Den Waldrand im Blick
Wir kommen über den ersten Hügel.
Von oben überblickt man die Landschaft. Der mäandernde Flusslauf. Die Wiesenlandschaft bis zum Horizont. Nirgendwo eine Bewegung.
Ein einsamer Raubvogel zieht Kreise am Himmel.
Die arme Sau.
Vor uns das Leichentuch. Der dunkle, schwarzgrüne Streifen in der Ferne. Schon jetzt, am Nachmittag hängt eine Dunstglocke über dem grünen Wald. Lässt die Bäume in der Ferne in milchigem weiß verschwimmen.
Wir laufen etliche Meilen über die Hügellandschaft.
Bergab.
Bergauf.
Bergab.
Bergauf.
Bergab.
Bergauf.
Schließlich nähern wir uns dem Waldrand auf knapp tausend Schritt.
Der scheiß Raubvogel scheint uns begleitet zu haben.
Schreit immer noch blöd im Himmel rum.
Ich schaue mich wieder um. Zwischen den Bäumen glänzt was. Weiße Steine.
Aber merkwürdig geformt. Gerade Kanten. Glatte Flächen. Rechte Winkel. Ränder, wie mit der gespannten Schnur gezogen.
Solche Steine habe ich noch nie gesehen.
Noch etwa dreihundert Schritt bis zum Wald.
Vor mir im Gras eine weiße Blume. Aus Stein. An einem Steinblock. Ich wische mit dem Fuß paar Grashalme zur Seite. Der ganze Stein ist mit Blumen übersäht. Sie bilden ein geometrisches Muster. Lassen den Stein an den oberen Kanten in weit ausladende Schnecken aus stacheligem Blattwerk auslaufen.
Ich schaue mich um. Überall um mich herum liegen weiße Steine im Gras. Zerbrochen. Zertrümmert. Mit Moos überwachsen. Überall diese völlig geraden Flächen. Muster. Kanten.
Gesichter von Menschen. Wölfen. Krüge, aus denen Wasser sich irgendwohin ergießt.
Im Wald vor uns. Weiße, steinerne Sockel. Viele Schritt ausladende Treppen. Ohne Ziel hinein ins schwarze Nichts zwischen die Bäume gehämmert. Sinnlos zwischen alte Stämme ins Erdreich gerammte Säulen. Schief stehend und doch in sich faszinierend gerade. Zerbrochene Mauerfragmente.
Eine Ruinenlandschaft.
Aber keine Gebäude. Sondern nur Gebäudewracks. Gebäude in Fetzen gerissen. Verlieren sich in der Dunkelheit des Waldes. Wie sich die zerborstenen Zahnstümpfe in den Tiefen des Mauls einer alten Hexe verlieren.
Etwas links von mir Buschwerk im schwarzen Spiel des Unterholzes.
Zwischen zwei großen Büschen eine weißlich schimmernde Fläche. Leuchtet klar und deutlich hervor.
Ich denke, die ist bestimmt auch verziert mit Ranken und Blumen, und was weiß ich, was für Scheiß. Müsste man mal näher ran. Mal gucken.
Über mir schreit der frustrierte Raubvogel.
Im gleißend blauen Nichts.
Der soll die Fresse halten.
Ich schaue wieder auf die weiße Wand zwischen den beiden Büschen.
Sie ist verschwunden.
Stattdessen nur noch sattes Schwarz. Die Tiefe des Waldes.
Eine unerwartete Veränderung.
Ich reibe meine Augen.
Muss doch eins von den Gebäudeteilen gewesen sein.
Kann doch nicht einfach verschwunden sein.
Aber ich bin sicher. Ich hatte gerade Mutmaßungen über die Rankenmuster darauf angestellt, als der rallige Scheißvogel mich abgelenkt hat.
Ein weißer Fleck, große wie ein Karren oder wie ein Pferd.
Muss sich dann aber irgendwie wegbewegt haben.

~
Ich sage, hier stimmt was nicht. Dreihundert Meter vor uns. War was großes weißes im Wald. Hat sich gerade bewegt. So groß wie ein Karren oder wie ein Pferd.
Warum auch nicht, sagt Ramir, ist doch Horst.
