Hohlheim ist eine Reise (nicht) wert
Am nächsten Morgen brechen wir auf. Quro ist schon als Späher voraus geeilt. Wir sind also erstmal zu dritt. Unsere Rucksäcke sind mit gutem Trockenfleisch, Dauerwurst, Käse und Hartbrot gefüllt. Das neue Messer hängt an meinem Gürtel. Ramir ist mit Falchion und kleinem Schild gerüstet. Er führt sehr selbstgefällig einen Esel als Packtier. Sein Esel, wie er immer wieder betont. Keine Ahnung warum ihm das so wichtig ist. Hauptsache das ist nicht auch so eine elfische Sache wie die mit dem Astloch. Der Todesmagier sitzt auf einem riesigen Pferd. Er ist mit einem Langschwert bewaffnet. Hoffentlich kommt der damit zurecht. Ist eine verdammt unpraktische Waffe, wenn man nur noch einen Fuß hat. Ein Speer wäre sinnvoller.
Die Krähen, tanzen im Sturmwind, als wir die Siedlung verlassen. Wir müssen einfach nur dem namenlosen Fluss folgen, der sich durch Hügel und Grasland schlängelt dann kommen wir automatisch nach Hohlheim. Die anderen kennen zwar den Weg schon, aber wir sind trotzdem vorsichtig. Schließlich taucht auch Quro wieder auf. Den Langbogen über der Schulter, schwer hechelnd und abgekämpft, als hätte er eine heftige Jagd hinter sich, trabt er uns entgegen. Die Beute hat er aber nicht dabei. Na ja, manchmal gewinnt man, manchmal lernt man, wie meine alte Großmutter immer sagte. Diesmal hat er wohl viel gelernt.
Das Wetter spielt mit. Kein Wasser das aus dem Oben fällt. Statt dessen nur Wolken. Das ist gut. So hat man irgendwie das Gefühl unter einer grauen Decke zu wandern. Die blaue Weite eines wolkenlosen Himmels, wie die Menschen das Oben nennen, mag ich hingegen garnicht. Das ist unnatürlich. Mag sein, dass Oberweltler es erbaulich finden, aber für jemanden, der die meiste Zeit seines Lebens in den Hallen und Minen der Steingärten gelebt hat, ist solche Weite irgendwie bedrückend. Und ich bin eigentlich schon abgehärtet, denn ich war vermutlich schon öfter an der Oberfläche als viele andere meines Volkes. Aber immer nur kurz, für ein oder zwei Tage. Niemals für so eine lange Zeit.
Hoffentlich bekomme ich nicht die Höhenkrankheit. Olrug, ein Vetter mütterlicherseits war mal zwei Wochen am Stück der wolkenlosen Weite der Oberwelt ausgesetzt. Als sie ihn zurückbrachten, war er nicht mehr wiederzukennen und kreischte die ganze Zeit nur wirres Zeug: „Nicht das Ooooben! Nicht das Oooooben! Nicht das Blaaaauuuuuu! Ooooh! Oooooh…“ Seitdem lebt er nackt in einem Loch in einer der untersten Ebenen, leckt Wasser von den Wänden und ernährt sich von komischen Pilzen, die sonst keiner anrühren würde. Wir, meine Brüder und ich, haben uns mal eine Spaß mit ihm erlaubt und die Höhlendecke über seinem Loch blau angemalt, als er auf Pilzsuche war. Wir hielten das für witzig. Sein Gekreische war bis in die oberen Ebenen der Steingärten zu hören und wir mussten zur Strafe drei Zyklen lang in unseren Freiwachen an den Blasebälgen der Schmieden schuften.
Meine Laune beginnt zu sinken. Wegen Vetter Olrug und vielleicht auch, weil das verdammte Pferd von Uvil den Staub der Piste aufwirbelt den ich ständig einatmen muss. Pferde finde ich ja ganz o.k., als Sauerbraten. Aber wenn man da oben auf ihnen reitet, übersieht man häufig, was da unten am Boden so los ist. Und dann kann man auch sehr schnell sehr tief fallen.

