Der Morgen danach
Wir werden durch Geschrei geweckt. Es dringt durch die Dachluke in unser Zimmer.
Durch das kleine Fenster sehen wir Soldaten zwischen Brauerei und Rostkirche. Sie laufen durcheinander. Ohne erkennbaren Plan. Kratullos Männer. Wir schätzen zwanzig bis dreißig Mann.
Dann ein Schrei. Ich hab was gefunden. Soldaten eilen hinzu. Ziehen ein längliches Bündel aus einem Winkel hinter der Rostkirche.
Ich drehe mich zu den Kollegen um. Wir wissen ja, was das ist.
Wir machen uns kurz frisch. Waschen die Reste von Blut ab. Sehen zu, dass wir gut aussehen.
Dann runter in den Schankraum.
Wir poltern möglichst laut die Treppe runter. Jeder soll sich später erinnern, wie die vier Fremden am Morgen arglos und bei bester Laune, und keine Ahnung, was über Nacht vorgefallen ist, zum Frühstück erschienen sind.
Moin, rufen wir frohgemut zum Wirt rüber.
Charn, der orkische Wächter sitzt am Tresen. Er isst. Brot. Und ein Ei.
Morgen. Er nickt. Ist einiges passiert hier.
Warum. Was ist denn passiert.
Den Eber hat´s komplett zerrissen. Was für ne Schweinerei, sag ich dir.
Wer ist das denn, Eber, sage ich.
Was für´n Eber, sagt Bullwai.
Der Braumeister.
Was, sagt Ramir, der neue Braumeister. Wie kann das denn sein. Der soll doch so gut sein.
Nee. Eber ist der Alte. Oder war der Alte. …. Na, egal. Auf jeden Fall war der Neue nur Kollateralschaden, heißt´s. Langsam reicht das hier aber wirklich mit den Frettchen. Kratullos muss das endlich mal klären. Wegen der scheiß Frettchen kriegen wir nur wieder Ärger mit dem Feilscher.
Charn sieht unseren fragenden Blick.
Feilscher, sagt er, das ist der Typ, der kauft manchmal Sklaven von uns.
Ah, sagt Ramir.
Die Tür schlägt quietschend auf.
Kratullos kommt rein.
Neben ihm ein großer Mann. Früher wohl mal gut trainiert. Mittlerweile bisschen Speck. Das Gesicht härter als von Kratullos. Lange Haare. Zopf. Auf dem Wams die Farben des Fürsten. Bleirot. Teerschwarz. Kalkweiß.
Der Mann setzt sich. Kratullos setzt sich.
Wir suchen uns einen Tisch ganz in der Nähe. Wir setzen uns auch.
Kratullos beugt sich vor. Raunt was.
Gut Undar, raunt er. Dann steht die Entscheidung. Niemand verlässt die Knochenmühle, bis das hier geklärt ist.
Marhinwiner eilt herzu. In jeder Hand ein Tablett. Brot. Speck. Ei. Er serviert überhöflich. Kratullos einen dampfenden Tonkrug dazu. Undar einen Krug Bier.
Ich wünsche einen guten Appetit. Marhinwiner deutet ein Nicken an. Entfernt sich diskret.
Wenn der Feilscher persönlich hierherkommt, sagt Undar, dann wird das hier alles nicht mehr lustig.
Kratullos kaut. Er sagt, ja. Wenn mal einem Rostbruder was passiert, dann ist die ganze Kacke richtig am Dampfen.
Wir sitzen am Tisch. Warten darauf, dass wir auch bestellen können. Lauschen betont unbeteiligt den leisen Worten am Nebentisch.
Quro versucht sich in Menschenkenntnis. Undar ist intelligent, murmelt er. Schlau. Einer, der richtig Probleme machen kann. Wenn der das will.
Die Wolfsmenschen ins Brauhaus, sagt Undar. Vielleicht finden die ja klarere Spuren. Dann gehen die drei Mädchen als Geschenk an den Feilscher. Abbitte für den toten Rostbruder. Mal sehen. Vielleicht legen wir noch bisschen was drauf. Hoffentlich lässt er dann mal fünfe gerade sein.
Kratullos nickt. Er beißt in sein Brot. Wenn hier zwanzig oder dreißig schlecht gelaunte Rostbrüder auftauchen. Das muss nicht.
Undar trinkt einen Schluck Bier. Er legt die flache Hand auf die Öffnung des Kruges.
Egal, wer das war. Wir kriegen ihn. Und dann…
Er dreht den Krug hin und her.
Dann das Parallax. Oder gleich Rost und Häma.
Er nimmt die Hand vom Krug. Winkt Charn mit zwei Fingern ran.
Der große Ork tritt hinzu. Stützt seine Fäuste auf die Tischplatte.
Ja, Meister Undar.
Bring die Männer in die Brauerei. Mir reicht das mit der Misela.
Kratullos kaut. Schluckt. Spült mit bisschen Flüssigkeit nach. Und stell Wachen auf, sagt er. Dann pult er mit der Zunge im Mund rum.
Charn verlässt die Erlenheimtaverne. Er lässt die Tür offen stehen.
Durch die offene Tür sehen wir nach draußen. Die Frettchenhalle. Charn geht drauf zu. Paar Frettchen kommen raus. Dann eine heiße Diskussion scheinbar. Viele fuchtelnde Arme. Charn geht aber nicht rein. Bleibt draußen.
Marhinwiner schlägt die Tür zu. Hebt die Brauen. Schüttelt den Kopf. Tritt an unseren Tisch.
Morgen, die Herren. Was darf´s denn sein.
Auch so Brot mit Ei. Ich zeige auf Charns Teller. Drüben auf dem Tresen. Und Kaffee.
Weiß nicht, ob das so ne gute Idee ist, sagt Marhinwiner. Aber OK.
