sind.

Er packte das Seil, wirft es sich um und klettert an der Kette auf die andere Seite.

Seine Technik ist wesentlich graziler und geschmeidiger als Handons. Er hat das Prinzip der Eigenfrequenz allein schon durch Zuschauen begriffen und gleitet jetzt elegant pendelnd über die Schlucht.

Derweil schiebt sich Handon auf die finstere Türöffnung zu.

In der einen den Schild, in der anderen die Pike. Schaut er mit einer schnellen Kopfbewegung um die Ecke.

Kurz Pause.

Dann noch ein schneller Blick.

Er presst sich wieder gegen die Mauer. Zeigt ein Abfolge komplizierter Handzeichen, die ich nicht kenne.

Ein Gang, sagt er. Dahinter geht eine Treppe hoch. Ansonsten kann ich nichts sehen.

Derweil pendeln Ramirs Füße über die Schlucht und setzen schließlich elegant auf den Kantsteinen der kleinen Plattform auf.

Er lässt die Kette los. Die schaukelt gemächlich aus.

Löst das Seil um seinen Leib. Rollte es auf. Wirft es zu uns herüber.

Ich trete vor.

Werfe ihm die Fackel über die Schlucht.

Über uns kreisen immer noch die Harpyien.

Kommen näher.

Kreischen lauter.

Werden fordernder. Aggressiver.

Es könnte der Eindruck entstehen, sie wollten zudringlich werden.

Hier, meine Lieben, sagt Bullwai.

Ich habe ein Geschenk für die werten Damen.

Nur für Euch allein.

Von uns.

Ein Geschenk.

Er wirft ein paar glänzende Silbermünzen in die Schlucht.

Hier, meine holden Grazien. Für euch.

Holt sie euch.

Ein Geschenk kreischen die Scheusale zurück.

Für uns. Liebster.

Ein Geschenk.

Zwei von ihnen kreischen verzückt und flattern in höchster Freude hinter den fallenden Geldstücken in die Schlucht hinab.

Die anderen beiden haben sich zwischenzeitlich wieder in den Turm verzogen.

Wir hören sie oben granteln.

Siehst du, sagt Bullwai. Er winkt über die Schlucht Ramir zu. So macht man das.

Ich werd´s mir merken, sagt Ramir säuerlich.

Während die beiden Gefährten noch Freundlichkeiten austauschen, mache ich mich daran, die Schlucht zu überqueren.

Ich nehme das Seil. Binde es mir um.

Ich habe mir genau eingeprägt, wie Ramir beim Klettern vorgegangen ist.

Ich steige auf die Kette.

Sie zittert im Wind.

Vibriert.

Pendelt auf furchterregende Weise hin und her.

Ich robbe einige Züge  auf die Schlucht hinaus.

Meine Wade beginnt zu zittern. Ich versuche dieses Zittern unter Kontrolle zu kriegen. Das Zittern wird nur noch stärker.

Was soll der Scheiß. Meine Wade zittert sonst nie.

Dann machen die Muskeln plötzlich zu.

Lange Rede, kurzer Sinn, ich finde mich im Seil unter der Kette baumelnd wieder.

Die Kette vibriert über mir.

Ich hänge darunter am Seil.

Wind in meinen Haaren.

Von der Seite, von der wir kamen, ein unschönes Knallen.

Was war das, sage ich. Am Seil über dem Nichts baumelnd.

Nichts, Ufil, sagt Bullwai. Kletter einfach wieder hoch und mach weiter.

Ja, aber was hat da geknallt.

Einfach weiterklettern, sagt Bullwai. Konzentriere dich nur auf das, was vor dir liegt.

Er lächelt zu mir runter.

Ich pendele unter der Kette am Seil.

Es knallt noch einmal.

Die Kette ruckt. Sackt dann eine Handbreit ab und schwingt heftig auf und ab.

Die Haltebolzen. sage ich, oder.

Bullwai lächelt mir aufmunternd zu.

Bullwai, sage ich, waren das die Haltebolzen.