Wir marschieren schnell und schweigend, schließlich wollen wir das Dorf noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Dann hören wir plötzlich Gesang. Eine tiefe, volltönende Männerstimme. Irgendwo aus den Hügeln, garnicht weit von uns. Singt irgendein Lied über Purpur und die Erde oder so. Wir sehen natürlich nach, aber der Gesang verstummt. Da ist nichts, nur leere Wiesen vor einem dunklen Hain. Etwas rotes bewegt sich im Gras von uns weg. Ein großer Fuchs. Er läuft weg, bleibt dann aber stehen und beobachtet uns. Er wirkt unschlüssig. Ich mag Füchse nicht. Die sind ähnlich verschlagen wie Katzen. Aber Ramir wirft dem Tier ein Stück Dauerwurst hin, und fragt was er denn sei und wie er heißen würde. Der Fuchs schnappt sich die Wurst und bei Hühnes Bart, ich bin sicher das er „Grelf“ gesagt hat. Dann ist er weg. Als wir schließlich eine Rast machen und selber etwas essen, ist er wieder da. Ramir wirft ihm wieder Wurst hin. Und ab da sehen wir ihn immer wieder neben oder hinter uns. Wir haben wohl einen neuen Begleiter.
Als sich ein Adler mit einem lauten Schrei aus dem Himmel stürzt und auf Quros Schulter landet reagieren die andern nicht, so als sei es das normalste der Welt. Das ist Quros Adler und er hatte ihn als Späher voraus geschickt um Hohlheim auszukundschaften. Ich bin echt beeindruckt! Keine
Ahnung wie er mit dem Tier kommuniziert. Quro zieht ein paar Fleischstreifen aus seiner Tasche und der Vogel verschlingt sie gierig. Quro wirkt besorgt, er winselt leise und erklärt dann, das irgendwas mit Hohlheim nicht stimmen würde. Er hat Rauch im Gefieder seines Freundes gerochen.
Etwas später sehen wir dann auch tatsächlich schmale Rauchsäulen jenseits der Hügel und dann können wir Hohlheim das erste mal von einer Anhöhe aus sehen. Das sind keine Kochfeuer, da hat es gebrannt. Ein Überfall? Vielleicht die Goblins, von denen die anderen erzählt hatten?
Ich zücke Axt und Schild. Auch die anderen zeihen ihre Waffen. Wir rücken auf den Ort zu und klettern, statt die Tore zu benutzen, einfach über die Begrenzungsmauer, die den Namen Mauer eigentlich nicht verdient hat. Ich habe schon niedrige Zäune gesehen, die wehrhafter waren. Und wenn ein Zwerg einfach über eine Mauer klettern kann, ohne Schild und Axt aus der Hand legen zu müssen, dann ist es wirklich eine verdammt niedrige Mauer… Bei Hühne, ich habe sogar schon gepflasterte Wege überquert, die ein größeres Hindernis darstellten als dieses Mäuerchen. Ein Wunder, das dieses Dorf den Blutnebel überstanden hat.
Auf dem dem zentralen Platz haben sich einige Menschen versammelt. Es stinkt nicht nur nach Rauch, sondern auch nach Angst. Und nach Blut. Einige in Tücher geschlagene längliche Bündel liegen nebeneinander im Staub. Rote Flecken auf dem Leinen. Das sieht nicht gut aus. Ein Mann in Jagdkleidung erblickt uns und seine Augen weiten sich erst vor Schreck, dann vor Überraschung. Er eilt auf uns zu. Sein Arm ist verbunden und hängt in einer Schlinge vor der Brust. Die Hand fehlt… Mein Blick wandert zu einer nahen Hauswand, an der mehrere blutige Hände wie fleischige Spinnen hängen. Festgenagelt! „Euch müssen Rost und Häma geschickt haben! Ihr seid zurück gekommen! Oh bitte helft uns! Sie haben uns überfallen! Yawim hat uns verraten und gemeinsame Sache mit den Frettchen der Knochenmühle gemacht.“ Wir versuchen Vike, so heißt der Einhändige, zu beruhigen, aber es sprudelt nur so aus ihm heraus. Anscheinend hatte Yawim seine Gaststätte als Ablenkungsmanöver angezündet und in dem entstehenden Chaos kamen die Sklavenfänger aus der Dunkelheit und griffen an. Es waren viele, bestimmt fünfzehn oder sogar zwanzig Menschen, Orks und Goblins und sie erschlugen viele, unter anderem den hiesigen Rostbruder, raubten alles was nicht niet- und nagelfest war und führten ein paar Kinder in Ketten ab um sie als Sklavin zu verkaufen. Denen, die sich gewehrt hatten schlugen sie zur Warnung die Schwerthand ab und nagelten sie an die Hauswand. Eineinhalb Tage ist das nun her. Und es war ja klar: sie haben Arras und seine Männer überwältigt und auch mitgenommen. Zur Knochenmühle! Yawim, dieser schleimige Auswurf, ist auch bei ihnen.