Ramir sagt, wir haben hier gerade so bisschen was mitgekriegt. Wir sind fähige Abenteurer. Können wir vielleicht irgendwie helfen.
Da fragt ihr den Falschen. Müsst ihr schon die Herren da drüben fragen.
Er nickt Richtung Nebentisch.
In diesem Augenblick steht Undar auf. Der Stuhl quietscht über die Holzbohlen.
Er klopft mit dem Knöchel auf die Tischplatte. Dann haben wir also einen Plan.
Er wickelt seinen Zopf auf. Steckt ihn fest. Wackelt kurz dran. Hält alles gut zusammen.
Geht raus. Lässt die Tür offen stehen.
Wir schauen durch die offene Tür nach draußen. Die Frettchenhalle. Charn spricht jetzt mit Misela.
Misela nickt. Geht zur Frettchenhalle. Pfeift rein.
Moment kurz, sagt Marhinwiner. Legt den Kopf schief. Zieht die Schultern hoch. Rast zur Wirtshaustür. Knallt sie zu. Ein Gast winkt. Marhinwiner wendet sich ihm überraschend freundlich zu. Ja. Einen Moment noch, bitte. Komme sofort.
Ich stehe auf. Trete an Kratullos´ Tisch.
Tschuldigung. Yvel mein Name. Ich und meine Kollegen. Ich zeige auf den Tisch mit den anderen. Erfahrene Abenteurer. Menge Spezialwissen. Schon in ganz anderen aussichtslosen Lagen alles rausgeholt. Wir haben gerade eben von den Vorfällen letzte Nacht erfahren. Falls wir irgendwie helfen können.
Mein Manipulationswurf verpufft zu Nichts.
Danke für die Bereitschaft, sagt Kratullos. Aktuell stehen unsere Planungen. Sollten wir später Bedarf haben, werden wir gerne auf Ihr Angebot zurückkommen. Einstweilen bitte ich um Verständnis, dass Sie sich auf ein paar Tage Aufenthalt einstellen müssen. Bis unsere Untersuchungen abgeschlossen sind.
Er grüßt und verlässt die Erlenheimtaverne. Lässt die Tür offen stehen.
Draußen diskutiert Charn mit den Wolfsmenschen.
Marhinwiner auf dem Weg zu unserem Tisch. Bleibt stehen. Kehrt um. Schlägt die Tür zu. Druckwelle. Leichte Vibration der Bodendielen.
Dann kommt er an unseren Tisch.
Wir bestellen.
Dann diskutieren wir das Gehörte.
Wir sind uns einig. Wir müssen noch mal los. Spuren verwischen.
Taktik-Training
Die Knochenmühle ist in Bewegung.
Wie ein aufgewühlter Ameisenhaufen, sagt Quro.
In die Brauerei können wir nicht. Davor Absperrbänder. Wachmänner.
Wir verwerfen die Idee, mal eben als schaulustige Touristen vorbei zu gucken. Der Täter kehrt immer zum Tatort zurück.
Anderer Plan. Wir trainieren ein bisschen. Direkt unter dem Fenster, aus dem wir gestern Abend geklettert sind.
Wir zertrampeln unsere Spuren. Überdecken unsere Duftmarken. Hoffentlich nah genug an Brauerei und Kirche. Wenn unsere olfaktorische Präsenz in diesem Bereich intensiv genug ist, verwirren wir vielleicht die Nasen und das Urteilsvermögen der Wolfsmenschen. Soweit unser Plan.
Wir frühstücken schnell fertig. Verlassen dann die Erlenheimtaverne.
Hier und da werden wir misstrauisch gemustert. Allerdings ohne offene Feindseligkeit. Eben in dem Maß, in dem man das als Fremder unter solchen Umständen erwarten muss.
Zwergisches Kampftraining unter Bullwais Anleitung. Schwerpunkt raumgreifende taktische Manöver. Wir zertrampeln so viel Erde, wie wir können.
Charn ist mit den Wolfsmenschen in Richtung Kirche und Brauerei abgezogen.
Der Bereich ist komplett abgesperrt.
Direkt daneben trainieren wir.
Der Ferrale liegt noch auf dem taufeuchten Boden vor der Rostkirche. Hat scheinbar niemand eilig, den aufzubahren.
Weiter hinten Richtung Brauerei zwei aufgebahrte Körper.
Ein Wachmann kommt auf uns zu. Es ist Bullwais Freund vom Schweinehundepferch.
Wir schauen ihn maximal arglos an.
Gut, dass ihr trainiert. Das kann man nie genug machen. Aber trainiert besser im Parallax-Theater weiter. Nicht, dass das hier irgendwelche Probleme gibt.
Bullwai sagt, natürlich. Ja. Wir sind ja neu hier. Wir wussten ja nicht, wo wir hier am besten trainieren sollen.
Ramir sagt, ja. Wir sind ja auch nur auf der Durchreise. Jetzt werden wir hier ja leider aufgehalten. Mit irgendwas muss man sich ja beschäftigen. Nicht wahr.
Der Wachmann nickt. Sein Blick schweift über das Gelände.
Falls ihr übrigens Unterstützung braucht, sagt Ramir. Wir freuen uns über jede Abwechslung. Bringen ja auch ein bisschen Erfahrung mit. Know-How als Problemlöser sozusagen.
Lieber mal abwarten, sagt der Wachmann. Bis sich die Lage beruhigt hat. Kratullos lässt die Tage drei Mädchen und einen Sklaven den Fluss runter bringen. Zum Feilscher. Danach ist hoffentlich bisschen mehr Ruhe.
Ach tatsächlich, sagt Bullwai. Den Fluss runter. Und wann soll das genau sein.
Ramir sagt, aber dafür braucht ihr doch sicher eine Wachmannschaft? Wir sind übrigens auch ziemlich gute Kämpfer.
Kennt ihr den Feilscher denn überhaupt, sagt der Wachmann. Der ist einer von den wichtigen Leuten. Braucht manchmal Geschenke, damit er zufrieden ist. So, dieser Typ.