Alles in bester Ordnung, sagt Bullwai. Einfach ruhig weitermachen.

Panik verleiht übermenschliche Kräfte.

Mit einem einzigen Zug bin ich oben an der Kette.

Als nächstes erinnere ich mich, wie ich auf der anderen Seite die kleine gepflasterte Plattform erreiche und keuchend auf dem Rücken liegen bleibe.

Mein Brustkorb hebt und senkt sich wie eine Maschine.

Ich habe es wieder einmal geschafft, sage ich. Ich habe wieder einmal den Tod bezwungen. Und eines Tages werde ich ihn endgültig besiegen. Ich werde ihn abschaffen und der größte Todesmagier aller Zeiten sein. Der Mann, der den Tod abgeschafft hat. So wahr ich lebe.

Das Seil, ruft Bullwai von der anderen Seite.

Als größter Todesmagier aller Zeiten, sage ich, werde ich auf genau diesem Areal hier eine Universität gründen. Ufils internationale Akademie für angewandte Todesmagie. So wird sie heißen. Sie wird die zukünftige Weltelite der Todesmagie hervorbringen.

Ich liege auf dem Rücken. Schaue in den Himmel über mir.

Ufil, ruft Bullwai.

Was willst du denn, verdammt, sage ich. Drehe meinen Kopf.

Bullwai weist mit dem Zeigefinger auf meinen Brustkorb.

Das Seil, Ufil.

Wie, das Seil.

Ach. Stimmt.

Das Seil.

Ich richte mich auf. Wickle das Seil ab.

Werfe es zu Bullwai rüber.

Bullwai wirft mir seine Waffen zu.

Dann krabbelt er als letzter über die Kette.

Seine Technik unterscheidet sich vollständig von der unseren.

Er hangelt, nur an den Händen hängend, unter der Kette entlang. Flott und ohne viel Aufhebens.

Ich mustere die Haltebolzen auf der anderen Seite.

Zwei der vier Bolzen sind bereits aus der Halterung gesprungen.

Die anderen beiden wackeln bedrohlich.

Bullwai gleitet unter der Kette entlang, wie die Laufkatze unter dem Ausleger eines Krans.

Da.

Es knallt wieder.

Der dritte Bolzen springt raus.

Die Kette gibt ein gutes Stück nach. Pendelt hektisch auf und ab.

Bullwai bleibt in stoischer Ruhe einfach hängen.

Die Fäuste zu Schraubstöcken geballt. Fast fürchtet man, die morschen Kettenglieder könnten unter der rohen Fingerkraft des Zwergen einfach zu Rost zerbröseln.

Bullwai hangelt weiter.

Der letzte verbliebene Bolzen zittert bedenklich in der Halterung.

Knallt auch er raus? Oder wird Bullwai es rechtzeitig schaffen?

Bullwai stemmt sich über die Kante auf die kleine Plattform.

Steht vor mir.

Reibt die rostrot verschmierten Hände aneinander.

Nimmt seine Waffen entgegen.

Legt den Schild an.

Eigentlich auch schon fast wieder schade, denke ich.

Ich schätze Bullwai mittlerweile ja schon.

Nicht nur als Krieger. Auch als Zwerg.

Aber das hätte ich dann doch zu gerne gesehen.

Handon hält abermals den Kopf in die schwarze Türöffnung. Zuckt schnell zurück.

Hab ich eigentlich schonmal erwähnt, sagt Bullwai, während er die Riemen an seinem Schild festzurrt, dass ich das Oben wirklich hasse.

Ja klar, sagen Ramir und ich praktisch gemeinsam. Wir nicken betont verständnisvoll.

Handon legt den Zeigefinger auf den Mund.

Er nickt uns bedeutungsschwer zu.

Er hält den Kopf vor die schwarze Türöffnung und lauscht in den Gang dahinter.

Geräusche, sagt er.

Wir nicken zurück.

Expedition ins Innere des Turms

Handon verschwindet in der Öffnung.