Na großartig! Jetzt müssen wir es mit einer ganzen verdammten Armee aufnehmen, wenn wir Arras retten und Yawim richten wollen. Meine Laune ist gerade echt am Boden. Die Dämonen scheißen eben immer auf die gleiche Stelle. Und genau im Zentrum dieser Darmausschüttungen stehe ich.
Dann fällt dem Jäger unser füchsischer Begleiter auf. Das rote Viech ist uns in den Ort gefolgt. „Jetzt wagen sich die Füchse sogar schon in die Stadt!“ Mir liegt ein Kommentar über winzige Mauern, die noch nicht mal eine Schnecke am Überkriechen hindern könnten, auf der Zunge, aber ich bin lieber still. Ramir meint der Fuchs gehört zu uns und die beiden unterhalten sich über singende Füchse. Scheinbar hat er auch schon den Gesang gehört. Der Fuchs verdrückt sich erstmal.
Uvil hat sich bisher zurück gehalten. Hat Pferd und Esel festgebunden und wieselt nun interessiert zwischen den Leichen umher. Hoffentlich stellt er mit denen nichts todesmagiemäßiges an. Was auch immer das sein könnte…
Quro und Ramir wollen die Schurken-Horde auf alle Fälle verfolgen und die Sklaven befreien. Das ist bekloppt: Kaum eine Chance auf Erfolg, den sicheren Tod in Aussicht! Ich bin dabei! Aber zuerst müssen wir mal mit der Dorfvorsteherin Pollmoor oder Pollmeier oder so ähnlich reden. Die hat sich in Ihr Haus zurückgezogen und wirkt auf uns ziemlich kopflos. Wir erklären, das wir helfen wollen und die Frettchen verfolgen werden. Sie bietet uns 20 Silbertaler aber wir müssen Yawim zurück ins Dorf bringen, damit ihm hier der Prozess gemacht werden kann. Da spiele ich nicht mit! Ich dränge mich nach vorne verbeuge mich und stelle mich vor: „Verrehrteste, Bullwai von der Eisenmeute ist meine Name. Zu Euren Diensten!“ Verdammt, warum ist mir das denn jetzt rausgerutscht? „Der Caniden-Clan hat ältere Rechte an dem Verräter und Mörder Yawim. Er tötete bei uns mehrere Zwerge und stahl eine wertvolle Kostbarkeit. Ich bin hier als Rechtswahrer meines Clans um ihn zu stellen und zu richten.“ Sie versteht und akzeptiert unseren Anspruch, vorausgesetzt ich nehme eine Anklageschrift über seine Verbrechen in Hohlheim mit und die wird Teil der Gerichtsverhandlung…
Als wenn der kleine Trollfurz noch eine Gerichtsverhandlung bekommen würde! Aber ich sage ihr, dass Ihre Anklageschrift ruhig aufsetzen und mir geben kann. Ich regele das schon.
Aber alles schön und gut, meine ich, doch wir werden es mit einem Haufen von Gegnern aufnehmen müssen. Wenn wir Erfolg haben sollen und die Gefangenen befreien wollen, brauchen wir Waffen, weitere Ausrüstung und einen verdammt guten Plan. Ramir fragt die Pollmoor nach dem Breitschwert des Rostbruders. Der braucht es ja nicht mehr. Die Menschenfrau verzieht angewidert das Gesicht. Waffen und Ausrüstung sollen wir bekommen, sagt sie, aber das Schwert wird mit dem Krieger zusammen begraben. Ramir wirkt nicht überzeugt. Mal sehen ob er morgen trotzdem ein neues Schwert hat.