Nein. Noch nicht, sagt Ramir. Aber wir würden ihn total gern kennen lernen. Also falls ihr Hilfe braucht. Alles ist besser als hier rumsitzen.
Blödsinn. Der Wachmann spuckt aus. Den Feilscher wollt ihr nicht kennen lernen.
Na dann.
Er hebt die Hand zum Gruß.
Muss los. Man sieht sich.
Wolfsmenschen und Wagenfett
Wir packen unser Zeug zusammen. Trampeln dabei noch so viel Boden fest, wie möglich.
Ich sage, Quro. Was denkst du. Wie schätzt denn du die Spurensuche ein. So als Wolfsmensch.
Quro sagt, die Wolfsmenschen werden auf jeden Fall unterscheiden können, welche Rassen in der Brauerei anwesend waren. Wahrscheinlich finden sie aber noch mehr raus.
Aha. Und wie präzise sind ihre Informationen. Personenzahl zum Beispiel. Oder können sie einzelne Individuen unterscheiden. Sie riechen zum Beispiel Bullwai als Zwerg. Woher wissen sie dann, ob das jetzt Bullwai war oder ob das nicht auch Yawim gewesen sein könnte. Oder sie riechen einen Menschen. Könnte ja auch Eber sein. Sie riechen Wolfsmenschen. Könnte ja auch ihr eigener Geruch sein. Oder der von den Kollegen.
Nur Ramir ist halt ein Elb, sage ich. Ramir ist eben am Arsch.
Nee, sagt Quro. So funktioniert das nicht. Wir sind Jäger. Denken im Rudel. Leben von unseren Sinnen. Geht mehr so um instinktive Wahrnehmung, und so.
Ah, sage ich. Verstehe.
Ich verstehe gar nix.
Wir trainieren im Parallax-Theater weiter. Die Sonne kriecht über den Himmel.
Wir werden müde. Setzen uns in eine Bankreihe.
Misela Frettumar vor der Frettchenhalle. Schreit paar Leute an.
Ich hab doch schon vor paar Tagen fünf Mann verloren. Und jetzt das. Der Scheiß geht nicht mit rechten Dingen zu. Und es kotzt mich an, dass ausgerechnet der Undar und der Kratullos jetzt den ganzen Ruhm einsacken. Die beiden großartigen Problemlöser. Senden Geschenke an den Feilscher. Dabei haben wir die Sklaven gefangen.
Undar tritt breitbeinig aus der Gildenhalle.
Er winkt paar Wolfsmenschen zu sich ran. Sie sprechen mit ihm. Erläutern ihm ihre Arbeitsergebnisse.
Misela herrscht den Mann an, mit dem sie gerade gesprochen hat.
Schnauze, jetzt. Die Wolfsmenschen haben was gefunden. Seh ich doch an ihrer Schwanzhaltung.
Sie weist Richtung Undar.
Wir beobachten die Szenerie von unserer Bank im Parallax.
Derweil überschlagen wir unsere Prioritäten.
Erstens am Leben bleiben.
Zweitens Arren. Sehr wichtig. Olse ist unsere Basis.
Dann vielleicht die Mädchen. Aber da wird es schon schwierig, sich zu einigen.
Ob die Knochenmühle abfackeln wichtiger ist, oder das Rätsel um die Ruine, kriegen wir gar nicht mehr geklärt.
Auf jeden Fall brauchen wir Arren. Falls das einer der Sklaven für den Feilscher ist, müssen wir mit auf die Tour.
Wir könnten als Wachleute anheuern. Wir könnten das Tor durchbrechen. Wir könnten einen anderen Ausgang finden.
Irgendwer hat die bescheuerte Idee, wir könnten uns unter den Wagen hängen, wie die Seeleute das in dieser dämlichen Legende mit den Schafen gemacht haben.
Kratullos taucht bei den Sklavenställen auf. Hat paar Männer dabei.
Schließt ein schmiedeeisernes Tor in der Bergflanke auf. Die Männer gehen rein. Holen einen Wagen raus. Sklaventransporter, wie es aussieht. Vorne Kutschbock. Hinten Ladefläche. Darauf ein offener Kasten. Aus Eisenbändern.
Sie schieben den Wagen Richtung Tor.
Wir sollten in der Nähe bleiben, sagt Ramir. Die Augen offen halten. Wenn´s los geht, müssen wir bereit sein.
Die Männer stellen den Wagen neben das Tor. Keile unter die Räder. Bisschen rumbrüllen. Fertig.
Sie gehen wieder durch das innere Tor in den oberen Bereich. Ein einzelner Wachmann bleibt bei dem Wagen.
Ramir steht auf. Klopft sich bisschen Staub von der Hose. Trödelt betont desinteressiert zum Stadttor runter.
Ich sage, das sieht wirklich zu lächerlich aus.
Die Nummer glaubt ihm kein Schwein.
Der Wachmann winkt Ramir.
Hey, gut trainiert, sagt er.
Der Kerl, der uns gebeten hat, wir sollen lieber im Parallax-Theater weitertrainieren. Bullwais Schweinehundefreund.
Ja, sagt Ramir. Hat gut getan. Und was machst du so.
Ah. Bisschen den Wagen warten. Stand zu lange in der Grotte.
Spannend. Kann man irgendwie helfen.
Klar. Öl. Fett. Sandpapier. Roststellen absanden und fetten.
Ramir klettert auf den Wagen. Sandet das Gitter ab. Schmiert Fett dran.
Er schaut zu uns rüber. Von da oben kann er den ganzen Hof überblicken.
Da drüben die Grotten im Fels. Hinter den Gittern sieht er Gefangene. Der kräftige Mann mit den hellen Haaren könnte Arren sein.
Ramir sitzt oben auf dem Gitter. Fettet Metallbänder.