Ich sage, wieso ausgerechnet Horst. Horst ist in Hohlheim im Stall von der Pferdefrau. Hab ihn da untergestellt.
Ramir sagt, aha. Und das weißt du so genau, oder was. Das war doch diese Frau mit dem Kind da. Das war doch die, mit der du was hattest. Diese… wie hieß die gleich.
Ich sage, was soll denn das jetzt heißen. Ich hatte was mit der. Handon hatte vielleicht was mit der. Der hat sogar bei ihr geschlafen.
Naja, sagt Ramir. In seinem eigenen Karren in diesem wetterfesten Schuppen auf dem Hof.
Nein, nein, mein Lieber, sagt Ramir. Der Handon, der hatte was mit der Pollmoor.
Das mit der Pferdefrau, das warst definitiv du.
Ich sage, ihr Elben, ihr habt ja echt Ahnung vom Liebesleben der Menschen.
Aber was reden wir hier eigentlich. Da im Wald ist was großes, weißes. Und das bewegt sich.
Sag ich doch, sagt Ramir. Das ist Horst.
Ich sage, Horst. Ganz ehrlich, ich halte das für einen Scheiß.
Ramir schaut mich völlig ausdruckslos an. Zuckt die Schultern. Wendet sich um und geht.
Aber dann frage ich mich, wer weiß. Ich meine, weiß ich denn wirklich, was in Hohlheim gerade so passiert. Vielleicht hat die Pferdefrau ja irgendwie Scheiß gebaut, und am Ende ist das wirklich Horst.
Ich komme mir ziemlich dumm vor.
Ich pfeife leise meinen Horst-Pfiff. Man weiß nie.
Ich warte.
Paar Vögel flattern auf.
Bullwai kommt mit der Axt. Sag mal, hast du sie noch alle, hier so einfach rumzupfeifen, oder was.
Da drin im Wald ist was Großes. Und das bewegt sich. Sag mal, denkst du eigentlich irgendwas.
Ich sage, naja, ich dachte… Ich weiß halt auch nicht so genau, wo Horst gerade … Und da hab ich gedacht…
Sag mal, bist du völlig bescheuert, sagt Bullwai. Dein scheiß Horst frisst sich gerade den Wanst voll. Bei deiner Pferdefrau in Hohlheim. Bei deiner… Wie hieß die noch gleich.
Bei meiner Pferdefrau…
Bullwai packt die Axt fester und stapft voran.
Los jetzt. Wir marschieren weiter.
Ich hab da echt keinen Bock mehr drauf, auf sowas.
Das Grauen des Waldes
Wir tasten uns Schritt um Schritt voran. Über die Wiese. Richtung Wald.
Überall Statuen. Von Flechten und Moos überwachsen. Körperteile fehlen. Eigentlich ganz hübsch so.
Junge Frau.
Im Sonnenschein. Lächelnd auf der Blumenwiese vor dem Waldrand.
Kapuze. Gewand. Edelfräulein.
Zweieinhalb Schritt groß. Auf einem Sockel in Brusthöhe.
Lebensecht gearbeitet. Wahres Kunstwerk.
Steht schräg.
Auf einem Bein.
Das andere ist ab.
Schöne zerstörte Frau. Das macht sie nur noch schöner.
Weitere Statuen überall. Stehen. Liegen. Ohne Kopf. In der Mitte geborsten. Halbiert.
Ich frage mich, warum Bildhauer immer nur das Äußere der Figuren gestalten. Nie das Innere.
Wie schön wären all diese Statuen, könnte man in ihr zerbrochenes Inneres blicken, all die zerborstenen Knochen und zerfetzten Eingeweide sehen. DAS wäre beeindruckend lebensnah.
Bullwai sagt, wodurch diese Statuen wohl zerstört worden sind.
Natürlich, halt. Durch die Zeit.
Überall Moos. Flechten. Farn. Und so.
Aber viele sehen so aus, als wären sie erst kürzlich zerstört worden.
Er zeigt auf frische Bruchkanten. Kein Moos. Keine Algen. Nicht mal Dreck.
Nur blitzweißer Stein.
Bullwai sagt, da sind Spuren am Boden.