Jetzt wirkt die Pollmoor auf einmal auch wieder voller Tatendrang. Sie stürmt an ihren Schreibtisch und beginnt ihre Anklage niederzuschreiben. Ruckzuck sind zwei Seiten vollgeschrieben und die scheint noch lange nicht fertig zu sein. Wir verlassen sie und ich schlage vor den Jäger aufzusuchen um evtl. Eine Schusswaffe oder ein paar Fangeisen auszuborgen, die uns bei unserer Mission helfen könnten. Der willigt sofort ein. Mit dem Bogen kann ein Einarmiger ja eh nichts mehr anfangen. Mit einem guten Kurzbogen und ein paar Pfeilen sowie zwei großen, gemeinen Fangeisen für Wölfe und Bären verlassen wir das Jagdhaus wieder und suchen uns eine Unterkunft. Quro nimmt die Fallen an sich und Ramir den Bogen. Sehr gut, dann muss ich die nicht schleppen. Wir überlegen, wie wir die Sklavenfänger am besten einholen sollen. Sie sind bestimmt langsam mit ihren Gefangenen. Und die Knochenmühle muss am Fluss sein. Mit einem Boot hätten wir es bestimmt einfacher und könnten sie vielleicht sogar überholen und in eine Falle locken. Und Ramir kennt sich ein bisschen mit Booten aus.
Da trifft es sich doch gut, dass bei dem Angriff ausgerechnet der örtliche Fischer den Kopf verloren hat. Seine Leiche samt abgetrennte Kopf liegt noch in seinem Kahn, in dem er sich versteckt hatte. Sein Blut schwappt noch träge durch den Kahn. Das Boot können wir haben, nachdem der Leichnam entfernt und das Blut weggewaschen ist.
Ich bleibe noch ein wenig in der Nähe des Piers um in den Ruinen von Yawims abgebrannten Gasthof rumzustochern. Wieder bleiben nur Rauch und Asche, wie damals bei der Bibliothek. Yawim ist wieder mal verschwunden. Was, wenn ich versage und er mir entkommt? Das würde mir ewig anhängen. Meine Leute zählen auf mich. Aber viel schlimmer: Ich könnte nie wieder einen Tropfen Bier trinken ohne an mein Versagen denken zu müssen. Das wäre ja eine Katastrophe. Warum musste ich auch unbedingt Wächter werden? Ich könnte jetzt eine schöne ruhige Kugel als Nacktmullzüchter auf der Farm meiner Sippe schieben. Die fettesten, schönsten Nacktmulle der Steingärten… mich überkommt spontan ein Anflug von Heimweh. Das liegt vermutlich an dem Rauchgeruch der abgebrannten Ruine. Der erinnert mich voller Wehmut an Mutters gerösteten Hammerwerk-Plattmull mit Pilzsoße. Nur Mutter konnte die Knochen des Mullbratens mit dem Hammer so schön weichkloppen, dass man sie problemlos mitessen konnte. Ob ich das wohl auch mit einem dieser langohrigen Hoppler hinbekomme, die hier oben herumhüpfen? Muss ich mal ausprobieren. Erinnerung an mich selbst: einen Hoppler und großen Hammer besorgen. Und dazu, wie bei Muttern, ein schöner Krug Sonnenbier! Vorausgesetzt dass es jemals wieder Sonnenbier geben sollte. Verdammter Yawim! Wenn ich den erwische erwartet ihn die kürzeste Gerichtsverhandlung der Zwergengeschichte. Anklage: Arschloch! Urteil: Schuldig! Tschack und tot!
Dann fallen mir doch tatsächlich noch Schleifspuren auf. Jemand hat was Schweres vom abgebrannten Haus in Richtung Pier gezogen. Und es jetzt stellt sich auch noch heraus, dass zwei Boote fehlen. Warum hat uns das denn vorher niemand gesagt! Ich bin sicher das war Yawim. Die schleimige Ratte hat Boote! Das ist verdammt schlecht. Vielleicht erreicht er die Knochenmühle doch noch bevor wir ihn abfangen können. Deprimiert gehe ich zu Bett.
In der Nacht tönt dunkler Gesang von den Hügeln hinter dem Dorf herab. Irgendjemand singt von Purpur und der Erde… Ich schlafe so laut, dass ich nichts mitbekomme. Die anderen schon, aber keiner hat Lust nachzusehen. Ist eh nur der blöde Fuchs.