Oben drauf befindet sich eine Klappe. Mit Öse für ein Vorhängeschloss. Die Klappe klemmt.
Ramir stemmt den Fuß gegen das Gitter. Drückt, bis sie sich bewegt.
Die hier klemmt, sagt Ramir. Soll ich das Scharnier auch fetten.
Klar, sagt der Wachmann.
Ramir fettet das Scharnier.
Sag mal, wie heißt du eigentlich.
Ottl, sagt der Wachmann.
Und ich … Ich heiße Samir.
Alles klar, Samir, sagt der Wachmann. Kannst du vielleicht gleich noch das Schloss da dranmachen.
Er wirft Ramir ein Vorhängeschloss hoch.
Ramir betrachtet das Schloss. Könnte für unsere Mission noch wichtig werden.
Er zieht es durch die Öse. Er lässt es aber – nicht – einrasten.
Stattdessen schmiert er besonders ausgiebig Fett um das Schloss.
Danke, sagt Ottl. Weißt du, das Knie ist kaputt. Hat mich ein Schweinehund gebissen. Komm nicht mehr so gut da hoch wie früher.
Versteh ich total gut, sagt Ramir. Wofür hat man Freunde.
Undars Befehl
Wir anderen sitzen am Parallax-Theater. Beobachten Ramirs Treiben.
Undar schlendert in unsere Richtung. Neben ihm ein Mann in Uniform. Undar bleibt auf halber Strecke stehen.
Trommel die Männer zusammen, sagt er.
Der Mann gibt irgendwem zwischen den Häusern Zeichen. Wir hören Hörner.
Nach und nach kommen immer mehr Leute. Sammeln sich um Undar. Soldaten. Kämpfer, Frettchen.
Undar kommt direkt auf uns zu.
Bullwai wird nervös. Er knurrt.
Ihr Drecksäcke. Kommt ruhig. Ihr kriegt uns sowieso nicht lebend.
Packt den Axtgriff fester.
Dann dreht Undar uns den Rücken zu. Die Männer um ihn herum werden still.
Unsere Fährtenleser haben die Spuren verfolgt, sagt Undar. Seine kräftige Stimme steht knochenklar in der Luft. Heute Nacht, sagt Undar, heute Nacht bleibt jeder in seinem Bereich. Kein Bierausschank in der Erlenheimtaverne. Wir schicken Aufklärer von Haus zu Haus. Sie werden die Spuren aufnehmen.
Misela hat mitgeteilt, dass sie vollständig hinter uns steht und im Interesse der Knochenmühle handelt. Arren von Burg Olse und die drei Mädchen gehen an den Feilscher. Misela hat die Entscheidung mit unterschrieben und unterstützt sie. Damit werden wir uns von der Schuld freikaufen, einen Rostbruder ermordet zu haben.
Lasst uns als Gemeinschaft nicht an dieser Situation zerbrechen.
Ab Sonnenuntergang ist Ausgangssperre.
Er wendet sich zu uns um. Das gilt auch für Euch.
Er gibt dem Mann neben ihm ein Zeichen und verschwindet.
Rollende Fässer
Durch das obere Tor kommen derweil paar Leute von der Ruine runter. Sie schieben kleine Wägelchen den Hang runter. Darauf Bierfässer.
Sie hören, wie Undar das Wort Ausgangssperre sagt. Sie verdrehen die Augen. Stellen die Wagen ab. Diskutieren kurz.
Dann drehen sie die Wagen um. Schieben sie den Berg wieder hoch.
Ich sage, ich gehe mit denen da hoch zur Ruine. Da müssen wir uns umsehen.
Bullwai sagt, ich komme mit. Er packt die Axt ein und steht auf.
Wir sagen zu den Männern, ob wir vielleicht auch so einen Wagen da hoch schieben dürfen.
Einer zuckt die Schultern. OK. Warum nicht.
Bullwai reißt ihm den Karren aus der Hand. Er drischt das schwere Gerät hangaufwärts. Die schiere Kraftentfaltung der kurzen Beinchen.
Ich habe Mühe, Schritt zu halten. Versuche, das Fass alibimäßig ein bisschen zu berühren. Irgendwie den Anschein erwecken, mitzuschieben.
Wir rasen durch das Tor. In den oberen Bereich zur Ruine. Der Weg geht durch eine Art Rinne. Zu beiden Seiten Felswände.
Wir kommen höher. Die Felsen verändern sich.
Zur rechten Seite Schlieren von Wasser. Sammeln sich an manchen Stellen. Nehmen einen rötlichen Ton an. Manchmal wie Blut. Winden sich um Grate und Unebenheiten. Laufen aus Ritzen und Spalten. Formen Rinnsale.
Das ist der Fels auf der rechten Seite.
Der Fels zu unserer Linken ist völlig anders. Beschlagen von Eis und Raureif. Haben wir schon vor unserer Ankunft auf der Rückseite der Ruine gesehen.
Links klafft eine Öffnung. Ein vereister Gang führt in die Tiefe.
Ich konzentriere mich.
Ich spüre Magie. Weht aus den Eingeweiden des Berges herauf. Eine geistige Kraft. Ein Fluch. Gebunden im Fels. Unermessliche Traurigkeit. Der Verlust des Geliebten. Einsamkeit. Sehnsucht.
Schmerz so kalt, dass er den Fels in einen Panzer aus Eis kleidet.
Auf der rechten Seite dagegen etwas völlig anderes. Hat mit dem Blutnebel zu tun. Zwar nicht viel, aber bisschen mächtiger als die Traurigkeit auf der linken Seite.
Rechts und Links. Zwei völlig verschiedene Kräfte.
Bullwai ist stehen geblieben. Er betrachtet die Felswände. Mit offenem Mund. Die Männer mit den anderen Karren kommen hinter uns um die Kehre. Unser Karren versperrt den Weg.
Nachts ist noch viel schlimmer, sagt einer. Von hier kommt niemand mehr zurück.