Er geht in die Hocke. Begutachtet das Gras. Hebt den einen oder anderen Steinbrocken auf.
Ein Tatzenabdruck mitten auf der Wiese. Etwas größer als ein aufgeklapptes Buch.
Ich sage, das war Grelf.
Blödsinn, sagt Bullwai.
Das hier hat klar Tatzen. Grelfs Füße waren eher tonnig.
Außerdem sind die hier viel größer.
Bullwai sagt, wir sollten besser vorsichtig sein.
Er presst sich rücklings in die Fläche zwischen zwei Säulchen unter einem Giebelchen im Sockel einer Statue. Die Statue darüber besteht im Grunde nur noch aus zwei einsamen Füßen.
Was machst du da, sagt Ramir.
Ramir und ich stehen rechts und links von Bullwai ein paar Schritt entfernt auf der Wiese. Bunte Blumen überall.
Wir gucken ihn erstaunt an.
So habe ich wenigstens von hinten Deckung, sagt Bullwai. Wir müssen vorsichtig sein.
Eine warme Brise kommt auf. Streicht angenehm über die riesige Landschaft aus saftigem Grün.
Ich schaue rüber zum Wald.
Gehe auf Magie entdecken.
Dahinten im Wald. Treppenstufen aus Stein.
Aus einer Stufe eine rundliche Kerbe rausgehauen. Das sieht recht neu aus.
In der Kerbe steckt was. Zwischen Stufen und abgebrochener Verblendung.
Ein längliches Ding.
Dämonisch.
Ich versenke mich in Kontemplation.
Vor meinem inneren Auge ein gewaltiger Skorpion. Dämon durch und durch.
Sein wuchtiger Schwanz peitscht durch die Luft. Zwischen den Bäumen hindurch.
Schlägt seinen Stachel in die Treppe.
Splitter und kleine Steinbrocken zerplatzen. Spritzen in alle Richtungen davon.
Eine komplette Treppenstufe. Massiver Steinbrocken. Herausgeborsten. Leichterdings durch die Luft gewirbelt.
Der Stachel bleibt in der Ritze zwischen Stufe und Verkleidung stecken.
Bricht ab.
Ich sage, da hinten im Wald steckt der Stachel von einem Dämon in einer Steintreppe. Das sollten wir uns mal ansehen.
Ramir sagt, ist halt jetzt nicht so mein Interessengebiet.
Ich sage, meins schon.
Der Punkt ist allerdings der. Nur drei Tage Zeit für die Rückreise. Feilscher finden. Arren befreien.
Jetzt noch in ein Extraabenteuer verwickelt werden. Das kostet wieder Zeit. Und die haben wir nicht.
Ramir sagt, interessant wäre das natürlich schon.
Ich sage, eigentlich sollten wir aber weiter.
Ramir denkt nach.
Bullwai steht vor uns.
Streckt mir die Hand entgegen.
Hier, Ufil. Dein scheiß Stachel.
Verdammt, wo hast du den her.
Wo wohl. Rausgeholt halt.
Ich sage, scheiße. Und wie hast du das gemacht.
Bullwai zuckt die Schultern.
Hingehen. Rausholen. Mit Dolch raushebeln.
Ich nehme den Stachel. Betrachte ihn von allen Seiten. Teil eines Skorpionstachels. Magisch. Abgebrochen. Etwa so groß wie eine Schreibfeder.
Danke, sage ich. Verwirrt. Ja. Gut. Danke.
Bullwai nickt.
Und was machen wir jetzt, sagt er. Untersuchen wir das hier jetzt weiter. Oder was.
Er nickt zu dem bewaldeten Ruinenfeld.
Ich folge seiner Blickrichtung.
Untergegangene Zivilisation. Künstlerisch auf hohem Niveau. Nie zuvor gesehen. Von den pflanzlichen Tentakeln des Leichentuchs aufs entzückendste zugerichtet.
Etwas Gewalttätiges hat sich hier ausgetobt.
Das Licht beginnt zu schwinden.
Ich sage, reizen würde es mich ja schon.
Ramir sagt, uninteressant. Nichts elbisches. Gehen wir weiter und suchen wir einen Lagerplatz.