Am Morgen bin ich früh auf den Beinen und warte am Pier auf die anderen. Der Himmel ist bewölkt und die Wolken hängen schön tief wie ein grauer Eselsbauch. Hoffentlich regnet es nicht. Apropos Esel: Unseren Packesel und das Pferd müssen wir hier in der Obhut der Dörfler zurück lassen. Uvil findet das nicht gut. Verstehe ich, denn er ist ja nicht mehr gut zu Fuß. Aber mit dem Boot sind wir als Gruppe einfach schneller. Und wir müssen schnell sein, wenn wir unsere Feinde doch noch überholen wollen.
Ich überlege, ob ich Uvil vorschlagen soll, ihm einen stählernen Fuß zu schmieden, sobald sich die Gelegenheit ergibt. Wie der von Garmusch Eisenfuß, einem unserer großen Zwergenhelden. Mit seinem Metallfuß zertrümmerte er Schienenbeine und sogar Schilde. Er starb sehr spektakulär, als er einem Troll in den Arsch trat… und stecken blieb. Doch bevor ich mit Uvil reden kann nimmt mich die Aufgabe, mich in dem Boot festzuklammern vollkommen in Beschlag. Verdammt wackelig das Ding. Worauf habe ich mich da bloß eingelassen!
Ramir macht den Steuermann. Und er macht das wirklich gut. Die Strömung des Flusses treibt unser Boot voran. Die Ruder müssen wir nicht benutzen. Ich sitze vorne, kralle mich fest und halte Ausschau. Aber vor lauter Angst zu kentern und Selbstmitleid kriege ich nicht viel mit. Ich denke über Wetter nach. Ich mag es nicht. Also nicht das augenblickliche Wetter sondern Wetter im allgemeinen. Ich bin dagegen! Keiner braucht das. Es ist so unberechenbar. In den Hallen der Steingärten haben wir sowas nicht… Immer schön gleichmäßige Temperaturen, kein Wasser, das von der Decke fällt, kein Sturmwind. Aber ich muss mich an dieses Wetterkonzept der Oberwelt wohl oder übel gewöhnen, wenn ich hier klarkommen will. Trotzdem muss der Gott, der sich das ausgedacht hat unter einem schweren Schlag auf den Schädel gelitten haben. Vermutlich ein elfischer Gott…
Wir kommen gut voran. Am Ufer folgt uns ein roter Schemen. Der Fuchs. Er ist immer noch da. Ist es eine Art Treue die ihn antreibt oder hat er einen ganz anderen Grund, in unserer Nähe zu bleiben? Als wir an einer Flussbiegung langsamer werden brüllt Ramir plötzlich „Blutnebel!“ Rötliche Schlieren kriechen aus dem Schilfgürtel hervor und tasten sich langsam wabernd in unsere Richtung. Das hätte ich sehen müssen. Verdammt! Ich war durch die Gedanken an den verdammten Fuchs abgelenkt. Quro und ich schnappen uns die Ruder und wir staksen uns damit durchs flache Wasser voran. Wir sind beide verdammt stark und bringen das Boot richtig in Fahrt, bis der Nebel schließlich aufgibt und sich wieder langsam ins Schilf zurück zieht. Das ist unheimlich! Wie ein Tier, dass sich wieder auf die Lauer legt um ein einfacheres Opfer zu finden. Mich fröstelt. Die Welt hier oben ist gefährlich. Ich darf das nicht vergessen, sonst stirbt noch jemand. Im schlimmsten Fall ich selber. Es ist gut nicht alleine unterwegs zu sein, egal ob es nun Elfen, Wolfsmenschen oder Menschen sind. Mein Blick schweift über die anderen und bleibt an Uvil hängen. Du wirst einen neuen stählernen Fuß von mir bekommen, denke ich. Und sei es nur, um unsere Überlebenschancen zu verbessern. Der Mensch sitzt still auf seinem Platz in der Mitte des Bootes und studiert seine Pergamente. Was da wohl drinnen steht. Zauber? Die anderen lassen ihn machen. Also ignoriere ich ihn erstmal. Aber irgendwie muss ich herausbekommen, was ihn antreibt. Diese Todesmagie geht mir einfach nicht aus dem Sinn. Ob er Tote und Geister rufen kann?