Sein Kollege sagt, die Höhle da ist eine Sackgasse. Da stapeln wir das Bier rein. Gut gekühlt. Auf der Seite hier geht das ja auch. Aber da drüben die Seite. Wo der Stein blutet. Da ist viel schlimmer. Da gibt es Gänge im Felsen. Ganze Höhlenlabyrinthe. Tagsüber ist da schon mal wer reingegangen. Sollen ja auch paar wieder rausgekommen sein. Also am Tag schon.
Ja. Das war lange vor unserer Zeit, sagt der andere.
Der Erste sagt, ja, aber wo da mal nachts wer reingegangen ist, da ist nie wieder wer rausgekommen. Er reißt die Augen auf und nickt langsam und bedeutungsschwer. Nie. Wieder. Wer. Rausgekommen.
Deshalb lagert der Undar ja auch das Bier hier oben.
Bullwai tastet über den Fels. Betrachtet die blutigen Schlieren auf seinen Fingern.
Ich sage, darf ich mich da drin mal umgucken. Würd mich interessieren.
Würde ich ja nicht machen, sagt der Mann. Aber wenn´s sein muss. Aber beeil dich. Wir warten.
Bullwai und ich gehen in den Tunnel. Unberührt. Blutverschmierte Wände.
Wenn hier was Magisches passiert, wird´s knapp. Hab kaum noch Willenskraftpunkte.
Sag mal Bullwai, sage ich. Hast du eigentlich noch Willenskraftpunkte.
Bullwai wird bleich. Sieht mich verstört an.
Kein Ding, sage ich. Ich frag nur, falls man mal welche braucht.
Ich spüre die Kraft, die uns aus dem Höhlensystem entgegen weht. Allein das Tageslicht hält sie zurück.
Wir tasten uns durch den Stollen. Fühlt sich an, wie ein Grab.
Große Gänge. Kleine Gänge. Natürliche Gänge. Künstlich angelegte Gänge. Ein in Stollen gehauenes Labyrinth. Und immer wieder Rinnsale aus roter Flüssigkeit, die den Gang hinab rieseln.
Keine Algen. Kein Schlick. Kein Moos. Die ganze Höhle klinisch rein.
Bullwai sagt, das Rote, das ist aber kein Eisen.
Seine Stimme hallt gespenstisch.
Ich sage, Eisen. Hm. Wieso sagst du Eisen.
Bullwai sagt, in erzhaltigen Höhlen fällt oft Eisenoxid aus. Rost. Aber das hier ist was anderes. Es riecht anders. Die Farbe ist anders.
An einer Stelle tropft rote Flüssigkeit über einen kleinen Grat. Ich nehme eines der leeren Flakons für magische Tränke und halte es unter die Flüssigkeit. Es dauert eine Weile, bis ich mir eine kleine Portion abgefüllt habe.
Hast du das gehört? Bullwai kreischt in mein Ohr.
In meinem Ohr pfeift es.
Was gehört, sage ich.
Dann höre ich es auch.
Das Atemgeräusch.
Deutlich. Langsam. Bedrohlich.
Es atmet. Und es beobachtet uns.
Etwas in den Tiefen des Höhlensystems.
Ich bin sicher, dass ich ihm schon mal begegnet bin. Damals, als uns der Blutnebel fast erwischt hätte.
Es fühlt sich plötzlich sehr, sehr nah an.
Ich sage, wir sollten aber jetzt vielleicht langsam mal zurück.
Ohne WP weiß man nie.
Wir ziehen uns behutsam aus der Höhle zurück.
Als wir zur Öffnung kommen, hören wir die Stimme.
Alles klar, sagt die Stimme, sie sind wieder da.
Die Sonne steht verblüffend tief.
Die Männer warten neben den leeren Karren. Sie gucken erleichtert. Fast so, als ob wir ihnen nicht scheißegal wären.
Pardon, sage ich. Manchmal kann ich die Neugier einfach nicht zügeln.
Ich ärgere mich über die verkorkste Expedition.
Allerdings ist das Fläschchen in meiner Tasche für´s Erste ein ganz guter Fang.
Das bittere Ende
Quro lungert derweil bisschen allein am Amphitheater rum. Ramir fettet Sklaventransporter. Bullwai und ich füllen roten Nebel ab.
Die beiden Wolfsmenschen schlurfen vorbei. Richtung Frettchenhalle.
Schon wieder die beiden.
Und, sagt der Kleine. Schon überlegt, ob du beitrittst.
Quro sagt, immer noch nicht überlegt.
Der Kleine sagt, wohnste in der Erlenheimtaverne, oder was. Hasten Zimmer da.
Jo, sagt Quro.
Komms jetzt mit zur Misela oder komms jetzt nicht mit. Kriegst n Zimmer da. Is viel besser als die Zimmer im Erli.
Sag ich doch. Hab noch nicht entschieden.
Mann. Was biste so zögerlich.
Er geht zur Frettchenhalle. Am Eingang dreht er sich noch einmal bedeutungsschwer zu Quro um.
Hebt den Zeigefinger. Nickt langsam.
Dann verschwindet er in der dunklen Türöffnung.
Die Sonne steht tief. Die Ausgangssperre naht.
Undar tritt aus der Gildenhalle. Er sieht Quro. Kommt auf ihn zu.
Hör mal. Ich hab mir was überlegt. Wenn wir heute Abend die Häuser durchkämmen, bist du mit dabei. Und zwar nur du allein. Ohne diese drei komischen Typen da. Warte bei Sonnenuntergang in der Erlenheimtaverne auf uns.
Was springt für mich raus, sagt Quro.
Undar greift in die Tasche. Zieht zwei Silberstücke heraus. Gibt sie Quro.
Alles klar, sagt Quro. Bis dann in der Erlenheimtaverne.
Undar nickt.
Die Sonne nähert sich dem Horizont.