Tatstet sich an der Wand entlang voran.

Wir hinter ihm her.

Es dauert eine Weile, dann gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Wir befinden uns in einem hohen Raum. Einem Treppenhaus im Inneren des Turms.

Am Ende des Ganges scheint sich eine Treppe im Karree im Turm emporzuwinden.

Wir stehen am Treppenabsatz und schätzen die Lage ein. Schauen durch das Treppenauge nach oben in den Turm.

Von oben stürzt ein Arm herab. Fällt klatschend zwischen uns auf den Boden.

Federt kurz nach.

Rotes Gewand. Rostige Ringe an den Fingern.

Der Rostbruder, sage ich. Auch er den Weg alles Seins gegangen.

Bullwai begutachtet den Arm.

Keine Bissstellen, oder sowas. Einfach abgerissen, sagt er.

Wir schauen wieder nach oben.

Die Treppe ist breit. Macht zwei vollständige Windungen an den Wänden entlang.

Bullwai sagt, ich geh voran. Schild. Fackel. Erste Verteidigungslinie.

Nach mir Ufil mit der Pike. Hält mögliche Angreifer ab.

Hinter uns mit kleinem Abstand Ramir und Handon. Jeweils mit Pfeilen auf der Sehne.

Wir gucken uns an. Nicken. Machen uns auf den Weg nach oben.

In enger Formation.

Auf dem ersten Treppenabsatz Kratzspuren an der Wand. Vier Klauen parallel. Fast doppelt so breit wie eine gespreizte Hand. Dekorative Blutspritzer rundherum.

Das Monster.

Wir tasten uns weiter die Treppe empor.

Schließlich erreichen wir den oberen Treppenabsatz.

In einer Nische neben der Treppe sitzt ein halb verwestes Tier. Nicht viel größer als ein Eichhörnchen. Eigentlich fast nur noch sein Gerippe. Der Mund vor Entsetzen aufgerissen.

Jemand scheint es als Dekoration hier aufgestellt zu haben.

Das beweist Geschmack. Ich finde immer mehr Gefallen an diesem Ort.

Ich werde das Tier als Accessoire für meine Akademie genau an dieser Stelle belassen.

Vor uns eine Tür. Zerschlagen. Oben das eingelassene Fensterchen zersplittert. Unten das Holz eingetreten und halb zerrissen.

Rechts und links davon erstreckt sich eine gläserne Wand. Gehalten von etwas Gebälk. Hauptsächlich aber von ein paar Zierleisten mit diesen nervig allgegenwärtigen Blumenornamenten. Weißlich schimmernde Lackfarbe blättert spröde ab.

Dazwischen. Blinde, vergilbte Butzenglasscheiben.

Durch das Butzenglas erahnt man Schatten von Regalwänden. Quer in den Raum gestellt.

Bullwai drückt ein paar Butzen raus.

Es klirrt, als sie auf der anderen Seite zu Boden fallen.

Ein widerwärtiger Geruch pfeift aus der Öffnung. Verrottetes Fleisch. Vergammeltes Blut.

Mein Kollegen fangen wieder an zu würgen.

Ja, anfangs habe ich mich mit sowas auch schwer getan, sage ich. Aber man gewöhnt sich schnell daran. Ihr müsst euch einfach nur zwingen, das Gesicht in die Zugluft zu halten.

Wir linsen nacheinander durch die Öffnung.

Um uns herum Finsternis. Unsere Fackel die einzige Lichtquelle in diesem dunklen Turm.  Wir können nicht viel erkennen.

Ihr kleiner Lichtkreis erfasst Regale mit gefüllten und leeren Fläschchen. Phiolen, die in hölzernen Gestellen stecken. Mit Stopfen, Schraubverschlüssen oder Lederkappen. Mit Beschriftung und ohne.

Hölzerne Kästchen mit verschiedenen Zutaten. Blättern. Mineralien.

Ein paar getrocknete Pflanzen. Und solche, die in Büscheln übereinanderliegen.

Ein Fach mit Pergamenten. Folianten.