Von erschossenen Händen und fliegenden Körperteilen
Am Abend suchen wir uns einen Platz zum Anlanden und ziehen das Boot aufs Ufer. Ein kleines Feuer reicht uns aus, wir essen unseren mitgebrachten Proviant. Der Platz ist von Schilf und Weiden umgeben und gut geschützt. Quro hält Wache, während wir anderen uns schlafen legen, die Waffen griffbereit. Ich überprüfe zuerst noch meine Ausrüstung, wische die Kampfaxt und das neue Messer mit einem alten Öltuch ab und kratze mich müde am Kopf. Ich muss unbedingt daran denken, mir bei nächster Gelegenheit einen Kampfhelm zu schmieden. Einen mit breiter Krempe. Dann blendet einen die Sonne nicht und ich muss nicht ständig diesen weiten beunruhigenden Himmel über mir sehen. Der nervt. Obe das schon die Anfänge der Höhenkrankheit sind? Ich strecke mich im Schutz des Bootes aus. So habe ich zumindest ein bisschen das Gefühl eine Decke über dem Kopf zu haben. Ach jetzt ein schöner Krug Bier ist mein letzter Gedanke bevor ich einschlafe…
Jemand rüttelt mich und ich brauche erstmal einen Augenblick um klar zu werden. Instinktiv greife ich zum Messer, begreife aber rechtzeitig, dass es Ramir ist, der mich da weckt. Quro hat gerade eben Geräusche von einem in der Dunkelheit vorbeiziehenden Trupp Bewaffneter gehört und verfolgt sie nun um herauszufinden, wer die sind. Wir hören die rauhen, lärmenden Stimmen noch in einiger Entfernung. Die fühlen sich aber sehr sicher. Gut das unser Feuer so weit herunter gebrannt war, dass sie uns nicht bemerkt haben. Ich spüre irgendwie, dass es Ärger geben wird. Uvil, Ramir und ich machen uns kampfbereit und warten ungeduldig auf Quros Rückkehr. Als er plötzlich lautlos aus dem Dunkel auftaucht, sehen wir ihm sofort an, dass es ernst ist. Fünf Gegner sagt er. Stinken extrem nach Blut, Gewalt, fremder Angst und Alkohol. Und sie wollen anscheinend wie wir im hohen Schilf eine Rast einlegen. Er konnte belauschen, dass sie sich vom Haupttrupp der Sklavenjäger getrennt haben um eine nahe Köhlerfamilie zu überfallen. Skalvenketten und Streitkolben baumeln von ihren Gürteln, für Quro reicht das aus um ein Todesurteil zu fällen. Eine bessere Chance werden wir nicht bekommen um einen Teil unsere Feinde schnell zu töten. Wir müssen angreifen.
Ramir zieht sein Falchion und verschwindet im Schilf um die Banditen aus dem Hinterhalt auszuschalten. Hoffentlich geht da nichts schief. Erst jetzt fällt mir mit Schrecken auf, das ich keine Ahnung habe, wozu meine Gefährten kämpferisch fähig sind. Quro schätze ich mit seinem Langbogen noch für den Gefährlichsten von ihnen. Wenn wir das überleben sollten, müssen wir unbedingt üben und unsere Zusammenarbeit koordinieren. Ich fasse meinen Schild und die Axt fester und folge den anderen. Mein Plan ist, mich vor Quro zu positionieren, um jeglichen Angriff auf ihn abzufangen. Er kann dann ungefährdet seine Bogen einsetzen. Uvil soll mit seinem Langschwert bei Quro bleiben und eingreifen, falls jemand an mir vorbei kommt. An mir wird aber niemand vorbei kommen!
Der verlotterte, zerlumpte Haufen Sklavenjäger hat sich auf einer Art Lichtung im hohen Schilf um ein hastig errichtetes Feuer versammelt und lässt einen Weinschlauch kreisen. Was für Idioten alle fünf starren ins Feuer. Keine Wache. Die Streitkolben sind rostig und alt. Deren Anführer prahlt lauthals damit, was er mit der armen Köhlerin angestellt hat… dann geht alles rasend schnell: Quro nagelt dem Scheißkerl mit seinem ersten Pfeil die Hand an die Brust. Von hinten durch den Rücken! Sowas habe ich noch nie gesehen. Wenn ich nicht beide Hände voller Axt und Schild hätte, würde ich bei dieser Vorstellung applaudieren. Der Mann stirbt mit einem dämlichen, überraschten Ausdruck auf seinem dreckigen, unrasierten Gesicht und ist tot, bevor er Kopf voran ins Feuer fällt.