Besuch bei Yawim
Wir umgehen die Brauerei weiträumig. Der Schweinehund soll uns diesmal nicht bemerken. Wir nähern uns von der anderen Seite.
Ramir geht zuerst. Verschwindet durch die nebligen Schatten. Der Hund schlägt nicht Alarm.
Ich folge Ramir. Umrunde die Brauerei in weitem Bogen. Dahinter ein schmaler Weg zwischen der äußeren Palisade und der Brauerei. Ramir wartet vor einer kleinen Tür.
Über uns ragt der lange hölzerne Ausleger über die Palisade. Daran eine Rolle und ein Seil. Das Seil verschwindet in der Tiefe. Die Felswand hinunter zum Fluss.
Ich merke mir das als möglichen Fluchtweg.
Bullwai kommt um die Ecke.
Dann kommt Quro.
Wir sagen, Ramir öffnet die Tür. Er ist der Meuchelmörder.
Ramir sagt, das kann ich nicht. Er sei zu ungeschickt für sowas.
Bullwai sagt, ein Meuchelmörder sollte sowas aber können. Er findet das nicht in Ordnung, dass Ramir Meuchelmörder ist und sowas nicht kann.
Quro sagt, ich bin einigermaßen gut mit den Fingern. Er holt eine Metallspange aus der Tasche. Die hat er den Typen vom Fluss abgenommen. Er biegt einen Draht und fummelt am Türschloss rum.
Die Tür öffnet sich mit einem geschmeidigen Klick.
Wir schauen in die Stube.
Ein großer, scheunenartiger Raum. In der Mitte ein großer Tisch mit Sachen. Werkzeug. Kisten. Säckchen. In der hinteren Raumecke neben einem kleinen Fenster aufgestapelte Fässer. An der Wand Wasserbottiche. Ein paar Trägerbalken stehen mitten im Raum.
Oben Gebälk. Das obere Stockwerk bilden Plattformen aus Brettern oder Metallgittern, die über die Balkenkonstruktion gelegt sind. Darauf Seilrollen. Handwerkszeug. Kisten.
Unter dem Dach hängen Säcke an Balken. Mit Seilen hinaufgezogen und befestigt.
In der Ecke ein Kamin. Darin noch glimmende Asche.
Davor der Schweinehund.
Er liegt.
Er schnarcht. Winselt. Zuckt. Knurrt.
Er schläft.
Ramir flüstert. Wieso hört der Schweinehund überhaupt auf Yawim. Der ist doch erst zwei Tage hier. Ob vielleicht noch wer anderes hier ist.
Quro legt einen Pfeil auf. Er zielt durch die offene Tür ins Haus.
Bullwai packt die Axt. Er macht sich bereit, rein zu rennen.
Ich ziehe Sturmhauch.
Ramir tritt etwas zurück und mustert die Umgebung. Die Hausecke. Den Wachturm.
Quros Pfeil schlägt neben dem Ohr in die Schulter des Schweinehunds ein.
Der Schweinehund reißt rotglühende Augen auf. Schreit. Schaut sich um. Sieht uns. Greift an.
Bullwai spurtet ins Gebäude. Schlägt zu. Der Hund versucht der Axt auszuweichen. Ist nicht schnell genug. Das Blatt der Axt gräbt sich schmatzend in seine Schulter.
Ramir schiebt mich zur Seite. Rennt mit gezücktem Falchion in den Raum. Das Tier dreht sich weg. Ramirs Hieb folgt seiner Bewegung. Die Klinge fräst sich unter die Schädeldecke des Tieres.
Das zuckt kurz auf. Es fällt um.
Ramir setzt seinen Fuß auf die Schnauze des Tieres, um das Falchion wieder aus dem Gehirn zu hebeln. Zurück bleibt eine hufeisenförmige Wunde.
Ich schau mich draußen um. Auf dem Hof alles ruhig. Der Nebel verschluckt die meisten Geräusche.
Ich beobachte den Nebel. Er zieht weiter zur Burgruine hinauf. Wie bettelnde Arme greifen einzelne Finger nach dem zerstörten Bauwerk.
Mich beschleicht das Gefühl, das schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Der Blutnebel auf dem Weg von Hohlheim. Fast hätte er mich damals geschnappt. Mich schaudert.
Ich betrete den Raum.
Im Boden eine Luke. Ein kleiner Stauraum unter den Dielen. Kein Malzlager. Keine Bierfässer. All das steht in verschiedenen Ecken im großen Hauptraum. Nur ein paar Kisten mit Krimskrams.
Wir schmeißen den Schweinehund da runter.
Yawim
Wir finden einen Eimer. Der Bottich mit Wasser. Paar Lumpen. Auf einem Haufen unterm Tisch. Wir putzen die Schweinerei weg. Yawim soll nicht auf den ersten Blick Verdacht schöpfen.
Ich kundschafte den Raum aus. Aber da ist nichts Besonderes.
Wir suchen Verstecke. Ramir kauert sich hinter die aufgestapelten Fässer. Bullwai versteckt sich unter der großen Tischplatte. Quro gleitet mit einem eleganten Schwung ins Gebälk hinauf.
Ich stelle mich direkt neben die Tür.
Ramir beobachtet durch das kleine Fenster die Straße.
Er sagt, da kommen zwei Gestalten aus dem Nebel. Eine groß und bullig. Die andere ein Zwerg. Die gleichen, die vorhin gemeinsam in die Taverne gekommen sind.
Yawim und Eber. Der neue und der alte Braumeister.
Wir hören sie vor dem Haus lachen.
Haste gehört. Das Bier fast alle. Sagt ausgerechnet der Wirt zum Braumeister. Das ist ja mal wirklich ein guter Witz. Das ist Yawims Stimme.
He, sagt die andere Stimme. Musst du ausgerechnet hier hin pissen. Morgen wollen wir hier wieder arbeiten.