Gläserne Behälter mit und ohne Skala.

Hinter den Regalen von der Decke hängend.

Gegenstände. Büschel von Pflanzen. Vorhänge. Vielleicht auch Körper.

Aber es ist zu dunkel, um mehr zu sagen.

Weiter hinten im Raum bewegt sich irgendetwas behände zwischen den Regalen.

Wir können es nicht sehen.

Wir hören nur das Zischen seiner geschmeidigen Bewegungen in der Schwärze des Raumes.

Wie ein Sack voller Aale, die man in die Dunkelheit ausgekippt hat, sagt eine Stimme. Ich blicke mich erschrocken um.

In der Dunkelheit schimmert etwas wie metallene Tische. Oder vielleicht sind es Liegen. Mit Ledernen Riemen. Schnallen daran. Auf einigen von ihnen scheinen Überreste von Lebewesen zu liegen. Zerfetzte, abgetrennte Gliedmaßen.

Ich hoffe, wir haben nach der Veranstaltung noch genügend Zeit, das alles hier gründlich zu untersuchen.

Ich wende mich von unserem Guckloch ab.

Wir schieben vorsichtig die Reste der Tür zur Seite, um einen noch besseren Überblick zu gewinnen.

Wir betreten den Raum.

Etwa in der Mitte hängt eine Feuerschale von der Decke. Natürlich erkaltet.

In den Regalen besagte Flaschen, vertrocknete Kräuterbüschlein, Phiolen mit eingelegten Eidechsenköpfen.

Verschiedene Dinge hängen an Ketten von der Decke.

Das vollendet eingerichtete Labor eines Todesmagiers.

Mein Entzücken wird lediglich getrübt durch dieses Wesen, das das Labor momentan in Besitz genommen hat. Rast- und ruhelos bewegt es sich zwischen der Einrichtung.

Nach etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Schritt endet die Wand. Weicht der Raum nach rechts weg. Vielleicht in sowas wie eine Art Nische.

Was dahinter liegt, können wir nicht sehen.

Eingelegte Eidechsenköpfe, sagt Ramir. Wird sowas denn nicht in Alkohol eingelegt.

Ich nicke in der Dunkelheit. In der Regel schon. Ja.

Und ist Alkohol nicht gut brennbar, sagt Ramir.

Ich sage, ja.

Dann haben wir einen Plan, sagt Handon.

Hilfe, sagt eine Stimme.

Wir schauen in die Dunkelheit.

Hilfe.

Aus der Schwärze erscheint eine Gestalt. Robbt am Boden auf uns zu.

Der Rostbruder.

Seine Beine fehlen.

Sein verbliebener Arm tastet den Boden vor ihm ab.  Die Finger suchen nach Unebenheiten, an denen er sich eine weitere Handbreit vorwärts ziehen könnte.

Hinter ihm in der Dunkelheit die ruhelose Aktivität jenes Wesens.

Hilfe, sagt der Rostbruder. Seine Stimme schwach. verblassend.

Seine Finger betasten hektisch den Boden.

Hilfe.

Dann bleibt er einfach liegen. Sein weit ausgestreckter Arm erschlafft, rutscht einige Fingerbreit näher an den Körper und wird reglos.

Wir stehen am Eingang des Saals. Betrachten den Leichnam des Rostbruders schweigend.

Der Kreislauf alles Seins. Die kosmische Ordnung verwandelt letztlich jedes Ding und jede Person in Schlamm.

Oh Dreistigkeit der Sterblichen, die sich stets selbst zu wichtig nimmt, sich dem Tode entgegen stemmt und in eigenwilliger Selbstsucht die Ordnung des Weltenlaufs aus ihren Fugen werfen will.

Dieser Ort lehrt Demut. Weist uns unseren Platz im Gefüge des Seins.

Heiterkeit breitet sich in mir aus.

Innerlich geläutert und befreit von Selbstsucht greife ich nach Fackel und Schwert.

Ich bin bereit, in Demut meinen Platz im Universum einzunehmen, sage ich.