Suche nach einem Lagerplatz
Wir marschieren gegen die Strömung am Waldrand entlang.
Nach und nach werden die Ruinen kleiner. Das Zentrum der Ruinenstadt haben wir wohl passiert.
Die Bäume uralt und knorrig.
Das Feld der weißen Trümmer wird lichter. Nur noch vereinzelte Stufen hier und da.
Einzelne Reste von Statuen. Zerplatzt, an einigen Stellen abgerissen.
Eine ganze Statue liegt kaputt vor uns.
Schließlich nur noch einzelne Trümmer. Mal ein Finger. Mal ein Kopf.
Ramir sagt, ob das Wetterstein des König Algoroth ist.
Je nach Legende war er Tyrann beziehungsweise Volksbefreier gegen Zygofer, oder aber er wurde durch Zygofer unterworfen.
Aber das hier ist viel, viel älter. Das kann nicht Wetterstein sein.
Wir gehen weiter.
Wir laufen eine Weile. Mich überkommt ein unangenehmes Gefühl.
Ich bin nicht sicher.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass etwas im Wald neben uns läuft. Uns begleitet.
Manchmal aus den Augenwinkeln.
Aber wenn ich hinschaue, ist da nichts.
Eher eine Ahnung.
Manchmal ein Geräusch.
Aufflatternde Vögel.
Das Krächzen eines Eichelhähers.
Einmal sehe ich etwas helles.
Ich schätze hundert Schritt Entfernung.
Es bewegt sich wie ein Vierbeiner. Ein riesiger Vierbeiner.
Bleibt stehen.
Schaut uns an.
Verschwindet zwischen den Bäumen.
Bleibt verschwunden.
~
Ramir findet einen Lagerplatz am Waldrand.
Der Wald ist hier besonders dicht. Eine kleine Felskante bietet uns Deckung. Man kann aus der Mulde das Gelände bis zum Fluss überblicken. Gleichzeitig ist die Mulde tief genug, ein gut verborgenes Feuer zu entzünden.
Ich halte Wache.
Schaue im schräg einfallenden Licht der Sonne über die Landschaft. Weit entfernt das Mäandernde Band des Flusses.
Davor paar Rehe.
Alles einfach und gut.
Ein Geräusch am Waldrand.
Etwas wie ein Löwe. Nur größer. Helles Fell. Steht im Unterholz. Achtzig oder hundert Schritt entfernt.
Beobachtet uns mit katzenhafter Gelassenheit.
Ich sage, he Kollegen. Da ist was großes, weißes im Wald.
Ramir sagt, was. Schon wieder. Ich war gerade schön am Einschlafen.
Ramir richtet sich auf. Sieht das Tier.
Erstarrt.
Scheiße. Wir sollten doch besser weitergehen.
Jetzt könnten wir die Tellerfallen gebrauchen. Haben wir leider im Fluss versenkt.
Bullwai sagt, vergiss es. Sind eh viel zu klein. Hast du nicht den riesigen Tatzenabdruck gesehen.
Ich sage, wozu die ganze Panik. Ist doch kein bisschen bedrohlich.
Bullwai sagt, eine riesige Raubkatze verfolgt uns durch den Wald. Ich finde das schon bedrohlich.
Ich sage, ja, aber bis jetzt hat sie uns nicht angegriffen. Sie lauert auch nicht. Sie steht einfach nur da und guckt uns an. Eher neugierig.
Sie hätte Bullwai im Wald einfach fressen können. Als er den scheiß Stachel aus der Treppe geholt hat.
Außerdem. Wenn wir weitergehen, folgt sie uns sowieso. Wir können also genauso gut hier bleiben und schlafen.
~
Wir machen das Lager klar.
Beschließen, in zwei Etappen zu schlafen und zu wachen.
Ramir sagt, immer einer von den Behinderten, also Quro und Yfel mit einem von den Nichtbehinderten, also Bullwai und Ramir.
Rein rechnerisch macht das zwei Tageszeiten schlafen und wachen. Also insgesamt zwölf Stunden. Also etwa bis morgen Mittag.
Sollte klappen.
Zumindest, wenn das Tier einfach weiter so rumsteht, uns anguckt und sonst nichts passiert.