Jemand fummelt am Türschloss.
Ich schaue zu Quro hinauf. Der hat sich in die Schatten zwischen den im Dach hängenden Säcken zurückgezogen.
Fluchen draußen. Das Türschloss klappert immer noch. Quro hat das mit dem Stück Draht deutlich schneller aufgekriegt.
Bullwai sitzt sprungbereit unter der Tischplatte.
Von Ramir nichts zu sehen.
Das Schloss klickt. Die Tür schwingt auf.
Ich presse mich an die Wand.
Eber torkelt in den Raum.
Er sagt Schwoooog. Schwog, mein Lieber, wo steckst du. Komm zu Herrchen.
Jajaja. Yawim drängt sich an Eber vorbei und schwankt in den Raum.
Dann geht plötzlich alles wie in Zeitlupe.
Ich sage, jetzt wird der Schwertfechter seinen neusten Trick präsentieren. Ich schiebe mit der Schulter die Tür zu. Aus der Drehung ramme ich Eber Sturmhauch in den Rücken. Aus der gleichen Drehung werde ich die Klinge wieder rausziehen und Yawim niederstrecken.
Die Klinge bleibt beim Rausziehen in Ebers lederner Schürze hängen. Verdammte Scheiße, sage ich.
Yawim dreht sich um. Er sieht mich verwirrt an. Er wankt rückwärts. Stößt gegen einen der Stützbalken in der Mitte des Raumes. Drückt sich drum herum.
Ich reiße Sturmhauchs Klinge aus Ebers Rücken.
Eine flüchtige Bewegung aus den Augenwinkeln. Warme Spritzer regnen auf mich nieder.
Ebers Kopf gleitet zwischen Yawim und mir trudelnd durch die Luft, hinter dem Balken vorbei, und schlägt irgendwo jenseits der Tischplatte auf der anderen Seite des Raumes auf.
Eber sackt kopflos vor mir zusammen und gibt den Blick frei auf Ramir.
Ramir dreht sich wie eine Ballerina im Raum. Sein irrer Blick. Das Falchion seitlich ausgestreckt. Die Klinge zieht auf ihrer Kreisbahn durch den Raum einen Schweif fadenartig durch die Luft torkelnder Blutstropfen hinter sich her.
Ebers Leib prallt gegen meine Beine. Ich gerate aus dem Gleichgewicht. Mache einen Schritt rückwärts, um nicht zu fallen.
Yawim reißt die Augen auf. Ein Zucken fährt durch seinen Körper.
Dann rennt er Richtung Tür.
Er prallt gegen die Tischplatte. Strauchelt. Aber seine kurzen Beine rennen irgendwie einfach wieder unter seinen Körper und er läuft weiter. Die Gunst zu kurz geratener Beine liegt in ihrer überraschenden Beweglichkeit.
Ein Pfeil schlägt in Yawims Oberschenkel.
Yawim trudelt abermals, knallt gegen einen der tragenden Balken. Fängt sich. Rennt weiter.
Bullwai quillt unter dem Tisch hervor. Reißt einen Holzhammer von der Tischplatte. Rammt Yawim mit seinem Schild gegen den Stützbalken.
Yawim keucht und sackt am Balken hinab zu Boden.
Bullwai setzt sich auf ihn drauf.
Intensive Gespräche
Yawim spuckt blutig aus. Er mustert uns böse.
Das war keine kluge Idee, sagt Yawim, den Braumeister Eber umzubringen. Der gehört nämlich zu denen.
Quro und Bullwai sagen, er soll die Fresse halten. Wir bringen Yawim sowieso um. Yawim soll sich keine Hoffnung mehr machen.
Ramir hält Yawim sein Messer an die Kehle.
Ich sage, sie sollen mal ruhig sein.
Yawim darf nicht um Hilfe schreien. Wenn er die Schnauze halten soll, muss er die Hoffnung haben, dass er aus der Nummer irgendwie wieder rauskommen kann. Leider kann ich das jetzt nicht laut aussprechen.
Ich schlitze dich auf, sagt Ramir.
Ich sage, Yawim soll meine Kollegen entschuldigen. Wir sind alle ein bisschen aufgeregt, gerade. Wir sollten uns alle mal ein bisschen beruhigen.
Quro sagt, verstehe. Guter Wachmann, böser Wachmann.
Ich sage, Schnauze, Quro. Du verstehst gar nichts.
Im Grunde ist das nämlich für jeden von uns eine unkomfortable Situation. Jeder will hier irgendwie heil rauskommen. Wir müssen jetzt alle ein bisschen vernünftig sein und zusammenarbeiten.
Yawim dreht den Hals, um ihn von Ramirs Klinge weg zu bekommen. Aber Ramir drückt die Schneide weiter in seine Haut.
Ich sage, tut uns wirklich leid, dass wir hier eingebrochen sind. Und dass wir da paar Sachen kaputt gemacht haben. Und das mit deinem Kollegen war wirklich ein dummes Missgeschick. Wir bedauern das sehr. Wir hätten ihn lieber am Leben gelassen. Tut uns wirklich leid. Das mit dem toten Schweinehund unter der Klappe übrigens auch. Aber du hast es sElfst gesehen. Es ging nicht anders. Wir müssen jetzt vernünftig sein. Gemeinsam eine Lösung finden.
Was wollt ihr von mir, sagt Yawim.
Ich sage, kennst du uns noch, Yawim. Wir kennen uns nämlich aus Hohlheim.
Yawim kennt uns noch. Was wir verdammt noch mal von ihm wollen. Er tut alles, was wir wollen.
Ich sage, unser Problem ist Folgendes.
Es gibt da dieses Bier. Dieses….
Sonnenbier, sagt Bullwai.
Sonnenbier, sage ich. Die Zwerge haben irgendwie das Rezept verloren. Die haben da echt ein Problem. Die bräuchten das aber dringend wieder. Die sind richtig in Aufruhr. Das ist echt wichtig für die.