Auch meine Gefährten fühlen ähnlich. Sie wehren sich zwar gegen den Gedanken. Aber der allgegenwärtige Tod belebt auch sie und haucht ihnen Mut ein.

Ramir packt Falchion und Schild. Entschlossenheit im Blick.

Handon mit Schwert und Schild. Strahlt pure Willenskraft aus.

Bullwai mit Axt und Schild. Füllt den Saal mit der Bereitschaft, bis zum wahrhaft Letzten zu gehen.

Wir brechen auf.

Die Expedition zu dem Regal mit den eingelegten Eidechsenköpfen hat begonnen.

Wir bleiben in Deckung. An der Wand entlang. Dicht an dicht.

Der Boden übersäht mit abgetrennten Gliedmaßen.

Manche frisch und nass glänzend, so als kämen sie soeben vom Marktstand. Andere alt und verdorrt. Zerfallen. In Spinnweben und Staub gehüllt.

In der Dunkelheit, nur wenige Schritt vor uns, schabt etwas durch die Finsternis. Eins der Metallregale erzittert. Hallt mit sonorem Klang nach.

Etwas Großes bewegt sich überraschend schnell durch den Raum.

Wir machen einen Schritt über den Leichnam des Rostbruders.

Erreichen das Regal mit den Eidechsenköpfen.

Ramir greift hinein und nimmt wahllos drei Flaschen heraus.

Verteilt sie an uns.

Dann tasten wir uns weiter voran.

Wir erreichen den Lampenschirm in der Mitte des Raumes.

Ich überlege, ob es hilft, ihn irgendwie anzuzünden. Aber nein. Die Öffnung befindet sich auf der Oberseite direkt unter dem Gewölbe.

Wir kommen überraschend zügig voran.

Immer wieder hören wir das Wesen in der Dunkelheit.

Aber es greift nicht an.

Schließlich erreichen wir die Ecke der Wand, an der der Raum sich nach rechts weitet.

Vor uns zieht sich eine Schleimspur um die Ecke.

Dunkelrot und fast einen Schritt breit. Sie glitzert im Schein der Fackel.

Hinter der Ecke sitzt das Wesen.

Auf dem Boden.

Zerlegt gerade einen der Räuber, denen wir draußen begegnet waren, in seine Bestandteile.

Esgar, haucht Ramir.

Esgar, stimmen wir zu.

Das Wesen. Ein Dämon.

Die Größe eins Schlachtrosses.

Zusammengesetzt aus den Einzelteilen vieler verschiedener Lebewesen. Teile von Menschen. Skorpionartiger Schwanz. Menschliche Arme, an denen Löwentatzen sitzen.

All das überzogen von einer unreinen, porigen und mit Nähten zusammengehaltenen Haut. Sie hüllt das Monster ein, wie ein übergroßes Kleidungsstück. Als würde sie eigentlich gar nicht zum Leib gehören.

Ramir wirft seine Flasche mit dem in Alkohol eingelegten Eidechsenkopf.

Sie fliegt durch den Raum.

Zerplatzt an der Schulter des Wesens.

Der hoch konzentrierte Alkohol läuft ihm an Brust und Rücken herab.

Ich bete, dass ich treffe. Werfe die Fackel hinterher.

Mit einem leisen Knall steht die Schulter des Monsters in Flammen.

Das Vieh kreischt. Stürzt in unsere Richtung. Auf uns zu.

Bullwai holt aus. Feuert seine Phiole hinterher.

Trifft den Oberkörper. Das Fläschen platzt auf und ergießt seinen Inhalt über die Bestie.

Der gesamte Oberkörper steht in Flammen. Einige der Nähte beginnen sich aufzulösen. Die porige Haut wirft Blasen.

Das Wesen hält kurz inne. Dann stürzt es umso entschlossener auf uns zu.

Es gibt einen ohrenbetäubenden Schrei von sich.

Klassischer Furchtangriff. Doch der ebbt nach wenigen Augenblick zu einem erbärmlichen Wimmern ab.