Der Kerl neben dem Anführer zieht aber dafür seine Waffe und stürmt direkt in Quros Richtung. Der ist gut. Der weiß wo wir sind.
Ein dritter Mann erlebt einen kurzen Schreckensmoment weil Ramir plötzlich wie aus dem nichts vor ihm steht, das Falchion in der Hand. Er reißt noch die Hand zu Abwehr hoch und verliert mehrere Finger als Ramirs Klinge niedersaust. Blut spritzend bricht er zusammen und der Schreckensmoment endet für ihn.
Ich mache eine Schritt vor und fange Quros heranstürmenden Gegner ab: Schild voran, Gegner prallt gegen Schild, Gegner stoppt, die Axt hakt hinter seine Kniekehle. Stoß mit Schild, Ruck mit der Axt, Mann fällt auf Rücken. Ein Schritt nach vorn, Axt saust herab und trennt den Kopf sauber am Hals ab (Kritischer Treffer 66). So geht das! Schnell und effizient, kein peinliches, elfisches Klingengefuchtel. Entschuldige Ramir, du bist damit nicht gemeint. Ich kicke den Kopf in Richtung Lagerfeuer. Er beschreibt einen schönen Bogen und landet vor den letzten beiden Sklavenjägern und starrt den Rest der Nacht mit seinen Toten kalten Augen in den Himmel.
Quro hat seelenruhig einen neuen Pfeil gezogen, spannt den Bogen und schickt sein zweites Geschoss auf die Reise. Wieder ein Handnagler. Diesmal aber von vorne durch die Hand in die Brust. Ein Kunstwerk! Wie macht er das nur? Auch dieser Mann ist sofort tot. Ich frage mich, ob das Quros Form von schräger Gerechtigkeit ist um die abgeschlagenen Hände der Hohlheimer zu rächen?
Vier erledigt! Bleibt noch der letzte Sklavenjäger. Der nimmt die Beine in die Hand und versucht zu türmen. Ramir holt ihn ein und schafft es irgendwie ihm mit einem Hieb die Nase abzutrennen. Die fliegt dem Kerl regelrecht aus dem Gesicht, aber bis er das registrieren kann ist er schon tot. Ramir erledigt ihn ohne mit der Wimper zu zucken.
Ich muss ehrlich sagen, dass mich dieser kurze Kampf beeindruckt hat. 5 Gegner tot. Von uns ist niemand verletzt und Uvil musste noch nicht mal kämpfen oder das machen, was Todesmagier sonst in so einer Situation tun. Er steht neben Quro, das Gewicht auf sein gesundes Bein verlagert, das ungenutzte Langschwert in der Hand und wirkt, so wie ich, echt verblüfft. Jetzt kann ich mir durchaus vorstellen, das wir auch die anderen Sklavenhändler besiegen können. Zumindest wenn wir sie überraschen und in kleinere Gruppen teilen können. Wir mögen zwar eine bunt zusammengewürfelte Truppe sein, aber irgendwie funktioniert es.
Wir durchsuchen die Toten, finden aber nichts von großem Wert. Ein paar Kupfermünzen. Die Waffen sind alt und rostig, die Rüstungen zerlumpt. Nur die Ketten für die Sklaven sind in gutem Zustand. Ich nehme ein Paar an mich. Für Yavin. Vielleicht muss ich ihn ja doch als Gefangenen mitschleppen. Die restlichen Ketten nehmen wir auch mit ins Boot. Man weiß nie, wofür man das Eisen nochmal gebrauchen kann. Zur Not schmelzen ich es ein.
Ramir will die Leichen als Warnung den Fluss runter treiben lassen. Wir anderen sind dagegen und schleifen sie statt dessen ins Schilf um sie zu verstecken. Ein paar glühende Augen blinzeln uns aus dem Schilf an. Als wir zurück zum Boot gehen sehen wir einen roten Schemen zu den Leichen huschen. Dann knurren und das Knacken und Bersten von Knochen, das Reißen von Fleisch und Sehnen. Der Fuchs scheint echt Hunger zu haben. Wenn das überhaupt ein Fuchs ist. Morgen Früh will ich nochmal nachsehen, was von den Toten übrig ist. Langsam mache ich mir Sorgen, dass wir da vielleicht ein ganz übles Wesen nähren könnten. Vielleicht will er uns aber auch einfach nur helfen… wer‘s glaubt.