Deshalb wollten wir dich eigentlich nur mal fragen, ob du zufällig noch eine Abschrift davon hast. Und ob wir uns die vielleicht mal kurz anschauen dürften.
In meiner Tasche, keucht Yawim. Seine Arme zwischen seinen Körper und Bullwais Schenkel gepresst. Yawim weist mit seinen Augen nach rechts unten.
Bullwai steht auf. Er gibt Yawims Arme frei.
Yawim greift in die Tasche. Holt ein Horn heraus. Es ist reich mit Intarsien aus Gold und Perlmutt verziert. Wahrscheinlich ein edles Meisterwerk aus der Hand irgendeines legendären Großzwergs.
Er dreht den Deckel ab. Holt mit zitternden Fingern ein kleines, zerknittertes Pergament hervor.
Hier. Das ist es. Nehmt es. Behaltet es. Aber lasst mich leben.
Ich sage, Bullwai soll kontrollieren, ob es das richtige ist.
Bullwai betrachtet es von allen Seiten. Zwergenrunen. Wasserzeichen.
Das Richtige, sagt er.
Ramir sagt, das Horn ist bestimmt ein Goldstück wert. Er hat sowas schon mal gesehen. Ein Aufbewahrungshorn aus dem Horn eines Minotaurus.
Yawim sagt, was ist jetzt mit mir. Ob wir ihn jetzt gehen lassen können. Er verrät niemandem etwas. Großes Ehrenwort. Er schwört. Er verlässt umgehend die Knochenmühle. Wir werden ihn nie wieder sehen. Hoch und heilig.
Ich sage, dein Angebot weiß ich wirklich sehr zu schätzen, Yawim. Du bist echt ein anständiger Kerl.
Und ob Ramir jetzt vielleicht das Messer von seinem Hals nehmen kann, sagt Yawim.
Bullwai macht die Axt bereit. Yawim ist schließlich sein Job. Der Zeuge muss weg.
Bullwai hebt die Axt.
Bullwai lässt die Axt wieder sinken.
Er sieht unglücklich aus. Ich finde, Yawim hat eine faire Verhandlung verdient, sagt er. Er wendet sich ab.
Danke Bruder, sagt Yawim und versucht Bullwai zu berühren.
Ramir zieht die Klinge durch.
Aus Yawims Halsschlagadern pulst rhythmisch Blut.
Atemluft blubbert durch die blutende Wunde.
Yawim schaut sich verwirrt um.
Er versucht zu sprechen. Aber die Wunde blubbert nur noch mehr.
Er beginnt zu zittern.
Wird bleich.
Dann fällt sein Kopf zur Seite.
Nach der Party
Wir überlegen, was wir jetzt machen. Die Frettchen würden den Toten die Hände abschneiden.
Wir schneiden ihnen also die Hände ab.
Ich frage, ob ich vielleicht eine Hand behalten könnte. So als Artefakt. Könnte ich vielleicht brauchen.
Alle finden, nein.
Ramir schneidet dem alten Braumeister die Zunge raus. Er sagt, das macht man so mit Verrätern. Er sagt, er macht das nur bei dem alten Braumeister, aber nicht bei Yawim. Das ist dann eine falsche Fährte.
Wir werfen die Leichen kopfüber in ein Fass mit Bier.
Ramir nagelt ihre Hände außen an das Fass.
Stopp, sagt Bullwai. Das stimmt so nicht. Du hast die Hände falsch angenagelt. Das sieht man doch. Das Große ist Ebers Hand. Die Kleine ist Yawims Hand. Außerdem sind beides linke Hände. Das muss immer eine linke und eine rechte Hand sein. Die Hände müssen paarweise korrekt zugeordnet werden.
Sonst noch was, sagt Ramir.
Ja, sagt Bullwai. Ebers Zunge muss zwischen seine Hände.
Warum denn nicht daneben, sagt Ramir.
Die Zunge ist in Wirklichkeit ja auch in der Mitte vom Körper und nicht daneben, sagt Bullwai. Also muss die Zunge auch hier korrekt in die Mitte. Also zwischen die Hände.
Ramir steht auf. Er drückt Bullwai den Hammer und die Nägel in die Hand. Er geht.
Bullwai nagelt die Hände und die Zunge neu an das Fass.
Dann dreht er die Hände und die Zunge noch ein bisschen hin und her. Bis alles korrekt ausgerichtet ist.
Ich durchsuche die Leichen nach persönlichen Gegenständen. Für künftige Zauber. Persönliches, aber so unauffällig, dass es keine Beweisstücke sein können.
Yawims Geldbeutel ist sehr auffällig. Die sechs Silbermünzen darin sehen aber ganz normal aus. Ich nehme sie.
Wir waschen uns mit dem Wasser aus den Kübeln das Blut ab. Wir entfernen unsere Fußabdrücke.
Wir gehen zurück Richtung Erlenheimtaverne.
Von außen hören wir, dass im Schankraum noch Betrieb ist. Wir müssen also wieder durchs Fenster einsteigen, damit unsere Abwesenheit nicht auffällt.
Quro federt entspannt auf einen kleinen Sims. Stößt sich ab. Verschwindet in der Fensteröffnung.
Ramir rutscht zweimal ab. Ich helfe ihm mit der Gaunerleiter. Er hängt an der Wand wie ein Sack alter Wäsche. Er rutscht nochmal ab. Ich drücke ihn nach oben. Er schiebt sich zitternd und völlig fertig über die Fensterbank ins Innere.
Bullwai braucht sowieso Hilfe.
Dann steige ich hinterher.
Auf unserem Zimmer machen wir uns noch einmal gründlich sauber. Quro legt die Fußeisen, die er den Typen am Fluss abgenommen hatte, vor der Zimmertür aus.
Wir gönnen uns ein paar Stunden wohlverdienten Schlaf.