Das Monster scheint darüber verblüffter zu sein als wir.

Handon nutzt die Gunst des Augenblicks und wirft das dritte Alabastron auf die Kreatur.

Es zerplatzt in einem Feuerball. Setzt das ganze Ding in Brand. Das Monster steht vollständig in Flammen. Seine Haut wirft blubbernde Blasen.

Ramir hat holt mit dem Falchion aus. Trifft. Verursacht zwei Schaden.

Ich greife mit dem Schwert an. Nutze Drachentöter. Schwertmeister. Voll aufgelevelt.

Die Bestie steckt alles mit Leichtigkeit weg. Trotz ihrer Lage bleibt sie erschreckend stark. Nur ein kleiner Kratzer bleibt zurück.

Schon springt Bullwai heran und schlägt in die gleiche Kerbe. Die Bestie kreischt auf, als Bullwai seine Axt aus den Tiefen ihres Leibes heraushebelt.

Hinter der Bestie geht ein Vorhang in Flammen auf.

Im flackernden Licht der Flammen beobachte ich erstaunt, dass die Wunde des Monsters nicht blutet. Kein bisschen.

Statt zu bluten macht das Ding einen Satz genau zwischen uns. Es holt mit dem Schwanz aus und wirbelt ihn mit lautem Pfeifen erschreckend schnell im Kreis.

Eine tödlich Waffe. Ein gewaltiger, wuchtiger Angriff.

Niemand von uns würde einen Treffer ohne massiven Schaden überstehen.

Während eines einzigen Wimpernschlags peitscht der Schwanz direkt vor Bullwai auf den Boden, prallt ab, schnalzt über Bullwais Kopf hinweg, bleibt an der Raumecke hängen, schlingert nur wenige Fingerbreit an Ramirs Gesicht vorüber, knallt abermals wie ein Vorschlaghammer in den Boden, schlägt etliche Fliesen zu Splittern, schlurft, erneut Schwung aufnehmend, über Handons Stiefel, wischt mir dann die Kapuze vom Kopf und peitscht erneut neben mir mit aller Wucht auf den Boden, wo er schließlich liegen bleibt.

Das brennende Monster schaut uns verwirrt an.

Wir winken freundlich zurück.

Dann rammt Handon dem Vieh seinen Falchion in den Leib.

Es versucht vergeblich auszuweichen. Handons Klinge dringt bis zum Heft ein. Weitere Nähte platzen auf.

Das Ungeheuer zeigt nicht die geringsten Ermüdungserscheinungen.

Es wirbelt unfassbar schnell herum – direkt in Reichweite von Ramirs Falchion.

Ramir schlägt zu. Wuchtet die Klinge in das Gewebe des Tieres. Es knackt gut hörbar.

Das Tier beginnt auseinander zu brechen.

Es kreischt auf.

Eine Flüssigkeit tritt aus.

Ich springe es an. Dresche Sturmhauch in die gleich Kerbe, die zuvor Ramir bedient hat.

Ein reißendes Geräusch erfüllt den Raum. Knallend lösen sich Sehnen. Nähte. Was auch immer diesen widernatürlichen Leib zusammenhält.

Es reißt der Länge nach auf. Fällt auseinander. Bleibt in zwei Hälften liegen.

Dann ist es still.

Nur das gelegentliche Zischen und Knallen berstender Körperteile im Inneren des brennenden Monsters ist zu hören.

Wir haben es geschafft. Das Monster ist besiegt.

Ich denke, dies sei der Moment, in dem wir uns erleichtert in die Augen blicken und dann frohgemut das Plündergut in Augenschein nehmen sollten.

Nicht so Ramir.

Ramir schaut sich gehetzt um.

Diese Frau, sagt er, die muss hier noch irgendwo stecken.

Das Falchion fest gepackt reißt er seinen Kopf hin und her. Scannt das Labyrinth aus Vorhängen und Regalen, das sich rings um uns herum in tiefer Finsternis erstreckt.